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Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band

Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band - Kapitel 19
Quellenangabe
authorFritz Mauthner
titleDer Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band
publisherDeutsche Verlags-Ansta
year1922
firstpub1920
correctorreuters@abc.de
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Sechster Abschnitt
Kaiser Friedrich II.

Bei einer so gottlosen Weltanschauung ist es fast unerheblich, daß die Averroisten einzelne Glaubensartikel der Kirche vom Standpunkte ihrer Naturphilosophie besonders bestritten: die Schöpfung der Welt aus dem Nichts, die Schöpfung Adams aus Erde, die Auferstehung von den Toten. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß gerade bei so robusten Glaubensartikeln die Formel von der doppelten Wahrheit häufig wiederkehrt, die da grundsätzlich doch schon kaum mehr galt. Man wollte nicht zuviel Anstoß geben, man wollte das ungebildete Volk in seinem Glauben nicht stören. Nur die vornehme Welt und der reiche Mittelstand, an den diese Modephilosophen vielleicht zumeist dachten, sollten in die Geheimnisse der neuen Philosophie eingeweiht werden, die jetzt in Wahrheit eine Weltweisheit wurde. Mag auch manche Verteidigung der ungehemmten Geschlechtslust den Averroisten von ihren Feinden unterschoben worden sein, offenbar wollten diese Unchristen weder von Askese, noch von Keuschheit, noch von den Schranken der Einehe etwas wissen. Man staunt, so rasch nach den Predigten der Weltflucht die Ratschläge eines echten Epikureismus zu vernehmen; die späteren Atheistenriecher, die (bis Bayle dem ein Ende machte) an jedem Ungläubigen Unsittlichkeit entdecken zu müssen glaubten, scheinen bei diesen mittelalterlichen Freigeistern Recht zu behalten. Andere Unchristlichkeiten, die doch mehr als Ketzereien waren, scheinen verbreitet gewesen zu sein: Zweifel an der Unsterblichkeit, Verachtung des Gebets, Vernachlässigung des kirchlichen Begräbnisses; aber alle diese Freigeister sagten sich nicht von der Kirche los; man ging sogar zur Beichte, doch nur in Anpassung an die bestehende Sitte.

Sicherlich haben die politischen Verhältnisse den Trotz der Freigeister entschieden gekräftigt, in Frankreich früher und nachhaltiger als in dem rückständigen Deutschland, wo der Kampf mit Rom noch nicht von einem Einheitsstaate geführt wurde. Der französische König fühlte sich mächtig genug, die übernatürlich begründeten Ansprüche der Kurie abzulehnen und die Rechte des Staates auf natürliche Grundlagen zu stellen. Noch wurde von Staats wegen das Dogma unberührt gelassen; aber die Averroisten in Paris durften unbehindert sagen, daß sie die Dogmen, die sich von der Vernunft nicht erweisen ließen, nicht verstünden; dieses ironische Nichtverstehen mag aber von den Zuhörern ganz richtig als Ablehnung aufgefaßt worden sein. Wenn so ein Freigeist mit scheinbarem Ernste versicherte, er könnte die geheimnisvollen Dogmen oder die dogmatischen Geheimnisse als Christ für wahr halten, als Philosoph aber für unwahr, so wußten die gebildeten Leute in Paris, was sie davon zu halten hätten: das Evangelium war den Modernen zu einer Fabel geworden.

 

Ewiges Evangelium

Nun wurde um die Mitte des 13. Jahrhunderts den vergänglichen Evangelien ein ewiges Evangelium entgegengestellt, in Anknüpfung an ein Zufallswort (14, 6) der Offenbarung Johannis. Diese prophetischen Bücher wirkten damals schon seit mehr als fünfzig Jahren, wurden aber erst 1254 von einem Franziskaner neu herausgegeben. Reuter sieht die Sache so, als ob auch die Jünger des ewigen Evangeliums Aufklärer gewesen wären; er verwirrt da aber doch wohl die Begriffe der reformatorischen Ketzerei und der antichristlichen Aufklärung, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß auch die Verkündigung des ewigen Evangeliums zur Erschütterung der Rechtgläubigkeit beigetragen haben muß. Der heilige Franziskus hatte diese Wirkung unmittelbar noch nicht gehabt, weil er zwar durch Abschaffung des persönlichen Eigentums (die Wohltäter seines Ordens durften aber nicht arm sein) die soziale Grundlage der Christenheit auf den Kopf stellte, die Hierarchie gründlich reformieren wollte, aber die kirchlichen Dogmen mit unerhörter Inbrunst wie neu erlebte; sein Zeitgenosse Joachim von Fiore, der erste Verkünder des ewigen Evangeliums, mag zuerst auch nur ein in Frömmigkeit glühender Phantast gewesen sein, seine Anhänger aber hörten aus seinen Wahrsagungen nicht ohne Grund kirchenfeindliche Lehren heraus: die Autorität von Rom wurde nicht anerkannt, das Christentum, das sich vorläufig aus dem Neuen Testamente entwickelt hatte, wurde als die Vorstufe des künftigen ewigen Evangeliums angesehen. Es war von äußerster Wichtigkeit, daß die Kirchenreform der strengeren unter den Franziskanern sich mit diesem εὐανγελιον αἰωνιον verband. Sie sind ja die Demokraten, die im 14. Jahrhundert die Partei des Rienzo ergreifen werden, die aber schon hundert Jahre vorher sich für die allein berufenen Prediger einer neuen Botschaft halten ( nullus simpliciter idoneus est ad instruendum homines de spiritualibus et aeternis nisi illi, qui nudis pedibus incedunt).

Ich stimme der Hypothese Reuters zu, nach der Joachim von Fiore, über welchen freilich fast nichts bekannt ist, die Bücher gegen Ende des 12. Jahrhunderts geschrieben hat, die dann gegen Mitte des 13. als die Prophezeiung des neuen ewigen Evangeliums betrachtet oder gar geradezu als das neue ewige Evangelium verehrt wurden; eigentlich kommt es aber auf die Echtheit dieser Schriften gar nicht an. Genug daran, daß um 1250 ein Religionsbuch verbreitet wurde, das das bestehende Christentum für eine bloße Schale der Wahrheit erklärte, für eine vorübergehende Erscheinung, für einen mißglückten Versuch. Mit mehr Tapferkeit als Klugheit wurde ein bestimmtes und sehr nahes Jahr für den Zusammenbruch der christlichen Kirche angegeben, das Jahr 1260; nachher wird nur noch Joachim von Fiore gelten, man wird nicht mehr über Ketzereien klagen, an der Seligkeit der Schismatiker und der Juden nicht zweifeln und endlich im dritten Reiche ( in tertio statu mundi) die Sakramente des Neuen Testaments abschaffen.

Man sieht, die Lehren des ewigen Evangeliums (oder seiner Ausgabe von 1254) waren gefährlich genug für die herrschende Kirche, aber sie waren nicht aufklärerisch. Nicht nur, daß die Prophezeiungen sich zuletzt auf das abzuschaffende Evangelium beriefen, die Zukunft erst sollte das wahre Christentum bringen. Das ist meinetwegen Ketzerei oder gar Rebellion, religiöse Gleichgültigkeit oder Aufklärung ist es nicht.

In Paris freilich wurde von den Gegnern der Franziskaner die Gelegenheit benützt, das ewige Evangelium als unchristlich und als atheistisch zu verschreien; die Kirchenbehörde ging sehr streng gegen das Buch vor, sehr gelinde gegen den Orden, der es unter seinen Schutz genommen hatte. Einige Abschriften des Buches wurden vertilgt, aber in Frankreich wie in Italien wurde es jetzt erst recht gelesen. Die Anhänger mögen den Untergang alles Bestehenden, so ungefähr einen Weltuntergang, mit der grauenhaften Erregung erwartet haben, die im Mittelalter mehr als einmal nach eschatologischen Wahrsagungen beobachtet worden war. Es kam in dem Schicksalsjahre zum ersten Male zu den wahnsinnigen Selbstzerfleischungen der Flagellanten, die von Dominikanern aufgepeitscht worden waren, durch die tolle Geißelung Gottes Zorn zu beschwichtigen; die Joachimiten erblickten in diesem Schrecknis das erste Zeichen des Weltendes. Man weiß aber, daß das Jahr 1260 vorüberging, ohne einen Zusammenbruch der Welt oder auch nur des Christentums. So wenig aber – um Kleines mit Großem zu vergleichen – die Nichterfüllung der messianischen Hoffnungen die Ausbreitung des Christentums gehindert hatte, so wenig störte der Fortbestand der Welt den engen Kreis der Joachimiten in ihrem Glauben an das ewige Evangelium. In einer Geschichte der Demokratie müßte von ihnen noch erzählt werden, aus der Geschichte der Aufklärung verschwinden sie.

 

Amalrich von Bena

Noch eine andere Ketzerei, die im 13. Jahrhundert so ungefähr für pantheistisch und unmoralisch galt, hatte ihren Anfang in der Zeit des heiligen Franziskus oder noch etwas früher. Der Mann, nach welchem sich diese Leute Amalricaner nannten, war der Pariser Philosophieprofessor Amalrich von Bena (Amaury de Bennes), der schon im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts starb. Ohne die kirchliche Sprache, vielleicht auch ohne geradezu den Glauben aufzugeben, lehrte er, jeder Mensch sei ein Glied Gottes oder Christi, und diese Überzeugung verbürge die Seligkeit. Auch er wurde gezwungen zu widerrufen, kurz vor seinem Tode; es scheint, daß seine Anhänger, durch die Verfolgung geschreckt, einen Geheimbund stifteten, der in den folgenden Jahrzehnten auch ungelehrte Zweifler und sogar Weiber aufnahm, die jetzt ohne scholastische oder theologische Formulierung nur durch unkatholische oder unkirchliche Ansichten verbunden blieben. In zweideutigen Worten, deren Herkunft aus dem ewigen Evangelium nicht ganz sicher steht, wurde die Lehre von den drei im Werte aufsteigenden Weltaltern vorgetragen, dem Weltalter des Vaters, des Sohnes und des Geistes; der Geist wurde nicht immer der heilige Geist genannt; man dachte wohl schon damals eher an etwas ganz Undogmatisches; man wollte weder von den Dogmen noch von den Gnadenmitteln der Kirche etwas wissen. Die Natur könne sich selber heiligen; der Leib Christi sei im Brote des Altars nicht anders als in jedem anderen Brote oder in irgendeinem anderen Ding; Gott habe aus Ovidius ebenso gesprochen wie aus Augustinus.

Dieser Geheimbund von aufgeklärten Schwärmern (man denke zum Vergleiche an die aufgeklärten Pietisten in Deutschland, wie Dippel einer war) muß sich sehr früh gebildet haben, da er schon bald nach dem Tode Amalrichs ausspioniert wurde; die geistlichen Mitglieder wurden eingekerkert, einige Laien verbrannt, die Gebeine Amalrichs wurden ausgegraben und auf dem Felde verstreut, aber der Bund der Amalricaner blieb weiter unbehelligt, vielleicht weil die Kurie den französischen König und den Kronprinzen nicht reizen durfte. Die Ausrottung der Albigenser, die den Bestand der kirchlichen Macht bedrohten, mochte der Kurie wichtiger scheinen als die Verfolgung von Schwärmern.

 

Ortlibarier

Noch dunkler ist die verwandte Ketzerei der Ortlibarier. Man wäre versucht, diese Sektierer für völlig unchristliche Anhänger einer Vernunftreligion zu halten, da sie in Jesus ein sündiges, natürlich erzeugtes Menschenkind sahen, das nur die uralte Naturreligion erneuert habe; die Arche Noah sei schon voll von Ortlibariern gewesen. Nicht wörtlich, aber dem Sinne nach lehrten sie bereits, das Christentum wäre so alt wie die Welt; und die Welt hätte überdies keinen Anfang gehabt, wäre also nicht geschaffen worden. Sie verwarfen die Einrichtungen der Kirche nicht, deuteten aber Taufe und Abendmahl bildlich oder moralisch, jedesfalls nicht kirchlich.

 

Brüder vom freien Geiste

Hatten nun sowohl die Amalricaner als die Ortlibarier ihre Herkunft von theologischen Spekulationen nicht ganz vergessen, konnte man ihnen trotz ihrer Ketzereien eine reformatorische Absicht oder gar die Sehnsucht nach einem erneuten positiven Christentum zutrauen, so traten seit der Mitte des 13. Jahrhunderts wie plötzlich zügellose Banden auf, die ohne jedes Verhältnis zu Theologie oder Kirche so lebten und dachten, wie fromme Prediger heute noch die Aufklärer und Atheisten darstellen. Sie nannten sich selbst die Brüder und Schwestern vom Geiste oder vom freien Geiste. Sie verzichteten auf Heimat und Beruf und lebten nicht so sehr vom Bettel als eigentlich von Erpressungen, die sie für ihr gutes Recht hielten; denn sie waren Kommunisten und sahen darum im Diebstahl nichts Ungehöriges. Außer vielen Handwerkern muß es auch Kleriker oder Vaganten unter ihnen gegeben haben, die schreiben konnten; denn ihre Lehre wurde auch in Flugschriften verbreitet, die offenbar – wir besitzen nur tendenziöse Berichte der Gegner – in der Volkssprache abgefaßt waren, um die verwegensten Anschauungen der vorausgegangenen Ketzer zum Gemeingute zu machen. Auf die Bibel haben sie sich kaum mehr berufen; die Bibel enthalte viele bloß poetische Erfindungen; wenn die heiligen Bücher vernichtet wären, könnte man bessere und glaubwürdigere machen. Aus den Brüdern und Schwestern spreche der Geist, d. h. die Vernunft. Hie und da klingt ein roher Pantheismus an. Ein überweltlicher Gott existiere nicht. Der Mensch sei Gott. Der gottgleiche Mensch bedürfe keines Mittlers. Die Brüder und Schwestern vom Geiste sind vollkommen und brauchen sich an kirchliche Vorschriften nicht zu kehren. Das Losungswort ist: Freiheit. Die christliche Kirche sei eine Albernheit. Wo der Geist Gottes sei, da sei die Freiheit.

Wenn man die zerstreuten Äußerungen der Brüder und Schwestern vom freien Geiste, die aus den Prozeßberichten zusammengestellt worden sind, in einem Atem liest, glaubt man die aufreizende Rede eines Religionsvernichters von 1793 zu vernehmen. Fasten, Beten ist nur schädlich. Das Abendmahl ist von geizigen Pfaffen erfunden worden, Päpste und Bischöfe sind Betrüger. Bei der Wandlung habe ein Freier stehen zu bleiben. Das Blut eines guten Menschen sei ebenso verehrungswürdig wie das Blut Christi. (Ich unterdrücke die gemeinste Beschimpfung.) Jede Tat sei notwendig; sittlich sei, was die Brüder und Schwestern sittlich nennen. Die Freiheit kenne keine Regel, also auch keine Sünde. Der Freie könne nicht sündigen, auch wenn er nach der Meinung der Christen eine Totsünde begehe. Vor dem Geiste gebe es weder Diebstahl noch Hurerei. Jüngstes Gericht, Hölle, Fegefeuer, Auferstehung, lauter Unsinn. Die Lehre von Lohn und Strafe im Jenseits, überdies wie jede Berufung auf Belohnung, unmoralisch. Selig sei, wer sich selbst selig mache, mag er Jude oder Christ oder Mohammedaner sein. Hier auf Erden sei das Reich Gottes und die ewige Seligkeit. Darin bestehe die wahre Religion.

Der Schauplatz, auf welchem diese ersten Libertiner bandenweise ihr Wesen trieben, war der deutsche Rhein. Von Basel bis Köln; unter Karl IV. traten sie auch in Böhmen auf und in Oberitalien. Nicht aufgeklärt ist es, warum die Brüder Begharden hießen, die Schwestern Beguinen; sehr beachtenswert, daß Gottfried Arnold, der doch sehr oft den Nagel auf den Kopf traf, diese Begharden und Beguinen, die mit den gleichnamigen bigotten Frommen einer späteren Zeit nicht zu verwechseln sind, aus dem Kreise der papstfeindlichen Franziskaner hervorgehen läßt, der sogenannten Fraticellen, die sich wirklich ebenfalls auf den Geist beriefen und sündlos zu sein behaupteten.

 

Der Staufer Friedrich

Wir sind in der Darstellung bereits öfter über den Zeitpunkt hinausgelangt, an welchem die Aufklärung des 13. Jahrhunderts sich in der glänzenden Erscheinung des romantischsten unter allen deutschen Kaisern verdichtete, in Friedrich II., dem großen Staufer. Die Legende des bewußten Atheismus wob sich um seine Person wie Wunderlegenden um frömmere Fürsten. Es wird schwer auszumachen sein, inwieweit die Papstfeindlichkeit der radikaleren Franziskaner (durch die Ketzereien der Joachimiten, der Amalricaner und auch schon durch die Begharden) seine Kirchenfeindschaft beeinflußt hatte oder sein Beispiel erst den Übermut der Brüder vom freien Geiste steigerte. Nur eine Vermutung möchte ich wagen, die meines Wissens noch nicht aufgestellt worden ist: daß die heute noch dichterisch fortwirkende Legende von der Bergentrückung des Kaisers mit der Prophezeiung Joachims zusammenhängt. Bekanntlich wurde ursprünglich von Friedrich II. erzählt, er harre im Zauberschlafe auf das neue Reich, erst später wurde diese Sage auf seinen Großvater Friedrich Barbarossa übertragen; mir scheint es sehr nahe zu liegen, der Glaube sei daraus entstanden, daß das Weltende von den Joachimiten an den Tod des Kaisers Friedrich II., des Antichrists, geknüpft war, und daß die überzeugten Joachimiten lieber ein Fortleben des Kaisers als die Unwahrheit der Prophezeiung anzunehmen geneigt waren. Es gehört nicht zu dieser Frage, welcher Welt Ende diese Phantasten im Auge hatten.

Wie dem auch sei, Kaiser Friedrich war nicht ein Romantiker im ästhetischen Sinne der Novalis und Heine, sondern ein echter, realistischer Romantiker des Mittelalters. Noch weniger als sein Namensgenosse, als der König Friedrich II. von Preußen, machte er seine gottlose Überzeugung jedesmal zum Grundsatze seiner Regierungshandlungen; Kaiser Friedrich ließ sich sogar zu dem letzten der eigentlichen Kreuzzüge herab und zu strengen Gesetzen gegen die Ketzer, sobald seine Politik Nachgeben gegen den Papst zu verlangen schien. In seinem Herzen blieb er von Jugend auf gleichgültig gegen das Christentum, feindlich gegen die Kirche; aber seine Tätigkeit drehte sich, fast unabhängig von solchen Gedanken, einzig und allein um die Behauptung seiner Macht im weltlichen Reiche, um die Vermehrung seiner Hausmacht durch die Herrschaft über Italien. Als Politiker war Friedrich seit seinen Jünglingsjahren ein gelehriger, nicht immer den Lehrern überlegener Schüler der römischen Kurie. Wie man ihn dort bald wie einen treuen Sohn der Kirche, bald wie den schlimmsten Ketzer behandelte, je nachdem die weltliche Macht der Päpste von ihm Nutzen oder Schaden erwartete, so machte auch er sich keine Skrupel daraus, vom Papste bald als von dem Heiligen Vater, bald als von dem Antichrist zu reden. Machiavellismus auf beiden Seiten, bei den Gibellinen wie bei den Guelfen.

Man muß die eigene Gedankenarbeit Friedrichs nicht überschätzen; ein Kaiser, der Verse macht, Bücher schreibt und mit Philosophen verkehrt, gilt leicht für einen Dichter, einen Gelehrten und einen Denker. Sicher aber ist, daß er in seiner ganzen Geistesrichtung entschieden zu den Modernen seiner Zeit gehörte, zu den – um die allgemeinste Bezeichnung zu wählen – Averroisten; und wenn schon seit mehr als hundert Jahren das Lesen arabischer Bücher und der oft friedliche Verkehr mit den Mohammedanern die Starrheit des mittelalterlichen Christentums gebrochen hatte, so war jetzt der Einfluß der Sarazenen auf Kaiser Friedrich doch ein noch stärkerer geworden. Der Fürst, der in Sizilien mit mohammedanischen Untertanen auskam, der seinen Kreuzzug, als er ihn endlich doch unternommen hatte, durch einen toleranten Frieden beendete, der im Sultan einen viel ritterlicheren Gegner erkannte als im Papste, gewann denn doch zum Islam eine reichere Beziehung, als den Pariser Professoren beschieden war. Auch die Kenntnis und die Hochachtung in bezug auf das Denken der Mohammedaner war bei ihm gründlicher, weil er durch seine Sarazenen aus den Quellen schöpfen konnte. Wenn er Verse machte, wenn er über die Falkenjagd schrieb und über Pferde schreiben ließ, so folgte er der Mode oder fürstlichen Neigungen. Aber seine Beschäftigung mit dem arabischen, naturalistischen Aristoteles bestimmte dauernd seine Weltanschauung, die sich zufällig ungefähr mit seiner Lebensaufgabe deckte; um nichts Geringeres als die Weltmonarchie kämpften das Kaisertum und das Papsttum, und da traf es sich sehr gut, daß der Kaiser von der Unhaltbarkeit der kirchlichen Ansprüche auch aus inneren und historischen Gründen überzeugt war. Friedrich II. wußte schon, wie die Aufklärer seit mehr als hundert Jahren, daß die christliche Religion Roms mit der Religion Christi keine Ähnlichkeit mehr hatte, daß die Statthalterschaft Christi eine menschliche Einrichtung war. Da war es kein Wunder, wenn der Kaiser in der Hitze des Streites die Pfaffen Betrüger und falsche Propheten nannte, von den Heiligengeschichten wie von den Erdichtungen der griechischen Mythologie sprach und von der päpstlichen Autorität behauptete, sie wäre auf die menschliche Dummheit begründet. Solche Gottlosigkeiten – Unkirchlichkeit galt für Gottlosigkeit – hinderten ihn nicht, seine eigene königliche Gewalt wie ein politisches Mysterium gelegentlich (nicht immer) auf den Willen des allmächtigen Gottes zurückzuführen. Friedrich fühlte sich ungefähr als den Herrn der Christenheit von Gottes Gnaden, ließ sich auch wohl von seinen Kreaturen den Statthalter Gottes nennen und sein Leben schmeichlerisch mit dem Jesu Christi vergleichen. Es fehlte nicht viel und er hätte an seine eigene Unfehlbarkeit geglaubt; die Vergötterung der Kaiser brauchte ja bloß aus den Pandekten herübergenommen zu werden. Seine rechtgläubigen Gegner hatten nicht ganz unrecht, wenn sie spotteten, der leibhaftige Vorläufer des Antichrists, der Gottesleugner Friedrich, hätte sich selbst zu einem Gotte gemacht. Was die Sprache Friedrichs betrifft, stehen wir eben noch im vollen Mittelalter; betrachten wir nur die Sache, so können wir die Regierungsweise des Kaisers einen aufgeklärten Despotismus nennen, wie die Friedrichs des Großen.

 

Einfluß der Sarazenen

Ohne Zweifel hat Friedrichs vielfacher Umgang mit den Arabern auch auf seine Lebensanschauungen eingewirkt; er war in seiner Lebensführung kaum ein Deutscher mehr, eher ein Italiener in sarazenischem Kostüm. Wir haben es wahrlich nicht nötig, über diese Dinge Entsetzen zu heucheln. Araber umgaben seine Person, Araber waren seine Wachen und Hofbeamten, in arabischer Weise besaß er einen üppigen Harem, auch für Tanz und Gesang. Wenn es auch übertrieben sein sollte, daß er als König von Sizilien nur selten eine christliche Kirche besuchte, so ist doch eins gewiß: an seinem Hofe gab es keinen Rangunterschied der Konfessionen. Araber aus Asien und Spanien, Juden, römische und griechische Christen wurden gleicherweise ausgezeichnet, wenn sie sich durch künstlerische oder wissenschaftliche Leistungen hervortaten. Vielleicht auch nur durch astrologische Kenntnisse; ein wenig abergläubisch war Friedrich denn doch. In solcher Freiheit führte er in der Fülle seiner Kraft ein recht unchristliches Dasein, so oft ihm der stürmische Weltlauf Zeit dafür ließ. Wein (zu einer auserlesenen Tafel), Weib und Gesang erfreuten ihn; in diesen irdischen Dingen war er ein Künstler. Auf wissenschaftlichem Gebiete mag er ein geistreicher Dilettant gewesen sein; er sammelte Bücherschätze, hatte zu eigener Forschung kaum Muße genug; um so bedeutsamer war es, daß er nicht müde wurde, seine Hofgelehrten und auch auswärtige arabische Philosophen zu den üblichen Disputationen über die tiefsten philosophischen Fragen anzuregen, die ja häufig nur theologische Fragen waren: Ewigkeit der Welt, Unsterblichkeit der Seele.

Von der halb sarazenischen Lebensweise des Kaisers berichten alle Quellen. Dennoch wären wir über seine unchristliche Gesinnung kaum unterrichtet, wenn nicht (offen seit 1239) der politische Kampf zwischen Kaisertum und Papsttum ausgebrochen wäre, eigentlich nur um den Besitz Italiens. Wie das zu geschehen pflegt, suchten die Gegner einander in ihren Staatsschriften mit allen Mitteln bei den Zeitgenossen verächtlich zu machen; anstatt ehrlich das politische Ziel des Streites zu bekennen, nannte einer den anderen den Verderber des Christentums, den Antichrist. Es kann nicht oft und scharf genug hervorgehoben werden, daß bei dem Hinüberspielen des Gegensatzes auf das Geistige die Kurie immer im Vorteil war, gerade weil sie grundsätzlich, unpersönlich bekämpft werden mußte; die Persönlichkeit des Papstes kam so gut wie gar nicht in Betracht; nur die Frage nach der Berechtigung der päpstlichen Ansprüche wurde aufgeworfen, und diese Ansprüche blieben bestehen, solange die Organisation des Katholizismus bestehen blieb. Das Kaisertum jedoch wurde in der Person des Kaisers getroffen; wenn es dem Papst gelang, dem Volke die moralische Berechtigung seines Bannfluches einzureden, so konnte der Kaiser durch den Bann wirklich um Kaisermacht und Kaisertitel gebracht werden. Keine Verleumdung wurde gescheut, um die Anhänger des Kaisers von seiner Verworfenheit zu überzeugen. Bezeichnend für die Politik der Kurie war es, daß sie in den ersten Streitigkeiten mit dem Kaiser seiner Ketzereien noch nicht gedachte, daß sie dann, als 1245 eine Aussöhnung versucht wurde, über seine kirchlichen Vergehungen diplomatisch hinwegging; wenigstens wurde da der berühmt gewordene Vorwurf, Friedrich hätte das Wort von den drei Betrügern gesprochen, nicht wiederholt. Aber 1239 wurde ausdrücklich in einer Enzyklika behauptet: »Dieser König der Pestilenz hat erklärt, die Welt sei von drei Betrügern getäuscht worden, von Jesu, Moses und Mohammed; die beiden letzten seien wenigstens in Ehren gestorben, der erste aber am Schandpfahl des Kreuzes.« Überdies habe der Kaiser die Ansicht vertreten, man brauche nichts zu glauben, was nicht der Natur und der Vernunft gemäß wäre.

 

Das Wort von den drei Betrügern

Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß dieser Vorwurf durch die Entgegnungen des Kaisers nicht widerlegt wird; so oft es ihm paßte, bekannte sich Friedrich zur katholischen Kirche. Noch weniger wird der Vorwurf entkräftet durch einen offiziösen Bericht über das gottselige Ende des Kaisers oder durch seine Beteiligung an der Feier, die der Heiligsprechung der Elisabeth von Thüringen galt. Auf eine Lüge, auf eine Phrase kam es dem Kaiser ebensowenig an, wie dem Papste. Er konnte das Wort von den drei Betrügern um so leichter ableugnen, als er es ganz sicher nicht amtlich gesagt hatte; als Herr der christlichen Weltmonarchie konnte er seinen Nebenbuhler in Rom angreifen und so in diesem einen Punkte zum Ketzer werden, aber der Volksreligion durfte er nicht wie irgendein Philosophieprofessor mit Freigeisterei entgegentreten. Um so rücksichtsloser mag er sich im mündlichen Verkehr mit seinen Getreuen geäußert haben. Anekdoten sind überliefert, die bereits Voltaireschen Spott über die Bibel und besonders über die Hostie als Kern enthalten. Man kann kaum eine schlimmere Blasphemie erdenken als den Ausruf vor einem Kornfelde: »Wieviele Götter werden aus diesem Getreide noch entstehen?« Alle diese Anekdoten haben eine große innere Wahrscheinlichkeit für sich, weil die Berichterstatter nicht Aufklärer genug waren, so erschreckliche Geschichten zu erfinden, und weil die Erzählung eines arabischen Zeitgenossen mit ihnen gut übereinstimmt; nach dieser Erzählung sei der Kaiser (der als ein ganz unansehnlicher Mann geschildert wird) ein unchristlicher Naturalist gewesen, habe keine Rücksichtnahme auf seine Religion verlangt und die Christen – offenbar im Scherze und im Sinne des Islam, aber doch – Schweine genannt.

Die Frage nach der historischen Wahrheit des berühmten Wortes scheint mir also viel einfacher zu liegen, als man gewöhnlich annimmt. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht größer, aber auch nicht geringer als bei anderen Worten, die von der Tradition hervorragenden Menschen in den Mund gelegt worden sind. Der urkundliche Beweis durch zwei klassische Zeugen Daß Friedrich das entsetzliche Wort gegenüber dem Landgrafen Heinrich von Hessen wirklich gesprochen habe, wird von Johannes Pistorius berichtet; aber weder dieser noch der Landgraf selbst sind klassische Zeugen. ist fast niemals zu führen; und wenn dem Sprecher die Gesinnung und der Ausdruck wohl zuzutrauen sind, so mag man an der Überlieferung festhalten, auf die Möglichkeit hin, daß die Legende den Ausdruck für die Gesinnung erst geprägt hat. Friedrich II. war ein Naturalist, war kein Christ mehr, und seine Abneigung gegen die einzig vorhandene christliche Konfession war durch persönliche Erfahrungen zu dem Gefühle des Hasses gesteigert worden. Auch ohne diesen Haß bewegte sich sein Denken in den Vorstellungen der averroistischen Aufklärer, die etwa seit Abälard einen Ausgleich zwischen dem überlieferten Glauben und der für ewig gehaltenen Vernunftreligion suchten. Diese Religion der Vernunft galt allen diesen Freigeistern mehr oder weniger bewußt für die wahre; die Frage war nun, mit welcher der drei einer Vergleichung vorliegenden positiven Religionen der reine Deismus am besten übereinstimmte. In Friedrichs Umgebung lebten Christen, Juden und Araber, die doch gewiß alle ihre ererbte Religion nicht mehr glaubten. Mit mangelhaftem historischem Sinne mag jede Partei in frechen Tischgesprächen die Stifter der beiden anderen Religionen für Betrüger erklärt und sich über den Stifter der eigenen zurückhaltend geäußert haben. Nichts lag näher, als alle diese Sätze lachend zusammenzufassen in das unparteiische Wort: alle drei sind sie Betrüger gewesen. Ich meine, keinem aus der Hofgesellschaft ist eine solche Freiheit eher zuzutrauen als dem, der nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte, dem Kaiser. Und wenn er das Wort einem anonymen Erfinder nur nachgesprochen hätte, ja selbst wenn erst die Legende es zu seinem Worte gemacht hätte, hat es durch diese Legende seine Anonymität eingebüßt und hat unter dem Namen des glänzenden Kaisers als Schlagwort eine ungeheure Wirkung gehabt. Das ist ungefähr auch die Meinung von Renan und von Reuter. Es war die radikalste Antwort auf die Frage nach der wahren Religion. Das berüchtigte Wort wurde auch dem Meister Averroës selbst; sodann (bei Matthäus Parisiensis) dem Dialektiker Simon von Tournay zugeschrieben; aber Averroës war für so etwas zu vorsichtig und Simon höchstens ein Sophist, der einen solchen Satz eher zu beweisen als zu glauben fähig war. Daß alle drei Religionsstifter Betrüger waren, das konnte im 13. Jahrhundert nur der Herr der Welt als seine Überzeugung aussprechen; und nur er durfte es.

 

Matthäus Parisiensis

Ich will nur gestehen, daß ich mir mein Bild von dem genialischen Kaiser nicht nach einem neuen Geschichtschreiber des Mittelalters geschaffen habe, sondern nach der großen Chronik des Matthäus Parisiensis, des englischen Mönchs, der als ein Zeitgenosse und als ein rechtgläubiger Katholik berichtete, dem eine Menge Urkunden und Traditionen zur Verfügung standen, dessen Liebling trotz alledem der Kaiser »Frethericus« war. Es läßt sich ja nicht leugnen, daß Matthäus von den Forderungen einer kritischen Geschichtschreibung keine Ahnung hatte, daß er in wichtigeren und unwichtigeren Dingen die Chronologie verwirrte, daß er übrigens ein leichtgläubiger Mönch war und oft seiner Neigung für Räubergeschichten nachgab, für den Hofklatsch über Mord und Totschlag. Trotz alledem geht von seiner Darstellung ein Zauber aus wie von – ich weiß, wie hoch ich da greife – Shakespeares Historien; Matthäus hat das Schicksal des Kaisers erlebt, und so kann uns durch ihn die Gestalt des Kaisers wieder ein Erlebnis werden. Der englische Mönch unterwirft sich der Kirche so sehr, daß er seinem Helden, nachdem er vom Papste abgesetzt worden ist, sogar den Kaisertitel versagt, aber immer wieder verrät sich sein Haß gegen die Habsucht und Anmaßung des römischen Hofes; er weiß, wieviel Elend der Papst, welcher mehr des Constantinus als des heiligen Petrus Spuren folgte, in der Welt erregt hat. Und da er in der Chronik zum Tode des Kaisers gelangt ist, bricht er in den Ruf aus: »Um diese Zeit starb Frethericus, der größte unter den irdischen Fürsten, das Wunder und der Umgestalter der Welt.« Was in der bald ungeschickten, bald rednerischen Erzählung des Matthäus stärker herauskommt als in irgendeiner modernen Monographie, das ist die Tragik eines lebenslänglichen Kampfes, in welchem der mächtigste Fürst als Streiter für das Fürstenrecht unterliegt, vielleicht nur darum, weil er seiner Zeit zu weit voraus ist, weil er sich nur widerwillig auf den gemeinsamen Boden des Christentums zu stellen vermag, weil er in Wahrheit der bergentrückte Kaiser ist, der erst nach tausendjährigem Schlafe die Menschen für seine Ziele bereitfinden wird. Es gab im 13. Jahrhundert viele Fürsten, die ihn bewunderten; es gab keinen, der ihn verstanden hätte. Friedrich II. von Preußen war glücklicher: man liebte ihn nicht, aber man vertraute sich seiner Führung, die doch nur zu einer matten Aufklärung führte. Ich möchte da auf ein Zufallswörtchen Wert legen, das einmal für den Kaiser und einmal für den König Friedrich geprägt worden ist und sonst gewiß niemals wieder in irgendeinem Sprachdokumente vorkommt. Goethe rühmte sich (im 2. Buche von »Dichtung und Wahrheit«), Fritzisch gesinnt gewesen zu sein. »Und so war ich denn auch preußisch oder, um richtiger zu reden, Fritzisch gesinnt; denn was ging uns Preußen an! Es war die Persönlichkeit des großen Königs, die auf alle Gemüter wirkte.« Goethe hat da seine Knabenstimmung zu Beginn des Siebenjährigen Kriegs im Auge; er denkt rückblickend an das Jahr 1756. Im Jahre 1246 bildet Papst Innocenz IV. (auf Lateinisch) genau das gleiche Wort, doch nur, um eine Verurteilung auszusprechen. »Der König von England lökt wider den Stachel, er ist Fritzisch gesinnt« (fretherizat). In einem Abstande von einem halben Jahrtausend wird eine sprachliche Neubildung gewagt, um den gleichen Gedanken auszusprechen. Immerhin ein weltgeschichtlicher Zufall, der mir einer Hervorhebung wert schien.

Ich will der Chronik des Matthäus Parisiensis hier nur einige Züge entlehnen, die das Bild des Zeitalters bestimmen; das Imperium war im Begriffe, sich von der römischen Kirche (leider nicht auch von der Stadt Rom) zu befreien, als das Papsttum, durch starke Persönlichkeiten vertreten, einen Sieg erfocht, der für drei Jahrhunderte nachwirkte. Das 13. Jahrhundert schien dem Abendlande die Gedankenfreiheit bringen zu wollen, brachte aber in Wahrheit den Aufstieg des Hexenwahnsinns. Der Untergang der Staufer allein kann diese verhängnisvolle Wendung nicht erklären. Wir müssen uns darauf besinnen, welche Macht der Aberglaube damals besaß, bei Gläubigen und Ungläubigen. Realisten im modernen Sinne waren sie alle, der Chronist, der Kaiser und der Papst; aber den Einfluß gespenstischer Kräfte rechneten sie alle zu den Realien. Als 1243 eine Papstwahl nicht zustande kam, sah Matthäus darin eine Wirkung des Satans. Als Kaiser Friedrich 1235 sich zu Worms mit der englischen Prinzessin vermählt hatte, ließ er die Stunde des Beischlafs von seinen Astrologen bestimmen. Vielleicht war der Papst weniger abergläubisch als der gottlose Kaiser.

Die Päpste beanspruchten das weltliche Imperium; sie waren durch Simonie reicher geworden als alle anderen Fürsten und konnten so das Gold für ihre Politik benützen; nur gerade innerhalb der Kirche waren sie noch nicht absolute Monarchen. Noch waren sie nicht unfehlbar, noch hingen sie von den Kardinälen ab, die ihre Brüder hießen; diese Brüder nahmen sich mancherlei heraus. Als ein Kardinal Colonna einen Wortbruch des Papstes getadelt und der Papst ihm zugerufen hatte: »So werde ich dich ferner nicht für einen Kardinal halten!« – erwiderte der Kirchenfürst: »Und ich dich nicht für den Papst.«

Was nun den Kaiser betrifft, so lassen alle Berichte des Matthäus keinen Zweifel darüber zu, daß er in seinem Herzen ganz gewiß ein Unchrist war, vielleicht sogar ein Atheist, daß er aber die Partei der Gottlosigkeit oder doch Unchristlichkeit erst ergriff, nachdem er in den Streit gegen die römische und allgemeine Kirche hineingedrängt worden war, hineingedrängt durch den sehr weltlichen Kampf um den Besitz Italiens. Wie der Kaiser auch eine herzliche Neigung empfand für die Sitten, die Wissenschaft und die Weiber des Islam, aber zu einer politischen Verbindung mit den Mohammedanern erst dann geführt wurde, als ihm gegen seinen Todfeind, den Papst, jeder Bundesgenosse recht war, ob Heide, ob Mohammedaner. Es ging ums Ganze, um die Frage, ob die Könige Herren in ihren Ländern bleiben oder vom Papstkönig abhängig werden sollten. Die Könige von Frankreich und England begriffen das sehr gut, solange kein augenblicklicher Vorteil sie blendete, und Friedrich spielte so oft als möglich das alte Fürstenrecht gegen das neue Papstrecht aus. In seinem Herzen war Friedrich tolerant, weil er unchristlich war; im Kampfe um das Imperium benützte er auch die Toleranz nur als Wortwaffe.

Kaiser Friedrich war ein Freigeist, dem alle Dogmen der allgemeinen abendländischen Kirche gefälschtes Menschenwerk waren; er war kein Ketzer im kirchlichen Sinne und wollte nicht an die Stelle eines alten Dogmas ein neues setzen. Das darf nicht übersehen werden, wenn man seinen Kampf auf Leben und Tod richtig verstehen will. Und ebenso setzten die Päpste ihr Leben, auch sie in vollem Bewußtsein der Gefahr, nicht für ein Dogma ein, sondern für ihre Macht, die sie die Macht der Kirche nannten. Sie hatten den unberechenbaren Vorteil, daß die Kirche eine feste Einrichtung war und das jeweilige Oberhaupt sofort die Erbschaft der Ziele und Ideen des Vorgängers antrat; der Kaiser hatte den Nachteil, nur für die Macht seiner Person und seines Hauses zu kämpfen. Nach dem Banne von 1239 führte er seinen Krieg gegen den Papst, wie ein weltlicher König gegen den anderen; er wetterte gegen die Mißbräuche Roms, wollte aber niemals den allgemeinen Glauben antasten. Nach der Absetzung von 1245 brach er zeitweilig zusammen und war zur Unterwerfung bereit um seines Hauses willen. Das Haus der Staufer stürzte und dieselbe Inquisition, die dreihundert Jahre später ein Werkzeug der Gegenreformation werden sollte, wurde gegen alle Widersacher des Papstes ins Leben gerufen, bald auch gegen die Lokalmacht der Bischöfe. Hätte Kaiser Friedrich den Sieg davongetragen, so wäre der Welt die Halbheit der Reformation erspart geblieben, die ganze Reihe der protestantischen Päpstlein; vielleicht wäre es zu einer Versöhnung zwischen dem Islam und dem Christentum gekommen. Dann hätte Kaiser Friedrich die Schelte wahrlich und ehrlich verdient: er sei der Antichrist. Wir dürfen den Traum träumen, daß dann der christelnde Hochmut des Abendlandes erloschen wäre und daß die Geschichte des Abendlandes keine Hexenprozesse und keine Religionskriege zu verzeichnen gehabt hätte; wir dürfen den Traum nicht träumen, daß die Menschheit nicht andere Formen gefunden hätte, ihre Bosheit und ihren Blutdurst zu befriedigen.

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