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Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band

Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band - Kapitel 15
Quellenangabe
authorFritz Mauthner
titleDer Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 1. Band
publisherDeutsche Verlags-Ansta
year1922
firstpub1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweiter Abschnitt
Geschichte des Teufels

 

Teufel

Der christliche Teufel war in der neuen Wissenschaft, die sich Theologie nannte ( a potiori, sie umfaßte auch die Satanalogie), nicht so genau, nicht so logisch beschrieben und umschrieben, wie der christliche Gott; und daher mag es gekommen sein, daß die Leugnung des Teufels mit der Leugnung Gottes doch nicht völlig gleichgestellt wurde und daß der Adiabolismus um mehr als hundert Jahre früher als der Atheismus in der gebildeten Welt des Abendlandes herrschend wurde. Vergleicht man aber den Teufelsbegriff der christlichen Zeit mit den älteren Vorstellungen von Dämonen und anderen schädlichen Geistern, so zeigt es sich doch, daß das Aufkommen einer sogenannten Theologie, die auf das vermeintliche Wort Gottes ein System metaphysischer Kenntnisse aufbaute, auch für den Teufel Glaubensartikel genug geschaffen hatte. Und weil später der Ansturm gegen den Teufelswahn, den Hexenwahn usw. notwendig wurde, um der eigentlichen Aufklärung freiere Bahn zu schaffen, so wird es wirksam und belehrend sein, einer kurzen Darstellung der mittelalterlichen Aufklärungsarbeit eine Geschichte der Teufelsvorstellung vorauszuschicken. Besonders darauf hinzuweisen, wie die Scheinwissenschaft der Theologie mit der gleichen Logistik und Sophistik, mit der sie allerlei über das Wesen und die Eigenschaften Gottes ausgemacht zu haben vorgab, auch Wesen und Eigenschaften des Gegengottes erkannte, des leibhaftigen Teufels. Die Teufelsfratze gehört als ein wesentlicher Bestandteil mit zur christlichen Theologie. Unmenschlichkeit widerspricht nicht der Gottesvorstellung des Mittelalters. Schon Augustinus hatte es abgelehnt, den Glauben an die Ewigkeit der Höllenstrafen aus menschlichem Mitleid anzuzweifeln. Ein französischer General setzte tausend Jahre später auf seine Fahne den Spruch: » L'ami de Dieu et l'ennemi de tous les hommes

Die dogmatische Religion des Christentums ist für alle die Theologen, die seit Arius das Geheimnis von den drei Personen in der Gottheit ablehnen, ein Tritheismus, also trotz aller metaphysischen Spekulationen darüber eine Art des Polytheismus; daß alle strengen Monotheisten seit den Arianern bis zu den Socinianern von der Kirche Ketzer genannt und blutig verfolgt wurden, ändert nichts an dieser Feststellung. Was zuerst ketzerisch war, konnte nachher rechtgläubig werden, und umgekehrt. Christentum und Islam waren zuerst ketzerische Sekten des Judentums. Die Zufallsgeschichte der Religion entschied über den Begriff der Ketzerei.

Anders steht es um das Zweigöttersystem, das ein gutes und ein böses Prinzip der Weltregierung anerkennt, den Gott und den Teufel. Hier hat sich die rechtgläubige Theologie bald so geholfen, daß auch der Teufel ein Geschöpf Gottes ist, bald so, daß der Gott aus einem unerforschlichen Grunde die übermenschliche, aber untergöttliche Macht des Teufels duldet, und hat so wenigstens in diesem Punkte den Monotheismus hergestellt. Der Glaube der Volksreligion jedoch distinguiert nicht so genau; nach diesem nicht nur in katholischen Ländern allgemein verbreiteten Glauben ist der Gott zwar mächtiger und klüger als der Teufel (der arme Teufel, der dumme Teufel), aber man müßte blind sein, um nicht zu erkennen, daß dieser Dämon göttliche Eigenschaften hat; und von dem Gotte Humes und Mills, der nicht allmächtig und nicht allweise, sondern nur sehr mächtig und sehr weise ist, unterscheidet sich der Satan nur in moralischer Hinsicht: der Gott ist ziemlich wohlwollend, der Teufel ist ganz böse. Böse Götter gibt es in manchen Religionen. Bezüglich des Volksglaubens täten wir gut daran, uns das Verhältnis zwischen dem Gotte und dem Teufel fast genau so vorzustellen wie das Verhältnis, etwa zwischen Zeus und einem der weniger mächtigen Untergötter. Der Volksglaube wird – abgesehen von dem dogmatischen Tritheismus – durch den Teufel zu einem Zweigöttersystem, also wieder zu einer Art des Polytheismus.

Doch auch die religiöse Grübelei hat sich der Vorstellung vom Teufel bemächtigt und ist schon in sehr alter Zeit zu einer Phantasie gelangt, die sich nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen läßt. In der Zendreligion der Parsen standen sich Ormuzd und Ahriman als zwei gleichberechtigte und gleichstarke Prinzipe oder Götter gegenüber; durch Mani und die Manichäer kam diese Lehre unter den abstrakteren Namen des Guten und des Bösen nach dem Abendlande, wirkte in immer neuen ketzerischen Sekten bis in die Neuzeit hinein und wurde von recht skeptischen Philosophen der letzten Jahrhunderte ernsthaft erörtert. Pierre Bayle erklärte den Manichäismus für unwiderleglich und hatte um dieser Behauptung willen einen seiner schwersten Kämpfe zu bestehen; und noch John Stuart Mill spielte mit der Annahme eines guten und eines bösen Prinzips.

Auch bei diesen modernen Ausdeutungen der Teufelsvorstellung ist manche alte Spekulation nachwirksam: die eigentlich mystische Träumerei, daß der Teufel oder das böse Prinzip in der Materie stecke, während Gott ein reiner Geist sei. Eigentlich die äußerste Konsequenz des Dualismus, den Descartes erst begründet haben soll, der aber im Grunde schon in dem naiven Realismus, der Philosophie des dummen Kerls, und darum in der Gemeinsprache enthalten ist. Ich möchte nur darauf hinweisen, daß diese mystische Lehre von der Teufelsmäßigkeit der Materie sich nicht gar so sehr von dem sogenannten Volksaberglauben, den man gern sauber vom Glauben loslösen möchte, unterscheidet. Wenn die Gesetze der verteufelten Materie als schädliche Kräfte die Schuld daran tragen, daß die Weisheit und die Güte Gottes die Welt nicht vollkommener schaffen konnte, daß es körperliche und seelische Übel gibt, dann sind Weisheit und Güte Gottes gebunden, dann ist seine Macht begrenzt, schrecklich begrenzt; diesen Schluß, ohne just den Teufel immer zu bemühen, haben Hume, Platner und Mill gezogen, diesen Schluß hätte man ehrlicherweise unmittelbar gleich aus der Theodizee von Leibniz ziehen müssen. Und die einfältig Frommen glauben dasselbe, ohne sich durch die großen Worte des Katechismus irremachen zu lassen: daß die Allmacht Gottes durch die Macht des Teufels eingeschränkt werde.

Diese Beziehung des Teufelsglaubens zu den Eigenschaften der Allmacht und auch der Allweisheit geht unmittelbar nur die Theologie an und wirkt nur mittelbar, jetzt immer seltener, auf die menschlichen Handlungen ein. Aber die eben erwähnte uralte Vorstellung, daß der Gott das gute Prinzip sei und der Teufel das böse, daß also die Allgüte des nicht mehr allmächtigen Gottes durch den bösen und sehr mächtigen Teufel eingeschränkt werde, war von einer Bedeutung, die über alles Theologische weit hinausgeht. Nicht nur die Moral, sondern auch die Ästhetik konnten neue Wege erst einschlagen, als der Teufelsglaube so gut wie verschwunden war. Als nämlich dieser Glaube noch in seiner Blüte stand, im Mittelalter, war der Fromme gut, der Gottlose böse. Der Fromme folgte den Geboten Gottes und endete im Himmel; der Gottlose folgte dem Teufel und endete in der Hölle. Das Fegefeuer mit seinen nicht ewigen Strafen für die mittleren Sünder war eine spätere Erfindung und eigentlich schon eine Anpassung an eine menschlichere Vorstellung von Gott. Die Begriffe gut und böse waren schon im Mittelalter relativ; da aber die Relation die absoluten Gesetze Gottes betraf, so blieben diese Begriffe richtige Gegensätze. Erst als mit dem Auslöschen des Teufelsglaubens und mit dem Verblassen des Glaubens überhaupt die Unterwerfung des Menschen unter einen Gottesstaat aufhörte, als das Leben nicht mehr das gemeinsame Ziel im Jenseits besaß, konnte langsam die Zeit des Individualismus und des Militarismus anbrechen; der Militarismus war bei seinen edelsten Vertretern ein Versuch, die natürliche Selbstsucht der Individuen in den Dienst eines gemeinsamen Nutzens zu stellen, schließlich die jenseitigen Ziele des Gottesstaates durch die diesseitigen Ziele des sozialen Staates zu ersetzen. Man kehrte zu der weltlichen Begriffsbestimmung der Antike zurück und nannte wieder das Nützliche gut, das Schädliche böse; kein Wunder, daß der Gegensatz sich milderte und für beide Begriffe Übergänge und Mischungen anerkannt wurden. Ich will nur flüchtig darauf hinweisen, daß auch die Künste, insbesondere die der Sprache, von dieser erneuten Weltanschauung, von dieser moralischen Renaissance nicht unberührt blieben; man denke nur an das Drama, in welchem bis in die Neuzeit hinein Engel und Teufel die handelnden Personen waren und jetzt fast durchaus gebrochene Farben und gemischte Charaktere geschaffen und verlangt werden; in welchen übrigens auch mehr und mehr das künstlerische Recht der Individualität sich durchgesetzt hat. Es ist ein weiter, aber deutlich sichtbarer Weg vom Aufhören des alten Teufelsglaubens zu diesen Neuerungen.

Eine ansprechende Vermutung Schopenhauers (»Parerga« II, Kap. 15) sagt, daß der Satan der Juden, eben der Ahriman der Zendreligion, als der Gott der Schlangen und der anderen Ungeziefer, den platten Optimismus des Judentums verbessert habe, indem er zum Sündenfall reizte und das Elend als eine Strafe über die Menschen brachte; und daß das Christentum just durch den Sündenfall, von dem es Erlösung versprach, an das Judentum anknüpfte. Das Judentum war so diesseitig gerichtet und daneben mitsamt seinem Nationalgotte so zum Polytheismus geneigt, es war endlich so wenig dogmatisch, daß damals die Begrenzung der göttlichen Allmacht durch einen kleinen Satan gar nicht erst auffiel; nur ins Christentum mit seinem dogmatischen Monotheismus und mit seiner Jenseitigkeit von Himmel und Hölle brachte der Teufel ein Zweigöttersystem.

 

Gott und Teufel

Wer völlig unter dem Banne ererbter Sprachvorstellungen in dem Gotte das höchste Gut erblickt, in dem Teufel die personifizierte Bosheit, wer sich also über die Gleichung von Gott und Teufel entsetzt, der achte zunächst darauf, daß beide Begriffe Schöpfungen der Volkspoesie sind, Ideale, der Gott das Ideal des Guten, der Teufel in gleicher Weise das Ideal des Bösen. Wie meine Geschichte des Atheismus das langsame Erlöschen des Gottesglaubens darstellt, so könnte parallel das Erlöschen des Teufelsglaubens in einer gelehrten Geschichte des Adiabolismus erzählt werden. Und versucht werden zu erklären, warum die öffentliche Meinung des gebildeten Abendlandes den Teufel um einige hundert Jahre früher preisgab als den Gott. Das gilt natürlich nicht für die Orthodoxie, die heute noch an ihrem Teufel festhält, bald verschämt, bald unverschämt.

Die beiden so ungleichen Männer, auf die sich katholische und protestantische Rechtgläubigkeit beruft, haben stramm an den Teufel geglaubt, Martin Luther womöglich noch handgreiflicher als Thomas von Aquino; wollen wir aber das Zweigöttersystem, das der Teufelsglaube in das Christentum hineingebracht hat, deutlich erkennen, so dürfen wir uns nicht auf die gewundene Dogmatik der katholischen und der protestantischen Theologen einlassen, sondern müssen uns an den Volksglauben halten, wie er zu der Zeit des blühenden Teufelsglaubens bestand, und von den Theologen bis vor etwa zweihundert Jahren niemals getadelt worden ist; das Buch von Balthasar Bekker, das den Teufel zum erstenmal beinahe zu leugnen wagte, erschien 1690, und der Verfasser wurde abgesetzt und exkommuniziert. Ich will gar nicht darauf eingehen, daß der Volksglaube auch dem Teufel wenigstens eine Großmutter gab, daß die Teufelsliebchen oder Hexen trotz ihrer Scheuseligkeit in gewisser Weise den Bräuten Gottes oder den Nonnen entsprachen. Ich will an ernsthaftere Gleichungen erinnern. Weder der Gott noch der Teufel hielten es unter der Würde ihrer Majestät, mit den Menschen Verträge zu schließen, der Gott einen alten und dann einen neuen Bund mit dem auserwählten Volke und mit allen Gläubigen, der Teufel einen Pakt mit denen, die wiederum an ihn glaubten. (Und das ist sehr merkwürdig, daß der Gott wie der Teufel den Glauben an ihr Dasein verlangten.) Der Wohnsitz des Gottes und der Wohnsitz des Teufels unterschieden sich voneinander nur darin, daß der Himmel sichtbar war, die Hölle verborgen; als aber die Naturwissenschaft den Himmel für ein menschenähnliches Wesen unbewohnbar gemacht und die alten Sternensphären abgeschafft hatte, war die unterirdische Hölle als Wohnsitz des Teufels beinahe noch eher vorstellbar als der von Fernrohren abgesuchte Himmel als Wohnsitz des Gottes. Die Mehrzahl der Götter in den meisten Religionen ist widerspruchsvoll; die Mehrzahl der Teufel (fast hätte ich gesagt: der christlichen Teufel) entspricht dem Volksglauben ebensogut wie dem Katechismus. Darauf jedoch möchte ich besonders hinweisen, daß der Staat sich in alter und neuer Zeit dem Gotte gegenüber nicht viel anders benommen hat, als dem Teufel gegenüber. Der moderne Staat, der sich seit dem Ausgange des Mittelalters nicht mehr auf göttliches Recht gründete, sondern immer weltlicher auf das Recht der Natur, der Vernunft oder der Gewalt, benützte nur die alten Vorstellungen des Volksglaubens und hütete sich vor einem Bruche mit der Tradition. Hatte der Staat sich einst zum Schwerte der Kirche hergegeben, so gebrauchte er schließlich die Kirche oder den Volksglauben als einen Schleifstein seines eigenen Schwertes. Selbst ungläubig, schützte er lange den Glauben an das Dasein des Gottes und des Teufels; Teufelslästerung schien ihm ebenso strafbar wie Gotteslästerung. Gegenwärtig darf man den Teufel von Staats wegen leugnen, den Gott nur, wenn man auf jede Stellung im Staate verzichten will.

Eigentlich ist aber das Zweigöttersystem, d. h. der Glaube an ein gutes und ein böses Prinzip der Weltregierung, aus dem Orient nicht in den abendländischen Volksglauben herübergekommen; hier ist der Teufel dem Gotte nur in ketzerischen Spekulationen ebenbürtig. Das Volk kümmerte sich nicht um Logik und stellte sich die Sache so vor, als ob der alte Widersacher Gottes zugleich ein Geschöpf des allmächtigen Gottes sein könnte. Als ob er auch nur so etwas wie ein Mensch wäre. Das Volk stand darum mit dem Teufel auf du und du und lachte gern über ihn. Die Dichter und Erzähler, im Mittelalter also besonders die Verfasser von Heiligenlegenden, glaubten vielleicht nicht recht an den Teufel, wenn sie berichteten, wie er in unzähligen Fällen gefoppt, gehänselt, geprügelt und um den Lohn seiner Mühen betrogen wurde; im Grunde war das nach dem dogmatischen Verhältnisse zwischen Gott und Teufel gar nicht möglich, weil die Gerechtigkeit des Gottes gebieten mußte, auch dem Teufel Wort und Vertrag zu halten. Die Rechtsbeugung (auch am Ende von Goethes Faust) ist schon ein Spiel mit dem echten Teufelsglauben.

Wir können uns heute, da der Teufel für die Gebildeten nur noch der mythologischen Sprache angehört (etwa so wie die römischen Götter der Sprache der Humanisten), kaum mehr eine Vorstellung davon machen, wie fast allgegenwärtig, fast allmächtig, fast allwissend der Teufel einst war, in der Zeit der Frömmigkeit. Jeden Schaden an Vermögen und Gesundheit hatte der Teufel veranlaßt, jeden Vorteil der liebe Gott; wohl konnte man sich in der Not an Gott wenden, weil das Kreuzeszeichen noch wirksamer war als das Teufelszeichen; aber verzweifelte Menschen, denen es schlecht ging nach Gottes Ratschluß, konnten auch den Teufel anrufen, mit seiner Hilfe Geld und Ruhm erlangen, und hatten dafür nur mit ihrer jenseitigen Seligkeit zu bezahlen. Wer es also zustande brachte (wie von manchem Condottiere berichtet wird), an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele ganz und gar nicht zu glauben, dagegen aber zu glauben an den Teufel und seine Zaubergewalt, der machte mit einem Teufelsbündnisse wirklich ein glänzendes Geschäft.

Ich glaube nicht, daß die Kirche in Sorge war, das Christentum könnte sich allgemein in einen solchen atheistischen Teufelsglauben umwandeln; auch hätte sich die Kirche am Ende angepaßt. Wohl aber war die Satanalogie den besseren Theologen immer unbequem, und es gab in alter und neuer Zeit immer einzelne Päpste und Kirchenlehrer, die den schwarzen Gott leichteren Herzens aufgaben, als den weißen Gott. Wie dem auch sei, die Satanalogie wurde bei der Oberschicht der abendländischen Menschheit im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts völlig überwunden, während die Theologie noch blühte. Für uns, die wir Teufelsglauben und Teufelsdienst als eine Parallelerscheinung des Gottesglaubens und Gottesdienstes erkannt haben, die wir die Geschichte der Gottlosigkeit zu erforschen unternommen haben, ist es von großer Wichtigkeit zu erfahren, wie sich die Befreiung vom Teufelswahn und vom Hexenwahn in verhältnismäßig kurzer Zeit vollzog, binnen dreier Jahrhunderte nämlich, wenn man die Bulle » Summis desiderantes affectibus« (1484) als den Anfang der Hexenprozesse annehmen will und den letzten europäischen Hexenprozeß in das Jahr 1793 setzt.

 

Diabolismus

Selbstverständlich ist der christliche Teufel, sein Name und seine Macht nicht eine freie Erfindung des Mittelalters; selbstverständlich ist die vergleichende Religionsgeschichte in ihrem Rechte, wenn sie für die Entwicklung der Teufelsvorstellung an eine Art von Dualismus erinnert, der die sittlichen Gedanken der asiatischen und europäischen Völker beherrschte, welche dann, als sie das Christentum annahmen, ihren alten Glauben mit dem neuen zu vermischen pflegten. Doch in keinem dieser vorchristlichen Religionssysteme kam es zu einem so barbarischen Teufelswahn, wie im Christentum; wir werden nur mit vorurteilsloser Gerechtigkeit eine Unterscheidung versuchen müssen zwischen dem rohen Aberglauben, der sich beim Volke herausbildete, und der nicht minder fratzenhaften Teufelsvorstellung, die durch die katholische, besonders aber die protestantische Theologie unlösbar mit dem Glauben und mit dem Leben der Christenheit verbunden wurde. Man hat gesagt, es sei ein Zufall, daß die herrschende Religion des Abendlandes nicht Paulinismus oder Augustinismus hieß; achtet man genauer auf die Bedeutung des Teufelswahns, so ist es ein Zufall, daß die Religion, deren Ursprung doch die sonnige Bergpredigt gewesen war, nicht den Namen Diabolismus erhielt.

Der Dualismus, auf welchen abstrakten Begriff die weit verbreitete Furcht vor einem Gotte und einem Teufel gewöhnlich zurückgeführt wird, mag wirklich tief in der zwiespältigen oder schwankenden Menschennatur begründet sein. Einen reinen Monotheismus hat es, wenn man von einzelnen systematischen Denkern absieht, niemals und nirgends gegeben. Götter sind Wörter, also wie alle Wörter der Sprache durch Metaphern oder Bilder entstanden; als Verursacher von Glück und Unglück wurden gute und böse Dämonen bildhaft gedacht, hüben und drüben, bei Indern, Persern, Babyloniern und Arabern, wie bei Griechen, Römern und Germanen. Es ist gar nicht nötig, zum Erweise dieses allgemein menschlichen Dualismus in den Mythen der einzelnen Völker nach Beispielen zu forschen. Um die Übertragung dieser Mythen von einem Volke auf das andere ist es eine sehr unsichere Sache. Die Religionsvergleichung liegt noch in ihrer Wiege, die Ergebnisse sind so unzuverlässig, wie die der ersten Sprachvergleichung waren.

 

Christlicher Teufel

Nur der Dualismus in den Dämonenvorstellungen des Alten und des Neuen Testaments verlangt Beachtung, weil die mittelalterliche Theologie und Satanalogie in diesen Schriften Gottes Wort sah und so die Einwirkung der Bibel auf den Teufelswahn unzweifelhaft ist, trotz allen Irrtümern und bewußten oder halbbewußten Fälschungen, die mitwirkten. Für die Zweigötterei bei den vormosaischen Hebräern spricht schon der rätselhafte Azazel oder Asasel, der doch höchst wahrscheinlich als ein persönlicher Satan dem persönlichen Jahve gegenüberstand; also brauchten die Juden ihren Teufel nicht erst aus dem weiteren Osten zu holen, während der babylonischen Gefangenschaft; leicht möglich wäre es aber, daß damals erst der Aberglaube an freundliche und unfreundliche Dämonen, an Engel und Teufel eine feste Gestalt gewann und daß unter dem Einflusse des offiziellen Monotheismus die Satansfigur sich bildete, die uns im Buche Hiob zum ersten Male entgegentritt: ein Dämon der Finsternis, der ein sehr mächtiger Zauberer ist, aber doch nicht ganz so mächtig wie der Dämon des Lichts. Übrigens braucht nicht erst gesagt zu werden, daß der Monotheismus der mosaischen Lehre nicht ernsthaft zu nehmen sei; Jahve war der einzige Gott, aber die Gojim hatten andere einzige Götter; Jahve war ein guter Geist für die Juden und ein böser Geist für die Gojim; die Götzen der Gojim waren wiederum den Juden feindlich.

Wir erfahren aus dem Alten Testamente nicht, wie es kam; gewiß aber ist, daß der Teufelswahn bei den Juden zur Zeit Jesu Christi schon sehr ausgebildet war, wohlgemerkt: der Glaube an die schädlichen Dämonen und auch schon der Glaube an den teuflischen Charakter der ganzen irdischen Welt. Unzählige Male ist vom Teufel die Rede, bei den drei ersten Evangelisten und in der Apokalypse, bei Paulus und in der Apostelgeschichte. Er trägt vielerlei Namen, die heute noch der Gemeinsprache angehören, seit nicht viel länger als hundert Jahren erst als tote Symbole. Der Satan ist der Herr der bösen Geister, der Plagegeister, die Krankheit über die Menschen bringen; man irrt gröblich, wenn man, um die Wunderheilungen dumm-rationalistisch zu erklären, die Krankheiten des Neuen Testaments durchaus zu Nervenkrankheiten oder hysterischen Erscheinungen machen will; es gibt auch Besessene, die an Blindheit, Taubheit oder Gichtknoten leiden. Man irrt wohl auch, wenn man, damit Jesus Christus nicht abergläubisch scheine im Sinne unserer Aufklärung, wacker daherredet, er habe nicht selbst an den Teufel geglaubt und sich nur den Vorstellungen und der Sprache des Volkes angepaßt. Dann hätte er unendliches Unheil gestiftet, denn seine ersten Jünger und die späteren Anhänger stützten just auf seine Wunder ihren grobschlächtigen Teufelsglauben.

 

Gnostik

Diesen rohen Glauben an gute und böse Engel, dazu den Glauben an ein nahes Gottesreich, dem die bösen Engel widerstrebten, entnahmen die sogenannten Kirchenväter der ersten drei Jahrhunderte den Schriften des Neuen Testaments; den besser geschulten unter diesen Lehrern drängte sich aber bald die Frage auf, wie das Dasein so mächtiger Geister mit dem Monotheismus, wie das unleugbare Böse im Weltlaufe mit der Güte des Weltschöpfers in Übereinstimmung zu bringen wäre. An solchen Aufgaben übte die Gnostik ihre mehr phantastische als philosophische Kraft, und mancher Zug dieses gnostischen Dualismus ist in die gelehrte Satanalogie übergegangen und viel später (bei Milton und Byron) in die dichterische Rettung der überlebensgroßen Satansgestalt. Im Volksglauben war für so gewaltige Verstiegenheiten wenig Platz: daß nicht Gott selbst, sondern ein Untergott die Welt geschaffen habe, der Demiurg; daß der Judengott wie der Satan auch nur Geschöpfe des höchsten Gottes seien; daß der Teufel ein göttlicher Affe Gottes sei; daß der Demiurg und seine Dämonen dummschlau den Tod Jesu Christi veranlaßt und so wider Willen den Plan des höchsten Gottes gefördert haben. Schnell und sicher aber ging eine besondere Meinung des gnostischen Vorstellungskreises in den Volksglauben über: die Heidengötter – deren Nichtexistenz sich die Kirchenväter so wenig vorstellen konnten wie die alten Juden die Nichtexistenz der Gojimgötter – seien Dämonen, böse Mächte, Lügengeister, Teufel. Nun war im 4. Jahrhundert, als das Christentum fast plötzlich zur Kirche des Staates gemacht wurde, die Masse der Bevölkerung noch dem alten Götterdienste zugetan, und man kann sich vorstellen, daß es diesen Menschen gar nicht viel ausmachte, ob sie eine Venus, eine Diana als eine Göttin fürchteten, oder als eine Teufelin. Die Furcht war da, und es kam nicht darauf an, ob man ihre Wirkung Aberglauben nannte oder Religion. Der üblichen Darstellung dieser Dinge liegt eine Täuschung oder Selbsttäuschung zugrunde. Es war nicht so, daß die neue Kirche – aus welchen Absichten immer – unzählige Zaubereien und Bräuche aus den alten Kirchen aufnahm; vielmehr hatte die Masse des Volkes ihr Verhältnis zum Übersinnlichen nur wenig geändert, war ihren abergläubischen Gewohnheiten treu geblieben, mit allen Zaubereien und Bräuchen, war christlich geworden nur im Aufsagen des Glaubensbekenntnisses und des Vaterunsers.

 

Irenäus

Eine Theologie, die man schwarz auf weiß besitzt, die man auswendig lernen kann und die darum auf unseren Universitäten die Rechte einer Wissenschaft beansprucht, gab es – wie gesagt – damals noch nicht; wohl aber gab es schon seit dem 2. Jahrhundert Kirchenlehrer oder Kirchenväter, die sich die unlösbare Aufgabe gestellt hatten, Christologie, Heilslehre und Teufelsglauben zu einem möglichst logischen Ganzen zu vereinigen, gewissermaßen Vernunft in das Widervernünftige zu bringen. Bereits der heilige Irenäus (gest. um 200 als Bischof von Lyon) mühte sich an dieser Vergewaltigung der Vernunft; seine Schriften, die erst durch Erasmus wieder allgemein zugänglich geworden sind, waren zunächst gegen die Gnostiker gerichtet und machen auf den heutigen Leser einen wunderlichen Eindruck besonders dadurch, daß Irenäus, der ja von der Trinität und sogar von der Gleichheit des Vaters mit dem Sohne nicht viel wußte, allen gesunden Menschenverstand anstrengen mußte zum Beweise dafür, daß Gottvater mit dem Sohne und nicht etwa ein teuflischer Demiurg die Welt geschaffen habe. Dem Gotte gegenüber zeigte Irenäus eine beinahe sokratische Bescheidenheit des Nichtwissens: ohne Gott könne man Gott nicht erkennen; vom Teufel weiß er mehr und hat der Satanalogie (die ich immer als gleichwertiges Gegenstück zur Theologie verstanden wissen möchte) eine Anregung gegeben, die bis tief in die Reformationszeit nachwirkte. Er trat als erster in der Eigenschaft eines advocatus diaboli auf, eines juristischen Sachwalters, der im Namen des gerechten Gottes den Teufel gegen jede Rechtsbeugung verteidigen wollte. So wie diese Prozeßakten des Teufels (kontra Jesum Christum, kontra die Jungfrau Maria) in ihren letzten Bearbeitungen aus dem 16. Jahrhundert vorliegen, erscheinen sie fast parodistisch und mögen bei den Studenten, die an ihnen vielleicht nur spielend den Prozeßgang des römischen Rechts üben sollten, weltliche Heiterkeit ausgelöst haben. Dem heiligen Irenäus jedoch war es bitterer Ernst um den Gedanken, auf den sich der ganze Unfug der Teufelsprozesse aufbaute. Hart und gerecht war der alte Judengott bei Irenäus geblieben; einst werden die Gerechten auferstehen zum tausendjährigen Reiche des Sohnes, danach aber werden die Ungerechten auferstehen, und der strengere Vater wird das Jüngste Gericht abhalten. Einem jeden wird da sein Recht werden, auch dem Teufel. Nach der ebenso verehrungswürdigen wie tollen Vorstellung des Irenäus gibt es zwischen dem Gotte und dem Teufel ein Rechtsverhältnis, dessen Gegenstand die Menschheit ist; wie der Kaufmann von Venedig durch seine Schuldverschreibung dem Shylock verfallen ist, so die Menschheit dem Teufel durch die Schuld Adams; nur daß Shakespeare – mit mehr Christentum als Rechtsgefühl – das klare Recht Shylocks beugen läßt, durch Gnade beugen, während der Kirchenvater Irenäus, ganz unchristlich, ganz jüdisch oder römisch, den Kampf ums Recht auf die Spitze treibt und den Gott das Blut seines eingeborenen Sohnes als Lösegeld für die sündige Menschheit bezahlen läßt. Es liegt eine gewisse Größe in der juristischen Konstruktion des ganzen Handels; alles erscheint wie eine juristische Notwendigkeit: die Erlösung als Wehrgeld für die Erbsünde, aber auch die Überwindung der Hölle durch Jesus Christus. Fast noch beachtenswerter als dieser scheinbare Rechtsstandpunkt ist die Wendung, die die Sache in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts nahm, als feinere Theologen die Entdeckung machten, der Teufel wäre in dem Prozesse gefoppt und betrogen worden, wirklich wie Shylock bei Shakespeare; denn der Teufel habe glauben müssen, im Erlöser der Menschen nur Menschliches verschlungen zu haben, und nicht geahnt, daß er die Angel des Göttlichen mitverschlinge.

Wenn es sich so verhält, daß nämlich die einst vielgelesenen Teufelsprozesse gegen Maria und gegen Jesus Christus auf das gut römische Rechtsgefühl des Bischofs Irenäus von Lyon zurückgehen, dann war es um so leichter, diese Prozesse zu Musterbeispielen zu machen, an denen mehr als tausend Jahre später ein junger Jurist die Formalien jedes Prozesses lernen und üben konnte. Und das war offenbar, wie ich noch einmal behaupte, der Zweck der Schriften, die gegen das Ende des Mittelalters in allen europäischen Sprachen verbreitet waren, mit der ausdrücklichen Tendenz, dem Schüler ernsthafte Kenntnisse in lustiger Weise beizubringen. Die Verfasser, als welche Juristen von Weltruf galten, waren möglicherweise vom Glauben an ein klares Rechtsverhältnis zwischen Maria und dem Teufel, zwischen Jesus und dem Teufel ausgegangen; die Wirkung konnte nur ein Gelächter sein, zunächst nur über den geprellten Teufel, dann aber über die Rechtsbeugung, die der arme Teufel erfuhr.

 

Teufelsprozesse

Die zweite der beiden Schriften ist in breitester Ausführung noch einmal deutsch herausgegeben worden, 1656, durch Jacob Ayrer, unter einem sehr umständlichen Titel: »Historischer Processus Juris. In welchem sich Lucifer über Jesum, darumb daß er ihm die Höllen zerstöhret, eingenommen, die Gefangene darauß erlöst, und hingegen ihn Lucifern gefangen und gebunden habe, auff das allerhefftigste beklaget« usw. usw. Eine durchaus parodistische Wirkung lag nicht, wie etwa bei den mythologischen Dialogen des alten Lukianos, in der Absicht des Verfassers, wenn er auch von schalkhaftigem Übermut nicht ganz freizusprechen sein dürfte; die parodistische Wirkung ergibt sich aber ganz von selbst, für uns wenigstens, aus dem genannten Zwecke des Buches: den Streit um die tiefsten Geheimnisse der christlichen Religion zu einem Übungsbeispiele für Rechtskandidaten zu machen. Die burleske Schilderung der Teufel (Belial schwänzelt in seinem Hochmut einmal, als hätte er Besen in seinem Hintern und wollte seine Fußtritte wieder auskehren), die groben Schimpfreden zwischen Moses und dem teuflischen Anwalt sind freilich nur dazu bestimmt, die Leser des Buches zu belustigen. Und die entsetzlichen Anachronismen (der Prozeß spielt im ersten Jahre nach der Auferstehung Christi und beruft sich dennoch aus Kaiser Justinianus, auf Karl V., auf Rechtsgutachten von Paris und anderen Universitäten, auf Kammergerichtsentscheidungen, auf den hürnen Siegfried, aus Päpste, auf die Zerstreuung der Juden durch die ganze Welt usw.) mögen damals weniger gestört haben, weil sie dem Stande der naiven Geschichtsforschung entsprachen. Aber so viele Mühe sich der Verfasser auch gibt, den Richter erster und den Richter zweiter Instanz, den König Salomon und den ägyptischen Statthalter Joseph, nach tollen Zeugenvernehmungen und nach Austausch endloser Schriftstücke zu einem rechtgläubigen Urteile kommen zu lassen, der Spaß ist doch stärker als der Ernst, und man lacht nicht immer bloß über die dummen Teufel und die ungläubigen Juden. Dazu kommt, wie gesagt, daß der Verfasser recht häufig seiner Laune nachgibt und eine versteckte Kritik übt: an der Ehrlichkeit der Juristen, an der Unnahbarkeit der theologischen Geheimnisse und sogar an der Gerechtigkeit Gottes. In den Zeugenvernehmungen namentlich kommt es zu bedenklichen Aussagen, die schon an die Bibelkritik Bayles erinnern: die Erzväter werden Betrüger und Schelme genannt, König David ein Schurke, Petrus ein Verräter, Jesus ein natürliches Kind usw.; allen diesen Aussagen wird von anderen Zeugen widersprochen, doch bleiben die Beschuldigungen am Ende haften, und vorsichtig drückte sich später ja auch Bayle aus. Der Spott über die Käuflichkeit von Richtern und Gerichtsbeamten hätte keine Bedeutung für die Religion, wenn nur nicht dem Herrgott selber die gleiche Ungerechtigkeit gegen den Teufel vorgeworfen würde. Gott habe sich (Seite 280) gegen die Menschen barmherziger gezeigt als seinerzeit gegen die gefallenen Engel. Ich habe diese beiden merkwürdigen Prozeßakten schon an dieser Stelle erwähnen zu müssen geglaubt, weil ihre Entstehung und Verbreitung ins Mittelalter zurückreicht. Der Prozeß » Satan contra Jesum« ist die Arbeit eines Meisters des kanonischen Rechts, des Jacobus von Ancharano (oder von Theramo), der 1417 starb. Der Prozeß » Satan contra Mariam« gar wird dem berühmten Juristen Bartolus von Sassoferrato zugeschrieben, der der Blütezeit der Schule von Bologna zugehörte und schon 1356 starb. Der Prozeß zwischen dem Teufel und der heiligen Jungfrau, bei welchem Jesus Christus als Richter fungiert, ist übrigens in jeder Beziehung viel sorgfältiger gearbeitet und darum in der Wirkung auf heutige Leser noch grotesker als der andere.

Heute erscheinen uns die Bücher über die Rechtshändel zwischen Gott und dem Teufel durchaus als parodistische Spielereien; den Kirchenvätern, die die Begriffe der Erbsünde und der Rechtfertigung am römischen Rechte prüften, war das vielleicht ein blutiger Ernst, ja ihre juristischen Haarspaltereien gewannen Einfluß auf die Kodifizierung des christlichen Dogmas, wie sie sich vom Anfang des 4. bis gegen Mitte des 5. Jahrhunderts vollzog. Die Gnostik der älteren Kirchenväter war schon der Wortbedeutung nach nichts anderes als eine Religionsphilosophie vor Kodifizierung der Dogmen oder Lehrsätze; als diese Dogmen dann – in ewigem Kampfe mit den Ketzern – festgestellt waren, verlor die freie Religionsphilosophie oder Gnostik jede Wirkungsmöglichkeit; die neuere Religionsphilosophie mußte entweder die Dogmen bloß umschreiben oder zu einer dogmenfeindlichen Aufklärung werden.

 

Augustinus

Schon vor der Erstarrung der sogenannten Dogmen war, wie wir eben gesehen haben, der Teufelsglaube zu einem großen Teile der Volksreligion geworden dadurch, daß die junge Kirche die alten Heidengötter zu furchtbaren Dämonen gemacht hatte; in das Dogmensystem kam der Teufel auf ganz anderem Wege, und die Hauptschuld dafür trifft den heiligen Augustinus, wenn man sich nur von seiner schillernden Rhetorik nicht bestechen läßt. Sein Kampf gegen seine alten Genossen, die Manichäer, und dann gegen die eigentlich unchristlichen, weil auf die Güte der Menschennatur und die Zuverlässigkeit des Menschenverstandes vertrauenden Pelagianer war mehr, als bisher anerkannt worden ist, eine Begründung des Teufelswahns. Die moderne christliche Kirche sieht im modernen Pessimismus einen Feind und begünstigt den allezeit zufriedenen Optimismus, d. h. die Überzeugung, daß der gute und liebe Gott alles aufs beste eingerichtet habe oder zum besten kehren werde; die alte christliche Kirche, der Augustinismus, war wesentlich pessimistisch und verfluchte die schöne Frau Welt. Die Manichäer glaubten in jedem Menschen neben dem lichten auch ein finsteres Prinzip wirksam; Augustinus wurde ein abtrünniger Manichäer, aber eigentlich ging er noch weiter als seine früheren Genossen, da er lehrte, die Menschen wären erst böse geworden durch die Erbsünde. Nach der Meinung der Pelagianer konnte der freie Wille der Sündhaftigkeit der Menschen entgegenarbeiten; nach der Lehre des Augustinus, die im Calvinismus noch weit mehr als im Katholizismus und im Luthertum folgerichtige und rücksichtslose Orthodoxie ist, wurde der Wille völlig ohnmächtig ohne die Gnade, war der freie Wille zum Guten durch die Erbsünde ausgetilgt worden. Und die Erbsünde, das Um und Auf des schlimmheiligen Augustinus, war ein Werk des Teufels gewesen. So geriet der Teufel, vor dem das Volk sich nach eigenen Vorstellungen fürchtete, auch in das Dogma hinein, und bald wußten die Geistlichen, die jetzt zum ersten Male ein Lehramt hatten, allerlei Dogmatisches von dem Teufel zu erzählen: daß er ein Geschöpf Gottes sei, ein gefallener Engel, daß er einen Körper habe und so als Incubus (schon bei Augustinus) wahrnehmbar werden könne. Schon ist die geschlechtliche Phantasie tätig, diesen Teufel als Anreger böser Lüste auszumalen. Schon ist die Kirche gegen das Heidentum, die Teufelsreligion, so unduldsam, daß die Tugenden der Griechen und Römer (von Lactantius und Augustinus) für glänzende Laster erklärt werden. Die ersten Teufelslegenden werden schon vor dem 6. Jahrhundert erdichtet. Die geistlichen Verfasser wissen um den Teufel Bescheid, um sein äußeres wie um sein inneres Wesen. Er ist nicht so kenntnisreich wie die guten Engel; er bewirkt alles Böse, nicht nach dem Willen Gottes, aber mit »Zulassung« Gottes. Origenes hatte noch gehofft, der Teufel würde sich dereinst bessern und zu Gott zurückkehren; jetzt verkündete die Kirche und verordnete der Kaiser (Justinianus) die Unverbesserlichkeit des Teufels. Die Bekanntschaft mit dem Teufel wurde immer genauer: der Böse hatte menschliche Gestalt angenommen und war von schwarzer Farbe. Mit diesem menschlichen Teufel konnten verworfene Leute einen Vertrag schließen, ein sogenanntes Bündnis, durch eine Verschreibung wie durch ein gerichtliches Schriftstück. (Die älteste Faustsage, die vom heiligen Theophilus, stammt zwar erst aus dem 10. Jahrhundert, gründet sich aber auf viel ältere Teufelsbündnisse; in dieser Legende verschreibt sich Theophilus dem Teufel aus Zorn und Weltlust, und der Teufel wird um die Urkunde betrogen, wie Satan beim Erlösungswerke.) Die Neuerung bestand nur in dem rechtlichen Vertragsverhältnisse zwischen dem Teufel und dem Vasallen, der für seine Huldigung belohnt wurde; sonst war es wie einst: auch der Römer hatte z. B. von irgendeinem Gotte günstiges Wetter für sich und ungünstiges für seinen Nachbar erfleht; aus dem Gotte war eben ein Teufel geworden, mit dem sich aber, weil er sehr menschenähnlich war, ein Pakt schließen ließ.

Im Zeitalter Karls des Großen finden wir den mittelalterlichen Teufelswahn schon recht vollkommen ausgebildet. Die Taufe, in der Hauptsache wie in örtlichen Bräuchen, ist zu einer Abschwörung, einer Aushauchung, einer Anspeiung des Teufels geworden; die germanischen Götter zu christlichen Teufeln, die germanischen Sitten zu höllischen Gewohnheiten; wie früher im römischen Reiche der Teufelswahn durch Herabsetzung der antiken Götter gestärkt wurde, so jetzt bei den jungen Völkern die Teufelsfurcht durch die abergläubische Art, in der die Landesreligionen verfolgt wurden.

 

Der Teufel als Weltregierer

 

Mönch von Heisterbach

Für das 10. Jahrhundert mag ohne Einschränkung gelten, was protestantische oder aufklärerische Geschichtschreibung dem gesamten Mittelalter nachgesagt hat; die Finsternis wird kaum mehr durch einen Lichtstrahl erhellt, und der Teufel, immer leibhaftiger vorgestellt, wird beinahe zum alleinigen Weltregierer. Ohne Übertreibung: man erweist dem Teufel dieser wahrhaft barbarischen Zeit zu wenig Ehre, wenn man ihm nur die Rolle eines Gegenspielers, eines gleichmächtigen Gegengottes zuspricht; vor ihm allein haben die Menschen Furcht, durch ihn allein wird Zauberei geübt, er tut die meisten Wunder; was irgend Ungewöhnliches geschieht, das heißt aber wunderbar, also teuflisch; der Teufel ist zum Herrn der Welt geworden. Wer den Teufel leugnen wollte, wäre ein Atheist. Etwas von dieser Vorzugsstellung des Teufels hat sich bis zur Stunde da und dort erhalten. Es läßt sich nicht bestreiten, daß der Glaube an den bösen Teufel eigentlich noch tiefer, wenigstens noch wirksamer im Volke lebt als der Glaube an den guten Gott. Kleists Richter Adam, der lustige schlaue Schuft, drückt es so aus:
»Man hat viel beißend abgefaßte Schriften,
Die, daß ein Gott sei, nicht gestehen wollen
Jedoch den Teufel hat, soviel ich weiß,
Kein Atheist noch bündig wegbewiesen.«
Ein nicht ungebildeter italienischer Arciprete sagte mir einmal: »Daß Ihre Frau von Christus und von der Madonna nichts wissen will, das ist zu begreifen. So sind die Deutschen! Aber sie glaubt nicht einmal an den Teufel! Wie ist das nur möglich!?« Wie die Vorstellung vom Teufel viel leibhafter ist als die von Gott, so haben auch Theologen und Dichter die christliche Hölle viel anschaulicher dargestellt, als den christlichen Himmel. Dante malt die Hölle und das Fegefeuer realistischer als das Paradies, weshalb viele seiner Leser die Schönheiten der letzten Gesänge gar nicht kennen; der christliche Himmel gilt mit Recht für langweilig.
Im ganzen Abendlande gab es damals nicht leicht einen Teufelsleugner, wenn nicht etwa am Hofe der Päpste des sogenannten Hurenregiments; von einem dieser Päpste wurde allerdings berichtet und ihm in einem Prozesse zum Vorwurfe gemacht, er hätte auf die Gesundheit des Teufels getrunken. Vielleicht mündete die grauenhafte Angst, die man vor dem erwarteten Weltende empfand (man setzte den Beginn des tausendjährigen Reichs in das Jahr von Christi Geburt), in die nicht mehr zu überbietende Teufelsfurcht; vielleicht hängt es damit zusammen, daß sich im 11. Jahrhundert, weil die Welt nicht untergegangen war, ein Freidenken, überhaupt ein Weltdenken wieder hervorwagte. Bei Einzelnen. Im Volke hört die Epidemie des Teufelswahns vorläufig zu wüten nicht auf. Ja, man kann erst das 13. Jahrhundert, obgleich es zugleich wie plötzlich eine mittelalterliche Aufklärung gegen die Kirche in Kampf treten läßt, als den Höhepunkt der christlichen Teufelsreligion bezeichnen. Wir besitzen just aus den Jahren, in denen Kaiser Friedrich II. das Schlagwort von den drei Betrügern in die fromme Menschheit schleuderte, ein ganz harmloses, ehrlich gläubiges Buch, das den Zustand der Volksseele in greller Weise beleuchtet, das Buch der Wunder und Gesichte des Mönchs Cäsarius zu Heisterbach (geb. um 1180, wahrscheinlich in Köln, gest. um 1240). Das Buch ist eine Wunder- und Teufelschronik, die der Verfasser zumeist nicht aus älteren Schriften, sondern aus Berichten von noch lebenden Zeugen zusammengestellt hat; die Wundersucht des Verfassers ist so groß, daß er den unerhörten Ereignissen gegenüber nicht einmal feierlich wird, daß er manche Geschichte wie einen lustigen Schwank vorträgt. Das »Wundergespräch« des Mönchs von Heisterbach war ein Privatunternehmen; aber es hat durch seine Verbreitung dazu beigetragen, daß der Teufel der Volksreligion zu einer Gestalt der christlichen Theologie wurde; es hat besonders dem Hexenwahn eine bestimmtere Form gegeben und so die Hexenbrände mit vorbereitet. Der Teufel des Mönchs von Heisterbach erscheint bald als ein Tier (als Affe, Rabe, Kröte, aber auch als Pferd, Hund, Katze), bald als ein schöner oder auch ungestalter Mensch; er ist nicht ganz körperlich, denn er hat keinen Rücken, gewissermaßen keinen Schatten. Die Unzucht vollführt er je nachdem als Incubus oder als Succubus. Der Wille des Menschen bleibt gewissermaßen frei, der Teufel kann nur zur Sünde anreizen, wie der Schutzengel zur Tugend; der Teufel sitzt darum im Leibe des Menschen, irgendwo beim Unrat in den Eingeweiden, nicht in der Seele. Nach dem Tode streiten Engel und Teufel um die Seele des Menschen; wenn so eine arme Seele zur Hölle fahren muß, so hat sie Entsetzliches auszustehen, das mit ausführlichem Realismus geschildert wird.

 

Stedinger

Diesen allgegenwärtigen Teufelsvorstellungen entsprach das Treiben der kleinen Menschen, während gleichzeitig die Großen der Erde, der Kaiser und der Papst, ihren Kampf um die Herrschaft führten wie Leute, die sich vor Gott nicht fürchten und nicht einmal vor dem Teufel. In den Jahren, da Kaiser Friedrich II. als der Antichrist auftrat, wird aus den Niederlanden von der Stiftung einer Sekte der Luziferianer berichtet; es ist, als ob sich die kommenden Hexengreuel ankündigen wollten. Um die gleiche Zeit spielt die Geschichte der Stedinger, im Oldenburgischen; die Bauern wollten dem Erzbischof von Bremen die von Gott eingesetzten Zehnten nicht bezahlen; der Streit dauerte just so lange wie der Dreißigjährige Krieg, und der Sieg in größeren und kleineren Scharmützeln schien gegen den Erzbischof zu entscheiden. Da griff der zu Mitteln des geistlichen Kampfes; auf einmal wurden die Zehntverweigerer zu Teufelsanbetern gemacht, und die Teufelsanbetung, die die gesamte Christenheit übte, zu einer Ketzerei, die ausgerottet werden müßte. Zug um Zug wird in einer päpstlichen Bulle von 1223 den Stedingern das vorgeworfen, was vorher den meisten christlichen Sekten und nachher den Hexen den Hals brechen mußte: ekelhafte Liebkosung des Teufels, der in Gestalt einer Kröte oder eines eiskalten, blassen Mannes erscheint, oder auch eines schwarzen Katers; widernatürliche Unzucht; Schändung der Hostie. Als der Stedinger Aufruhr dann (1234) endlich im Blute der Bauern erstickt wurde, war von dem ganzen Teufelskram nicht mehr die Rede und der Sieger begnügte sich mit dem Hab und Gut der angeblichen Ketzer.

Den Ausdruck Luthers »die Welt voll Teufel« verstehen wir besser und buchstäblicher, wenn wir von der Satanalogie des 13. Jahrhunderts ausgehen. Das Einmischen des Teufels in alle Verrichtungen der Menschen ist ein Gegenstück zu der Vielgeschäftigkeit der göttlichen Vorsehung; nur ist die teuflische Vorsehung vorstellbarer: es gibt nur einen Gott, aber unendlich viele Teufel. Ein Verehrer des Teufels, der Abt Richalmus, hat für die Allgegenwart der Teufel ein hübsches Bild: wie wenn ein armer Sünder, tief ins Meer eingetaucht, oben und unten von Wasser umgeben wäre, geradeso umströmen die Teufel den Menschen von allen Seiten. Es ist genau wie bei der Vorsehung, die die Haare auf dem Kopfe gezählt hat; der Teufel steckt hinter jedem Husten, hinter jedem ungehörigen Einschlafen, hinter jedem Flohstich, hinter jedem Jucken, hinter jedem Bauchgrimmen, hinter jedem Versagen der Eßlust. Gegen alle Teufel ist das Zeichen des Kreuzes gut, darum auch gegen den Flohbiß und gegen den Rausch.

Die unzähligen Teufel sind alle bereit, die Menschen für ihren Abfall von Gott zu belohnen; der Glaube an die Möglichkeit eines Bündnisses mit dem Teufel wird jetzt allgemein, und schon wird erzählt, daß die Teufelsurkunde mit Blut geschrieben sein müsse. Auch die Berichte über die blasphemischen und ekelhaften Formalien beim Teufelsbündnisse mehren sich, über die Verleugnung Christi und den von jetzt ab immer wiederkehrenden Kuß auf den Hintern des Satans. Schon 1312 wird den Templern, die man aus Neid und Geldgier vernichten wollte, das Geständnis solcher Undinge auf der Folter erpreßt; noch vor der eigentlichen Einführung der Hexenprozesse.

 

Bulle » Summis desiderantes«

Bekanntlich wurde das Dasein des Teufelsbündnisses und der Hexen, nachdem Volk und Geistlichkeit diesen Wahn ausgebildet hatten und nachdem die Inquisition diesen Wahn schon lange gegen die Ketzer ausnützte, amtlich und feierlich vom Papste Innocenz VIII. anerkannt durch seine Bulle » Summis desiderantes« vom 5. Dezember 1484. Amtlich und feierlich, ex cathedra, weil weltliche und geistliche Fürsten der Rechtsbeugung der Inquisitoren zu widerstreben wagten. So verdichtete sich just in den letzten Jahren der Zeit, die man bisher das Mittelalter nannte, der Teufelswahn zum Hexenwahn, und die drei Jahrhunderte der Hexenbrände begannen. Ketzer und Aufklärer wurden womöglich mitverbrannt; und als die protestantische Ketzerei sich wie durch ein Wunder durchsetzte und sofort die alte Kirche im Verfolgen der Hexen und der Ketzer nachahmte, schien die Aufklärung, deren Verkünder des Feuertodes sicher war, für immer verloren, die Kirchenherrschaft für immer gesichert. Die Aufklärung, die im 13. Jahrhundert schon antichristlich oder deistisch gewesen war, mußte mühsam und vorsichtig erst den Hexenwahn bekämpfen. Ich werde diesen späten Rückschritt der Aufklärung in einem besonderen Abschnitte behandeln und will jetzt, unbekümmert um den Hexenwahnsinn der Kirche und um das untilgbare Verbrechen der Hexenverfolgung, die verhältnismäßig anständige und ehrliche Geschichte des Teufelswahns zu Ende führen. Wie bisher zumeist nach dem Buche von Roskoff, freilich mit einiger Vergleichung zwischen der Satanalogie und der Theologie, also mit einer Vorurteilslosigkeit, die man bei Georg Gustav Roskoff, dem protestantischen Gottesgelehrten (geb. 1814 in Preßburg, gest. 1889 bei Aussee), dem österreichischen Professor und Beamten, nicht suchen und nicht antreffen wird, so freisinnig auch seine »Geschichte des Teufels« (1869) die Vorstellungen des Mittelalters bekämpft.

 

Gott und Teufel

Wer sich nicht durch den in der Sprache mitverstandenen Gefühlswert täuschen läßt, der hier den Gottesbegriff hell und strahlend umgibt, dort den Teufelsbegriff rot und schwarz, wie ein Hof den Mond, der wird das Gemeinsame in beiden Vorstellungen nicht verkennen. Es sind zwei Dämonen, die nach ihrem Nutzen für den Menschen als gut und böse auseinandergehalten werden. Nicht einmal der Ausdruck »falscher Gott« für die Götter der griechischen, römischen, germanischen und slawischen Heiden ist richtig; so ein Dämon bleibt ein Gott, solange er durch übernatürliche Kräfte nützen oder schaden kann; und auf dem Glauben an übernatürliche Kräfte beruht die gesamte mittelalterliche Weltanschauung in Satanalogie wie in Theologie. Die Wirkungen der Teufel mögen gefährliche Wunder sein, falsche Wunder gibt es nicht. Nicht einmal die Kirchenlehre macht da einen Unterschied, denn der Glaube an den Teufel und seine übernatürlichen Kräfte gehört ja mit zur Rechtgläubigkeit; die Kirche sagt nur, was schon der alte Judengott gesagt hat: auch der andere Gott, der Gegengott, der Teufel ist ein Zauberer, ist fast so mächtig wie ich, aber du darfst ihn nicht anrufen, weil ich ein eifersüchtiger Gott bin; verbündest du dich mit dem Gegengott, so behandle ich dich als meinen Gegner. Der Begriff eines »falschen Gottes«, eines Götzen, entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn man sich erst dessen bewußt wird, daß man da an etwas Ähnliches denkt wie an einen falschen Prinzen, d. h. an einen lebendigen Menschen, der nur das Erbrecht des echten Prinzen nicht auf seiner Seite hat. Die Griechen und Römer waren in ihrem Polytheismus einfach genug, von falschen Göttern nichts zu wissen. Die Juden machten aus den Göttern der Gojim unberechtigte und darum machtlose Prätendenten. Wer den Teufel für den stärkeren Gott hielt, der schloß eben dennoch sein Bündnis mit dem Teufel. Auch der Teufel besaß seinen ordentlichen Dienst und seine Hierarchie; auch einen Sohn hatte er, mit einer Nonne gezeugt, den Zauberer Merlin.

 

Wundersucht des Mittelalters

 

Maria

Der Wunderglaube des christlichen Mittelalters stand tief unter dem, was im Altertum nur Leichtgläubigkeit war; auch Griechen und Römer nahmen die tollsten Berichte als Tatsachen hin, aber das lag nur an ihrer elenden Naturbeobachtung, denn eigentlich waren Griechen und Römer – abgesehen vom Pöbel – von dem ursächlichen Geschehen in Natur und Menschenleben überzeugt und hätten im Fortschreiten der Naturerkenntnis ihre Leichtgläubigkeit, die kein dogmatischer Wunderglaube war, ohne religiöse Bedenken ablegen können. Im christlichen Mittelalter dagegen gehörte es zum kirchlichen Dogma, daß es überhaupt keine Naturgesetze gebe, daß gegen den Naturlauf der Gott das Gute, der Teufel mit Gottes Zulassung das Böse bringe. Nicht nur Seuchen, Erdbeben, Hungersnöte, sondern auch alltägliche Vorkommnisse standen regellos unter der Willkür des guten oder des bösen Dämons. Die Phantasie des Mittelalters war unerschöpflich in der Erfindung wundersüchtiger Heiligenlegenden. Auch die Heroen des Altertums bestanden, wenn man den Dichtern glauben wollte, wunderbare Abenteuer; doch niemand brauchte den Dichtern zu glauben. Die Heiligen dagegen, die die Athleten Christi hießen, waren Wundertäter nach der Lehre der Kirche, und wer sich der Heiligenverehrung oder auch nur dem Bilderdienste widersetzte, war des Todes schuldig, als Ketzer oder gleich als Teufelsanbeter. Natürlich, denn die Hauptarbeit der Heiligen, die ursprünglich eben nur die Märtyrer gewesen waren, bestand nach der Volksmeinung und nach der Absicht unzähliger Legenden darin, daß sie die bußfertigen Sünder gegen die Bosheit des Teufels in Schutz nahmen. Die allerstärkste Feindschaft bestand zwischen dem Teufel und der heiligen Maria. Es verstand sich von selbst, daß die Mutter des Heilands geliebt und gefeiert wurde; doch bereits seit dem 4. Jahrhundert entwickelte sich – gegen häufigen Widerspruch – ein Kultus, der zuerst die Mutter als Mittlerin zwischen den armen Menschen und Gott verehrte, sie dann als Gottgebärerin einfach anbetete. Diese Vergottung der jungfräulichen Mutter hielt mit der Angst vor dem Teufel gleichen Schritt; in der Zeit, da Kaiser Friedrich das Schlagwort von den drei Betrügern prägte und doch zugleich die Einführung der Inquisition anordnete, da der Teufel nach allgemeiner Meinung das Weltregiment angetreten hatte, suchte die verzweifelte Menge ihre Zuflucht bei der Jungfrau Maria. Sie durfte nicht müde werden, die Macht, aber auch das Recht des Teufels durch ihre Wunder zu beugen. Lesen wir diese Marienlegenden heute nur noch als alte Dichtungen, so unterliegen wir sehr leicht dem Reize dieser allerliebsten, einprägsamen, oft hinreißend schwärmerischen Fabeln; auf die Menschen, die alle diese ungerechten Wunder inbrünstig glaubten, muß das Vertrauen auf solche Hilfe entsittlichend gewirkt haben. Eine ganze Menge von Legenden erzählt Geschichten, in denen die Jungfrau Maria, bloß weil sie angerufen worden ist, den ärgsten Sündern beisteht. Nicht nur schlimmen Nonnen, die ihr Gelübde gebrochen haben, auch ausgemachten Verbrechern. Ein Straßenräuber, der sein Gewerbe regelmäßig mit einer Lobpreisung der Jungfrau Maria begann, wird zum Dank dafür, am Galgenstricke hängend, von den weichen Händen Marias gestützt, so daß er nicht sterben kann; und da der Henker ihn mit dem Schwerte richten will, wird er durch ein Wunder auch dem Schwerte entzogen. Und nicht nur die diesseitige, auch die jenseitige Gerechtigkeit wird durch die gottgleiche Macht Mariens verhöhnt; der Teufel wird geprellt, betrogen, selbst da, wo er nach dem Rechtsgefühl des Mittelalters in seinem guten Rechte ist. Sogar mit Gewalt wird ihm mitunter die Verschreibung entrissen. Das äußerste scheint mir die Legende zu bieten, die ein Wunder an das mechanische Wiederholen des Namens Maria knüpft: ein Star, der das »Ave-Maria« aufsagen gelernt hat, plappert die Worte unter dem Griffe des Habichts und wird so gerettet. Die Kirche hatte kein Bedenken, ein solches Marienwunder, das an die Gebetmühlen der Lama erinnert, unter ihre Legenden aufzunehmen. Doch auch die ganz alltäglichen Marienwunder enthalten oft einen Zug von Rechtsbeugung, der uns empört und die Theologen der »Rechtfertigung«, die Protestanten, noch tiefer empören mußte. Anstatt hundert mehr oder weniger bekannter Beispiele nur eines, das die Umgehung des Rechtsweges durch ein freches Bild darstellt. Ich finde dieses unbezahlbare Beispiel in der Selbstbiographie des Stralsunder Bürgermeisters Bartholomäus Sastrow, die 1595 von dem Greise niedergeschrieben, erst 1823/24 vollständig, dann öfter in Auszügen herausgegeben wurde. Der alte Herr berichtet über eine katholische Predigt, die er in Landau, nach Verkündigung des Interims und Vertreibung der evangelischen Prediger, von einem geistlichen jungen Bengel hörte: daß die Jungfrau Maria doch anzubeten sei, gegen die Meinung der Lutherischen. Eine wahrhaftige Geschichte, von der ich nicht sagen kann, auf welche alte Legende sie zurückgeht. Einer, der viele Ave-Maria gesagt hat, stirbt und soll nicht in den Himmel eingelassen werden. Zu seinem Glücke ergeht sich just Maria mit dem Sohne vor der Himmelspforte. Jesus meint, er allein wäre die Tür, der Weg und die Wahrheit. Darauf Maria: »Bist du die Tür, so bin ich das Fenster. Nimm (zum Verstorbenen) die Seele beim Kopfe und wirf sie durchs Fenster in den Himmel.« Der alte Schreiber ruft denn auch entrüstet aus: »Was konnte gottloser und unverschämter sein als solche Predigt.« Eine solche Marienreligion, die die Jungfrau über den lieben Gott stellt, besteht heute noch oft in katholischen Ländern. Die verwegenste Blasphemie finde ich in Paalzows »Ästhetischem Christentum« (S. 274). Ein Spanier sagt zum Beweise dafür, daß Maria anbetungswürdiger sei als alle anderen Personen der Gottheit: »Die Mutter muß doch wohl mehr sein als der Sohn. Quando tenga la Vergin para me, yo caco en Dios.« (Wenn ich die Jungfrau zur Freundin habe, so scheiße ich was auf Gott.)

 

Geldgier

Insofern freilich wurde der Teufel zu einer Bezeichnung des falschen Gottes, als Sektenhaß, von Priesterherrschsucht geschürt, alle Andersgläubigen leicht zu Teufelsdienern machte, nicht nur bildlich; Luther hatte die Gebräuche der römischen Kirche nur Schlingen des Teufels genannt, die Katholiken nannten ihn ernsthafter einen Sohn des Teufels, wie einst die Gottesgeißel Attila für einen Sohn des Teufels galt. Als seit Ende des 15. Jahrhunderts der Hexenprozeß eine feste Einrichtung geworden war und von weltlichen und geistlichen Fürsten auf Ausrottung der Ketzer ausgedehnt wurde, abgesehen von dem Nebenzwecke der Gelderpressung, da mögen Gesetzgeber, Richter und Henker oft das schlechte Gewissen gehabt haben, daß sie eigentlich Schufte waren; in der Volksreligion jedoch waren die Ketzer in der Tat Anbeter eines falschen Gottes, des Teufels, und gerade bei den gläubigen Kirchenfürsten, deren es gewiß immer gab und die sich über die Volksreligion nicht erhoben, braucht man ein schlechtes Gewissen nicht jedesmal vorauszusetzen. Dazu kam, daß die Kirchenfürsten seit Gregor VII. und Innocenz III. eine ungeheure Macht zu verteidigen hatten und so als Politiker behaupten durften, daß der Zweck die Mittel heiligte. Es ist ja töricht, von dem Kampfe zwischen Staat und Kirche als von einem Kampfe zweier Ideen zu reden; in Wahrheit strebten die neuen Kaiser und die neuen Könige wie die neuen Kirchenhäupter nur danach, die ihnen geschichtlich zugefallene Gewalt zu stärken und zu sichern, die religiösen und die politischen Gründe waren nur Wortwaffen neben anderen Waffen. Der erbitterte Streit zwischen den Hohenstaufen und den Päpsten war ein weltlicher Streit um die Macht. Als nach dem Niedergang des Kaiseransehens Frankreich den Staatsgedanken aufnahm, wurde der gleiche Streit mit den gleichen Wortwaffen weitergeführt, nur scheinbar um religiöse Fragen.

Seit dem Zusammenbruch der antiken Kultur und dem Sieg des Christentums wurde die Aufklärung besonders dadurch verhindert, daß der geistliche Stand im Alleinbesitze der noch vorhandenen Bildung war. Bildung hieß und war Kenntnis der lateinischen Sprache; sinnlos war die beinahe schon tote Sprache Roms zur heiligen Kirchensprache geworden, daneben auch zur Sprache der Juristen und der Staatsmänner. Es gelang zwar den Päpsten nicht, die Volkssprachen zu vernichten, aber die Entscheidungen in allen Fragen der sogenannten Kirche und des sogenannten Staates war bei den Lateinkundigen, den Geistlichen, und man weiß, in welcher Weise das kirchliche wie das bürgerliche Recht zugunsten des geistlichen Standes gebeugt wurde. Die Kirche war geldgierig geworden und wurde reicher als irgendein weltlicher Fürst: durch gefälschte und ehrliche Schenkungen, durch Belehnungen und Stiftungen, dann in jähem Abstieg durch Reliquienhandel und Ablaßhandel. Der bare Unsinn gewann Geldwert, auch Reliquien des Teufels fehlten nicht: als Reliquie teuer gekauft wurde ein Stück von dem Loche, in dem das Kreuz gestanden hatte, wurde der Stein, den der Teufel dem Heiland gereicht hatte. Buße, einst ein sittlicher Begriff der Gesinnungsumkehrung, wurde zu einer Geldzahlung. Die schmerzhafte Buße der Geißler war eben die Zahlung der Armen.

 

Fleischeslust

Nach dem Volksglauben verlieh die göttliche Vorsehung mehr Schlachtensiege und Staatsgewalt, die Hilfe des Teufels mehr Gold und andere Schätze, aber es konnte auch umgekehrt kommen, der Gott und der Gegengott waren beide Verwalter weltlicher Güter. Nur eine einzige irdische Annehmlichkeit schien dem Teufel vorbehalten: die Befriedigung des Geschlechtssinnes, die denn auch verächtlich Fleischeslust oder Unzucht hieß. Man hat mit sehr viel Gelehrsamkeit aus Zufallsquellen nachzuweisen gesucht, daß die mittelalterlichen Menschen der Wollust besonders ergeben gewesen wären; es wird wohl eine arge Übertreibung sein, entstanden durch die lüsterne Phantasie just derjenigen Mönche, die sich kasteiten und in ihrer Überreizung überall widernatürlichen Geschlechtsgenuß zu erblicken glaubten. Noch schlimmer als im Altertum und in der Neuzeit wird auch die Perversität des Mittelalters kaum gewesen sein. Nur daß im Altertum und in der Neuzeit dem wirklichen Leben nicht eine Lehre gegenüberstand, die jede Geschlechtslust für Sünde erklärte. Im Hinblick auf die reine Gestalt des Heilands macht es freilich einen tollgrotesken Eindruck, wenn in Rom der Bischof vor der Weihe erst ausdrücklich beschwören mußte, er hätte weder das Verbrechen der Päderastie begangen, noch das der Sodomiterei, hätte keine Nonne vergewaltigt und nicht in Bigamie gelebt. Die Menschen waren im Mittelalter nicht reiner und nicht verruchter als vorher und nachher, aber daß die Geistlichen, die sich für Spender des jenseitigen und auch des diesseitigen Heils ausgaben, entgegen den Lehren des Evangeliums in Genußsucht und Habgier versunken waren, das schien unerträglich, schien nur als eine Wirkung des Teufels begreiflich. Das Mittelalter besaß als vermeintliches Wissen nur Theologie, die zur Hälfte Satanalogie geworden war. Allen Fakultäten wurden ihre Aufgaben von der Theologie gestellt: die Philosophie sollte nur die Lehrsätze der Kirche logisch beweisen, auch das Dasein und die Eigenschaften des Teufels; die Rechtswissenschaft sollte Kirchenrecht werden, dessen Handhabung den Geistlichen zustand, und besonders das Strafrecht sollte die Verfolgung der Ketzer und Teufelsanbeter, die Anwendung der Folter und der grausamsten Strafmittel begründen; sogar die Arzneikunst, die eigene Wege gegangen war, sollte zu dem Gedanken zurückgeführt werden, die wahren Erreger der Krankheiten wären die Dämonen. Die entsetzlichen Seuchen des Mittelalters wurden von der Kirche – ich kann zwischen beiden Auffassungen keinen wesentlichen Unterschied finden – entweder als Strafen des Gottes oder als grausame, von dem Gotte zugelassene Niederträchtigkeiten des Teufels betrachtet.

Auch die Ketzer des Mittelalters, weil sie eben keine Aufklärer waren, mochten sich gegen den unchristlichen Weltsinn der Kirche auflehnen und gegen das noch unchristlichere Treiben der Geistlichkeit; doch sie dachten gar nicht daran, eine andere Sprache zu reden als die der Theologie und die der Satanalogie. Besonders die Sekte der Manichäer war nicht ausgestorben, lebte unter verschiedenen Namen wieder auf und brachte ein fertiges System von Teufelsreligion über Konstantinopel nach dem Abendlande, einen Dualismus, der den Teufel zu einem Sohne Gottes und zum eigentlichen Regierer der Erde machte. Unter der Bezeichnung der Katharer wurden jetzt ähnliche Sekten zusammengefaßt; mag nun der Schimpf »Ketzer« wirklich (wogegen Paul Bedenken äußert) von »Katharer« herkommen oder nicht: gegen die Ketzer, die Teufelsanbeter, richtete die Kirche seit Innozenz III. ihre zusammengefaßten Angriffe, belebte die alten Kreuzzüge, führte die neue Inquisition ein, benutzte die Wut des Volkes, die eigentlich nur den Hexen und Zauberern galt, so daß erst Inquisition und Hexenprozeß überwunden werden mußte, bevor die moderne Aufklärung ihre Arbeit beginnen konnte.

 

Gottesfreunde

Die neueste Geschichtschreibung sagt für Katharer gern Neu-Manichäer; eine wahrscheinliche Vermutung wird so durch Namengebung zu einem wissenschaftlichen Ausgangspunkte gemacht, die Vermutung, daß die abendländischen Ketzer (die Albigenser) in geschichtlichem Zusammenhang stehen mit den alten Manichäern. Mit Sicherheit ist dieser Zusammenhang nachgewiesen für die morgenländischen Sekten der Euchiten in Thrakien und der Bogomilen in Bulgarien. (Bogomil, slawisch, nicht »Gott, erbarme dich«, sondern »Gottlieb«, Gottesfreund.) Diesen beiden Sekten ist es gemeinsam, daß sie die Satanalogie, die im Abendlande an der Kirche als Volksreligion emporrankte – bis die Ranke zur Stütze wurde –, zuerst in ein phantastisch großes theologisches System brachten. Im 11. und im 12. Jahrhundert. In Lehre und Leben offenbar den ursprünglichen Manichäern verwandt. Bei den Euchiten und Bogomilen wurde namentlich, was ich hervorheben möchte, die Vorstellung von einem Gott-Teufel ausgebildet, von dem Satanael. Nach einem sehr alten Berichte gab es da bei beiden Sekten, die in Moses ein Werkzeug des Teufels und in der Bibel ein Buch der Unwahrheit erblickten, einen obersten Gott, dessen ältester Sohn Satanael die irdische, dessen jüngerer Sohn Christus die himmlische Welt verwaltete; man diente den beiden Gottessöhnen oder auch nur einem, dem bösen oder dem guten. Besonders bei den Bogomilen, denen Elohim der Satanael gewesen zu sein scheint, wird die Menschenschöpfung und die Geburt des Heilands zu einer dichterisch willkürlichen Kosmogonie und Heilsordnung umgedeutet. Christus wird nur zum Scheine ein Mensch. Der scheinbar aus einer Jungfrau Geborene besiegt den Bruder Satanael, der jetzt den zweiten Namen (El = Gott) verliert und zum Satan wird. Die Bogomilen oder Gottesfreunde sind die Auserwählten, die keine Taufe und kein Abendmahl brauchen, die nicht einmal das Kreuz verehren, geschweige denn die Bilder. Die Bogomilen wurden verfolgt, erhielten sich aber seit der Mitte des 12. Jahrhunderts bis fast zur Zeit der Eroberung der Balkanländer durch die Türken und vielleicht noch länger.

Die Katharer des Abendlandes, die noch viele andere Namen führten (wie Bulgaren, Pateriner), hängen also wahrscheinlich mit den Bogomilen, fast sicher mit den alten Manichäern zusammen, die in Nordafrika, Spanien, Italien und Frankreich nicht völlig ausgetilgt worden waren; von Zeit zu Zeit treten Sektierer auf, die die Sakramente und die Trinitätslehre verwerfen und dafür in den Tod gehen. Im Jahre 1167 wird in Frankreich ein Konzil der Katharer veranstaltet; der Sitz des Oberhauptes soll nach Bosnien gewiesen haben, wo die Pateriner seit Innozenz III. als eine manichäische Sekte arg bedrängt wurden.

Der Name der Albigenser (von Albi in Südfrankreich, aber doch wohl angelehnt an die Albanesen, die nach Alba in Piemont so hießen) wurde zum Gesamtnamen für die französischen Ketzer, von denen die strengsten ähnlich wie die Bogomilen zwei Prinzipien anerkannten, in Moses ein Werkzeug des bösen Prinzips sahen, auch im Täufer Johannes, die Personen der heiligen Familie für Scheingestalten erklärten; andere Anhänger der Sekte stellten sich in ein leidliches Verhältnis zur Trinität.

 

Inquisition

Um das Jahr 1200 war diese Ketzerei in Südfrankreich zu einer Macht angewachsen, zu einer wirklichen Gefahr für die katholische Kirche. Es ist bekannt, wie blutig die Sekte (1208 bis 1229) durch die neue Inquisition und den »weltlichen Arm« ausgetilgt wurde.

Es ist selbstverständlich, daß die Kirche da zunächst nur aus politischen Gründen die unbotmäßigen Katharer und den Grafen von Toulouse unterdrückte. Wäre es ein geistiger Kampf gewesen, so müßte mit nur geringer Übertreibung gesagt werden: daß die Katharer von der orthodoxen Kirche freilich auch in Lehrsätzen und im Gottesdienste abwichen, daß aber der Hauptunterschied doch mehr auf dem Gebiete der Satanalogie als der Theologie lag. Schroff ausgesprochen (schroffer, als es der Zeit zum Bewußtsein kam): die Kirche lehrte grundsätzlich einen gewissen Monotheismus und fand sich mit der Nebenregierung des Satans unbestimmt ab; die Katharer lehrten grundsätzlich die Doppelregierung des Gottes und des Teufels. Und da ist es nun höchst beachtenswert, daß das vermeintlich rechtgläubige Volk just damals, im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts, der äußersten Teufelsfurcht erlag, den Teufel zum fast alleinigen Herrn der Welt machte und so noch über die Lehre der Katharer hinausging. Die Inquisition hatte den Satan der Ketzer mit Hilfe des volksmäßigen Teufels ausgetrieben; und dieser Teufel blieb von jetzt ab in der Kirche mächtig. Man kann einfach sagen, daß die Kirche viele Teufelsvorstellungen der Manichäer in ihre eigene Satanalogie aufnahm und den Teufelswahn des Volkes überall begünstigte; ihre Gewalt war zu Beginn des 13. Jahrhunderts stark genug geworden, um die Unbotmäßigkeit der Ketzer zu unterdrücken; einst hatte man sich damit begnügt, die eigensinnigen Leute, die irgendein Dogma ablehnten, von der Gemeinsamkeit der Gläubigen auszuschließen, was ja ein gutes Recht jeder Genossenschaft ist; jetzt beriefen sich römische Juristen auf altes spätrömisches Recht, um die Todesstrafe über die Ketzer zu verhängen. Erst die Gerichtsbarkeit konnte der Kirche Gewalt über Leben und Tod der Menschen verschaffen; das Recht der Untersuchung, der Inquisition, also die Gerichtsbarkeit, erlangte die Kirche zur Zeit ihrer höchsten Macht wenigstens gegen die Ketzer und gegen die Teufelsdiener. Mit sophistischer Geschicklichkeit wußten es die Theologen dahin zu bringen, daß diese beiden religiösen Verbrechen zusammengedacht wurden, der Abfall von der Kirche und das Bündnis mit dem Teufel; das Volk, das die Ketzer nicht haßte und ihre Verfolgung mißbilligte, hatte vor dem Teufel und den Hexen eine wilde Angst und wurde so der Ketzerausrottung erst günstig gestimmt, als es die Ketzerei für eine Wirkung des Teufels zu nehmen gelernt hatte; vorher konnten sich weltliche und geistliche Fürsten, die sich aus Klugheit oder Menschlichkeit der Einführung der Inquisition entgegenstellten, auf das Volk stützen; nachdem aber erst der Teufel an die Wand gemalt worden war, gewöhnten sich auch die kleinen Leute an die Ketzerverbrennungen wie an die Hexenverbrennungen, an alle die Unmenschlichkeiten der Inquisition.

Das Grauen, das unsere Zeit in unzähligen geschichtlichen und dichterischen Darstellungen vor der Inquisition bekundet, kann natürlich nur der Einrichtung gelten, nicht dem Begriffe, der ursprünglich fast ebenso unschuldig ist wie der Begriff » sanctum officium« für die Würde und die Aufgabe dieses kirchlichen Gerichtshofs. » Inquisitio« war schon im Lateinischen ein schlichter Fachausdruck für Untersuchung, Vernehmung in einem Prozesse; es gehört in die Zufallsgeschichte der Sprachen, daß z. B. in Frankreich die ältere Form » enquête« besonders für Einleitung eines Kanonisationsprozesses, das jüngere »Fremdwort« inquisition für Einleitung eines Ketzerprozesses verwandt wurde. Von solchen Prozessen auf Leben und Tod weiß die Kirche nichts, solange sie nicht eine Macht zu verteidigen und einzusetzen hat; eine gewisse halb unfreiwillige Duldsamkeit wird erst von Augustinus und dann noch härter von Thomas verlassen; dieser verlangt bereits den Tod des Ketzers, weil Glaubenstrübung schlimmer sei als Münzfälschung und weil – unser Gefühl sträubt sich umsonst gegen solche Logik – der Umgang mit einem Ketzer verboten sei, der Umgang aber am sichersten durch seine Verbrennung vermieden werde.

Zur förmlichen Einsetzung einer Gerichtsbarkeit über die Ketzer, zu einer Inquisition, kam es aber erst unter Innocenz III., als dieser stärkste aller Päpste den Kaiser und die Könige von England und Frankreich unter seinen Willen, den Willen von Gottes Statthalter, gezwungen hatte und gleichzeitig die Ketzerei bedenklich anzuschwellen begann. Innocenz III. scheint gläubig gewesen zu sein, kein Heuchler; aber wie er der eigentliche Begründer des weltlichen Kirchenstaates war, so bestimmten ihn auch rein politische Gründe, die langsam verblassende Idee der Kreuzzüge dadurch neu zu beleben, daß er die Kreuzzüge gegen die Ungläubigen zu Ketzerkriegen, zu Ausrottungskriegen gegen die Irrgläubigen verwandelte. Eine solche Blutarbeit wurde allen Fürsten durch das vierte Laterankonzil (1215) zur Pflicht gemacht, wo übrigens kaum beraten, sondern nur der Wille des Papstes angehört und zum Gesetze erhoben wurde: Vertilgung der Albigenser, Verdammung des Amalrich von Bena und des Joachim von Fiore, Drangsalierung der Juden; der Fürst, der sich den Befehlen des Papstes nicht fügte, sollte selbst verdammt und endlich abgesetzt werden. Kein Wunder, daß die Kirche noch rücksichtsloser gegen Privatpersonen vorging, die auch nur im Verdachte standen, mit Ketzern menschlich verkehrt oder ihrer sich angenommen zu haben.

Die juristische Unterlage des Verfahrens gegen die Ketzer wurde ebenfalls vom vierten Laterankonzile gelegt; dieses Gerichtsverfahren, also die inquisitio, stand zunächst den Legaten und den Bischöfen zu, wurde aber schon von den folgenden Päpsten zu einer Angelegenheit der römischen Kurie gemacht. Der Papst ernannte die Inquisitoren, betraute mit diesem Amte die neuen Orden, besonders den der Dominikaner, schuf das Kriegsrecht gegen die Ketzer, gegen ihre Verteidiger, Helfer und Anhänger. Der Inquisition verfallen ist jedermann, ob hoch oder nieder, mit alleiniger Ausnahme des Papstes. Der Papst hat ein Netz über die Welt geworfen, dem niemand zu entgehen vermag; nach menschlicher Voraussicht.

Der Kampf um die Durchführung des neuen Gerichtsverfahrens beginnt überall. Gleich unter Innocenz III. in Italien. Selbst dort widersetzen sich einige Kleinstaaten, wie die Republik Venedig, die die höchste Gerichtsbarkeit nicht abtreten wollen. In Frankreich, wo der eigentliche Ketzerkrieg zwanzig Jahre lang tobt, empört sich das Volk gegen die blutigen Schaustellungen; die Inquisitoren sind mitunter ihres Lebens nicht sicher. Die Könige benützen freilich dann und wann das außerordentliche Verfahren, um widerspenstige Große zu vernichten oder Geld zu gewinnen; aber früh schon, hundert Jahre vor der Reformation, gelingt es, die gallikanische Kirche soweit von Rom zu befreien, daß die Inquisition, d. h. der Blutbann des Papstes, auf französischem Boden aufhört.

In Deutschland gab es der Kirche gegenüber keine starke königliche Macht; als Konrad von Marburg, der harte Beichtvater und Peiniger der heiligen Elisabeth von Thüringen, sich zum Werkzeuge der Kurie hergab, vielleicht doch noch mehr blutgierig als Blutwerkzeug, um so etwas wie die Albigenserkriege auch in Deutschland durchzuführen, da wehrten sich die Herren von Adel, das Volk ging mit dem Adel, und Konrad wurde (30. Juli 1233) totgeschlagen, ungerächt; einer seiner Mitinquisitoren wurde in Friedberg von Rechts wegen aufgehängt. Das Recht auf Ketzerverfolgung wurde in Deutschland wieder von den Bischöfen in Anspruch genommen; der Papst bekam die Oberhand erst, als (1484) durch die oft zitierte Bulle » Summis desiderantes« die Grenzen zwischen Ketzerverfolgung und Hexenverfolgung verwischt wurden. Auch in den Niederlanden konnte sich die eigentliche Inquisition, das Verfahren gegen die Irrgläubigen, nicht halten; der spätere Versuch Spaniens, die Inquisition als politisches Mittel zu verwenden, beschleunigte den Abfall. In England war die Kirche wie in Frankreich national genug, der römischen Inquisition keine Macht über die Bischöfe zu gewähren.

Nur in Spanien gelangte die Inquisition zu voller Blüte, um nachher dort zuerst in den politischen Dienst der Gegenreformation gestellt zu werden. Es ist bekannt, wie teuflisch die berüchtigten Großinquisitoren (Torquemada, Arbuës – von den Verwandten seiner Opfer 1485 ermordet – und auch der weit großzügigere Staatsmann Ximenes) gegen Ketzer und Juden, gegen Marranen und Moriskos wüteten; bekannt und doch lange nicht bekannt genug. Für die Unmenschlichkeit der Todesurteile und für die theatralische, zu Volksfesten ausartende Vollstreckung ist in Spanien Königtum und Papsttum gleicherweise verantwortlich. Nur in Spanien hatte die Inquisition sich als Machtmittel entwickelt und erhalten, so daß sie, inzwischen durch die Verbindung mit der überall populären Hexenverfolgung für uns noch tiefer geschändet, für die damalige Zeit rehabilitiert, als Hauptwaffe gegen die erste siegreiche Ketzerei, die Reformation, dienen konnte. In dieser neuen Gestalt arbeitete die Inquisition in Spanien, in Italien (jetzt auch in Venedig), bis zum Ausbruch der Revolution auch in den Niederlanden; erst im 19. Jahrhundert erlosch sie in den katholischen Staaten; die katholische Kirche hat auf ihre Inquisition bis heute nicht verzichtet, hat noch 1867 den Ketzerbrenner Arbuës heilig zu sprechen gewagt, worauf dann Wilhelm Kaulbach durch seinen damals vielbewunderten, allzu tendenziösen Karton antwortete.

Einige Humanisten (Ochino, Paleario) waren einsichtsvoll genug, die Bedeutung dieser furchtbaren Waffe, die »gegen alle Gebildeten immer gezückt war«, zu erkennen, zu begreifen, daß eine Befreiung von Theologie und von Satanalogie nicht möglich war, solange lebendig verbrannt wurde, wer ein Wort gegen das Dasein des Gottes oder des Teufels vorbrachte. Im ganzen wird der Kampf des Humanismus gegen die Inquisition mit äußerster Vorsicht geführt. Die Reformatoren, gegen die sich die Inquisition bald, etwa seit 1542, mit furchtbarem Erfolge wenden sollte, sind als Freiheitskämpfer scharf von den Humanisten zu scheiden. Sie waren zu tief verstrickt in Unduldsamkeit gegen andere und in Teufelswahn, um die Ausrottung der Irrgläubigen und der Teufelsdiener nicht gutzuheißen.

 

Luther

Alle Vorliebe für die sittliche Kraft und für die dichterische Sprachkraft Luthers darf uns nicht abhalten, seine schwerste Schuld zu erkennen: daß er den Teufelswahn der letzten Jahrhunderte in den Protestantismus mit hinübergenommen, ja eigentlich in dogmatischer Hinsicht womöglich noch gestärkt hat; die Hexenbrände wurden in protestantischen Ländern beinahe fanatischer, beinahe mit besserem Gewissen verteidigt als in katholischen. Nur hätte ich nicht eine Schuld nennen sollen, was doch nur eine Folge von Luthers Beschränktheit war. Für ihn war der Teufel einfach das Werkzeug, der Henker im Dienste von Gottes Zorn. Der Teufel hat es besorgt, wenn ein Mensch ersauft, abstürzt oder an einer Seuche stirbt. Der blödeste Teufelswahn des Pöbels wurde von Luther in Lehrsätze gekleidet und kam so in das Augsburger Bekenntnis und in die Konkordienformel hinein. Der Katholik war nicht so ganz gottverlassen, weil ihn gute Werke oder die Wunder der Heiligen vor der Bosheit des Teufels schützen konnten; der gläubige Protestant war schlimmer daran, weil er sich durch die Erbsünde dem Teufel von Rechts wegen verfallen wähnen mußte. Das » Theatrum Diabolorum« (1569), ein gut lutherisches Sammelwerk von Teufelstraktätchen, war nicht so grauenhaft blutig wie der Hexenhammer von 1487, aber auf das Denkvermögen der Protestanten wirkte es ebenso vergiftend. Der Teufel könne Zeichen und Wunder tun, auch durch Gespenster und durch Verblendung; nur einige besondere Wunder seien dem Gotte vorbehalten. Durch anhaltende Gebete könne der Teufel ausgetrieben werden. (Widerwärtig ist eine solche Teufelaustreibung durch Luther, bei der der leidenschaftliche Mann seinen Gott zuerst »heftig« anfleht und dem armen besessenen Mädchen, das wohl nicht sofort erlöst wurde, einen Fußtritt gibt; selbstverständlich galt der Fußtritt dem Teufel.) An fleischliche Vermischungen mit dem Teufel glaubt das Theatrum nicht so gröblich wie Luther, hält sie aber doch wohl für möglich. Es soll übrigens nicht verschwiegen werden, daß dieses Bekenntnisbuch mit seinem ganzen nichtswürdigen Teufelskram vielleicht gar noch aufklärerisch wirken wollte und sollte gegenüber dem Pöbelteufel, vor dem Luther zeitlebens zitterte; wäre diese Vermutung richtig, daß nämlich die Verfasser des Theatrum das Roß Gottes und des Teufels rationalistisch zu verbessern vermeinten, so wäre über Luther das härteste Urteil gesprochen, so hätten ihn schon seine nächsten Anhänger und Nachfolger im Punkte des Teufelswahns gern verleugnen mögen. Denn darin war die neue Religion ehrlicher, aber auch rückständiger als die alte: daß in Rom zwar jeder Volksaberglaube weislich erhalten und gepflegt wurde, Päpste und Kardinäle jedoch weder an Gott noch den Teufel glaubten, daß dagegen die gottseligen Reformatoren (auch Zwingli und Karlstadt) von einer ganz echten Teufelsangst geplagt wurden.

Man redet und schreibt gewöhnlich so, als wäre der Protestantismus auf dem Wege von Luther zu den orthodoxen Pastoren des 17. Jahrhunderts tief hinabgesunken; gewiß, die Persönlichkeiten dulden keinen Vergleich: der Augustinermönch, der mit Inbrunst und Lebensgefahr, aus eigener Kraft, gegen Kaiser und Papst einige Lehren der Kirche als unbiblisch verwarf und den Abfall von Rom zum ersten Male seit dem ganz anderen griechischen Schisma siegreich durchsetzte – und die protestantischen Orthodoxen, die als kleine Päpstlein von ihrer Landesherren Gnaden wieder scholastische Buchstabenklauberei zu treiben anfingen. Aber den Buchstabenglauben hatte schon Luther selbst der Reformation in die Wiege gelegt. An einige Traditionen der römischen Kirche glaubte Luther nicht mehr, aber an der entscheidenden Tradition, der von einem inspirierten Worte Gottes, wagte er, dachte er nicht zu rütteln; so durfte die Lehre vom Teufel weiter als inspiriert gelten. »Rund und rein ganz und alles geglaubt oder nichts geglaubt.« Und weil nach der neuen oder erneuerten Theologik gute Werke und ein guter Wille nichts mehr wert sein sollten, sondern nur noch der gute Glaube, für das ewige Heil nämlich, darum wurde es jetzt so überaus wichtig, daß der Christ alles glaubt, auch und besonders den Teufel. Jetzt kam der Teufel sogar in das Gebet hinein und in die Form des Gebetes, die Kirchengesang heißt. In dem Liede »Eine feste Burg ist unser Gott«, gegen dessen Schönheit ich mich so wenig verschließe wie gegen die der Marseillaise, wird »der alt böse Feind« ausdrücklich »der Fürst dieser Welt« genannt; der Gegengott, mit dem fertig zu werden der gute Gott Mühe und Arbeit genug hat; und eher zweifelt Luther noch in seinem Herzen (wie seine oft widerliche Teufelsangst beweist) an der Überlegenheit des guten Gottes als am Dasein des Gegengottes.

So war der Teufelswahn, im Mittelalter ein gern geduldeter, oft geförderter Aberglaube, durch die Reformation zu einem Hauptstücke des richtigen Glaubens geworden.

 

Adiabolismus

Die katholische wie die protestantische Theologie hielt bis tief ins 18. Jahrhundert hinein an der Vorstellung von einem leibhaftigen Teufel fest, nachdem die Bekämpfer der Hexenprozesse im 17. Jahrhundert nur die entsetzlichste Wirkung des Teufelswahns zu tilgen versucht hatten, nicht aber den Teufel selbst; wir werden, wenn uns die Aufklärer beschäftigen werden, die gegen die Hexenbrände schrieben, erfahren, daß so tapfere Männer wie Dale, Weyer und Bekker das Dasein des Teufels nicht zu leugnen wagten, daß noch der starke Aufklärer Thomasius nur den von außen wirkenden persönlichen Teufel ablehnte, nicht den innerlichen, unsichtbaren Teufel im – Gottlosen. Der Teufel war bereits zum Gott-Ersatz geworden: wer den Gott leugnete, aus dem sprach der Teufel. Da aber dieser gottlose Teufel kein persönlicher Teufel mehr war, sondern das Böse an sich, so lief die neue Ansicht darauf hinaus: der böse Mensch glaubt weder Gott noch Teufel. Nur noch ein Schritt war zu tun und aus dem bösen Menschen wurde der denkende, der starkgeistige Mensch.

Für die christliche Theologie ist bis zur Stunde der Teufelswahn ebensowenig erledigt wie für die katholische Theologie der Hexenwahn; eine heimliche Sorge läßt auch die aufgeklärtesten Theologen befürchten, der Leugnung des Gegengottes, des bösen Gottes, werde die Leugnung des lieben Gottes selbst auf dem Fuße folgen. Ich muß es mir vorbehalten, den Anteil einzelner Aufklärer an dem Streite um des Teufels Bocksbart in späteren Abschnitten darzustellen; hier möchte ich nur vorausschicken, daß die Teufelsleugnung gegen Ende des 18. Jahrhunderts genau auf den gleichen kritischen Punkt gelangte wie die Gottesleugnung: noch vor dem persönlichen Gotte wurde der persönliche Teufel abgeschafft, auch der Teufel wurde ungefähr ins Psychologische übersetzt und ins Innere des Menschenherzens verlegt.

Der deutschen Gründlichkeit ging wieder einmal englischer Humor voraus, wenn anders die »Geschichte des Teufels«, die bereits 1733 herauskam, wirklich noch humoristisch zu nennen ist. Der Verfasser ist kein anderer als Defoe, der Erfinder des Robinson-Märchens. Er ist auch als Theologe kein Draufgänger, geht freilich in der Vergleichung zwischen Gott und Teufel offen und versteckt weiter als die öffentliche Meinung damals zu begreifen vermochte; vielleicht übte das vorsichtige Buch darum keine rechte Wirkung. Der Teufel sei mit der Geschichte fortgeschritten und entfalte in verschiedenen Zeiten eine verschiedene Tätigkeit; an unserem Glauben habe Gott ungefähr soviel Teil wie der Teufel. Die »Altertümer der Geschichte des Teufels« werden durchgenommen und die derben Teufelsversuchungen des Alten Testaments ohne Andacht vorgetragen. Seit dem Erscheinen Jesu Christi lasse sich der Teufel seltener sehen, doch es gehe ihm recht gut, weil er sich der Geistlichen bediene, um die einzelnen Kirchen gegeneinander zu hetzen. Ganz ungereimt sei es, sich den Teufel als eine Person und noch dazu an einem bestimmten Orte, der Hölle, vorzustellen. »Obgleich der Endzweck ist, Schrecken einzujagen, so ist das doch so einfältig, daß ich versichert bin, der Teufel lache darüber und ein vernünftiger Mensch werde auch kaum das Lachen halten können.« Wohl gebe es einen Teufel, aber nur symbolisch in allen Tyranneien, Narreteien, Spitzbübereien, Betrügereien und Inquisitionen. »Sonst versuchte der Teufel die Menschen zur Sünde, heutzutage versuchen sie ihn.« Dem Teufel werde die Schuld für jeden Mord und jeden Diebstahl aufgebürdet; je unwissender ein Mensch, desto mehr sei er geneigt, der Wirkung des Teufels zuzuschreiben, was irgend merkwürdig oder unbegreiflich sei, einerlei ob es sich wirklich zugetragen habe oder nicht.

An dem Kampfe gegen einen Glauben an den persönlichen Teufel beteiligte sich dann mit einer für einen deutschen und protestantischen Theologen unerhörten Freimut der berühmte Semler. Zuerst 1759 in einer »Abfertigung der neuen Geister und alten Irrtümer«, die er den angeblichen Teufelserfahrungen eines Superintendenten entgegenstellte. Es handelte sich um die Besessenheit einer begeisterten Weibsperson; Semler fand an der Sache gar nichts als die alte gemeine Täuscherei. Aber er benützte die Gelegenheit, seine Art der Bibelkritik auf die Teufelsfrage anzuwenden: so wenig wie der Ausdruck »im Himmel« wörtlich zu verstehen sei, ebensowenig die Redensart, der Teufel sei in einem Menschen; die Evangelisten und auch Jesus gebrauchten die Begriffe, die die Juden vom Teufel hatten. Sie redeten zum Volke, d. h. sie richteten sich nach den Begriffen des Volkes.

In den Niederungen der Theologie blieb der Teufelswahn und der Teufelsdienst bestehen, in den Niederungen der katholischen Theologie kam es sogar zu einer Renaissance der Teufelsliteratur. Während Teller (1772) in seinem biblischen Wörterbuche bereits vom Satan wie von einer allegorischen Figur sprach, während Lessing die Herausgabe der Fragmente des Wolfenbüttler Unbekannten vorbereitete, erstand im Zeitalter Friedrichs des Großen und Josephs II. plötzlich ein begeisterter Teufelsgläubiger. Der Schweizer Pfarrer Gaßner heilte sich selbst und unzählige andere Hysteriker durch den Teufelsbann. Gaßner starb zwar (1779) im Besitze einer reichlichen Pfründe, denn einzelne deutsche Bischöfe und der Papst selbst hielten sein Auftreten für verdienstlich; aber der Teufel hatte an Kredit verloren, österreichische Bischöfe nahmen gegen Gaßner die Partei der Aufklärung; nicht nur wissenschaftlich gebildete Ärzte, auch der Eigenbrödler Mesmer wollten die Wunderkuren natürlich erklärt wissen. Wieder mischte sich Semler in den Streit, um diesem Diabolismus mit seinem ganzen Ansehen entgegenzutreten, diesmal ohne seine sonst geübte Rücksicht. (Semlers Briefe und Aufsätze über die Gaßnerschen Geisterbeschwörungen sind vom Jahre 1776.) »Ein wunderlicher roher Eifer beschützt den verfluchten Teufel selbst wider die Christen ... Es ist kein Wunder, daß sehr viel von diesem Teufelsdreck auch unter den Protestanten übrig blieben und zur Lehre sogar mitgerechnet worden. Freilich ist es mein Ernst, ich fordere, es soll in dem Artikel des theologischen Compendii von Engeln und bösen Geistern, also auch in der kasuistischen Theologie alles ausgestrichen werden, was von leiblichen Handlungen und Taten des Teufels bejahet, geglaubet und gelehret worden. Es ist alter heidnischer Irrtum und verfälscht die wahre rechte christliche Religion. Ich will als ein christlicher Theologus solchen ganzen Teufelskram und alten schäbigen Plunder gerade ausstreichen aus dem Herzen und der sogenannten christgläubigen Seele, die übrigens von Gott und Christo Jesu nicht den zehnten Teil soviel und so ernsthaft und so oft denket als von dem theologischen Untier, Teufel, Satan, Beelzebub, und was es noch für heidnische Mützen und Namen geben mag.«

Die Teufelsanbeter im katholischen und protestantischen Lager erklärten sich durchaus nicht für besiegt; und es muß zugegeben werden, daß sowohl die katholische Tradition als das Bibelwort keinen Zweifel an dem Dasein des Teufels übrig ließ. In einer der Streitschriften wittert der fromme Gegner Semlers deutlich die Gefahr, die dem Gotte droht, wenn der Gegengott abgesetzt wird, wenn die Freidenker »dem Teufel seine Persönlichkeit nehmen und ihn in ein bloßes moralisches Wesen, in ein Bild oder in eine Allegorie und ebenso die ganze Religion in ledige Moral verwandeln«.

Auf diesem Standpunkte, daß nämlich der böse Teufel ebensogut ein Glaubensartikel sei wie der liebe Gott, steht heute noch die gesamte Orthodoxie, die protestantische wie die katholische; ja sogar den kirchlichen Vertretern der Mystik und des Pietismus paßt der Teufel in ihre Krämchen. Nur etwa der protestantische Liberalismus hat soviel unlogisches Schamgefühl, daß er den Gottesbegriff festhalten und den Teufelsbegriff preisgeben will. Diese auf irgendeinem Punkte der Entwicklung stehengebliebenen Freidenker möchten am liebsten im Teufel eine Personifikation des Bösen erblicken, im Gotte eine Personifikation des Guten; nur daß sie unter »Personifikation« beim Teufel ganz verwogen etwas wie eine Redefigur verstehen, der nichts Wirkliches entspricht, daß sie dagegen beim Gotte doch wieder eine leibhaftige Persönlichkeit mitverstehen. Dahin hat aber erst die Entwicklung der letzten zweihundert Jahre geführt. Seit Locke etwa ging es bergab mit dem Teufelsglauben in England, in Frankreich und endlich auch in Deutschland. Der englische sogenannte Deismus glaubte zwar nicht den Atheismus, sondern nur die religiöse Duldsamkeit einzuführen; er schaffte aber den christlichen Gott ab, den Gott der positiven Religionen, den persönlichen Gott und der persönliche Teufel stürzte da nebenher mit von seinem niedrigeren Thrönchen. Die französische Aufklärung der Voltaire und Diderot folgte und nahm es leichter mit dem Gotte wie mit dem Gegengotte. Adiabolismus wie Atheismus wird nicht geradezu gelehrt, nur dem Leser suggeriert. Die Enzyklopädie geht über den » diable« mit wenigen Zeilen verächtlich hinweg: das klassische Altertum habe den christlichen Teufel nicht gekannt; der Neger stelle sich den Teufel weiß vor; der schwarze Teufel sei nicht besser begründet als der weiße. Der kleine Artikel verweist noch auf die Artikel »Dämon« und »Prinzip«; aber auch dort würde man vergeblich ein Wort über Satanalogie suchen.

In Deutschland darf ein gelehrter und nicht fanatischer Theologe, Walch, es noch 1740 wagen (in seinem »Philosophischen Lexikon«), das Dasein der Teufel für gewiß zu erklären nach der Offenbarung, für wahrscheinlich nach der Vernunft; doch fast im gleichen Jahre (1741) darf E. D. Hauber seine » Bibliotheca Magica« herausgeben, in der die Hypothese des Thomasius, die Teufel seien zwar vorhanden, aber unwirksam – etwa so wie die Götter des Epikuros, durchaus anders als der deistische Gott, der äußerst wirksam, aber vielleicht gar nicht wirklich war – vorsichtig weiter führte. Die Bezeichnungen »Dämoniaker« und »Adämonisten« flogen als Schimpfwörter hin und her; noch war es eine Gefahr, für einen Atheisten zu gelten, noch durfte man nicht etwa mit der Gegenschelte »Gottesanbeter« antworten, aber schon wurde der Vorwurf, ein Adämonist zu sein, lachend hingenommen. Der Theologe Johann Salomo Semler (geb. 1725, gest. 1791), der zuerst in Deutschland eine moderne Kirchengeschichte schrieb, der zuerst frei zwischen Theologie und Religion unterschied, der einige Bibelkritik trieb, muß hier zum dritten Male genannt werden; er hielt sich für verpflichtet, den »Wolfenbütteler Fragmenten« (die seit etwa 1745 entstanden waren) mit geheuchelter Rechtgläubigkeit entgegenzutreten, war aber frei genug, dem immer wieder auftauchenden Gerede vom Besessensein kühn zu widersprechen: das Besessensein von bösen Geistern sei nur eine Redensart der alten Juden gewesen, die neuen Fälle seien gemeine Täuschereien; der Teufel könne weder in die Seele noch in den Leib des Menschen eindringen; überhaupt spreche das Neue Testament vom Teufel, wie die Menschen damals redeten, in den Begriffen, nach dem Munde der gemeinen Leute. Die Lage der Dinge war jetzt die: die »Dämoniaker« glaubten den Teufel in der christlichen Lehre nicht entbehren zu können, die »Adämonisten« ließen den Teufel fallen, sie gaben ein Fort preis, um die Hauptfestung, die Gottesvorstellung, desto besser verteidigen zu können.

 

Kant

Wenn wir Vaihinger Glauben schenken dürften, so hätte Kant noch vor Ende des 18. Jahrhunderts das letzte geleistet, was noch zu leisten war: hätte den Gott und den Teufel gleicherweise als Fiktionen hingestellt, als Postulate der praktischen Vernunft, die nur innerhalb dieser Vernunft existierten, als fiktive Postulate, denen wir uns trotzdem zu beugen hätten, als ob sie (Gott und der Teufel) der Wirklichkeitswelt als Schöpfer und Gesetzgeber angehörten, beziehungsweise als Vernichter und Verneiner. Gegen Ende des Weges, den zu schreiten wir kaum begonnen haben, werden wir zu prüfen haben, ob Kant wirklich den Gott, den er unter Preisgabe seiner Vernunftkritik als eine Forderung der praktischen Vernunft einschmuggelte, nicht metaphysisch verstand, sondern nur als eine moralisch nützliche Idee, ob Kant wirklich nur dem banalen Satze, dem Volke müßte die Religion erhalten werden, den abstraktesten Ausdruck verlieh, ob also Kant wirklich zugleich für die Neuverchristlichung der Philosophie und zugleich für die radikale Kritik des Gottesbegriffs die Verantwortung trägt. An dieser Stelle möchte ich nur feststellen, daß Kant allerdings den Teufel, den er freilich seltener bemüht – so wenn er zwischen den viehischen Lastern der Roheit (Völlerei, Wollust) und den teuflischen Lastern der Kultur (Neid, Schadenfreude) unterscheidet –, fast ebenso wie den lieben Gott als einen Grenzbegriff einführt als ein Ideal, über dessen Dasein in der Wirklichkeitswelt er nichts aussagt. In der »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft«, besonders im zweiten Stück (man vergleiche dazu Vaihingers »Philosophie des Alsob«, 1911, S. 656 ff.), lobt er an der christlichen Moral, daß sie das Gute und das Böse nicht wie Himmel und Erde, sondern wie Himmel und Hölle unterschieden vorstelle, »eine Vorstellung, die zwar bildlich und als solche empörend, nichtsdestoweniger aber ihrem Sinne nach philosophisch richtig ist«. Die Frage nach Endlichkeit oder Ewigkeit der Höllenstrafen wird zunächst eine Kinderfrage genannt (S. 81), dann aber deutlich davor gewarnt, solche Sätze als Dogmen aufzustellen, wenn sie auch, geglaubt, dem Bösen Abbruch tun können. Genau so wie später die Geburt eines vom Hange zum Bösen freien Heilandes aus einer Jungfrau als möglicher Gedanke hingestellt wird, als eine mögliche Idee, als ein Symbol, das wohl wieder nicht Dogma werden sollte. Offenbar versteht Kam überall, wo er von objektiver Realität einer Idee redet, nicht, was alle Welt darunter verstehen würde: ein Dasein in der Wirklichkeitswelt; sondern ein ens rationis, ein Gedankenwesen. So ist der Gott zuerst bei Kant zu einem Hilfsbegriffe geworden, zu einem Worte, doch zu einem äußerst wertvollen Worte der praktischen Philosophie.

Ich habe die Geschichte des Teufels über das Mittelalter hinaus genauer bis zu der Zeit dargestellt, in welcher – etwa nach der französischen Revolution – Satanalogie und Theologie in gleicher Weise verächtliche Scheinwissenschaften hätten werden müssen, wenn die Regentenweisheit der Gewalthaber den Philosophen und anderen Gelehrten den Atheismus ebenso gestattet hätte wie den Adiabolismus. Nun ist die ungeheuerliche Erscheinung des Hexenwahns wirklich nur ein einzelner Zug des Teufelswahns, ein besonderer Ritus der Teufelsfurcht; der Kampf gegen die Hexenprozesse wäre also unmittelbar an den Kampf gegen die gesamte Teufelsreligion anzuknüpfen. Ich will aber vorher den Überblick über die Aufklärung des sogenannten Mittelalters weiter führen, weil die geistige Epidemie des Hexenwahns erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts beginnt, während der Teufelswahn – wie wir eben gesehen haben – von Anfang an und fast unlöslich mit dem christlichen Glauben verbunden war. Man könnte es so ausdrücken: der Teufelswahn gehörte zum Wesen des Christentums; der Hexenwahn, im Volke entstanden, wurde von der Kirche künstlich geschürt und unmenschlich benützt erst dann, als Aufklärung und Ketzerei die Kirchenmacht zu untergraben schienen und so gegen Sektenbildung, Duldung, Gewissensfreiheit oder Indifferentismus – welche Forderungen man durch die Bezeichnung Atheismus oder Ketzerei zu Verbrechen stempelte – jedes Mittel erlaubt schien. Die Sorge um die Macht der Kirche kann die Wahl des Mittels natürlich nur erklären, nicht entschuldigen; daß aber die Macht der Kirche schon im Mittelalter selbst bedroht war, daß eine eigentümliche Freidenkerei die mittelalterliche Theokratie ernstlich gefährdete, das ist viel zu wenig bekannt.

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