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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3

Meine Mutter war so gereizt, daß ich nicht wußte, wie ich ihr jetzt helfen sollte. Sie vertrug die schwere, von den gemähten Wiesen her wehende, mit Heu- und Blüten- und Regenduft getränkte Luft nicht, die durch das offene Fenster hineindrang. Wenn ich aber das Fenster schloß, glaubte sie zu ersticken und hielt sich krampfhaft an mir fest, richtete sich auf dem knarrenden, schmalen Sofa auf und stöhnte dumpf. Kaum hatte sie sich beruhigt, als sie die Gelüste nach etwas Besonderem verspürte, und zwar waren es – genau wie bei mir vor Jahr und Tag – Bonbons und süßsaure Gurken, die sie begehrte. Trotz dem niederprasselnden Regen schickte sie mich zum Ortskrämer, der aber nur Bonbons, und auch die nicht von der gewünschten Sorte, und keinerlei Gurken hatte. Ich lief zurück, entschuldigte mich lang und breit bei ihr, aber sie hatte das Gelüst schon überwunden. Ich dachte an den baldigen Abschied, an meine ungewisse Zukunft, weit von ihr. Nun waren es die Stimmen der Herren in der großen Stube, die sie aufregten. Zuerst wollte sie selbst hinunterkommen und sich Ruhe verschaffen, dann schämte sie sich ihres Zustands, begann zu weinen und wies mir mit dem Finger, ich solle hinunterspringen und die Herren zum Schweigen bringen. Dabei war es ja nur die dröhnende Kanzelstimme des geistlichen Herrn, die ihr sonst immer sehr wohlgetan hatte, die hinaufdrang.

Ich befolgte ihren Wunsch, trat, nachdem ich kurz angeklopft hatte, in die Stube und begrüßte den Pfarrer mit den Worten: ›Gelobt sei Jesus Christus‹, worauf er, mir seine fette kühle Hand zum Kusse darbietend, freundlich antwortete: ›In Ewigkeit Amen.‹ Mein Vater sah mich groß und viel weniger freundlich an als der geistliche Herr. Er hob hastig den Kopf, als wolle er wissen, warum ich ohne Aufforderung gekommen sei. Ich wagte nicht, die Wahrheit zu sagen. Wir saßen also stumm nebeneinander. Endlich begann der Pfarrer: ›In der Schule kommst du gut fort, mein Sohn?‹ Ich nickte. Das qualvolle Schweigen setzte sich fort. Ich stand auf, ich konnte den Wunsch meiner Mutter nicht ausrichten. Der Geistliche mischte geduldig die Tarockkarten in Erwartung der zwei andern Spielpartner. Als ich gehen wollte, hielt er mich zurück. Er wollte sein Interesse zeigen, vielleicht glaubte er, auf diese Weise das Herz meines Vaters zu gewinnen und das Geld für die Kirchenreparatur zu erhalten. ›Du gehst also in das Gymnasium?‹ fragte er. Ich schwieg und sah ihn aufmerksam an. Mein Vater hatte sein Gesicht abgewandt. Er spielte mit den Hornknöpfen seiner abgeschabten grünlichen Stoffjoppe, die er während der Sommerwochen hier trug. ›Und da habt ihr auch das pythagoräische Dreieck durchgenommen?‹ fragte der geistliche Herr, der sich seiner Jugendstudien erinnerte. ›Pythagoräischer Lehrsatz? ja!‹ sagte ich, lebhaft werdend. Mein Vater hatte diesen Satz vor einigen Tagen mit mir wiederholt. ›So, so. Nicht pythagoräisches Dreieck. Ich habe immer geglaubt, es handelt sich um ein Dreieckerl, eine geometrische Figur sozusagen‹, sagte der Pfarrer lächelnd. Ich wollte die Sache in meiner Dummheit genau auseinandersetzen, aber mein Vater winkte ab und sagte, ›wir wissen schon, wir verstehen, natürlich, natürlich. Geh jetzt wieder zu Mama hinauf, aber vorher gehe noch einmal auf den Vorplatz, sieh zu, ob das Gatter geschlossen ist, damit die fremden Hühner nicht kommen, und putze dir dann zum Beispiel ordentlich die Schuhe ab.‹ Ich tat, wie er es wünschte. Es regnete so wüst, daß die Tarockpartner auf sich warten ließen. Bei solchem Wetter gingen die Hühner nie in einen fremden Garten. Es lag mir schwer auf dem Herzen, daß ich kein Glück bei meinem Vater gehabt hatte.

Ich fand meine Mutter wieder eingeschlafen. Vally kam auf den Zehenspitzen von unten, aus der Küche. Ich lehnte am offenen Fenster, den Kopf zwischen den Händen, und sah die Nebel steigen, was immer ein Zeichen schlechten Wetters ist. Vally kam näher, und ohne etwas zu sagen, zog sie mir erst die eine, dann die andere Hand vom Gesicht herunter. Ich weiß nicht, was sie damit ausdrücken wollte. Sie hatte vielleicht verstanden, daß ich traurig war.

Hier, wo ihr Vater ein geachteter Handwerker und überdies auch Bürgermeister war, war sie eine Standesperson. Ihre ungewöhnliche Schönheit – die meisten Mädchen aus dieser Gegend sind sehr mager, haben braunen Teint und sind knochig und finster wie Gebirgspferde – brachte es mit sich, daß sie einen Heiratsantrag nach dem andern erhielt. Auch der künftige Erbe des Partlhofes bot sich ihr an. Meine Mutter, so sehr sie an der Magd hing, riet ihr anzunehmen. Sie weigerte sich. ›Ich bin mit Ihnen gekommen, mit Ihnen gehe ich wieder.‹

Sie ahnte noch nichts davon, daß ich diesmal zwar mit ihr gekommen sei, aber nicht mit ihr zurückkehren würde. Vielleicht hätte dies ihren Entschluß geändert – und damit mein ganzes Leben. Sie war sechs Jahre älter als ich, und ihre ungeschickten, stürmischen Zärtlichkeiten machten mich einmal wütend, ein andermal schwach, ich hatte keine Ruhe, wenn sie um mich herumschlich und mich mit ihren Kirschenaugen durchdringend ansah ... Am Abend war meine Mutter wieder guter Laune, mein Vater umgab sie mit allen möglichen Zärtlichkeiten und half ihr sogar beim Aufstehen nach dem Abendessen.

Er blieb dann mit ihr noch einen Augenblick unter der Petroleumlampe beisammen. Ich glaubte, ich müsse ihm berichten, daß ich meiner Mutter meinen Entschluß mitgeteilt hatte, in das Knabenheim zu gehen. Aber das war es nicht, was ihn beschäftigte. Er rückte jetzt seinen Stuhl näher an mich heran, wir sprachen leise, obwohl meine Mutter noch nicht schlief. Wir hörten sie, gemeinsam mit Vally, beten. ›Ich möchte dich bitten, Kamerad, folge meinem Rat.‹ ›Gehorche ich dir denn nicht immer?‹ sagte ich, während es mich heiß und kalt überlief. ›Habe ich dir nicht immer geraten, du sollest nicht widersprechen?‹ ›Nein, ich glaube nicht‹, sagte ich Dummkopf, ›das hast du mir niemals gesagt.‹ ›Nun siehst du‹, sagte mein Vater und schlug wieder wie am Nachmittag sein Lachen an, das mir durch Mark und Knochen ging, ›eben habe ich dir gesagt: widersprich nicht!, und das erste, was du tust, ist, daß du mir widersprichst.‹ Ich schwieg. ›Ich möchte‹, sagte mein Vater, mich sanfter ansehend und die Wirkung seiner Worte auf mich genau prüfend, ›daß du einmal eine Stütze für mich wirst ...‹ ›Ich soll doch auch Arzt werden, Papa?‹ sagte ich und kam näher auf ihn zu. ›Sicherlich‹, flüsterte er mit geheimnisvollem Lächeln, von dem man nicht wußte, war es gut oder böse gemeint, und beugte sich etwas mit seinem Stuhl zurück, so daß die Entfernung gleich blieb, ›du sollst meine Stütze werden. Deshalb mußt du dich ändern. Höre! Man widerspricht nicht.‹ ›Es heißt aber doch pythagoräischer Lehrsatz und nicht pythagoräisches Dreieck –‹ ›Dreieck, Dreck!‹ unterbrach mich mein Vater zornig und stand auf, nach der Tür hinlauschend, von wo immer noch die eintönigen Litaneien meiner Mutter und Vallys kamen, ›Widerspruch und Widerspruch!‹ Ich runzelte die Stirn und sagte: ›Der Pfarrer hat es nicht übelgenommen.‹ ›Aber ich!‹ sagte er heftig und rückte jetzt gegen mich an, ›du hast recht, entweder –, oder du hast unrecht. Hast du recht, freue dich dessen, aber lasse dein Übergewicht nicht an Menschen aus, von denen etwas abhängt, denn jeder hängt von jedem ab!‹ (Was ich nicht verstand.) ›Hast du aber unrecht, dann – um so mehr.‹ Ich schwieg trotzig. ›So ist es recht‹, sagte mein Vater. ›Schweige! Schweige immerzu! Wer schweigt, sündigt nicht. Und du, betest du auch immer abends deine Litanei?‹ fragte er. Auch jetzt schwieg ich. ›Gut‹, sagte er. ›Und hast du noch deine Medaille, die du von dem Paralytiker in der geschlossenen Anstalt erhalten hast für deinen guten Dukaten?‹ Ich war starr vor Staunen, aber auch jetzt beherrschte ich mich und redete kein Wort. Wie konnte er das alles erfahren haben? War es ein Wunder? Wußte er alles wie Gott? Auf den einfachen Gedanken, daß man am nächsten Tage die Goldmünze im Garten gefunden und die Medaille am Halse des Irren vermißt habe, kam ich nicht. ›Immer besser, immer besser‹, sagte er leise, voller Ungeduld und verhaltenem Zorn, denn meine Mutter, die in diesen Tagen wegen ihrer veränderten Umstände sehr ängstlich geworden war, konnte des Betens kein Ende finden. ›Laßt euch nur ja nicht stören!‹

Mein Vater, der sich nach Ruhe sehnte, weil er verreisen mußte, konnte nicht in das Schlafzimmer, denn er wollte die arme Frau nicht stören, wenn sie ihr Herz vor dem Allmächtigen erleichterte. ›Ich muß morgen früh nach Salzburg fahren‹, sagte er schließlich, ›ich habe heute nachmittag einen Expreßbrief erhalten und soll dort einen grünen Star nach meiner neuen Methode operieren, das verstehst du doch?‹ Ich verstand nichts, aber ich nickte und sah meinen Vater erwartungsvoll an. ›Es ist möglich, daß ich noch einmal herkomme, der Pfarrer und der Lehrer glauben es fest, und du lasse sie beide dabei, wenn sie dich fragen sollten, aber ich weiß es nicht, weiß es nicht, natürlich – auf jeden Fall wollte ich mit dir alles geordnet haben, ihr bleibt noch bis zum zwölften oder dreizehnten hier. Dann reisen Mama und Vally zurück, und du fährst nach A. Hast du verstanden?‹ Heute war ich ein Meister im Schweigen. Auch meine Mutter schwieg. Sie hatte endlich zu beten aufgehört. Vally kam durch unser Zimmer, räumte die Obstteller ab. Auf ihren schlanken, nackten Armen bemerkte ich zum erstenmal feine Härchen, alle in einer Richtung, sie schimmerten zart im Licht der Petroleumlampe. In meine Lippen schoß Blut. Ich sah meinem Vater in die Augen – und er hielt stand.

Sie hielt die Augen mit den langen Wimpern geschlossen, sah weder mich noch meinen Vater an.

Später erfuhr ich, daß sie zwischen den Gebeten und Litaneien von meiner Bestimmung, dem Knabenheim gehört hatte. Vally schwankte etwas, als sie, die Teller auf dem Arm, herausging. Ungeschickt öffnete sie die Tür, durch die ein kühler Windstoß hereinkam, die Tellerreihe wankte, fast wäre sie hingefallen, mit einem leisen Aufschrei, der aber nicht nach dem gewohnten Jesusmariajoseph, sondern vielmehr nach meinem Vornamen klang, raffte sie sich zusammen und brachte sich und die Teller heil heraus.

Mein Vater lächelte mich mit einem scharfen, übertriebenen Lächeln an, wie es mein Perikles gehabt hatte zu der Zeit, als er mich als den Sohn reicher Leute beneidet und mir beim Zweikampf auf die ausgestreckte Hand getreten hatte ... ›Nun, mein sehr lieber Junge‹, fuhr mein Vater fort, sich hinsetzend und seine groben, aber sehr sauber geputzten Schnürstiefel, an denen, dem Wetter zum Trotz, auch nicht das kleinste Fleckchen haftete, ausziehend, ›nun mein sehr lieber, richte das morgen deiner Mutter aus, wenn ich fort bin. Da kein Schlafwagen auf der Linie verkehrt, möge sie eine Fahrkarte zweiter Klasse für sich nehmen. Wenn der Zug sehr besetzt sein sollte, ein reichliches Trinkgeld dem Kondukteur. Das Coupé soll sie allein haben, sie soll sich ausstrecken. Die Karte dürfte soundsoviel kosten.‹ Er notierte die Ziffern auf dem Rande der Zeitung. ›Dann eine Karte dritter Klasse für unsere Vally.‹ Bei ›unsere‹ sah er mich an, diesmal aber nicht mehr so scharf, eher mitleidig.

Ich hatte noch immer kein Wort gesagt. ›Und dann kommst du. Ich stelle dir frei, auch eine Karte zweiter Klasse zu nehmen. Sie kostet genau die Hälfte mehr als eine dritter. Das wünschst du doch?‹ Ich verneinte. ›Und dann noch das. Da wir keinen Handkoffer haben – wo wirst du deine Sachen unterbringen, nämlich das, was du für die Reise und die ersten zwei Tage in A. brauchst?‹ ›Beim Krämer hier bekommt man Koffer‹, wagte ich einzuwenden. ›Keine guten‹, sagte er, ›keine wirklich guten. Behilf dich bitte vorläufig mit einer soliden Schachtel. Es ist ja nur auf einige Tage. Ich habe daheim noch meinen Studentenkoffer, den mir meine treffliche Mutter beim Sattler hat machen lassen, als ich auf die Universität ging. Den sollst du haben! Schließlich ist es ja auch eine Art Universität, wohin du gehst. Von seiner Familie sich trennen, ich weiß, was das ist. Die Familie, das ist das Seil für uns Blinde.‹ Auch dies verstand ich nicht. ›Also, jetzt Adieu, Freunderl! Willst du mir noch etwas sagen?‹ Ich dachte: sagen? nichts. Ich hätte ihn gern geküßt. Aus dem Schlafzimmer kam das Schlafgeräusch meiner Mutter. Sonst schnarchte sie nie. Jetzt mußte es mit ihrem Zustande zusammenhängen. Mein Vater lachte, er öffnete weit den Mund, aber er schwieg dabei. Er lachte nur für die Augen, nicht für die Ohren. Einen solchen geöffneten Mund hat man nicht zu küssen. Ich zog mich, auf den Zehenspitzen rückwärtsgehend, zurück, und so trennte ich mich von meinem Vater auf lange Zeit, während er im Rahmen der geöffneten Schlafzimmertür stand. Das Licht wurde ausgeblasen, der Qualm der Lampe kam mir nach, als ich über die dunkle Treppe in mein Kämmerchen hinaufstieg. Ich trat an das offene Fenster. In der Nebenkammer raschelte das Stroh des Bettes, in welchem Vally lag, aber sie schlief nicht. Ich blieb noch lange wach. Endlich taumelte ich schlaftrunken zu meinem Bett.

Ich streifte meine Kleider bis auf das Hemd ab, legte mein Taschentuch auf die Dielen, die von der Regenfeuchtigkeit etwas getränkt waren, und streckte mich hier aus. Meine Wange wurde schön gekühlt von dem Boden. Ich wollte auch die Stirn mit dem kühlen Boden in Verbindung bringen ... Das Taschentuch hatte sich zusammengeknäuelt, ich schlummerte ein und erwachte erst spät am nächsten Morgen. Vally klopfte an die Tür, aber die Tür war offen, und ich glaube, daß sie vorher eingetreten war und mich auf der Erde liegend, den Kopf auf dem zerknäuelten Taschentuch, gesehen hat ... Mein Vater war schon in den ersten Morgenstunden fortgefahren.

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