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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel

1

Ich hatte trotz allem das Gefühl, fast ohne Schaden aus einer großen Gefahr entkommen zu sein. An dem Verhalten meines Vaters merkte ich keinen Unterschied, oder ich wollte ihn nicht sehen. Er hielt jetzt die Bücherschränke stets geschlossen, und mir blieb nichts als das Buch über Geisteskrankheiten, von dem bloß der Deckel und die ersten zwanzig und letzten hundert Seiten durch den Aufenthalt im Ofen gelitten hatten. Ich wußte, wenn ich mich diesem Buche überließe, würde ich in der Schule versagen. Ich lieh mir daher von unserem Mädchen eine Schnur und holte aus dem Schreibtischchen meiner Mutter etwas Siegellack in aller Heimlichkeit – und diese Heimlichkeit versüßte mir diese bittere Aufgabe – und siegelte das Buch bis zum Sommer ein.

Ich hielt also mein mir selbst gegebenes Versprechen. Auch ohne Nachhilfestunden, welche mir mein Vater, mich dabei nicht ansehend und in seinen Bart hineinmurmelnd, anbot, konnte ich mich sehr bald zu den mittleren Schülern zählen, und es war nie mehr von Konferenzbriefen die Rede. Wenn ich die medizinischen Bücher vermißte, so gab mir mein Freund einen Ersatz dafür. Auch er war mit seinem elenden Zeugnis zu Hause von seinem Vater, einem kleinen Mann, der sich das Geld zum Studium seines Sohnes am Munde absparte, nicht freundlich empfangen worden. Der Vater hatte die Mutter ›auf den Markt geschickt‹, dem Sohne eine tüchtige Tracht Prügel gegeben, bis er in Schweiß und mein armer Perikles in Tränen gebadet war. Dann waren aber beide ›auf ein Bier‹ gegangen, nicht weil Perikles Bier liebte – er verabscheute es wie viele Philosophen –, sondern um den Beginn eines neuen Lebens zu begießen. Die Fortschritte, die der bis dahin verträumte und geradezu verschlafene Junge machte, ließen alle staunen. Er selbst merkte am wenigsten davon. Wie ihm früher die ›Fünfer‹ gleichgültig gewesen waren, so waren es jetzt die ›Einser‹. Der Unterschied war nur der, daß er jetzt mit einem minimalen Aufwand von Kräften seine Aufgaben wie im Traume löste. Auch sonst war er verwandelt. Zuerst war er mein erbittertster Feind gewesen, und zwar, wie er mir nachher erzählte, aus Neid. Ich verstand damals noch nicht, wie man überhaupt etwas beneiden konnte. Später, in der kritischen Zeit, hatte er sich zwar an mich angeschlossen, aber unsere richtige Freundschaft begann erst in diesem Sommer. Er brauchte seine ›Geschichte der Philosophie‹ nicht zu versiegeln wie ich mein Lehrbuch der Geisteskrankheiten. Er fand Zeit zu beidem und hätte noch zu tausend anderen Dingen Zeit gefunden. Er war wirklich sehend geworden, aber nicht durch meine Hilfe. Aber dieses Sehen machte ihn nicht glücklich. Wenn wir gemeinsame Spaziergänge machten, wurde die eine Hälfte der Zeit dazu verwendet, mir die ›tiefen Griechen‹, die Vorsokratiker, auseinanderzusetzen, über die er schon damals eine sehr merkwürdige Arbeit zu schreiben begonnen hatte, in welcher sich die mathematischen Probleme der Zahlenmystik mit den logischen der Erkenntnistheorie vereinigen sollten, in der zweiten Hälfte der Zeit aber mußte ich, jünger als er und selbst so unfertig und innerlich so ungeduldig und so zerrissen von allen möglichen Trieben, ihn beruhigen, ihn vor einer abgründigen Verzweiflung schützen, ihn vor der Ausführung furchtbarer Pläne bewahren.

Auch andere Kameraden brachten damals haarsträubende Projekte, Verbrechen, abenteuerliche Reisen, Selbstmord im Gespräch vor, um sich groß zu tun, wie es diesem Übergangsalter entspricht, aber er war nicht betrunken von seinen fünfzehn Jahren, aus ihm sprach die Nüchternheit und zugleich ein unseliges Genie, das alles vor der Zeit begriff und sich an nichts halten konnte. Zu Pfingsten dieses Jahres erhielten wir beide zugleich das Sakrament der Firmung. Er erschien am Vorabend in seinem Alltagsanzug. Am nächsten Tage trafen wir uns. Er sah ungeduldig auf seine Uhr und hatte Bücher unter dem Arm, die er in einem nahegelegenen Kaffeehause abgab, weil ich ihm klarmachte, daß er das Sakrament nicht mit einem Bücherpack unter dem Arm empfangen durfte.

Mit Mühe gelang es mir, ihn davon abzuhalten, vor der Kommunion im Kaffeehaus zu frühstücken. Er zuckte die Achseln. Er griff aber meinen Glauben niemals an. So achtete ich seinen Nichtglauben, ich zeigte ihm nicht einmal, daß ich traurig darüber war. Wie hätte ich nicht traurig sein sollen über ihn? Nicht nur, daß für ihn seine große Begabung unleugbar eher ein Unglück als ein Glück darstellte, da sie ihn bei Tag und Nacht bedrückte und ihn das Leben nicht genießen ließ, so hatte er seinen christlichen Glauben verloren und damit auch die Anwartschaft auf das künftige Leben verscherzt, an dem ich nie auch nur von weitem zu zweifeln gewagt hätte. Er aber sah alles ganz sachlich. Während ich nach der Kommunion wie die meisten Kameraden noch Tränen in den Augen hatte, holte er sich sein Buch aus dem Kaffeehaus ab und lud mich ein, mit ihm den Vormittag zu verbringen, denn er wollte mir aus der Geschichte der Philosophie etwas vorlesen. Ich hatte Eile. Meine Mutter war in der letzten Zeit kränklich. Immer wiederkehrende Übelkeiten plagten sie. Sie schien sich dessen zu schämen und unterdrückte sie, leider vergebens. Sie war unruhig, sie rief nach mir, aber wenn ich kam, die mir jetzt lieb gewordenen Schularbeiten unterbrechend, schickte sie mich wieder fort, da ein neuer Anfall von Erbrechen sie sich vor Ekel, Scham und vielleicht sogar vor Schmerzen krümmen ließ.

Sie hielt oft beide Hände vor ihr Gesicht. Ich stand still bei ihr und streichelte ihre Hände, was sie geschehen ließ.

Ich fand sie sehr verändert mir gegenüber. Ich hätte nie geglaubt, daß sie mich allein zur Firmung gehen ließe, und als ich jetzt daheim anlangte, war an nichts zu merken, daß es für mich als jungen Katholiken ein wichtiger, schwerwiegender Tag war, da er mich als gültiges Mitglied in die christliche Gemeinschaft aufgenommen hatte. Unser Stubenmädchen hatte mir Blumen auf meinen Tisch gestellt.

Da mein Vater, was ich nur zu gut verstand, die regelmäßigen Zuwendungen in Goldmünzen eingestellt hatte, war ich knapp an Geld. Es fiel sogar in der Schule auf, daß ich bei den regelmäßigen Sammlungen, die für einen gemeinsamen Ausflug oder für einen Kranz auf das Grab eines verstorbenen Mitschülers, nichts beitragen konnte, und daß ich auf den Listen, die umgingen, neben meinen Namen bloß ein Minuszeichen hinmalen konnte. Aber man lächelte nicht über mich. Ich hatte jetzt mehr Freunde als in meinen reichen Zeiten. Einmal sah ich solch eine Liste zufällig wieder, und ein Kamerad, dessen Namen ich nie erfahren habe, hatte das Minuszeichen mit einer mäßigen Summe überdeckt und hatte stillschweigend für mich gezahlt. Bei der Eitelkeit von uns allen bedeutete das viel. Auch die Professoren kamen mir entgegen, besonders der Deutschprofessor, dem ich die dritte Ungenügend-Note in meinem letzten Zeugnis verdankte. Nicht nur, daß er meine Aufsätze sehr wohlwollend beurteilte und oft Teile daraus vor versammelter Klasse vorlas, was sie nicht verdienten, ließ er mich eines Tages kommen und bot mir Privatstunden an. Nicht solche, die ich nehmen, sondern solche, die ich geben sollte. Ein Offizierssohn, der in der polnischen Garnison seines Vaters zu wenig Deutsch gelernt hatte, brauchte solche Stunden, und sie wurden mir zugedacht. Die Bezahlung war eine sehr gute. Da meine Leute sich um meine Zeiteinteilung nicht mehr kümmerten und meine Mutter nur mit ihrer andauernden Übelkeit beschäftigt war und mit verschiedenen rätselhaften, geheimnisvollen Handarbeiten, die sie vor meinen Augen stets errötend versteckte – war es vielleicht ein Geburtstagsgeschenk für meinen Vater oder für mich, unsere Geburtstage lagen nur siebzehn Tage auseinander? –, da ich also fast vollständige Freiheit hatte, nahm ich mit Freuden an. Ich sagte niemandem etwas. Unsere Vally merkte, daß ich jetzt immer später heimkam und daß ich nachher besonders müde war und oft nicht einmal meine Mahlzeiten mit Lust einnahm, so abgespannt war ich – aber ich wollte mein Geheimnis nicht mit ihr teilen.

Ich hatte einen schönen Plan, der mich mit allem aussöhnte. Im Sommer hatte ich die ziemlich große Summe von 67 Kronen erspart. Ich tat noch drei Silberkronen hinzu, die ich kürzlich von meiner Mutter erhalten hatte, und wechselte in einem Postamt diese siebzig Kronen in sieben Goldmünzen um.

Die englischen Seidenkrawatten, von dem Mädchen sorgfältig gereinigt und an den angesengten Stellen ausgebessert, lagen, in weißes Seidenpapier eingewickelt, leider auch mit dem billigen Parfüm des Mädchens getränkt, in meiner Schreibtischlade. Der Geburtstag meines Vaters kam. Am Vorabend schlich ich mich in sein Arbeitszimmer. Hier war, wie meist im Sommer, ein schwarzer, lichtdichter Vorhang herabgelassen. Es herrschte Dunkel in dem weiten Raum, aber ich kannte ihn so gut, daß ich auch in stockfinsterer Nacht mich zurechtgefunden hätte. Nach und nach gewöhnte sich mein Auge an die Dunkelheit. Ich sah sogar feine Lichtstreifen bei den Fugen der Türen hereinsickern, erkannte nun die Leseproben an der Wand und erinnerte mich des Gefühls von furchtbarer Angst, als ich sie zum letztenmal bei der Entdeckung meiner Schuld mit einem Wundergebet in Verbindung gebracht hatte. Nun war ich dabei, meine Schuld fast vollständig gutzumachen. Ich konnte hier erscheinen, die Krawatten, die in ihrem Seidenpapier leise raschelten, auf seinen Tisch niederlegen, und ringsherum, zu einem Kreise angeordnet, die sieben Goldstücke, die im Dunkel wunderbar glänzten. Ich wagte sogar, mich in den Lehnstuhl meines Vaters hinzusetzen, und ich weiß, daß es mich mit einer seit langem ungewohnten, friedlichen, starken Freude erfüllte, mir vorzustellen, daß ich nach vielen Jahren an Stelle meines Vaters hier meine Patienten empfangen würde, ihnen gegenübersitzend, sie untersuchend und ausfragend, um sie zu heilen. Es war dunkel und still. Ich war müde. Fast schlief ich ein über diesem schönen Traum. Ich wollte nicht eigentlich an die Stelle meines Vaters treten als Arzt. Ich dachte viel eher daran, Geisteskranke zu behandeln, also ein Fach zu wählen, das meinem Vater fern lag und für das er ein spöttisches Lächeln hatte. ›Die Narren haben die normalsten Gehirne, Goethes und eines Tollhäuslers Gehirn sehen unter dem Mikroskop sehr ähnlich aus, aber ein Augenhintergrund täuscht nie‹, hatte er einmal gesagt. Ich hatte dieses Wort nur dem Sinn nach verstanden. Es war gefallen kurz vor der Entdeckung meiner Schuld und vor dem Durchfall in der Schule, also zu einer Zeit, in der mein Vater mich als Gleichgestellten und selbstverständlich als künftigen Arzt angesehen hatte, und sogar ausdrücklich als seinen künftigen Nachfolger, denn er hatte seinem absprechenden Satz über die Geisteskrankheiten noch hinzugefügt: ›Unsichtbare Wissenschaften sind alles nur Plunder, die dicken Bücher über gesunde und kranke Psyche sind nur Graphomanie‹ – Graphomanie nannte er auch meine eigenen Kritzeleien, das von mir so geliebte Schreiben – ›Graphomanie, nichts sonst, das wissen wir doch beide, natürlich!‹

Ich ahnte so wenig die große Veränderung, die sich seither in ihm vollzogen hatte, daß ich etwas überrascht war, aber doch nicht gekränkt, als ich ihn am nächsten Tag stillschweigend und mit eisigem Lächeln meine Geburtstagsgratulation entgegennehmen sah, wobei er mich zwar ausreden ließ, aber auf die Uhr sah, wie mein Freund vor der hl. Kommunion auf seine Uhr gesehen hatte – mit einem Seitenblick, damit ich es nicht merke –, und noch größer war mein Erstaunen, als ich bei der Heimkehr mittags mein unseliges Krawattenpaket ungeöffnet auf meinem Tisch wiederfand.

Das Geld hatte er behalten. Das Geschenk hatte er zurückgewiesen.

Er hat weder jetzt noch später gesagt, warum. Aber was er tat, war für mich wohlgetan.

Ich beklagte mich nicht einmal meiner Mutter gegenüber. Sie war so mit ihrem Leiden beschäftigt, daß sie kein Interesse für mich haben konnte. Entweder jammerte sie, weil sie erbrochen hatte, oder sie war voll Angst, daß sie erbrechen könnte: ›Wie soll ich bis zum Schluß aushalten!‹ rief sie. Sie war auch sonst verändert. Dunkel schwefelgelbe, verschwimmende Flecken zeichneten sich ihr um die hängenden Mundwinkel und die tiefliegenden, matten Augen ab. Sie ging schwerfällig, den Kopf zurückgeworfen. Sie saß beim Essen nicht mehr bei uns, da sie nur von Milch und eisgekühltem Cognac lebte. Mein Vater aß nur ein- oder zweimal mit mir, dann gab er Auftrag, man solle mir auf meinem Zimmer servieren. Er selbst saß während der Mittagsmahlzeit an der Seite seiner Frau und flößte ihr den Cognac und die Milch ein. Ich habe einmal gehorcht und das flüsternde Liebkosen mit bitterem Gefühl angehört, dann aber mit noch viel größerem Mitleid das Klirren der Eisstückchen in dem Eiskübel, in dem der Cognac gekühlt wurde. Die Zärtlichkeit meines Vaters für mich war nun ganz auf meine Mutter übergegangen. Ich wurde dafür von vielen anderen Menschen verwöhnt, von dem hübschen Stubenmädchen, von meinem Freund, ja sogar von meinem Schüler, dem soviel Geld – und außerdem Geschenke aller Art! – für nichts abzunehmen ich mich schämte. Denn Jagiello machte wenig Fortschritte bei mir. Ich liebte ihn nicht sehr. Ich liebte nur meinen Vater, sonst niemanden.

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