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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 50
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5

Seitdem ich mich mit Judith ausgesprochen und ihr mein Kind anvertraut hatte, war sie wie verwandelt, und mit ihr – mein alter Vater. Beide verwöhnten mich, kamen meinen Wünschen, die sich meist genau mit den Notwendigkeiten für die ganze Familie deckten, entgegen, und ich hatte endlich das, was ich bisher immer vergeblich ersehnt hatte, den Frieden zu Hause. Ich mußte Judith dankbar sein – und mich ihr dankbar zeigen. Ihr neunzehnter Geburtstag kam heran. Sollte ich ihn wiederum übergehen, oder sollte ich ihr – trotz den nie aufhörenden Geldsorgen in unserem großen Haushalt – ein kleines Geschenk machen? Ich wußte, daß ihr ein Schmuckstück die größte Freude bereitete. Es war etwas Schönes und dabei zugleich etwas Wertvolles. Sie war nun einmal auf Äußerlichkeiten bedacht und hatte den gleichen Sinn für Geld und Besitz wie mein Vater.

Ich ging daher kurz vor ihrem Geburtstag zu einem Juwelier, der meinen Vater und mich gut kannte, in der Absicht, einen Ring oder ein Armband auszusuchen, etwas, das hübsch aussah und nicht viel kostete. Der Juwelier legte mir billige Sachen vor, aber sie waren häßlich. Ein sehr einfacher edler Ring mit einem großen viereckig geschnittenen Stein, der neben einem ganz ähnlichen lag, fiel mir auf. ›Lassen Sie mich diesen Ring sehen! Wäre er nicht das Geeignete?‹ ›Mag sein‹, sagte er ziemlich gleichgültig, ›das ist etwas Nettes, Turmalin, er kostet nicht viel.‹ Aber es war der Ring, der neben dem Turmalin lag, der mir gefallen hatte. ›Ach so‹, sagte der alte Mann lächelnd, ›Sie haben gerade das teuerste Stück aus der Kollektion herausgefunden, mein Kompliment!‹ Ich nahm den kostbaren Ring in die Hand und stellte mir vor, wie er an Judiths Finger glänzen würde. ›Was soll er kosten?‹ fragte ich und dachte an die Freude, die Judith, mein Vater – und ich alter Tor empfinden würden, wenn ich ihn als verspätetes Hochzeitsgeschenk brachte. Auch meine Frau würde Vorteile haben, denn von Judith hing in unserem Hause viel ab. Der Juwelier merkte mein Schwanken. ›Ich gebe Ihnen besonders gern dieses herrliche Stück. Sie zahlen den Ring an. Den Rest bezahlen Sie in Raten.‹ Nun waren gerade in diesen Tagen meine Tageseinnahmen sehr groß gewesen. Ich kaufte den Ring, und die Freude, die ich damit machte, war unbeschreiblich. Selbst meine Frau freute sich mit. Sie hatte mich noch auf dem Wege zu Judiths Villa mit ihren Wünschen nach einem neuen Pelzmantel bedrängt – der alte war wirklich zu abgenützt, und das blanke Leder guckte an den Nähten durch –, aber sie machte mir auf dem Heimweg keine Vorwürfe über meine Verschwendung. Ich war noch ganz in Gedanken an meine kleine Eveline, die ich nach langer Zeit zum erstenmal wiedergesehen hatte: sehr reizend und sehr abweisend.

Die Einnahmen der nächsten Tage waren leider geringer, als ich gehofft hatte, ich war wieder etwas leidend, das Knie war angeschwollen und störte mich bei den Operationen, der Husten belästigte mich, und ich war bereits um neun Uhr abends so müde wie sonst erst gegen elf. Schon die erste Monatsrate konnte ich nicht pünktlich zahlen. Es gab große Auslagen für den Jungen, der einen neuen Anzug und einen Mantel brauchte, noch größere für die zwei jüngeren Geschwister, und ich mußte meiner Frau einen Pelz schenken, um sie nicht eifersüchtig zu machen. Dieser kostete zwar nur einen Bruchteil des Ringes – im Frühjahr sind Pelze stets sehr billig –, aber die Schulden häuften sich, und im Laufe des Sommers mußte ich an meinen alten Freund Mohrauer um Geld schreiben. Er sandte es sofort. Diese Schuld war die erste, die ich nachher abtragen konnte, denn meine Gesundheit war Gott sei Dank etwas solider geworden, ich konnte wieder fast so arbeiten wie zuvor. Der Professor warnte mich. Aber was hätte er an meiner Stelle getan? Ich sprach offen mit ihm. Er sah alles ein. Ich mußte arbeiten, um der andern willen, aber auch um meinetwillen, um das Gefühl meiner Verlassenheit und – meiner Nutzlosigkeit loszuwerden. Ich hatte nie geglaubt, daß mir ein Kind so fehlen würde. Vielleicht hatte ich mein Herz zu sehr an die Kleine gehängt. An ein Wiederzusammenleben war noch nicht zu denken. Ja, der Professor riet mir, auch das Zusammensein mit meinen jüngeren Geschwistern auf das nötigste einzuschränken. Ich mußte ihm gehorchen, obwohl mein Bruder Viktor, in vielem, aber glücklicherweise nicht in allem mein Ebenbild, mich bewunderte und liebte, der ich dies beides nicht verdiente und wollte. An Liebe, das heißt an Geliebtwerden, hat es mir nie gefehlt. Aber ich wollte selbst lieben und das Geliebte besitzen – und hier war alles vorbei, vielleicht aber, das hoffte ich, nur für eine beschränkte Zeit. Auch der Professor mit seinem Röntgenschirm konnte mir diese Hoffnung nicht nehmen. Und war sie nicht bescheiden genug? Mit einem heranwachsenden liebreizenden Geschöpf wie Eveline wieder zusammenzuleben, die Tochter der Frau erziehen, die ich geliebt hatte, liebte und immer lieben würde.

So ging der Sommer vorüber. Ich schickte meine Familie nach Puschberg. Ich blieb zurück. Ich arbeitete nicht weniger als sonst, die Zahl der Augenkranken und Rückenmarkskranken nahm auch im Sommer nicht ab. Aber ich brauchte daheim nicht zu sprechen. Ich war dann allein. Ich dachte an das Vergangene. Das tat mir oft sehr wohl.

Im Herbst dieses Jahres wurden meine ›Beiträge zum malignen Glaukom‹ fertig. Ich hielt einen sogenannten Vorbereitungskurs für einige Studenten und Ausländer über das Augenspiegeln. Im Laufe des Winters wurde mir eine eigene Abteilung in einem städtischen Krankenhaus der Fabriksgegend angetragen. Aber ich mußte dies ablehnen. Ich hätte dann nicht mehr meine Privatpraxis aufrecht erhalten können. Es war der Fall der ›Pilgerim‹, der mich als Knabe so tief berührt hatte. Ich begann jetzt, meinem Vater mehr Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Das machte mich ruhig. Freilich war er damals ein kerngesunder, ungebrochener Mann gewesen, er hatte nur ein Kind gehabt. Ich konnte mich nicht kerngesund nennen, und ich hatte nicht nur für meinen Vater, meine Mutter, meine Frau und alle Geschwister zu sorgen, sondern auch für meinen Sohn, ein wenig für meinen alten Schwiegervater in Puschberg – Tabak für die Pfeife – und für Eveline. Trotzdem Judith eine reiche Frau war, verlangte sie ›Kostgeld‹ von uns. Die Zinsen von Evelines Vermögen wurden ihr jetzt nicht ausgefolgt, da Geldüberweisungen aus Polen unmöglich waren etc. etc. Mein großes Geschenk, der kostbare Ring, hatte nur einen vorübergehenden Eindruck auf sie gemacht. Sie wurde geizig, sie hielt auch den früher ziemlich großzügigen Jagiello zur Sparsamkeit – und zur Arbeit an, zum schnellen Vorwärtskommen, und er mag nicht immer das behaglichste Heim in der schönen Villa bei seiner energischen Frau vorgefunden haben. Judith nahm jetzt alles in die eigenen Hände. Bei der sehr schwierigen Geburt hatte sie tapfer auf Chloroform verzichtet, um dem Kinde nicht zu schaden. Es waren Zwillinge, Knaben, beide ziemlich schwächlich, aber gesund. Sie nährte sie selbst, und jetzt erst begann sie sich mit meiner Frau, die eine vorbildliche Mutter gewesen war und die am liebsten sieben Kinder gehabt hätte, anzufreunden. Ich sah dies sehr gerne.

Ich fühlte mich im Leben aber jetzt weniger sicher als früher. Es lag etwas Unheimliches in der Luft. Meine Unruhe wich nicht, auch bei meiner schweren und verantwortungsvollen Arbeit nicht. Mißerfolge konnten bei einer so ausgedehnten Praxis nicht ausbleiben. Sie waren selten, vielleicht sogar etwas seltener als bei meinen Kollegen oder einstens bei meinem Vater, aber sie bedrückten mich jedesmal sehr.

Mein Vater war jetzt meist fröhlich. Er hatte seinen Kinderglauben wiedergefunden. Ich nicht. Oft wandte ich mich jetzt den Fragen von Tod, Schicksal, Unsterblichkeit zu. Ich war nicht so in den ›sichtbaren Wissenschaften‹ daheim wie mein Vater zu seiner Zeit. Aber die ›unsichtbaren Wissenschaften‹ brauchten Ruhe, Stille, Frieden, und ich hatte sie nicht. Ich hatte meiner Frau versprochen, im Frühjahr meinen Sohn zu seinem fünfzehnten Geburtstag zu besuchen. Darauf freute ich mich seit Beginn des neuen Jahres, in dem ich fünfunddreißig Jahre werden sollte.

Er war seit dem Herbst aus der Klosterschule in Bludenz ausgetreten und war Tischlerlehrling bei meinem Schwiegervater. Ich hätte ihn gern auf der Kunstgewerbeschule in Innsbruck gesehen, und sei es nur in der Absicht, meiner Frau damit eine Freude zu machen. Sie sollte endlich aufhören, sich als arme Magd zu betrachten, deren Sohn nichts Besseres als ein einfacher Handwerker werden konnte. Aber wir beide, Vally und ich, saßen oft bis spät nachts über dem Haushaltsbuch und dem Einnahmejournal meiner Praxis und – über den zahllosen Rechnungen, zu denen sich allmonatlich noch die Mahnungen des Juweliers gesellten. Wir durften uns keine neuen Auslagen aufbürden.

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