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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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4

Da sich meine Lage in der Schule verschlechtert hatte und der letzte, in bläulichem Papier kuvertierte Konferenzbrief zwei Tadel und ebensoviel Mahnungen enthalten hatte, hoffte ich, meinen Vater schon während unserer Fahrt im Wagen darauf vorbereiten zu können. Ich mußte ziemlich lange warten, bevor er mich von unten zu sich rief, und selbst dann – es war nach sechs Uhr – erschienen neue Patienten, er bat mich zu warten und dem Kutscher zu sagen, er möge die Pferde gut in die Kotzen einwickeln, denn es war kalt, und seit dem Spätnachmittag hatte es zu schneien begonnen.

Die Laternen des Wagens waren angezündet, was meinem Vater nicht recht war, wozu das teure Öl verschwenden? Stumm löschte der Kutscher auf meine Bitte die Lampen aus, die Dochte zwischen seinen derben Fingern ausdrückend. Dann setzte er sich wieder auf den Bock. Die Decken hatten die Pferde bereits umgehabt, und jetzt legte sich langsam eine Schicht Schnee auf den braunen haarigen Stoff. Aber bald begann der Schnee über den warmen Leibern der Tiere zu schmelzen, er tröpfelte sachte an der Seite nieder, der Kutscher stieg, vor Kälte in die Hände klatschend und sich die Brust und die Schenkel schlagend, hinab, um mit dem Peitschenstiel den Schnee von den Rücken abzufegen. Plötzlich öffnete ein Pferd zu meinem großen Erstaunen das Maul, zeigte seine aus dem blassen Zahnfleisch herausragenden gelben, langen Zähne und begann laut zu wiehern, wobei das andere Pferd einstimmte.

Ich kehrte ungeduldig in das Wartezimmer zurück. Die letzten Patienten waren im Sprechzimmer. Es herrschte Totenstille. Die große Pendeluhr in der Ecke stand. Mein Vater fand es unnütz, daß eine Uhr in einem unbenutzten Zimmer gehe und sich verbrauche. Endlich hörte ich murmeln, etwas Helles klirren, vielleicht das Honorar, das viele Patienten in Metallmünzen zahlten, und an der Schwelle erschienen die Kranken und nach ihnen, mit etwas blassem, müdem Gesicht und unbewegten Zügen, mein Vater. Er verbeugte sich leicht in seinem schneeweißen Mantel, der kein Fleckchen aufwies, obwohl er vom Anfang der Woche stammte.

Er kehrte noch einmal in das Sprechzimmer zurück, setzte sich an den Schreibtisch, nachdem er die kleine Lampe ausgelöscht hatte, die er für seine Untersuchungen brauchte. Das mußte eben das Spiegeln sein, wovon ich munkeln gehört hatte, ohne mir etwas darunter vorstellen zu können. Denn spiegeln bedeutet doch, sich selbst im Spiegel sehen, und was konnte dies den Kranken nützen?

Mein Vater schrieb. Ich sah ihm genau auf die Finger. Hatte meine Mutter seine Schrift gut genug nachgeahmt? Manchmal blickte er auf, sah mich an, aber er sah mich nicht, sondern es war nur, weil er sich einer Einzelheit entsinnen wollte.

Es war so still, daß ich seine Taschenuhr ticken hörte. Ich blickte ihn an, dann die Bücherschränke, aus denen ich die Bücher entliehen hatte. Die Bücherschränke waren nie verschlossen, wohl aber die Instrumentenschränke und der Medikamentenkasten und die schweren Brillenkästen, die klirrten, wenn ich sie aufhob. War es Absicht? Sah er in mir damals den künftigen Arzt, der alles lesen durfte? Ich weiß es nicht. Plötzlich hörten wir die Pferde noch einmal wiehern. ›Ach, wir müssen ja gehen‹, murmelte er, ohne von seinem Blatt aufzusehen, ›es hilft nichts, wir müssen schleunigst fort. Du hast doch dem Kutscher alles ausgerichtet?‹

Er kam mit mir in das Vorzimmer, wo sonst die Kranken ihre Kleider ablegten. Ohne daß man ihn hatte kommen hören, stand der alte dicke große, nach Kirschwasser riechende Diener Lukas mit dem Mantel meines Vaters da und legte ihn ihm um, stellte sogar den Kragen hoch. Er öffnete vor uns die Tür. Der Kutscher hatte schon die etwas zu schweren Decken abgenommen, die Rücken der Pferde glänzten wie aus Erz gegossen und dampften mächtig. Auch die Laternen waren angezündet, und wenn die jetzt spärlich fallenden Schneeflocken in ihren Kreis kamen, schimmerten sie auf. Wir setzten uns in dem wie alle geschlossenen Kutschen muffig riechenden Wagen zurecht, und die Fahrt ging leise los auf dem hohen Schnee. Jetzt wäre der Augenblick dagewesen, meinem Vater von den Nöten in der Schule zu erzählen. Aber ich wartete, daß er mit mir zu sprechen beginne. Hatte er doch eigens gewünscht, daß ich mitkäme, vielleicht hatte er mir etwas zu sagen? Ich konnte ihn immer ansprechen, er hatte mir nie geradezu verboten, ihn anzureden.

Wir fuhren durch die Straßen, die ich jetzt unter den Laternenreihen nicht wiedererkannte. Nach einiger Zeit hatten wir die Stadt verlassen. Der Kutscher hob von Zeit zu Zeit die Peitsche und setzte sich stramm auf dem knarrenden Bocke zurecht. Mein Vater klopfte an die Scheibe: ›Treiben Sie mir die Pferde nicht!‹ Dann wandte er sich zu mir: ›Hast du es warm?‹ Wie hatte ich es doch warm! Mein Herz ging mir auf, und ich begann: ›Ich möchte dir etwas sagen, Papa.‹ Er schrak auf. Er war mit seinen Gedanken ganz anderswo gewesen. ›Was? Wie?‹ ›Ich möchte dir etwas sagen!‹ flüsterte ich aus meiner Ecke heraus. ›Was?‹ wiederholte er mit seiner hohen Stimme und sah mich mit den hellen, grünlich blauen Augen an. Ich schwieg. Ich wagte es nicht.

Wir sahen in der Ferne Lichter blinken. Der Schnee hatte zu fallen aufgehört. Es war ganz windstill geworden. Der Mond trat plötzlich aus den Wolken. Wir kamen durch ein Dorf. Auf den Straßen war niemand. Um die Häuser bewegten sich Laternen, und in den Ställen hörte man die Kühe muhen. Vor einer verfallenen Behausung stand ein abgemagertes Pferd mit gesenktem Kopf und rieb die Mähne an den Balken, langsam mit dem dünnen Schweif schlagend. Es kamen freie Felder, Hügel und Hänge. Hier war es heller als in der Stadt. ›Nun?‹ fragte er nochmals.

Hätte ich doch gesprochen! An diesem Abend hat sich vieles entschieden.

›Recht so!‹ sagte er abschließend. ›Bravo! Wenn du reden willst, so schweig!‹ Ich verstand ihn. Er meinte, wenn ich noch die Wahl hätte, zu reden oder zu schweigen, so sei das Schweigen immer vorzuziehen.

Der Kutscher verfolgte mit großer Sicherheit den Weg. Wenn es aufwärts ging, ließ er die Pferde langsamer traben, wenn es stärker abwärts ging – ich entsinne mich noch einer Reihe riesiger Pappeln, die schwarz, mit knorrigen Zweigen einen abwärts gehenden und nach einer kleinen, hallenden Brücke schnurstracks aufsteigenden Weg umsäumten –, ließ er den Pferden ihren Willen, zu laufen, sie nur ab und zu mit einem langgezogenen Zischen zurückhaltend, während er die Zügel um seine Fäuste wickelte.

Jetzt kamen wir an eine lange, sehr hohe Mauer, deren Rand mit halb verschneiten Glasstückchen eingefaßt war. Mein Vater setzte sich zurecht, er faßte in seine Brusttasche, wo er ein kleines Futteral untergebracht hatte. Er war sicherlich schon oft hiergewesen. Vielleicht kam er auch morgen mit mir wieder her? Der Sonntag war doch frei für mich, und ich konnte ganz leicht mitkommen.

Vor der Pförtnerwohnung machte der Kutscher halt, stieg behende ab und wollte schellen. Aber man hatte schon mit seinem Kommen gerechnet, man öffnete das Tor, und der Kutscher, der nicht wieder auf den Bock gestiegen war, führte die Pferde langsam in eine Art Hof. Die Pferde atmeten stark, sie stießen weiße Dampfstrahlen fast waagrecht aus ihren Nüstern, deren Haare bereift waren und silbrig glitzerten.

Mein Vater, mit einem Sprung auf dem sauber gefegten Boden, sagte zu mir: ›Du wartest wohl am liebsten hier?‹ Ich wagte nicht zu widersprechen. Wie leidenschaftlich gerne wäre ich an seiner Hand mit in das Innere der geschlossenen Anstalt gekommen! Ich hatte nie einen Wahnsinnigen gesehen. Es war für mich das schauerlichste Geheimnis und zugleich etwas Magnetisches, etwas Entsetzliches und zugleich etwas Entzückendes, etwas in der Art von meinen sinnlichen Empfindungen. Aber meinem Vater widersprechen? Ich lächelte gezwungen. Aber er bemerkte es nicht. Den Kragen höher schlagend, war er durch das Pförtnerhaus gegangen, und ich sah seine hohe breitschultrige Gestalt sofort jenseits auf dem Schneegelände wieder auftauchen.

An das Pförtnerhaus schloß sich nämlich noch eine Umzäunung zu beiden Seiten an, es war keine Steinmauer wie die erste, sondern nur ein hohes Gitter mit ziemlich dicht nebeneinanderstehenden Stäben. Hinter diesem Gitter breitete sich ein weiter Park mit breiten Flächen und hohen alten Bäumen aus, meist Nadelpflanzen, die schneeweiß im Mondlicht dastanden und violette Schatten warfen, dann sah man einzelne Villen, alle ungefähr hundert Schritte voneinander entfernt – und alles totenstill. Ein größeres Gebäude, schneeweiß schimmernd in der stillen Nacht, hatte ein Vorhaus mit Säulen, zu denen breite Steinstufen emporstiegen. Alle Gebäude waren beleuchtet. Mein Vater war zu dem Haus mit den Steinstufen gegangen. Noch bevor er dort angekommen war, tat sich die Tür auf, und zwei Herren kamen ihm entgegen, mit denen er im Hause verschwand.

Der Kutscher hatte die Pferde ein wenig umhergeführt, hatte den Gummibelag eines Rades geprüft, dann hatte er sich wieder auf den Bock gesetzt und sah träumerisch von oben zu, wie die Pferde dastanden und ab und zu mit den Hufen am Boden scharrten. Ein Pferd rieb seinen Hals an der Mähne des anderen, dem diese Liebkosung nicht angenehm war. Es schlug mit dem Hinterhuf aus; es dröhnte das Gebälke des Wagens und erweckte den Kutscher aus seinem Halbschlaf. Er drohte ihnen beiden mit der Peitsche.

Der Pförtner kam zu mir und sagte, daß ich im geheizten Büro warten könnte. Ich kam ihm nach und sah es mir an. Es war ein Büro wie alle anderen, wie eine Kanzlei in der Post oder in unserer Schule. Ich setzte mich nicht und trat wieder ins Freie hinaus, wo der Mond hinter Wolken verschwunden war. Der Schnee strahlte nicht mehr so grell wie bis jetzt, und eine dichte Feuchtigkeit setzte sich in die Kleider und in den Mantel, als ob das Wetter umschlagen wollte.

Eine Glocke erklang hell. War es vielleicht die Glocke, welche die Irrsinnigen zum Abendessen zusammenrief? Waren sie mit Ketten aneinander gebunden, und würden sie in langer Reihe unter den Fichten erscheinen? Aber der Glockenschlag wiederholte sich, es war ein Signal der Eisenbahn. Ich hatte nicht bemerkt, daß jenseits des Sanatoriumgeländes auf einer ziemlich hohen Böschung die Eisenbahn vorbeizog.

Ich stand an das Eisengitter gelehnt und wartete, den Blick auf die Eisenbahnböschung gerichtet, darauf, daß der Zug kommen würde. Da wurde ich aus der Nähe angesprochen. Ich erschrak bis ins Mark.

Jenseits des Eisengitters war, ohne daß ich das geringste gemerkt hatte, ein Mensch, nur wenig älter als ich, lautlos herangekommen, er griff jetzt durch die Stäbe nach meinem Mantel, erfaßte einen Zipfel und hielt mich fest. Ich wollte aber gar nicht fliehen. Ich konnte es nicht. Atemlos starrte ich ihn an. Er war blaß, aber nicht blasser als mein Freund Perikles. Über seinen ziemlich vollen Lippen schimmerte schon ein zarter Flaum. Seine Augen waren groß und licht, wie Fischschuppen, wie Zink. Der Schlag der Lider ruhig, unter seinem dunkelblauen Filzhute kamen seine hellen Haare durch.

Er trug einen kostbaren Pelz mit breitem Biberkragen. Vielleicht war er gelaufen, denn er atmete schnell, und jetzt schlug er den Mantel auseinander. Unter dem Mantel hatte er einen seidenen Schlafrock an, schneeweiß, mit roten Paspeln eingefaßt. An den Füßen hatte er keine Strümpfe, sondern nur absatzlose hellrote Saffianschuhe. Er hatte mich losgelassen, als er den Mantel öffnete. Sein Blick irrte an mir auf und ab, plötzlich wies er auf etwas, das hinter mir stand, ich wendete mich um, aber hinter mir war nichts als die hohe Umfassungsmauer der Irrenanstalt. Ich verschlang ihn mit den Augen, er mich. Jetzt verzerrte er sein Gesicht, er suchte in den Taschen seines Mantels – er war innen gefüttert mit Pelz, doch war dieser Pelz vielfach zerrissen –, er fand aber nichts. Was mochte er gesucht haben? Jetzt drängte er seine lange, schöne Hand nochmals zwischen den Eisenstäben durch und suchte in meiner Manteltasche. Ich ließ ihn gewähren. Ich zitterte vor Angst und Entzücken. Seine Augen leuchteten auch auf, aber sie wurden dabei dunkler, die Pupillen wurden weit, der zinkfarbene Saum ganz schmal. Ich setzte an, um ihn anzusprechen – aber, war es die Lehre meines Vaters, ›wenn du reden willst, schweig!‹, oder war es die Angst, die ein Mensch bei seiner ersten Begegnung mit einem Irrsinnigen hat, ich konnte kein Wort herausbringen. Er machte, ohne mich loszulassen, mit der linken Hand Gesten. Er zerrte an seiner vollen Unterlippe, hatte den Mund weit geöffnet, er zupfte daran wie ein Violinspieler an der Saite zerrt, um ihre Höhe zu erproben, er wollte damit wohl sagen, daß er Hunger habe. ›Soll ich etwas holen, kann ich etwas bringen?‹ stotterte ich endlich, ohne ihn direkt anzureden. Sehr langsam, ganz im Gegensatz zu den hastigen Bewegungen mit den Fingern, schüttelte er den Kopf. ›Gib mir nur Brot!‹ sagte er mit einer etwas leisen, aber ganz natürlichen Stimme. ›Ich habe nichts, ich müßte etwas holen‹, wiederholte ich, während mir das Herz bis in den Hals hinauf klopfte. ›Gibt man Ihnen denn nicht genug zu essen?‹ Er nickte, voller Trauer, voller Ruhe. War das Ja, war das Nein? ›Und hast du auch kein Geld?‹ fragte er, während er jetzt auch den Schlafrock am Hals öffnete. Ich sah an seinem Halse etwas schimmern. ›Leider nein‹, sagte ich, ›ich persönlich habe keins.‹ Ich hatte zwar sieben Goldstücke, aber diese waren mir nur anvertraut, und dann elf Kronen, die für das Geschenk für meinen Vater bestimmt waren. ›Natürlich!‹ sagte er, zu meinem Entsetzen – und Entzücken das Wort meines Vaters verwendend, ›natürlich, er hat kein Geld. Willst du vielleicht das?‹ Jetzt blickte er nicht mehr mich an, sondern die Nadelbäume, deren Zweige sich bogen unter dem Schnee. Er nestelte vom Halse ein dünnes Kettchen los, an dem eine Muttergottesmedaille hing. ›Nehmen Sie das nur!‹ flüsterte er, als er bemerkte, daß ich nicht recht wollte. ›Ich kann allein darüber verfügen, denn mir hat es Jesus Christus persönlich offenbart, heute nachmittags drei Uhr, nach dem Kaffee.‹ Er drückte mir die Medaille in die linke Hand, ich fühlte, wie die Fingerspitzen, zwischen denen sie lag, sich tief in meine Handfläche bohrten. ›Sag, du hast wirklich kein Geld? Morgen gebe ich es dir mit zehntausend Prozent Zinsen zurück, denn mich frißt der Hunger.‹ Ich konnte nicht widerstehen. Ich hatte schon mein schweres, warmes Portemonnaie aus der Hosentasche geholt und wollte ihm eine Silberkrone geben, da bemerkte ich, daß er das Kettchen, an dem die Medaille gehangen hatte, in den Schnee fallen ließ, und wollte mich danach bücken. ›Nicht!‹ sagte er zuerst bittend, dann gebieterisch, und mit unausdrückbarer Gewalt in der Stimme, sich hoch aufrichtend: ›Nicht!!‹ Schon hörte man den Zug herbeirollen. In weiter Entfernung, jenseits der Bäume, tat sich die Tür des Sanatoriums auf, und mein Vater trat mit zwei anderen Herren, alle hell beleuchtet, auf die Treppenstufen, und sie begannen zu uns zu kommen. Der Irre riß die Augen auf und umschloß meine rechte Hand mit der seinen, wie man einen dicken Apfel anfaßt. Dann ließ er mich los. In dieser Hand lag die dicke Geldbörse. Er sah mich an, so voller Angst, daß auch ich Angst bekam. Ich konnte ihm nicht widerstehen. Ich schüttelte den Kopf, aber schon hatte ich meine Börse geöffnet und hatte ihm das erste Geldstück, das mir zwischen die Finger kam, in aller Eile in die Hand gedrückt. Es war ein Dukaten, ein dünnes, zart gerändertes Plättchen Gold. Er sah es ungläubig an. Ich mußte lachen, als ich endlich die freudige Überraschung in seinem blassen Gesicht sah, weil er das Goldstück erhalten hatte, nachdem er nicht mehr darauf hatte hoffen dürfen. Es war mir alles wert.

Mein Vater kam schnell näher. Mir gingen viele Gedanken durch den Kopf. Ich konnte schlimmstenfalls das Goldstück durch zehn Silberkronen ersetzen. Dann dachte ich an meine neue Muttergottesmedaille, vielleicht hatte sie die Kraft, mich in der Schule zu verbessern. Aber nichts ging über mein Entzücken, als ich sah, wie der Irre sein Goldstück stumm lachend betrachtete, wie er es dann zwischen seine schönen, starken Zähne nahm und seine Echtheit prüfte. Der angekündigte Zug kam näher, man sah schon seine ersten Lichter. Groß und gewaltig hob sich die Gestalt meines Vaters gegen den bleichen Nachthimmel ab. Er schritt so fest daher, daß der Schnee von den Bäumen stäubte. Der Irre hatte sein Kommen bemerkt. Er runzelte die Stirn. Er bückte sich, grub unter dem hohen Schnee zu seinen Füßen ein paar kleine Kieselsteine heraus. Ich hatte Angst, er werde sie nach meinem Vater schleudern. Aber er machte aus beiden hohlen Händen eine Kugel, er schüttelte die Steinchen zusammen mit dem hell klirrenden Goldstück. Jetzt brauste der Zug vorbei und überschüttete uns alle mit seinem Lichte.

Mein Vater war schon am Inneneingang des Pförtnerhauses, wo er sich von dem einen Herrn verabschiedete. Der Irre warf seinen blauen Filzhut fort. Ich sah seine reichen, von Natur gelockten Haare. Sie waren silbergrau. Er schüttelte die Steine noch immer, aber nur in einer Hand.

Jetzt, als mein Vater in Begleitung des anderen Arztes an der Außenseite des Pförtnerhauses erschien, hob der Irre diese Hand über seinen grauen Locken und schüttelte, den Blick mit unbeschreiblichem Ausdruck auf mich geheftet, Geld und Steinchen durcheinander über seinem Kopfe aus. Ich sah, durch das Gitter von ihm getrennt, die Goldmünze mit den Kieselsteinen leise im hohen Schnee versinken. Der Direktor der Anstalt kam zu mir. Der Kutscher knallte leise, wie zur Probe, um die Pferde aufzumuntern, mit seiner langen Peitsche – aber diese waren bereits munter und zerrten ungeduldig an den Zügeln. Mein Vater nahm mich an der Hand und führte mich näher zu dem Direktor: ›Mein Sohn!‹ Ich war glücklicher denn je. Ich verbeugte mich tief. Der Irre stand noch hinter seinem Eisengitter und stieß einen langgezogenen Ruf aus. Man verstand nicht, was es bedeutete. ›Unheilbar‹, sagte der Direktor. Mein Vater seufzte, mehr aus Müdigkeit als aus Mitgefühl. ›Stößt Sie das Unheilbare auch so ab wie mich?‹ fragte er. ›Was wollen Sie, Herr Dozent, es ist unser tägliches Brot.‹ Mein Vater schwieg. ›Ich danke Ihnen sehr, Herr Kollege, daß Sie dennoch gekommen sind. Das Honorar weisen wir Ihnen an wie immer.‹ ›Die Wagenfahrt bitte nicht zu vergessen, im übrigen ist mir jede Form recht.‹ Mein Vater lächelte und gab dem Direktor die Hand. Jetzt zog er sich die Handschuhe an. Der Irre war auf dem Wege zum Hauptgebäude. Sein Pelzkragen schimmerte, von den Fenstern her beleuchtet. Die Pferde zogen mit einem Ruck an, so daß die Räder im Schnee auf den Kieseln knirschten. – Von dem Irren war nichts mehr zu sehen.

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