Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 48
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100726
projectid4a0c6d32
Schließen

Navigation:

3

Drei Tage nach der Hochzeit Judiths ließ mein Vater sein altes Arzt-Schild, das zuerst nur den einfachen Doktor, dann den Augenarzt, dann den Dozenten und schließlich den Professor angezeigt hatte, von der Mauer unter unseren Fenstern entfernen. Meines blieb.

Ich fieberte nicht mehr. Aber ich fühlte mich elend, kraftlos, mutlos – verloren. Was gibt es Kläglicheres als einen kranken Arzt! Er widerspricht seinem eigensten Beruf und sich selbst. Ich war noch nicht dreiunddreißig Jahre. Vielleicht hatte ich noch einen bedeutenden Teil meines Lebens vor mir. Ich raffte mich zusammen. Ich konnte niemanden zu Rate ziehen. Ich konnte höchstens bereuen. Aber diese Reue hätte mich noch unsicherer, kraftloser gemacht. Sollte ich bereuen, daß ich Vally genommen hatte, sollte es mir leid tun, daß ich Eveline geliebt hatte und jetzt noch liebte? Das einzige, was noch zu ändern war, war das Schicksal der kleinen Tochter meiner Wahl.

Ihretwegen und mit ihr zusammen suchte ich einen bekannten Professor der inneren Krankheiten auf. Er fand das Kind sehr aufgeschossen und recht zart für sein Alter. Er konnte keine Anzeichen der erblichen Belastung finden, er konnte mir auf sein Wort und unter Kollegen versichern, daß Eveline jetzt noch gesund war. Aber später? Er schickte das etwas frühreife Kind, das sehr aufmerksam aufgehorcht hatte, zu seiner Frau und zu seinen Kindern, wo die kleine Prinzessin würdevoll und stumm in dem Glanz ihres neuen Seidenkleidchens dasaß, ohne auch nur ein Wort zu sprechen, wie man mir später berichtete. Aber ich? Der Professor kannte mich. Er hatte vor einigen Wochen meiner Dozenten-Probevorlesung beigewohnt, er war einer von denen gewesen, die meinen Vater nach der Militäraffäre gemieden und erst seit kurzem ihrer Gesellschaft gewürdigt hatten. Er ließ mich vor den Röntgenschirm treten und bewegte die irisierende, grünlich-gelb schimmernde Platte unter meinen Augen hin und her, preßte sie mir so energisch an meine abgemagerte Brust, daß es schmerzte. Dann machte er Licht, untersuchte mich während einer halben Stunde und sagte schließlich: ›Meiner Ansicht nach sind Sie von einer – bisher – leichten Lungenphthise befallen. Der klinische Befund ist zweideutig, der röntgenologische fast negativ, beweisend ist für mich der Blutsturz, um den es sich zweifelsohne gehandelt hat, die Nachtschweiße, die leichten Temperaturen abends.‹ ›Was soll ich also tun?‹ fragte ich, trotz aller gewollten Fassung etwas erschüttert. ›Gehen Sie sofort nach Davos, oder schlimmstenfalls ins Mittelgebirge. Ich glaube mich verbürgen zu können, daß Sie in sechs Monaten heil zurückkehren.‹ ›Ich kann nicht‹, sagte ich. ›Ich habe für meine Familie zu arbeiten.‹ ›Aber Ihr Vater kann Sie ersetzen!‹ ›Ich will es ihm vorschlagen,‹ sagte ich, ›aber ich zweifle am Erfolg.‹ ›Nehmen Sie die Sache nicht zu leicht, aber auch nicht zu tragisch‹, sagte er, während ich mich hastig und ungeschickt ankleidete, ›im Grunde nehmen Sie es so, wie ich es an Ihrer Stelle nehmen würde – und wir verstehen einander.‹ An der Tür zu seinen Privaträumen blieb ich stehen und hielt den vielbeschäftigten Mann noch einen Augenblick lang auf. ›Was raten Sie mir‹, fragte ich stockend, ›was soll mit der Kleinen geschehen?!‹ ›Mit Ihrer Pflegetochter? Seien Sie unbesorgt. Hier bin ich meiner Sache sicher. Zart, aber gesund.‹ Ich schüttelte den Kopf: ›Sie verstehen mich nicht‹, sagte ich und bemühte mich, lauter zu sprechen. ›Kann das Kind in meiner Nähe bleiben? (Nun schüttelte er den Kopf. Ich sah ihn an, und ich fürchtete, daß etwas von meinem Flehen wider meinen Willen in meine Stimme käme. Es gibt eine Art Erpressung vonseiten der Kranken, Unglücklichen und Elenden gegenüber den Gesunden, Reichen und Glücklichen, die keinem der Teile Ehre macht. Ich wußte dies und wollte nicht erpressen. ›Ist sie bei mir gefährdet oder nicht?‹ fragte ich, und meine Stimme tönte unbeherrscht laut und klang brutal. Er nahm meine Hände und zog mich näher an sich heran und sagte mir, Auge in Auge: ›Ich fürchte es. Ich würde mein Kind fortgeben.‹ ›Sie haben recht‹, antwortete ich, ›ich werde genau so handeln.‹ ›Es ist nichts verloren. Die Heilungstendenz Ihrer Natur ist ungewöhnlich stark. Die Lungenwunde hat sich prachtvoll geschlossen, wir müssen für den Anfang zufrieden sein. Sie stammen sicherlich aus einer gesunden Familie.‹ Ich bejahte es. In meiner Familie war nie von Lungenkrankheiten die Rede gewesen. Mein Vater und meine anderen Vorfahren waren meist gesunde, zähe, sparsame, beherrschte Menschen, die in Ruhe alt wurden. Meine Großeltern väterlicherseits lebten beide noch. Er freute sich, daß er recht behalten hatte. Ich nahm meine kleine Eveline in Empfang, dankte der Frau des Professors und eilte auf die Straße. Eveline begann sofort mit ihrem hohen silbernen Stimmchen zu erzählen. Sie war von Grund aus verwandelt, wenn sie mit mir zusammen war. –

Meine Schwester sollte von einer kurzen Hochzeitsreise in wenigen Tagen zurückkommen. Bis dahin mußte ich meinen Entschluß getroffen haben. Ich überlegte. Die Zukunft meines Kindes war zum Glück gut gesichert. Nach endlosen Verhandlungen war die Erbschaft geregelt worden. Ich war als Mitvormund eingesetzt worden, der zweite Vormund war ihr Onkel Jagiello. Eveline hatte ein nicht unbedeutendes Vermögen, die Zinsen sollten regelmäßig gezahlt werden. Bis jetzt hatten wir sie nicht angegriffen. Wenn man also das Kind in eine Anstalt getan hätte, wäre nicht Geldmangel das Hindernis gewesen. Aber vielleicht konnte man sie bei Jagiello und Judith unterbringen? Besser wäre gewesen, sie dort zu lassen, wo sie war. Ich war es, der zu verschwinden hatte. Ich wollte verschwinden. Ich wollte mich von dem Kind, von meiner Arbeit, von meiner Frau trennen. Aber nicht an mir lag es, sondern an meinem Vater. Ich bat ihn am Abend dieses Tages zu mir. Er kam widerwillig. Schweigend hörte er meine Erzählung an. Dann schwieg er. Welche bitteren Neuigkeiten erwartete er noch? Er machte Anstalten, ohne Antwort, bloß mit einem durch den Bart gemurmelten: ›sehr traurig, Junge, muß alles noch reiflich überlegen, natürlich!‹ fortzugehen. Da aber hielt ich ihn fest. ›Kannst du mich vertreten? Willst du ...‹ Jetzt unterbrach er mich schnell. ›Verlange es nicht von mir! Du zerreißt mein Herz! Ich kann aber nicht mehr arbeiten! Könnte ich es, hätte ich die Praxis nicht aufgegeben. Verstehst du das nicht?‹ Ich sagte ihm: ›Ich bitte dich nicht um meinetwillen darum. Es liegt mir an der Familie, an euch allen.‹ ›Nur kein unangebrachtes Mitleid!‹ sagte er bitter, ›jeder für sich, Gott für uns alle! Es gibt Stellvertreter genug. Begib dich auf vier Wochen in ein Sanatorium, bis dahin ist der Rachenkatarrh und die Blutarmut – und die übergroße Nervosität behoben, du alter Hypochonder, du!‹ ›Ich muß nach Davos, der Professor hat es gesagt.‹ ›Ach, was sagen die Herren nicht alles? Davos, das ist Schweiz, Schweiz, das heißt Devisen, Schweizerfranken. Woher sie nehmen und nicht stehlen? Wie gern wollte ich! Was täte ich nicht alles für dich, du Sorgenkind! Ich liebe dich natürlich trotz allem, ich bin und bleibe dir gut!‹ ›Das kann auch ich von mir sagen‹, antwortete ich und küßte ihm die Hand. Es kam mir von Herzen. In diesem Augenblick tat er mir viel mehr leid, als ich mir selbst leid tat. Jetzt weinte ich nicht. Meine Stimme war sehr bestimmt und ruhig. ›Ich werde abwarten, bis Jagiello und Judith kommen, dann wird alles entschieden. Dir bin und bleibe ich dankbar, Vater.‹ › Du hast allen Grund dazu‹, brummte er, zufrieden, fortgehen zu können, ›es gibt keine Torheit, vor der ich dich nicht bewahrt hätte. Jetzt die Praxis im Stich lassen, die sich so fabelhaft entwickelt. Ich glaube, es harren deiner noch einige Pilgerim im Wartezimmer.‹ Er ging pfeifend aus dem Zimmer. Ich machte mich an die Arbeit und hatte bis in die späte Nacht zu tun. Der einzige Entschluß, den ich faßte, war der, daß ich mich von Eveline trennte. Ich küßte sie nie mehr, suchte sie nicht im Kinderzimmer auf, spielte nicht mehr mit ihr, ging nicht mit ihr spazieren. Das Kind verstand es nicht. Es kam mir nachgelaufen. Ich wies es ab. Totenblaß blieb es zurück, bewegte die feinen korallenroten Lippen, schrie nicht, geriet nicht in Zorn wie sonst oft. Die Tränen rannen ihm reichlich über die Wangen auf das hellgrüne Spitzenkrägelchen, das es an diesem Tage umhatte.

Die Ankunft meines Schwagers und meiner Schwester verzögerte sich. Ich wartete geduldig. Meine Frau hörte nicht auf, in mich zu dringen. Ich konnte mich ihr nicht anvertrauen. Wir lebten zusammen. Das war alles.

In dieser Zeit erhielt ich eines Nachmittags den Besuch einiger herkulisch gewachsener junger Menschen, die in einem großen Auto vorgefahren waren. Sie verschafften sich vor den geduldig wartenden Patienten Einlaß in mein Arbeitszimmer und kündigten mir den Besuch des großen Mannes, des Philosophen für die Massen, des Künders neuer Volksgeschlechter – meines alten Perikles an. Zehn Minuten nachher erschien er selbst. Den jetzt kahlen, wahrhaft großartig gemeißelten Kopf zurückgeworfen, von einem unbeschreiblichen, starren Stolz erfüllt, ohne einen Blick für die jungen Leute oder die unwilligen Patienten, schritt er zu mir, heftete sein unter den buschigen Brauen drohend blitzendes, schielendes Auge auf mich, gab mir mit einer theatralischen Gebärde die Hand und wartete darauf, ich würde ihm um den Hals fallen oder ihn wenigstens zum Bleiben einladen. Ich war freundlich zu ihm, aber mahnte ihn zur Eile. Im Grunde meines Herzens war ich froh, ihn unter den Lebenden, geistesgesund (in den Augen aller) und machtgeschwellt zu sehen. Aber ich hatte gerade an diesem Tag wenig Zeit. Ich bat ihn, abends wiederzukommen, und zwar ohne seine Leibgarde. ›Verbürgst du dich für meine Sicherheit?‹ fragte er, ›ich habe Todfeinde überall. Wer sollte mich je ersetzen?‹ ›Ich weiß es, ich weiß es‹, antwortete ich ihm, wie man einem Irren antwortet, ›auch ich habe welche. Deshalb bist du gerade bei mir am sichersten aufgehoben.‹ ›Wann darf ich kommen?‹ fragte er, nun viel bescheidener, ›ich habe mich oft nach dir gesehnt. Du bist nicht vergessen! Erinnerst du dich noch an den Havelock?‹ ›Komme um neun Uhr. Trinkst du etwas, Bier oder Wein?‹ ›Nicht Bier, nicht Wein! Ich komme nicht, um zu schwelgen, sondern um den Mann wiederzusehen, dem ich den Funken des Imperatorentums verdanke. Ich habe auch nicht die große Summe vergessen, die ich dir schulde. Ich bringe sie dir abends.‹ ›Schön, also Bier, du hast mit deinem Vater vor Zeiten ebenso gefeiert!‹ sagte ich, ›vergiß nicht, neun Uhr.‹ ›Was willst du? Anders kommt man nicht zur Macht. Nun, abends berichte ich dir alles! Ich habe aber deiner nie vergessen!‹ Er gab mir nochmals die Hand, winkte seiner Garde und ging. In seinem Blick war etwas von einem großen Denker und einem noch größeren, aber nicht ungefährlichen Kinde.

Ich habe abends lange auf ihn gewartet. Ich habe ihn nie wiedergesehen.

 << Kapitel 47  Kapitel 49 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.