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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 46
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel

1

Ich kam recht müde in B. an. Mohrauer empfing mich sehr herzlich. Auch die alte Direktorin zeigte ihre freundlichste Miene, in der ich aber auch etwas wie Mitleid las. Ich verstand sie nicht. Machte sie sich Sorgen um meine Vermögensverhältnisse? Sie wußte ja von den Schulden, die mich drückten.

Sie konnte ganz beruhigt sein. Mohrauer und ich kamen schon am ersten Abend zu einer Einigung, während wir in seinem Zimmer nach einem herrlichen Abendessen bei einer Flasche Wein und wunderbaren Zigarren zusammensaßen. Er wollte mir die Summen stunden, die ich ihm für den Aufenthalt meines Freundes Perikles schuldete, ja, er erklärte sich bereit, auch die Kosten des Grabsteines für Eveline zu tragen. Mit Mühe konnte ich ihn davon abbringen, mir auch die Kosten der Hin- und Rückreise zu ersetzen. Gern hätte ich den Grabstein noch am gleichen Abend gesehen. Er stand in einem Schuppen, man hätte einen kleinen Weg von etwa zehn Minuten nehmen müssen. Aber es stürmte, Regen und dicker Schnee schlugen an die Fenster, und ich war sehr froh, daß der alte Mann seinen Willen durchgesetzt hatte, und daß ich nicht mehr hinaus mußte. Ich war ruhig, fast hätte ich gesagt, ich war glücklich. Ich sah den alten Herrn vor mir, wie er, in eine dicke Wolke von Zigarrenrauch gehüllt, in seinem dunkelblauen Klubsessel saß, ohne viel Worte zu machen. Ich wußte, er wollte mir wohl. Ich wußte auch, daß er seiner selbst sicher war, denn nichts konnte ihn noch erschüttern, auch die politische Entwicklung der letzten Jahre nicht.

Im Laufe des Abends berichtete er mir verschiedenes über seine Kranken, als wolle er mir eine Art Rechenschaft geben. Es war einer darunter, den er vor vier Wochen nach jahrelangem Drängen, Bitten und Flehen und nach einem Gutachten der Fakultät auf den dringendsten Wunsch der Familie gegen Revers nach Hause entlassen hatte. Drei Wochen nachher hatte ihn der Kranke nachts gegen 11 Uhr angerufen. Er hatte ihn sprechen wollen, unbedingt, sofort. Mohrauer ahnte, was kommen sollte, und verständigte die Direktorin und den Oberarzt, meinen Nachfolger hier. Der Kranke kam pünktlich an, er hatte ein Fahrrad genommen und war über die eisbedeckte Straße eiligst zu seinem alten Arzt gefahren, um ihm mitzuteilen, er habe ›zufällig‹ seine Mutter und seinen Bruder umgebracht. Der Assistent hatte es für eine Wahnvorstellung gehalten, Mohrauer nicht. Die Tatsachen hatten ihm recht gegeben. Es hatte sich herausgestellt, daß der Kranke vor gar nicht langer Zeit seine Angehörigen mit dem Tod bedroht hatte, er hatte ihnen sogar genau die Mordwaffe angegeben, deren er sich bedienen würde. Man hatte ihm nicht geglaubt, weil er dazu freundlich gelächelt hatte und weil er im übrigen sanft, sehr intelligent und fast immer klar war. Leider nur fast immer. ›Die Irren sind mächtig‹, sagte Mohrauer zum Schluß, ohne daß ich wußte, ob er von dem Kranken sprach oder von verschiedenen Politikern, unter anderm dem neuen Politiker Perikles, ›die Irren sind mächtig, denn wer wollte sie hindern?‹ Ich hätte ihm leicht antworten können. Wenn er so gut wußte, wie mächtig die Irren waren und wie sehr schwer es war, sie zu hindern, weshalb hatte er einen Perikles vorzeitig fortgehen lassen, bloß weil die Kosten nicht mehr von mir getragen werden konnten? Aber ich schwieg. Der Rauch der Zigarre reizte mich zu einem furchtbaren Husten, und als ich nachher mit tränenden Augen ihm ins Gesicht sah, nahm ich bei ihm zu meinem Staunen den gleichen Ausdruck des Mitleids wahr, der mich bei der alten Direktorin so sonderbar berührt hatte.

Es war noch nicht spät, kurz vor neun Uhr. Ich fühlte mich nicht mehr so müde wie bei der Ankunft, es durchströmte mich eine wohlige Wärme, und im Spiegel sah ich meine Augen lebhaft glänzen. Aber Mohrauer hatte es jetzt eilig, er schickte mich zu Bett. Er schien es für eine besonders liebenswürdige Aufmerksamkeit zu halten, daß er mich für diese Nacht in meinem alten Zimmer einquartierte, in dem ich mit Eveline gelebt hatte. Mir tat der Aufenthalt in diesen Mauern nicht wohl. Die Erinnerungen überkamen mich mit einer furchtbaren Gewalt.

Mir war, als hätte ich Eveline gestern an das Auto gebracht, das sie ins Sanatorium schaffen sollte. Die wohlige Wärme war verschwunden, ein eisiger Schauer nach dem andern überlief mich. Wie konnte mich Mohrauer in einem so schlecht geheizten Zimmer unterbringen? Ich stand auf, ging zu den hinter einer Holzverschalung befindlichen Heizröhren der Zentralheizung. Sie waren aber zu meinem Erstaunen sehr warm. Ich lehnte mich mit meinen schmerzenden Schultern dagegen, die Wärme kehrte wieder, eine tiefe Müdigkeit überfiel mich, ich hinkte mit meinem steifen Knie, das sich natürlich jetzt melden mußte, zurück zu meinem Bett und versank in einen dumpfen, unruhigen Schlaf. Mitten in der Nacht wachte ich unter Herzklopfen schweißgebadet auf. Und was war der Grund dieses Erschreckens? Ich hatte mich im Traume plötzlich der Hochzeit meiner Schwester erinnert. Ich war bei dem Gedanken erschrocken, daß ich zu dieser Festlichkeit nicht mit leeren Händen kommen könne. Schon deshalb nicht, weil ich wußte, daß Judith meinen Vater beherrschte und daß von ihnen beiden, von Judith und meinem Vater, der Frieden in unserem Haus, besonders für meine arme Frau abhing. Aber ich hatte doch einen Freund! Nicht den jungen Jagiello. Niemand konnte mir fremder sein als er, wenn ich ihn in meinen ruhelosen Gedanken vor mir sah, wie er sich mit seinem ganzen Riesengewicht auf unseren alten Klaviersessel stürzte, um ihn zu ›morden‹. Bis jetzt war der solide Klaviersessel siegreich aus diesen Kämpfen hervorgegangen ... Und Perikles? Ich war wieder in das unruhige Hindämmern verfallen, es waren keine echten Träume, es waren Ängste, schattenhafte Erscheinungen. Ich war glücklich, denn ich freute mich, daß mir wenigstens nicht Eveline in dieser furchtbaren Nacht erschien, aber kaum hatte ich mich an dieser Freude etwas aufgerichtet, als die niemals vergessene Geliebte leibhaft vor meinen Augen in der Dunkelheit auftauchte, ich fühlte, wie sie auf meiner Brust stand, und wenn ich auch die Decken von mir schleuderte, brach der Schweiß an meinem ganzen zitternden Körper aus, ich mußte dreimal im Lauf dieser Nacht aufstehen, um mich abzutrocknen. Endlich schlief ich ein.

Am nächsten Tage muß ich sehr verfallen ausgesehen haben. Ich merkte es an den Blicken. Aber niemand machte eine Anspielung. Ich bat Mohrauer – dies war der echte Freund, den ich nachts nicht vergeblich beschworen hatte, mir zu dem Hochzeitsgeschenk zu verhelfen –, mich zu dem Steinmetz zu begleiten. Er aber mußte zuerst eine Unmenge von Verwaltungsangelegenheiten ordnen. Es wurde später Nachmittag, bevor er sich freimachen konnte. Endlich waren wir auf dem Wege. Der Regen hatte aufgehört, ein mäßiger Frost hatte eingesetzt, die Regenlachen hatten sich mit einer starren Kruste überzogen, unbemerkbar begann es zu schneien, und die Flocken wehten wie weißer Staub über die matten Eisflächen daher. Ich trat wie als Knabe in das Eis und freute mich an dem Knistern und Klirren.

Der Steinmetz war im Begriffe, seine Werkstatt zu verlassen. Ihm lag aber daran, daß ihm das Monument nach so langer Zeit abgenommen würde. Er öffnete den Schuppen, in den es hineinschneite, und zeigte uns einen schönen, edel geschnittenen, pyramidenartigen Grabstein aus grauem Granit mit einer prachtvoll in Gold gehaltenen Inschrift auf schwarzem Marmor. Aber es war ein Irrtum. Dieser Stein war bestimmt für eine vor kurzer Zeit verstorbene, sehr reiche Patientin der Anstalt. Für Eveline war ein anderer Stein bestimmt, der in einem Winkel stand, so dick mit Staub bedeckt, daß man ihn mit einem kleinen Besen reinigen mußte. Die Pyramide mit dem etwas plumpen Kreuz war aus Sandstein, nicht gerade häßlich, aber unscheinbar. Wirklich häßlich aber war die Platte, die aus billigem ›Kunststein‹ bestand, und die Inschrift war nicht mit Goldbuchstaben, sondern nur mit schwarzen Lettern eingeschnitten, die jetzt in der Dämmerung verschwammen. Mir zog es das Herz zusammen. Ich begann zu frieren, meine Hände zitterten in den Taschen des Mantels. Der Wind wehte kalt durch die teils fertigen, teils nur begonnenen Grabsteine. ›Gehen wir, gehen wir!‹ mahnte mich Mohrauer. ›Ja, ich gehe schon‹, sagte ich, konnte aber nicht fort. Auch der Meister wurde ungeduldig. ›Wollen der Herr vielleicht noch die Inschrift sehen?‹ fragte er mich, ›sie ist genau nach Angabe.‹ ›Gewiß, gewiß‹, sagte ich, mit den Zähnen klappernd. Mein Mantel war nicht sehr dick. Mohrauer trug seinen Pelz, aber der Meister, ein Mann in mittleren Jahren, untersetzt und stämmig, stand in seiner leichten Joppe da und fror nicht. Er zog jetzt eine elektrische Taschenlampe heraus und leuchtete die häßliche Tafel an. Ich las: ›Hier ruht / Frau Major Eva Baronin von Cz. / geboren 5. Mai 1890, / im Frieden nach Empfang der hl. Sakramente / gestorben 3. April 1923. / Tief betrauert von ihrem Gatten, / ihren Kindern, / ihren Geschwistern. / Selig sind, / die leiden. / Denn ihrer ist das Himmelreich.‹ Ich stieß meinen alten Freund an. ›Die Tafel kann nicht so bleiben‹, sagte ich. ›Alles genau nach Angabe‹, antwortete der Meister und warf den Kopf zurück, als hätte man ihn beleidigt. ›Vielleicht haben wir uns im Büro bei den Angaben geirrt‹, sagte Mohrauer begütigend, ›wir haben uns an die Daten im Sanatorium gehalten.‹ ›Das kann schon sein‹, sagte ich, ›aber die Angaben sind nicht richtig, Eveline ... sie war viel jünger. Es ist auch nicht von Kindern die Rede. Sie hat nur eines ... gehabt.‹ Ich fühlte, wie es in mir brennend aufstieg, ich begann zu weinen. Der Meister wandte sich ab und ging brummend unter den anderen Grabsteinen umher. ›Beruhigen Sie sich! Was ist denn nur in Sie gefahren, ich erkenne Sie gar nicht wieder‹, sagte Mohrauer ernst, aber leise. ›Nur eines, nur eines!‹ wiederholte ich in meinem törichten Jammer. ›Ja, es wird geändert‹, sagte Mohrauer, ›nichtwahr, Meister, Sie ändern es?‹ ›Nein, man kann an der dünnen Kunststeinplatte nicht zweimal meißeln‹, sagte er. ›Wenn ihr Kind kommt, wenn das Kind kommt, um das Grab der Mutter ...‹ ich konnte nicht weiter. ›Natürlich, Sie haben recht‹, sagte Mohrauer sachlich. ›Wenn man schon einen Grabstein setzt, dann muß die Aufschrift richtig sein. Sie schneiden also eine neue Platte, Meister. Einverstanden?‹ ›Ich kann eine neue Platte gravieren, aber nicht vor Anfang nächster Woche‹, sagte er störrisch. ›Wir wollen nämlich die Rechnung sofort begleichen‹, sagte Mohrauer, ›nun, Meister? Sie wissen, ich bin Ihr bester Lieferant!‹ ›Na, gut‹, murrte er. ›Übermorgen können Sie den Stein aufstellen, ich nehme vielleicht schwarzen Marmor, der wird dem Herrn Gemahl gefallen.‹

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