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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 45
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6

Zum Glück erholte sich mein Vater mit jedem Tag. Er schien aber darunter zu leiden, daß er seine Tätigkeit als Arzt noch nicht aufnehmen konnte. Es war nur ein schwacher Trost für ihn, daß nicht nur der Dekan der Fakultät, sondern auch andere Professoren und frühere Freunde, die seit seinem Konflikt mit der Militärbehörde während des Krieges alle Beziehungen zu ihm abgebrochen hatten, sich nun nach seinem Befinden erkundigten und die Besuche in unserem Hause wieder aufnahmen. Wie in vielen solchen Fällen schwankte er zwischen Zeiten völliger Lebensabgewandtheit, während deren er nur den einen Wunsch hatte, im Schlafe zu sterben und dem Tode nicht als Arzt wissend ins Auge sehen zu müssen – als Arzt stirbt man doppelt, sagte er –, und anderen Zeiten, in denen er mit seiner ganzen alten Willenskraft sich seinem Schicksal entgegenstemmte. Da wollte er leben, konnte und mußte die frühere Arbeitskraft wiedergewinnen, und einmal hörte ich ihn in seinem Arbeitszimmer – pfeifen. Nach den meisten Schlaganfällen bleibt die eine Gesichtshälfte gelähmt, und die Kranken vermögen nicht, die Lippen zu spitzen und zu pfeifen. Welch ein Glück bedeutete es für ihn, als er wahrnahm, daß die Lähmung zurückging und daß die starken, schmerzhaften elektrischen Ströme, die er sich erbarmungslos appliziert hatte, nun doch geholfen hatten. Kurze Zeit darauf kehrte er in sein Krankenhaus zurück, er übernahm wieder die Leitung seiner Abteilung, ohne die schwierigen Operationen auszuführen. Seine Hand war noch unsicher – hier halfen die Ströme nicht genug. Aber die Ärztin, die schon zu meinen Zeiten dort gearbeitet hatte, operierte genau so, wie sie es von ihm gelernt hatte – sie hatte ihm alles von den Händen abgesehen, was sich eben lernen läßt, und dies genügte in den meisten Fällen.

Das Personal hatte meinen Vater mit großer Freude empfangen, sein Schreibtisch war mit herrlichen Blumen geschmückt. Schon am ersten Vormittag stellte sich ein Photograph ein, der ihn, den genialen Arzt, inmitten seiner treuen Gemeinde photographierte. Er saß, in seinem weißen Kittel, den Mund zum Lächeln verzogen und nur ganz wenig unsymmetrisch, in ihrer Mitte, seinen schönen schwarzen Pelz nachlässig um die Schultern ...

Wenige Wochen später feierte er seinen sechzigsten Geburtstag. Ich wußte, daß er sich seit langem ein kostbares englisches Sammelwerk der gesamten Augenheilkunde wünschte. Ich hätte ihm nur zu gerne diese Freude gemacht, aber unsere Geldverhältnisse waren nicht die besten. Meine Einnahmen, die zum größten Teil von unbemittelten Augenkranken kamen, wie es in einem derart verarmten Lande nicht anders möglich ist, waren nicht übertrieben groß. Mein Junge kostete Geld, unser immer noch auf großem Fuß geführter Haushalt kostete Geld, Eveline, die schwächlich war und ein Sorgenkind blieb – jetzt begann sie allmählich ihrer schönen Mutter ähnlich zu sehen, besonders in der Partie um die großen eisengrauen Augen –, kostete Geld, meine jungen Geschwister wuchsen heran.

Meine Mutter wurde schnell alt. Sie bemühte sich mit allen Kräften, zu sparen. Aber sie hatte es nie gekonnt – und dann schien es mir manchmal, als ob ihre geistigen Kräfte bedrohlich schnell abnähmen, mehr noch als ihre körperlichen. Meine Frau vertraute mir an, sie hätte seit längerer Zeit bemerkt, daß der große Teppich mit dem bunten Blumenmotiv im Wohnzimmer jeden Morgen naß werde. Sie konnte sich dies nicht erklären. Einmal wollte sie aber meine Mutter beobachtet haben, wie sie mit einer kleinen Gießkanne statt den echten Blumen auf einem Blumentischchen den gewirkten Blumen in dem Teppich Wasser gab. Nun hatte meine Mutter früher einen Hang zur Schelmerei gehabt, sie war vielleicht immer Kind geblieben. Ich gab mir Mühe, sie genau zu beobachten, ich war ja lange genug Irrenarzt gewesen, ich hätte einen beginnenden Altersverfall des Geistes feststellen können. Aber ich konnte es nicht. Nicht, daß es mir an Zeit gefehlt hätte, denn für meinen Vater, meine Mutter und für das Kind hatte ich immer Zeit – aber sie war mir so vertraut, ich war so sehr im Laufe der vielen Jahre mit ihr verwachsen, daß mir an ihr alles selbstverständlich und natürlich vorkam.

Ich wußte, daß ich mit dem großen Geschenk für meinen Vater auch ihr eine Freude bereitete. Was hätte ich sonst für sie tun können? Ich setzte mich mit einem Buchhändler in Verbindung. Die Beschaffung der kostbaren englischen Pfunde machte große Schwierigkeiten. Aber zum Glück ging alles gut vor sich, und auf dem Geburtstagstische prangte das herrliche Werk, eine kleine Mauer von nebeneinander aufgestellten Foliobänden, mit echten Lederrücken, an 5000 Seiten Text und dazu drei Bände der wunderbarsten Abbildungen, in einer Vollendung, wie man sie bei uns noch nicht kennt. Mein Vater strahlte über das ganze Gesicht. Er umarmte mich, küßte mich auf meine Wangen, wog die Bände einen nach dem andern in seiner Hand, pfiff sogar, was er sich seit seiner letzten Krankheit angewöhnt hatte und was seltsam wirkte bei seinem distinguierten Aussehen, dann zog er sich, mit den Bänden bepackt, in eine Ecke zurück, und während er oberflächlich in den Büchern zu blättern schien, sah ich doch genau, wie er diejenigen Kapitel suchte, zu denen er selbständige Beiträge für die Augenheilkunde geliefert hatte, und ich wußte, daß er seinen Namen auch hier einmal wiederfinden würde. Ich entsann mich meiner Jugend, ich dachte an den Tag, an dem ich zum erstenmal seinen Namen gedruckt gefunden hatte. Er hatte mein Leben bestimmt, ich war trotz allen Umschweifen doch bei den sichtbaren Wissenschaften gelandet. Es war mein tägliches Brot, ich konnte hier viel arbeiten, es füllte mich beinahe aus.

An unserem Hause waren jetzt zwei Ärztetafeln angebracht, die eine, größere, war die meines Vaters, die andere die meine. Es kam öfter vor, daß die Kranken schwankten, welchen von uns beiden sie wählen sollten. Mein Vater sah es nicht gern. Wenn er auch nach seiner Krankheit nicht mehr operierte, so wollte er doch nicht, daß ich es ›auf seine Kosten‹ tat: Er sagte, mir fehle die Erfahrung. Die leichte und sichere Hand konnte er mir nicht absprechen – ich hatte sie von ihm geerbt. Immer wieder sprach ich mit meiner Frau davon, daß wir beide mit Eveline uns früher oder später doch aus dem Elternhaus zurückziehen müßten, aber die Tatsachen waren stärker. Den Vorteil hatte das Kind, das mit den andern Kindern so glücklich heranwuchs, wie man es einem kleinen, empfindlichen, zarten, etwas eitlen, stolzen und herrschsüchtigen Wesen nur wünschen konnte – den Nachteil hatte meine Frau, die ihren eigenen Sohn nicht bei sich haben konnte und für ein fremdes Kind, ja für eine ganze fremde Familie zu sorgen hatte. Und wäre wenigstens Friede bei uns gewesen! Aber Judith war unermüdlich in ihren Tücken, die oft fast geistreich waren, bei aller ihrer Dummheit konnte sie doch so raffinierte Dinge aushecken, daß man ihnen wehrlos gegenüberstand. Auf die Dauer wäre das Zusammenleben von uns allen in dieser Form unmöglich gewesen, aber die Heirat meiner Schwester mit Jagiello stand ja in nächster Zeit bevor, und dann wollte Judith ihr eigenes Haus für sich haben. Mein Vater hätte gern diese Hochzeit mit der Feier seines sechzigsten Geburtstages verbunden, aber die Aussteuer meiner sehr eleganten und anspruchsvollen Schwester wurde nicht zur rechten Zeit fertig, und dann wollte sie die einzige sein, die gefeiert wurde, sie wollte nicht teilen. Ich hatte Judiths schiefe Blicke bei der Geburtstagsfeier gesehen, als ich meinem Vater das für meine Verhältnisse etwas zu kostbare Geschenk gemacht hatte. Sie rechnete mit einem noch kostbareren Hochzeitsgeschenk.

Aber ich wußte, daß dies unmöglich war. Meine letzten Ersparnisse waren aufgezehrt. Mohrauer meldete sich, er wollte die alten Schulden, die er rücksichtsvollerweise Rückstände nannte, bezahlt wissen. Nun hatte ich während langer Jahre für Perikles die Aufenthaltskosten in der geschlossenen Anstalt bezahlt. Perikles war jetzt ein vielgenannter Mann. Er wurde von der Jugend mit Begeisterung gelesen, seine ›Ansprachen an das Volk‹ waren überfüllt, er entfachte eine politische Bewegung, und es bestanden kleine Zeitungen, die ausschließlich seiner Sache dienten. Wehr, Wurzeln und Ehre der Kraft waren die Ideale, die er der Jugend – und wieviel alten verblühten, aber machtlüsternen Menschen – predigte. Ich schrieb an ihn. Ich wünschte ihm Glück zu seinem Erfolg. Ich sagte ihm, ich würde mich freuen, ihn, meinen besten, ja einzigen Jugendfreund wiederzusehen, und zum Schluß bat ich ihn um etwas Geld, ohne die furchtbare Zeit in der Anstalt und seine Krankheit zu erwähnen, denn es war mir schrecklich, an die letzten Tage meines Aufenthaltes dort und an meine Verzweiflungstat an ihm zu denken. Ich bat ihn, mir die Kosten zurückzuerstatten, die ich stark nach unten abgerundet hatte. Denn ich wollte nicht den Eindruck machen, als wolle ich ein Geschenk zurückgezahlt erhalten. Es war nur ein Drittel meiner Auslagen für ihn, was ich verlangte, ein Betrag, den er sicherlich sehr leicht entbehren konnte, denn er hatte jetzt viel Geld, die Propaganda seiner Massenversammlungen war ebenso eigenartig wie großzügig. Man sprach von vielen Geldgebern. Aber ich empfing keine Antwort von ihm.

Kurz vor Judiths Hochzeitstag bekam ich noch eine Mahnung von Mohrauer. Diesmal handelte es sich um die Rechnung des Steinmetzen für den Grabstein Evelines auf dem kleinen Dorfkirchhof, den man seinerzeit auf meinen Wunsch bestellt hatte. Bis jetzt war der Stein in einem Schuppen gestanden. Ich verstand Mohrauer. Ihm kam es nicht so sehr auf den Betrag an, der bei einem so reichen und im Grunde so gütigen Mann keine Rolle spielte. Er wollte mich wiedersehen. Vielleicht merkte er, wie der Tod sich ihm näherte. Aber er wollte nicht wie mein Vater im Schlafe sterben, er wollte den doppelten Tod auf sich nehmen – aber mir vorher Lebewohl sagen. Mir aber war eine Rückkehr, ein Besuch in der Anstalt ein Greuel, ich haßte jede falsche Gefühlsseligkeit – und doch mußte es sein. Ich konnte dies dem alten Mann nicht schreiben. Ich vertröstete ihn auf später und log. Ich sagte ihm in meinem Briefe, ich fühle mich sehr ermüdet, die Last meiner Arbeit übersteige meine Kräfte etc. Nun war dies nicht gerade gelogen. Seit einigen Monaten merkte ich, daß mich abends und nachts leise prickelnde Hitze- und Kältewellen überliefen. Als wir Eveline gepflegt hatten und die Temperatur alle drei Stunden gemessen hatten, hätte es mich interessiert, gelegentlich auch meine eigene Temperatur zu prüfen. Aber ich wußte, daß ein Arzt selten über seinen eigenen Gesundheitszustand genau Bescheid weiß, sah ich es doch an meinem Vater. Und dann, was hätte es genützt, zu wissen, daß meine Gesundheit nicht die beste war? Jetzt lag die Verantwortung für unsere ganze Familie bei mir. Wie oft hätte ich mich abends am liebsten in mein Zimmer eingeschlossen! Aber alle kamen und baten mich um Ratschläge, und ich durfte nicht ungeduldig werden, wenn ich sah, daß sie diese Ratschläge nachher nicht befolgten. Vielleicht war es auch besser so. Ich konnte nicht alles wissen, oft irrte ich mich, oder ich drückte mich nicht deutlich genug aus.

Meine Mutter merkte, daß ich mich anstrengte, vielleicht über meine Kräfte. Aber kam es ihr in den Sinn, mich zu schonen? Sie trippelte zu mir in mein Zimmer, oft weckte sie mich spät abends aus einem unruhigen Halbschlaf und unterhielt mich von den kleinen, aber für sie entscheidenden Sorgen des letzten Tages, erwartend, daß ich alle Einzelheiten noch von der letzten Unterredung in meinem armen Kopf behalten hatte. Wenn ich sie ansah, mich mit Mühe beherrschend, wandte sie sich ab, sie, die alte Mutter, errötete vor mir, dem alten Sohn, und dann sagte sie leise: ›Was willst du von mir verlangen? Ich bin ein altes Huhn. Mit wem sonst soll ich mich beraten?‹ Sie hatte nicht unrecht. Mein Vater widmete den Hausangelegenheiten seit seiner Krankheit wenig Zeit. Er begann jetzt noch eifriger die Kirche zu besuchen. Die Abende verbrachte er mit dem künftigen Schwiegersohn im Gespräch über die Nichtswürdigkeit der Menschen und über das wohlverdiente Elend der menschlichen Kreatur, über den Undank, den seine und Jagiellos Bemühungen um das Heil der Menschen – hier das der Augenkranken, dort das der zur Fabriksarbeit gezwungenen Kinder – bei der schnöden Welt gefunden hatten, und wehe denen, welche die beiden Menschenfeinde bei ihrer Flasche Wein und ihren philosophischen Gesprächen störten. Aber ich gönnte dem alten Mann den Trost, den er in der Kirche und im Weine fand. Ich war froh, daß er eine gleichgestimmte Seele in Jagiello gefunden hatte. Ich tröstete meine Mutter, die jetzt rührselig, wie sie geworden war – oder war sie es immer gewesen? –, das Gesicht hinter dem vorgehaltenen Arme versteckte und viele Tränen vergoß. Ich versuchte, sie aufzuheitern, ihr zu zeigen, wie glücklich ihr Leben gewesen war, wieviel Freude sie an ihren vielen Kindern, an ihrem allezeit getreuen Gatten gefunden hatte. Aber ich kam nicht gut an. ›Ja, alte Hühner haben nicht mehr das Recht zu weinen. In der Küche ist mein Platz, hier ist nur Platz für deine Walpurgis, die ist dir Mutter und Fee und Gott-weiß-was-alles ... Wenn ihr allein seid, macht ihr euch lustig über mich dumme alte Frau ...‹ Nie war etwas Derartiges meiner guten, viel eher zu demütigen als zu spottsüchtigen Frau eingefallen. Aber wie sollte ich widersprechen? Ich streichelte die weichen, wohlgepflegten, reichberingten Hände meiner Mutter und sagte nicht, sie möge die Hände meiner Frau ansehen, die nicht etwa einen, sondern drei Dienstboten ersetzte. Ich war froh, wenn eine solche Unterredung mit meiner Mutter, die fast an jedem Abend stattfand, durch das Klingeln des Telephons unterbrochen wurde. Oft galt es meinem Vater, ebensooft mir. Mein Vater machte seit seiner Krankheit keine Hausbesuche mehr. Er überließ sie mir, ebenso wie die technisch schwierigen Operationen, bei denen er mir – nachlässig genug, wie oft alte Meister, wenn sie einem Anfänger helfen sollen - assistierte ... Oft hatte ich meine eigenen Kranken zu besuchen. Meine Erfolge bei der Behandlung der bis dahin für unheilbar gehaltenen Erblindung bei Tabes dorsalis hatten viele Kranke angezogen. Aber statt sich mit den vielleicht nur bescheidenen Erfolgen an ihrem Augenlicht zu begnügen, die zu erzielen in meiner Macht stand, nahmen sie mich in Anspruch bei den tausendfältigen anderen Symptomen ihrer grauenhaften, langwierigen, höchst vielgestaltigen Krankheit, der Rückenmarksschwindsucht. Was sollte ich tun? Ich mußte ihnen dankbar sein für ihr Vertrauen.

Ich gab ihnen etwas Hoffnung. Ohne Ausnahme.

Vielleicht glaubten sie nicht völlig an mein Versprechen, dies und das, was ich als unabänderlich kannte, würde ›sich geben‹. Auf alle Fälle wollten sie mich bei sich haben. Sie zahlten, soviel sie konnten. Ich hatte mich nie zu beklagen. Mein Vater lächelte über die Geringfügigkeit der Summen – in Gold umgerechnet. Er zeigte mir seine Rechnungsbücher aus den früheren Jahren. ›Du mußt lernen, zu verlangen. Man schätzt dich so hoch, wie du dich schätzt. Man muß nicht jedem Heller nachlaufen. Laß sie anrufen, soviel sie wollen.‹ Ich ließ ihn aber reden und änderte mein Verhalten nicht. Und doch hatte er recht. Ich verlor zusehends an Kräften. Mein Knie, an dem sich die Wunde nur in den besten Zeiten ganz geschlossen hatte, meldete sich mit Schmerzen und Schwellungen. Ich hatte ab und zu auch Stiche in der Schulter und einen lästigen Rachenkatarrh, obwohl ich kein übermäßiger Raucher war. Rauchen mußte ich. Ich mußte mich abends durch irgendein Reizmittel auffrischen, und Tabak erschien mir als das unschuldigste.

Mein Vater ließ mich eines Abends kommen. Er hatte eine ernste Miene, und ich dachte, er würde mich bitten, mich zu schonen. Leider war es nicht so. ›Ich will dir meine Praxis übergeben, sobald Judith verheiratet ist. Ich denke daran, mich von hier aufs Land zurückzuziehen. Ein alter, verbrauchter Mensch wie ich und ein junger, unverbrauchter wie du – das arbeitet schwer zusammen. Es paßt mir auch nicht, offen gestanden, daß ich einen unbezahlten Assistenten abgeben soll.‹

Unbezahlt! Ich behielt ja von dem Geld, das ich verdiente, knapp soviel, um meine persönlichsten Bedürfnisse zu bestreiten, Zigarren, ein neues Buch, einmal in einem Monat einen Kinobesuch, eine Theateraufführung. Alles andere lieferte ich meiner Frau ab, die das Geld im Haushalt verwendete. Und mein Vater wußte es.

Aber meinem Vater widersprechen? Ich liebte ihn immer noch zu sehr.

Aber nun erschien es mir notwendig, ohne Zögern die Reise zu Mohrauer zu machen. Ich wollte das Grab meiner Eveline besuchen. Ich wollte mit meinem alten Freund beisammen sein. Ich sagte es meinem Vater, der diesen Plan keineswegs billigte. ›Ja, deine süße Gaby erwartet dich!‹ sagte er halb ironisch, halb böse. ›Alter Glückspilz! Nun, wenn es sein muß, reise. Ich will noch einmal in die Tretmühle zurück und deine Patienten versorgen. Du vertraust sie mir doch an?‹ ›Zwischen uns braucht es keine Worte‹, sagte ich. ›Das wollte ich mir auch ausgebeten haben, natürlich!‹ sagte er, und auf seinen durch den Schlaganfall und das Alter verwüsteten Zügen erschien noch einmal in seinem unergründlichen Zauber das alte Lächeln, von dem man nicht wußte, ob es gut oder böse gemeint war ... Als ich nach einem schweren Abschied von der kleinen Eveline mit meiner Frau zur Bahn ging, merkte ich an mir unverkennbar – eine erhöhte Temperatur. Ich hustete. ›Nicht soviel rauchen, du Guter‹, mahnte meine Frau. Ich reiste ab.

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