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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 43
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die größte, fast möchte ich sagen, die einzig ungetrübte Freude hatte ich an meiner Tochter. Ich darf sie doch so nennen? Nischy war das entzückendste, bezauberndste Kind, das man je zwischen Steckkissen in einer Wiege, dann in einem wirklichen Bettchen, dann in einer alten, schon von uns als Kindern halb kaputt gemachten Gehschule, dann bei Tisch bei den ersten Eßversuchen, bei den ersten Spielen, bei den ersten verständlichen Worten gesehen hatte. Alles war mir neu! Ich hatte mein eigenes Kind nicht aufwachsen gesehen. Vally hatte meinen Sohn in Puschberg ohne mich aufgezogen.

Ich hatte zwar kleine Geschwister gehabt, aber als Judith auf die Welt kam, war ich schon über fünfzehn Jahre alt. Der Altersunterschied war für Bruder und Schwester zu groß, für Vater und Tochter zu klein. Dies war der Grund, und kein anderer, weshalb sie mir immer etwas fremd geblieben ist. Ich leider ihr nicht im gleichen Maß. Ich wußte wohl, daß hinter ihren bösen Bemerkungen, hinter ihrem absichtlichen an mir Vorbeisehen, den einstudierten Frechheiten gegen meine arme Frau, die sich für die Familie aufopferte, auch eine Art Liebe stand, und zwar gerade die Liebe eines Kindes zu seinem Vater. Mein Vater aber war für Judith zu alt. Sie sah in ihm eher einen etwas komischen Patriarchen, einen alten, der Zeit entfremdeten Sonderling, der früher einmal etwas Großes gewesen war, den man aber jetzt mit einem Frauenhaar um den Finger wickeln konnte. Sie hätte gern mich als Vater gehabt. Ich verstand es. Sie tat mir leid. Aber niemals hat das Mitleid eines vielbeschäftigten Menschen eine echte, sich jeden Tag erneuernde, freudige Liebe ersetzt, wie ich sie nur Nischy gegenüber empfinden konnte. Leider bin ich also, ohne es im geringsten gewollt zu haben, die Ursache dafür gewesen, daß Judith sich bei uns nicht mehr richtig wohlfühlte, daß sie das Haus fast jeden Abend verließ, daß Tag für Tag Telephonanrufe von jungen Leuten kamen, die sich nur mit den Vornamen meldeten und eine weitere Auskunft ablehnten. Aber die Zeiten hatten gewechselt, man konnte keine Vergleiche mit der Gesellschaft vor dem Krieg anstellen, man mußte den jungen Menschen Freiheit gönnen, da man ihnen keine Sicherheit gewähren konnte. Nichts war sicher. Die Jugend sollte leben.

Unser Vermögen schwankte. Eines Tages waren wir reich, des andern Tages stellte es sich heraus, daß wir die Hälfte unseres Besitzes verloren hatten. Also wartete man wie ein Hasardspieler auf den dritten Tag. Ich konnte mich diesen furchtbaren Schwankungen noch nicht anpassen, ich hatte zu wenig Erfahrung. Auch mein Vater konnte es nicht, er hatte zuviel Erfahrung. Wer sich, wie er, in die Vorkriegszeit eingewurzelt fühlte, konnte die Nachkriegszeit nicht fassen. Die einzige Person, die mit dieser Zeit, die man Inflationszeit nennt, mitkonnte, war meine Frau. Ihr verdankten wir, daß unser Tisch gut gedeckt war, unser Haus nicht in Verfall kam, daß die kleinen Geschwister und meine Kinder gut gepflegt wurden, und im ganzen der Stand unseres Lebens gehalten werden konnte. Meine Mutter auf ihren dick gewordenen Beinen, in ihren alten Seidenkleidern, wandelte wie ein Gespenst aus früherer Zeit in ihrer verstaubten Eleganz unter uns umher. Aber sie war immer eine gute, in Kleinigkeiten einfallsreiche Mutter, besonders für die Jüngsten. Ich weiß, daß sie niemals einen Unterschied zwischen ihren Kindern und den meinen gemacht hat. Dies dankte ich ihr sehr.

Meine Arbeit über die Sehnervenschrumpfung und deren Bekämpfung bei Rückenmarkschwindsucht näherte sich ihrem Abschluß. Ich sandte das Manuskript einer großen medizinischen Zeitschrift ein. Der Redakteur versprach das Erscheinen innerhalb dreier Wochen. Da aber infolge Papiermangels die Nummern schwächer ausfielen – man brauchte das Papier für Banknoten und Zeitungen –, wurde das Erscheinen stark verzögert. Eines Abends kam mein Vater triumphierend heim. Hatte er etwas Gutes über meine Pläne gehört? Ja und nein! Er zeigte mir in einer anderen Zeitschrift einen Artikel eines bekannten Augenarztes, der das gleiche Thema behandelte. Unsere Ergebnisse waren nicht sehr verschieden. Ich freute mich. Denn es bedeutete, daß ich nicht leichtfertig gearbeitet hatte. Er ergriff meinen Ärmel und schüttelte mich: ›Verstehst du das nicht?! Deine Arbeit ist wertlos geworden.‹ ›Nein, das glaube ich nicht. Wir haben beide gleichzeitig etwas ziemlich Wichtiges gefunden.‹ ›Ja, gleichzeitig?! Vielleicht hat er dir die Sache gestohlen. Du hältst ja nie den Mund.‹ ›Auch das glaube ich nicht‹, sagte ich, ›das hat dieser Mann nicht nötig.‹ ›Nicht nötig! Jeder hat es nötig, heute besonders! Immer noch Verschwender? Heute noch Menschenfreund? Immer noch Don Quijote? Immer noch der segnende ...‹ Er sprach das Wort Christus oder Jesus nicht aus. Denn seit kurzem war er nicht mehr der Spötter, der er früher gewesen war. Er fühlte seine Kräfte etwas schwinden. Das veranlaßte ihn zwar noch nicht, auf schwere Operationen zu verzichten, aber es ließ ihn seinen Frieden mit dem Himmel anstreben. Er besuchte jetzt an jedem Sonntagvormittag mit meiner Frau das Hochamt. Er sagte, er wolle tun, was alle Welt tut. Knien und beten und ein wenig Weihrauch einatmen und die Beichte ablegen könne niemals schaden, vielleicht aber später (möglichst spät) nützen. ›Denkst du nicht auch?‹ fragte er mich. ›Gewiß‹, sagte ich.

Er hatte mir erlaubt, ihn hier in unserem Hause zu vertreten. So durfte ich zum Beispiel an jedem Montag an meine Geschwister, bevor sie zur Schule gingen, die neuen Federn verteilen. Judith ging ins Lyzeum. Sie besaß zwar einen prachtvollen Füllfederhalter, aber wenn andere etwas bekamen, und gar von mir, mußte auch sie das gleiche haben, obwohl sie nicht die geringste Verwendung dafür hatte. Und wenn man ihr mit einer solchen Kleinigkeit (zwei Federn für dich, Schwesterchen!) eine winzige Freude machen konnte, warum nicht? Wie gern hätte ich auch meinem Vater, der weit über seine Jahre – er war ja noch lange nicht sechzig! – gealtert war, eine Freude gegönnt. Aber seine Freuden waren kostspieliger Natur. Er hatte von neuem begonnen, an der Börse hoch zu spielen. Vielleicht füllte ihn seine Tätigkeit als Arzt nicht mehr so aus, er kam sich klein vor, weil er weniger verdiente, er wollte eine große Rolle durch sein Vermögen spielen, weil die Patienten sich allmählich von ihm abzuwenden begannen. Wie oft kam meine Frau zu mir – sie war auch Empfangsdame und bediente das Telephon – und flüsterte mir zu, dieser oder jener Patient wolle von mir, nicht aber von dem alten Herrn Professor behandelt sein. Ich tat den Kranken den Willen nicht, solange ich sicher sein konnte, daß der Vater nicht schlechter arbeitete als jeder andere alte, erfahrene Praktiker. Hier ließ ich ihm die Illusion seiner alten Größe. Denn ich konnte im Notfall seine Hand führen, und er gab nach. Nicht so bei seinen Börsenmanövern. Ich habe es ebensowenig wie meine Frau jemals dahingebracht, daß er uns eine Vollmacht ausgestellt hätte. Und hätte er sie uns auch gegeben – hätte ich die Verantwortung übernehmen können? Wir waren eine große Familie. Die Kinder kosteten viel. Die Häuser trugen fast nichts, das heißt sie trugen Tausende in ganz entwertetem Gelde. Ich und mein Vater verdienten das Nötigste bereits in Millionen. Wir entließen mit der Zeit einen Teil der Dienstboten, meine arme schwerfällige Mutter mußte sich an Handanlegen gewöhnen und tat es gern. Es war nach ihrem alten, weichen Herzen, wenn sie der Familie in ihrer Bedrängnis ein ›kleines Pflaster auf die große Wunde‹ legen konnte. Sie versuchte alles. Eines Tages ging sie strahlend mit einem großen Paket fort. Am Abend kam sie mit dem gleichen Paket heim, sehr bedrückt, und ich hörte sie mit meiner Frau hinter verschlossenen Türen murmeln und dann gedämpft schluchzen. Sie hatte ihre kostbaren Straußfedern und Reihergestecke, die vor dem Kriege viele tausend Kronen gekostet hatten, verkaufen wollen, und man hatte ihr einen Bettel dafür geboten. Sie verstand die Zeit nicht mehr.

Aber verstand sie mein Vater, der von einem Tag auf den anderen viele Millionen Kronen verlor, und statt endlich die Hände davon zu lassen, sein ›Engagement‹ verdoppelte? Jetzt war er der Verschwender. Und ich, der ich an meine Frau, meine zwei Kinder und an meine Mutter und die Geschwister dachte, war der Sparmeister, oder wollte es werden mit meinen grauen Haaren. Judith sah es mit unverhehltem Mißmut, daß wir sparten, daß wir am Abend sehr frugal aßen, daß wir möglichst wenig Räume beleuchteten, daß wir alle keine Neuanschaffungen machten, daß vielmehr die alten Kleider aus guten Stoffen gewendet wurden, und ebenso meine Krawatten, obwohl ich es schöner gefunden hätte, auf die Krawatten zu verzichten als sie in gewendetem Zustand zu tragen. Aber viele von diesen Entbehrungen legten wir uns ihretwegen auf. Mein Vater hatte immer an der Versicherung für sie festgehalten. Die Summe war auf Goldwährung umgeschrieben worden. Das gab uns allen ein Gefühl der Sicherheit, und dieser Rat, den ich seinerzeit eigentlich aus Unerfahrenheit gegeben hatte, hatte mir den Ruf einer Finanzgröße eingetragen, was ich sicher nicht verdiente. Nun hatte die Sache auch eine andere Seite: es mußten auch unsere Zahlungen an die Versicherung in Gold erfolgen, und da man Dollars nicht mehr kaufen konnte, brauchten wir in unserer elenden Währung gewaltige Summen, und ohne jeden Verzug! Wie oft habe ich am Vormittag meine Barbestände zusammengezählt und sie zu schwach gefunden und habe auf die Honorare der Nachmittage gelauert, die glücklicherweise in der letzten Zeit wieder so zunahmen, daß ich das Geld der Versicherungsgesellschaft regelmäßig anweisen konnte.

Ich erlebte jetzt keine großen Aufregungen mehr, keine Leidenschaften, keine Katastrophen wie den Tod meiner unvergeßlichen Eveline. Ich und meine Frau hatten keine stürmischen Auseinandersetzungen über unser Leben, unsere Liebe, über die Schuld an so vielem. Ich hatte Sorgen. Meine Frau hatte Sorgen. Meine Mutter hatte Sorgen. Meine Geschwister hatten noch keine, mein Vater keine mehr. Er war jetzt der glühendste Optimist. Er war zum Spieler geworden. Und wenn er sich noch einreden konnte, er spiele an der Börse nicht deshalb, um seiner Spielerleidenschaft Genüge zu tun, sondern um die Zukunft seiner Familie sicherzustellen – weshalb sollte er dann, jetzt, wo er sogar der Hilfe des Himmels nach seiner Bekehrung sicher zu sein glaubte, nicht guten Mutes sein? Nur zu sehr! Unsere Abende waren eintönig. Ich habe es nie gemerkt. Ich hatte neue theoretische und experimentelle Studien begonnen. Abends war ich müde, schön müde. Mir tat es gut, unter meinen Angehörigen zu sein, mit Nischy ein wenig zu spielen. Aber sie war herrschsüchtig wie ihre Mutter, und das, was sie von mir wollte, hatte einen weniger abgearbeiteten, jüngeren Menschen gebraucht als mich, wie ich damals war.

Übrigens hatte sie, die nicht mein Fleisch und Blut war, doch etwas von mir geerbt. Sie schenkte gern. Nun hatte sie, da es nicht anders ging, noch niemals neue Spielsachen bekommen. Unser Haus, in dem so viele Kinder groß geworden waren, hatte einen riesigen Vorrat an alten Spielsachen. Es gab sogar welche noch aus meiner Zeit, die im Laufe der Jahre von Hand zu Hand gegangen waren. Nischy hatte alle. Sie wünschte sich keine anderen. Sie spielte mit denen für Jungen und mit denen für Mädchen, Eisenbahnen, Schaukelpferden, Puppen, Kinderküchen, Tieren. Ich konnte den Blick nicht von ihr lassen, wenn sie mit ernstem Gesichtchen, die hellblonden Haare aus der etwas hohen Stirn streichend, die großen eisengrauen Augen auf ihre Spielsachen geheftet, zu Füßen von uns Älteren auf dem schon etwas abgenützten Teppich des Wohnzimmers herumkroch und an die Spielsachen mit ihrem heiseren tiefen Stimmchen Anreden, Kommandos, Bitten und Vorwürfe richtete. Sie spielte ein großes Theaterstück mit allen Rollen ganz für sie allein. Zu diesem Spiel gehörte es aber auch, daß sie gewisse Puppen, Eisenbahnzüge, ausgestopfte Dromedare, das Lieblingstier meines Bruders Viktor ›bestrafen‹ wollte, das heißt, daß sie sie sobald wie möglich an arme Kinder auf der Straße verschenkte. Meine Frau hatte es nur durch Zufall bemerkt und so das Fehlen der Spielsachen aufgeklärt. Man hatte ein Dienstmädchen beschuldigt – mein Vater kannte hier keine Mäßigung –, und nun stellte sich heraus, daß Nischy von einigen Kindern im Stadtpark immer mit großem Jubel und Geschrei empfangen wurde, weil sie ihnen Geschenke mitbrachte, die leider nicht ihr Eigentum waren, denn sie gehörten auch den Geschwistern.

Eines Tages kam ihr Onkel, mein früherer Schüler, Evelines Bruder Jagiello, ein dicker, großer, unordentlich gekleideter Mann von ›zweieinhalb Zentner Lebendgewicht‹, wie er ironisch, auf seinen Bauch klopfend, von sich sagte. Er fiel mir um den Hals, hob dann das schreiende und sich heftig wehrende Nichtchen an sein Gesicht, küßte es aber nicht, sondern beobachtete es so kühl, Auge in Auge, wie ein Kinderarzt eine kleine Patientin.

Ich war glücklich, ihn wiederzusehen. Er war der Bruder meiner Eveline. Ich machte mich am Abend frei, um mit ihm über sie zu sprechen, obwohl ich Vallys finsteres Gesicht sah. Aber sie hätte ruhig bei unserem Gespräch anwesend sein können. Er sprach lange über sich. Er war aus der Gefangenschaft bereits seit Jahr und Tag befreit, hatte ruhig seine Studien über Kinderarbeit fortgesetzt und rechnete jetzt mit dem Erscheinen seines zweiten Bandes über diesen Gegenstand. Weshalb war er nicht früher zu uns gekommen? Er hatte keinen nahen Verwandten außer diesem Kind, das bei uns, aber doch unter Fremden aufwuchs. Er zuckte die Achseln. Ich scherzte mit ihm darüber, daß er sich zwar für Kinderarbeit und die soziale Lage der Minderjährigen in der Nachkriegszeit und in den Nachkriegsstaaten interessierte, daß er aber selbst keine haben wollte. ›Für mich ist die Familie nichts‹, sagte er. ›Ich verstehe nicht, wie du, wie ein Mensch, der mir früher so imponiert hat – ich lüge nicht –, so in dem Familientümpel untergehen kann.‹ Wie sollte ich es ihm erklären? Ich lächelte verlegen und lenkte das Gespräch auf seine Schwester. ›Ach, Eveline? Die Schwindelkomtesse? Ich habe nie ein wahres Wort aus ihrem Munde gehört ... Du willst mich fragen, ob sie mir nicht leid tut? Offen gestanden nein. Unsere Mutter ist mit vierunddreißig Jahren an Tuberkulose gestorben. Ich war gesund, Eveline nie. Sie hatte mit sechzehn Jahren einen Blutsturz. Sie war gewarnt. Kein Arzt erlaubte ihr das Heiraten. Mein Vater hat sie auf den Knien angefleht, der alte Romantiker in Uniform. Sie hat es doch getan. Sinnlichkeit oder Eitelkeit. Sie wollte nicht ledig bleiben, während ihre Freundinnen vom Sacré-Cœur verheiratet und Mütter waren. Welch eine Stupididät! Als sie sah, daß sie dich nicht haben konnte, hat sie sich diesem Schlachzitzen, dem polnischen Baron, an den Hals geworfen. Als ob es nicht akademisch gebildete Menschen genug gäbe. Aber mit mir wußte sie kein Wort zu reden. Die soziale Frage war ihr Hekuba. Aber das polnische Weltreich! Die Könige von Polen und der weiße Adler! Im Grunde mußte sie sich mit ihm verstehen, sie war und blieb eine Schlachzitzentochter. Mein Vater nicht. Der war Österreicher. Du meinst‹, sagte er dann, mich mit seinen schönen grauen Augen ansehend, ›es sei nicht schade um das alte Österreich? Ich sage dir, die Völker der Vorkriegsstaaten haben ihr Glück und ihren Wohlstand nicht verdient. Jetzt haben sie ihre Nationen. Es geschieht ihnen recht. Und was machst du?‹ Ich setzte ihm alles auseinander, so gut ich konnte. ›Und die soziale Frage?‹ ›Meine soziale Frage sind meine Patienten und meine Kinder‹, sagte ich, ›ich arbeite täglich über vierzehn Stunden.‹ ›Du bist ein Spießbürger‹, sagte er. ›Und du ein Anarchist und zugleich ein Reaktionär.‹ ›Mag sein‹, sagte er lachend, ›ich finde eben, wir sind von unserer Höhe seit 1914 furchtbar herabgekommen. Wir haben den Sessel gemordet, auf dem wir saßen. Willst du sehen, wie?‹ Ich wollte ihn abhalten, denn alles kostete Geld, aber es war zu spät. Er hatte nur ein wenig auf unserem alten Lehnstuhl gerückt mit seinen zweihundertdreißig Pfund, und das gute, feine Möbel krachte unter ihm zusammen, und der dicke Mann plumpste auf die Erde hinab, ohne mit seinem Lachen aufzuhören. ›Ist das nicht ein prachtvoller Trick? Ich könnte täglich im Zirkus damit mein Brot verdienen. Wollen wir aber nicht jetzt zu deiner Familie gehen? Deine Judith ist verteufelt hübsch.‹ ›Nicht schöner als deine Eveline‹, sagte ich. ›Eveline! Diese Vogelscheuche! Ich sage es nicht, um dich zu kränken.‹ Ich nahm es ihm nicht übel. Übrigens konnte ich ihm seinen Wunsch, mit Judith zusammenzusein, nicht erfüllen. Sie war bereits ausgegangen, wie sie es meistens am Abend tat, nachdem sie ihre Aufgaben für das Lyzeum schnell fertig gemacht hatte.

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