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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 42
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3

Ich hatte nie einem Menschen bewußt wehe tun wollen, es war mir stets fürchterlich, einem Kranken Schmerzen zu bereiten, und dies war der Hauptgrund, weshalb ich die Geisteskrankheiten, bei denen schmerzhafte Eingriffe im allgemeinen nicht notwendig sind – eine Punktion des Rückenmarkskanals ausgenommen –, hatte wählen wollen. Mein Vater wußte es wohl, er hatte oft spöttisch darüber gelächelt. Aber es gibt heilsame Schmerzen und unnütze Leiden. Ich wollte jetzt meine Frau nicht schonen. Ich sah kalt zu, wie sie erblaßte, ich fühlte, wie sie sich krampfhaft an meinem Arm festhielt. ›Ich! Ich soll dein Kind zu uns nehmen? Das kann nicht dein Ernst sein.‹ ›Es ist mein Entschluß, wir haben uns nur über Einzelheiten klarzuwerden‹, sagte ich. ›Wie konntest du mir das antun? Und ich, die ich dir getraut habe, ich, die dir die ganzen langen Jahre treu war! Ich habe immer geglaubt, du würdest zu mir zurückkommen, denn niemand wird dich, alt und grau wie du geworden bist, so lieben wie ich, die dich noch als jungen Menschen gekannt hat.‹ ›Vor einigen Tagen hast du ganz anders gesprochen. Aber es handelt sich nicht um Reden. Du mußt dich fügen, oder wir trennen uns, und du siehst mich nie wieder.‹ Sie senkte den Kopf. Unter ihrem sehr modernen, aber unkleidsamen Hute tropften ihr die Tränen auf das billige Pelzkrägelchen, das sie umhatte. Sie wartete stumm darauf, daß ich ihr alles auseinandersetzte, aber ich schwieg. Es war besser, auf ihre Fragen zu antworten, als von selbst viele Worte zu machen. Hätte ich die Wahrheit gesagt, nämlich die, daß die kleine Eveline das Kind meiner Geliebten, aber keineswegs mein Kind, keineswegs mein Fleisch und Blut war, hätte ich der armen abgearbeiteten Person, die sich meine Frau nannte, diese schmerzhafte Stunde ersparen können. Ich wußte aber ganz genau – denn in ihr konnte ich lesen, oder ich hatte es jetzt gelernt –, daß sie sich der kleinen Nischy nur dann wie eine leibliche Mutter ihrem leiblichen Kind hingeben würde, wenn sie in der Täuschung befangen blieb, daß Nischy mir gehörte. Dann konnte sie ihr wie eine gute Mutter sein. Sie verstand es, ein Kind mit Liebe und Ernst und Güte aufzuziehen. ›Ich muß dir vor allem gestehen, daß ich nicht weiß, wie deine Familie einen solchen Gast aufnehmen wird‹, begann sie und sah mich scheu von der Seite an. Ich schwieg. ›Es wäre natürlich unrecht‹, fuhr sie fort, ›es das Kind entgelten zu lassen, glaubst du nicht? Wo soviel Personen satt werden, wird auch ein Brosämlein für das Kind deiner Gaby abfallen.‹ ›Gaby‹, fragte ich erstaunt, ›die Mutter heißt Eveline und das Kind ebenso.‹ ›Eveline!‹ sagte sie bitter. ›Warum sagst du nicht die ganze Wahrheit? Eveline war deine erste Geliebte und Gaby die letzte. Wieviel Damen du in der Zwischenzeit beglückt hast, wer kann das wissen?‹ ›Wenn es niemand wissen kann, dann frage nicht. Vally, weshalb bohrst du dir das Messer in die Brust und kehrst es in der Wunde dreimal um? Wir haben an Wichtigeres zu denken.‹ ›Ja, an Wichtigeres!‹ höhnte sie, ›was kann es für mich Wichtigeres geben? Ja, du hast ein Herz aus Stein oder Zement, dich rührt nichts, so warst du immer.‹ ›War ich immer so, finde dich damit ab. Ich kann es nicht ertragen, Vally, daß du die alten Dinge aufrührst, es gibt ja genug Neues.‹ Und ich lachte. Sie bewunderte meine Herzenskälte. Sie ahnte nichts.

Ich fuhr mit ihr in das Privatsanatorium, und wir besuchten das Kind. Sie sah es und war entzückt von seiner Schönheit, wie es so friedlich und rosig dalag. Ich fand nichts Besonderes an dem schlafenden, etwas schwitzenden Baby, ich begriff noch nicht, daß es eine zweite Eveline war, die in dieser sauberen, blauweiß lackierten Wiege, die meine Frau allmählich in sanfte Bewegung versetzte, heranwuchs. ›Sieh es dir doch an‹, flüsterte sie mir zu, damit es die geistlichen Krankenschwestern nicht hörten, ›ein wahres Engelchen, so wahr ich lebe, und dir aus dem Gesicht geschnitten! Unser Maxl ist ganz nach mir geraten und das Würmchen hier ganz nach dir. Also gut. Ich nehme es mit. Wo hat das Kind seine Aussteuer?‹ Es stellte sich heraus, daß von einer Ausstattung, wie Windeln, Lätzchen, Decken, Häubchen, Wickelbändern, Strickjäckchen, Steckkissen, wie sie solch ein Kind schon für die erste Zeit braucht, nicht die Rede war. Eveline hatte nicht daran gedacht. Wir ließen das Kind daher in dem Sanatorium und machten die notwendigen Einkäufe. Meine Frau jammerte. Sie hätte viel schönere Gegenstände mit ihren eigenen Händen fast ohne Kosten stricken und nähen und sticken können. ›Schade!‹ sagte sie, ›zu spät!‹ ›Du hättest dich mir längst anvertrauen sollen. Ein Mann versteht von solchen Dingen nichts. Bin ich nicht dein bester Kamerad?‹ ›Sicherlich‹, sagte ich, ›deshalb vertraue ich dir jetzt mein Kind an.‹ ›Ich danke dir‹, antwortete sie mit feuchtem Blick, ›die arme Frau, die arme Mutter ... Wenn sie jetzt herabsehen könnte von oben auf uns ...‹ Abends kamen wir in unsere alte Anstalt zurück. Es war inzwischen ein Anruf aus dem Sanatorium gekommen. Das Kind konnte uns nicht so einfach mitgegeben werden. Es mußte Papiere haben. Ich machte mich trotz meiner Müdigkeit und meinem unablässig schmerzenden Knie noch einmal auf den Weg in die Stadt. Im Sanatorium wollte man wissen, mit welchem Recht ich das Kind mitnehmen wollte. ›Mit welchem Recht?‹ sagte ich kalt. ›Wenn es mir nicht anvertraut wird, lasse ich es euch da.‹ Die Oberin lenkte ein. Das Mädelchen war polnische Staatsbürgerin, man hatte von Amtswegen einen Vormund bestellen müssen etc. etc. ›Ein sehr interessanter juristischer Verwaltungsfall‹, sagte ich, ›setzen Sie sich mit dem Vormund in Verbindung. Heute abend noch oder spätestens morgen früh. Bringen sie die Formalitäten ins reine, bitte! Weiter sage ich nichts.‹ Ich kam nachts in unsere Anstalt zurück. Mein Freund hatte sich erholt, sagte man mir, er wollte mich sprechen. Er wäre wie verwandelt. ›Um so besser‹, sagte ich. ›Heute ist es zu spät. Ich will essen, ich muß schlafen. Ich bin genug auf den Beinen gewesen. Perikles kann bis morgen warten.‹ Man lachte über die Bezeichnung Perikles für einen paralytischen Philosophen und fand meine Gleichgültigkeit in der Ordnung. ›Der Graf Zy., sein Zimmergenosse, ist gestorben.‹ ›So? Es ist schon das beste so‹, sagte ich, ›man konnte nicht mehr tun.‹ Leider sah mein früherer Chef, Mohrauer, dies alles nicht so überlegen wie ich. Er hatte sich inzwischen mit Vally angefreundet, hatte ihr den Mund wässerig gemacht mit den Reichtümern, die mich hier erwarteten, wenn ich blieb, er hatte ihr sogar versprochen, mich zum Erben einzusetzen, denn er haßte seine Familie. Ich kannte alle diese alten Melodien. Bei mir war es vergebens. Er schoß also einen Giftpfeil ab. ›Ich würde es verstehen‹, sagte er, ›wenn Sie ihrem eigenen Kinde ein ordentliches Heim geben wollten, das es hier in der Anstalt vielleicht nicht haben kann. Aber für das Kind eines polnischen Obersten?! Welch ein Edelmut! Sie müssen wissen, gnädige Frau, daß Frau Eveline von K. ihn während der ganzen Zeit gemieden hat, während deren ... Sie verstehen. Mag auch unser lieber Draufgänger sonst viel angestellt haben, an diesem neuen Erdenbürger ist er ganz und gar unschuldig, hier mein Wort ...‹ Aber das Gift war zu fein. Vally glaubte viel leichter meiner plumpen Lüge. ›Ach ihr Männer!‹ sagte sie und dünkte sich Gott weiß wie klug, ›immer haltet ihr zusammen. Ich weiß nur zu gut, daß das Kind von meinem Mann ist. Ich habe es ja mit eigenen Augen gesehen. Sein leiblicher Bruder Viktor, der ihm sehr ähnlich sieht, ist ihm nicht so aus dem Gesicht geschnitten wie dieses arme Wurm. Na, schon gut, alter Schlingel!‹ sagte sie zu mir, ›laß mich nur machen. Ich rufe jetzt deinen Vater an. Hoffentlich hat er genug neue Kräfte und fällt nicht in Ohnmacht.‹ Ich wollte bei dieser telephonischen Unterredung nicht anwesend sein. Ich verabschiedete mich und ging zu Bett. Am nächsten Tage stellte es sich heraus, daß alle Schwierigkeiten in bezug auf die Papiere des Kindes geordnet waren. Ebenso in bezug auf meinen Vater. Nachmittags konnten wir abreisen. Mein letzter Besuch galt meinem Freund Perikles, wie ihm vor Jahren mein erster Besuch hier gegolten hatte. Ich fand ihn ohne Stock im Zimmer umhergehend und mich mit etwas stotternder, aber durchaus verständlicher Sprache begrüßend. Welches Wunder des Himmels hatte sich hier begeben! Es tat ihm leid, daß ich wegging, er bat mich, bald wiederzukommen. Er war vielleicht gar im Begriff, aus einem vegetierenden Kadaver zu einem Menschen zu werden! Ich war in Versuchung, mit ihm zu sprechen wie in alter Zeit. Aber meine Gedanken waren bei Vally und dem Kind. Ich ließ ihn mitten in seinem Gestammel stehen. Erst nach langer Zeit habe ich begriffen, daß ich damit die größte Torheit meines Lebens begangen hatte. Ohne es zu ahnen, hatte ich die einzige Methode, nämlich das künstliche Fieber, durch reinen Zufall, wie von Graefe seine Staroperation, entdeckt, es war der einzige Weg, einen Paralytiker, wenn nicht vollständig zu heilen, so doch in ungeahnter Weise in die Höhe zu bringen. Und ich ging an der wirksamsten Behandlung der Paralyse, der einzigen großen heilenden Maßnahme im Bereich der Geisteskrankheiten vorüber, wie ich vor vielen Jahren an der Carotisdrüse vorbeigegangen war.

Wir mußten Billetts dritter Klasse nehmen. Man machte aber im überfüllten Zuge einer einfachen Frau mit einem Säugling auf dem Arm Platz. Ich mußte stehen, mein Knie begann zu schmerzen. Ich sagte nichts, aber die Leute bemerkten es, man räumte auch mir einen Sitzplatz ein, gegenüber meiner Frau und meinem Kind. Ich schlummerte ein. Zum erstenmal kam etwas wie eine Erleichterung, die erste, schüchternste Ahnung eines Trostes über mich. Es war ein Stück meiner Inniggeliebten, was da mein alter Kamerad Vally im Arm trug und das sie auf der Reise mit jeder möglichen Sorgfalt betreute.

Ich sah meinen Vater wieder. Er war vollständig wiederhergestellt, das heißt, seine Papiere hatten sich fast ebensoschnell erholt wie seine Nerven. › Das also ist deine Gaby!‹ sagte er, klüger als meine Frau, als er das kleine Kind in dem improvisierten Steckkissen mit den aus Verbandstoff verfertigten Binden erblickte, denn wir hatten noch nicht Zeit gehabt, es neu einzukleiden. Ich sah ihn sehr ruhig an. Ich schwieg. Dann sagte ich: ›Wo werde ich wohnen? Wo werde ich meine Praxis ausüben?‹ ›Deine Praxis?‹ fragte er und riß die Augen auf. ›Ich werde als praktischer Arzt arbeiten‹, sagte ich. ›Nein, das ist unmöglich. Ich brauche dich, du mußt mir assistieren. Ich benötige eine Stütze, meine Hand ist nicht mehr die alte.‹ ›So, das wird deine Patienten nicht freuen‹, antwortete ich hart. Er starrte mich an, als wäre ich einem Grabe entstiegen. So hatte er mich nie gekannt. ›Wenn du also eine Stütze brauchst, werde ich es mit dir versuchen, Vater‹, sagte ich, ›nur versuchen!‹ ›Wir werden uns sicherlich vertragen‹, murmelte er demütig. ›Nimm doch nicht alles so tragisch. Gaby! Nun, so hieß sie eben anders. Du hast übrigens ein prächtiges Kind, und du weißt, ich habe Kinder immer gern gemocht. Mein Haus war immer ein Kindergarten, die Windeln sind bei uns, kann man wohl sagen, nie trocken geworden.‹ ›So gefällst du mir, Vater‹, sagte ich, ›ich muß mich jetzt waschen, dann muß ich essen, und am Abend kannst du mir sagen, welche laufenden Fälle du hast und welche Operationen.‹ ›Ich wünsche es mir nicht besser‹, sagte er und drückte mir die Hand, ›ich habe es immer so gewollt.‹ ›Ich kann aber nicht umsonst arbeiten‹, sagte ich. ›Du mußt mir ein Gehalt in Edelwährung aussetzen.‹ ›Wozu brauchst du denn das Geld? Ich sorge doch immer für euch alle!‹ ›Ich will aber selbst für meine Familie aufkommen.‹ ›Wir werden über das alles sprechen, jetzt ruhe dich erst ein wenig aus.‹ ›Ich wünsche, daß du mir die Abende frei gibst. Ich kann nicht in deinem Sanatorium die Nachtwachen übernehmen. Ich habe eine große Arbeit über die Sehnervenatrophie vor, ich muß die Untersuchungen abends in der Universitäts-Nervenklinik machen.‹ ›Brotlose Künste‹, sagte er höhnisch. ›Du hast nämlich kein großes Glück mit deinen wissenschaftlichen Arbeiten. Aber du sollst deinen Willen haben, es soll nicht heißen, dein alter Vater sei dir in der Sonne gestanden, das heißt, im Wege gestanden ...‹ Ich lächelte nicht über seine kindische Ausdrucksweise, über seine altmodische Pedanterie. Ich blieb ruhig, bei der Sache. Ich erkannte, daß ich an meinem Willen festhalten mußte, dann fügten sich alle.

Leider traf dies nicht so einfach zu. Jemand, der sich meinen Wünschen vom ersten Augenblick an, als meine Tochter ins Haus kam, widersetzte, war das schöne, kühle, verwöhnte Geschöpfchen Judith. Sie weinte, sie heulte, sie schloß sich in ihr Zimmer ein, sie aß drei Tage nichts oder höchstens Schokolade, die ihr meine Frau brachte, sie haßte mein zweites Kind, sie wollte nicht im gleichen Hause mit ihm leben. Nie habe ich eine so starke Eifersucht gesehen. Sie war so enttäuscht über den neuen Gast, als hätte sie die größten Rechte auf mich gehabt. Meinem Vater, der an Judith mehr hing als an uns allen, war jetzt Nischy ein Dorn im Auge. Er hätte uns nun gern das Geld zur Verfügung gestellt, es in einem Kinderheim unterzubringen, es mochte kosten, was es wollte. Ich dachte aber nicht daran, mich jemals von diesem Kinde zu trennen. Vally ersetzte ihm die Mutter. Sie stand auf meiner Seite. Wir führten unseren Willen durch. Der Stern meines Vaters war nicht mehr im Steigen. Er und die etwas altersschwache, unselbständige Mutter waren auf uns zwei jüngere Menschen angewiesen. Wir verlangten nichts für uns. Für das Kind nur das Nötigste. Endlich fanden sich alle damit ab. Selbst Judith streichelte das Kind, wenn sie vorüberkam. Nur von meiner Frau wollte sie nichts mehr wissen.

Ich hatte nicht Zeit, mich mit meiner schönen, aber unbeeinflußbaren herrschsüchtigen Schwester viel zu beschäftigen. Mein Vater machte mir das Leben schwer genug.

Er war immer undankbar gewesen. Aber man hatte von einem so hervorragenden Menschen Dankbarkeit nicht erwartet, sein Mangel an Dankbarkeit hatte sogar magnetisch gewirkt. Das war ich also gewohnt. Viel schwerer wog es, daß er seinem Berufe nicht mehr so gewachsen war wie früher. Ich sah es bei der ersten Operation, die wir gemeinsam machten. Es war keine Freude, ihm zu assistieren. Wußte er es? Er hatte ja vor kurzem gesagt: meine Hand ist nicht mehr die alte. Weshalb verzichtete er nicht auf die schwierigen Operationen?

Seine Erfolge wechselten. Hatte er Glück, dann ging alles gut aus, und er sah mich über die Schulter an. Oder es ging weniger gut aus, dann hagelte es Vorwürfe, die ich nicht mit anderen Vorwürfen erwidern durfte. Meine Frau beschwor mich, Geduld zu haben. ›Es kann nicht lange dauern, er wird es bald selbst einsehen.‹ Ich sah es ein, folgte seinem leisesten Wink bei der Arbeit, überwachte die Nachbehandlung und suchte die ganz schweren Fälle auszuschalten. Er merkte es. Sein Mißtrauen war wachsamer denn je. Er lief den Patienten nach, und, was er nie getan hatte, er begann seine Honorare ›anzupassen‹, und er gewann die armen Menschen immer wieder dazu, sich ihm anzuvertrauen. Was aber das fürchterlichste war, er versuchte, ihnen und sich und vielleicht auch mir dadurch zu imponieren, daß er schnell, virtuos, nach der Uhr operierte. Nun bleibt die einmal erworbene Technik immer bis zu einem gewissen Grade erhalten. Und doch konnte kein Vergleich sein zwischen dem minutiösen, subtilen, präzisen, in jeder Hinsicht überlegenen Operieren vor einigen Jahren und seiner Arbeit jetzt. Einmal versagte ihm die Kraft am Ende eines Eingriffs. Er konnte nicht weiter, die Sache ging über seine Kräfte. Ich führte die Operation zu Ende, und zum Glück für uns drei, den Patienten, meinen Vater und mich, war der Erfolg ungewöhnlich gut.

Mein Vater sah es nicht gerne, wenn ich ihn an jedem Abend verließ, um in die Nervenklinik zu gehen. Ich hätte bei ihm bleiben, mit ihm Karten spielen oder Spazierengehen sollen. Er nannte mich einen ingratus filius, einen Don Quijote der Wissenschaft. Hatte er recht? Ich strebte eine neue Methode an, um den von Rückenmarkschwindsucht Erkrankten das Augenlicht möglichst lange zu erhalten. ›Es sind Leichen auf Urlaub, es lohnt nicht.‹ ›Mir lohnt es.‹ ›Das ganze Wesen dieser Krankheit ist unheilbar‹, wiederholte er. ›Aber dieses eine schreckliche Symptom ist es nicht.‹

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