Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100726
projectid4a0c6d32
Schließen

Navigation:

3

Kaum waren diese ungeladenen Gäste verschwunden, als mein Vater bemerkte, daß ich gelauscht hatte. Er zeigte seine sehr weißen Zähne, die untere Zahnreihe ›kämmte‹ die Lippe und den Bart, und einen Augenblick lang konnte man glauben, daß sich sein Gesicht verzerre – aber er hatte sich sofort in der Gewalt, er lächelte genau wie immer, und es waren beide Zahnreihen, die unter seinem schönen dunkelblonden Schnurrbarte erschienen. ›Natürlich!‹ sagte er zu mir in dem spöttischen, kameradschaftlichen Tone, mit dem er mich immer und daher auch jetzt gewann.

Meine Mutter zeigte ein mißmutiges Gesicht, und es wurde noch finsterer, als mein Vater sich zu ihr, die viel kleiner war als er, niederbeugte und ihr galant eine Haarsträhne aus der Stirn streichend, zuflüsterte: ›Glaubst du denn, mir macht das Freude?‹ Meine Mutter, weit davon entfernt, sich begütigen zu lassen, ließ mit Eigensinn die Strähne absichtlich wieder in das Gesicht fallen und zog mich an der Schulter in das Speisezimmer zurück. Meine Eltern unterhielten sich jetzt halblaut, ohne weiter zu essen, in französischer Sprache, die ich damals noch nicht verstand.

Nach kurzer Zeit schien der Zwischenfall vergessen. Aber als wir wieder in das Vorzimmer kamen, von dem die Türen in unsere Schlafzimmer abgingen, bemerkte mein Vater sehr deutliche Schmutzspuren auf dem dicken Teppich. Offenbar hatten die drei Pilger den Schmutz von der Straße hineingeschleppt. Meine Mutter zog die Stirn kraus, sagte dem Mädchen, sie möchte sofort die Stellen reinigen, dann führte sie mich in mein Kinderzimmer, half mir, wie während meiner ersten Kinderjahre, beim Ausziehen. Und als sie sogar die etwas verwickelt geknüpften Schnürsenkel meiner Schuhe auflöste, vor mir auf dem Bettvorleger kniend, sah ich sie mit Tränen kämpfen. Aber sie beherrschte sich fast ebensogut wie mein Vater, und wäre ich nicht ein einziges Kind mit all der scharfen, mißtrauischen Beobachtungsgabe gegenüber den Großen gewesen, welches die ›einzigen‹ Kinder bei aller ihrer Liebe zu den Eltern niemals ganz verläßt, so hätte ich das Zucken um die Mundwinkel und den hastigen Lidschlag über ihren dunklen Augen kaum gemerkt. Nun tat sie noch ein weiteres, sie löschte das Licht aus, zog mir mein Taghemd aus, das Nachthemd an, und ich empfand mit einem fröstelnden und doch zauberhaften Schauer die Berührung ihrer weichen, kalten Hand und das kitzelnde Kratzen ihrer Ringe, als sie mir den Halsknopf an meinem Nachthemd zu schließen versuchte. Sie tat dies aber so ungeduldig, daß der Knopf abriß.

Das Fenster war offen wie jeden Abend. Es wehte kühl von außen in das Kinderzimmer hinein, und die Bäume rauschten. Sie zog aus dem bauschigen, schneeweiß schimmernden Jabot ihrer Bluse eine kleine goldene Nadel (ich kannte sie gut, sie stellte eine Schlange vor, die sich um einen Stab ringelte) und verschloß mir mit dieser Nadel den Kragen meines Nachthemdes, der sich mir jetzt kühl, eng und zärtlich um den Hals legte, als wäre es die Hand meiner Mutter. Dann beteten wir zusammen ein Vaterunser und ein besonderes Abendgebet und den Mariensegen. Zum Schluß schloß ich meinen Vater und meine Mutter in das Gebet ein und alle, die des Trostes und der Hilfe bedürfen. Ich dachte plötzlich an die Pilgerim. ›Ich hätte vielleicht auch für den armen Blinden beten sollen?‹ fragte ich meine Mutter. Sie antwortete nicht sogleich. Wahrscheinlich war es ihr nicht recht, daß ich nach den Gebeten noch sprach, denn es erschien ihr als sicher, daß die Wirkung dieser Gebete durch nachfolgende Gespräche abgeschwächt würde. Während sie schwieg, immer noch neben mir in ihrem duftenden Taftkleide auf dem Bettvorleger kniend und mit ihrer Hand das Jabot zurückhaltend, das auseinanderwich, weil die Nadel fehlte, kam mir plötzlich mein neuer Freund in die Erinnerung.

Ich hatte nie vorher einen Blinden aus der Nähe gesehen, der alte Pilger war der erste. Jetzt erinnerte ich mich daran, daß ich meinem besten Freund gedroht hatte, ihn blind zu machen! Ich wartete die Antwort meiner Mutter nicht ab, und mich zu ihr beugend, flüsterte ich ihr ins Ohr, wobei mich ihre Stirnlöckchen kitzelnd streiften: ›Mama, kannst du nicht Papa bitten, daß er etwas erfindet, das sie alle wieder sehend macht? Gott ist doch gerecht, nicht wahr?‹ ›Wie kommst du darauf?‹ fragte sie. ›Stehe auf, sprich nicht mehr und schlaf ein! Von Gott sagt man nicht, er ist gerecht, sondern er ist allgütig, allgnädig und allmächtig.‹ ›Und die Pilger?‹ fragte ich und sah die aufgeworfenen, blutigroten, dicke Tränen vergießenden Augen des alten Pilgers vor mir. ›Pilger?‹ sagte meine Mutter, stand auf und schüttelte sich, so daß die Falten ihres Taftkleides wieder glatt wurden, ›solche Worte mußt du nicht lernen. Pfui! Alles lernt er von ihm!‹ Und sie wandte sich zur Tür. Ich sprang aus dem Bett, das ich eben erst bestiegen hatte, und lief ihr nach. ›Mama, Mama!‹ rief ich unter Schluchzen. ›Mir scheint gar, er weint‹, sagte sie, schnell wieder versöhnt, ›nun, da hast du!‹ Sie kramte etwas aus ihrer kleinen Tasche heraus, die sich an ihrem Rocke befand, dann schlug sie mir mit ihrer rechten Hand klatschend auf mein Hinterteil, und mit der anderen Hand steckte sie mir ein Bonbon in den Mund, das unbeschreiblich schmeckte, obwohl es etwas vom Geschmack meiner Tränen angenommen hatte. ›Und warum haben sie alle drei Käppchen getragen?‹ fragte ich, denn es war mir bei den Pilgern aufgefallen, daß sie auf ihren Haaren wie angeklebt kleine runde Samtkäppchen gehabt hatten. Meine Mutter hörte gar nicht recht hin. Dadurch, daß sie mir, wie sie oft sagte, ein kleines Pflästerchen auf eine große Wunde gelegt hatte (das Bonbon), glaubte sie, daß alles wieder gut sei, während in Wirklichkeit diese Begegnung mit den Pilgerim mich noch viele Tage und Nächte bis in den Traum hinein verfolgte. ›Was gehen dich ihre Käppchen an! Jetzt marsch ins Bett, es ist höchste Zeit‹, sagte sie, faßte mich an der Hand und führte mich zu meinem Bett zurück.

Die Steppdecke lag auf der Erde, mit solcher Ungeduld war ich aus dem Bett herausgesprungen. ›Es sieht hier schön aus‹, sagte meine Mutter mit liebem Tadel. Aber sie kümmerte sich nicht um die Decke. Es war plötzlich etwas heller geworden, und zwar war es der Widerschein aus den Räumen im unteren Stockwerk, wo mein Vater offenbar das Licht angezündet hatte. Meine Mutter schüttelte kurz den Kopf, fast ganz so, wie mein Freund ihn vor einigen Tagen geschüttelt hatte, es mußte sie überrascht haben, daß mein Vater so schnell in sein Arbeitszimmer hinabgegangen war.

Sie setzte sich nochmals an mein Bett und überlegte. Auch ich sprach nichts.

Ich war sehr müde, und die Augen fielen mir zu. Trotzdem hatte ich nicht mehr das Gefühl der großen Ruhe und großen Seligkeit und auch nicht die Vorfreude auf den nächsten Tag, als ich jetzt in meinem Bett lag und meine Mutter mir die Steppdecke immer höher an meinem Hals hinaufzog und dann, aber ganz abwesend, meine Haare mit ihren langen kühlen Fingern zu kämmen begann, ich weiß nicht, ob aus Ordnungsliebe oder aus Zärtlichkeit ... Alles das kann nur wenige Minuten gedauert haben, denn von draußen, aus dem Vorzimmer, kam ohne Unterbrechung das monotone Streichen des Besens über den Teppich des Fußbodens, den die Pilger beschmutzt hatten.

Ich kam im Einschlafen auf ganz unsinnige Gedanken, vielleicht war das Blindwerden eine gerechte Strafe für den, den es betroffen hatte, und der Zorn meines Vaters (›als ob man ihnen allen helfen müßte!‹) war nur ein Zeichen dafür, daß der Blindgewordene sich etwas zuschulden hatte kommen lassen, daß also sein Unglück nicht unverdient war, und vielleicht stand es auch im Zusammenhang mit dem Schmutz, den sie in unser Haus hineingetragen hatten! Zu allem anderen hatte ich vergessen, das Portemonnaie unter mein Kopfkissen zu stecken. Nun war es zu spät.

Ich war eingeschlafen. Fast will es mir scheinen, daß mitten in der Nacht meine Eltern mit einem Licht an meinem Bette erschienen seien, und daß mir da der Gedanke einleuchtete, wir seien drei, nämlich Vater, ich und Mutter, gegen die anderen drei, den Blinden und seine zwei Söhne. Vielleicht ist dies aber nur ein Traumgespinst, denn ich träumte sehr lebhaft und wahrheitsgetreu.

Es war eine seltene Ausnahme, daß meine Mutter mich abends in das Kinderzimmer begleitete. Aber sie hatte, vielleicht als Ersatz dafür, mir ein kleines, mit Säumen versehenes, ziemlich fest gestopftes Kissen zum Geschenk gemacht, eines von der Art, die man damals Capricepölster nannte. Ich habe es viele Jahre lang behalten, und ich glaube sogar, daß ich es mit in den Tornister gepackt habe, als ich viele Jahre später ins Feld abging. Es muß sehr lange Zeit das Parfüm behalten haben, das meine Mutter gebrauchte, und so war ich immer nachts von ihr umgeben.

Um diese Zeit, wenn nicht schon früher, erwachten sehr starke sinnliche Leidenschaften in mir, aber vielleicht war es gerade diese schauerliche Stärke, die mich schützte, meine Begierden waren so glühend und zugleich so fremd, daß ich mir nicht vorstellen konnte, daß irgendein irdischer Mensch – ein Mädchen – und am wenigsten ich selbst sie hätte befriedigen können. Meine Kameraden haben mich natürlich über alles belehrt, aber ich begriff in meiner Einfalt nicht einmal, daß das ›Schweinische‹, wie sie es nannten und worauf sie doch stolz waren, mit meinen Verwirrungen etwas gemein haben sollte, wie ich sie in den Nächten empfand, wenn ich auf dem parfümgetränkten Capricepölsterchen meiner Mutter schlief oder wachte. Denn jetzt kam es vor, nicht oft, aber doch manchesmal, und sogar meist dann, wenn ich am nächsten Tag eine wichtige Schularbeit zu liefern hatte und alle Kräfte brauchte, daß ich vor lauter Ungeduld nicht einschlafen konnte.

Aber wenn nichts half, so stieg ich aus dem Bett und legte mein Taschentuch ausgebreitet auf den Boden unter dem Fenster, auf das Taschentuch kam das kleine gesäumte Kissen, und ich streckte mich der ganzen Länge nach auf dem eisigen Fußboden aus. Meist schlief ich dann sogar noch früher ein, bevor ich mich, um mich selbst gerollt und die Hände um die Knie geschlungen, einigermaßen an diese Lage gewöhnt hatte.

Meinem Vater erzählte ich nichts davon. Abgesehen davon, daß ich ihn nur immer auf kurze Zeit sah, empfand ich heiße Scham vor ihm, viel eher hätte ich meiner Mutter meine Nöte gestanden, aber ihr brauchte ich nicht viel zu sagen, sie schien sofort verstanden zu haben und speiste mich lachend mit irgendeiner Winzigkeit ab. Wenn ich über etwas klagte – und selbst die glücklichste Kindheit hat von Zeit zu Zeit etwas zu klagen –, schenkte sie mir etwas meist für mich ganz Wertloses, zum Beispiel einen Fingerhut aus vergoldetem Silber, den sie noch warm vom Finger zog, aber – ich war getröstet. Meine Kümmernisse bezogen sich auf die Schule, auch auf die Schule, meine Leistungen mußten wohl stark nachgelassen haben, denn am Ende fast jedes Monats kamen in blauen Kuverts die Berichte der allmonatlichen Professorenkonferenz, die sich zum Teil in ›Mahnungen‹, zum Teil leider auch in ›Tadel‹ ausdrückten und die mein Vater unterschreiben sollte.

Aber meine Mutter fing auf mein Bitten und Drängen diese Briefe auf, und ich bewog sie dazu, die Unterschrift meines Vaters, die wie die meisten Ärzteunterschriften ziemlich unleserlich war, nachzuahmen, so gut es ging.

Dabei fiel es mir schwer aufs Herz, daß mein Vater um diese Zeit zärtlicher als je war. Es war nämlich nicht die Zärtlichkeit, wie man sie einem schwachen, irrenden, mit vielen Schwächen behafteten Jungen erweist, der sich in seinem Jähzorn ab und zu furchtbar fortreißen ließ und der in seiner Ungeduld keine Schulaufgabe richtig zu Ende führen konnte, sondern es war mehr eine Kameradschaft wie zwischen Gleichgestellten, und wenn er mir am Ende jeder Woche meinen Dukaten gab, empfand ich es als Zeichen seines besonderen Vertrauens, daß er sich niemals davon überzeugte, ob die früheren Dukaten noch vollzählig waren. Aber wie hätte ich sie ausgeben sollen? Ich trennte mich von meinen Geldern nie. Daß ich diesen Schatz trotz allen Versuchungen noch niemals angegriffen hatte, war meine stärkste Stütze, ich rechnete darauf für den schrecklichen Fall, daß ich bei der Zeugnisverteilung im Februar ungenügende Noten erhalten würde, es stellte eine Art Gleichgewicht her. –

Den Gedanken, meinem Vater ein Geschenk zu machen, hatte ich nicht aufgegeben. Ich sah, daß er seine Krawatten gewendet trug, so daß man bei scharfem Hinsehen die Längsnaht sehen konnte. Aber für diesen Zweck sparte ich die Silberkronen zusammen, die ich von meiner Mutter ziemlich unregelmäßig erhielt. Ich hatte deren schon zehn oder elf.

In diesem Winter fiel es eines Spätnachmittags meinem Vater ein, mich aufzufordern, mit ihm zu einem Kranken zu fahren, der in einer geschlossenen Anstalt für Geisteskranke in einem Dorf vor unserer Stadt lag. Mein Vater machte solche Besuche, die viel Zeit kosteten und nicht genug trugen, nicht sehr gern. Diesmal mußte er es aber tun, denn sein Chef, der Hofrat, von dem einer der ›Pilgerim‹ gesprochen hatte, hatte ihm diesen Besuch ans Herz gelegt. Mein Vater weihte mich nicht in die Einzelheiten ein. Ich glaube aber, daß es sich um einen Nervenkranken gehandelt hat, der an beginnendem und (damals) unheilbarem Sehnervenschwund litt und vielleicht schon blind geworden war.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.