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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 36
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3

Ich wollte nicht gern die alte, klassische Wissenschaft, die meines Vaters, die sichtbare, mit der neuen, noch tastenden Wissenschaft vergleichen, mit der ich mich jetzt beschäftigte. Ich hatte geglaubt, die Augenheilkunde nur auf seinen Wunsch betrieben zu haben. Merkwürdigerweise interessierte mich aber auch jetzt noch, mitten in meinen vielen Anstrengungen und mitten unter den Irren, ein menschliches Auge, das krank oder behandlungsbedürftig war. Unter den Kranken der Anstalt sah ich oft die allmähliche und unheilbare Erblindung, wie sie mein Vater vor Jahren hier untersucht hatte, eine Folge der syphilitischen Erkrankung des Sehnerven, seine Verödung, sein Schrumpfen. Ich untersuchte einige solcher Kranken auch hier und wandte meinen Apparat zur Druckprüfung bei ihnen an. Der Universitätsmechaniker hatte mir vor kurzem die alten Modelle mit einem besonders herzlichen Briefe zugesandt und sich jegliche Bezahlung verbeten. Ich prüfte desgleichen den Blutdruck an den Schlagadern ihrer Hände, wie es üblich ist. Bei diesen Augen schien Heilung ausgeschlossen, es konnte sich nur um eine theoretische Studie handeln.

Anders war es bei der alten Direktorin, die als Kind im österreichischen Okkupationsgebiet, in der Herzegowina, mit ihrer Familie, Wiener Beamten, aufgewachsen war. Sie hatte damals das in jener Gegend häufig vorkommende Trachom, die ägyptische Augenkrankheit überstanden und war von einem österreichischen Militärarzt geheilt worden. Aber das linke Auge war ganz, das rechte zu einem Drittel von einem weißen, undurchsichtigen Schleier überzogen. Sie war fast blind. Sie hatte sich mit diesem Schicksal abgefunden, wirtschaftete in den Küchenräumen, in den großen Gärten, in den angrenzenden Feldern flink umher, beaufsichtigte zahlreiche Gehilfen und Gehilfinnen. Und da auch die Geisteskranken, wenigstens ein Teil von ihnen, jetzt zum erstenmal zu den Gartenarbeiten herangezogen wurden, kam sie kaum zur Ruhe. Denn wenn auch das Bewachungspersonal geübt, erfahren und verläßlich war, gab es unaufhörlich Streitigkeiten mit den sehr reizbaren Kranken, die man ja in keiner Weise mit normalen Menschen und gesunden Arbeitern messen konnte und die oft trotz bestem Willen mehr verdarben, als sie der Anstalt nützten. Aber ihre Anfälle und Depressionen wurden durch die Arbeit abgelenkt, sie waren etwas glücklicher, wenn sie, nun bei besser werdender Witterung und länger werdenden Tagen, im Freien wirtschaften konnten.

Ich bot mich der Direktorin nicht an, aber sie hatte, vielleicht von Eveline, mit der sie sich sehr herzlich angefreundet hatte, erfahren, daß ich früher in der Augenklinik meines berühmten Vaters gearbeitet hatte. Ich untersuchte also auf ihre Bitte die Augen und fand, daß man bei beiden Augen den Versuch machen sollte, die getrübte Hornhaut aufzuhellen. Der krankmachende Prozeß war seit fünfzig oder sechzig Jahren abgelaufen, und doch war es nicht aussichtslos, die Hornhaut durch ein bestimmtes Mittel wieder in eine frische Entzündung zu versetzen, und zwar durch den Absud der zermahlenen, giftigen Jequiritybohnen, den man frisch herstellen muß, wenn er wirksam sein soll.

Die Direktorin mußte sich für die Dauer der Kur beurlauben lassen. Ich fürchtete, Mohrauer würde ihr den Urlaub verweigern, sie vor der nicht ungefährlichen Behandlung durch einen jungen Arzt wie mich warnen, aber es geschah nicht – im Gegenteil, Mohrauer vertraute mir viel mehr, als ich mir selbst vertraute. Wir nahmen erst das schlechtere Auge vor, an dem nicht viel zu verderben war, es war so gut wie blind und erkannte nur Lichtschimmer. Ich stülpte – nach der langen Übung bei meinem Vater nun ohne Schmerzen – das obere und dann das untere Augenlid links um und bepinselte beide ausgiebig mit dem Absud. Am Abend waren die Lider gerötet und schwammartig angeschwollen, die Bindehaut war von strotzenden Adern durchzogen, das Häutchen auf oder in der Hornhaut war noch weißer und porzellanartiger geworden, und das Auge vermochte nichts zu sehen. Aber die alte Frau baute auf mich. Sie fragte nicht, sondern hielt still, als ich noch ein zweitesmal und später noch ein drittesmal die Lider mit einer frischen Lösung einpinselte. Die Entzündung hatte sich stark gesteigert, die Nächte sollten ohne Schlaf verlaufen bei der Armen, und sie litt unter starken Schmerzen.

Weiter war nichts zu tun. Wir hielten das Auge rein, brachten einen feuchten Verband an, und die an Arbeit gewöhnte Frau mußte sich einige Tage völliger Ruhe gönnen. Eine Woche nach Beginn der Kur untersuchte ich das Auge, die Entzündung war im Rückgang, die Schmerzen waren fort, der Schlaf und der Appetit gut. Die Hornhaut schien etwas durchsichtiger geworden zu sein, aus dem porzellanartigen Überzug war ein Häutchen wie aus Seidenpapier geworden, und es wurde noch viel heller am Ende der dritten Woche.

Es war eine große Freude für uns alle, als ich feststellen konnte, daß das früher schlechtere Auge jetzt das bessere geworden war. Das andere sollte auch behandelt werden, aber nicht jetzt, denn das Haus, das immer voll belegt war, konnte die Aufsicht der Direktorin nicht entbehren. Die alte Frau war mir dankbar, sie wollte mir etwas zuliebe tun. Aber was? Wir hatten alles, was wir brauchten. Ich sah, wie sie mir, wenn ich vorbeiging, mit den Blicken folgte, manchmal schien es mir, als wolle sie mir etwas mitteilen, aber ich hatte wenig Zeit. Zu meiner gewöhnlichen Arbeit von morgens sechs bis in die Nacht, voll von Verantwortung für die zum Teil sehr unruhigen, tobenden, schweren Kranken, kam jetzt die Sorge um unsere Scheidung, ich fuhr in die Stadt, um einen Anwalt zu Rate zu ziehen. Aber weder von meiner Frau noch von Evelines Mann war die geringste Nachricht eingelaufen, ebensowenig wie von meinem Sohn. Aber ich kam mir nicht verlassen vor, denn Eveline war leidenschaftlicher und zärtlicher als je. Ich war so glücklich mit ihr, daß ich nicht wußte, wie es weitergehen würde, denn unsere Liebe hatte sich nicht im geringsten abgeschwächt, sie wuchs und wurde stürmischer – und düsterer mit jeder Nacht. Wäre Eveline doch gesund gewesen, wie Millionen anderer Menschen! Wie mein Vater, meine Familie, die alte unverwüstliche Direktorin. Aber Eveline war nicht gesund, sie verbarg ihren Husten, sie unterdrückte ihn, bis er doch in furchtbaren Anfällen durchbrach – sie lag während des ganzen Tages auf dem Sofa, um während des Abends aufzuwachen und dann lebhafter und ausgelassener zu sein als ich, der abgearbeitet und ermüdet zu ihr heimkehrte. Oft dachte ich, Eveline verberge nicht allein ihre Krankheit vor mir. Aber was sonst?

Ich war unruhig, wie jeder, der ein zu großes Glück erlebt. Oft trat ich bei meinem alten Freund Perikles ein, der jetzt meist im Halbschlaf hindämmerte und in welchem ich noch den unvergessenen Kameraden meiner jungen Jahre sehen wollte. Ich setzte mich an sein Bett, ich streichelte ihm die Haare, die Hände, die Stirn, die Bettdecke, unter der sich seine dünn gewordenen Glieder abzeichneten, er murmelte etwas vor sich hin, das ebensogut Zucker als Ruhe, als Jesus, als auch nur ein tierisches Lallen sein konnte. Aber vielleicht verstand er mich besser, als er sich auszudrücken vermochte. Seine tiefliegenden Augen hatten trotz ihrem Schielen etwas Sprechendes, sein Mund unter dem dichten Bartgestrüpp hatte etwas unbeschreiblich Leidendes. Ich tröstete ihn, ich redete ihm gut zu. Vielleicht faßte er den Sinn oder doch wenigstens den Klang meiner Sprache, es schien ihm wohlzutun, er begann leise mitzureden. Wenn ich aber aufhörte zu sprechen, hörte er sofort auf. Dies kam bei anderen Paralytikern auch vor. Sie sah ich aber nur im Dienst, mit meinen Instrumenten, mit meinen Protokollen, eben als Arzt. Ihn sah ich als Freund.

Es war Anfang Juni 1919. Ich kam meist spät abends in meine Wohnung. Eveline hatte den Tisch gedeckt, wir bekamen täglich die schönsten Blumen von der Direktorin aus dem Anstaltsgarten. Meine Geliebte, erregter als sonst, konnte kein Ende finden, sie zu bewundern und ihr blasses, trotz aller künstlichen Hilfsmittel verfallenes Gesicht in den prachtvollen Blumenstrauß zu versenken. Zum Essen konnte ich sie nicht bewegen. Es roch in den Zimmern sehr zart, aber doch erkennbar nach Zigarettenrauch. Ich fragte Eveline nicht, ich wußte, sie würde die Wahrheit nicht sagen. Tat ich doch auch so, als glaubte ich ihr, daß sie schon gegessen habe, und zwar ›zehnmal mehr als sonst‹.

›Ich bitte dich, iß noch etwas, eine Kleinigkeit‹, sagte ich, ›du kommst ganz von Kräften.‹ ›Ich kann nicht zweimal an einem Abend essen. Guten Appetit für dich!‹ ›Eveline‹, sagte ich und nahm ihren Kopf zwischen meine Hände und zog ihn an mich: ›Liebst du mich denn nicht?‹ ›Ich dich lieben?‹ sagte sie lachend und machte sich schnell frei, ›eigentlich nein, ich liebe dich nicht. Warum soll ich dich lieben? Nein! Du hast mich zugrunde gerichtet!‹ Jetzt mußte auch ich lachen, so komisch erschien mir diese Antwort. Endlich ließ sie sich von mir auf den Schoß nehmen, und ich fütterte sie wie ein kleines Kind. ›Willst du denn nicht einmal fort von hier?‹ fragte sie zwischen zwei Bissen. ›Nein, ich kann vor dem Spätsommer auf Urlaub nicht rechnen.‹ ›Aber wenn ich reisen müßte? Zum Beispiel nach Meran, in ein Lungensanatorium?‹ ›Du hast aber immer gesagt‹, antwortete ich überrascht, ›daß deine Lunge gesund ist.‹ ›So, dann wird es auch wahr sein‹, und sie schlüpfte von meinem Schoß auf die Erde, wo sie am liebsten saß. ›Ich habe dir vielleicht Schmerzen gemacht in deinem wunden Knie?‹ fragte sie. ›Nein, nein‹, log ich, ›wie meinst du das mit Meran?‹ ›Ich meine es so, daß ich gern mit dir hinreisen möchte. Hier kann ich nicht immer bleiben‹ – Ich besprach diese Frage mit Dr. Mohrauer. Er wollte mir vierzehn Tage Urlaub geben, ich sollte Eveline nach Meran bringen und dort lassen. Sie war sehr überrascht, als ich ihr seine Zusage mitteilte. ›Ja, aber von welchem Geld sollen wir dort leben?‹ fragte sie, ›Meran ist teuer.‹ Sie spielte mit ihren prachtvollen Ohrringen, mit den riesigen Steinen. ›Eveline‹, sagte ich, ›ich kann nur die Kosten meines Aufenthaltes tragen.‹ ›Schade. Ich habe auch nichts.‹ ›Aber du hast doch deinen Schmuck.‹ ›Ich schwieg von ihrem angeblichen Privatvermögen.) ›Von dem Verkauf eines Steines kannst du deine Kur für ein halbes Jahr bezahlen.‹ Sie schüttelte den Kopf. ›Von meinem Schmuck trenne ich mich nie. Er ist das Hochzeitsgeschenk meines Mannes, es ist Familienschmuck.‹ ›Aber wenn es um deine Gesundheit, um dein Leben geht?‹ ›Du übertreibst, alter geliebter Junge.‹ ›Meine liebste Nischy‹, sagte ich, ›du mußt aber fort.‹ ›Ich glaube es auch. So können wir nicht zusammenleben. Meine Tante, die Stiftsdame, macht mir die größten Vorwürfe. Ich bin nicht mehr sechzehn, ich bin bald dreißig. Für dich ist ja ein verliebtes kleines Geschöpfchen sehr angenehm, aber ich will es nicht sein.‹ ›Wir wollen heiraten. Ich habe meiner Frau geschrieben.‹ ›Sie hat dich nicht einmal einer Antwort gewürdigt.‹ ›Auch dein Mann hat nicht geschrieben.‹ ›Oh doch!‹ sagte sie, besann sich aber sofort und verbesserte sich. ›Oh doch, durch einen Anwalt, nicht persönlich, weißt du, er hat mir mitteilen lassen, daß er auf die Scheidung nicht eingeht. Er liebt mich eben. Leider.‹ ›Er hat dir geschrieben, und ich höre es durch Zufall?‹ ›Beruhige dich‹, sagte sie und kam zu mir. In ihren eisengrauen Augen lag alles mögliche, das ich bei aller meiner Liebe nicht lesen konnte. ›Warum soll ich dir dein Leben erschweren? Wir müssen uns trennen. Oder ...‹ ›Nun, oder‹, fragte ich und begann zu zittern. ›Nein, das kann ich dir nicht sagen. Heute nicht. Vielleicht später, nachts ...‹ Eine halbe Stunde später hatte ich mich ausgekleidet und auf meinem Bett ausgestreckt. Eveline hatte nur ihr Kleid ausgezogen. Sie lag in dem anderen Bett, mit dem aschblonden Kopf nach unten, streifte aber mit ihrem Fuß kitzelnd meine Achsel, so daß ich lachen mußte. Sie kam näher, kniete sich neben mich, und jetzt waren es ihre sehr scharf gewordenen Knie, mit denen sie mich berührte. ›Ich möchte mit dir machen können, was ich will‹, flüsterte sie mir ins Ohr, und ich sah ihre Riesensteine bläulich funkeln. Ich atmete tief auf. ›Sprich, sprich doch!‹ flüsterte ich. ›Später! Später!‹ flüsterte auch sie und stellte sich im Bette auf. Sie wippte auf ihren langen, schönen Beinen, und ihre seidene Wäsche wehte um ihre Hüften. Ich schloß die Augen und ließ mich wiegen wie ein Kind. Vielleicht bin ich übermüdet eingeschlafen. Aber ich erwachte sofort nachher. Ich fühlte ihren nackten kalten kleinen Fuß an meiner Flanke. Sie hatte ihre Strümpfe ausgezogen. Sie tastete jetzt mit dem linken Fuß auf meine Brust und setzte ihn vorsichtig über die Stelle, unter der mein Herz schlug. ›Ich tue dir doch nicht weh?‹ fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. Ich hätte durch sie sterben mögen. ›Und jetzt? Und jetzt?‹ fragte sie. Sie stand jetzt auf meiner Brust, und wenn ich den Atem einzog, hob sich ihre Gestalt, wenn ich ausatmete, senkte sie sich. Sie war so leicht, kinderleicht! ›Ich tue dir doch nicht weh?‹ Und auf einmal brach sie auf meinem Körper nieder und erstickte mich mit ihren alten unvergeßbaren Küssen, noch naß von Tränen.

Bald nachher sagte sie mir kalt ihren Plan. Weder von meiner Frau noch von ihrem Mann war also ›in Gutem‹ die Einwilligung zur Scheidung zu erlangen. Ohne Scheidung konnte sie aber nicht mit mir verreisen. ›Was soll ich also tun?‹ fragte ich. ›Du tust es doch nicht!‹ ›Sprich!‹ ›Aber du verwendest es niemals gegen mich! Versprichst du es?‹ Ich versprach alles. Sie vertraute mir also flüsternd an, es bleibe nichts übrig, als daß sie für ein paar Tage zu ihrem Mann zurückkehrte, um entweder durch Überredung seine Einwilligung zu erhalten oder aber ihn irgendwie schmerzlos und gefahrlos aus dem Weg zu schaffen. Ich hätte doch viele Medikamente, zum Beispiel die Bohnen, die giftig sein sollten, Jequirity ... Als ich aufspringen wollte, hielt sie mich zurück, und ich wunderte mich, wieviel Kraft sie hatte. Sie sah mich starr an und sagte: ›Aber versteh mich recht, das gleiche verlange ich dann auch von dir!‹ ›Meine Frau ...‹ ›Nun, was ist sie mehr wert als mein Mann? Wenn ich meinen Mann opfern soll, dann muß auch deine Kuh daran glauben. Wir müssen es fein anfangen. Niemand darf etwas davon merken. An Jequirity denkt doch keine Menschenseele. Bohnen? Das ist etwas Unbekanntes.‹ Ich hielt es für einen schlechten Scherz. Ich zündete das Licht an, um ihr Gesicht besser zu sehen, aber sie drehte den Schalter sofort wieder aus. ›Ich werde nie die Hand gegen meine Frau erheben‹, sagte ich. ›Hier ist also deine Liebe schon zu Ende?‹ ›Du willst mich doch nicht zum Mörder machen?‹ ›Und dir wäre es recht, wenn ich zur Mörderin an meinem Mann würde?‹ ›Nein, ich habe es nie von dir verlangt.‹ ›Aber wenn es ganz zufällig so käme?‹ ›Nein Nischy‹, sagte ich, ›scherze nicht mit solchen Dingen! Wir dürfen an so etwas nicht denken, es ist heller Wahnsinn.‹ ›Heller Wahnsinn, so, glaubst du?‹ In der nächsten Zeit schien sie mir ruhiger. Sie aß mehr, rauchte nicht. Das Fieber schien mit den zunehmenden Sommertagen verschwunden zu sein. Als die Waage eine sehr ansehnliche Zunahme zeigte, wußte ich nicht, wohin vor Freude. Aber diesmal wollte sie nicht feiern. Aber auch darüber war ich glücklich – jeder versteht, warum, wenn er geliebt hat wie ich. Eine Woche später fuhr sie eines Nachmittags in die Stadt. Abends war sie nicht zurück. Ich wartete. Bis Mitternacht war sie nicht da. Ich ging zu dem Portierhäuschen, das ich von meiner Jugend noch so gut kannte. Jetzt war es Sommer, die reifen Felder rauschten im Dunklen. Der Mond schien nicht, nur die Sterne, sie waren sehr hell; besonders der Sirius, den ich ihrem Vater vor seinem Tod gezeigt hatte, glitzerte sehr stark und hell ... Die Züge auf der Böschung kamen wie immer, wie vor dem Kriege. Am nächsten Morgen gegen fünf Uhr weckte ich die Direktorin. Sie kam in ihrer Nachtjacke zu mir heraus. Ihr erzählte ich, daß ich fürchte, Eveline sei etwas Ernstes zugestoßen. ›Ich glaube es nicht‹, antwortete sie, ›Ihre kleine Freundin kommt vielleicht gar nicht mehr zurück.‹ ›Sie kann bei ihrer Tante, der Stiftsdame übernachtet haben ... sie kann einen Blutsturz bekommen haben ...‹ ›Das alles glaube ich nicht. In der letzten Zeit sah die Baronin ja geradezu kernig aus, das durchsichtige Ding! Finden Sie sich ab. Es ist das Beste so.‹

Ich fuhr mit dem ersten Zug in die Stadt. Ich ging in das adelige Damenstift. Es war aufgelöst seit dem Kriegsende. Die Tante lebte schon seit 1916 nicht mehr hier.

Die alte Direktorin bei uns wußte alles. ›Ihre kleine Komtess‹, sagte sie mir, meine Hände haltend, ›hat Sie nur auf der Durchreise in B. sehen wollen. Deshalb hatte sie kein Gepäck mit, sondern nur das Necessaire. Eben für eine tolle Nacht. Alles nachher war sehr gegen ihren Willen. Ich glaube, daß sie ihrem Mann regelmäßig geschrieben hat. Der Arme! Sie hat ihm eingeredet, sie sei als Patientin in unserer Anstalt, wegen ihrer schlechten Nerven. Vergessen Sie die niedliche kleine Fee. Sie sollen ja eine prächtige Frau haben. Auch um Ihren Sohn sollten Sie sich kümmern. Trauern Sie der kleinen Bestie nicht nach.‹ ›Ich danke Ihnen also für die Auskunft‹, sagte ich dumm. Ich erwartete Eveline noch die folgende Nacht und noch lange Zeit. Ich konnte es nicht glauben.

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