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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 35
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ich mußte mich entscheiden. Wenn ich mit Eveline weiterhin glücklich zusammenleben wollte – wenn es auch kein ruhiges Glück war, sondern ein Abgrund des Glücks vom ersten Tage an –, mußte ich entweder unter Aufgebot meines ganzen Willens versuchen, Eveline zu ändern, oder ich mußte sie so lieben wie sie war. Als wir am nächsten Morgen nach einer unvergeßlichen Nacht das häßliche Hotelzimmer verließen, um mitten in einem lustigen starken Schneetreiben nach der Anstalt zu übersiedeln, ohne daß auch nur ein Wort über ihre Lügen gesprochen worden war, wußte ich, daß ich sie liebte wie sie war und daß mir nichts übrig blieb, als ihr alle daraus erwachsenden Schwierigkeiten zu ersparen, sie nie zu beschämen, in Gesellschaft anderer mich besonders zurückzuhalten, sie nie auf Widersprüchen zu ertappen und abzuwarten, bis wir verheiratet waren. Ich sagte mir vor allem, daß sie ein empfindliches, zartes Geschöpfchen war, daß sie zuerst gesund werden mußte, und ich nahm mir vor, ihre Lunge untersuchen zu lassen, sobald wir einigermaßen untergebracht waren. Wir kamen nach der Morgenvisite in der Anstalt an, aber der Chefarzt wiederholte sie mir zuliebe und stellte mir einen Teil der Fälle vor.

Meine Frau hatte sich schnell mit der halbblinden Direktorin angefreundet und verbrachte den Nachmittag und die nächsten Tage damit, mit ihr unsere zwei Zimmer, ein großes, das Schlafzimmer, und ein kleines, unser Wohnzimmer, so behaglich auszustatten, als es möglich war.

Ich erhielt kurz darauf mein erstes Gehalt. Ich hatte von Eveline Geld geliehen, und ich konnte nicht darüber hinwegkommen. Entgegen meinem Vorsatz, alle Konflikte unmöglich zu machen, gab ich ihr den Betrag zurück, oder vielmehr, ich wollte es tun. Sie sah mich böse an, sie wollte davon nichts hören, ja sie tat, als wolle ich sie für ihre Liebe zu mir bezahlen. Ich ließ mich nicht irre machen, es war mein Grundsatz, daß ein Mann von einer Frau kein Geld annehmen dürfe.

›Ich lege ein Sparkassenbuch auf deinen Namen an‹, sagte ich ihr, und sobald wir verheiratet sind, kannst du mir den Betrag zurückgehend ›So?‹ fragte sie. ›Bitte, gib mir deinen Paß, ich kann sonst das Sparkassenkonto nicht einrichten lassen.! Sie schüttelte den Kopf, so daß die kurzen aschblonden, fast silbrigen Locken flogen: › Meine Papiere gebe ich niemals aus der Hand. Was sollte ich tun? Ich mußte mich fügen. Ich wollte sie halten, ich konnte nicht mehr ohne sie sein. Ich wollte alles tun, um sie glücklich zu machen, und doch fürchtete ich, sie sei es noch nicht. Denn ihre Unruhe war groß. Ich mußte mich in die Arbeit stürzen, die für mich vollständig neu war auf einem unermeßlichen Gebiete, von dem ich mir unzutreffende Vorstellungen gemacht hatte. Der Chefarzt hätte mir jetzt am liebsten die selbständige Führung einer Abteilung anvertraut, während er den Rest übernahm. Ich erklärte mich außerstande. Ich arbeitete an den Krankenbetten ganze lange Tage, oft von sieben Uhr morgens an, ich legte Protokoll über Protokoll an, ich fragte, ich hörte, beobachtete und schrieb; ich untersuchte die Rückenmarksflüssigkeit, ich studierte, was sich erlernen ließ. Ein Führer wie mein Vater fehlte mir. Ich hielt mich an Bücher. Ich befragte die Handbücher für Geisteskrankheiten während der Abendstunden, an unserem runden Tisch im Wohnzimmer. Eveline saß neben mir, oder noch lieber auf dem Teppich, und sah mich in Gedanken stumm an. Sie las nicht viel, Handarbeiten waren ihr verhaßt. Ihre Gesundheit hatte sich nicht gebessert, sie hustete, und wenn sie auch behauptete, sie hätte nie Fieber, und wenn auch das Thermometer nie mehr als 36,9 zeigte, so war ich doch überzeugt, daß sie viel kränker war, als sie zugeben wollte. Ich bat sie, sich von mir untersuchen zu lassen. Sie lächelte sonderbar und flüsterte, sie schäme sich vor mir. Auch ich lächelte sie an, ich hielt es für eine kindliche Redensart. Als wir schlafen gingen und sie das spitzenbesetzte Taghemd gegen ein sehr einfaches seidenes Nachthemd wechseln wollte, hielt ich ihren feuchten, heißen Oberkörper fest und wollte mein Ohr zwischen ihre Schultern legen, wo man die Veränderungen bei Lungentuberkulose am frühesten erkennt. Sie entzog sich mir mit Gewalt, löschte das Licht, rückte an das äußerste Ende des Bettes und stieß mich mit den Händen von sich. ›Du willst mich nur loswerden! Laß mich! Du willst mich wegschicken, du willst deine alte Kuh und dein Kalb kommen lassen!‹ Ich versuchte sie zu beruhigen. Ich konnte nicht glauben, daß sie etwas so Unsinniges im Ernst behauptete. ›Du hast mich immer mit deiner Walpurgis betrogen‹, stieß sie heiser unter Husten hervor, › wir waren verlobt, dann hast du mir nicht mehr geschrieben, dann hast du diese Stallmagd verführt! Ist es so oder nicht?‹ Es war nicht so, wenigstens sah ich es nicht so: ›Laß das Vergangene vergangen sein. Ich liebe nur dich! Aber du bist krank, du bist zart, du fieberst, du schwitzt vielleicht nachts, du ißt nichts.‹ ›Ich bin gesund‹, sagte sie, ›ich bin zäh wie eine Katze, ich habe niemals mehr als 37 Grad, ich schwitze, weil mein seidenes Hemdchen zu dick ist und das dumme Zimmer hier überheizt. Ich habe nie in meinem Leben mehr gegessen als jetzt, aber eure Küche behagt mir nicht. Die ist gut für die Irren.‹ ›So sag, was du willst, was dir schmeckt?‹ ›Was ich will? Dich!‹ Wir verbrachten eine Nacht ohne viel Schlaf. Am nächsten Morgen sah sie elend aus, fahl und – alt. Ich wiederholte meine Bitte: ›Vertraue dich mir an! Ich möchte wissen, woran wir sind. Ich sorge mich um dich. Ich kann sonst meiner Arbeit nicht in Ruhe nachgehen. Bitte, erfülle meinen Wunsch!‹ ›Das gleiche will ich von dir! Laß mich leben, wie ich will, und sterben, wie ich muß.‹ Sie begann zu weinen. Die Klingel schlug an. Der Chefarzt erwartete mich, die Arbeit drängte. ›Sag ja‹, bat ich sie noch an der Tür. ›Du mußt dein Gewicht kontrollieren, du mußt dich schonen.‹ ›Soll ich schon zu meinem Mann zurück? Dann sage es offen!‹ ›Eveline!‹ ›Keine Eveline! Du weißt, ich will nicht mehr so genannt werden.‹ ›Aber an Nischy kann ich mich nicht gewöhnen. Was liegt an dem Namen? Wir müssen unbedingt einen Ausweg finden, bitte, vertraue dich mir an!‹ ›Nein, ich habe kein Vertrauen zu dir als Arzt. Ich weiß nicht, was du mit mir vorhast. Bist du denn so unglücklich mit mir? Kannst du mich denn gar nicht lieben? Ich soll dir trauen und kann doch nicht. Vielleicht gibst du mir eine Injektion, irrst dich, und ich sterbe daran. Alles für Walpurgis!‹ Sie lachte. Ich saß völlig niedergeschmettert da und ließ das Telephon klingeln. Sie hockte jetzt mit gekreuzten Beinen halbnackt zu meinen Füßen und streichelte mit ihren dünnen Fingern mein krankes Knie. ›Ich soll fortgehen? Warum hast du mich dann geholt? Ich hatte mich abgefunden, ich lebte gut, sehr! mit meinem Mann. Und jetzt scheust du dich vor mir, du ekelst dich vor einer kranken Frau? Ich bin aber auch gesund! Freilich, deine schwere Kuh ist ein anderer Schlag.‹ ›Würdest du dich dem Chefarzt Mohrauer anvertrauen?‹ fragte ich mit einer letzten Hoffnung. ›Natürlich! Warum nicht!‹ Sie sprang auf und schüttelte sich leicht, als müsse sie etwas abwerfen.

Einige Tage später traf ich Eveline, als sie mit hochroten Wangen und fieberhaft glänzenden Augen aus dem Sprechzimmer des Chefarztes kam. Ich klopfte an, trat ein – und fand auch ihn etwas erregt. ›Sie haben meine Frau eben untersucht‹, sagte ich, ›möchten Sie die Freundlichkeit haben, mir den Befund zu sagen?‹ ›Ach so – vielleicht nichts Ernstes‹, sagte er und versuchte, sich zu sammeln. ›Bitte, sagen Sie mir die Wahrheit!‹ Er schwieg. Endlich entschloß er sich: ›Dazu habe ich nicht das Recht. Ich bin gebunden durch das ärztliche Geheimnis.‹ ›Ist es, weil ich mit ihr ... weil wir noch nicht bürgerlich getraut sind?‹ ›Nein, über solchen Formelkram bin ich erhaben. Auch dem legitimsten Gatten steht aber dieses Recht nicht zu, wenn es die Ehefrau nicht ausdrücklich gestattet. Das Recht auf das ärztliche Standesgeheimnis ist ein ebenso unangreifbares Recht des Kranken wie das darauf, daß wir sein Leben nie wissentlich abkürzen werden. Das gilt für mich. Für Sie doch auch, junger Kollege?‹ ›Sie müssen mir sagen, worum es sich handelt!‹ sagte ich voll dumpfer Wut. So unsinnig es war, ich war eifersüchtig auf den alten, graubärtigen, gesunden, wohlgenährten Mann, dessen Zimmer meine Geliebte so erregt verlassen hatte. ›Drei Schritt vom Leib‹, sagte er leise, als ich mich ihm näherte, mit der gleichen Stimme, mit der er die Irren anfauchte, wenn sie gewalttätig werden wollten. ›Sie glauben doch nicht?‹ stammelte ich. ›Ach mein Lieber, ach mein Guter‹, sagte er und lachte, während er jetzt nähertrat. ›Ich glaube alles und nichts. Was hat man von hier aus‹ – er wies auf den Stuhl vor dem Schreibtisch – ›nicht schon alles gesehen! Sind Sie eifersüchtig auf mich alten Mann? Es ist sehr schmeichelhaft. Aber Sie überschätzen mich. Leider. Aus dieser Perspektive sieht unsereins nichts mehr außer Objekten. Ja, Sie können es wissen, Ihre Frau ist leidend. Woran sie leidet, ob an Seele oder Leib, kann ich Ihnen ohne ihre Einwilligung nicht sagen. Ich hoffe, Sie würden an meiner Stelle nicht anders handeln. Wäre es anders, hätte ich mich in Ihnen getäuscht, und wir müßten uns baldmöglichst trennen.‹ Ich senkte den Kopf, stumm. Er kam noch näher, und ich hörte aus seiner Stimme etwas Mitleid heraus, bei einem Menschen, den ich frei von diesem Gefühl geglaubt hatte: ›Ich habe Ihnen unlängst angedeutet, daß Sie, junger Kollege, Ihre Studien an unseren Patienten zu sehr in die Länge ziehen.‹ ›Man will auf den Grund kommen‹, sagte ich. ›Und wird es nie‹, sagte er bestimmt. ›In unserer Wissenschaft niemals. Je länger Sie einen Fall studieren, desto unklarer wird er oft. Alles ist hier bei uns Gefühl, Erfahrung, nichts steht von vornherein fest.‹ ›Das kann ich eben nicht glauben.‹ ›So überzeugen Sie sich! Ich gebe Ihnen eine neue Patientin, Ihre Frau. Forschen Sie, graben Sie in der Tiefe, studieren Sie bei Tag, und natürlich auch bei Nacht!‹ ›Sie glauben doch nicht, daß sie geistig nicht normal ist?‹ ›Ich glaube nichts. Machen Sie sich an die Arbeit und bringen Sie mir das Ergebnis. Ist sie gesund, um so besser. Nur eines vergessen Sie nie: ein Arzt hat zu warten, bis der Kranke sich ihm nähert, bis er ihm zu Füßen liegt und voll Vertrauen zu ihm aufblickt. Drängen Sie sich aber auf, und sei es in bester Absicht, erreichen Sie Ihr Ziel nie.‹ ›Aber ich liebe meine Frau!‹ sagte ich und übertrat mein eigenes Gebot, keinen fremden Menschen zu Rate zu ziehen um sie. ›Um so besser, Sie Glückspilz!‹ sagte er. ›Dann kommt alles von selbst in Ordnung.‹ Ich verließ ihn, etwas getröstet, weil ich glaubte, er hätte an ihrer Lunge nichts Ernsthaftes gefunden.

Ich liebte sie, ich liebte sie mit jedem Tage mehr, und doch konnte ich keinen Fuß fassen, ich wußte nicht, woran ich war, ich wußte eben nur, daß sie neben mir stand, an meiner Seite lag.

Ich wußte auch nichts durchaus Sicheres über die Kranken. Es war eben eine unsichtbare Wissenschaft. Keine Diagnose schien mir festzustehen, die aussichtslosen Kranken wie meinen armen Perikles ausgenommen. Hier sprach die Statistik, die angab, daß die mittlere Krankheitsdauer zwei bis drei Jahre betrage. Bald war das erste Jahr abgelaufen ...

Hier das Chaos in meinem Beruf, dort das Chaos in meinem persönlichen Leben. Und hätte ich wenigstens Eveline Sicherheit geben können! Es kränkte mich, ich konnte darüber nicht hinwegkommen, daß meine Geliebte mir meine Liebe nicht glaubte und daß ich sie auf keine Weise davon überzeugen konnte. Ich hatte meine Frau Vally gebeten, sie solle mir vorläufig nicht schreiben, denn ich sah, daß Eveline beim Anblick ihrer Briefe grün wurde vor verhaltener Wut. Meine Schwester Judith schrieb mir die seltsamsten Briefe, die jeder für schwärmerische, fast irrsinnige Liebesergüsse gehalten hätte, wären sie nicht von einem halbwüchsigen Mädchen an ihren eignen, in dieser Richtung ganz teilnahmslosen Bruder gerichtet gewesen; aber Eveline übersah sie zum Glück, bis ich ihnen bald durch ein energisches Wort ein Ende machte. Mein Sohn hatte mir nur zweimal geschrieben, dann war der Briefwechsel wie mit einem Schlag zu Ende. Ich fragte Eveline, die stets die Post persönlich beim Portier abholte, ob nichts aus Bludenz dabeigewesen war. ›Doch, eine Karte von deinem Söhnchen‹, sagte sie höhnisch. ›Ich habe sie nicht gelesen, aber auf die Adresse geschrieben: Adressat verstorben! An den Absender zurück! und habe sie dann zurückgehen lassen.‹ Das war offenbar Lüge, denn in diesem Falle hätte mein Sohn sich an meinen Vater gewandt, und die Sache wäre bald aufgeklärt worden. Aber was war die Wahrheit? Erst viel später habe ich erfahren, daß Eveline seine Karte, weil sie nicht frankiert war, zurückgeschickt hatte. Mein Sohn empfand dies mit wenig Recht – als persönliche Kränkung und hat es mir nie verziehen. Aber davon wußte ich jetzt noch nichts. Ich wiederholte meiner Eveline, ich liebe nur sie. Sie glaubte es nicht. Ich sagte ihr, ich brauche sie. Ja, für die Nacht! antwortete sie voll Hohn. Der Chefarzt hatte bei einer späteren Besprechung durchblicken lassen, ich müsse meine Geliebte etwas schonen. Ich tat es, mit welcher Überwindung, kann nur der begreifen, der so etwas erlebt hat. Aber was konnte ich ihr sagen, als ich sie eines Morgens beim Erwachen in Tränen gebadet sah? Sie hatte rote Augen, denn sie hatte die ganze Nacht schlaflos verbracht. ›Also nicht einmal für das bin ich dir gut genug!‹ gab sie mir mit furchtbarer Bitterkeit zu verstehen. Eines Tages fragte ich sie nach dem Sinn der drei Buchstaben N. D. E., die sie mir vor langer Zeit auf einer Karte geschrieben hatte. Hieß es Nur Deine Eveline oder Niemals Deine Eveline. › Noch Deine Eveline‹, sagte sie leise und sah mich von unten an. Sie wollte am liebsten am Boden sein, zu mir emporsehen. Ich liebte dies nicht an ihr, konnte es ihr aber nie abgewöhnen. Was vermochte ich über sie? Sie hüstelte mehr denn je, abends leuchteten die Augen im Fieber, ab und zu hatte sie Schüttelfrost. Unentwegt zeigte aber das Thermometer die normalen 37. Ich war angestrengt tätig, ich konnte sie nicht überwachen. Ich beschwor sie, nicht zu rauchen, und da sie meine Verzweiflung sah, gab sie nach. Ich konnte sie aber nicht hindern, in die Stadt zu fahren, wo ihre alte Tante lebte, ehrwürdige Stiftsdame im adeligen Damenstift. Eines Tages sandte mich Dr. Mohrauer in die große Stadtapotheke, da in letzter Zeit die Qualität der Medikamente nachgelassen hatte. Ich kam an einem der schönsten Stadtkaffees vorbei – meine Frau, fahl und trist aussehend, saß, bis ans Kinn in ihren Mantel gehüllt, mit verlorenem Blick an dem Fenster und rauchte. Als sie mir abends einen Kuß gab, schmeckte er nach Pfefferminz. ›Seit wann liebst du Pfefferminz?‹ fragte ich, da ich wußte, daß sie es verabscheute. ›Doch schon immer!‹ log sie. ›Jetzt wirst du vielleicht sagen, ich habe zehn Zigaretten geraucht und habe Pfefferminz gelutscht, um den Rauchgeschmack wegzubringen.‹ Was sollte ich tun? Ich durfte sie es nicht einmal wissen lassen, daß ich wußte, daß sie log. Sie fragte mich eines Abends zitternd vor Erregung, ob ich sogar in eine Scheidung meiner Ehe einwilligen würde. Nichts war mir lieber als das. ›Morgen gehen wir zum Anwalt‹, sagte ich, ›heute noch schreibe ich meiner Frau. Und du deinem Mann. Ist es dir so recht?‹ ›Ich wünsche mir nichts anderes‹, sagte sie, aber schon nicht mehr so erregt. Abends schrieb ich einen langen Brief an meine Frau. Sie sah mir über die Achsel zu und lächelte voll kindlicher Freude. ›Warum schreibst du nicht?‹ fragte ich, als ich fertig war. ›Wenn du in meiner Nähe bist, kann ich nicht schreiben, keinen klaren Gedanken fassen. Merkst du das nicht? Ich schreibe morgen. Heute müssen wir feiern! Laß mich nicht zur Besinnung kommen! Laß mich nicht bereuen! Sag, wie soll ich es beginnen, dich nicht mehr zu lieben?!‹ – Wahrheit? Lüge? Ich war glücklich trotz allem. Frau und Beruf – ich hatte erreicht, was ich wollte.

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