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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 34
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel

1

Als ich Eveline von der Bahn abgeholt hatte, war ich so aufgeregt gewesen, daß ich vergessen hatte, sie zu fragen, wo sie ihr großes Gepäck hatte, denn sie hatte nur ihr kleines Ledernecessaire bei sich. Nachts erwachte ich und sah, daß auch sie nicht schlief. Wir hatten am Abend die kleine Nachttischlampe angezündet, und Eveline, die jetzt ihren schönen Pelzmantel um ihren zarten gebrechlichen Körper gewickelt hatte, hatte aus den breiten Manschetten des schwarzen Mantels ihre winzigen hellen, rosig durchleuchteten Hände um die elektrische Birne gebreitet, um sie daran zu wärmen. Ich bereute, daß ich aus falscher Sparsamkeit kein besseres Zimmer für mich genommen hatte, daß ich ihr Gepäck nicht sogleich von der Bahn mit ins Hotel geschafft hatte, daß ich bei mir nicht auf jeden Fall hatte heizen lassen aber jetzt war es zu spät. Denn auf mein Klingeln erschien niemand.

Um mir die furchtbare Zeit des Wartens zu vertreiben, hatte ich mir am Tage vorher eine Menge Zeitungen gekauft. Jetzt sprang ich, so schnell ich es mit meinem steifen Knie vermochte, aus dem Bett, bückte mich zähneklappernd zu dem kleinen Eisenofen, ballte die Zeitungsblätter zu festen Kugeln zusammen die einzige Methode, aus Zeitungen etwas Wärme herauszuholen – und zündete sie an. Aber Eveline, die ich inzwischen mit meiner Decke gut zugedeckt hatte, wollte sich nicht im Bett halten lassen. Stumm, das feine, blasse Gesicht sanft rötlich angeleuchtet von den aufflammenden Blättern, die aschblonden, seidigen, reichen Haare auf beiden Schultern, hockte sie auf den nackten Knien auf der schmutzigen Erde, schlang die Arme um meine Hüften und horchte auf das Bullern der Zeitungen im kleinen Ofen. Dann holte sie aus dem Pelz eine goldene Tabaksdose, zündete sich eine Zigarette an, schloß die Augen und zog den Rauch tief ein. Ab und zu preßte sie die Lippen zusammen. Wollte sie den Rauch länger behalten, wollte sie einen Hustenreiz unterdrücken mit aller Gewalt? Sie hatte sicherlich gesehen, daß mich ihr Hüsteln schon auf der Straße beunruhigt hatte.

Ich wollte sie behalten. Ich mußte glücklich mit ihr leben.

Ich begriff jetzt erst, was das Leben einem Mann zu geben hat. Ich hatte keine Furcht mehr vor ihr. Ich glaubte, ich würde sie nach einem solchen Liebesrausch nie mehr verlieren können. Aber auch mein Mitleid war nicht vergangen, und sie wollte dieses Mitleid nicht. Sie ließ wie zufällig den Pelz von ihren nackten Schultern gleiten, sie wollte zeigen, wie kerngesund und abgehärtet sie war – und wie schön. Aber das klägliche Papierfeuer erlosch sehr schnell. Die Eisenplatten des Herdes waren kaum lauwarm geworden.

Wir hatten seit der Ankunft ihres Zuges nicht Zeit gehabt, etwas zu essen, und krochen jetzt, beide blaß vor Hunger und Kälte, in das immer noch warme Bett ... Ich hätte sie erdrücken, verbrennen, vernichten mögen. Ich mußte sie aber schonen. Meine Hände verkrampften sich in der Matratze, die bloß lag, da das Laken verwühlt zur Seite gerollt war, und meine Finger faßten etwas hartes kühles Eisernes an, es war eine Sprungfeder, die durch den mürben Stoff der Matratze durchgebrochen war. Mein Knie begann stark zu schmerzen.

Ich merkte, daß ihre Lippen trocken und gerötet waren und wie sie mit der Zungenspitze zwischen den Lippen züngelte, sie hatte Durst. Ich wartete nicht ab, bis sie darüber klagte, sondern ging mit der Wasserkaraffe auf den Korridor, tastete mich im Halbdunkel bis zu einer Wasserleitung und brachte ihr frisches Wasser. ›Hast du keinen Hunger, Eveline?‹ fragte ich. ›Nenn mich nicht so‹, sagte sie – sie hatte an diesem Abend nur wenig gesprochen –, ›bei ihm heiße ich so.‹ ›Dann nenne ich dich Nischy?‹ Es war der Kosename, den ihr der ›Onkel‹, ihr Vater, gegeben hatte und der auf der Photographie stand, die ich im Feld nach seinem Tode geerbt hatte. Sie sagte nichts. ›Hast du keine Reisedecke?‹ fragte ich töricht, denn ich wußte ja, daß sie keine hier hatte. Ich nahm die staubige dunkelrote Plüschdecke, die auf dem Tisch lag, und wickelte sie ihr um die Füße. ›Morgen hole ich dein Gepäck.‹ Sie schüttelte den Kopf. ›Du bleibst hier, ich gehe zur Bahn. Kann ich den Gepäckschein haben?‹ Sie hatte sich nicht gerührt und sah mich nur mit ihren großen Augen an. Ihre Lippen krampften sich zusammen, plötzlich richtete sie sich auf und riß mich in ihre Arme.

Wir erwachten erst spät am Morgen, die Lampe brannte noch. Ich kleidete mich in aller Eile an, nachdem ich mich gewaschen und rasiert hatte. Ich mußte zur Bahn, um Evelines Gepäck zu holen. Sie wollte mir den Gepäckschein aber nicht anvertrauen. ›Du kennst dich mit solchen Dingen nicht aus, es gibt nur Schwierigkeiten, ich bin mit seinem Paß gereist, weißt du.‹ Ich tat ihr den Willen. Sie wollte, daß ich nach der Anstalt hinausfahre. Ich sollte mich bei dem Chefarzt anmelden, auch von ihr sollte ich mit ihm sprechen und sollte spätestens in einer Stunde zurück sein. Seit einigen Jahren führte eine Tramway bis in die Nähe der Anstalt, aber eine Fahrt dauerte etwas mehr als eine dreiviertel Stunde, und das auch nur dann, wenn man glücklicherweise sofort einen Zug erwischte. Ich konnte also frühestens in zwei Stunden zurück sein. ›Dann nimm einen Wagen!‹ Ich schwieg. ›Hast du nicht genug Geld? Ich habe fürchterlich viel Geld.‹ Sie öffnete ihr Täschchen und gab mir eine große Note. Ich scheute mich, sie von ihr anzunehmen. ›Du liebst mich nicht?‹ fragte sie, zum zweitenmal, seitdem sie gekommen war. Sollte ich ihr von meiner Liebe sprechen? ›Ich kann Geld, das von deinem Mann kommt, nicht annehmen.‹ ›Ach so? Nur das?‹ sagte sie und lachte, zum erstenmal an diesem Morgen. ›Ich besitze mein Privatvermögen, ich bin reicher als er, wir haben Gütertrennung.‹ ›Nischy‹, fragte ich und setzte mich an ihr Bett, ›weiß dein Mann, daß du hier bist?‹ ›Ich möchte nicht, daß du ihn meinen Mann nennst, damit kränkst du mich.‹ ›Also, wie soll ich ihn nennen?‹ › Schweig endlich von ihm!‹ schrie sie, dann streichelte sie mit beiden Händen mein Gesicht und sagte dasselbe ganz leise, ›ich bitte dich, schweig von ihm. Komm schnell zurück! Ich warte hier auf dich!‹ ›Willst du nicht wenigstens frühstücken?‹ fragte ich, ›versprichst du mir das? Entweder hier unten im Frühstückszimmer oder in einem Kaffeehaus.‹ ›Ich bleibe lieber hier!‹ Ich tastete also nach der Klingel, um den Kellner zu rufen. Sie fiel mir in den Arm. ›Warum tust du niemals, worum ich dich bitte? Du hast schon viel Unglück über uns gebracht, weißt du das nicht? Bei deiner Frau war es sicher nicht anders. Geh jetzt, geh also nur schnell!‹ Ich gab ihr die Hand, küßte sie auf den heißen, trockenen Mund und ging.

Ich fuhr sofort in die Anstalt heraus, die in tiefem Schnee dalag wie an dem Abend, als ich mit meinem Vater hier gewesen war und dem Irren ein Goldstück geschenkt hatte. Als ich durch das Portierhäuschen hindurchschritt, wo man mich bereits erwartete, dachte ich daran, später in den alten Protokollen der Anstalt nachzuforschen, welche Bewandtnis es mit dem jungen, aber schon grauhaarigen Menschen gehabt hatte. Aber ich bin nie dazu gekommen.

Mohrauer, ein alter, schön weißhaariger, geruhiger, wohlgenährter, großer Mann mit prächtigem gesunden Gebiß und klaren hellen Augen – doch nicht so hell wie die meines Vaters –, empfing mich und lud mich sofort zum Frühstück ein. Seine Tafel war jetzt wohl bestellt, es gab reichlich Butter, das Brot war gesundes frisches Kornbrot, ich sah in einer Serviette aus Leinwand zwei Eier, eine Seltenheit in dieser Zeit. Ich dachte daran, daß seine Kranken es nicht so gut hatten. Ich hatte Unrecht. Später überzeugte ich mich, daß sie es jetzt viel besser hatten als die Kranken in der Privatklinik meines Vaters. Ich sah den gedeckten Tisch an, aber trotz diesen Herrlichkeiten sagte ich nein, denn ich wollte mit ihr zusammen frühstücken. ›Wie Sie wollen‹, sagte er. ›Wann können Sie also eintreten?‹ ›Vielleicht morgen‹, sagte ich. ›Sie sind verheiratet?‹ fragte er. Ich errötete. ›Meine erste Frau ...‹ stotterte ich. ›Keine Familienhistorie! Ich wollte nur wissen, ob die Direktorin in Ihrem Zimmer ein oder zwei Betten aufstellen soll, und wieviel Gedecke bei Tisch.‹ ›Zwei‹, sagte ich. ›Gut, zwei. Und morgen? Recht so. Was gibt es Neues?‹ Ich wollte beginnen, etwas aus dem Inhalt der Zeitung zu erzählen, die ich in B. gekauft und während der Wagenfahrt überflogen hatte. Aber bei den ersten Worten unterbrach er mich. ›Bitte kein Wort weiter. Ich lese seit viereinhalb Jahren keine Zeitung, Mich interessiert die Politik keinen Deut. Die Weltgeschichte wird von manischen Irren für Idioten gemacht. Beides haben wir hier, in reicher Fülle, wie Sie sich morgen überzeugen werden. Unser Haus ist gut belegt. Es hat seine Gründe. Wir haben seit dem Herbst, dem letzten Weltuntergang, eine kleine Gutswirtschaft uns zugelegt. Die Direktorin, halbblind wie sie ist, führt sie dennoch ausgezeichnet. Wir essen gut, unsere Kranken nehmen zu, vielleicht schmuggeln sich auch einige Simulanten ein, aber hierin sind wir unbarmherzig. Spaß beiseite! Was haben Sie hier vor?! Ich setzte ihm meine Pläne auseinander. Er aß seine zwei Eier, strich sich ein Brot nach dem andern, trank seinen Tee und sagte nichts. Ihr Vater hat eine sehr interessante Sache veröffentlicht!, sagte er schließlich. ›Ja, recht interessant‹. ›Auch ich bewundere ihn, ich verehre ihn sehr. Ja‹, schloß er, ›lassen Sie also ihr Gepäck hierherschaffen, und kommen Sie morgen mit Ihrer Frau! Ich stelle Sie jetzt der Direktorin vor, wollen Sie? Sie werden auch Ihren Freund sehen wollen, nicht?‹ Auf meinen fragenden Blick: ›Wissen Sie, bei einem Philosophen ist es ebenso schwer, sich über das Niveau seiner geistigen Leistungen klarzuwerden, wie bei einem Politiker über das Niveau seiner Moral. In solchen Fällen überlasse ich diese Beurteilung meinen Assistenten. Haben Sie eine schöne Handschrift?‹ Ich bejahte, denn sie war zwar nicht kalligraphisch schön, aber gut lesbar. ›Gut. Sonst wäre ich dafür, daß Sie die Krankengeschichten mit der Maschine schreiben. Es geht schneller.‹ ›Ich schreibe sehr gern, sagte ich. ›So? Um so besser. Ich will Ihnen gleich sagen, wie ich mir das denke. Es ist nötig, daß die Krankengeschichten genau geführt werden. Wissenschaftliche Ziele verfolge ich aber hier nicht. Wenn Sie solchen nachgehen wollen, ich hindere Sie nicht. Aber unter allen Umständen hat die sogenannte Diagnose festzustehen, schon des Totenscheines wegen. Es hat sich als praktisch herausgestellt, die sechs häufigsten Geisteskrankheiten festzustellen und mit Ziffern zu bezeichnen. Die Kranken können dann nicht verstehen, wenn wir in ihrer Gegenwart über sie sprechen. Was außerhalb dieser Krankheiten liegt, gilt als Seltenheit und muß genauer geführt werden. Welche Geisteskrankheiten würden Sie als die häufigsten bezeichnen?‹ Ich nahm meine Kraft und meine Erinnerungen zusammen. Ich hatte mich in den letzten Monaten leider nur mit Augenheilkunde beschäftigt und mein Kopf war nach dieser Nacht nicht der klarste. Aber ich begann: ›1. Jugendirresein, Dementia präcox, Paranoia etc. 2. Manisch depressives Irresein etc.‹ ›Bitte kein Etcetera‹, sagte er lächelnd, aber ernst. ›3. Paralyse.‹ ›Gut‹, sagte er. ›Das wäre die erste Hälfte, nun die zweite. Aber kommen Sie jetzt, wir können den Rest auf dem Wege besprechen, wir haben jede Minute hier im Haus und auf dem Gut eingeteilt.‹ – ›4. Epilepsie. 5. Hysterie, Zwangsvorstellung, Rauschgift. 6. Seniler Wahn.‹ ›Nun ja, junger Freund, so ungefähr‹, sagte er und lächelte, aber nicht mehr so ernst. ›Ich sehe, Sie kommen von der Schule. Wir werden uns bald aneinander gewöhnen. Hier stelle ich Sie unserer Direktorin vor.‹ In einer riesigen, sehr sauberen Küche stellte er mich einer kleinen alten Frau vor, deren linkes Auge eine große weiße Narbe hatte. Auch das rechte war etwas getrübt. Sie gab mir nicht die Hand, da sie mit dem Zerlegen von frischen, rosigen Fleischpartien beschäftigt war, sie nickte mir sehr freundlich zu und setzte ihre Arbeit fort. Ich kam jetzt mit dem Chef in die einzelnen Pavillons, die durch gedeckte Gänge miteinander verbunden waren. Im Zentralgebäude waren die gefährlicheren, unruhigen Kranken untergebracht. Mein Freund befand sich jedoch nicht mehr in dem Zentralgebäude wie beim letztenmal, sondern in einem der Pavillons, die sich tief im Park, nahe an dem Eisenbahngeleise befanden. Er war noch mehr abgemagert als früher, sein Blick war flackernder und noch stumpfer zugleich. Er erkannte mich nicht. Oder doch, er erkannte mich, er streckte, als ich von ihm Abschied nehmen wollte – ich mußte ja zu Eveline zurück –, seine blasse, marmorfarbene Hand nach mir aus und murmelte unter seinem dichten Barte flehend hervor: ›Zucker! Zucker!‹ Er hatte sich also doch gemerkt, daß ich ihm letzthin Zucker gebracht hatte. Das wunderbare Licht seines großartigen Geistes war also nicht ganz erloschen? Oder doch?

Ich hatte, der Kosten ungeachtet, den Wagen vor dem Portal warten lassen, und wir fuhren, während die Sonne sich kalt und rot über den Feldern, Hügeln und kleinen armseligen Ortschaften erhob, in die Stadt zurück. Ich brachte Eveline Blumen. Sie war sehr glücklich über dieses Geschenk, sie tat, als hätte sie nie in ihrem Leben Blumen erhalten. Dabei war es ihr Geld, mit dem ich es bezahlte. Wie hätte ich aber mit leeren Händen kommen können?

Aber sie erschien mir viel blässer und gedrückter als vor einer Stunde. Sie sagte, ohne mich anzusehen, sie habe wahrscheinlich den Gepäckschein verloren. ›Dann mußt du nach Radautz schreiben, damit du ein Duplikat erhältst, oder besser noch, du telegraphierst.‹ ›Aber ich komme gar nicht von Radautz.‹ ›Von wo kommst du also?‹ ›Von wo? Ich bin eben da. Bist du nicht glücklich darüber? Bitte, klingle dem Kellner, allen Ernstes, ich sterbe vor Hunger.‹ Wie hatte ich vergessen können, daß sie nichts gegessen hatte? Ich wagte nicht mehr auf den Gepäckschein zurückzukommen. Nach dem Essen ging sie aus. Ich sollte sie nicht begleiten. Nach zwei Stunden kam sie zurück, sie hatte zwei große neue Koffer mit, sie hatte eine große Menge Toilettengegenstände, Wäsche und sogar Lebensmittel gekauft, so ziemlich alles, was man in dieser Zeit bekam. Mein Koffer war zwar vor der Abreise von meiner Frau mit einer schönen Umhüllung versehen worden, die seine schwachen Stellen verdeckte, aber sie wollte, daß wir mit neuen, guten Sachen in meinem neuen Wirkungskreis ankämen. Ihre Fingerchen waren mit Tintenflecken versehen, die kaltem Wasser nicht weichen wollten. ›Hast du Briefe geschrieben?‹ fragte ich, ›hast du vielleicht deinem Mann geschrieben?‹ Sie schüttelte den Kopf und lachte wie ein Kind mit offenem Munde, so daß ich ihre bläulichweißen, ungewöhnlich schönen Zähne sah. ›Ich habe gestern im Zuge geschrieben, an meinen Bruder‹, sagte sie. ›Er ist in Gefangenschaft, soll aber noch dicker geworden sein, als er schon war. Erinnerst du dich?‹ Zu meinen Zeiten war er aber nicht besonders dick gewesen. ›Weißt du, wie man ihn nennt? Den Sesselmörder! Weil er jeden Stuhl unter sich zusammendrückt, als wäre er aus Stroh. Natürlich, es ist ein Trick, ich kann ihn auch.‹ Ich lächelte etwas skeptisch. ›Wirst du glauben oder nicht?‹ sagte sie drohend, ihr heißes Gesicht nahe an meinem Ohr. Ich wich etwas zurück, unwillkürlich entsann ich mich des Abschieds in Radautz in Gegenwart ihres Mannes, als sie mich mit den scharfen großen Brillanten ihres Ohrringes gestreift hatte. Sie bemerkte, daß ich etwas Angst vor ihr hatte, ging zu den Koffern und Paketen zurück und packte alles sorgfältig aus und ein. Ich saß still an dem Tisch. Ich wußte genau, daß sie log. Sie hatte vor einer Stunde reine Hände gehabt. Ich haßte Lügen. Ich hatte meiner Frau ihre erste Lüge nicht verziehen, und unsere Ehe war hauptsächlich daran gescheitert. Auch meinem Vater hatte ich seine Unwahrheiten – und wie selten waren sie nie gern verziehen.

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