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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 32
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5

Der von meinem Vater operierte Patient machte uns Sorgen. Wir wollten den Verband so spät wie möglich erneuern, um dem Auge Ruhe zu gönnen. Leider zeigten sich starke Schmerzen in dem anderen, bisher gesunden. Oder übertrieb der ungeduldige Kranke? Er war den Krankenschwestern verhaßt, weil er sich keiner Ordnung fügen konnte. Er herrschte sie bei Tag und Nacht an, als sei er ein großer Herr, gewohnt, eine Schar von Dienstboten zu seiner Verfügung zu haben. Die Ärztin und ich stifteten Frieden, so gut wir konnten. Mein Vater hielt sich lieber fern. Er wollte nicht viel von dem Mann wissen. Der Kranke aber wollte sich von niemand anderem behandeln lassen, keinem trauen als meinem Vater. Was sollten wir tun? Er empfing viel Besuch. Das war ihm schädlich. Mein Vater wollte aber nicht an sein Bett kommen und ein Machtwort sprechen. Der Kranke ließ sich von einem jungen, sehr elegant gekleideten Neffen, der angeblich in einem großen Auto vorgefahren kam, eine ausgedehnte geschäftliche Korrespondenz vorlesen, er diskutierte über seine Geschäfte, schwatzte von Millionen und Tausenden, störte die Nachbarn, die der Schonung bedurften. Entlassen konnte man ihn nicht. Seine beiden Augen waren gefährdet. Plötzlich kam zu allem noch sein aufgeregtes Klagen darüber, man habe ihn betrogen, belogen, man hätte sich an ihm vergriffen. Und warum das? Irgendjemand hatte erzählt – vielleicht ein boshafter Bettnachbar, um sich für die lästigen Ruhestörungen zu rächen –, nicht mein Vater hätte ihn operiert, sondern ich, sein Sohn, das unfähige Protektionskind, dem man die mittellosen Patienten ausliefere, damit ich an ihnen etwas lerne. Nun mußte mein Vater wohl oder übel zu ihm kommen. Denn der Kranke in seiner sinnlosen Aufregung drohte mit gerichtlicher Klage. Mein Vater erschien also. Aber er sagte nicht einfach: ›Ich habe den Eingriff vorgenommen und stehe dafür ein‹, sondern überging diese Tatsache, befahl dem durch die bloße Gegenwart eines Professors eingeschüchterten Kranken, der mit seinen beiden Händen sich am weißen Mantel meines Vaters festhielt, den er nur hörte, aber nicht sah, sich mucksmäuschenstill zu verhalten. ›Die Operation ist tadellos verlaufen, sage ich Ihnen, aber Sie sind in so fortgeschrittenem Krankheitsstadium hierhergekommen, daß man nicht auf hundert Prozent Heilung rechnen kann. Jetzt Ruhe, verstanden? Aber es ist noch nichts entschieden. Der Verband bleibt. Durch Ihr ungebärdiges Verhalten stellen Sie den Erfolg unserer Bemühungen in Frage, Sie schädigen sich selbst.‹ Ich sah meinen Vater lächeln wie immer. Ich zupfte ihn am Ärmel, mir lag daran, daß meine Schuldlosigkeit klargestellt würde. Mein Vater tat, als verstünde er nicht. ›Also Geduld! Morgen sehen wir weiter‹, sagte er zu dem Kranken, und dann im Korridor zu mir: ›Habe ich zuviel gesagt, wenn ich immer wiederhole, es geht hier manchmal über Menschenkräfte ...‹

Wir feierten in diesen Tagen den Weihnachtsabend im Kreis der Familie, von meinem Vater, dem Familienoberhaupt angefangen bis zu meinen jüngsten Geschwistern.

Ich erhielt meinen Pullover, den ich sehr gut brauchen konnte, von Vally. Ich hatte noch vom Regiment her einen kurzen Schafspelz behalten, wie ihn die Patrouillen gebrauchten, wenn sie auf Wache zogen. Ich konnte ihn entbehren, da ich noch einen alten Winterrock besaß, und so hatte ich aus den guten Fellen für meine Frau ein Pelzjäckchen machen lassen, und sie strahlte über das ganze Gesicht. Nach der Feier blieben wir allein. ›Kann es denn nie anders zwischen uns werden, Lieber?‹ fragte sie mich. Ich schüttelte den Kopf. Ich streichelte dabei ihre kleine, aber gerötete und abgearbeitete Hand. ›Du siehst immer noch das alte Dienstmädchen in mir‹, sagte sie. ›Du weißt genau, es ist nicht so‹, antwortete ich. ›So liebst du vielleicht eine andere?‹ fragte sie und sah mich finster von der Seite an. Ich schwieg. ›Sprich doch, ich will es wissen.‹ ›Was kann es ändern?‹ ›Also ja oder nein?‹ ›Nein‹, log ich, denn ich wollte sie nicht kränken. ›Weshalb lügst du?‹ sagte sie böse. ›Ich habe Beweise.‹ ›Beweise? Ich habe dir nichts zu verbergen.‹ ›Und das? Und das?‹ schrie sie und holte den Brief Evelines hervor. Das Siegel auf dem ersten Kuvert war zerbrochen, auch das von Eveline stammende Kuvert war geöffnet. ›Du hast doch nicht einen fremden Brief gelesen?‹ fragte ich und fühlte, wie die große Jähzornswelle in mir hochstieg. ›Ich habe das Kuvert aus Versehen geöffnet.‹ ›Jetzt lügst du!‹ schrie ich. ›Es war versiegelt.‹ ›Mit Papas Petschaft. Hier, erkennst du es?‹ ›Aber das zweite Kuvert war verschlossen.‹ ›Ich habe als deine Frau das Recht, zu sehen, mit wem du in Verbindung bist. Würdest denn du‹, und sie packte mich brutal am Arm und schüttelte mich, ›würdest du es dir einen Augenblick lang überlegen, wenn du Briefe bei mir finden würdest? Ja‹, jetzt begann sie häßlich zu lachen, und ihre volle Brust spannte sich, ›du würdest es dir überlegen, denn was liegt dir an mir?‹ ›Beherrsche dich‹, sagte ich, ›unser Junge hört uns.‹ ›Und du glaubst, es ist ihm etwas Neues? Du glaubst, er weiß nicht, daß er ein Bankert ist?‹ ›Es wird kein Unterschied gemacht zwischen den Kindern hier im Hause‹, sagte ich. ›Kein Unterschied? Ja, weil ich mich bei Tag und Nacht abrackere und euch einen guten Dienstboten abgebe. Aber es ist aus. Mein Kind kommt in die Klosterschule in Vorarlberg, und ich gehe in Dienst.‹ ›Nun, so geh!‹ sagte ich voll Wut. ›Da hast du dein Geschenk‹, sagte sie und warf mir das Pelzjäckchen vor die Füße. ›Getragene Sachen mag ich nicht, und hier, da hast du deinen Liebesbrief!‹ und der Brief flog mir ins Gesicht. Ich hob ihn auf und legte ihn auf ein kleines Tischchen vor uns. Ich hätte sie erschlagen mögen, aber ich mußte mich des Abends in Puschberg und der Marmorplatte des Nachtkästchens entsinnen. Ich biß die Zähne zusammen und blieb ruhig. Ich sah, wie sie weinte. ›Was soll also geschehen?‹ fragte ich. ›Du mußt wieder mein Mann werden‹, sagte sie, so schnell getröstet, daß ich daran zweifelte, ob ihre Wut und ihr Haß echt seien – als ob ihr Haß und ihre Wut für mich ein Grund zur Freude gewesen wären! ›Nein, das kann ich nicht‹, sagte ich, ›denn ich sehe in dir nicht mehr die Frau, du bist sechs Jahre älter als ich, und ich kann mich nicht gegen meine Natur zwingen.‹ ›So, Natur?‹ sagte sie und furchte die Stirn, ›vielleicht hat er recht?‹ Sie hatte den Brief Evelines in die Hände genommen und riß ihn allmählich in immer winzigere Stücke, während sie, wie es ihre Gewohnheit war, mit sich selbst sprach. Wir hörten meine Mutter nach ihr rufen. Sie stand auf und schüttelte die Papierschnitzel von ihrem Rock in die Hand und legte sie dann auf das Tischchen, hob das Pelzjäckchen vom Boden auf und legte es sich über den Arm. Sie ging. Noch an der Tür wandte sie sich um und sagte: ›Komm mit, wir wollen es den Kindern nicht zeigen. Versteh mich doch, Liebster! Ich kann nicht anders. Ich liebe dich eben. Ich bin etwas älter als du, es ist wahr, aber so alt bin ich nicht. Ich habe noch etwas Lebendiges in den Adern, dafür kann man nicht.‹ ›Vally‹, sagte ich und hielt sie am Arme fest, ›Vally, was soll geschehen?‹ ›Nun, wenn du es wissen willst‹, sagte sie, und die alte böse Flamme brach aus ihren Augen: ›du mußt eben lernen zu verzichten.‹ › Ich? Ich soll es lernen? Was tue ich denn sonst die ganzen Jahre? Habe ich denn eine Frau? Wofür lebe ich denn? Was gehört mir?‹ ›So, das ist dann prächtig‹, sagte sie, und ein bitterer, aber doch auch freudiger Hohn zeigte sich auf ihrem Gesicht, › du hast keine Frau, ich habe keinen Mann, passen wir dann nicht wunderbar zusammen?‹

Mein Sohn und Judith kamen herein. Meine Schwester fiel mir lachend um den Hals und küßte mich wild ab. Ich mußte tun, als erwidere ich ihre Zärtlichkeit, denn ich wollte den Kindern nicht zeigen, was zwischen meiner Frau und mir vorgefallen war. Wir gingen zum Abendessen nach unten. Nachher kam ich noch einmal in das Zimmer, um die Abschnitzel von Evelines Brief zu sammeln, aber sie waren versehwunden bis auf winzige Stückchen, die unleserliche Silben trugen. Ich schloß mich in einer unbenutzten Dachkammer ein und schrieb, in der Kälte mit den Gliedern zitternd, einen kurzen aufrichtigen Brief an Eveline. Von einem Wiedersehen schrieb ich nichts. Ich berührte die Zukunft nicht. Aber ich sagte, was ich ihr immer hatte sagen wollen, und was sie übrigens sicherlich schon lange gewußt hat. Dieser Umstand beruhigte mein Gewissen.

Nach den Feiertagen stellte es sich heraus, daß der Patient, der uns soviel Ungelegenheiten gemacht hatte, ein sehr reicher rumänischer Großkaufmann war. Sein Zustand hatte sich jetzt zum Glück sehr gebessert, und bald kündigte sich seine völlige Genesung an. Er war griechisch-orthodoxer Religion und versprach, Gott für seine Hilfe zu danken und für seinen Hausaltar neue, kostbare Heiligenbilder, Ikonen, anzuschaffen. Mein Vater erfuhr, daß der Kranke seine Armut nur vorgetäuscht hatte, um sich unentgeltlich von ihm operieren zu lassen, und er, der bis jetzt gezögert hatte, sich zu der Operation zu bekennen, trat an das Krankenbett und forderte den Mann auf, sofort das Krankenhaus zu verlassen. ›Ich reiche eine Klage gegen Sie ein, Sie haben einen Betrug verübt, eine Vorspiegelung falscher Tatsachen.‹ ›Deshalb bleibe ich Ihnen doch dankbar‹, höhnte der Kranke. ›Ich werde den guten Ruf Ihrer Wunderhand in meiner Heimat weiterverbreiten. Von hier muß ich also fort? Gut!‹ Mein Vater war blaß, aber er sagte nichts. Ich, der diese Abteilung des Krankenhauses führte, konnte es nicht gestatten, daß der Mann jetzt schon austrete. ›Vorläufig bleiben Sie hier‹, sagte ich. Mein Vater zog sich stumm zurück. Eben trat der Neffe des Kranken ein. ›Schreibe ihnen einen Scheck auf zweihundert Kronen aus‹, sagte der Patient. ›Bitte, Herr Doktor, überbringen Sie diesen Scheck als kleine Aufmerksamkeit Ihrem Vater. Nein, sagen wir lieber, zweihundertfünfzig.‹ Ich brachte das Papier meinem Vater. Ich hatte geglaubt, mein Vater würde den Scheck in kleine Stücke zerrissen dem reichen Betrüger zurückgeben. Ich hatte sogar begonnen, das Papier zu zerreißen. ›Was fällt dir ein, Kind‹, rief mein Vater und nahm es mir lachend aus der Hand, ›wir werden dem Schuft dieses Geld doch nicht schenken.‹ ›Behalten kannst du es nicht, es verstößt gegen die Krankenhausordnung.‹ ›Du hast recht‹, sagte er, ›aber mir ist unlängst ein Bettelbogen unter die Finger gekommen, eine wohltätige Sache, ich glaube, für die Weihnachtsbescherung hier im Hause. Ich denke, der Bogen muß sich hier noch herumtreiben. Was denkst du, ob es nicht am praktischsten ist, ich zeichne zweihundertfünfzig Kronen und zahle sie mit diesem Scheck? Dann kann niemand einen Stein nach mir werfen. – Als ob man sich nicht genug geopfert hätte für diese undankbare Bande! Eigentlich imponiert mir dieser rumänische Schweinehändler. Man kommt eben nicht anders zu Geld. Besitz heißt Kampf. Das mußt du erst lernen, mein lieber Sohn!‹ Und er glättete sorgfältig den zerdrückten und an einer Ecke eingerissenen Scheck. – Ich kehrte an die Krankenbetten zurück und versah meinen Dienst wie immer.

Es war mir in letzter Zeit aufgefallen, daß die junge Ärztin nicht mehr so freundlich und offen mir gegenüber war wie bisher. Sie wich mir aus, sie beschränkte sich auf die notwendigsten Worte im Dienste. Die Experimente über den Augendruck wollte sie nicht mehr mit mir fortführen. Die Modelle des Apparates waren verschwunden, und sie murmelte etwas von dem Universitätsmechaniker, der sie durch Zufall mitgenommen habe. ›Eigentlich gehören sie doch ihm?‹ Ich wußte es nicht. Sie war mir als Kameradin lieb geworden, nichts weiter, aber auch dies war viel in dieser Zeit, in der ich außer meinem Vater keine vertraute Seele hier hatte. Was sollte ich tun? Ich mußte es ertragen, und die Klugheit befahl mir, bei der Ärztin nicht nach den Gründen zu fragen. Gegen Neujahr sollte ich den Grund ohne mein Zutun erfahren. Ich sah im Dienstzimmer eine medizinische Zeitschrift in mehreren Exemplaren liegen und nahm ein Heft zur Hand. Als zweiter Beitrag stand hier abgedruckt eine Arbeit, von meinem Vater und der Ärztin gemeinschaftlich gezeichnet: Über neue Methoden zur Druckmessung am gesunden und erkrankten Auge. Es war meine kleine Idee, welche die beiden, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen, weiter ausgearbeitet und veröffentlicht hatten. Ich glaubte mich von wissenschaftlicher Eitelkeit frei. Ich hatte es als Student ohne weiteres verschmerzt, daß die Carotisdrüse, die ich zuerst gesehen hatte, als die Entdeckung anderer, im übrigen sehr verdienstvoller Gelehrter ausgegeben wurde. Ich wußte auch, daß er sich vor mir – und leider ohne Ergebnis – mit dem Druck des Auges beschäftigt hatte. Ich ging zu meinem Vater und legte ihm stumm die Hefte vor Augen. ›Schon gut, ich weiß‹, sagte er, ›aber jetzt haben wir zu operieren, wir sprechen später darüber, zu Hause.‹ Es war ein schöner klarer Wintertag. Ich ging eine Stunde später neben meinem Vater heim. Meine Füße traten mit splitterndem Krachen in die Eislachen. Ich dachte an meine Kindheit. Zu Hause kam mir meine Frau entgegen und brachte mir einen Brief von Eveline. Sie sagte nichts. Ihre festen Wangen waren dunkelrot. Ihre Augen hielt sie gesenkt. Auch ich sah ihr nicht in die Augen. Ich klopfte nachher bei meinem Vater an. Ich sah ihm in die Augen. Ich fürchtete ihn nicht. Ich sagte ihm, wie tief ich ihn immer geliebt habe. Er zuckte die Achseln: ›Wer hat dir befohlen, mich so sehr zu lieben? Weniger ist manchmal mehr. Ich habe Sorgen genug um dich gehabt.‹ ›Du hättest es nicht notwendig gehabt‹, antwortete ich, ›mit der Ärztin hinter meinem Rücken zusammenzuarbeiten.‹ ›Das mußt du nun einmal mir überlassen, mein lieber Freund‹, sagte er ironisch. ›Wir haben gearbeitet, und was wir gefunden haben, haben wir veröffentlicht. Du hast einen guten Einfall gehabt, natürlich. Das kostet nichts. Ich aber habe die Geduld gehabt und dafür allerhand Einnahmen geopfert. Warum hast du die Sache halbvollendet im Stich gelassen, du großer Verschwender? Sollten es wieder andere für sich beanspruchen, wie bei der berühmten Drüse?‹ ›Das ist nicht dein Ernst – oder ... du sagst nicht die Wahrheit.‹ ›Und was ist sonst die Wahrheit? Daß ich dich bestohlen habe, deine Unterschrift gefälscht?‹ ›So handelt ein Vater nicht an seinem Kind.‹ ›Wie willst du das entscheiden, du mustergültiger Vater? Was ich von meinen Kindern verlange, ist nicht eine überhitzte Liebe, sondern etwas Achtung und ein wenig Anstand, wie er in Familien unseres Ranges üblich ist.‹ ›Ich habe dich nicht genug geachtet?‹ fragte ich voll Zorn. ›Du hast mir dankbar zu sein‹, sagte er, ›weiter nichts.‹ ›Und ich bin dir nicht dankbar gewesen?‹ ›Nicht genug, lange nicht genug! Natürlich, ein junger Herr wie du wird das nie begreifen.‹ ›Ich bin kein junger Herr‹, sagte ich. ›Nein, du bist ein junger Jesus Christus, du bist ein großer Menschenfreund.‹ ›Ich habe mich nie auf meine Menschenfreundschaft berufen.‹ ›Ja, weil du weißt, daß du ein falscher Menschenfreund bist. Man braucht ja nur anzusehen, wie du mit deiner armen Frau, mit deinem bemitleidenswerten Sohn umgehst.‹ Meine Frau hatte unseren lauten Streit gehört und war eingetreten. Ich wollte meinem Vater nicht in ihrer Gegenwart nahetreten. Aber ich konnte meinen fürchterlichen Zorn nicht beherrschen. Ich drückte mit dem rechten Daumen so stark auf das Uhrglas meiner Armbanduhr, daß es knisternd zersprang. Ich schüttelte die Splitter auf den Boden, damit die Zeiger nicht beschädigt würden. Ich wollte an die Zeiger denken. Um alles in der Welt nicht an diesen logisch unangreifbaren Unmenschen, nicht an diese bei aller Liebe böse Frau. ›Bring den Mist hier in Ordnung‹, herrschte er meine Frau an, und sie, seit Jahren Glied unserer Familie, deren festeste Stütze, bückte sich wie ein Stubenmädchen bis auf den Boden und sammelte die Splitter auf. Ich konnte das nicht ansehen. Ich kniete ebenfalls nieder und half ihr dabei. Die Splitter hatten sich im dicken Teppich verfangen. Als wir aufstanden, hatte mein Vater das Zimmer verlassen – wie einst.

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