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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 28
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel

1

Es bedrückte mich sehr, daß ich für meinen Freund nichts zu tun vermochte. Mein Vater erriet es. ›Hatte ich nicht recht, dir von diesem aussichtslosesten aller aussichtslosen Gebiete der Medizin abzuraten? Setze dich ganz, mit allen Kräften, bei Tag und Nacht, ja ohne Honorar für solche Kranke ein, und – du wirst doch nichts erreichen. Hotelier von Unheilbaren. Kann dich das befriedigen, einen jungen, tätigen Menschen?‹ Ich gab nicht nach, aber ganz ohne Wirkung blieben seine Worte nicht. Ich war jetzt oft in meinem Elternhaus. Lebensmittel waren schwer zu kaufen. Je mehr Personen sich zusammentaten, desto leichter war es, Butter und dergleichen zusammenzubekommen und die Lebensmittelkarten auszunützen. Meine Frau erwies sich als ausgezeichnete Hausfrau. Daß es ihr gelang, meine durch die vielen Schwangerschaften geschwächte, stark alternde, im Grunde zarte Mutter durch die vielen Kriegsjahre hindurchzubringen, war eine große Leistung.

Selbst mein Vater erkannte es an. ›Habe ich nicht recht gehabt?‹ fragte er mich. ›Vally ist als Hausfrau nicht zu bezahlen – und wir bezahlen sie auch nicht –, aber als deine Gattin? ...‹ Er sprach nicht zu Ende. Ich wußte, daß sich auch diese Anspielung auf meinen Beruf bezog. Es sollte heißen: ›Ich habe dich vor der Heirat mit ihr gewarnt, du hast nicht gehorcht, bist nicht glücklich geworden. Jetzt bist du wieder auf dem Wege, deinen Weg zu gehen. Wieder warne ich dich‹ etc. Immer noch hielt ich an meinem Plane fest. Mein Vater bat mich, ihm in der Sprechstunde zu helfen. Ich hatte inzwischen meine Prüfungen bestanden, war zum Doktor der gesamten Medizin, wie es auf unseren Doktordiplomen heißt, promoviert worden, und ich wartete nur das Freiwerden einer Assistentenstelle an der psychiatrischen Klinik ab, um dort einzutreten. Aus Sparsamkeitsgründen hatte ich sofort nach dem Doktorat mein Zimmer bei der alten Wirtin aufgegeben und wohnte bei meiner Familie, um zu gegebener Zeit in die Klinik überzusiedeln. Mein Vater zeigte mir also im Laufe dieser Zeit einige leichtere Fälle. ›Was ist das?‹ fragte er mich zum Beispiel, als eine abgemagerte, in schlechte Kleider gehüllte Frau uns ihr unbändig schreiendes, etwa zweijähriges Mädchen zur Untersuchung brachte. Das Kind war elend ernährt, hatte Masern hinter sich, es sah gedunsen aus. Bloß die schönen pechschwarzen Haare hatten ihren Glanz behalten. Die Drüsen am Halse, vor den Ohren waren geschwollen. Das kleine Mädchen hielt die Händchen mit allen seinen Kräften fest vor die Augen und hörte nicht auf, mörderisch zu schreien.

›Skrofulose‹, sagte ich, und dabei sanft das aufgeblasene Bäuchlein streichelnd: ›Kohlrübenbauch‹. Und das war es auch. Der Vater war im Felde. Mutter und Kind lebten von fast nichts anderem, dabei besaß die Mutter Geld, denn sie zahlte die Untersuchung. Jetzt nahm mein Vater die Augen vor, die beide geschwollen waren und tränten. ›Die Mizzi ist blind‹, sagte die Mutter weinend. ›Ich glaube es nicht‹, antwortete mein Vater. ›Aber halten Sie dem Kind jetzt die Hände fest und lassen Sie mich untersuchen, sonst könnte es blind werden.‹ Die Mutter griff aber nicht energisch genug zu, das Kind brach plötzlich aus und versteckte sich, am Boden schnell fortkriechend und sich mit den Händchen vorwärtstastend, in einer dunklen Ecke. ›Hole es, mein Sohn!‹ sagte mein Vater; und zur Mutter gewandt: ›Warten Sie draußen, Frau!‹ Sie gehorchte und überließ uns das Kind. Wer hätte meinem Vater zu widersprechen gewagt? ›Das Kind ist lichtscheu und hat Grund dazu‹, sagte er, als wir mit dem Mädchen allein waren. ›Ich werde dir zeigen, wie man in solchem Fall sacht die Lider öffnet. Ich mache es beim linken, du versuchst es dann beim rechten.‹ Mit einer Behutsamkeit, die ich nachher bei aller Mühe nicht erreichte, brachte er die dicken, mit Eiterkrusten und leichten Blutgerinseln beschmutzten Lider auseinander. Das Kind hatte zu schreien aufgehört. Er spiegelte die Hornhaut ab, wobei sein Spiegel von der Stirn her das Licht zuwarf. Die ganze Hornhaut war mit feinen grauen Hügelchen besetzt, so daß es aussah, als habe man das Auge mit Sand bestreut. ›Ja, es stimmt, conjunctivitis ekcematosa. Nun das andere Auge, du bist an der Reihe, mein Sohn.‹ Ich ließ das Kind los, ging zum Waschtisch und wusch mir gut die Hände. Die Kriegsseife wirkte sehr schwach, man mußte sich sehr lange waschen. Mein Vater, mit dem Mädchen auf dem Schoß, verlor die Geduld nicht. Dann kam ich zurück und untersuchte das andere Auge, leider nicht so leicht und schmerzlos, wie es meinem Vater gelungen war. Auf der rechten Hornhaut fanden sich einige hirsekorngroße Knötchen. Mein Vater half mir, indem er die reichlich herabrinnenden Tränen des Kindes mit einem Bäuschchen aus Papierwatte abwischte. Dann fragte er mich, welche Behandlung ich anwenden würde, und ich, noch frisch nach den Prüfungen, gab Calomelpulver an. ›Zu stark! Nicht schlecht, aber für den Anfang machen wir feuchtwarme Umschläge. Morgen erst wird mit Calomel begonnen.‹ Wir riefen die Mutter herein und ließen sie wieder das Kind halten, das – aus Gewohnheit? oder doch aus Schmerz? – die Augen wieder mit den schmutzigen, mageren Händen schützen wollte. Schließlich hatten wir den Verband angelegt und die Frau auf den nächsten Tag wiederbestellt. Mein Vater hatte das Honorar entgegengenommen. Dann aber überlegte er noch etwas, mich von der Seite anblickend. Er schien einen schweren Entschluß zu fassen. Er ließ die Frau ein wenig warten, ging in die Privatwohnung und kam bald nachher heraus, eine Flasche Lebertran, die für die kleine etwas rachitische Therese Auguste bestimmt war und in jenen Zeiten eine große Kostbarkeit darstellte, in den Händen. Im freien Handel gab es dergleichen schon lange nicht mehr. Die Augen der Mutter leuchteten auf, beinahe hätte sie das kostbare Geschenk fallen lassen. Gutmütig lächelnd schob sie mein Vater hinaus und mich mit ihr, denn der darauf folgende Patient war nicht geeignet, mich in die Augenheilkunde einzuführen. Entweder war es ein besonders schwerer Fall oder ein hochgestellter Herr. Am Abend unterhielten wir uns während einiger Minuten nach dem frugalen Abendbrot, und mein Vater sagte: ›Du hast kein übles manuelles Geschick, und mit der Zeit würdest du ein leidlicher Okulist werden. Aber dich dazu zu zwingen, dazu sei Gott vor! Nicht wahr, ich zwinge niemanden, mein liebes Töchterchen Vally?‹ Vally errötete, antwortete aber nichts. Der Frieden im Hause war seit langem wiederhergestellt.

Das skrofulöse Kind machte in seiner Heilung unverkennbare Fortschritte. Die Hornhaut, anfangs blutunterlaufen, mit krankhaften Knötchen besetzt und gegen Licht höchst empfindlich, wurde bald glatt und leuchtete im alten Glanz, und das Kind konnte Licht ertragen. In wenigen Wochen war es fast ganz geheilt und lachte uns von weitem an.

Ohne es zu wollen, hatte ich etwas Interesse für die Augenheilkunde gewonnen und war daher froh, als endlich die Einberufung aus der psychiatrischen Klinik kam und mir die Entscheidung vorgeschrieben wurde.

Ich hatte in der letzten Zeit des öfteren den Augenhintergrund gespiegelt, wobei man sich des berühmten Augenspiegels, eines kleinen, genial erdachten Instruments bedient. Ich sah, und mein Vater sah. Aber welcher Unterschied! Unzählige Einzelheiten, trotz ihrer Winzigkeit von höchster Wichtigkeit, erfaßte er auf den ersten Blick, während ich sie nachher nur mit Mühe fand. Wenn er die Instrumente zur Hand nahm, schienen sie sich wie durch Zaubergewalt von selbst zu bewegen, er machte nur dort Schmerzen, wo es absolut unvermeidbar war, und das begriffen die Kranken. Ich hatte ihn noch nicht den Star operieren gesehen, denn die größeren Eingriffe nahm er in einem Vorstadtlazarett in seiner Abteilung oder in einer großen Privatklinik vor, aber ich konnte ahnen, wie meisterhaft er arbeitete.

Im Anfang ließ er mich unter seiner Aufsicht solche Fälle spiegeln, bei denen die Pupille durch Atropin erweitert war. Ich sah das Augeninnere jetzt mit ganz anderem Interesse als früher, als Student. Es waren zwar noch nicht meine Patienten, aber doch die meines Vaters; die Heilkunst war keine Kathederwissenschaft mehr, sie war Fleisch und Blut geworden, und wir, Vater und Sohn, waren verantwortlich für das Schicksal des Kranken. Ich mußte mich an den Anblick des Leidens gewöhnen, aber andererseits sah ich jedesmal mit einem großen Staunen, mit einer Art Freude an der Herrlichkeit Gottes und der Natur, den purpurnen Augenhintergrund, und mitten in diesem den weißen Kreis, die Papille, die den Durchtritt des Sehnerven, das ist: des Gehirns in den vordersten Anteil des Augenhintergrunds darstellt. So sieht der Okulist das Gehirn vor sich, oder wenigstens einen lebenswichtigen Teil davon. Inmitten dieser weißen Scheibe zweigen nach oben und unten die Blutgefäße ab, Blutäderchen und Schlagäderchen, die einen hellrot, dünn und gestreckt verlaufend, die anderen von dunklerer Farbe, bordeauxrot, von stärkerem Kaliber und etwas stärker geschlängelt. Dort, wo die Gefäße in der Papille zutage traten, sah ich mit zunehmender Übung die Gefäßchen pulsieren. Immer war es für mich ein großer Augenblick. Wo sonst hat der schwache törichte Mensch, ein Mensch wie ich, eine solche Einsicht in die innerste Natur? Ich wollte es nicht anerkennen, es war mir im Grunde fremd, und doch beugte ich mich vor den ›sichtbaren Wissenschaften‹.

Ich begann meinem Vater, dem Versucher, zu unterliegen. Aber war er der Versucher aus böser Absicht? War er nicht und blieb er nicht der Mensch, der mir am nächsten stand und der es am besten mit mir meinte? Wenn ich mich ansah, den alten Studenten – ich war ja doch noch nichts als Student mit meinen achtundzwanzig Jahren, meinem steifen Bein und meinem großen Jungen –, was hatte ich erreicht? Eveline schrieb nicht. Sie war verheiratet, reich, ihr Mann stand am Beginn einer schönen Laufbahn. Ich war noch nichts. Meinen besten Freund hatte ich in einer geschlossenen Anstalt, ich war außerstande, ihm auch nur einen Tag seines elenden Lebens zu erleichtern, ihm das Licht seines hohen Geistes zurückzugeben, oder sein Dasein zu verlängern. Meine Frau war mir trotz unserem gemeinsamen Bestreben fremd geworden. Mein Sohn wich vor mir zurück. Meine Frau erzog ihn gegen meinen Wunsch zu streng religiös, und schon jetzt war die Rede davon, er müsse in ein geistliches Internat in Vorarlberg. Wohin hatte mich also meine Hartnäckigkeit geführt? Ich hatte ungeduldig einem Ziel zugestrebt, das keineswegs erstrebenswert war, wenn man meinem Vater glaubte. Also war meine Anstrengung nur Beharren auf dem falschen Weg. Und vielleicht war ich nicht sparsam genug mit dem umgegangen, was ich von Natur mitbekommen hatte.

Trotzdem gab ich nicht nach. Ich packte (zum wievieltenmale?) meine Siebensachen in den alten Studentenkoffer, in welchem sie immer noch bequem Platz hatten, und machte mich fertig, um am nächsten Tag in die psychiatrische Klinik zu ziehen.

War es Zufall, oder sollte es so sein, daß mein Vater am nächsten Morgen erkrankte? Es war keine Simulation, das Thermometer zeigte einige Striche über dem normalen, und sein Puls, den ich abtastete, war nicht der beste. Er war vierundfünfzig Jahre alt, und bei aller Energie und Klugheit Vallys hatte er sich manches vom Munde absparen müssen, besonders um Judith aufzufüttern, die das gewöhnliche Essen verschmähte und lieber hungerte, wenn sie ihre Leckerbissen nicht haben konnte.

Mein Vater hielt mich nicht mit Gewalt, nicht mit List. Er erweckte mein Mitleid. Er schien mir bemitleidenswert mit seiner hohen, von Haaren entblößten Stirn, mit seinen Zahnlücken, denn es fehlte an Gold, um die notwendige Brücke anfertigen zu lassen, und mein Vater haßte künstliche Zähne. Auch um seine Liebe zu dem schönen, kühlen Bild Judith beneidete ich ihn nicht. Er war resigniert. Glaubte er, daß er bald sterben müsse? Ich weiß es nicht.

›Wenn ich unter der Erde bin‹, sagte er, ›sorge du dich um die Geschwister. Vally und du, eure erste Sorge sei, behalte es gut, die Versicherung! Verwendet die Einkünfte aus den Häusern hierzu, wenn es nicht anders geht. In ein paar Jahren ist Judith Millionärin, und wir haben dann das Vermögen erhalten, glaubst du nicht auch?‹ Und er sah mich von seinem verwühlten Bette her mit seinen weitsichtigen Augen an, die ohne Brille etwas Hilfloses, Greisenhaftes, oder sogar Kindliches hatten. ›Sorge dich nicht darum, du bist im Grund gesund, in einigen Tagen kannst du auf stehen.‹ ›In einigen Tagen? Und wer besorgt inzwischen die Praxis? Wir haben eine Menge laufender Fälle, du weißt. Aber ich halte dich nicht. Mir ist bekannt, daß du heute in die psychiatrische Klinik eintreten mußt. Beeile dich, nimm einen Wagen, hier ist Geld.‹ ›Ich danke, nein, sagte ich, durch dieses Geldangebot gerührt, ›ich bleibe jedenfalls bis über Mittag, um zu sehen, ob deine Temperatur sinkt.‹ ›Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll‹, sagte er. Ich blieb bis zum Mittag, ich blieb bis zum Abend. Ich telephonierte dem Oberarzt der psychiatrischen Klinik. Dieser sagte mir, ich solle mich beeilen zu kommen, man würde mich jetzt gern empfangen. ›Ich kann heute nicht kommen!, log ich, ›ich habe Schmerzen in meinem Knie.‹ ›Ach so, nun ja, die alte Kriegsverletzung? Schön, kommen Sie morgen, aber pünktlich um neun Uhr. Sie erhalten sofort eine kleine Abteilung, ich führe Sie persönlich ein.‹ ›Ich komme bestimmt!‹ sagte ich. ›Ja, bitte kommen Sie, selbst wenn das Knie noch muckt. Der Hofrat will wissen, daß wir dann vollzählig sind, er wird verreisen, er hat von Ihnen gehört. Stellen Sie sich ihm vor, es ist nur eine Formalität. Sollte das Knie, was ich nicht hoffe, noch einer Behandlung bedürfen, wir Kollegen werden unsererseits alle Rücksicht nehmen. Schließlich sind Sie ja ein braver Soldat gewesen.‹

Mein Vater hatte mit undurchsichtigem Lächeln dieses Telephongespräch mitangehört. ›Es ist alles gut‹, sagte er. ›Ich wollte dir nur sagen, ich habe unlängst mit Vally gesprochen und sie natürlich davon abgebracht, daß sie deinen Max in die Klosterschule gibt. Wann willst du also gehen?‹ Ich zuckte die Achseln, dem Weinen nahe. ›Wann nehmen wir also Abschied?‹ fragte mein Vater und versuchte zu scherzen. Ich schüttelte den Kopf. Er hatte längst begriffen, daß ich blieb. Nach zwei Tagen war er fieberfrei, und bei kräftigerer Ernährung erholte er sich schnell.

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