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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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9

Im Frühling wurde ich aus der Lazarettbehandlung entlassen und begann mein Leben dort wieder aufzunehmen, wo ich es bei der Kriegserklärung verlassen hatte.

Ich konnte anfangs nur mit Krücken gehen, mein linkes Bein war skelettartig abgemagert, und es kostete mich viel Zeit, es durch Massage und durch energische, manchmal sehr schmerzhafte Übungen wieder soweit zu kräftigen, daß ich erst die Krücken, dann auch den mit einem Gummiknopf endenden, festen Stock entbehren konnte. Ich kam mir wie ein Gott vor, so voller Stärke, Hoffnung und Freude am Leben, als ich zum erstenmale wieder frei ging, wohin ich wollte, sogar bergauf.

Ich hatte während dieser Zeit immer wieder versucht, etwas von meinem Freund Perikles zu erfahren. Vergeblich. Alle Briefe kamen als unbestellbar zurück. Es war ein Schatten auf meinem Glück, daß ich fürchten mußte, er sei tot. Meinem Vater trat ich als Gleichberechtigter gegenüber. Er war es jetzt, der oft eine Stütze brauchte, er zweifelte an dem Sieg der ›Obrigkeit‹, Österreich-Ungarische Monarchie genannt, während ich, wie viele andere, an ein Ende ohne Sieger und Besiegte glaubte und dann auf ein langes, arbeitsreiches und friedliches Leben unter den miteinander ausgesöhnten Völkern. So stand es auch in den Kundmachungen, die der junge Kaiser Karl nach dem Tode des alten Monarchen erlassen hatte.

Ich hatte zwei Ziele. Eines, das ich mir zugestand, nämlich meinem alten Plan treu zu bleiben und Irrenarzt zu werden. Die Schwierigkeiten erschienen mir jetzt leicht überwindbar, und auf eine Anfrage in der Irrenklinik sagte man mir, ich könne als Volontär eintreten und dort arbeiten, bis ich mein Doktorat erlangt habe. Die andere Hoffnung, die noch keine feste Form angenommen hatte, bezog sich auf Eveline. Ich wußte, obwohl ihre lakonischen Karten seit meiner Verwundung fast ganz aufgehört hatten und ich auf die Nachrichten durch ihren Bruder Jagiello angewiesen war, daß uns, Eveline und mir, noch etwas bevorstünde. Dies genügte mir in dieser Zeit der erwachenden Hoffnungen, wie sie in der zweiten Hälfte des Krieges, trotz der immer fürchterlicher werdenden Not, allgemein die Menschen erfüllten. Bevor ich in die psychiatrische Klinik eintrat, ging ich zu meinem Vater. Er hatte glücklicherweise Zeit. Die Untersuchung gegen ihn war niedergeschlagen, aber er wollte sich noch nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Übrigens starb der alte Oberstleutnant-Auditor kurz nachher. Die Sache meines Vaters wäre vielleicht auch ohne meine Vermittlung gut ausgefallen. Mein Vater hatte nach den Paragraphen nichts Strafbares begangen. Jetzt war er sehr freundlich zu mir. Natürlich sprachen wir über alles, nur nicht über das ›künstliche Trachom‹. Er stellte einige Fragen an mich, scheinbar mehr zum Scherz, als um mich wirklich zu prüfen. Aber zu meinem großen Schrecken stellte es sich heraus, daß ich im Felde fast alles vergessen hatte und – entweder von vorn anfangen mußte oder ohne sicheres Fundament weiterzuarbeiten hatte. Sehr schweren Herzens entschloß ich mich zu dem ersten, setzte mich wieder auf die Bänke der Anatomie etc. und sagte in der Irrenklinik ab. In der Anatomie war mein früherer Vorgesetzter, der Tscheche Peèírka, Professor geworden. Er erkannte mich, und er schien sich zu freuen, daß ich noch lebte, während so viele meiner Altersgenossen draußen geblieben waren. Die Carotisdrüse war jetzt allgemein anerkannt, die Anzahl der Studien darüber hatte sich so gehäuft, daß sogar sein Name, von meinem ganz zu schweigen, nicht mehr erwähnt wurde, nicht anders, als es mit allen wichtigeren medizinischen Entdeckungen geht.

Ich konnte die vergessenen Kenntnisse schnell auffrischen. Ende Mai 1917 begann ich die Kliniken wieder zu besuchen, Augenklinik, Chirurgie, Geburtshilfe und Frauenkrankheiten, Ohren- und Nasenkrankheiten, gerichtliche Medizin und Hygiene – und auch Nerven- und Geisteskrankheiten. Die Vorlesung über Geisteskrankheiten fand stets von acht bis neun Uhr morgens statt, und da ich mein steifes Knie nicht auf den oberen Sitzreihen ausstrecken konnte, ließ man mich aus Freundlichkeit auf der untersten Bank oder im Notfall auf einem Stuhl neben dem Assistenten Platz nehmen, und die Assistenten und sogar der Professor machten einen kleinen Bogen um mein steifes Bein, das ich vor mir ausgestreckt hatte.

Ich war bei diesen Vorlesungen besonders glücklich, denn ich fühlte, wie mich alles zu ihnen hinzog, wie ich mich abends schon auf die nächste Vorlesung freute etc., und mein Interesse an der Forschung der inneren Regungen dieser Kranken, nach der Entstehung ihrer Verwirrungen, nach dem Ablauf ihres stumpfen Hindämmerns oder ihrer furchtbaren Tobsuchtsanfälle, ihres fast tierischen Verkommens wurde immer stärker in mir, denn ich wußte, daß hier das Arbeitsfeld für mein künftiges Leben lag. Es war Mitte Juni, als ein mittelgroßer, eher kleiner Kranker hereingeführt wurde, als zweiter in der Reihenfolge der Vorlesung. – Es wurden meist drei Kranke demonstriert, und immer werden die Studenten eingeladen, herunterzukommen und selbst Fragen an die Kranken zu stellen. Diesmal war ein alter Bekannter, den ich schon im Knabenheim von A. als Goliath II gekannt hatte, an der Reihe, den Kranken zu untersuchen. (Goliath war ein starker, kerngesunder Student. Wer hatte ihm geholfen, sich dem Militärdienst zu entziehen? Ich mußte an meinen Vater denken.) Der Kranke stand mit abgewandtem Gesicht da. Er war sehr mager, sehr dürr – es litten damals alle mehr oder weniger Hunger, besonders die Kranken und Alten in den öffentlichen Anstalten und Asylen –, und er schlotterte in seinem blau weiß gestreiften Krankenkittel. Goliath wußte nichts Rechtes anzufangen mit ihm, der Kranke war störrisch, der Professor nahm jetzt die Sache in die Hand und drehte den Kranken, der mit dem Gesicht zur Wand dastand, zu uns herum. Ich erschrak furchtbar. Es war Perikles, voll Scham das Gesicht mit den Händen verbergend und zur Flucht bereit. Aber die stämmigen, ruhigen Irrenwärter standen rechts und links von ihm.

Er sah uns alle an, die ganze Runde, die unteren wie die oberen Reihen, er streifte auch mich. Er erkannte mich nicht. Sein Mund war mit einem dichten schwarzen Vollbart umgeben, die Augen schielten wie immer, tief in ihren Höhlen liegend und auch jetzt nicht ganz von dem Ausdruck des Fanatismus der geistigen Leidenschaft verlassen, wie er ihn zuletzt immer gehabt hatte.

Ich wurde jetzt aufgerufen, den Kranken zu untersuchen. Vielleicht hatte der Professor mein Interesse wahrgenommen. Ich konnte nicht. Ich tat, als hätte ich nicht gehört, und da der Professor bereits mit der klinischen Darlegung begonnen hatte, fiel es nicht weiter auf. Es sei ein einfacher Fall, erklärte der Professor. Ein früherer Privatgelehrter, zuletzt Krankenpfleger, Tobsuchtsanfall, Delirium, jetzt Beruhigung. Deutlich merkbarer Intelligenzschwund, Größenwahn, Depressionen, aber auch glückstrahlende Verblödung. Der Professor stellte verschiedene Fragen an ihn. Perikles tat, als habe er nichts gehört. Sein schielender Blick hatte sich jetzt an mir gefangen, und ich versuchte ihm mitzuteilen, daß ich ihn sofort nach der Vorlesung aufsuchen werde. ›Kommen Sie doch heraus, fürchten Sie sich nicht‹, wandte sich der Professor freundlich an mich. ›Sie haben die Diagnose sicherlich schon lange gestellt. Nun?‹ Ich schüttelte den Kopf und schwieg, aber Goliath II hatte sich an den Kranken herangemacht, prüfte seine Pupillen, erkannte, daß sie starr waren, schlug, nachdem die Wärter Perikles zum Niedersitzen veranlaßt hatten, mit einem Hämmerchen auf seine dürren Knie, die nicht den normalen Reflex ergeben wollten, und dann, sich schnell vom Kranken zurückziehend, als wäre er nach Gebrauch unnütz geworden, sagte der dicke Student stolz: Progressive Paralyse.‹ ›Richtig‹, sagte der Professor. ›Es ist ein einfacher typischer Fall. Bitte, zurück auf die Abteilung mit ihm. Und nun zum nächsten. Und da können wir Ihnen etwas weitaus Interessanteres demonstrieren, nämlich einen Fall von Säuferwahnsinn, delirium tremens, früher unser tägliches Brot, aber seit dem Kriege ist es mit dem Alkohol durchaus eine Seltenheit geworden. Nun, junger Herr Kollege?‹ Wieder war ich es, der den Kranken untersuchen sollte, und ich tat es, so gut ich konnte.

Sofort nach der Vorlesung suchte ich Perikles auf. Man ließ mich zu ihm. Er schien mich jetzt zu erkennen, und sein erstes Wort war: ›Ich habe Hunger und bitte dich um Brot.‹ Ich hatte zwar kein Brot, aber ich besaß die Brotkarten der Woche (es war Montag) und reichte sie ihm hin. Er hielt sie fest in seiner abgemagerten, vergeistigten Hand, wenn man von Vergeistigung der Hände bei einem unheilbaren Irren sprechen konnte. – Aber war er unheilbar? War er irr? Konnte er, ein Mensch von so feiner Empfänglichkeit, von so genialer Frühreife nicht einfach erschöpft sein von Schlafmitteln, vielleicht vom Morphium zugrunde gerichtet – aber doch heilbar? Ich wußte aus eigener Erfahrung, wie schwer man sich von dem süßen überirdischen Gift des Morphiums trennt. Ich wollte nicht an seinen Untergang glauben.

Er sah mich an wie immer, aus seinen Augen blitzte der alte Knabenstolz seines kühnen, zertrümmernden und wiederaufbauenden Geistes, und ich hätte gewünscht, der Professor wäre dabeigewesen, als er begann: ›So bist du doch wieder da! Bleib jetzt bei mir! Ich habe dich nie verlassen. In mir ist etwas Göttliches, Übergöttliches, erkennst du es?‹ ›Du wirst bald wieder gesund werden. Du bist sehr herabgekommen, du mußt dich besser nähren.‹ ›Ja‹, sagte er und sah wie durch mich hindurch, was er bei seinem Schielen auch früher getan hatte, ›ich habe aus tiefstem Leiden Heldenfreude geschöpft, und aus Verzicht, dem Schicksal jedes Übergottes, unermeßliche Kraft. So bin ich nicht von heute auf morgen Milliardär geworden, und seit gestern der dritte Kaiser der zwei Kaiserreiche: Österreich und Deutschland!‹ ›Du meinst das in bildlichem Sinn?‹ fragte ich. Jetzt fürchtete ich doch, daß die Diagnose, auf die sogar ein Goliath gestoßen war, richtig sein könne. ›Du hast recht‹, sagte er und bemühte sich, mich mit seinen weichenden Blicken festzuhalten. ›Heute ist der größte Tag meines Lebens.‹ ›Ich werde auch morgen wiederkommend ›Ja, sieh mich nur an. Man wird alle Christusstatuen in der Welt und in den Schulen nach meinem Gesicht abändern lassen müssen, die Steinmetzen werden hoch im Lohn stehen, denn seit heute ist mir kundgetan worden durch unterirdisches Telephon, daß ich nichts anderes getan habe als Christus. Meine Werke sind bereits in die künftigen Sprachen übersetzt und werden gratis verteilt, genau wie beim Evangelium. Du wirst daher einsehen müssen, daß ich Überimperator geworden bin, und ich befehle dir bei Todesstrafe, mir Weiber zu verschaffen. Wir haben immer Hunger‹, setzte er leiser fort, ›sie schlagen uns nachts.‹ ›Lassen Sie ihn, mein Herr‹, sagte der Oberwärter zu mir. ›Er beginnt unruhig zu werden, er muß zurück auf seine Station.‹ ›Was geschieht denn mit ihm?‹ fragte ich. ›Ich glaube, er kommt fort, entweder in die Landesirrenanstalt oder sonstwohin. Hier bleiben die Kranken niemals länger als drei Wochen.‹ ›Kann man etwas für ihn tun?‹ ›Was wollen der Herr für ihn tun? Sehen Sie doch nur!‹ Perikles hatte die kostbaren Brotkarten zerrissen und nahm sie jetzt schmatzend zu sich. ›Das müssen Sie nicht tun. Es ist schade! Es wird hier alles für ihn getan, was möglich ist. Es soll ein Doktor sein, ein gar hochstudierter Mann.‹ ›Er hat Angehörige? Bekommt er Besuch?‹ ›Ja, eine alte schieche Tante, die immer den Rosenkranz betet, und eine sehr schöne, jüngere, die kommt immer zu ihm und hat Bücher mit. Er soll etwas schreiben oder lesen. Aber er liest ja schon lange nicht mehr, hält die Bücher verkehrt vor sich hin, zerreißt sie und frißt, mit Verlaub, die schönen Lederrücken. Nimmt man sie ihm aber weg, tobt er. Es ist nichts Besonderes daran, der Hofrat hat ihn nicht gern in die Vorlesung genommen, aber die meisten anderen Kranken sind so hinfällig. Es ist eben Not.‹ Ich ging. Als ich am nächsten Tag wiederkam, ließ man mich nicht zu ihm, denn er war unruhig, und man hatte ihn ins Dauerbad gegeben. Am übernächsten Tag hieß es, daß er schliefe. Am dritten Tag führte man mich zu ihm, aber er stürzte sich auf mich und begann mich zu würgen (dabei war er so schwach und zart!) – und nur mit Mühe machte man mich frei.

Ich kam Anfang der nächsten Woche wieder und hatte die ganze Brotration bei mir, da er sie nötiger brauchte als ich; Indessen mußte ich sie durch die Vorlesungen dieses Tages und dann wieder heimwärts schleppen. Er war bereits von den Angehörigen abgeholt worden. Man hatte ihn in Begleitung eines sicheren Bewachungspersonals nach der Anstalt Mohrauer gebracht, die ich wohl kannte, denn ich hatte mit meinem Vater vor vielen Jahren in meiner Kindheit an einem Winterabend einen Besuch dort gemacht.

Im Winter 1917 erhielt ich die Aufforderung meines Ersatzkaders, wie man es nannte, mich zur endgültigen Untersuchung in Radautz einzufinden, wo sich die Stammschwadron meines Regimentes neuerdings wieder befand. Ich reiste hin, und zwar mit großer Freude, mit sehr starken Hoffnungen. Ich war noch nicht siebenundzwanzig Jahre alt. Bis auf das steife Knie gesund. Ich hatte mit dem Kriege abgeschlossen. Mit meinem Vater hatte ich mich fast ganz ausgesöhnt. Bei der Schwadron wurde ich sehr freundlich aufgenommen, und ich sah Eveline wieder. Sie war noch schöner geworden. Aber ihre großen eisengrauen Augen brannten mit einem etwas krankhaften Glanz, und ich hörte sie fast immer hüsteln. Der Major war angeblich im Begriffe, ins Feld zu gehen.

Über mich wurde das Urteil gesprochen. Ich war dauernd kriegsuntauglich, nur zum Bürodienst fähig. Da es aber vorläufig noch genug Bürosoldaten gab, stellte man mir frei, in Uniform zu bleiben oder nicht. Ich dankte ab. Die Höhe meiner Pension sollte später bestimmt werden.

Am Abend vor meiner Rückkehr nach Hause war ich beim Major zu Gast. Eveline war so schön, daß es mir fast wehe tat, sie zu sehen. Dabei machte es mich ruhig, friedensvoll, wenn ich in ihrer Nähe war. Ich hatte niemals etwas Ähnliches empfunden. Ich wollte mich stark zeigen, ich hielt mich zurück und gab ihr kein Zeichen meiner Liebe. Ich hätte jetzt Gott gedankt, wenn ich noch an ihn geglaubt hätte; aber ich glaubte nicht und glaubte doch. Ich hätte mich zu Eveline erheben mögen, ich wußte aber nicht, was tun, ich wagte sie nicht einmal anzusehen.

Sie trug ihren außerordentlich kostbaren Schmuck – denn ihr Mann sollte unermeßlich reich sein. Von seinen riesigen Gütern lieferte er Vieh und Getreide für den Staat. – Große Diamanten von reinstem Wasser, deren flackerndes, unberechenbares Feuer aber etwas Erschreckendes für mich hatte, wiegten sich an ihren kleinen rosigen Ohren.

In dem Haus des Majors gab es noch alles, was wir schon seit langem entbehrten, aber ich rührte fast keinen Bissen an. Manchmal wünschte ich, mit ihr eine Minute allein zu sein, um sie zu fragen, was die Buchstaben am Ende ihrer Karten bedeutet hatten. Wenn uns aber der Major dazu Gelegenheit gab, überkam mich furchtbare Angst, das Herz schlug mir bis in die Kehle, und ich schwieg, verlegen an den blanken Knöpfen meiner alten Uniform herumbastelnd.

Eveline betrachtete mich kalt. Sie ordnete ihr Haar. Sie begann zu husten und zu rauchen. Wie konnte ich glauben, daß sie mir jemals gehören könne? Aber ich liebte sie so stark, so – lebenslänglich, daß ich zufrieden war, daß sie lebte ... Ich stand schon in meiner kurzen dunkelblauen Attila im Vorzimmer und wollte mich von dem Ehepaar verabschieden, als der Major ans Telephon gerufen wurde. Sie stand neben mir. Ich roch das zarte, süßsäuerliche, etwas gewürzartige Parfüm, ich sah ihre großen Steine an den samtartigen ovalen Ohren funkeln. Wir hörten die Stimme des Majors. Sie beugte sich etwas zu mir, ihr aschblondes leichtes Haar wehte, der große Stein des linken Ohrs streifte meine Wange, vielleicht unabsichtlich. Als die Schritte des Majors sich näherten, sagte sie so laut, daß er es hätte hören können: ›Der Major geht nach Albanien, wir sehen uns wieder.‹ Der Major stand vor uns. Sein Gesichtsausdruck war der immer gemessene, streng formelle. Ich nahm Haltung an, erwies ihm die Ehrenbezeugung. Auch er nahm Haltung an, verbeugte sich dann leicht, gab mir die Hand und sagte mit seinem leichten polnischen Akzent: ›Ich gehe nach Albanien. Wir sehen uns wieder?‹ Meine Sporen klirrten zum letztenmal, denn im Hotelzimmer vertauschte ich die noch gut erhaltene Uniform mit meinen schon recht sehr abgenützten Zivilkleidern, und ich kehrte mit dem Nachtzug in die Stadt zurück, wo meine Eltern, mein Kind, meine Frau und meine Geschwister lebten. Wir waren diesmal nicht verreist, weil meine Mutter einer Geburt entgegensah. Sie kam in ein Sanatorium. Daheim führte meine Frau die Wirtschaft. Sie hatte aus ihrer Heimat, Puschberg, ihr Dienstmädchen kommen lassen. Einmal nannte sie dieses Dienstmädchen vor uns ›die Küchenfee‹. Daran erkannte ich, daß sie die alten Demütigungen vergessen hatte und sich hier wie die Herrin des Hauses fühlte. Dagegen fürchtete ich, daß mein Sohn etwas von den Schlägen zurückbehalten hätte, die meine Frau ihm noch im Mutterleibe versetzt hatte. Denn er war etwas zu scheu, wich mir aus und fühlte sich unter den vielen, lebhaften Geschwistern von mir nicht zu Hause. Er machte mir Sorge. Meine Frau lächelte aber, sie war ihrer und seiner ganz sicher, fand alles hier natürlich, und sie lebte gern.

Um diese Zeit schenkte meine Mutter einem Mädchen das Leben, das sie Therese Auguste nannte. Ich dachte mit jedem Tage mehr an Eveline. Ich erinnerte mich, wie sie eine Zigarette geraucht hatte und wie ein Fäserchen Papier an ihrer Unterlippe hängen geblieben war. Ich träumte davon, dieses Fäserchen zu sein, aber ich träumte auch, sie in meinen Arm zu nehmen, sie zu verbrennen, nicht allmählich wie eine Zigarette, sondern wie eine frische, starke, alles durchdringende Flamme. Wir schrieben einander nicht. Auch ihr Bruder Jagiello hatte mir zu schreiben aufgehört.

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