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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8

Ich litt sehr beim Verlust meines Obersten, der mir fast ein zweiter Vater geworden war, aber ich klagte Gott nicht mehr an, ich hatte allmählich aufgehört, an Christus zu glauben, etwas von ihm zu verlangen, zu erwarten, ebenso wie ich von meinem Vater, dem Professor, nichts mehr erwartete. Er schrieb mir jetzt oft, er beklagte sich, daß ich nicht pünktlich auf den Tag antworte, genau so wie sich meine Frau darüber beklagte. Sie waren ahnungslos. Deshalb ging ich nicht weiter darauf ein.

Mein Vater behelligte mich mit seinen Geldsorgen. Nach einem Sturm wie dem auf Korostow erhielten wir unsere Post, die durch das noch immer verschneite Gebirge mit großer Mühe herangeschafft worden war, sehr verspätet.

Mein Vater ließ mich wissen, daß ich ein reizendes Brüderchen erhalten habe, sieben Pfund schwer, dem man in der Taufe den Namen Theodor geben wolle, ›wenn ich damit einverstanden sei‹. Weiter: Die Millionenversicherung für Judith entwickele sich zu einer veritablen Last und Plage; woher siebzigtausend Kronen jährlich Prämie hernehmen? Das wußte ich auch nicht. Der Zuzug der wohlhabenden Patienten aus dem Osten hätte aufgehört, auch sonst ließe die Praxis, bei vieler Gratis-Arbeit, zu wünschen übrig. Es tat mir aufrichtig leid. Die Mieter in den Zinskasernen zahlten weniger pünktlich denn je, was sie sollten, sie waren aber vor Exmittierung und Pfändung als Kriegsteilnehmer geschützt, die Erhaltungskosten für die Häuser mußte man aber weiter tragen, desgleichen die ›exorbitanten Steuern‹! Auch hier hätte ich nicht zu raten gewußt. Natürlich! schrieb mein Vater, es ist Krieg. Ich konnte nur lakonisch antworten: Natürlich, Vater, es ist Krieg.

Damit mir der Verlust meines lieben Freundes, des Obersten Thaddeusz von Cz. nicht so zum Bewußtsein komme, schrieb mir auch mein Perikles. Er war auch im Kriege, er hatte bei einer Abteilung des Roten Kreuzes Unterschlupf gefunden. Er schrieb so verworren, daß ich nicht wußte, transportierte er mit einem anderen Mann zusammen auf einer Bahre die Kranken in die Rotenkreuz-Züge, die von der Etappe ins Hinterland abgingen und die sich durch besonders weiche Betten und ungewöhnlich niedliche Krankenschwestern auszeichnen sollten, oder führte er in einer der vielen Kanzleien Buch über die Vorräte an Leintüchern und Narkosemasken etc. Jagiello schrieb kurz. Er diente seit Weihnachten in einer Kompagnie der Kaiserschützen in Innsbruck. Er setzte seine Studien über ›Kinderarbeit‹ in seinen freien Stunden fort und bedauerte ironisch, daß es in Tirol wenig Fabriken und gar keine Kinderarbeit gab, wenn man nicht die unbezahlte schwere Feldarbeit der Kinder dazu rechnete, was aber den Rahmen seiner Studie gesprengt hätte. Gesprengt! Da sei Gott vor ...

So hatte ich nie über die Menschen meiner Umgebung gedacht. Seit dem Sturm auf Triangel 1228 hatte ich etwas verloren, das mich bis dahin immer gehalten hatte. Dieser Tag und kein anderer war der entscheidende gewesen. Ich habe bis zu meiner Verwundung im Sommer 1916 noch viel schauerlichere Stürme und andere kriegerische Erlebnisse mitgemacht, sie haben mich nicht mehr ändern können. Es mußte etwas ganz Neues kommen, und darauf mußte ich eben noch warten.

Ich war im Juni 1916 auf Urlaub daheim, ich sah meine Mutter (auch sie in Roter-Kreuz-Tracht, in schneeweißer Haube und ein Kreuz an der Brust), ich sah meinen Vater, einen gehetzten, müden, aber immer noch ungebrochenen Mann, der eben einen hohen österreichischen Orden erhalten hatte und diesen mit meinen Kriegsauszeichnungen verglich. Ich lächelte zuvorkommend, und niemals war er so ein Herz und eine Seele mit mir wie zu jener Zeit, wo er mich langweilte.

Ich sah meine Frau, weil ich es für meine Pflicht hielt.

Ich sah meinen Sohn in Puschberg in unserer Villa, die jetzt meine Frau mit einem Dienstmädchen bewirtschaftete, denn sie erhielt als meine Frau eine ansehnliche Summe vom Staate. Für den kleinen Ort genügte sie jedenfalls. Mein Junge, ein nicht hübsches, etwas scheues, aber kluges und vor allem ausgezeichnet und fromm erzogenes Kind, lernte schreiben und benützte die Ränder meines alten Buches über die Geisteskrankheiten, für das seine Mutter keine Verwendung hatte, zu seinen Schreibübungen, bei denen ich ihm über die Schulter schaute. Aber ich führte sein ungeschicktes Händchen nicht. Ich verbesserte ihm nichts, als er sich fragend nach mir umwandte.

Ich ging für mich in den Wald und erkannte die alten geliebten Stellen wieder. Gegen Abend kam ich heim, und ich sorgte dafür, daß das Bett meines Maxl neben dem meiner Frau Vally im Schlafzimmer stehen blieb, denn ich liebte meine Frau nicht mehr. Ich achtete sie, ich sorgte für sie und mein Kind, ich ließ ihnen alles Geld da, das ich entbehren konnte, als ich zur Front zurückreiste. Ja, ich schenkte sogar das kleine Capricepölsterchen dem Kind, da es ihm gefiel. Was sollte es mir? Ich hatte es jahrelang mit mir herumgeschleppt, es hatte mich an meine Mutter erinnert, an mein Zuhause. Nun waren die Federn durchgeschwitzt, und meine Vally, eine gute Hausfrau, konnte sie reinigen lassen.

Ich liebte eine andere Frau, meine Jugendfreundin Eveline. Nach dem Tode ihres Vaters hatten wir unter seinen Sachen auch ein Bildchen Evelines gefunden. Es war auf dem Gute aufgenommen, Eveline trug noch ihre Mädchenfrisur. In einem unbewachten Augenblick stahl ich das Bild. ›War da nicht auch eine Photographie eines schwindsüchtigen Backfischs?‹ fragte mich der Regimentsadjutant, der den Nachlaß des Obersten ordnete, um ihn an die Erben zu senden. Ich sah ihn groß an: › Ich habe keinen Backfisch gesehen.‹ Ein Backfisch – und sie! Auch dies lag schon sehr weit hinter mir. Eveline schrieb mir oft. Ich seltener. Die Wahrheit sagen konnte ich ihr nicht, lügen konnte ich auch nicht, so war es ein ›einfaches Rechnung‹, wie ihr Vater oft gesagt hatte.

Ich wurde zum Leutnant ernannt, wir machten die dritte Rußlandoffensive mit, und im offenen Gelände kamen die Kavalleriepatrouillen wieder zu Ehren. Die meisten wurden von einem Wachtmeister geführt, nur in wichtigen Fällen kommandierte sie ein junger Leutnant. Wir waren damals schon tief in Rußland, die großen Festungen waren alle in dem Besitz der verbündeten Mächte, in Rußland sollte ich eine Revolution vorbereiten, und mein Vater sah schon den Friedensschluß zu Weihnachten voraus, der Ahnungslose.

Wenn ich auf meinem Gaul durch das sumpfige oder sandige, wüstenartige, von einem sehr heißen Sommer ausgedörrte Gelände ritt, die Zügel meinem goldbraunen Gaul auf die geschmeidige Mähne gelegt, dachte ich oft an ihn zurück, wie an ein anderes Leben. Immer gab ich mir Mühe, seine Briefe einen Tag liegen zu lassen, bevor ich sie las, wußte ich doch, daß er von meinem Dasein keine Ahnung hatte, und daß er mehr denn je für seine Judith und für die andere Kinderschar lebte und für seine Häuser, seine Orden und schließlich vor allem für seinen Beruf. Ich konnte es nicht. Wenn mir der Postunteroffizier die Briefschaften übergab, so machten immer zwei mein Herz klopfen, die kurzen Karten Evelines und seine langen Episteln. Eveline wurde nicht müde mir zu schreiben. Sie brachte immer nur ein paar Phrasen vor, die einander sehr ähnelten. Wichtig war nur die Unterschrift. Anfangs hatte sie geschrieben: mit vielen Grüßen! von K., dann hatte sie in der Unterschrift ihren Mädchennamen wieder angenommen: Mit herzlichen Grüßen! von Cz. Dann: Mit schönstem Gruß Eveline. Und in der letzten Zeit, seit meinem Besuch bei meiner Familie und meiner Frau, schrieb sie: Mit freundlichem Gruß D. E.

Auch an dem Tag, der einem unseligen Patrouillenritt voranging, hatte ich eine Karte erhalten. Auf dieser Karte standen die üblichen Worte, und zum Schluß: N. D. E.

Ich zerbrach mir während der Offiziersmesse den Kopf. Die Kameraden sprachen jetzt außer über die alten Gegenstände auch vom Frieden. Daran sah man, daß sich die Zeit geändert hatte, wenn ich es nicht auch daran hätte merken können, daß ich beim Rasieren im Spiegel die ersten grauen Haare an meinen Schläfen entdeckte. Dem war aber leicht abzuhelfen, indem man sich nicht rasierte, und dies tat ich.

Was bedeuteten diese Hieroglyphen N. D. E.? Niemals hätte ich meine Kameraden, die so sachverständig über Weiber wie über Pferde urteilten, um Rat gefragt. Sollte es heißen: nur Deine Eveline, oder niemals Deine Eveline? War vielleicht auch ich ein Ahnungsloser? Der nächste Tag sollte es mir beweisen, und zwar nicht schwarz auf weiß, sondern rot auf Feldgrau, eine Farbenzusammenstellung, die mir hätte bekannt sein sollen. Aber ich mußte sie erst an mir selbst erleben.

Wir waren in vollem Vormarsch, und die Zahl der Gefangenen wurde immer größer. Viele Russen sollten sich im Gelände verborgen halten, hieß es. Ich hatte den Auftrag, das Vorfeld jenseits des Flüßchens Lowowska, das hier durch weite Sümpfe sich durchschlängelt, zu rekognoszieren. Wir waren gegen Mitternacht abgeritten, fanden die Gegend bis auf vier Kilometer frei von Russen, so schnell hatten sich diese zurückgezogen. Ich ritt also ruhig zurück.

Ich hielt gerade – es war gegen vier oder fünf Uhr morgens, und es begann hell zu werden nach einer wolkenlosen kühlen Nacht – meinen Notizblock in der Hand und in der anderen die Karte, als ein kurzer trockener Knall ertönte und ich zugleich einen sehr scharfen, flüchtigen Schmerz in dem linken Knie empfand, als ob man mit einem spitzen Messer daran gerührt hätte. Aber ich blieb auf meinem Gaul sitzen, der sich nur einmal aufgebäumt hatte. Er war Feuer gewöhnt – und er war unverletzt geblieben. Es kamen noch zwei bis drei Schüsse nach, und zwar aus einer Art bebuschter Insel im Sumpf, die wir zwar beim Ausritt bemerkt hatten, der wir uns aber nicht hatten nähern können, weil unsere Pferde im Sumpf eingesunken wären. Denn trotz den heißen Tagen war solchem Gelände nicht zu trauen. Aber ich hatte einen Dragoner absitzen lassen, und er war nach kurzer Zeit wiedergekommen und hatte gemeldet, daß nichts Verdächtiges auf der Sumpfinsel zu finden sei.

Trotz des nicht nachlassenden Schmerzes hielt ich mich auf meinem Pferd und schickte einen anderen Mann nach der Insel und hielt selbst die Zügel seines Pferdes, während er absaß. Bei der ersten Bewegung aber, die das andere Pferd machte, überfiel mich, vom Knie ausgehend und das ganze Bein bis in die Hüfte durchblitzend, ein so wahnsinniger Schmerz, daß es mir schwarz vor den Augen wurde und ich hinabsank. Der abgesessene Soldat kam zurück, er stützte meinen Kopf, ich sah sein Gesicht beim Erwachen vor mir. Auch die anderen vier Dragoner saßen ab. Ich sah jetzt auch zum erstenmal auf mein Knie. Ich lag flach auf der vom Nachttau feuchten, mit dichtem kurzen Gras bewachsenen Erde. Über der linken Kniescheibe war ein Einschuß, meine Breeches waren schon von Blut und schleimartiger Flüssigkeit benetzt.

Die Patrouille beriet sich, was sie tun solle, sie wollten mich fragen, aber sie sahen, daß ich kein Kommando mehr geben konnte. Einer ließ mich etwas trinken, es kann Rum oder Wasser oder kalter Kaffee gewesen sein, ich unterschied es nicht mehr. Ich trank es gierig in mich hinunter, dann biß ich mit aller Gewalt die Zähne zusammen, denn ich wollte nicht schreien und nicht vor meiner Mannschaft meine Schwäche zeigen. Als ich die Augen, die ich krampfhaft hatte schließen müssen, wieder öffnete, waren meine Leute alle verschwunden, drei waren, die fünf Pferde am Halfter hinter sich herführend, zu unseren leichten Drahtverhauen zurückgekehrt, zwei hatten sich jetzt zu der Insel begeben. In gebückter Haltung, jede Terrainwelle ausnützend, schlichen sie sich an.

Jetzt hielt ich nicht mehr an mich. Ich schrie aus Leibeskräften, ich jammerte und hörte mich selbst jammern. Die Sonne war groß und klar aufgegangen. Ich schrie weiter – solange ich laut schreien konnte, laut; als mir die Kräfte abgingen und die Blutlache unter meinem Bein immer größer wurde, leiser. Ich streckte die Arme weit aus wie als Knabe, wenn ich mich als besiegt erklärt hatte. Mein Pferd war bei mir geblieben, es weidete das Gras ab, und die Kinnketten an seinem Halse klirrten leise, wie gewohnt. Es kam mir ab und zu näher, ich sah seine niedlichen, kleinen, gut gepflegten Hufe, dann aber scheute es vor meinem Schreien und vielleicht auch vor dem Blut zurück und weidete weiter abseits und blinzelte mich nur von der Seite mit seinem großen schwarzen Auge an.

Ich schrie weiter, ich schrie um Hilfe. Endlich sah ich einen Schatten neben mir auftauchen, es war einer der Soldaten, der in das buschige Gehölz eingedrungen war, das sich auf der Sumpfinsel befand, und der dort zwei Russen aufgestöbert hatte. Die Russen hatten sich durch Handaufheben als gefangen erklärt und standen jetzt in ihren erdbraunen Uniformen, gut genährte, rotwangige, breitschultrige Männer, mit erhobenen Händen hinter ihm.

Was sollte der Meldegänger tun? Er konnte mir nicht helfen, so gern er wollte. Auch die Russen schienen mich zu bemitleiden. Das einzige, was er tun konnte, war, daß er mir noch einmal etwas zu trinken gab und daß er die linke Satteltasche meines Pferdes abschnallte und sie mir unter den Kopf legte. Ich ertrug die Schmerzen nicht länger, von neuem heulte ich auf und erschöpfte meine ganze Kraft darin. Jetzt erschien zu meiner Beruhigung – denn ich war für die Leute verantwortlich – auch der zweite Meldegänger.

Dier vier Soldaten zogen in der hellen Sonne ab, die Russen voran, die Österreicher mit einem Pferd hinter ihnen. Ich beneidete die Russen, ich beneidete meine Soldaten, ich beneidete mich selbst, dasjenige ICH, das noch vor einer Viertelstunde nicht gewußt hatte, was Leiden und Sterben heißt. Ich wollte nicht sterben. Aber noch weniger wollte ich so weiterleiden.

Ich haßte meinen Vater, dessen ich mich jetzt entsann und der in seiner blinden Zustimmung zur Obrigkeit und ahnungslosen Klugheit und unerschütterlichen Ruhe lebendig neben mir stand, ich haßte ihn, weil er mich ins Feld geschickt hatte, ich haßte ihn, als hätte er den Krieg entfesselt. Die zwei Russen aber, von denen einer vor dreißig Minuten sein Gewehr gegen mich abgedrückt hatte und der jetzt in Sicherheit war und – ohne Schmerzen, haßte ich nicht.

Ich dachte, ich stürbe gleich und versuchte zu beten. Aber ich brachte nicht einmal die ersten Sätze des Vaterunsers zustande. Vater unser, Vater unser, wimmerte ich, und dann ließ ich mich gehen, ich schrie, und jetzt war nicht einmal mein Pferd da, um sich nach mir umzuwenden, mein Mann hatte es abgeführt, und ich hörte es von weitem wiehern. Es wollte vielleicht nach mir zurück. Ich zählte die Minuten, bis die Sanitätspatrouille mit der Bahre kam. Sie konnte nicht lange ausbleiben, unser Quartier war ja nur zehn Minuten weit entfernt. Aber was für Minuten waren dies! Ich wollte an etwas anderes denken, ich dachte an meinen Beruf als Arzt. Ich versuchte zu lachen über mich, den großartigen Arzt, der jetzt hilflos wie ein abgeschlachtetes Vieh, dem man den Gnadenstoß zu geben vergessen hat, dalag in seinem Blut und die Hand unter das scheußliche, zerschmetterte, hassenswerte Knie zu breiten versuchte, um es zu stützen. Als ob es jemand aus der Ruhe gebracht hätte. Meine Schmerzen stiegen immer mehr. Ich hatte geglaubt, sie wären am Gipfel angelangt, es ginge nicht weiter, und es ging doch!

Jetzt war ich auch sehr mit meinem Tode einverstanden, ich wollte mich erschießen. In meiner linken Satteltasche war mein Revolver, ich tastete mich mit ungeheurer Mühe bis unter meinen Kopf, wo die Satteltasche mir als Kissen diente. Ich suchte und grub und grub. Alles Unnütze war darin, die eiserne Ration, Patronen in Hülle und Fülle, etwas Seife, die Karten von Eveline, Vallys Schal, den ich im Winter getragen hatte, nur der Revolver nicht. Mit furchtbarer Wut gegen mich selbst erinnerte ich mich daran, daß ich ihn gestern abend ausnahmsweise in die rechte Satteltasche getan hatte. Jetzt verfluchte ich das Schicksal, und da ich mir unter Schicksal nichts vorstellen konnte, fluchte ich meinem Erlöser Jesus Christus, der am Kreuze ebenso gelitten hatte wie ich, der es also wissen mußte, wie es war, und mir doch nicht half! Er hatte geglaubt, uns zu erlösen, und ich mußte so leiden! Konnte er sich meiner nicht erbarmen?! Zehntausende Menschen starben jetzt, alle gegen ihren Willen, ich wollte aus freiem Willen sterben, und er tat mir diese Liebe nicht! Ich erklärte mich besiegt. Ich fluchte ihnen allen oben und schrie, damit mein Geheule doch einen Sinn habe, Abbitte abbitte, wie als Kind.

Endlich kam die Patrouille, blödsinnig langsam schlich sie sich unter unnötiger Deckung ( jetzt lauerte doch kein Russe mehr weit und breit!) an mich heran und mit ihr der Regimentsarzt, der gleiche, der unsern Oberst nicht hatte retten können oder wollen, er kniete sich neben mich, legte seine Kappe fort und begann mich zu untersuchen. Ich schämte mich vor ihm, denn er war ein gebildeter Mann, ein guter Kamerad. Aber die leiseste Erschütterung, wie sie die Untersuchung mit sich brachte, auszuhalten, war unmöglich. ›Schrei ruhig, Leutnant‹, sagte er, ›ich weiß, es ist nicht angenehm.‹ Er schnitt meine Sachen auf und legte einen ganz festen, aber leichten Verband an. ›Nun los‹, wandte er sich an die Blessiertenträger, ›Vorsicht! legt ihn auf die Bahre.‹ Er selbst hielt mein angeschossenes Knie und stützte es, seine abgenutzte feldgraue Bluse färbte sich mit dem Blut, das aus meinem Verband heraustropfte. ›Ein Taschentuch!‹ zischte ich zwischen den Zähnen. ›Gern! Sofort!‹ sagte er, ›soll ich dir die Nase schneuzen?‹ ›Gib es her, Doktor!‹ Der Abmarsch konnte beginnen, ich faßte nach meinem Taschentuch und stopfte es mir zwischen die Zähne, die es halb zerbissen hatten, bevor wir ins Quartier gekommen waren – aber ich hatte nicht geschrien.

Der Regimentsarzt, ein nicht mehr ganz junger, schwarzbärtiger, israelitischer Doktor, gab mir sofort eine Injektion gegen Starrkrampf und eine Morphiuminjektion, damit ich die erste gründliche Untersuchung und die Schienung ertrage. Aber vielleicht war das Morphium schon ein ›Ersatz‹, wie man ihn jetzt vielfach bei allen möglichen Sachen verwenden mußte, jedenfalls half es nicht. Wozu soll ich meine Schmerzen zu schildern versuchen? Wer es nicht an sich erlebt hat, begreift es nicht, und wer es erlebt hat, versucht es baldmöglichst zu vergessen, wie ich es später tat. ›Es ist hoffentlich nur ein Schleimbeutelschuß‹, sagte er. Ich wußte aber genau, daß es ein Kniegelenkschuß war, denn ich hatte Chirurgie studiert. ›Wir schienen dich und transportieren dich zur Division.‹ Neuer Transport, neue unermeßliche Qualen. Das Hilfsmittel, sich durch ungestümes Schreien Luft zu machen, läßt sich aber nicht unbeschränkt fortsetzen. Erstens geht einem die Kraft aus, selbst einem starken, kerngesunden Mann wie mir, und zweitens beklagen sich die andern Unglücksgefährten. Nachts kamen wir bei dem Divisionsspital an, wo die Ärzte zwar abgearbeitet, ungeduldig und teilnahmslos waren (auch ich wäre nicht anders gewesen angesichts ihrer Arbeit) – wo sie aber noch etwas gutes Morphium aus besseren Zeiten besaßen, von dem sie mir als einem Kollegen einiges spendeten. Ich küßte dem Sanitätsunteroffizier beinahe die Hand, als er mir im Laufe der Nacht, geduldig auf mein Lamentieren herankommend, die dritte Injektion machte. Am nächsten Tage wurde ich weitertransportiert nach Polnisch-Lancut. Ich hatte bereits hohes Fieber. In dem großen Lazarett, das in einer Zuckerfabrik untergebracht war, untersuchte man das Gelenk mit Röntgenstrahlen und fand offenbar meine eigene Diagnose bestätigt. Ich fragte, aber man antwortete mir so ausweichend, daß ich die Wahrheit erriet. Und hätte ich sie auch nicht erraten, meine mörderischen Schmerzen hätten mich in jeder Sekunde daran erinnert. Hier erhielt ich einen Gipsverband. ›Sollte das Fieber fallen, bleibt der Verband. Sollte es steigen ...‹ sagte der Chefarzt. ›Sagen Sie mir die Wahrheit, Herr Oberstabsarzt!‹ ›Dann bliebe nur die Amputation!‹ ›Amputieren? Nein!‹ ›Ich habe Sie für vernünftiger und tapferer gehalten.‹ ›Einerlei, wofür Sie mich halten. Amputieren? Nein!‹ ›Es ist ja noch nicht alles verloren‹, sagte er begütigend, ›der Gipsverband tut oft Wunder. Die Schmerzen werden nachlassen, die Temperatur kann sinken. Leider sind Stoffetzen in der Wunde geblieben. Wir forschen nicht weiter nach. Möglicherweise schwemmt sie der Sekretstrom heraus, wenn nicht, dann eben ... Wollen alles vorbereiten. Ich amputiere niemals unnötigerweise. Ich bin Schüler des Hofrates X.‹ (er nannte den Namen eines weltbekannten Chirurgen, den ich seinerzeit gehört hatte als Student). Ich schüttelte den Kopf. ›Seien Sie vernünftig‹, wiederholte er, ›Selbstmord ist das Gegenteil von Heroismus.‹ Er hatte leicht reden, in seinem schneeweißen Mantel, mit seinen ruhigen Augen, mit seinen sauberen Händen, mit seinen gesunden Knien ... Ich vergaß in meiner fieberhaften Erregung, daß er mir gerade durch diese Gesundheit, Ruhe und Sauberkeit diente ... Ich verbrachte eine schreckliche Nacht. Ich knirschte mit den Zähnen so wild, daß sich auch hier wieder meine schwerverwundeten Nachbarn beklagten. Ich rief die Wärter und wollte sie bitten, sofort den Chefarzt kommen zu lassen, mitten in der Nacht. Er sollte den Gipsverband sofort wieder aufschneiden und mir das Bein abnehmen. Als aber der todmüde Sanitäter an meinem Bette stand, verlangte ich – ›bitte, zu trinken!‹ Ich schwor mir, nicht als Krüppel zurückzukehren. Ich glaube nicht, daß ich es mit Rücksicht auf Eveline getan habe. In solchen Lagen denkt der Mensch so verschieden von seiner alltäglichen Vernunft, daß man es nicht vergleichen kann. Am nächsten Tag war die Temperatur nicht gefallen. Ich schwamm in einem See von Eiter, höflicherweise Sekretstrom genannt. ›Es hilft nichts! Kopf hoch! Es muß sein. Erhalten Sie sich Ihren Angehörigen. Die neuartigen Prothesen erlauben Ihnen – jeden Sport!‹ Er hatte mich gut locken. Ich blieb dabei: ›Amputation. Nein.‹ ›Heute, Leutnant, können wir im Knie amputieren‹, sagte er streng, ›wenn Sie sich aus Feigheit davor drücken, kommt Sepsis, und Sie werden selbst bei hoher Amputation in der Hüfte verloren sein.‹ ›Herr Oberstabsarzt, gut. Verloren? Um so besser!‹ Vielleicht war es mein Fieber, das mir Mut gab! ›Nun, was soll geschehen, Herr Leutnant? Ich habe wenig Zeit.‹ ›Machen Sie einen neuen Gipsverband. Das heißt, wickeln Sie noch ein paar Binden um das Knie.‹ ›Und wozu das?‹ ›Sie haben mich doch gefragt, was ich mir wünsche, Herr Oberstabsarzt‹ ›Schön, Herr Leutnant. Ihr Wille geschehe‹ Sie hatten an meiner Bluse die Bändchen der Tapferkeitsauszeichnungen gesehen und respektierten mich daher. In der nächsten Nacht träumte ich, ich sterbe. Ich wand mich aus dem Gipsverband wie ein Falter aus seinem Gespinste los und schwebte, von Eveline, dem schwindsüchtigen, aschblonden Backfisch liebevoll angestaunt, geradewegs in den Himmel etc., was solche Träume bei 39,9 eben sind.

Merkwürdigerweise erwachte ich am nächsten Tag mit etwas weniger Schmerzen. Ich hätte dies auf die großen Morphiummengen zurückgeführt und mich jeder hohlen Hoffnung auf Genesung enthalten – denn ich hatte seit meinem Herabsinken vom Gaul mit dem Leben abgeschlossen oder abzuschließen geglaubt –, wenn ich nicht auch bemerkt hätte, daß die Sekretmenge etwas abgenommen hatte. Die nächste Nacht war wieder fürchterlich, die Schmerzen wären ohne Einspritzungen absolut unerträglich gewesen. Ich erhielt eine Menge Briefe, wollte sie lesen, es waren Karten von Eveline, dicke Briefe von meiner Frau und, wenn ich mich recht erinnere, auch ein Schreiben meines Vaters und vielleicht auch etwas von Perikles, aber ich war infolge der hohen Temperatur ganz apathisch. Ich ließ die Briefe fallen, streifte die Feldpostpäckchen mit der Hand von der Bettdecke und versank von neuem in die wirren Träumereien. Die Ärzte besuchten mich nur flüchtig. Man wußte, daß ich die lebensrettende Amputation abgeschlagen hatte, man sah von Gewalt ab. Einen einfachen Dragoner hätte man nicht lange gefragt, sondern ihn auch gegen seinen Willen amputiert und gerettet. Bei mir wagte man es nicht.

Ich sah die verwunderten Gesichter der Ärzte, als ich am fünften Tag nach der Einlieferung in Polnisch-Lancut noch lebte. Ich habe nachher erfahren, daß die Sterblichkeit in solchen Fällen nicht weniger als achtzig Prozent betrug. Und da die Statistiken ihre Heilerfolge meist etwas übertreiben, konnte man annehmen, daß von zehn Menschen, die eine solche Verletzung hatten wie ich, neun starben. Die Eiterung ließ noch etwas nach. An dem Gipsverband ließ ich nichts rühren. Es wurde ein Verwundetentransport angekündigt, ein Roter-Kreuz-Zug sollte eintreffen, wann, wußte man nicht, heute, morgen, in drei Tagen. Ich bat, daß man den Verband noch dicker mache. Man tat mir den Willen. Man ließ es mich nicht fühlen, daß ich gegen den – wie ich nachher als Arzt einsah – im allgemeinen richtigen Rat des Oberstabsarztes das Bein behielt. Ich begann zum erstenmal wieder mit Heißhunger zu essen. Ich war derartig abgemagert, daß ich mich wundgelegen hatte. Meine Wangen stießen an die Zähne, und ein Kamerad aus der Schwadron, der nach mir eingeliefert worden war, erkannte mich nicht. Ich fragte nach den Briefen. Sie waren verschwunden. Die Paketchen waren alle da, mein braver Diener hatte sie bewacht. Die Lebensmittel verzehrte ich, den Tabak schenkte ich ihm und den Krankenwärtern. Am letzten Tage in Lancut erhielt ich zwei Karten. Eine stammte von Jagiello, der an der italienischen Front war und ein Tragtierkommando hatte. Er, immer ein großer, starker Mensch, hatte trotz der Strapazen noch nichts von seinem Gewicht, achtundneunzig Kilogramm, verloren und scherzte darüber, daß er den Italienern ein so gutes Ziel geben würde. Die andere Karte stammte von Perikles und enthielt in fast unleserlicher Schrift furchtbare Vorwürfe gegen mich. ›Ein einziges Mal habe ich Deine Hilfe angerufen‹, schrieb er, ›Du hast mich verraten. Du kannst mich bei allem Deinem Neid und Deiner angeborenen Nörgelsucht nicht abhalten, der zu werden, der ich bin, die letzte Leuchte einer alten, die erste einer neuen Zeit. Du hast mich aus meiner Stellung vertrieben, mir verseuchte Weiber auf den Hals gehetzt. Ich. Ich bin in ärgster Not. Menschen meiner Art leben aber nicht von Brot allein. Wenn ich heute sterbe, erhebe ich mich morgen aus dem Abgrund wieder. Laß mich denn Imperator sein! Du bist es nicht. Komm! Du wirst mein erster Apostel. Das Ende des Krieges und der alten Ordnung ist nahe. Du bist ein schlechter Sohn, ein schlechter Vater – sei ein guter Freund! Vergiß mich nicht! Telegraphiere, wann Du kommst, ich stehe auf dem Bahnhof, in unseren alten Wetterkragen gehüllt. Auf immer der Deine. Imperator Perikles.‹ Was sollte ich darauf antworten? War es Wahnsinn? Wahnsinnige Not? Ich dachte lange über ihn nach.

Wir wurden an diesem Tage einwaggoniert, ich konnte erst von dem Transport aus schreiben. Ich versuchte ihn zu beruhigen, legte einige Banknoten bei und bat ihn um Geduld. Ich schrieb ihm, ich sei verwundet, ich käme wahrscheinlich ins Hinterland. Er solle mir über die Adresse meines Vaters schreiben, denn ich wußte, daß meine Frau Puschberg infolge der italienischen Kriegserklärung verlassen habe. Der Transport war eine Wohltat für mich. Der Wagen war gut gefedert, die Schwestern voll Verständnis für meine Lage und bei Tag und Nacht dienstbereit. Da ich mich ohne fremde Hilfe nicht aufrichten oder auf die Seite legen konnte, brauchte ich viel Pflege, auch bei den natürlichen Bedürfnissen. Im Anfang schämte ich mich – als ich aber sah, daß die Schwestern dies sehr sachlich erledigten, gewöhnte ich mich daran. So zerbrechlich die Schwester in meinem Abteil aussah, so brachte sie es ohne weiteres fertig, mich umzubetten, wobei ihr mein Diener half, den ich von der Schwadron mitgenommen hatte. Der Transport brauchte zu der Reise nach Mähren fünf Tage statt sonst einen bis zwei. Sofort nach meiner Ankunft in F. telegraphierte ich meinem Vater, daß ich nach einer schweren Verwundung hierher gebracht worden sei, daß aber keine Lebensgefahr mehr bestehe. Ich bat, mir alle Briefe nachzusenden. Dies taten meine Angehörigen. Es war aber nur eine Karte von Eveline, aber nichts von Perikles gekommen. Ich war immer noch sehr schwach, und die Schmerzen hatten nicht ganz aufgehört, aber sie durchzuckten mich nur manchmal blitzartig, ließen mich nachher wieder einschlafen. Die Eiterung hatte fast ganz aufgehört. Ich hatte abends ab und zu noch leichte Fiebersteigerungen, die Ärzte hielten aber das Bein für gerettet. Ich schrieb dies sehr glücklich meinen Angehörigen, und zum erstenmal wollte ich auch Eveline Bericht erstatten, die vom Regiment aus durch ihren Mann, den Major, erfahren hatte, daß ich verwundet – und neuerlich mit einer hohen Auszeichnung dekoriert – worden war, die ich diesmal nicht verdient hatte. Denn was hatte ich geleistet? Ich hatte gelitten und war dem Tode entgangen.

Als ich gerade eine Nachricht an Eveline aufsetzte und auf meinem eingegipsten Bein den Schreibblock hielt, wurde mir gemeldet, daß mich eine Dame sprechen wollte. Ich erschrak mehr, als ich mich freute. Ich schämte mich, Eveline in diesem Zustande zu sehen und ließ erst fragen, wer es sei. Statt der Antwort kam meine Frau mit meinem Jungen herein, sie fiel mir weinend um den Hals, während mein großer Junge mir scheu die Hand reichte und sich dann hinter seiner Mutter versteckte. Ich bat ihn, hervorzukommen, umarmte ihn fest, faßte ihn trotz seinem Widerstreben an seiner Hand und ließ ihn auf meinem Bett sich niedersetzen. Es rührte mich, daß er jetzt gekommen war, und ich verstand nicht, daß ich ihn früher nie hatte zu mir kommen lassen, als noch Frieden war. Meine Frau machte mir ein Zeichen, daß sie mich allein sprechen müsse, und wir schickten den Knaben hinaus, der seiner Mutter aufs Wort gehorchte, meinen Anordnungen aber nicht. Die beiden verstanden sich auch ohne Worte sehr gut, das war selbstverständlich, denn das Kind hatte sich seit seiner Geburt nie von der Mutter getrennt. Jetzt setzte sich meine Frau, die inzwischen stark geworden war, breit an den Bettrand und behinderte mich etwas, denn ich konnte mit meinem sehr schweren Gipsbein nicht wegrücken. Ich beherrschte mich aber und ertrug sie, denn es war etwas sehr Wichtiges, das sie zu mir geführt hatte, nicht nur die Sehnsucht, ihren verwundeten Mann zu sehen.

Meine Frau lebte jetzt bei meinen Eltern, mein Vater hatte es so gewollt. Meine Mutter war wieder in gesegneten Umständen, und Vally nahm ihr wie in alten Zeiten die Sorgen um den inzwischen noch um zwei Köpfe, Viktor und Theodor, vergrößerten Haushalt ab. Ich fand es richtig und gut, daß die Familie zusammenhielt. Meine Frau hatte aber noch etwas auf dem Herzen, und sie scheute sich zuerst, es auszusprechen. Aber ich mußte ihr sagen, daß die Besucher sich um 6 Uhr aus den Krankenzimmern entfernen mußten laut Hausordnung.

Meine Frau rückte noch näher an mich heran. Ich roch ihr Parfüm, und es war der gleiche Geruch wie in ihrer Dienstmädchenzeit. Was inzwischen gewesen war, schien ausgelöscht. Aber war es nicht. Sie spielte jetzt eine entscheidende Rolle in unserem Haus und ordnete an. Alle, auch mein Vater, fügten sich ihr, wie sie stolz berichtete. Wie war sie mir fremd geworden! Ich hätte weinen mögen – die Tränen saßen nach der Verwundung und angesichts meiner hilflosen Lage sehr leicht –, aber ich beherrschte mich vor ihr und sah sie ernst an. ›Dein Vater ist in Untersuchung‹, sagte sie. Wäre ich ein Mensch mit gesunden Gliedmaßen gewesen, wäre ich aufgesprungen, hätte ich mit einem Freund zu tun gehabt, hätte ich vielleicht aufgeschrien. So aber schwieg ich. Ich ließ sie reden, und sie redete genau so sachlich, wie es mein Vater in ähnlicher Lage getan hatte, zum Beispiel, als er mich hatte kommen lassen, um mir die syphilitische Iris zu zeigen und zu versuchen, mich von Vally auf immer zu trennen. Gerade jetzt mußte ich daran denken, deshalb wurde mir das Schweigen leicht! ›Dein Vater hat ungeheure Ausgaben. Allein die Prämie für Dita beträgt achtzigtausend Kronen.‹ ›Siebzigtausend‹, sagte ich, denn ich hatte die Zahl in Erinnerung. ›Es kann sein‹, sagte sie, ›es ist möglich. Er verdient ja sehr viel. Wir sparen im Haus. Aber das Leben ist sehr teuer geworden. Die Butter, wenn man überhaupt welche bekommt ...‹ › Warum ist mein Vater in Untersuchung?‹ fragte ich hart. ›Es sind nur Gerüchte. Er hat Feinde. Man sagt, er hätte künstliches Trachom gemacht.‹ ›Er hat eine Entdeckung gemacht‹, fragte ich dumm, ›er hat eine neue Untersuchung aufgenommen?‹ Ich glaubte jetzt, ich hätte mich am Anfang verhört. ›Leider nein. Laß mich ausreden. Geniere ich dich? Dann kann ich rücken.‹ Ich schüttelte den Kopf, wandte aber mein Gesicht ab, zur Wand hin, denn sie sollte nicht sehen, was in mir vorging. ›Bleib draußen, Bürscherl‹, rief sie, da sich mein Sohn an der, Tür zeigte, ›wir rufen dich gleich, Maxl. So.‹ Jetzt schwieg sie. ›Worauf wartest du noch? Warum spannst du mich auf die Folter? Was willst du denn noch?‹ fragte ich. ›Ich warte, bis du dich wieder von der Wand zu deiner Frau umdrehst. Ich bin deine Frau. Ich habe das nicht verdient. Glaubst du, ich komme aus lauter Freude und Lust hierher nach F.?‹ ›Ich dachte, du brauchst mich‹, sagte ich. ›Glaubst du das, so sieh mir ins Auge und wende dich nicht weg. Ich spreche nicht für mich. Für mich habe ich mich abgefunden. Das weißt du.‹ Auch jetzt trat ein langes Schweigen ein. Der Junge hatte sich mit den Schwestern angefreundet, und wir hörten ihn im Korridor tollen und jauchzen. ›Nur in meiner Gegenwart war er mürrisch.‹ ›Nun, er kennt dich noch kaum‹, sagte sie weicher, ›was willst du von ihm, woher soll er wissen, daß du sein Vater bist? Er hält eben zu mir, und ich habe nichts außer ihm.‹ Ich atmete auf, da ich aus dieser Antwort entnahm, daß meine Frau nicht mehr damit rechnete, daß ich sie liebe und zu ihr zurückkehre. Auch diesen Gedanken erriet sie und sagte: ›Nein, darin kannst du sicher sein. Nun ist aber der Professor gezwungen gewesen, eine Untersuchung gegen sich zu beantragen. Man hat gesagt, er hätte einen jungen Menschen aus sehr reichem Haus, oder eigentlich mehrere, wegen Bindehautkatarrh behandelt, und es sei Trachom daraus geworden. Trachom aber befreit vom Militärdienst.‹ ›Nicht mehr!‹ sagte ich, ›jetzt wird jeder genommen, der auf zwei Beinen laufen kann.‹ ›Eben das ist es ja‹, sagte meine Frau und stand auf und befreite mich endlich von ihrer allzu nahen Gegenwart, ›das ist der eigentliche Grund. Die jungen Leute müssen geglaubt haben, daß sie durch ihn vom Kriegsdienst frei kommen, sie sind aber genommen worden, und jetzt reut die Leute das viele Geld. Sie haben nicht schweigen können, die Trottel!‹ ›Mein Vater hätte nie so große Honorare nehmen müssen.‹ ›Das sagst du‹, höhnte meine Frau. › Er sorgt eben für seine Kinder. Du nicht.‹ ›Vally‹, sagte ich, ›ich kann mich jetzt nicht verteidigen. Hast du mir nichts anderes zu sagen, geh.‹ ›So. Ich habe dir aber anderes zu sagen. Dein Vater hat die Vorlesungen eingestellt, desgleichen die Prüfungen. Die Untersuchung ist eröffnet, aber man hat bis jetzt nur ein Protokoll aufgenommen. In den Zeitungen darf nichts stehen. Zum Glück gibt es Zensur. Alles liegt in der Hand des Hauptmannauditors von Cz.‹ ›Das ist der Schwager des seligen Obersten?‹ Sie schwieg. ›So, jetzt verstehe ich‹, sagte ich. Nach einer langen Zeit sagte sie, mit ihrer kleinen, schön behandschuhten Hand über meinen Gipsverband streifend: ›Du hast wohl viele Schmerzen gehabt?‹ Ich sah sie nicht an. Ich weinte. Mein Sohn war hereingekommen und sah mich mit seinen großen, nußbraunen Augen streng an, als wäre es nur sein Recht, zu weinen. Meine Frau hielt meinen Sohn an den Schultern fest, aber er stand auch ohnedies aufrecht auf seinen derben, sehnigen Beinen. ›Ich will jetzt gehen‹, sagte sie. ›Du brauchst Ruhe. Ich habe dir Blumen gebracht. Viel bekommt man hier nicht in F. Die Schwester hat sie in ein Glas gesteckt und bringt sie dir gleich herein. Sie wollte uns nicht stören. Ich habe sie gebeten.‹ ›Ich danke dir, ich danke dir‹, flüsterte ich mit heiserer Stimme und langte nach ihrer Hand, die sie mir nicht entzog. ›Was soll ich also dem Professor sagen?‹ ›Ich werde zu ihm kommen, sag ihm, sobald ich transportfähig bin. Vielleicht nächsten Monat.‹ ›Kann es nicht früher sein?‹ ›Ich habe einen langen Transport hinter mir, der Verband muß erneuert werden, man wird das Gelenk mit Röntgenstrahlen untersuchen.‹ ›So, mit Röntgenstrahlen, sagte sie kalt. ›Dein Vater ist in großer Unruhe.‹ ›Ich werde tun, was ich kann. Vielleicht komme ich Samstag.‹ ›Heute ist Montag. Montag, Dienstag ...‹ sie zählte die Wochentage ab, wie sie damals in Puschberg die Monate abgezählt hatte, während deren sie mich besessen hatte. ›Es ist gut, also Samstag, ich werde es ihm sagen.‹ ›Nur eine Frage‹, sagte ich, ›aber schick erst deinen Jungen heraus.‹ ›Laß mich nur, ich gehe von allein‹, sagte das Kind. Nachher fragte ich meine Frau. ›Sag, Vally, hat mein Vater die Honorare zurückgegeben?‹ ›Ja‹, antwortete sie lebhaft, ›das ist es, worum ich ihn immer bitte. Aber er will nicht. Er hängt am Geld wie der Leibhaftige. Bitte, komm sobald wie möglich. Du wirst uns allen eine große Stütze sein. Wir sind alle stolz auf dich! Nein, es ist wahr‹, setzte sie hinzu, denn sie hatte bemerkt, daß ich die Redensart als solche erkannt hatte. Sie beugte sich zu mir herab, aber nicht sehr tief. Ich richtete mich mühsam auf den Ellenbogen auf und erreichte mit meinen Lippen ihre kühle, feuchte, nun schon faltenreiche Stirn ... Sie ging, und Ende der Woche war ich in der Stadt, wo meine Eltern lebten. Ich fragte nach der ersten Begrüßung im Militärlazarett nach Briefen von Perikles, es waren keine gekommen. Ich suchte die Adresse des Auditors, und er antwortete sehr freundlich auf meinen Brief. Mein Vater faßte sofort Hoffnung, daß das Verfahren niedergeschlagen werde. Ich gönnte ihm diese Freude und ebenso meiner Mutter, denn beide waren sehr gealtert und hatten große Sorgen. Ich erholte mich ungewöhnlich schnell, das Knie blieb aber unbeweglich.

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