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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7

Auf dem Heimweg kam ich an einer Kirche vorbei und trat ein. Die Kirche war dicht gefüllt von einer schweigenden, meist auf den Knien betenden Menge. Alles betete für den Frieden.

Gott kann den Krieg nicht zulassen, er ist zu gerecht. Christus hat die Welt erlöst! So dachte ich im Gebet. Ich kam getröstet aus der Kirche heraus. Ich dachte mit Vertrauen auf Gott an meine Zukunft, ich freute mich, mein Kind endlich zu sehen, denn ich hatte mich mit meiner Frau versöhnt. Wir hatten einander verziehen. Ich atmete freier als in den letzten Tagen.

Ich freute mich auf den Beruf, auf die Vorlesungen über Geisteskrankheiten, die ich im nächsten Semester besuchen sollte. Dann wollte ich eine Assistentenstelle in der psychiatrischen Klinik anstreben. Meine Liebe zu meinem Vater blieb trotz allem unverändert. Ich sagte mir immer wieder vor, er habe auch durch die Sendungen an meine Frau trotz allem seine Liebe zu mir bewiesen.

Ich kam daheim an. Meine Wirtin fragte mich, ob es Krieg geben würde. ›Nein‹, sagte ich, ›ich kann es mir nicht denken.‹ ›Geb's Gott, daß der Herr recht hat. Es war jemand für den Herrn hier, er hat gewartet, er ist eben fortgegangen, einen Zettel hat er hiergelassen für Sie.‹ ›Wer? War es mein Vater, der Professor?‹ ›Nein, sicher nicht, den Herrn Vater kenne ich gut. Ein jüngerer Herr, sehr bescheiden, aber sehr lieb, mit dicken Brillen.‹ Es war Perikles. Unter meinem Leuchter sah ich einen Zettel liegen von seiner Hand. Er schrieb: ›Ich habe Dich lange erwartet. Vielleicht komme ich abends wieder, vielleicht nachts. Dein Perikles.‹ Auf der anderen Seite des Zettels hatte er geometrische Figuren hingemalt und ein paar Zeilen mit Bleistift hingekritzelt, dann aber mit dem Daumen wieder auszulöschen versucht, wie wir es als Jungen gemacht hatten. Da ich seine Schrift gut kannte, konnte ich die Worte entziffern, es war eine Art Gedicht: ›Nacht, übertünchtes Grab der blassen Sterne, sinke nieder, / schwinde fort! / Dich aber rufe ich, Tag und Krieg! Du ???komender Gott! / Unter Deinem blutigen Kuß zu sterben, hinzugehen / glühender vor Sehnen. / Es sterbe das Sterbliche! Mächtiges Österreich, / lebe!‹ Ich überlas das Gedicht. Es gefiel mir nicht. Er mußte in großer Erregung geschrieben haben, denn er hatte bei ›kommender‹ ein m fortgelassen. Ich erwartete ihn den ganzen Abend, die Nacht, den nächsten Vormittag. Er kam nicht. Ich mußte ausgehen, ich mußte mich bei der Militärbehörde melden. Man sagte mir, es sei höchste Zeit. In welchem Regimente wollte ich dienen? Der Krieg war noch nicht erklärt.

Als ich am Abend dieses Tages bei meinem Vater war, schlug das Telephon an. Mein Vater führte ein kurzes Gespräch, dann dankte er für den Anruf und drehte die Kurbel, um die Verbindung zu lösen. Er sah mich an: ›Die Würfel sind gefallen. Wir marschieren.‹ ›Der Krieg ist erklärt?‹ fragte ich atemlos. ›Nur gegen Serbien.‹ ›Und Rußland?‹ ›Das weiß der liebe Gott.‹ ›Gott kann den Krieg nicht zulassen‹, sagte ich und erinnerte mich der Menschen auf den Knien in der Kirche. ›Glaubst du? Du glaubst das – natürlich! Ich aber sehe nicht ein, welchen Sinn es haben soll, Gott zu kritisieren. Wer wollte ihn hindern? Hast du dich schon entschieden? In welchem Regiment willst du dienen? Bist du dazu fest entschlossen? Du hast immer noch die Möglichkeit, in meiner Sammelstelle unterzukommen.‹ Ich schüttelte den Kopf und schwieg. Ich konnte keinen freien Atemzug tun. Man hörte Judith mit ihrem Eigentum, dem kleinen Viktor, herumtollen, und ihre schrille kreischende Stimme zerriß mir die Ohren. ›Ich will dich nicht aufhalten‹, sagte mein Vater und stand auf. Jetzt handelt es sich darum, männlich sein und unser teures Vaterland ... das heißt, wir müssen eben siegen. Mit dem deutschen Bruder im Bunde werden wir der ganzen Bande widerstehen. Kopf hoch! Willst du mitkommen?‹ ›Mitkommen? Wohin?‹ ›Nur zur Mutter. Ich muß ihr und Judith die Sache schonend beibringen ...‹ Ich ging. Am gleichen Abend sandte ich einen Expreßbrief an den Oberst von Cz., den Vater meiner ehemaligen Liebe Eveline, da er mich immer aufgefordert hatte, mich in schwierigen Fällen an ihn zu wenden. Ich erhielt die Antwort erst nach drei Tagen, inzwischen hatten die Mittelmächte, Serbien und Rußland einander den Krieg erklärt, und der Einmarsch nach Belgien hatte begonnen. Der Oberst schrieb mir nicht von seinem Gute aus (wohin ich meinen Brief gerichtet hatte), sondern aus einer kleinen Garnison, Radautz in dem Kronland Bukowina. Er konnte mir nichts anderes raten, als in sein Dragonerregiment einzutreten, wenn ich noch die Wahl hätte. Er hoffe mich noch vor dem Abmarsch seines Regiments in Radautz zu sehen. Wenn nicht, würde er seinem Schwiegersohn, dem Rittmeister von Kscalsky, einen Bescheid hinterlassen, sich nach Kräften um mich zu kümmern. ›Deine Ausbildungszeit bei unserer Truppe beträgt mindestens sechs Monate. Wir hoffen alle, daß bis dahin alles wieder beendigt ist. Eveline läßt Dich grüßen, sie freut sich, ihren Jugendkameraden wiederzusehen. Jagiello hat sich gestern bei den Kaiserjägern gemeldet, doch ist der Andrang dort so groß, daß man ihm keine Hoffnung gemacht hat, daß er noch im Winter eingereiht werden kann. Du wirst ihn daher vielleicht auch in Radautz wiedersehen. Dein alter Onkel Joseph von Cz.‹ Ich wartete in meiner fürchterlichen Verzweiflung und Einsamkeit nichts mehr ab, sondern reiste nach einem kurzen Abschied von meiner Familie nach Radautz. Ich meldete mich bei dem Kommando des Dragonerregiments, in einer sehr ruhigen und von den Stürmen dieser Zeit unberührten Regimentskanzlei, obwohl Radautz nicht sehr weit von der russischen und rumänischen Grenze entfernt lag. Der Oberst war leider schon fort. Ich war morgens gekommen, mittags untersuchte mich der Regimentsarzt und bestätigte den früheren Befund, daß ich ›kriegstauglich mit der Waffe‹ sei, und ich wurde mit einer Anzahl anderer Rekruten auf Kriegseid genommen. Da sich bei diesem Regiment keine Einjährigfreiwilligenschule befand, mußte ich nach Czernowitz weitergehen. Der Rittmeister war sehr höflich, aber kalt. Er lud mich am Abend zu sich ein, und ich sah Eveline wieder. Sie war in großer Unruhe. Sie sorgte sich um ihren Vater, und, wie es mir fast schien, sorgte sie sich auch um mich. Der Rittmeister ließ uns keinen Augenblick allein. Ich hätte das Alleinsein nicht mißbraucht. Denn obwohl sich etwas in mir regte, was ich bei meiner armen Frau nie empfunden hatte und das ich nur als eine neue Qual zu den anderen Qualen empfand, achtete ich sie als die Tochter meines väterlichen Freundes. Und wie sollte ich mich einer Liebe hingeben zu einer jungen verheirateten, unbeschreiblich schönen Frau, ich, der ich an meine Frau in Puschberg und an mein Kind gebunden war. Sie sah sehr blaß aus und hustete oft. Wir drückten uns zum Abschied die Hand. Aber an der unwilligen Ungeduld, mit der sie die ihre sofort wieder wegriß, sah ich, daß sie mich nicht ganz ruhig gehen ließ. Ich mußte ihr versprechen, sie und ihren Mann zu besuchen, bevor ich ins Feld abginge. Der Rittmeister hatte das Pferdeaufkommen für das Regiment zu regeln, und es war anzunehmen, daß er noch einige Zeit im Hinterlande blieb. Als ich aber in meinem Zuge saß, schwor ich mir, nicht nach Radautz zurückzukommen. In Czernowitz begann die Einjährigenschule für die Offiziersaspiranten verschiedener Regimenter sofort nach meinem Einrücken.

Mein ganzes Dasein war von nun an geregelt, und ich hatte keine Verantwortung für mich. Ich war ein ganz annehmbarer Dragoner, nicht der schlechteste Reiter, zuerst ein mäßiger, dann ein mittelguter Schütze, und kein energieloser schwacher Vorgesetzter. Denn ich hatte bald die ersten Sterne an dem Kragen meiner blauen Attila erhalten und nahm meinen Dienst so ernst, wie ich meine Arbeit als Mediziner genommen hatte. Hier lag keine Schwierigkeit. Sie lag einzig in meiner Verzweiflung, ich konnte Gott den Verrat an meinen Idealen nicht verzeihen, empfand die Feldgottesdienste und anderen religiösen Veranstaltungen als Hohn.

Von meiner Frau kamen lange, sehr gebildete Briefe, sie gab sich Mühe, mich aufzuheitern, mich abzulenken, mich über das Wachsen und Gedeihen unseres Kindes zu unterrichten. Ich konnte aber all dies nicht ernst nehmen. Als wir von Czernowitz nach Radautz zurückkamen, verließ ich die dortige Kaserne nicht. Der Rittmeister, der die letzte Parade abnahm, schien mich unter den anderen Kadetten (ich hatte diesen Rang erreicht) nicht bevorzugen zu wollen, und ich ging mit einer Marscheskadron von Radautz im Vorfrühling 1915 mit ›unbekannter Bestimmung‹ ab. Wir wußten jedoch alle, daß wir in den Karpathen eingesetzt würden.

Die Reise war also nicht weit. Wir wurden in einer kleinen Station, kurz vor einem gesprengten Eisenbahnviadukt, mit unseren schönen Pferden auswaggoniert und begannen noch am gleichen Abend den Anstieg in das noch tief verschneite, bläulich verschattete Waldgebirge. Die Straßen waren vereist, sie stiegen in Kurven und Serpentinen empor. Sie waren in nie abreißender Kette von landesüblichen Fuhrwerken erfüllt, die von kleinen ponyartigen Pferden gezogen wurden. Dazwischen kamen hurtige Tragtiere, kleine und große Pferde, Maultiere und Esel, auf dem Rücken Holzgestelle mit wohlausgewogenen Lasten Munition oder Heu. Am Straßenrande sah man aufgebläht riesige Leiber von mächtigen Pferden unter der verschneiten Erde sich abzeichnen, und der Kadavergestank nahm mir den Atem. Ich konnte meine Abendration in einem verfallenen, bis auf die Herde vollständig ausgebrannten Dörfchen nicht zu mir nehmen. Nach und nach nahm das Land das Wesen des Hochgebirges an. Der Transportführer wollte bis Plawie kommen, wo uns die Verbindungseskorte mit unserem Regiment erwartete, wir kamen aber nicht so weit. Gegen zehn Uhr abends wichen wir von der verstopften, im Dunkeln unheimlich belebten Straße ab. Wir stellten die Gäule im Kreise auf, holten Holz und machten Feuer an. Von weitem hörte man vom Gebirg her das fortlaufende Tacken der Maschinengewehre und dazwischen die Einschläge der Geschütze in der mondhellen Nacht, die gute Ziele gab. Unsere Maschinengewehre waren im Inneren des Kreises. Einige versuchten, in ausgebreiteten Zeltblättern, den Mantel am Halse hochgeschlagen, den kurzen Stutzen neben sich, zu schlafen, andere, wie ich, konnten es nicht. Alle litten sehr unter der Kälte und waren glücklich, als gegen drei Uhr morgens der Befehl zum Weitermarsch kam. Ich war so schlaftrunken, daß ich im langsamen Trab auf meinem Pferde einschlief. Was mich immer erweckte, war der Kadavergeruch, der trotz der Kälte von den Pferde- und Soldatengräbern zu Seiten des gewundenen, steil aufsteigenden Pfades her zu uns drang. Es hieß, daß es am Tage immer taue. Es kamen uns leere Wagentransporte entgegen, auch Schlitten, auf den Laternen die Zeichen des roten Kreuzes, die die Verwundeten und Typhuskranken in das Tal beförderten. Ich sah mich nicht um, ich ließ alles an mir vorbei.

Der Oberst empfing mich und einen anderen Kadetten, den Grafen W., sehr freundlich. Der ›Onkel‹ (so hatte ich ihn auf dem Gut ansprechen müssen) war etwas gealtert. Er trug nicht die elegante Kavallerieuniform der Dragoner, sondern eine feldgraue schmucklose Jacke ohne Abzeichen seines Dienstgrades und dazu gut geschnittene, sandgraue Breeches, auf dem Kopfe hatte er eine randlose Mannschaftsdragonerkappe. Er lud mich zur Offiziersmesse ein, die in einer geräumten Bauernhütte abgehalten wurde. Unser Regiment war zum Teil in Maschinengewehrabteilungen zu der deutschen Infanterie detachiert, zum Teil hatte es Aufklärerdienst bei der k. u. k. Division zu machen, auch Beobachtungsposten bei der Artillerie und Verbindungsstafetten wurden von dem Oberst und seinem Adjutanten abgefertigt. Er ließ mich nicht von seiner Seite, obwohl ich ihm sofort gemeldet hatte, daß ich seine Tochter seit Monaten nicht mehr, und Jagiello überhaupt nicht gesehen hatte. Er schien an mir sehr Anteil zu nehmen, er fuhr mir langsam über das Haar, während er aus einer kurzen Pfeife paffte, er ließ mich nach dem Essen (das in einer streng dienstmäßig geordneten Runde um einen großen Tisch herum eingenommen wurde und bei dem ich natürlich weit von ihm zu sitzen kam) einen Spaziergang machen, wobei er nur einen Reitstock mitnahm, aber weder Feldstecher noch Revolver. An diesem Abend machte er mir keine weiteren Mitteilungen. Ich war in den ersten Tagen fast erschlagen vor Müdigkeit. Der Dienst war schwer, aber man konnte ihn ertragen. Verluste hatten wir nicht. Erst nach drei Wochen, als ich mich eingewöhnt hatte, nahm er mich noch ein zweites Mal mit, und dabei sagte er mir etwas, das er wahrscheinlich allen anderen Kameraden verschwieg, sofern sie nicht auch polnischer Nationalität waren.

In unserem Regiment gab es verschiedene Nationen, Ruthenen, Deutsche, Polen und Tschechen. Oft verständigte man sich außerhalb des Dienstes natürlich – in französischer Sprache, aber dies wurde vom Obersten bald verboten, weil zwar die Polen fast ausnahmslos französisch sprachen, die Ruthenen und Deutschen aber nicht. Außerhalb des Dienstes konnte natürlich jeder reden, wie er wollte. Der Offiziersbursche, den Graf W. und ich gemeinsam hatten, war ein Tscheche, ein stiller, aber vollständig furchtloser, braver Mensch. Er konnte fast kein deutsches Wort, versah aber immer den Dienst ohne jeden Tadel. Ich verstand das Französische ganz gut, antwortete dem Oberst aber immer in deutscher Sprache. Er vertraute mir heute in deutscher Sprache im Walde an, daß für einen der allernächsten Tage ein großer Angriff auf die von den Russen stark ausgebaute Stellung nördlich Niedelow-Uchanie (er zeigte mir die Orte im Schein der elektrischen Taschenlampe auf der Generalstabskarte) geplant sei. Wir hörten schon heute nacht hier unten ein sehr lebhaftes Artilleriefeuer, das von den österreichischen und deutschen Geschützen kam und dem die Russen ein noch stärkeres entgegensetzten, denn damals hatten sie noch reichlich Munition. Die Zufuhr war für sie am Ausgang des Gebirges viel leichter, während wir die schlechtesten Zufahrtsstraßen zu überwinden hatten, und so kam es leider, daß von dem schönen Pferdetransport, den wir mitgebracht hatten, mehr durch Strapazen als durch Treffer, fast alles zu Grunde gerichtet war. Daher die vielen Pferdekadaver an dem Straßenbord. – Der Oberst war heiter. Er machte Witze, er sprach mit Gleichmut von dem Fall der Festung Przemysl. Erst als wir von dem kleinen Rekognitionsgang von den höchsten Infanteriestellungen durch den immer noch tief verschneiten Wald heimgingen, sagte er, so nebenbei: ›Halte dich dann immer bei mir, Kadett!‹ ›Wie meinen das Herr Oberst?‹ ›Wie das dein alter Onkel meint? Morgen geht es los. Wollte Gott, es wäre das letztemal. Höre Kadett. Trifft es mich, bin ich hin, gut. Trifft es mich, bin es heil‹ (manchmal sprach er mit Absicht nicht ganz korrekt), ›noch besser. Aber trifft es mich, bin ich ein Krüppel, habe ich zu leiden lange, mach Schluß! Verstanden, Kadett?‹ ›Das kann ich nicht, Herr Oberst!‹ ›Du brauchst nichts zu tun. Blutet es, laß verbluten. Einfaches Rechnung. Nicht, daß ich Angst vor Schmerzen hätte. Mensch sein, Schmerzen haben, eines wie anderes. Aber mit Gewalt?‹ ›Wie meinen das Herr Oberst?‹ ›Mit Gewalt soll dein Oberst sein Unglück nicht überleben wollen.‹ ›Wir können durchkommen, wir sind stark‹, sagte ich. ›Du ja, Kadett, ich nicht! Ich bin Pole. Ich bin österreichischer Offizier. Habe mein ganzes Leben meinem Kaiser gedient. Mich führt niemand zur polnischen Legion. Siegt Österreich, kann ich als Pole nicht weiterleben. Siegt Rußland, kann ich als österreichischer Offizier nicht weiterleben. Einfaches Rechnung, Kadett? Und sieh her, die slawischen Brüder, wie sie jauchzen und die Mützen schwingen!‹ Er wies auf die Landstraße, wo armselige, ausgehungerte polnische Bauern in ihren zerschlissenen Anzügen, meist ohne Pelze (viele hatten dafür ärarische Säcke um ihre spitzen Knie gewickelt) über den Deichseln ihrer kleinen Plachenwagen saßen und ihre ebenso armseligen Pferdchen – wie tief waren die Grate eingesunken, wie struppig waren die Felle über den hervorstehenden Rippen und Hüftknochen! – mit vielen Peitschenhieben und noch mehr Geschrei antrieben, damit sie die steile Höhe Chomy in den ausgefahrenen, gefrorenen, knirschenden Wagenspuren nähmen. Auch viele jüdische Fuhrleute waren darunter, erkennbar an ihren langen Ohrenlöckchen. Das waren die ›Pilgerim‹ meines Vaters in ihrer Heimat, im Dienst, in ihrem Elend wie die andern ›landesüblichen‹ Fuhrwerker. ›Schwingen sie ihre Mützen, die polnischen Juden, jauchzen sie?‹ fragte er mich. Er kannte keine ›Pilgerim‹.

Plötzlich aber begann er zu lächeln, und nun lachte er, bohrte seinen Spazierstock in den Schnee, faßte mich am Ärmel meines kurzen Pelzes und sagte: ›Du hast doch studiert, Kadett? Da kennst du dich großartig aus in den – Sternen?‹ Ich nickte. ›Kennst du diesen hier?‹ Und er zeigte auf den Sirius, der zwischen den hohen Tannen in der klaren Nacht gut zu sehen war. Ich entsann mich, daß ich und Jagiello, Eveline und er uns in einer Nacht vor Jahren auf seinem Gut über den Namen eines Sternes gestritten und dann um zehn Tafeln Schokolade gewettet hatten, die wir aber dann alle gemeinsam aufaßen, weil niemand den Streit hatte entscheiden können. ›Ja, es ist der Sirius, glaube ich.‹ ›So? Und gehört der Sirius auch noch zu Österreich?‹ Er lachte etwas unnatürlich, so wie ich ihn nie hatte lachen hören, eben mit Zwang, mit einer Art Angst. Auf den Sternen sollen ja die Toten weiterleben. Das haben jetzt die Gelehrten herausgefunden. Wir gehen jetzt in die Baba (Bett), unter die warme Pelzdecke im Quartier und schlafen, bis der nächste Tag uns weckt. Schlaf gut, Kadett. Meine Tochter ist böse auf dich. Du hättest dich verabschieden können von ihr, denn ich bin dein Oberst.‹

Erst am übernächsten Tage kam der Befehl zum Sturm. Die meisten Soldaten und Offiziere nahmen diese Nachricht mit Freude auf, denn sie litten sehr unter der Kälte und dem Ungeziefer in den Unterständen die wir nicht heizen durften (und das mitten im holzreichsten Urwalde!), um durch den Rauch nicht den immer wachsamen Russen die Stellungen zu verraten, die sie übrigens ohnedies genau kannten.

Unser Oberst hatte am Tage zuvor eine Zustellung vom Armeekommando erhalten. Er sollte zum Generalmajor befördert werden und eine Brigade führen. Er wollte sich aber, wie er den Offizieren bei der letzten Tafelrunde bei krachendem Holzfeuer, Kerzenschein, weißen Tischtüchern und Champagner sagte, noch einmal bei der Truppe austoben. Mich sah er während des langen und nicht sehr interessanten Abends (Weiber, Auszeichnungen, Pferde – Pferde, Beförderung, Weiber) kaum an.

Am nächsten Tag stürmten wir neben den deutschen ostpreußischen Truppen der Südarmee von Linsingen die Höhe von Korostow, Triangel 1228. Ich war während des Angriffs, der morgens um neun Uhr begann und nachmittags gegen fünf erfolgreich endete, an der Seite des Obersten, wie er es befohlen hatte. Wir waren durch drei oder vier Stacheldrahtverhaue mit spanischen Reitern durch, desgleichen durch nicht weniger als fünf mit Eisentraversen ausgebaute, bombensichere, jetzt mit Toten und Verwundeten bis zum Grabenrand ausgefüllte Stellungen. Wir stürmten diese Gräben, unter meinem Absatz sank einmal eine menschliche Kehle grauenhaft krachend zusammen, wir traten in das Fleisch und sahen nicht rechts noch links. Das Seitengewehr und die Handgranate in den Händen, die schirmlose Kappe tief ins Gesicht gedrückt, als könne sie die Augen schützen, so arbeiteten wir uns durch den Wald empor, hörten in den Zweigen die Kugeln pfeifen und dann dröhnend ohne Unterbrechung in den Schluchten die rollenden Abschüsse und prasselnden und pfeifenden, heulenden Einschläge der Artillerie. Die russischen Geschütze trafen gut. Auch die unseren, aber die Verbindung zur Artillerie war schwer. Mein Kamerad aus der Offiziersschule in Czernowitz, der Kadett Graf W., wurde leicht verwundet gegen Mittag. Viele sind gefallen.

Wir anderen waren schon am jenseitigen, waldfreien Abhang, und das wüste Flankenfeuer schien nachzulassen, als der Oberst plötzlich stolperte, fiel, und wie eine Kugel (er war ein dicker, starker Mann) den Abhang hinunterrollte. Ich ihm nach. Er griff nach seinem Überschwung, dem Leibgurt, er riß an ihm, als beenge er ihn. Ich nahm ihn ab und merkte, daß mein Oberst sachte aus einer Wunde etwas über dem Gürtel blute. Er merkte nichts. Er sah mich erstaunt aus seinen lieben, eisengrauen Augen an, die denen meiner Eveline ähnelten. Er verlor das Bewußtsein. Er wurde fahl. Der Regimentsarzt, der tapfer den ganzen Sturm ohne Waffe mitgemacht hatte, war sofort bei ihm. Er hielt ihn nicht für verloren, gab ihm irgendwelche Tropfen und verbot, an seiner Tragbahre zu rühren. Auf dieser Tragbahre starb noch in der Nacht der Oberst von Cz.

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