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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5

Meine Frau wollte durchaus nicht, daß ich sie nach Puschberg begleitete. Sie fühlte sich jetzt meist sehr bedrückt. Sie zögerte mit der Abreise. Wir waren mehr zusammen als früher, da sie ihre Stelle aufgegeben hatte. Sie versuchte die freie Zeit nützlich anzuwenden, las viel, strickte dicke Socken für mich, kochte mir auf dem Spiritusbrenner meine Mahlzeiten, so daß wir zu zweit nicht viel mehr als den Betrag verbrauchten, den ich für mich selbst benötigt hatte. Es fiel mir sehr schwer, sie in ihrem Zustande allein die weite Reise machen zu lassen, aber ich sah ein, daß sie recht hatte. Meine Mitreise hätte zuviel gekostet. ›Und ich soll dich erst im Sommer sehen?‹ fragte ich. ›Wenn du dann noch willst‹, antwortete sie trübe. Ich faßte nach ihrer Hand. ›Ach laß mich, ich bin nicht mehr anzusehen, die Haare fallen mir in Büscheln aus, ich bin nur noch Bauch und was so darum schlampt. Aber nein, das ist alles nur Unsinn‹ – sie löschte die Kerze aus, die uns aus Sparsamkeitsgründen statt einer Petroleumlampe als Beleuchtung diente, und küßte mich und weinte. Aber sie hielt mich von sich fern, und ich achtete ihre Scham.

Auf die Reise gab ich ihr die schöne Kopfgarnitur mit, Haarbürste und Kamm, die ich von meiner Mutter erhalten hatte, und machte mich dann in meiner Einsamkeit mit aller Kraft an die Arbeit. Ich war im Seziersaal gern gesehen, da ich mit der größten Sorgfalt präparierte. So kam es, daß mir andere Studenten die ihnen zugewiesenen Teile zum Sezieren überließen, da es ihnen nur darauf ankam, die fertigen Präparate dem Assistenten vorzuweisen, einem jungen Ungarn, der mich bald unter den vielen Studenten wiedererkannte. Ich hatte infolgedessen Gelegenheit, wiederholt die oberen Halspartien zu präparieren, und stieß regelmäßig etwa an der Gabelungsstelle der großen und der kleinen Halsschlagader auf ein etwa hirsekorngroßes Gebilde, das ich zuerst als eine Zufälligkeit, dann als krankhaft geschwollenes Lymphdrüschen ansah. Da es aber regelmäßig wiederkehrte, schlug ich die ausführlichsten Lehrbücher nach, studierte in der Bibliothek die großartigen englischen und französischen Atlanten der menschlichen Anatomie – nirgends wurde seiner Erwähnung getan.

Meine Frau war inzwischen in Puschberg angekommen, hatte aber außer zwei kurzen Karten keine Nachricht gegeben. Es war Ende Januar, es kam die erste, dann die zweite Februarwoche, immer noch hatte ich keine Nachricht. Meine Frau sollte, sobald die ersten Anzeichen bemerkbar wurden, das heißt, sobald die ersten Wehen eintraten, keinesfalls aber später, in die kleine Stadt S. in Tirol fahren, wo sich ein ziemlich gut eingerichtetes Bezirksspital befand. Ich sandte ihr Anfangs Februar von meinem Stipendium noch einen größeren Teilbetrag, damit sie diese kleine Reise zweiter Klasse machen könnte, aber auch darauf antwortete sie mir nicht.

Ich machte zufällig dem Prosektor von der kleinen Drüse an der Carotis Mitteilung, er wollte es nicht glauben, und so präparierten wir gemeinsam, nachdem der Seziersaal von den anderen Studenten verlassen war. Wir fanden das, was ich immer gefunden hatte, und beeilten uns, das kleine Gewebestück in eine Härteflüssigkeit einzulegen, um es nachher schneiden, härten und systematisch mikroskopieren zu können. Der Prosektor war sehr erstaunt über die Kenntnisse, die ich entwickelte, mir kam es nur selbstverständlich vor, daß ich das Oberflächlichste wußte, was eben ein junger Student in einigen Monaten erfassen konnte, der keinen Überblick über den gesamten Organismus hat.

Ich dachte nur daran, vor zehn Uhr abends wieder daheim zu sein, denn dadurch ersparte ich die zwanzig Heller ›Sperrgeld‹, und selbst diese winzige Summe, die ich in guten Zeiten einem Bettler auf der Straße schenkte, spielte eine große Rolle in meinem Haushalt. Ich kam noch rechtzeitig fort, und ich hoffte, ich würde daheim unter dem Messingleuchter, dem gewöhnlichen Platz, einen Brief oder eine Karte von Vally vorfinden. Es war aber nichts gekommen. Ich zog mich im ungeheizten Zimmer aus, mein in Papier eingepacktes Abendbrot, bestehend aus zwei sogenannten Schusterwecken und einem Brimsenkäse, ließ ich unberührt, und als ich nachts erwachte, wußte ich nicht, erwachte ich aus Hunger, aus Kälte oder aus Sorge um meine arme Frau. Am nächsten Tage setzten wir die Arbeit an der Carotisdrüse fort, fanden sie aber diesmal so klein oder so verkümmert, daß uns wieder Zweifel ankamen, ob man es mit einem regelmäßig vorkommenden Gebilde zu tun habe. Wir zogen noch einen dritten bei, einen Tschechen namens Peèírka, der sich sehr für Drüsen interessierte, die damals in der medizinischen Wissenschaft zum erstenmal mit großem Interesse beobachtet und in ganz Europa und Amerika in den Instituten erforscht wurden. Er war noch ungläubiger als der Ungar Mihváry, und wir mußten, da es Sonnabend war und die frischen Leichname erst Sonntagabend geliefert wurden, noch etwas Geduld haben.

Ich konnte mich in meiner Bedrückung über Vallys Schicksal nicht mehr beherrschen. Sollte ich telegraphieren, vielleicht gar mit Rückantwort wie zu Judiths Zeiten, als nämlich meine Mutter vor der Geburt Judiths stand? Sollte ich meinem Vater Mitteilung machen? Er war und blieb mein Vater.

Schließlich wandte ich mich an Peèírka, der einen Trauring trug. (Ich und meine Frau hatten uns geeinigt, unsere Trauringe vorläufig nicht zu tragen, solange wir noch keinen gemeinsamen Haushalt errichtet hatten.) Er klärte mich auf, wir rechneten den ungefähren Termin der Geburt aus und kamen auf Anfang Februar spätestens. Jetzt waren wir aber schon in der dritten Woche. Er konnte sich das Rätsel nur schwer erklären, meinte aber, es bestünden zwei Möglichkeiten, entweder habe meine Frau noch nicht Zeit gehabt, mich von dem bereits erfolgten glücklichen Ereignis in Kenntnis zu setzen, oder es handle sich um eine ›übertragene Frucht‹, missed labour genannt. Ich fragte, ob dies eine Gefahr bedeute. ›Wenn die Frucht lebt, nein, wenn sie abgestorben ist und faul, ja.‹ Es überrieselte mich heiß und kalt, mein und Vallys Kind eine Frucht nennen zu hören, die ›faulen‹ konnte. Schließlich aber beherrschte ich mich, dankte dem Prosektor und ging heim. Diesmal mußte ich Sperrgeld zahlen und hatte sogar noch größere Ausgaben, denn als ich vor der geschlossenen Haustür stand – die nächste Turmuhr hatte kaum den letzten Glockenschlag zehn getan –, graute es mir so sehr vor dem Alleinsein und dem kalten, öden und dabei doch engen Zimmer, daß ich vor allem ein nahegelegenes Wirtshaus aufsuchte und mich mit einem Seidel Bier in die dunkelste Ecke setzte, bis die Lichter ausgelöscht wurden.

Am nächsten Tage kam nur eine Post. Kein Brief von ihr. Ich entsann mich der bösen Stunden, die ich Vally seinerzeit in A. wegen, der unüberlegten Worte: ›hoffentlich ist deine Mutter bald erlöst‹, oder so ähnlich, zu verdanken hatte, ich konnte nicht anders als plötzlich eine Aufwallung von Jähzorn empfinden. Dann wieder dachte ich an ihr dünnes Mäntelchen, es kamen mir andere Augenblicke aus unserer Liebeszeit in die Erinnerung zurück, und ich verbrachte einen erträglichen Sonntag, ja sogar auch eine erträgliche Woche. Aber auch nach Ablauf dieser Woche hatte ich noch keinen Brief von ihr. Ich mußte einen Entschluß fassen. Der Entschluß war leicht gefaßt, denn er war einfach. Es gab nur zwei Hindernisse. Erstens der Mangel an Geld, zweitens der Mangel an Zeit. Der Prosektor Mihváry hatte mich ausdrücklich gebeten, mich in der kommenden Woche von den Vorlesungen und Übungen frei zu halten, um mich ganz den mikroskopischen Untersuchungen der unbekannten Drüse zu widmen. Ich hatte es versprochen, jetzt mußte ich absagen und zugleich den gutmütigen und sehr an mir interessierten Prosektor Peèírka bitten, mir fünfzig Kronen zu leihen. Ich war Militärstipendist, es bestand keine Gefahr bei mir, der Prosektor, Mann einer sehr vermögenden, schönen und jungen Frau, hatte volles Verständnis für meine Lage. Etwas beruhigt kehrte ich also diesen Sonnabend heim und zahlte ruhig die zwanzig Heller. Daheim sah ich zu meiner größten Freude etwas unter dem Messingleuchter schimmern. Es war ein dicker Brief. Und ich hatte keine Zündhölzer, und meine Wirtin schlief. Aber das waren keine Hindernisse, ich lief die paar Treppen wieder hinab, klopfte die Portiersfrau aus dem Bett und bekam Licht. Den Brief hatte ich mit. Die gutmütige Frau sah, in ihr schwarzwollenes Umschlagtuch eingewickelt, an den Füßen warme gefütterte Schlapfen, zu, wie ich den Brief aufriß. Aber es war eine traurige Überraschung für mich, denn nicht Vally, sondern nur Perikles hatte geschrieben. ›Eine Unglücksnachricht? Ein Todesfall?‹ fragte das brave Weib. Ich schüttelte den Kopf, konnte mich aber der Tränen nicht erwehren. In der Kälte kehrte die Frau schnell in ihre Loge zurück, und ich löschte noch auf der Treppe das Licht wieder aus, das ich so mühsam errungen hatte. Ich konnte den Brief eines Perikles auch am nächsten Tage lesen.

Er schrieb wie immer wenig Persönliches. Er war im Begriffe, einen Lehrauftrag zu erhalten (mit kaum zweiundzwanzig Jahren! Er war etwas älter als ich). Er fragte mich nun dringend um einen Rat. Diesmal in keiner unglücklichen Liebesangelegenheit. Diesmal war ja ich der unglücklich Liebende.

Es handelte sich um seine Probevorlesung, und er schwankte zwischen zwei Themen: ›Psychologische Gefahren der Philosophie‹ hieß das eine, ›Moral der Kraft‹ das andere. Der Brief setzte beide Themen mit bewunderungswürdigem Scharfsinn und einer Fülle von großartigen Ideen auseinander, aber ich wollte oder konnte diesmal nicht folgen. Er schrieb, er hätte jetzt reichliche Geldmittel, wohlwollende Freunde, auch eine wundervolle Gönnerin. Ich solle ihm telegraphisch sofort meine Ansicht mitteilen (sechs Monate lang hatte er keine Zeile an mich gerichtet!), und er hatte einen Fünfmarkschein beigelegt. Ich antwortete nicht. Es bereitete mir eine traurige Freude – aber kann man das eine Freude nennen? –, daß ich ihn auf Antwort warten ließ und daß ich das Geld für meine Reise benutzte, die ich am Montag sehr früh morgens antrat, obwohl ich dem Prosektor ehrenwörtlich hatte versprechen müssen, ich würde zumindest noch einmal vor meiner Abreise ins anatomische Institut kommen. In der Lage, in der wir uns befanden, Vally und ich, glaubte ich, so handeln zu müssen.

In unserer Stadt taute es schon, aber auf der Reise fand ich überall eine hohe Schneedecke. Auf der letzten Umsteigestation sagte man mir, die Strecke nach Puschberg sei wegen Schneeverwehung und Lawinengefahr gesperrt, man könne nur bis Erdbergsweg kommen, höchstens bis Goigel, auch die Postsendungen gingen nur bis dorthin. Aber es war möglich, daß die Strecke noch im Laufe des Tages frei würde.

Wir kamen spät nach Mitternacht in Goigel an. Draußen schneite es mächtig. Der Zug ging nicht weiter. Man sah eine Schneemaschine unter Dampf auf einem Nebengeleise stehen, das Licht der zwei Laternen fiel auf den schwarzen, eisernen, mannshohen Korb, der den Schnee von den Schienen fortschaffen sollte.

Da um diese Zeit auch der weite Weg in den Ort schwierig war, überließ es der Bahnhofsvorstand den spärlichen Reisenden, entweder im Wartesaal oder in dem Abteil den Morgen abzuwarten. Ich zog das letztere vor, drückte mich in eine Ecke und versuchte zu schlafen. Aber ich erwachte oft, immer sah ich zum Fenster hinaus und sah zwar den mächtigen Schneepflug noch dampfen, aber er selbst war schon über einen halben Meter hoch von neuen Schneemassen umgeben. Gegen sieben Uhr begann es heller zu werden, in den nahen Bäumen sauste es, der Wind hatte sich gedreht, die Kälte war nicht mehr trocken und schneidend wie in der Nacht, sondern eher lastend, feucht und schwer. Ich machte mich auf den Weg vom Bahnhof Goigel nach Puschberg, den ich im Sommer ab und zu gegangen war und der etwas über zweieinhalb Stunden dauerte – bergauf, bergab und wieder bergauf, denn Puschberg liegt auf der Höhe des Sattels. Als ich einige hundert Schritte vom Bahnhof entfernt war, kam mir der Briefträger nach, der in der jetzigen Notzeit, wie ich erfuhr, den täglichen Dienst von hier aus besorgte. Die Absendung und der Empfang von Briefen waren in den letzten Tagen oft unterbrochen gewesen, jetzt hatte man einen Notverkehr eingerichtet. Ich atmete auf, trotz meiner Bedrückung. Vielleicht hatte Vally mir geschrieben, und durch die Wetterverhältnisse hatte der Brief zu lange gebraucht. Ich wollte nicht bedenken, daß es doch drei Wochen waren, seitdem ich Nachricht von meiner lieben Frau entbehrte. Der Briefträger, ortsfremd, kannte mich nicht, aber er kannte natürlich die Bürgermeisterfamilie im Dorf. Zuerst klärte er mich, mühsam neben mir durch den hohen Schnee stapfend, darüber auf, daß die Familie meiner Frau, Eschenober, seit Jahr und Tag tief in Schulden sei, und Vater Eschenober sei nicht mehr Bürgermeister. ›Und die Tochter?‹ fragte ich zitternd. ›Frieren Sie so?‹ gab der Briefträger zurück, meinen etwas abgeschabten Stadtmantel von der Seite betrachtend. ›Die Tochter?‹ wiederholte ich. ›Welche denn, die ältere oder die hübsche, die kleine?‹ ›Die Walpurgis‹, sagte ich. ›Ja, die! Die ist lange in der Stadt im Dienst gewesen, sagt man.‹ ›Und was noch?‹ brachte ich mühsam hervor. ›Schlagen Sie den Kragen besser hoch‹, meinte der Briefträger, ›und schlimmstenfalls wickeln Sie sich das Sacktüchel fest um den Hals, appetitlich ist es nicht, hält aber warm. Und was die Eschenoberische betrifft, so ist sie jetzt daheim. Schwanger soll sie auch sein, heißt es, ich habe sie nicht gesehen.‹

›Sonst gibt es nichts Neues oben?‹ ›In Puschberg? Nein. Ich weiß wenigstens nichts. Der Großbauer Partl ist jetzt Bürgermeister, und man sagt allgemein, der Sohn soll die Veronika heiraten, das ist die jüngere ...‹ ›Ich weiß, ich weiß‹, sagte ich. Der Briefträger sah mich erstaunt an. ›Sind wohl auch von dort?‹ ›Ja‹, sagte ich, ›ich bin oben gut bekannt.‹ ›Entschuldigen dann‹, sagte er, ›ich muß jetzt hier links den Schlag hinauf zu der Försterei, es ist nur ein kleiner Umweg, wollen Sie mitkommen? In der Försterei gibt es auch ein Glaserl alten Himbeerkirsch und eine harte Wurst.‹ ›Nein‹, dankte ich, ›ich gehe nach Puschberg, man erwartet mich.‹ ›Ach so, ach so, ja dann, grüß Gott!‹ Ich dankte für den Gruß und stieg hinauf. Der Wind hatte sich gelegt, das Licht war matter und silberiger geworden, zwischen den hohen Tannen dämmerte es, und man hörte die Äste unter der hohen Last des Schnees krachen und dann mit einem Hauchen oder Blasen die Last abschütteln. Im Tale unten pfiff der Zug. Vielleicht war es der Schneepflug, der sich endlich in Bewegung setzte?

Ich wollte so schnell wie möglich hinauf kommen und schlug eine Abkürzung ein. Aber ich kam nicht weit. Ich hatte mich verirrt und war sehr froh, sobald ich auf den alten Weg zurückgefunden hatte. Man konnte sich nicht nach der Sonne richten, die hinter den dicken taubengrauen hängenden Wolken verborgen lag, und ich bereute, daß ich nicht mit dem Briefträger gegangen war. Ich hatte in der letzten Zeit wenig, am Reisetage so gut wie gar nichts gegessen, und jetzt packte mich ein wütender Hunger, das Herz schlug mir bis in den Hals, ich mußte mich niedersetzen, in den knisternden, feuchten, leicht verharschten Schnee, neben den Weg.

Aus meinem Schlaf schreckte mich ein tiefes unterirdisches Grollen auf, zuerst dachte ich, es sei der Schneepflug, der donnernd die hohen Schneemassen im Tale vor sich herschleuderte, aber es war etwas anderes, es war eine von hier nicht sichtbare Lawine, die sich jetzt gelöst hatte und die man nur hörte und spürte, denn die Luft bebte zum Greifen stark, die Zweige schüttelten sich in der Windstille, und neben mir lockerten sich Schneemassen mit Steinen untermischt und rollten, zuerst lautlos, dann sausend, endlich krachend das Bett des Baches hinab, etwa zweihundert Meter tief, in die Schlucht. Dann wurde es wieder still, aus einem entfernten Dorf hörte ich die Mittagsglocke läuten. Von irgendwo glaubte ich es rieseln zu hören, vielleicht unter der dicken Eisdecke ein kleines Rinnsal in dem Bergbach. Endlich raffte ich mich auf und begann wieder zu steigen. Mir war alles gleichgültig geworden. Ich war jetzt viel müder als vorher. Es bestand keine Gefahr für mich, zu erfrieren, denn es hatte deutlich zu tauen begonnen, und der Weg, neben dem ich eingeschlafen war, mußte inzwischen von verschiedenen Einheimischen begangen worden sein, man sah es an den Fußspuren. Sie hatten mich nicht geweckt, sie hatten sich um den Fremden nicht weiter gekümmert. Auch jetzt holten mich rüstige Fußgänger ein, trappten mit einem kurzen Gruß an mir vorüber. Längere Gespräche, wie sie der ortsfremde Briefträger geführt hatte, waren bei der wortarmen Bevölkerung nicht üblich. Ich folgte einem Holzfäller, der einen kleinen Schlitten an einem Seil hinter sich herzerrte, der hoch mit Bruchholz beladen war, das man in solchen Zeiten unentgeltlich aus dem staatlichen Walde sammeln konnte. Obwohl er ziemlich zu schleppen hatte und ich frei ging, hatte ich Mühe, ihm zu folgen. Er bog im Tal nach rechts ab. Es mochte gegen drei Uhr nachmittags sein, denn es wurde allmählich schummerig. Und ich hatte geglaubt, ich könne den Weg in zwei bis drei Stunden machen. Endlich begann es wieder zu steigen. Ich erkannte das baufällige Kirchlein von weitem, ich hatte jetzt eine Art Heimatsgefühl zu diesem Ort, wo meine Frau vielleicht auf mich wartete und sich nach mir sehnte. Ich ging schnell und schneller, ein schärferer Wind hatte sich erhoben, aber er tat mir nur wohl, ich hatte das dumme Sacktuch wieder von meinem Halse entfernt, und fast laufend kam ich in Puschberg an, gerade als die Turmuhr vier schlug. Ich kam an unserer Villa vorbei, die unter einer dicken Schneeschicht dalag, so daß man die großen Steine auf dem Dach nicht mehr unterscheiden konnte. Auch über der Tafel, die den Namen meines Vaters trug, lag Schnee. Ein Brett des ›Umgangs‹ war durchgefault, hier war die Veranda durchgebrochen und zeigte den Verfall und das Alter und die Vernachlässigung. Jetzt war das Haus meines Schwiegervaters ganz in der Nähe, ich sah es im ersten Stockwerk beleuchtet, während aus dem Schuppen, in dem sich die Werkstatt befand und der dunkel war, noch das seufzende und schlürfende Geräusch des Hobels kam, der über die Bretter zieht und dann das regelmäßig einsetzende Klopfen, wenn man die Reste der Späne ausklopft ... Es wurde immer deutlicher, immer klarer. Mit einem starken Gefühl: jetzt bist du daheim, trat ich über die ausgeriebene Schwelle des alten Hauses und lief die dumpfig und doch aromatisch nach reifen Äpfeln riechende Treppe hinauf, denn im Wohnzimmer mußte sich meine Frau befinden – und mein Kind. Ich wartete einen Augenblick vor der Tür, nicht aus Vorsicht, sondern weil es mir den Atem verschlagen hatte. Mein Hunger lag jetzt in meinem Herzen.

Als ich eintrat, saß meine Frau mit dem Rücken zur Tür an der Nähmaschine und spulte den Faden an der Stahlspindel auf. Sie glaubte wohl, daß es ihr Vater war, der eingetreten war, und setzte ihre Arbeit fort. Ich sah das Licht der Hängelampe auf ihre kleinen bräunlichen Hände fallen und sah die tiefen Schatten, die sich ihr unter den gesenkten Augen abzeichneten. Da sie ihr Zustand daran hinderte, sich nahe an die Maschine heranzusetzen, mußte sie sich sehr über das Arbeitsbrett hinüberbeugen, und vielleicht hatte infolge dieser Anstrengung ihr Gesicht etwas Düsteres und Verbissenes bekommen, das ich nie an ihr gekannt hatte. Ich rief sie leise an, um sie nicht zu erschrecken, aber sie erschrak doch, sie wandte sich schreckensbleich nach mir um, die Hände noch an dem Arm der Nähmaschine, als suche sie dort einen Halt. Ich kam schnell zu ihr und sagte ihr, sie streichelnd und ihren Mund suchend: ›Sei nicht böse, liebe Vally, daß ich dich erschreckt habe.‹ Sie schwieg, sie bewegte tonlos die Lippen, und ich sah, wie sie schnell und oberflächlich atmete, wobei die Nasenflügel mithalfen. Vielleicht bekam sie infolge ihres Zustands nicht genug Luft. Man hatte ihr schon in unserer Stadt abgeraten, zuviel in gebückter Haltung zu arbeiten, und ich sah hier in der Stube den Fußboden noch feucht glänzen, offenbar hatte sie heute den Boden gewaschen und gerieben.

Im Ofen brannte ein helles Feuer aus Holz, das es infolge der Abfälle in der Werkstatt reichlich gab, und wären nicht die vielen Betten mit den aufgehäuften Kissen gewesen, hätte man sich in dem sauberen, behaglich beleuchteten, warmen Raum wohlfühlen können, besonders nach einer Wanderschaft, wie ich sie hinter mir hatte.

Endlich hatte sie sich gefaßt, sie küßte mich mit ihren vollen blassen Lippen, die etwas kühl waren, und fragte: ›Wie bist du denn hinaufgekommen? Hast du meinen Brief nicht erhalten? Warum hast du dich nicht angemeldet? Die Züge verkehren doch nicht mehr. Man hätte dich im Schlitten des Holzmüllers abgeholt, im Sägewerk haben sie freie Pferde.‹ ›Du siehst, mein Kind‹, sagte ich und tat, als ob ich es wäre, der sie bemuttern sollte, ›ich bin doch noch zur rechten Zeit zu dir gekommen. Warum bist du noch nicht im Spital? Hast du das Reisegeld nicht bekommen?‹ ›Jaja‹, sagte sie ausweichend, ›wird wohl so sein, daß ich es bekommen habe, es ist in der Lade hier, ich lüge nicht, ich kann es dir zeigen.‹ ›Aber ich glaube dir doch, bleibe sitzen. Warum plagst du dich so? Hast du den Boden gewaschen? Du sollst es nicht!‹ ›Ja, das sagst du so, junger Herr‹, sagte sie spottend, aber etwas bitter, ›ich habe keine Bedienung zur Hand wie die gnädige Frau, deine Mutter, ich muß selbst anfassen – außer man erstickt im Dreck.‹ Ich schwieg überrascht still, ich fand meine Frau sehr verändert, und ich verstand nicht, weshalb sich die bitteren Linien um ihren Mund immer mehr vertieften. ›Sieh mich nicht so an‹, sagte sie, immer noch mit ihrem finsteren Spott, ›ich bin wohl eine große Sünderin!‹, und sie legte mir ihre rauhe Hand vor die Augen. Dann ließ sie die Hand niedergleiten über meine Wangen: ›Wie abgemagert du bist, kleiner Wicht!‹ sagte sie sehr weich, dann sank die Hand tiefer, strich an meinem Hemdkragen entlang und kuschelte sich endlich zwischen dem Hemd und der Krawatte ein. Wir schwiegen beide. Ich hatte die Augen wieder geöffnet und sah die Züge meiner Frau sich entspannen, und dabei waren ihr doch die Tränen nahe. Sie merkte es, stand schwerfällig auf, wozu sie mich zuerst etwas von sich wegschieben mußte, dann trat sie zur Tür und sagte: ›Ob ich jetzt den Vater rufe? Du hast sicher noch nicht Kaffee getrunken, wir auch nicht.‹ Sollte ich ihr sagen, daß ich seit vierundzwanzig Stunden so gut wie nichts gegessen hatte, sollte ich ihr das Herz schwer machen? ›Ich muß zum Bäcker, Kuchen holen, oder wenigstens einen Wecken frisches Brot‹, sagte sie. ›Ich komme mit‹, sagte ich. ›Nein‹, antwortete sie sehr heftig und faßte mich am Kragen meines Mantels, den ich nicht abgelegt hatte, ›bitte tu mir nur die eine Liebe, hänge dich nicht an meine Rockschöße, ich kann es nicht ertragen! Das heißt, laß mich jetzt allein gehen.‹ Ich tat ihr den Willen, hörte sie die Treppe etwas schwerfällig herabtrappen, in die Werkstatt treten, wo sie zehn Minuten blieb. Dann ging sie in ihrem alten dünnen Mantel, die Hände vor dem Leib, durch den dichten, bläulich schimmernden Schnee zum Bäcker und kehrte nach einer Weile mit Brot zurück. Sie hatte auch eine Tafel Schokolade aufgetrieben. Ihr Vater kam mit ihr, begrüßte mich höflich, aber, wie es mir schien, noch eine Spur kälter als bei unserer Hochzeit. Er ließ uns nach dem Kaffeetrinken nicht allein, und es kam mir beinahe vor, als hätte es Vally mit Absicht so eingerichtet. Wir sprachen so herum, aber endlich bat ich Vally, sie möchte mir unter vier Augen einige Worte gönnen. Sie warf ihrem Vater einen Blick zu, und dieser zog sich an, um ins Dorfwirtshaus zu gehen. Als er fort war, setzte sie sich auf das Bett, oder sie ließ sich schwer fallen, so daß die Sprungfedern klirrten. Es waren alte Sprungfedermatratzen aus unserer Villa, die meine Mutter ihr einmal geschenkt hatte. Die Schokolade, die wir nicht gegessen hatten, legte sie auf die Marmorplatte des Nachtkästchens. Das Silberpapier, womit die Tafel eingewickelt war, schimmerte sanft. Den Docht der Lampe hatte sie aus Sparsamkeit herabgeschraubt oder deshalb, um im Halbdunkel leichter mit mir reden zu können. ›Warst du bei der Hebamme, hast du dich hier untersuchen lassen?‹ fragte ich. ›Ich bin kerngesund. Du darfst dir auch nicht die geringsten Sorgen machen.‹ ›Aber das Kind müßte doch schon längst da sein.‹ ›Ja, aber wenn es nicht will?‹ lachte sie. ›Du weißt nicht, in welcher Gefahr du bist, meine liebste Vally! Wenn die Frucht übertragen ist und fault, kann es dich dein Leben kosten.‹ ›Übertragen? Faul? Sie bewegt sich jeden Tag, auch in der Nacht, das ungezogene Ding, der freche Fratz. Willst du fühlen? Du brauchst nur anzupochen, es rebellt alsogleich auf.‹ Ich wollte es nicht. ›Wann mußt du wieder zu Hause sein?‹ fragte sie nach einer Pause. ›Ich wollte hier abwarten, bis du das Kind bekommen hast.‹ ›Hier?‹ fragte sie zurück. ›Wir haben hier nicht einmal Platz für uns drei, Vater, Veronika, den Bruder. Und mich zähle ich gar nicht, ich drücke mich nur so in den Winkeln herum.‹ ›Kannst du denn nicht bezahlen?‹ ›Was glaubst du, was fünfundsiebzig Kronen monatlich sind für uns?‹ ›Du ernährst doch nicht deine Leute mit unserem Geld?‹ ›Ich tu, was ich muß.‹ ›Um so mehr muß ich hierbleiben, um für dich zu sorgen.‹ ›Laß nur, ich verteidige mich selbst. Wann mußt du zurück sein? Wann mußt du deine Kolloquien ablegen?‹ ›Ich habe sie bereits abgelegt, bevor ich abgereist bin.‹ ›Nicht lügen‹, sagte sie und lachte wieder, ›hast du gelogen oder nicht?‹ ›Wann kommt also das Kind?‹ fragte ich fest. ›Bin ich die göttliche Vorsehung? Ich weiß es nicht.‹ ›In S., im Bezirksspital könntest du es erfahren.‹ ›Ich habe nicht das Geld, hinzufahren.‹ ›Ich habe es dir schon geschickt, nicht?‹ ›Geld, Geld, und immer wieder die alte Leier! Immer Geld!‹ rief sie drohend. ›Hast du mir nichts anderes zu sagen? Das Kind und das Geld! Laß mich, laß mich! Du machst mein Leben nicht leichter. Ich habe mir mein Glück anders vorgestellt.‹ ›Ich aber vielleicht auch.‹ ›Nun, so? So? Warum gehst du dann nicht? Laß mich und ich lasse dich! und wir gehen in Frieden auseinander.‹ ›Das sagst du aber etwas spät‹, antwortete ich, sehr mit Unrecht, aber der alte Jähzorn hatte sich wieder gemeldet. ›Wann kommt denn deine Schwester?‹ fragte ich, um das Gespräch abzulenken. ›Die Veronika?‹ fragte sie voll Haß. ›Die schöne Veronika – da kommst du zu spät. Sie heiratet den Großbauernsohn und bekommt später den Hof.‹ ›Und dir tut es wohl leid, daß du ihn nicht bekommst, Vally?‹ ›Nein, das tut mir nicht leid, denn ich liebe dich.‹ ›Ich liebe dich doch auch‹, sagte ich und strich ihr über die Haare, die zwar spärlicher geworden waren und den schönen Glanz verloren hatten – aber es waren doch ihre Haare. Sie faßte nach meiner Hand und streichelte mich. Draußen hörten wir Schritte, aber sie verloren sich wieder, vielleicht war es der Vater, der nach einigen Vierteln Wein noch einmal in die Werkstatt zurückgekehrt war.

Vally setzte sich auf und sah mich trübe an, mit einer finsteren Zärtlichkeit: ›Es ist besser, ich sterbe, denn ich kann nicht so für dich sorgen, wie du es brauchst. Du hast sicher zerrissene Wäsche an, und ich bin dir in deiner Armut nur eine Last.‹ Ich widersprach. ›Wir müssen uns zusammenfassen‹, sagte ich, ›ich liebe außer meinem Vater nur dich, und ich glaube, wir setzen es durch.‹ ›Es? Was soll das sein?‹ ›Vor allem unser Kind‹, sagte ich. ›Du mußt mir endlich Antwort geben.‹ ›Muß ich?‹ ›Ja, du mußt.‹ ›Also frage, aber keinen Zorn und keine Wut, wenn du nicht die Antwort kriegst, die du erwartest.‹ ›Wie sollte ich dir zürnen‹, sagte ich in meinem dummen Selbstbewußtsein und in meinem törichten maßlosen Stolz, ›sage mir, wie du dir alles denkst.‹ ›Ich denke, du kannst dich ruhig an deine Arbeit machen, denn vor sechs Wochen ist das Kind nicht da.‹ ›Wie kann das sein?‹ fuhr ich auf, so daß jetzt durch meine Schuld die Federn des Bettes, an dessen Rand ich gesessen war, klirrten, ›das ist völlig unmöglich.‹ ›Und doch ist dem so.‹ ›Warst du denn nicht in der Hoffnung, als wir aus dem Haus gegangen sind?‹ und ich faßte ihre beiden Hände. ›Laß meine Hände los, bitte! Es scheint, daß ich also damals nicht in der Hoffnung war.‹ ›So ist das Kind gar nicht von mir?‹ sagte ich tonlos. ›Dummerl!‹ antwortete sie. ›Hast du mich nicht um die Jungfernschaft gebracht? Hast du mir nicht den Jungfernstich gegeben? Und wer hat mich jemals gehabt außer dir?‹ ›Vally, Vally‹, sagte ich, beugte mich über sie und lag ihr am Halse, weinend, ›sprich doch!‹ ›Was gibt's da zu sprechen‹, sagte sie, ›steh auf, du drückst mir die Luft ab. Was soll denn noch sein? Läge ich doch nur im Schragen! Ich habe dich ...‹ ›Nun, was? Hast du mich betrogen?‹ ›Nein, Kind! Ich habe dich wenigstens bald ein Jahr gehabt, und mir war das gut.‹ Sie setzte sich mühsam auf und zählte an ihren abgemagerten Fingern die Monate ab: ›Von damals bis jetzt, Februar. Hast ihn zehn Monat ...‹, sagte sie zu sich selbst, wie sie damals auf der Treppe zu sich gesagt hatte: ›Zu alt, zu alt. Veronika ja, ich – nein!‹

›Warum hast du gelogen?‹ fragte ich, wie zu Boden geschmettert. ›Du hast mich um mein Elternhaus gebracht!‹ ›Und du, um was hast du mich gebracht? Deinem Vater verzeihst du alles, deiner Mutter verzeihst du den gebrochenen Eid, und mir nichts? Liebst du mich denn? Ich aber liebe dich. Liebst du mich denn?‹ Ich nickte, ich konnte nicht anders. ›Du hättest das nicht tun sollen‹, sagte ich leise. ›Und sag, wie hätte ich dich anders bekommen sollen? Hättest du mich sonst geheiratet?‹ Mich empörte es, daß sie es als Recht ansah, daß ich sie heiratete, und es machte mich zornig, daß sie etwas von mir mit Gewalt abforderte, worauf sie kein Recht hatte. ›Ich wollte nicht immer dienen! Aber daran lag es nicht. Haben wir uns nicht genug gequält, im Sommer, beim Bienenhaus, dort? Was tut man nicht alles aus Liebe?‹ ›Nicht lügen!‹ zischte ich zwischen den Zähnen hervor, wieder von einer neuen starken Jähzornwelle überflutet, ›du hast alles zerstört.‹ Sie begann zu lachen und zeigte auf ihren gewölbten Leib: › Das zerstörst du nimmer und das da auch nicht.‹ Ich sah mit Erstaunen und mit neuem Zorn, daß sie jetzt den Ehering trug, obwohl wir uns doch versprochen hatten, daß wir damit warten wollten bis zu einem gemeinsamen Hausstand. › Ich warte auf nichts mehr‹, sagte sie roh, ›ich habe, was ich habe. Was mein ist, ist mein!‹ ›Nicht durch Lügen!‹ brachte ich nur mühsam hervor. ›Ja‹, sagte sie mit schneidendem, eiskaltem Spott, ›die Herrschaft darf es, natürlich, der Dienstbot darf's nicht. Ihr seid alle die Gleichen ...‹ Ich sah jetzt nur undeutlich, wie sie lachte und wie die weißen spitzen Zähne blinkten. Ohne daß ich wußte, was ich tat, hatte ich die Marmorplatte des Nachtkästchens heruntergerissen und wollte sie von oben auf meine Frau schleudern, als sie einen furchtbaren schrillen Schrei ausstieß. Zu gleicher Zeit öffnete sich die Tür, und mein Schwiegervater stürzte herein mit der jungen Veronika, und beide warfen sich auf mich. Ich ließ sofort die Platte fallen, die mit dumpfem Poltern zu Boden fiel, wobei eine Ecke, die wohl nur angekittet gewesen war, zum Teufel ging. ›Ich laß meinem Kind nichts tun!‹ sagte mein Schwiegervater rauh, während meine Schwägerin den herabgeschraubten Lampendocht wieder aufdrehte. Ich sah meine Frau leichenblaß, mit verkrampften Lippen, die Hände auf den Leib drückend, in dem Bett liegen. ›Gott sei Dank, es ist dir nichts geschehen!‹ Das Gesicht meiner Frau verzerrte sich. Sie bleckte die Zähne, stöhnte und schlug sich dann auf den Leib. ›Was tust du, was tust du?!‹ schrie ich. ›Halt's Maul‹, sagte mein Schwiegervater, ›das viele Schreien tut nicht gut. Sie haut dem Kind eine kleine Dachtel herunter, weil's drinnen gar so wild rumort. Eben der Sohn von Euer Gnaden!‹ Er stopfte sich eine Pfeife, Veronika half meiner Frau beim Aufstehen, meine Frau setzte sich wieder an die Maschine, und ich hörte den Pfeifentabak zischen und die Maschine schnurren. ›Das sind ja schöne Manieren‹, sagte ich voll Wut, ›ein Kind im Mutterleibe zu schlagen!‹ ›Es soll nur gewöhnen‹, sagte der Alte hart. ›Wo ist mein Kinderwagen?‹ fragte ich. Ich hatte ihn zugleich mit der Maschine nach Puschberg geschickt. ›Draußen steht er‹, sagte der Alte und führte mich auf den Vorplatz. ›Fahr wieder heim!‹ sagte er mir da unter vier Augen, den leeren Kinderwagen sachte hin und herrollend, ›dein Sach wird hier brav besorgt. Du kannst hier nicht bleiben. ›Meine Frau hat mir etwas ganz Furchtbares angetan und alles ist aus‹, sagte ich und versuchte ihn zu meinem Vertrauten zu machen. ›Glaubst?‹ sagte er. ›Glaubst du, Herr Wohlgeboren? Und uns etwa nicht? Bürschel, hübsches, was haben wir von dir? Dein Herr Vater? Die Villa mit acht Zimmern hält er unter Schloß und Riegel, und wir drängen uns hier in der Stube und haben immer eine Lagerstatt zu wenig. Fahr stante pede heim, ich rate dir gut. Von Puschberg gehen zwar die Züge noch nicht, wohl aber von Goigel. Bist hinaufgekommen, wirst auch herunterkommen zur Station.‹ ›Und mein Kind?‹ fragte ich. ›Ach dein Kind‹, sagte er und schlug mir auf die Schulter, daß es krachte. ›Sind soviel Bankerte hier oben schon zur Welt gekommen, wird deiner auch kommen, sorg dich nicht. Begehrst du einen Schnaps? Nicht? Sonst hätten wir im Wirtshaus dergleichen gekostet, denn zum Nachtzug hat's noch viel Zeit. Also wart hier, ich bring dir deinen Mantel heraus.‹ ›Soll ich meine Frau nicht mehr sehen?‹ ›Laß die Vally. Die Weiber sind alles ein Mist. Man hätte euch nie beisammen lassen dürfen, hundsjunges Volk, blödes!‹ Er holte mir meinen Mantel, und ich schlug den Weg nach Goigel ein, kam an dem Haus meines Vaters vorbei und schlug mit dem Rand meines Hutes den Schnee ab von dem Schilde, das seinen Namen trug.

Etwa in der Mitte des Weges schloß sich mir der Postbote an, der mich am Morgen von der Station Goigel begleitet hatte. ›Kann man eine Unterkunft finden in Goigel?‹ fragte ich ihn, denn ich wollte noch nicht nach Hause in die Stadt zurückkommen. ›Freilich können Sie das‹, sagte er. ›In Goigel gibt es ein recht schönes Wirtshaus. In Goigel sind die Leute nicht so abgöttisch, so bigott und duckmäuserisch wie in Puschberg. Auch in der Försterei sind es Unmenschen. Glauben Sie, daß man mir dort einen Himbeergeist verkauft hätte? Ich bin, wissen der Herr, nämlich zu seiner Zeit einem Mädchen hier nachgegangen, aber einem Fremden geben sie es nicht gern, eher verhungern sie auf ihren sauren, schlechten Wiesen voller Nässe oder voller Steine. Ich aber erhalte Pension und desgleichen meine Witwe. Ich bringe oft Briefe vom Steueramt, Mahnungen über Mahnungen. Der frühere Bürgermeister, der ist ein arger. Die Bücher waren nicht in Ordnung, und der Sohn ist nicht besser, er soll in München gewesen sein, in einer Brauerei.‹ ›Ist es teuer in Goigel?‹ fragte ich, um das Gespräch auf eine andere Sache zu bringen. ›Teuer? Wie überall. Wenn Sie wollen, sitzen wir beide hin und spielen. Im Falle Sie Glück haben, gewinnen Sie mir das Geld für das Nachtlager ab.‹ Ich schwieg. ›Es taut‹, sagte er, ›es werden noch viele Lawinen fallen. Ich weiß nicht, was die Leute hier schön finden. Haben Sie Verwandte hier?‹ ›Ich habe meine Frau hier, die Vally ist meine Frau.‹ ›Ach so‹, sagte er und sah mich scharf an, soweit es das matte Licht im dunklen Walde erlaubte. ›Da mag es ja auch ab und zu schwierig dahergehen. Ja, wenn man aus seinem Herzen einen Strohsack machen könnte!‹ Er lachte über seinen Einfall, und den breiten Riemen seiner Ledertasche mit dem silbernen Posthorn und dem österreichischen Doppeladler mit beiden Händen beklatschend, sagte er noch einmal: ›Wär allemal gut, wenn man aus seinem Herzen einen Strohsack machen könnte.‹ Ich sagte nichts. Wir kamen im Dorfe Goigel an, ohne an der Station vorbeizugehen, wir sahen bloß die Lichter schimmern und den Dampf der Lokomotiven aufsteigen, und die Maschinen hörten wir pfeifen. Ich konnte noch nicht nach Hause zurückfahren. Ich konnte aber auch nicht einfach mit Gewalt zu meiner Frau zurückkehren. Ich hätte sie beinahe ermordet. Ich ließ es sie durch den Postboten wissen, daß ich im ›Tiroler Adler‹ in Goigel wohnte. Sie gab mir keine Nachricht. Ich blieb bis Sonntag, von Dienstag abend angefangen. So wartete ich hier unten und hockte fast den ganzen Tag in der warmen Wirtsstube. Ich spielte Karten und zwar mit solchem Glück, daß ich die Wirtshausrechnung und sogar einen Teil der Rückreise von den Gewinnen bezahlen konnte. Daheim aber erwartete mich bereits das Geld von der Militärbehörde. Ich sandte meiner Frau fünfundsiebzig Kronen. Mehr konnte ich mir nicht abzwacken, denn ich mußte anfangen, dem Prosektor sein Darlehen abzuzahlen. Es lagen vier oder fünf Briefe von ihm bei mir daheim, immer das Gleiche, ich solle sofort ins anatomische Institut kommen. Es lag auch ein alter Brief von Vally da. Ich verbrannte ihn ungelesen.

Ich wollte vorläufig nicht ins Institut. Ich schämte mich und lag drei Tage daheim im Bett, bis ich mich aufraffte, um weiterzuleben.

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