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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3

Ich schlief nach den Aufregungen dieses Tages sehr tief, und als ich plötzlich erwachte, dachte ich, daß ich sehr lange, vielleicht bis zum Morgen, geschlafen habe. Mein Vater stand im Zimmer. Er hatte das Licht angedreht und beobachtete mich, wie ich mich aufsetzte und um mich sah. Ich bewohnte damals ein kleines Zimmer, da mein altes Zimmer von Viktor und der Amme eingenommen war. ›Du hast es etwas eng hier‹, sagte mein Vater, näher tretend. ›Die Luft ist nicht die beste hier.‹ – Dann: ›Ich störe dich doch nicht zu sehr? Entschuldige, daß ich dich geweckt habe, ich dachte, du schliefst noch nicht.‹ Ich sah auf meine Uhr. Es waren in der Tat, wenn man diesem unzuverlässigen Zeitmesser glauben konnte, erst zwanzig Minuten vergangen, seitdem Vally mein Zimmer verlassen hatte. Ich hörte jetzt ihre Stimme und die meiner Mutter aus dem Vorzimmer, aber ich konnte nicht verstehen, was sie sprachen, denn mein Vater nahm mich in Anspruch. ›Wenn du nun schon einmal aus dem Schlaf aufgewacht bist, könntest du mir erzählen, was du am heutigen Tag getrieben hast, ich meine, wie du die Zeit angewandt hast, welche Vorlesungen hast du besucht, wen hast du gesehen, hast du etwas Außerordentliches erlebt?‹ Ich stotterte undeutlich vor mich hin und brachte allerhand Unsinn über die Vorlesungen auf der Handelshochschule vor, die ich in Wirklichkeit schon seit Wochen nicht mehr regelmäßig besucht hatte. Er schien mir mit großer Aufmerksamkeit zu folgen, dann sagte er: ›Die Luft ist wirklich zu drückend hier. Macht es dir nichts aus, so komm doch auf einen Augenblick in mein Sprechzimmer hinüber. Ich habe noch zu arbeiten. Ich gehe voraus‹, sagte er zum Schluß, als er merkte, daß ich mich in seiner Gegenwart nicht aus dem Bett erheben wollte, ›ich sehe nur nach Judith.‹

Die Stimmen im Vorzimmer waren verstummt, doch in dem Speisezimmer brannte noch Licht, und ich hörte neuerlich meine Mutter und Vally erregt, aber gedämpft miteinander sprechen. Ich war außerstande herauszubekommen, was sie sagten, denn inzwischen hatte mein Vater den Besuch bei Judith erledigt und kam mit einer eher sorglosen und fröhlichen, als besorgten und finsteren Miene in sein Sprechzimmer, wohin ich ihm vorausgegangen war. ›Es geht ihr gut, es geht ihr besser‹, sagte er. ›Judith hat kein Fieber, nur 37.8, das zählt bei Kindern nicht. Freust du dich nicht auch?‹ und dabei stieß er mich kameradschaftlich mit dem Ellbogen an, aber vielleicht doch eine Winzigkeit härter, als er es gewollt hatte.

Kein Wort über Vally. Und doch fühlte ich, daß er alles erfahren hatte. Meine Mutter hatte ihren Eid gebrochen. Aber ihm konnte ich dies doch nicht zum Vorwurf machen. ›Weshalb so zerstreut, wo sind denn die Gedanken?‹ fragte er halb ironisch, halb gutmütig. ›Ich werde dir, um dich für das Aufgewecktwerden zu entschädigen, etwas zeigen, was außer mir noch keines Menschen Auge gesehen hat, willst du?‹ Ob ich wollte! Er holte das Mikroskop aus dem Holzkasten hervor, ließ mich, während er mir die Hand führte (welch ein Glück wäre dies an einem anderen Tage für mich gewesen!), das Licht der Lampe richtig einstellen. Dann brachte er einen sogenannten Objektivträger, eine Glasplatte mit einem winzigen, ein hundertstel Millimeter dicken, im Licht des Mikroskopes durchsichtigen und schön blau und blutrot gefärbten Scheibchen Gewebe unter die Linse und ließ mich, nachdem er einen flüchtigen Blick durch das Okular geworfen hatte, die Einstellungsschraube möglichst zart und allmählich drehen. ›Siehst du klar? Siehst du alles fest umschrieben?‹ Zuerst sagte ich ja, ohne daß ich alles klar gesehen hätte in dem bunten Nebel, aber plötzlich hatte ich völlig klare Umrisse erfaßt, und er hatte dies an meinem Gesichtsausdruck bemerkt, denn er beobachtete mich, an meiner Seite sitzend, sehr scharf. ›Nun, was siehst du?‹ Ich wollte es beschreiben, von dem wunderbaren Anblick beinahe erschüttert, aber er nahm mir das Rädchen, mit dem ich die Einstellung regeln konnte, aus der Hand und stellte eine Stelle ein: ›Hier sieh genau zu! Siehst du die blauen Fasern? Siehst du die roten Stränge?‹ Ich sah. ›Und siehst du dazwischen winzige Schlänglein, tief dunkelblau, fast schwarz, mit haardünner Kontur? Etwas nach rechts von der Mitte, vielleicht vier oder fünf? Das ist es, was ich heute zum erstenmal beobachtet habe‹, setzte er halblaut fort. ›Es sind Spirochäten, die Erreger der Syphilis, die man noch nie in einer menschlichen Regenbogenhaut, die bekanntlich sehr bald nach einer syphilitischen Ansteckung mit Knötchen etc. erkrankt, beobachtet hat. Ich habe diese Iris vor sechs Tagen am lebenden Objekt gesehen ...‹ ›Den Menschen, der mit dieser Iris gesehen hat?‹ fragte ich. ›Man sieht nicht mit der Iris‹, sagte er. ›Sie regelt die Lichteinfuhr ins Auge. Du wirst das alles später kennenlernen. Vielleicht ist es doch dein Beruf, Arzt zu werden wie ich.‹ ›Aber du hast mir ja im Herbst alle Begabungen abgesprochen ...‹ ›Damals wußte ich nicht, daß du noch weniger Begabung zu den Handelsfächern besitzt‹, sagte er scherzend. ›Vielleicht hat sich manches in meinen Ansichten oder Plänen geändert ...‹ ›Dann wäre ich ja glücklich!‹ rief ich und sprang auf. ›Sei noch nicht zu glücklich!‹ antwortete er, und ich sah ihn wieder sein undurchsichtiges Lächeln aufsetzen. ›Aber, wie dem auch sei‹, fuhr er fort, ›gibt es denn etwas Großartigeres als die Naturwissenschaft, die sichtbare Wissenschaft? Ist die Natur nicht unsere beste, weiseste Mutter?‹ Ich schwieg. ›Mich hat an deinen Plänen immer befremdet, daß du der Chimäre der Psychiatrie nachjagst. Es hat mich deshalb sehr erfreut, als ich heute endlich den alten Schmöker über Geisteskrankheiten von deinem Nachttisch verschwunden sah. Glaub es mir, Freund und Genosse und, so hoffe ich, vielleicht später Helfer bei neuen Arbeiten, die sichtbare Welt ist großartig! Glaub es mir und sieh es vor dir: Ein krankes Auge ist immer noch ein Auge. Ein kranker Geist ist aber überhaupt kein Geist. Hier gibt es nur Wunder. Selbst ein totes Auge, wie dieses hier, kann zu dir sprechen, es erklärt dir, wenn du darin lesen kannst – und du sollst es lernen –, was während des Lebens sich pathologisch-anatomisch in diesem Gewebe abgespielt hat, was an Hilfe von unserer Seite gewirkt hat, was versagt hat, leider. Hier ist natürlich der Fortschritt, die Zukunft.‹ ›Du hast das kranke Auge herausgenommen?‹ fragte ich naiv. ›Aber! Wie kannst du das annehmen?! Ich – ein an sekundärer Syphilis erkranktes Auge herausnehmen – welch ein Kunstfehler! Ich hätte es geheilt, wenn uns nur der Bursche Zeit gelassen hätte. Aber er hat sich vor vier Tagen erschossen. Wir haben die Leiche untersucht, und ich habe hier endlich Spirochäten gefunden.‹ ›Und man hätte ihn nicht retten können?‹ ›Wozu das Wort ›retten‹? Mit etwas Quecksilber und Jod und der anderen lateinischen Küche wäre das Auge in kurzer Zeit zuverlässig geheilt gewesen.‹ Er verstand mich nicht. ›Hätte man den jungen Menschen vor dem Selbstmord retten können?‹ fragte ich. ›Das ist nicht unsere Sache. Oder vielleicht erst in sehr weiter Zukunft. Du hast recht, es mag sein, daß auch eine dumme Depression im Schatten der Spirochäten stand, man müßte deshalb auch in seiner Gehirnrinde nachsehen, müßte sie mikroskopisch untersuchen, Schnitt für Schnitt.‹ ›Man hätte doch alles versuchen müssen, solange er lebte‹, sagte ich. ›Alles? Du bist zu unbescheiden. Es ist schon viel, wenn wir einen beschränkten Prozeß in einem einzigen Organe zu verstehen und zu beeinflussen trachten ...‹ Er sprach etwas zerstreut. Auch ich horchte auf. Man hörte nicht nur einen erregten Wortwechsel zwischen meiner Mutter und Vally, sondern auch ein helles, schneidendes Kreischen, die Stimme unserer kleinen Judith. Mein Vater stand plötzlich auf. Sein Gesicht hatte sich sehr umdüstert, ohne daß ich gemerkt hätte, wann. Vielleicht war es im Grunde immer so düster gewesen, jedenfalls war es der Blick, den er mir von der Seite zuwarf. ›Erwarte mich hier‹, rief er mir zu und ging schnell aus dem Zimmer. Die Korridortür, die auf die Treppe hinausging, wurde jetzt geöffnet und geschlossen, jemand hatte vielleicht eben unsere Wohnung verlassen – Vally?

Ich kam nicht dazu, mir Gewißheit zu verschaffen, obwohl es mich mit aller Gewalt dazu trieb, ihr nachzukommen, sie zurückzuhalten, ich weiß nicht was zu tun – mein Herz klopfte zum Zerspringen, als mein Vater eintrat, dem es endlich gelungen war, Judith wieder zu beruhigen. Diesmal verstellte er seine Miene nicht. Er dachte auch nicht daran, mir weiter einen Vortrag über die kranke Iris oder den Schatten zu halten, den die Spirochäten werfen sollten (eine Redensart, die er sich sicherlich schon für seine Vorlesung vor den Studenten zurechtgelegt hatte). Sondern, sich aufrecht vor mich stellend, der ich ihm beinahe schon an Körperlänge gleichkam, begann er, fast ebenso schneidend wie vorhin Judith: ›Nun zu etwas Ernsterem. Du siehst, ich bereue, daß ich dich abgehalten habe, dem Zuge deines Herzens zu folgen, nein, nicht so, wie du denkst, darauf kommen wir gleich zurück, ich dachte in aller Unschuld – nein, auch von Unschuld kann man nicht sprechen –, ich dachte nur an deinen Beruf. Meinetwegen magst du also studieren. Ich werde dich beaufsichtigen. Ich wünsche nicht, daß später einmal unliebsame Verwechslungen zwischen uns entstehen. Wir sind unserem Namen etwas schuldig. Nun, so sei es denn. Jetzt die Hauptsache. Ich bin kein Frömmler, kein Jesuit, wie manche andere, ich werde etwas Natürliches immer verstehen. Du bist jung. Gut. Aber deshalb hättest du nicht zum Volk, oder noch schlimmer, zur dienenden Klasse herabsteigen müssen, noch schlimmer, im Haus deiner Eltern und deiner unschuldigen Geschwister. Du hast ein glückliches, ein unter allen Umständen geordnetes Familienleben hier vor Augen gehabt, weder meine Wenigkeit noch deine brave Mutter haben dir ein Beispiel von, wie soll ich sagen, nun du verstehst mich schon, gegeben, und doch hast du dein Heim beschmutzt, du hast etwas Unverantwortliches getan. Freund, Freund, du hast mich schon oft enttäuscht. Mehr, als du vielleicht ahnst. Habe ich nicht Geduld gehabt bis jetzt? Habe ich, ohne ein bigotter Christ und Betstuhlstammgast in Kirchen etc. zu sein, nicht immer redlich den Splitter in meinem Auge gesehen statt den Balken in deinem? Du siehst, ich will verzeihen, ich will sogar das Böse, das du uns Eltern angetan hast, mit dem Guten vergelten, daß wir dich den Weg einschlagen lassen, der dir vielleicht mit Recht vorschwebt als der in das Paradies auf Erden. Ich will sogar noch weiter gehen. Ich will daran denken, was du als Kind einmal zu deiner Entschuldigung vorgebracht hast, als du das dir anvertraute Geld verschwendet hast: ›Ich habe Gurken gekauft!‹ Vielleicht bist du auch diesmal der Esel deines guten Herzens geworden. Du hast aber etwas Furchtbares angestellt. Du hast dich von einer nichtsnutzigen ältlichen Person verführen lassen, einer ausgefeimten Komödiantin, die auch uns die ganzen langen Jahre hinters Licht geführt hat. Was war es denn mit dem Kloster? Brixen!! Alles Lüge, gemeine Tricks und Betrug.‹ ›Nein‹, sagte ich. ›Nein, das ist nicht wahr.‹ ›Das heißt‹, antwortete mein Vater, sich mit großer Anstrengung beherrschend, › du glaubst, daß wir, deine Mutter und ich, uns irren. Nun ist die Person sechs oder sieben Jahre älter als du. Sie ist arm, ihr Vater nährt sich von Trockenbrot, ihr Bruder ist Kühhirt, bestenfalls Fremdenführer, aber du bist später als mein Erbe ein reicher Mann. Glaubst du, Depp, sie liebt dich wegen deiner schönen Augen oder wegen deiner Herzensgüte, du armer Narr! Sie hat dir ein Kind angehängt, das von Gott weiß welchem Haderlump stammt.‹ Ich fühlte, wie mich die Wut übermannte, aber auch ich wußte mich zu beherrschen. ›Das mag dir freilich nicht angenehm in den Ohren klingen, aber es ist, wie es ist. Ein Kind ist auf dem Weg. Ein Alimentationsprozeß desgleichen. Und ich, der Ehrenbürger von Puschberg! Ja, Söhnchen, verstehst du das nicht? Auch das hat deine vielgeliebte Dorfpflanze fein eingefädelt. Sie haben mich zum Ehrenbürger ernannt, nicht nur, um mich noch einmal ordentlich zu schröpfen, sondern um mir die Hände zu binden.‹ Ich wollte auf meinen Vater los, aber er nahm meine Fäuste in seine Hände und sagte mir, aus unmittelbarer Nähe, so daß ich sein Herz gegen den Stoff seiner Weste klopfen fühlte, ›ich will die Wahrheit wissen. Willst du mir die Wahrheit sagen?‹ Ich nickte. ›Liebst du diese Person?‹ Was sollte ich tun? Ich nickte. Er ließ meine Hände los, er wich zurück. Er tat mir leid. ›Und was willst du jetzt tun?‹ Ich schwieg. ›Nun sprich! Wir müssen zu einem Schluß kommen. Ich will für das Kind sorgen. Das kannst du nicht. Du hast nichts.‹ ›Ich will arbeiten.‹ ›Was arbeiten? Das Studium der Medizin dauert sechs Jahre. Auch nachher bist du noch ohne Brot. Willst du deine ganze Jugend, dein ganzes Leben an diesen schmutzigen stinkenden Unterrock hängen?‹ Ich sah ihn nur an. ›Man beleidigt dich vielleicht gar, wenn man so spricht? Willst du vielleicht das Mensch heiraten?‹ Nun ertrug ich es nicht länger. Ich sprang nicht auf ihn zu. Ich setzte mich vielmehr in den Lehnstuhl vor dem Schreibtisch und sagte: ›Was sonst? Es bleibt mir nichts anderes übrig, wenn nicht ich der Haderlump sein will.‹ Er stand sprachlos da. Er stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch, der etwas zu zittern begann. Er tat den Mund auf, konnte aber kein Wort herausbringen. Endlich murmelte er: ›Laß mich auf meinem Stuhl sitzen.‹ Ich stand gehorsam auf, und er setzte sich hin. ›Solange ich lebe, heiratest du sie nicht‹, sagte er. ›Du bist minderjährig, du kannst sie nicht heiraten.‹ ›Ich werde es dennoch tun. Wir werden warten.‹ ›Nicht in meinem Haus, nicht ...‹ ›Dann anderswo.‹ ›Ich bin bereit, auch ohne Alimentations- und Paternitätsprozeß deine, wie soll ich sagen, Geliebte, sicher zu stellen. Auch das Kind. Es heißt zwar, daß Gott die Hurenkinder nicht liebt. Ich will aber alles versuchen, um dem Kinde eine Zukunft, eine Sicherheit zu verschaffen innerhalb der sozialen Sphäre, in der solches Volk lebt.‹ ›Ich danke dir, aber ich kann nicht anders, ich muß sie heiraten.‹ ›Kind, Kind, Kind‹, beschwor er mich. ›Was du erlebst, ist keine Liebe, es ist eine Katastrophe. Du sagst heiraten. Du bist neunzehn Jahre. Wie kannst du mit neunzehn Jahren heiraten?‹ ›Ich habe gesagt, ich werde warten.‹ ›Und wenn du zweiundzwanzig und großjährig bist nach dem Gesetz, was dann? Was hat sich inzwischen geändert? Hier in unserem alten Österreich herrscht der Pfaffe. Nein, fahre nicht auf, ich meine es ja zu deinem Besten. Die Ehe kann nur nach katholischem Ritus geschlossen werden. Diese Ehe ist und bleibt aber unauflöslich. Hast du dir das überlegt?‹ ›Ich weiß aber keinen anderen Ausweg.‹ Inzwischen hatte Judith wieder angefangen zu schreien, diesmal verstand ich die Worte, sie rief Vally, sie wollte Vally bei sich an ihrem Bette haben. Vally kam nicht. Ich sah meinen Vater an. Er verzehrte mich mit seinen bösen Blicken, vor denen ich Angst hatte, denen ich aber doch widerstand. Meine Mutter schlüpfte, in einen weiten Schlafrock mit einer Schleppe gehüllt, herein: ›Komm zu dem Kind!‹ Als ob es nur ein Kind auf der Welt gäbe, Judith! Er schüttelte den Kopf. ›Verdammtes Hausgesinde‹, zischte er. ›Als hätte ich nichts anderes zu tun?! Was wollt ihr denn alle von mir? Was wollt ihr denn alle von mir?‹ schrie er, der sonst nie schrie. ›Du weckst auch noch Viktor auf‹, sagte meine Mutter, und mitten in dem Unglück und Jammer brachte sie ihr altes, mattes, aber doch schelmisches Lächeln zustande, für das ich sie haßte – wie mein Vater jetzt auch ...

›Hier muß endlich einmal Ordnung geschaffen werden‹, sagte er. ›Stefanie‹, wandte er sich zu meiner Mutter, ›gehe zu Judith. In zwei Minuten komme ich nach. Zwei Minuten! sage ich. Kein Widerspruch.‹ Und als meine Mutter (immer noch lächelnd, aber ohne mich anzusehen, denn sie schämte sich ihres Verrats) das Zimmer verlassen hatte, sagte mein Vater, aufstehend und das Mikroskop in den Holzkasten unterbringend: ›Nun zu dir. Weißt du also endlich, was du willst?‹ ›Ja, ich kann das Mädchen nicht im Unglück lassen.‹ ›Als ob das ein Unglück wäre! Als ob nur du die Folgen für ihren Leichtsinn tragen müßtest. Zum letztenmal frage ich dich, willst du mir dein Wort geben, daß du diese ...‹ er bezwang sich, ›dieses Mädchen nicht mehr wiedersiehst – oder du mußt gehen.‹ ›Du kannst mich nicht aus dem Hause weisen!‹ ›So, kann ich das nicht? Ist das nicht alles mein Eigentum?‹ ›Nein‹, sagte ich, ›du bist verpflichtet, mich bis zur Großjährigkeit zu unterhalten, mich standesgemäß zu erziehen.‹ ›So hast du doch etwas Juristerei gelernt‹, sagte er höhnisch, mit einem teuflischen Lächeln, das mir ins Herz schnitt. ›Sieh da, ei, ei, ei, ei, du hast also die soziale Frage individuell gelöst. Du bist deinen Trieben gefolgt, und jetzt soll ich für dich sorgen und dadurch natürlich auch für sie, denn mit dem Geld, das ich dir gebe, nein, das ich dir schulde, kannst du ja die Dame deines Herzens unterstützen, bis du großjährig bist und du sie heiraten und den Bankert eines anderen legitimieren kannst. Und du glaubst, daß ich mich zu solch einer Komödie hergebe?‹ ›Ich glaube es nicht.‹ ›Oh nein, du glaubst es nicht‹, höhnte mein Vater, der mich in seiner kalten Wut mißverstanden hatte. ›Nein, du willst Christus sein, dich aber nicht ans Kreuz schlagen lassen!‹ Judith hatte ihr Schreikonzert wieder begonnen. ›Sind denn alle Teufel los auf dieser Hölle‹, schrie mein Vater. ›Ich aber sage nein‹, wandte er sich zu mir. › Das hast du immer gesagt, wenn ich etwas von dir wollte.‹ ›Wortklauberei, Haarspalterei. Entweder ich oder Vally.‹ Ich schwieg. ›Du kannst nicht Vallys Ehemann sein mit einem Kühehirt als Schwager und mein Sohn bleiben. Sieh es ein, sieh es ein!‹ wiederholte er drohend. ›Was ist sie dir, diese hergelaufene Schlumpe? Was kann sie dir noch geben? Ekelt es dich denn nicht? Hast du ihr etwas versprochen? Was hat sie denn von dir erpreßt?‹ ›Sie hat nichts verlangt. Ich habe nichts versprochen.‹ ›Was willst du dann noch? Ist dann nicht alles in bester Ordnung?‹ ›Ich kann gerade deswegen nicht anders‹, sagte ich. ›So hole dich der Teufel! Wir sind geschiedene Leute. Suche dir deinen Galgen, wo du ihn findest. Ich will dich nicht mehr sehen!‹

Wäre doch mit diesen für mich furchtbaren Worten – denn ich hatte immer noch auf eine Art Wunder gehofft! – der Abend zu Ende gewesen. Aber Judith hatte sich in immer größere Erregungen hineingeschrien, sie begann zu toben, anders kann ich es nicht nennen, ihre Schreie nach Vally wurden immer schriller, und wenn man im Anfang glauben konnte, daß sie in ihrer alten Art übertreibe, fürchtete ich jetzt, daß es ihr ernst war, daß sie am Rande ihrer Kräfte war. Ihre Wänglein waren purpurrot, die Augen fieberhaft leuchtend, mein Vater setzte das Thermometer ein, und es ergab 39,9.

Ein schauerlich harter, böser Blick traf mich. Auch meine Mutter begann zu zittern. ›Wer hat dir erlaubt, Vally ohne meine Erlaubnis fortzuschicken?‹ fragte mein Vater leise, aber für uns alle, Judith und mich vernehmlich. Judith hatte dies bis jetzt nicht gewußt. Jetzt sah sie alle schreckensstarr an, aber sie hatte mit dem Schreien mit einem Male aufgehört, ihre Wangen erblaßten, die Augen schlossen sich, und ihr rotblondes Köpfchen sank auf die Kissen zurück. ›Sie stirbt, sie stirbt!‹ murmelte mein Vater im tiefsten verstört, ›und der da hat sie umgebracht. Er hat sie mir umgebracht! Damit sein Hurenkind das einzige ist!‹ Was hätte es geholfen, den in seinem Schmerze wie irren Menschen aufzuklären? Ich lief ans Telephon und rief einen bekannten Kinderarzt an, der früher zu mir in den seltenen Fällen von Krankheit und auch des öfteren zu Judith gerufen worden war. Der Arzt war glücklicherweise zu Hause und versprach sofort zu kommen. Ich sagte es meinen Eltern, sie antworteten nicht, aber ich sah, daß sie einverstanden waren. Judith schien eingeschlafen oder ohnmächtig, aber kaum hatte der Kinderarzt, ein schöner, noch junger Mensch mit blitzenden blauen Augen und einem langen seidigen blonden Bart sich an ihr Bettchen gesetzt und sie zu untersuchen begonnen, indem er zuerst von außen die Kieferwinkel befühlte, um zu sehen, wie sehr die Mandeln angeschwollen waren, als das Kind zu toben begann, ganz wie vorher. Sie warf sich im Bett umher, sie griff mit beiden Händen dem Arzt in den dicken Bart und riß daran, was er natürlich ungnädig aufnahm. Man ließ die bewegliche, aus Flechtwerk bestehende Wand des Kinderbettes nieder, aber das Kind stieß sich die Stirn an den Metallstäben wund, und ihr ununterbrochenes Schreien ließ sie im Gesicht blaurot anlaufen, und die Adern am dünnen, langen Halse schwollen deutlich an. Mein Vater rang verzweifelt die Hände, meine Mutter weinte, so hatte ich die beiden nie gesehen. Auch der sonst an Kinderart gewöhnte Arzt schien die Ruhe zu verlieren. Er hob das Kind etwas ungeduldig heraus, setzte es derb auf sein Hinterteil und befahl ihm, ruhig zu sein. Aber das Kind jammerte immer stärker, ab und zu setzte das Stimmchen mitten im Kreischen aus. Ein sanfter Klaps von seiten des Kinderarztes machte Judith noch wütender. Sie stürzte mir in die Arme, sie weinte und flehte mich an und heulte immer heftiger, klammerte sich mit allen zehn Fingern an meinen Nachtanzug, denn ich hatte, seitdem mein Vater mich aus dem Bette geholt hatte, keine Zeit gehabt, mich anzukleiden. Meine Mutter sah meine Anwesenheit hier nicht gern. ›Geh endlich schlafen‹, raunte sie mir mit unfreundlichem Blicke zu. ›Laß uns allein!‹ Kaum hatte das Judith gehört, als sie sich noch verzweifelter an mich anklammerte, noch kreischender um Hilfe rief. Ich redete ihr sanft, dann energisch zu, meine Worte verhallten ohne den geringsten Erfolg. Wie es bei solchen Anfällen im Fieber manchmal vorkommt, wird der Puls vorübergehend etwas schwächer. Mein Vater wußte es als Arzt, aber als Vater glaubte er an eine große Gefahr, die nicht bestand, denn es war klar, daß ein Kind, das so laut schreien, so kräftig um sich schlagen und beißen konnte, noch weit entfernt vom Tode war. Mir kam ein dummer Einfall, aber an einem Tage wie heute glaubte ich, daß ich ihn versuchen könnte.

Ich nahm, ohne jemand zu fragen, vor den Augen des verblüfften Kinderarztes das Kind auf meine Arme und sagte: ›Komm, Ditchen, jetzt gehen wir zum Brüderchen, Viktor hat dich gerufen, hast du gehört?‹ Natürlich hatte Judith nichts gehört, denn Viktor war so klein, daß er noch kein Wort deutlich aussprechen, geschweige denn sein ungebärdiges Schwesterchen rufen konnte, aber Judith lauschte auf, sie ließ sich in das Kinderzimmer führen, wo Viktor, ihr Eigentum, wie ich ihr zuflüsterte, seinen guten Säuglingsschlaf schlief neben der stark schnarchenden, dicken, rotwangigen Amme. ›Leise, leise‹, sagte ich zu Judith, die aufmerksam zu mir aufsah, und nahm das Nachtlicht von einem Tischchen und leuchtete Viktor ins Gesicht. ›Er ist wieder eingeschlafen, du mußt leise sein, du wirst ihn doch nicht wecken, er gehört doch dir?‹ ›Mir allein?‹ fragte Judith, und ihre Augen begannen zu leuchten, aber in einem anderen, klareren Glanz. ›Natürlich, Vally hat ihn dir doch geschenkt! Vally kommt morgen, Vally bleibt immer bei dir‹, log ich und hätte doch so gern gewollt, daß es die Wahrheit gewesen wäre. Tatsächlich hatte sich Judith beruhigt, und, was das sonderbarste war, als der Kinderarzt sie jetzt maß, war die Temperatur wieder auf 37,8 gesunken, die gleiche Temperatur, die sie am frühen Abend gehabt hatte.

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