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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ich glaube nicht, daß ich damals vollkommen glücklich war, trotzdem Vally alles tat, was sie konnte. Ich war ihr sehr dankbar. Hätte ich einen Beruf gehabt, der mich ausgefüllt und mir eine Zukunft gewiesen hätte, hätte ich meinem Vater klarmachen können, was er mir angetan hatte, hätte ich ihm beweisen können, daß ich ihn trotzdem aus ganzem Herzen liebte, und zwar so, wie Vally geliebt sein wollte oder wie sie es verdiente – lauter ›wäre‹, die sich nie in das einzig beachtenswerte war verwandelten ... Vally war von unserer Liebe so verzaubert, daß sie gar nicht daran gedacht hatte, eine solche Nacht wie die erste könnte sich wiederholen. Aber auch ich konnte mir nicht vorstellen, daß so etwas Bestand haben könnte, ich bildete mir ein, Vally würde, von jetzt angefangen, von Reue und von Gewissensbissen gequält werden, und sie würde sich mir entsetzt versagen, wenn ich wagen sollte, sie noch einmal zu bestürmen.

In Gegenwart der Eltern und des immer eifersüchtigen Schwesterchens durften wir nichts zeigen, und es gelang uns nur zu gut, vor meiner Mutter und meinem Vater alles zu verbergen.

Wie sich von selbst versteht, war das Mißverständnis bei zwei jungen und heißblütigen Menschen nicht von langer Dauer, eines Tages oder Abends lagen wir uns wieder in den Armen, und jetzt erst begann mit der Regelmäßigkeit unser Glück.

In dieser Zeit erhielt ich einen Brief von Jagiello, der mich bitter stimmte. Nicht, daß Jagiello, der erfahren hatte, daß ich meinen Lebensplan nicht durchführen konnte, es an Neigung zu mir hätte fehlen lassen. Im Gegenteil! Daß er mir recht gab auf Kosten meines Vaters, daß er ihn mit den gewöhnlichen Maßen zu messen wagte, daß er ihm niedrige Motive, nämlich Herrschsucht und Neid auf meine Jugend, auf mein Glück bei Menschen vorwarf, das konnte ich Jagiello nicht verzeihen, ich hätte ihn einer so niedrigen Handlung nie für fähig gehalten, und ich sprach es offen aus in einem Brief, auf den ich keine Antwort mehr erwartete. Sie kam denn auch nicht.

Damit war leider die Verbindung mit Eveline abgebrochen. Mir war auch dies fast gleichgültig geworden. Vielleicht fühlte ich selbst, daß ich nicht mit Vally meine Nächte verbringen und am Tage darauf schwärmerische Briefe mit unbestimmten Zukunftshoffnungen an Eveline richten dürfe.

In diese Zeit fiel endlich die Ernennung meines Vaters zum Ehrenbürger von Puschberg. Vallys Vater kam zu uns, wurde mit allen Ehren empfangen, und das Diplom der Ehrenbürgerschaft wurde in dem Arbeitszimmer meines Vaters neben dem Porträt des genialen Augenarztes von B., des Lehrers meines Vaters in seiner Assistentenzeit, aufgehängt.

Ich aber hielt mich von den Festlichkeiten soviel wie möglich fern. Es fiel mir schwer, Vallys Vater in die Augen zu sehen. Vally verstand es nicht. So kam ich auch zu dem Festessen, das in einem Restaurant stattfand, zu spät. Vally saß als Gast neben ihrem Vater, alle taten, als wüßten sie nichts davon, daß sie im Hauptberufe Stubenmädchen bei uns war. Zu allem andern hatte sie ihr ländliches Kostüm angezogen. Aber es paßte ihr schlecht. Aus schwarzem Taffet, plump geschnitten, mit silbernen, altmodischen Ketten überladen, machte es sie alt und etwas plump, und zum erstenmal fand ich eine Ähnlichkeit zwischen ihrer häßlichen Schwester Veronika und ihr. Meine Entschuldigung für das Zuspätkommen war meine alte, immer unregelmäßiger gehende, goldene Uhr, die ich von meinem Vater hatte. Ich brauchte bloß dieses Unding aus der Westentasche zu ziehen und mich fragend im Zimmer umzusehen – um das Gespräch auf eine andere Sache zu bringen und allen Vorwürfen zu entgehen.

Ich war unruhig, ich wußte nicht warum. Eines Abends flüchtete ich mich zu meiner Mutter, sagte ihr aber nichts von dem, was mich bewegte, sondern verlangte nur etwas Trost. Meine Mutter gab mir, was ich wollte. Es war sehr einfach, einige nichtssagende Worte, ein Streicheln über meine Haare, deren reichen Wuchs und deren Weichheit sie genauso bewunderte, als wäre es das Fell einer kostbaren Katze, und das alles nicht länger als zwei Minuten hindurch, weil sonst Judith in ihrer Eifersucht mit einer Szene voller frühreifer Leidenschaft und Eifersucht antwortete – das war alles. Sie hielt mich für groß, erwachsen, und ich hätte es sein sollen.

Ich schrieb lange Briefe an Perikles. Er antwortete postwendend, die Briefe kamen wie aus der Pistole geschossen, aber oft fragte ich mich, ob er meinen Brief überhaupt gelesen, ob er ihn begriffen hatte. Er lebte in einer ihm allein gehörenden Welt, so sehr, leider, daß meine Aufforderungen, sich mit mir zu beschäftigen und mir in meiner Verwirrung und Unruhe zu raten, für ihn nichts als ein Anlaß waren, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und vielleicht irgendeinen stillen Widerstand in sich selbst niederzuringen. Dabei war er im Grunde der Alte, Perikles blieb Perikles. Vielleicht war ich es, der sich geändert hatte und etwas von einem Freund verlangte, das er beim besten Willen nicht zu geben vermochte.

Immer mehr lebte er sich, trotz seiner Körperschwäche, Armut und Unschönheit und Verlassenheit in eine Rolle hinein, welche die des Imperators mit der des Philosophen vereinigen wollte. Dabei war er mir dankbar, weil ich ihn zuerst auf diese Imperatorrolle aufmerksam gemacht haben sollte. So nahm er, der sich zum Philosophen geboren glaubte wie ich mich zu einem Arzte, meine kindische überhebliche Ausdrucksweise vor so und so viel Jahren zur Leitlinie seines Lebens!

Aber je mehr ich ihm schrieb – den wahren Sachverhalt konnte ich ihm nicht andeuten –, desto mehr Mißverständnisse. Denn er glaubte, ich sei in der Liebe unglücklich, man würdige mich nicht, er riet mir zu eiserner Willensstärke, zu heroischer Entsagung und ließ dabei durchblicken, daß er für seinen Teil sich bei wunderbaren, wenn auch leider käuflichen Frauen getröstet hatte, denn aus seinen schönen Plänen mit geistigen, großangelegten Weibern war noch nichts geworden. Oft kamen Worte von ihm, die ich bei einem jungen Menschen seiner Art nie erwartet hätte: ›Lächerliches Bemühen der Philosophen‹, schrieb er mir ungefähr zur Zeit meines ersten Kusses – aus Mitleid – auf Vallys Mund, ›die teuflische Natur des Menschen umzufälschen ins Humane. Tausendmal besser, Du bist teuflisch, stark und mit allem Lebenswürdigen im Einklang – als engelhaft, schwächlich und nur liebenswürdig für unheldische Seelen.‹ Gerade in dieser Zeit hätte ich aber weniger einen aphoristischen Philosophen als vielmehr einen guten Freund sehr nötig gehabt, denn endlich sollte sich der Nebel heben, und ich sollte, mitten im Sumpf, auf Felsen stoßen, dort, wo ich ihn am wenigsten erwartet hatte, denn bis dahin war ich trotz meinen Liebesabenteuern ein Kind geblieben, und vielleicht hatte mein Vater mehr recht gehabt als er wußte, als er mich einen Gymnasiasten nannte, der sich selbst nicht kannte.

Die Tatsachen, mit denen ich zusammenstieß, waren die einfachsten von der Welt, jeder meiner Kameraden von der Handelshochschule kannte sie und hätte mich warnen oder vorbereiten können. Aber ich würde nie daran gedacht haben, Menschen dieser Art in meine Nöte einzuweihen. Sowenig sie von meinen fehlgeschlagenen Hoffnungen wußten, sowenig hatte ich ihnen von meiner Liebe zu Vally erzählt. Kurz nachdem ihr Vater wieder nach Puschberg abgereist war (in der Tasche einen bedeutenden Geldbetrag, den aber die Gemeinde diesmal für Nöte aus Lawinenschäden dringend brauchte, so dringend, wie es weder der Kirchen- noch der Armenhausbau gewesen war), kurz nachher bat mich Vally, immer mit dem scheuen schönen Lächeln um die jetzt etwas röter und voller gewordenen Lippen, bald zu ihr zu kommen. Es war Freitag, und es traf sich, daß ich erst am Sonntag abend kommen konnte. Sie hatte mich schon mit der größten Ungeduld erwartet, aber sie bezwang sich, reichte mir zuerst ein kleines Geschenk zu meinem neunzehnten Geburtstag, den ich vorgestern und gestern gefeiert hatte, dann umarmten wir uns, und als ich spät nachts erwachte und mich anschickte heimzugehen, nahm sie mich vom Bett aus um den Hals und flüsterte mir zu: ›Wir müssen uns trennen! Ich glaube, ich bin in der Hoffnung.‹ Sie ließ mir nicht Zeit, etwas zu erwidern, sondern stand auf, schloß die Tür ihres Kämmerchens auf und ließ mich schnell hinaus.

Ich verbrachte daheim eine schlaflose Nacht. Was immer ich ausdachte, alles war unmöglich. Einen Ausweg aus dieser Lage gab es nicht.

Am nächsten Morgen wunderte sich meine Mutter über meine blasse Gesichtsfarbe. Mir kam der Gedanke, mich ihr anzuvertrauen. War sie nicht meine Mutter? Mußte sie mich nicht verstehen? Ich fragte zuerst Vally um Rat. Sie zuckte die Achseln. Wollte sie mir nicht raten? Hatte sie einen anderen Plan? Ich konnte es nicht erraten. Wir konnten nicht einen Augenblick ungestört miteinander sprechen. Sie konnte auch abends nicht ihr Kämmerchen aufsuchen, denn Judith hatte Halsentzündung und fieberte und bestand darauf, daß Vally sie pflege und die ganze Nacht hindurch bei ihr bleibe. Vally biß die Zähne zusammen (wie gut kannte ich diese Entschlossenheit, vielleicht war dies die ›eiserne Willensstärke‹, von der Perikles geschrieben hatte), und sie blieb. Sie tat es sogar sehr gern.

Am nächsten Tag beichtete ich meiner Mutter alles. Sie erschrak, wie ich sie nie hatte erschrecken sehen. Dann sah sie mit bösem Blick auf Vally hin, die eben eintrat, ein Tablett für die kranke Judith auf dem Arm. ›Walpurgis!‹ schrie meine Mutter sie an. Diesmal nützte die eiserne Willensstärke nichts. In ihrem plötzlichen Aufschrecken hatte Vally das Tablett fallen lassen, und nun knieten wir, wie schon einmal in alten Zeiten, auf der Erde, nebeneinander, und wir suchten still die Scherben zusammen. Inzwischen hatte meine Mutter sich beruhigt. Sie winkte Vally ab, sie wollte nicht mit ihr sprechen. Auch mit mir nicht.

Mit wem? Mit ihm? Ich beschwor meine Mutter, meinem Vater nichts zu sagen. Er sollte und mußte es erfahren, aber durch mich. Ich wollte ihm entgegentreten, denn ich wußte, daß ich auf mutige, ruhige Weise seinem Zorn am besten begegnen konnte. Meine Mutter wollte nichts versprechen. Endlich gelang es mir, sie umzustimmen. Sie sagte mir die Verschwiegenheit auf ihr Wort zu. Aber ich wollte einen festeren Schwur. Ich holte das Medaillon hervor, das ich von Kindeszeiten her trug (es war das alte, das ich von dem irrsinnigen Knaben erhalten hatte), und brachte sie unter Tränen, die wir beide gemeinsam vergossen, dazu zu schwören, sie würde meinem Vater ohne meine Einwilligung das Geheimnis niemals verraten.

Meinem Vater, der an diesem Tage früher heimkehrte, fiel unsere Unruhe auf. Aber er war so guter Laune, er freute sich so über seine Zukunftsaussichten, die sich seit einiger Zeit sehr gebessert hatten und die ihn eine ordentliche Professur, später einen Platz im österreichischen Herrenhause und vielleicht gegen den Lebensabend sogar den erblichen Adel erhoffen ließen – und welche Reichtümer inzwischen –, daß er sich mit unseren, freilich recht ungeschickten Ausflüchten zufriedenstellen ließ.

Ich baute auf meine Mutter wie auf jenen Felsen, auf den der Apostel Petrus seinen Glauben und seine hl. Kirche baut.

So hatte ich ein etwas erleichtertes Herz und sagte Vally, meine Mutter sei eingeweiht und werde uns helfen. Vally fand aber diese Nachricht sehr bedrückend. Wie gern hätte sie geweint, aber sie mußte servieren und sich außerdem um Judith kümmern, die an diesem Tage zum erstenmal aufgestanden war. Endlich fand sie eine freie Minute. ›Ich muß fort‹, sagte sie, ›bitte vergessen Sie mich nicht, und verraten Sie mich nicht!‹ Ich wollte sie zur Rede stellen, weil sie plötzlich die Anrede ›Sie‹ anwandte, aber sie konnte mich nicht anhören, ›ich schreibe Ihnen, ich schreibe bald‹, wiederholte sie fast mechanisch und ging. Sie schloß die Tür so leise zu, als fürchte sie, jemanden aus dem Schlaf zu wecken.

Aber bald kehrte sie, während Judith und meine Mutter recht ungeduldig nach ihr riefen (denn sie sollte auch diese Nacht auf einem Sofa neben Judith verbringen), in mein Zimmer zurück, wo sie das Bett gemacht hatte, sah sich nochmals um, wollte irgendein Andenken mitnehmen, und dabei fiel ihr mein altes, halbverbranntes Buch über die Irren in die Hände, das auf meinem Nachtkästchen lag, obgleich ich es seit Wochen oder Monaten nicht mehr aufgeschlagen hatte. Denn in dieser Zeit war ich nur von Zerstreuung zu Zerstreuung geeilt. Es ist die einzige Zeit meines Lebens gewesen, in der mich Kartenspiele nächtelang fesseln konnten und wo ich auf einen großen Gewinn am grünen Tischchen stolzer war, als ich es auf meine Leistungen als Schüler in alter Zeit gewesen war. Und sonst hatte ich ja keine Gelegenheit gehabt, mich hervorzutun.

Daß ich mich meiner Mutter anvertraut hatte, daß sie stillschweigend unsere Verantwortung mitübernommen hatte, gab mir eine große Beruhigung. Und so kniete ich wie als kleiner Junge auf dem Teppich vor dem Bette nieder, richtete den Blick zu einem schwarzen Kreuz mit einem silbernen Christus und begann ohne Worte, aber mit tiefstem Gottvertrauen zu beten.

Dann schlief ich ein. An meiner Seite tickte die schlechte Uhr ...

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