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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erstes Kapitel

1

Das Schreiben war immer eine verbotene Freude für mich. Mein Vater liebte es bei mir nicht. Aber er konnte mich nie so scharf überwachen, daß er es ganz hätte verhindern können. Er ist ein berühmter Augenarzt, seine Zeit gehört ihm nicht. Wir, meine Mutter und ich (meine Schwester kam erst fünfzehn Jahre nach mir auf die Welt), sahen ihn immer nur auf kurze Zeit, die sechs Wochen des Sommerurlaubs ausgenommen, die wir fast Jahr für Jahr auf dem kleinen Besitz Puschberg in Tirol verbrachten.

Ich erinnere mich noch, es war in meinem Geburtsort, einer Stadt des alten Kaiserreiches Österreich-Ungarn, wo mich eines Spätnachmittags im Juni die Lust zu schreiben übermannte. Ich hatte heimlich aus der Bibliothek meines Vaters ein Buch über Augenheilkunde genommen – mein Vater war damals Dozent der Augenheilkunde – und hatte es durchgeblättert, ohne es zu verstehen, ich hatte die bunten Abbildungen angestaunt, ohne sie zu begreifen. Wie sollte ich dies auch, eine Junge von elf oder zwölf Jahren? Plötzlich fiel mein Blick auf eine kleingedruckte Stelle am unteren Rande einer linken Seite, es war unser Name, der Name meines Vaters, ohne Angabe seines Titels, einfach Maximilian K. Ich erschrak, und zu gleicher Zeit überkam es mich mit einem wunderbaren Entzücken, zitternd beugte ich mich über die Stelle und las sie mir halblaut vier- bis fünfmal vor, dann legte ich, damit der Wind nicht das Blatt umschlage – das Fenster war offen, und ein mächtiger Südwind wehte –, mein lateinisches Taschenlexikon quer über die merkwürdigste aller Seiten, riß aus meinem Mathematikheft ein Blatt, und zwar das letzte, heraus und begann schnell den ganzen Absatz mit allen mir unverständlichen Fremdwörtern abzuschreiben, bei besonders schwierigen Wortbildungen an der Spitze des Federhalters ungeduldig knabbernd.

Es war ruhig, meine Mutter war bei der Schneiderin für die Ferientoiletten, aus dem unteren Stockwerk, wo mein Vater täglich zwischen drei und halb fünf (oft wurde es aber halb sieben, sogar acht) ordinierte, kam kein Geräusch. Kein Klirren von Instrumenten, kein Raunen, kein dumpfes, unterdrücktes Jammern, wie ich es manchmal heimlich beim verbotenen Lauschen hinter den Türen unten vernommen hatte. Nur selten hörte ich den Stock eines Augenkranken scharf und hell über die Stufen der Treppe zum ersten Stockwerk klappern, denn der samtartige Treppenbelag begann auf ausdrücklichen Wunsch meines Vaters erst auf der Treppe, welche von der Ordination zu unserer Wohnung führte und welche die Patienten daher nie benutzten.

Ich war so in meine Arbeit vertieft und so glücklich dabei, daß ich nicht merkte, wie sich die Tür auftat und mein Vater leise eintrat. Er stand vielleicht schon einige Sekunden hinter meiner Schulter, bevor er mir das Blatt unter der Feder wegzog, so sachte und so energisch zugleich, daß ich mit meiner Feder noch einen langen Schnörkelzug tat.

Jetzt schrak ich auf und sah ihn, mit seinem spöttischen Lächeln, das weder Gutes noch Böses versprach. Um seine schöne, hohe, damals vollkommen faltenlose Stirn sah ich eine rote, drei Finger breite Spur, ich wußte, daß dies die Spur eines Apparates war, den er mit einem festen Band bei seiner Arbeit um den Kopf geschnallt trug. Mein Vater ist ein starker, breitschultriger, hochgewachsener Mann. Dunkelblonder Bart, etwas helleres, reiches, sorgfältig in der Mitte gescheiteltes Haar. Er spricht nicht viel. Er lächelt zwar oft, aber ich bin lange die Angst vor ihm nicht losgeworden, obwohl ich mich nicht erinnern kann, daß er mich körperlich gestraft hätte – ganz im Gegensatz zu meiner Mutter. Aber meine Liebe war meist noch stärker als meine Angst, und ich hatte nie das Gefühl des Verlassenseins, wie es einzige Kinder oft haben, und das sie oft zu einer Art Größenwahn treibt.

Auch jetzt sagte er nichts. Er las zuerst die Seite durch, ohne ein Zeichen des Staunens zu geben. Dann fragte er, woher ich das Blatt genommen habe. Ich stammelte etwas vor mich hin, der mächtige Südwind kam eben durch das offene Fenster mit dem Rauschen der dicht bebuschten Bäume, der Vater schloß das Fenster, faßte mich an der Schulter und sah mich fragend an. Seine Augen sind nicht groß. Sie sind von einem frischen, grünlichen Blau, und sie haben es an sich, daß sie das nicht mehr loslassen, was sie einmal erfaßt haben. ›Nun?‹ fragte er noch einmal. ›Gekauft‹, sagte ich, und dann über meine wahrhaft unbeschreiblich dumme Lüge errötend und am ganzen Körper in Schweiß ausbrechend, wiederholte ich noch einmal: ›wirklich! gekauft‹, während ich merkte, daß er schon seine Lippen geöffnet hatte, um etwas zu sagen.

Aber er sagte nichts mehr, er nickte nur. Er hatte natürlich sofort gemerkt, daß das Blatt aus dem neuen Mathematikheft ausgerissen war, und zu allem Ungemach noch dazu so ungeschickt, daß auch das erste Blatt des Heftes mit meiner ›Hausaufgabe‹ (und den dazu gehörigen Zeichnungen der Dreiecke mit eingeschriebenem und umschriebenem Kreise) aus dem Hefte herausfiel, kaum daß mein Vater nur leise daran zupfte. Er faßte jetzt das ganze Heft zwischen seine schneeweißen, zarten und dabei außerordentlich kräftigen Finger mit den kurzgeschnittenen, mandelförmigen rosigen Nägeln (ich habe nie vorher und nie nachher eine solche Hand gesehen) –, dann aber nahm er die zwei Blätter, legte sie vorsichtig wieder in das Heft zurück, das Blatt mit der Aufgabe an den Anfang und das Blatt mit der ›kleingedruckten‹ Notiz an den Schluß. Ein anderer Vater hätte mich vielleicht gestraft, ein anderer mir wenigstens eine Standpredigt gehalten. Hier nichts. Er nahm nicht einmal sein Lehrbuch der Augenheilkunde mit sich, als er das Kinderzimmer wieder verließ.

Ich weiß nicht, wie er es zustande brachte, aber er hatte mir vorläufig den Spaß am Kritzeln abgewöhnt, und doch liebte ich das Schreiben über alles, bis zum herben Geruch der Tinte und dem beruhigenden Streichen der Feder über das Papier. Bis dahin hatte ich öfter die Gelegenheit benützt, wenn er und der Diener abwesend waren, um in der Bibliothek mir medizinische Bücher zu verschaffen. Welchen Sohn eines Arztes hätte das Geheimnis nicht gelockt? Von nun an hielt ich mich (eine Zeitlang nur, ich gestehe es) an das stumme und gerade deshalb so wirksame Verbot, weil ich fühlte, mein Vater habe mir nur deshalb keine Vorwürfe gemacht, weil er wußte, daß ich ihn auch ohne diese ganz genau verstand. Er nahm mich ernst, und er vertraute mir immer wieder. Manchmal hätte ich ihm – wie soll ich es nennen? – widerstreben mögen. Ich hätte meiner Mutter mehr beistehen können. Ich konnte es nicht.

Ich war kein musterhafter Sohn, auch kein musterhafter Schüler. Ich war nicht immer sehr verträglich, und da wir in der Schule verschiedene ›Banden‹ mit verschiedenen Führern hatten und ich natürlich auch einer der Führer war, kam es oft zu Prügeleien, zu Siegen und zu Niederlagen, die ich nicht ruhig hinnehmen konnte, besonders wenn ich sah, daß der letzte Sieger, den wir in unserer Sprache ›Imperator‹ nannten, sich gegen kleine, schwächliche oder ›zurückgebliebene‹ Kameraden etwas herausnahm. So war der ewigen Kämpfe kein Ende, zum Glück, denn das Raufen macht Spaß, versteht sich.

Was ich aber später nicht mehr verstand, war, daß ich es mit dem Eigentumsbegriff nicht immer sehr streng nahm. Oft genug hatte ich Sachen von mir fortgegeben, und das ließ sich entschuldigen, obwohl mir zu Hause immer eingeprägt wurde, daß alles, was ich hatte, nicht mir persönlich, sondern ›uns‹ gehörte. Schlimmer war es, daß ich mir Sachen aneignete, von denen ich ganz genau wußte, daß sie mir nicht gehörten. Schulutensilien, besonders schöne Federhalter, dicke Gummis etc. haben mich immer gereizt, ein geschnitzter Federhalter mit der Stadt Gablonz im Griff eingelassen, war mein Traum. Ich nahm sie, hatte sie, und stellte sie meist, unbemerkt, wie ich dachte, den alten Eigentümern wieder zurück, denn sie auf ewige Zeiten zu besitzen, galt mir nichts. Auch das konnte man noch entschuldigen. Aber unverzeihlich in den Augen meiner Mitschüler war es, daß ich mir öfter Sachen von sehr armen Jungen aneignete und daß es mir ein höllisches Vergnügen machte, zu sehen, wie sie ihr Eigentum ›über und unter der Erde‹, will heißen Schulbank, suchten. Was dachte ich mir wohl dabei, wenn ich ihnen mit einer falsch großmütigen Geste nach kurzer Zeit ihr Eigentum zum Geschenk, ›zum Present‹ machte? Ich dachte, sie würden sich ungeheuer freuen. Statt dessen fielen bei einer solchen Gelegenheit die Kameraden aus verschiedenen Heerlagern über mich her. Jeder für sich war im Vergleich zu mir kein Held, glaubte ich, und ich stellte mich lachend dem Kampf, aber es war kein Zweikampf wie gewohnt, sondern sie stürzten insgesamt, ohne abzuwarten, sich über mich, und alle zusammen bekamen sie leider schnell die ›Überhand‹, wie wir es nannten. Ich lag bald da, mit dem Rücken nach unten, die Lippen zusammengekrampft, aber mit allen Gliedern schnelle, furchtbare Stöße austeilend, ohne doch gegen die Übermacht aufkommen zu können. Vielleicht hätte ich mich, als ein ungewöhnlich starker Junge, ihrer doch erwehrt, wenn nicht ein besonders kleiner, mißgestalteter, schielender Knabe meinen Kopf von rückwärts gefaßt hätte, um ihn gegen den Fußboden zu stoßen.

Aber mein dichter Haarbusch hatte den Schlag zu meinem Glück abgeschwächt. Ich war über die gemeine Kampfart so empört, daß ich in meiner Wut – jetzt war ich wütend geworden, und in meinem Jähzorn kannte ich mich nicht mehr – mich aufbäumte und gegen meine Gegner ansprang. Aber sie waren klüger als ich, voller List stellten sie mir Fallen, einer ›drehte mir das Füßel‹, ich lag zum zweitenmal da, und diesmal fielen alle mit doppelter Kraft über mich her, die Schwächlinge und Zurückgebliebenen besonders, diejenigen, die ich großmütig beschützt, und die anderen, die ich, nicht minder großmütig, mit ihrem Eigentum beschenkt hatte, wenn ich ihnen keine anderen Geschenke hatte machen können. Unter allen war es der Schielende, der sich besonders boshaft an mir verging. Ich sage nicht wie. Mein Jähzorn war so schnell, wie er gekommen war, auch schon vorbei, ich sah sogar mein Unrecht ein, ich spürte die Schläge und Püffe nicht mehr, wohl aber meine eigene Schande, und in meiner Not begann ich laut zu beten.

Ob ernst, ob nicht (aber es war ernst, denn ich ›glaubte‹, aus ganzem Herzen) – meine Kameraden höhnten nur noch mehr, der Schielende kopierte meine Worte, und zu spät verschloß ich meine Lippen, als ich merkte, daß ich gegen unsere ›Ehre‹ verstoßen und den Beistand eines Dritten, des lieben Gottes, angerufen hatte. Ich ließ mir sogar Ohrfeigen versetzen, ich schlug, so verstört war ich, nicht ordentlich zurück. Ich schützte nur mein Gesicht.

Dann ließ ich die Hände von meinem Gesicht gleiten. Ich streckte die Arme aus.

Das galt allgemein als Zeichen, daß ich meine Niederlage anerkenne, und fast alle zogen sich lachend und mit den Füßen aufstampfend und dann mit den Büchern auf die Pultdeckel trommelnd, in ihre Schulbänke zurück und ließen mich am Fuße des Katheders liegen. Nur der Schielende wollte nicht von mir lassen und trat nach meiner Hand, die zusammengekrampft auf dem Fußboden dalag und die ich, auf solche Niedertracht nicht gefaßt, zu spät fortzog. Von draußen vernahm man die Schritte des Klassenvorstands – auf dem hallenden, mit Steinplatten belegten Korridor hörte man sie ziemlich lange voraus. Es war höchste Zeit für uns beide, meinen stillen Feind (er mußte mich schon lange gehaßt haben, wie eben solche armen Kreaturen hassen) und mich.

Aber auch bei mir war die Zeit des stummen Leidens vorbei. ›Warte nur, du, ich komme dir mit dem Spiegel!‹ zischte ich ihm zu und stand wieder aufrecht da, wenn auch noch etwas schwankend.

Obwohl mein Vater niemals mit uns über ärztliche Sachen sprach und obwohl auch aus dem Faktotum Lukas, seinem Diener, nie etwas über die Kunst meines Vaters herauszubringen war, so hatte ich doch etwas von einem Spiegel aufgeschnappt – es war ja ein runder Spiegel, den mein Vater an dem breiten, tief schwarzen Band um den Kopf geschnallt trug –, und ich hatte jetzt, ohne es zu wissen, die empfindlichste Stelle des Schielenden getroffen. Ich hätte vielleicht schweigen sollen, denn ich sah, wie er erblaßte und wie er weit vor mir in die Gasse zwischen den beiden Bankreihen zurückwich, sich mir aber doch wieder näherte, um meine ganz staubig gewordenen, dunkelblauen langen Beinkleider abzuputzen und den Kragen der Matrosenbluse, der zusammengeknäuelt war, glattzustreichen. Und während ich seine Hand an meinem Rücken entlangstreichen fühlte, hörte ich ihn leise mit den unter uns üblichen Worten um Verzeihung bitten: Abbitteabbitte! Aber als die Tür sich öffnete und der Klassenvorstand würdevoll eintrat, konnte ich mich nicht erwehren, ihm zuzuflüstern: ›Ja, mit dem schwarzen Augenspiegel komme ich, der meinem Vater gehört, und du wirst ganz blind, Schengler, du.‹

Schengeln oder scheangeln heißt in dem Dialekt der Stadt, in der wir wohnten, schielen. Er schüttelte in seinem großen Entsetzen bloß stumm den Kopf, er schlich in seine Bank, die letzte, die an der Wand, unter der Länderkarte, und sooft ich ihn ansah, schüttelte er flehend den Kopf unter den Flüssen und Gebirgen der österreichisch-ungarischen Monarchie und verzehrte mich mit seinen Augen, die mehr schielten denn je.

Ich konnte ihm nicht böse sein. Zwar merkte ich, wie sich an meinem Hinterkopf eine große Beule bildete und mir das Haar strack abstand und daß schon die leiseste Berührung schauerlich schmerzte, aber ich wollte alles wieder gutmachen. Ich nickte versöhnlich, wenn er den Kopf verzweifelt schüttelte, und als ich merkte, daß er diese Sprache nicht verstand, schickte ich ihm ein ›Klassentelegramm‹ folgenden Inhalts: ›Abbitteabbitte. Ich operiere Dich, und Du wirst sehen wie Perikles! Imperator.‹

Ich war zwar damals keineswegs Imperator, und auch mein Anerbieten, ihn zu operieren und ihn sehend zu machen wie Perikles (warum Perikles?), konnte nicht einmal ich ernst nehmen, denn ich wußte, daß er auch ohne mich sah. Aber er war beruhigt und schrieb zurück, ein kleines Blatt Papier in der Form einer Zigarette zusammenfaltend und in die Höhlung das Geschenk einer neuen Schreibfeder einlegend (vielleicht deshalb eine Feder, weil er wußte, wie gern ich mit einer neuen Feder schrieb): ›Dem Imperator dankt Perikles.‹

Aus dieser Erinnerung, die in mein zwölftes oder dreizehntes Lebensjahr zurückgeht, ziehe ich den Schluß, daß ich schon als Kind fest daran geglaubt habe, daß ich einmal Arzt wie mein Vater werden würde, daß ich glückliche Operationen und zauberhafte Kunststücke mit Spiegeln an unvollkommenen Augen vornehmen würde und daß es mir nicht an dem Endsieg fehlen könne, wie meine Unterschrift ›Imperator‹ beweist.

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