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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

1

Meine Mutter tröstete mich über meinen Mißerfolg hinweg durch ein kleines Geschenk, das sie bereits vorbereitet hatte, als ich ihr von meiner Unterredung mit meinem Vater erzählte; es war ein kostbarer Kamm aus Elfenbein. Vor Jahren hatte ich von ihr ›als kleines Pflaster auf eine große Wunde‹ die Kopfbürste aus Zitronenholz erhalten, jetzt hatte ich den Kamm dazu. Ich lächelte etwas bitter und ging in meine Kammer, um an meine Freunde Perikles und Jagiello zu schreiben. Perikles sagte ich die ganze Wahrheit. Jagiello verschwieg ich sie vorläufig, denn ich bildete mir ein, es könne mir in den Augen seiner Schwester schaden, daß ich meinen Willen in einer so wichtigen Sache nicht durchgesetzt hatte.

Die Vorlesungen in der Handelshochschule hatten bereits begonnen. Lag es daran, daß ich also ihren Anfang nicht mitgemacht hatte, lag es an der freien Wahl, für die ich vielleicht nicht reif war – ich besuchte die Vorlesungen unregelmäßig, manches blieb haften, denn ich hatte von meinem Vater ein sehr gutes Gedächtnis geerbt, manches, das meiste, ging spurlos vorüber. Meist saß ich da, zeichnete Figuren, dachte an Eveline, an alte Zeiten, wie an die ›Pilgerim‹, an Vally, den Garten, oder an nichts.

Abends war ich oft mit meinen neuen Kameraden zusammen. Mein Vater hatte nicht übertrieben, es waren meist Söhne aus sehr reichen Häusern, fast alles Erben großer Fabriken oder anderer Unternehmungen. Wir spielten im Café Billard, Karten, Schach, es gab viele Einladungen von Haus zu Haus, man tanzte, es gab Liebeleien, alles in Ehren – sehr zeitraubende, im Grunde ganz oberflächliche Beziehungen, eben nur von Haus zu Haus, nichts mehr. Nachher, nachts, natürlich auch anderes, wie es den flotten Gewohnheiten dieser Jugend entsprach.

Meinem Vater fiel meine Trägheit auf. Hatte er mit etwas anderem gerechnet? Er nahm mich jetzt öfters abends in Anspruch, er führte mich in seine seit Jahren geplante wissenschaftliche Arbeit über die Messung des Augendrucks ein und schlug mir sogar vor, ihm als Sekretär zu dienen. Noch einige Wochen vorher hätte ich mich, beglückt von dieser Ehre, mit Feuereifer in eine solche Arbeit gestürzt. Nun betrachtete ich sie als Last. Ich schrieb gelangweilt nach, was er mir stockend diktierte, aber ab und zu schrieb ich so undeutlich, daß ich meine eigene Kritzelei am nächsten Tage nicht lesen konnte. Mein Vater verlor die Geduld nicht. Seitdem er seinen Willen in bezug auf meine Zukunft durchgesetzt hatte, zeigte er nichts als Güte und Nachsicht.

Inzwischen kam die Antwort von Perikles, die ich so sehnlichst erwartet und von der ich sogar geglaubt hatte, sie würde mich aus meiner Trägheit aufrütteln, denn im Grunde fühlte ich, daß es nicht lange so weitergehen konnte. Perikles schrieb ausführlich, aber leider nichts von dem, was ich erwartet hatte. ›Welches Interesse kannst Du haben, Kranke und Krüppel heil zu machen oder die Irren weise? Nein! Es ist die ewige Schwäche des Geistes, immer auf seiten des Schwächeren zu sein. Aber es gibt auch eine Tugend der Stärke und ein Gesetz der freudigen Mitleidslosigkeit. Du hast eine glänzende Zukunft vor Dir; gesund, als Erbe eines großen Vermögens, frei, Dich zu bilden, wie Du willst, zu genießen, wo Du kannst, zu herrschen, wo Du mußt. Ich habe mit Bescheidenheit begonnen und mit Tapferkeit aufgehört. Vielleicht ist die Natur, die Krankheiten und Leiden schafft, weiser als der Arzt, der sie, ohnmächtig genug, bekämpfte Er schrieb weiter von einer großen Liebe zu einem diesmal wahrhaft durchaus einzigartigen Wesen und von dem Bestreben, in ihr einen neuen Kontinent zu erobern. Er vergaß aber auch seinen ›Alten‹, den vorzeitig pensionierten Steueradjunkten nicht, und bat mich, bei meinem Vater, dem ›Herrn Professor‹, ein Wort für den ungerechterweise entlassenen Beamten einzulegen, dessen Vorgesetzten mein Vater früher einmal behandelt hatte.

Bei einer der nächsten Arbeitsstunden, während mein Vater mit dicken Schweißtropfen auf der Stirn im Zimmer umherging, um eine neue, originelle Idee, eine geniale Erleuchtung über einen dunklen Punkt in der Augenheilkunde, die sogenannte sympathische Augenentzündung, zu finden, brachte ich meine Bitte, sich für den Vater meines Freundes zu verwenden, vor. Mein Vater, dem die wissenschaftliche Arbeit ebensowenig Vergnügen machte, wie mir die Arbeit als sein Sekretär, war froh über die Unterbrechung. Er ließ sich jetzt alles von mir auseinandersetzen. Dann aber zuckte er die Achseln. ›Kannst du denn gar nichts für ihn tun? Ihm ist sicher von der Obrigkeit Unrecht geschehen‹, sagte ich. ›Halt, halt!‹ rief mein Vater, ›die Obrigkeit hat immer recht. Denn wer wollte sie hindern?‹ Auf solche Worte, die mein Vater sich in den letzten Jahren angewöhnt hatte, wäre es müßig gewesen, zu antworten. Also schwieg ich über diesen Punkt, zog mir die Ungnade meines Jugendfreundes zu, und trachtete nur, möglichst bald diese Schreiberei für meinen Vater loszuwerden, um in das Kaffeehaus gehen zu können, wo ich einer der besten und leidenschaftlichsten Billardspieler geworden war, ein so guter, daß ich Partien um Geld spielen konnte. Aber was sollten mir diese Beträge? Ich gab sie aus, wie ich sie gewonnen hatte, und wenn ich Geld brauchte, forderte ich es mit Unverschämtheit von meinem Vater, der es mir nicht zu verweigern wagte. Ja, er fragte mich nicht einmal, wozu ich es brauchte. Er schien sich jetzt mehr an mich anzuschließen. Vielleicht sah er im Grunde selbst ein, daß er mich nicht auf den richtigen Weg geführt hatte, ich weiß es nicht.

Meine Mutter benützte mich jetzt ab und zu als Mittelsmann für delikate Aufgaben. Eine solche lag in der Entlassung unserer alten Köchin, die wir ebenso wie Vally aus meiner Heimatstadt mitgenommen hatten. Meine Mutter hing an ihrem Gesinde, und, was weiter nicht merkwürdig war angesichts ihrer Güte, ihre Leute hingen auch an ihr. Nun hatten wir eine Wohnung im zweiten Stock unseres großen Mietshauses, das so modern war, daß es einen hydraulischen Aufzug besaß. Dieser war, wie damals allgemein, den ›Herrschaften‹ (ausschließlich) zur Verfügung gestellt worden. Unser altes Küchenfaktotum konnte aber seit einiger Zeit die Treppen nicht ohne Mühe steigen. Mein Vater war es in eigener Person, der Asthma und Herzschwäche bei ihr festgestellt hatte. Tagsüber mußte sie viele Besorgungen machen, oft der Billigkeit wegen in entfernte Quartiere wandern und mit schwer bepackten Körben wiederkehren, und wir hörten sie oft, vielleicht absichtlich das Schnaufen übertreibend, die Treppen hinaufkommen und auf jedem Absatz haltmachen. Ich war jung, ich sprang die Treppen zu zwei oder drei Stufen auf einmal hinauf. Ich gab also in meiner Einfalt der Köchin den Liftschlüssel.

Alles wäre gut gegangen, hätte mein Vater es nicht bemerkt, als er eines Tages zu ungewöhnlicher Stunde heimkehrte. Nicht, daß er etwas gesagt hätte, er war sogar so galant, daß er die Tür vor der alten, dunkelrot angelaufenen, mühsam atmenden ›Küchenfee‹ öffnete.

Aber nachher setzte er meiner Mutter auseinander, die Köchin müsse wie das andere Personal des Hauses zu Fuß die Treppen hinaufklimmen. Meine Mutter wagte nichts einzuwenden, sie schickte mich vor, und ich machte den Anwalt, so gut ich konnte. Mein Vater sah mich spöttisch an. ›Seit wann bist du der Fürsprecher der Erniedrigten und Beleidigten, seit wann beschäftigt dich die soziale Frage?‹ Ich antwortete, daß ich nichts von der sozialen Frage verstünde (ohne zu wissen, welche Blöße ich mir damit gab), daß ich aber glaube, daß die alte Köchin entweder den Liftschlüssel zurückbekommen müsse oder den Dienst verlassen werde. ›Weder das eine noch das andere‹, sagte mein Vater. ›Es ist keine Pedanterie, sondern es ist ein Grundsatz für mich, und ich lege ihn dir dringend ans Herz, wenn du einmal daran denkst, unseren Grundbesitz zu verwalten, daß solche Erwägungen und Herzensregungen wertlos sind. Für beide Teile. Wo hat je in früheren Zeiten ein Küchentrampel an automatischen Aufzug gedacht?‹ ›Aber sie ist doch krank‹, erwiderte ich, ›du hast es selbst festgestellt.‹ ›Als Arzt habe ich es festgestellt, aber nicht als Hausbesitzer. Wir vermieten die Wohnungen zu einem recht anständigen Preis. Wir können den hochherrschaftlichen Mietern, ihren Damen und Kindern nicht zumuten, daß sie im Lift mit einer Fee in ihren verschwitzten Kleidern hinauffahren sollen, oder daß sie unten warten, während der Dienstbote in die Höhe entschwebt.‹ ›Aber sie hat doch ihr Leben lang für unsereins gearbeitet?‹ ›Und wir wieder für sie. Ich dachte, in der Handelshochschule und in deiner neuen Umgebung aus Industriellenkreisen würde dir die soziale Frage aufgehen. Wir sind keinesfalls da, die sozialen Unterschiede zu verwischen. Die Gesellschaft privilegiert uns, dank diesen Vorurteilen, wenn du willst. Unsere Pflicht ist es, sie, die Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, zu erhalten. Der Dienstbote im herrschaftlichen Lift, das ist die Revolution.‹

Diese Antwort brachte ich meiner Mutter, die sie ebensowenig verstand wie ich. Seltsamerweise verstand das alte Dienstmädchen die Antwort sehr gut. Sie besaß nicht genug Ersparnisse, sie konnte noch nicht auf ihr Dorf zurück, um dort zu sterben. Aber sie wußte, daß sie mit einem guten Zeugnis von der Hand meines Vaters einen trefflichen Posten anderswo finden würde. Und meine Familie zeigte sich, darf ich sagen, gütig. Wenigstens erschöpfte sich die alte Köchin in aufrichtigen, überströmenden Ausbrüchen von Dankbarkeit, als sie von meiner Mutter zum Abschied ein Monatsgehalt und ein altes Seidenkleid, und von meinem Vater ein sehr gutes Zeugnis erhielt. Und das sonderbarste, sie warnte einen neu eintretenden Dienstboten vor uns, meiner Mutter und uns Kindern wegen ihrer Ansprüche, war aber des Lobes voll über meinen Vater und hat ihn später in der Ordination aufgesucht, wo er sie empfing, obwohl er sonst nur Augenkranke, und zwar gut zahlende, bei sich im Sprechzimmer sehen wollte. (Die Pilgerims hatte er immer seinen Assistenten anvertraut.) Ihm war und blieb sie immer dankbar.

Ich führte mein Leben weiter, ich zählte die Tage und Wochen nicht mehr, sah keine besonderen Ereignisse mehr vor mir, die Hauptsache wurde mir jetzt – Vally, die ich lange Zeit ziemlich vernachlässigt hatte.

Durch meine neuen Bekannten hatte ich – außer dem Billard und Kartenspiel – auch die Vergnügungen der Liebe kennengelernt. Ich nenne sie absichtlich Vergnügungen, denn es waren keine Freuden, und sie enttäuschten mich tief. Ob ich sie genoß oder nicht, war im Grunde gleichgültig; es war mir gleichgültig geworden, ob ich den Vorlesungen der Handelshochschule irgendeinen Vorteil abgewann. Die kurzen Briefe Evelines, die mich in den ersten Wochen daheim immer bis aufs tiefste erregt hatten, fingen an, mich kalt zu lassen. Ich zweifelte daran, ob ich überhaupt lieben könne.

Auch Vally schien an einer glücklicheren Zukunft zu verzweifeln. Sie hatte meiner Mutter angedeutet, daß sie in absehbarer Zeit ins Kloster eintreten wollte. Ihre Tante lebte in einem solchen Stift in der Nähe von Brixen in Südtirol. Meine Mutter wollte es nicht glauben. Sie sah in Vally mehr eine junge Freundin als eine mit Geld und nur mit Geld zu entlohnende Dienstperson. Nun hatte sie den alten Hausgeist, die Köchin, gehen lassen müssen, die übrigens in einem anderen Hause ruhig ihre steilen drei Treppen auf und abwärts wanderte, wogegen sie sich in unserem Hause so sehr gesträubt hatte. Und nun sollte auch Vally uns verlassen?

Mein Brüderchen, Viktor, entwickelte sich zwar günstig, aber es war schwächlich, und alle atmeten auf, als es die ersten sechs Monate hinter sich hatte, denn die Kinderärzte hatten diese Zeit als kritisch angesehen. Judith war jetzt wie verwandelt. Ich hatte ihr eingeredet (um ihre Eifersucht gegen das kleine Brüderchen zu beschwichtigen), daß Viktor jetzt ihr, Judiths Eigentum sei. Ihrem Eigentum ließ Judith natürlich nichts geschehen, und so versöhnte sie sich allmählich mit der Existenz des kleinen, hilflosen Wesens, stellte ihre eigenen Wünsche, die sie bis jetzt mit großem Eigensinn verfochten hatte, hinter Viktor zurück – und sie konnte verzückt, ihre riesige Puppe im Arm, an der anderen Hand ihren Bären aus braunem Plüsch haltend, vor dem Kinderbettchen Viktors stehen, in dem auch sie, Judith, früher gelegen hatte, oder dem schlafenden Bruder bald das eine, bald das andere Spielzeug oder bei Gelegenheit sogar einen Leckerbissen anbieten, schwankend zwischen dem Wunsch, ihrem Bruder, der ihr gehörte, etwas zu schenken (sonst schenkte sie keinem etwas, nicht einmal mir), oder es doch lieber für sich zu behalten. Daher hatte sie ihn am liebsten, solange er schlief.

Meine Mutter hätte eine Vally, die ihr soviel Mühe und Verantwortung in dem allmählich üppig gewordenen Haushalt abnahm, nicht ersetzen können. Und jetzt sollte sie die treue Seele verlieren? Wie bei der Köchin sollte ich, der große Sohn ( groß bedeutet erwachsen, weiter nichts), es sein, der alles wieder ins Gleichgewicht brachte; Ich mußte es mir nicht lange überlegen.

Ich ging sofort zu ihr und war von neuem erstaunt über ihre Schönheit, die seit dem letzten Sommer das Strotzende, Unzerstörbare verloren hatte – die aber dadurch nur gewonnen hatte, wenigstens für mich. Ihre Schönheit erschreckte mich nicht mehr so wie früher, sie erweckte eher mein Mitleid. Es bedurfte nur weniger Worte, um sie davon abzubringen, ihrem Plan zu folgen. ›Was wollen Sie denn in Brixen?‹ Sie sah mich an und sagte, daß sie mir gehorchen wolle. Ich entsann mich ihrer Worte im Sommer: ›Ich bin zu alt, zu alt! Veronika ja, ich nicht!‹ Ohne daß ich es wollte, tat ich etwas Unerwartetes – wie ich glaubte, aus Mitleid. Ich gab ihr einen Kuß auf den Mund. Sie erschrak, wurde bleich, sie sagte nichts, zwischen den Augen bildete sich ihr eine ernste Falte, ich schämte mich, ich zog mich zurück, sie folgte mir bis zur Tür und schloß diese hinter mir sehr leise, wie um mir zu zeigen, daß sie nicht böse sei.

Ich war es, der ihr von jetzt an immer nachkam, der sie in dunklen Ecken an sich preßte. Endlich war ich eines Spätnachmittags bei ihr in ihrem Zimmer. ›Was wollen Sie?‹ flüsterte sie, wußte es aber sicherlich ebenso wie ich. ›Sie tun mir aber nichts! Bitte, tu mir nichts!‹ sagte sie und preßte meinen Kopf mit solchem Ungestüm an sich, daß ich mich mit Gewalt losmachen mußte, denn ich dachte, sie wolle mich erwürgen. ›Tun Sie mir nichts!‹ schrie sie, als hätte sie sich zugeschworen, mir zu widerstehen, dabei aber hatten sich unsere Lippen vereinigt, und während sie mich mit den Händen von sich abhielt, zog sie mich auf alle andere Weise zu sich heran, drängte sich mir mit der ganzen zurückgehaltenen Glut entgegen und ertrug meine zerreißende, stürmische Umarmung, die Zähne zusammenbeißend, denn sie wollte mir die Schmerzen nicht zeigen, sie wollte mich in meinem ersten Glück nicht stören.

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