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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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11

Als ich am nächsten Morgen erwachte, glaubte ich mich in die letzte Zeit meines Aufenthaltes in meiner Heimatstadt versetzt. Ich wußte zuerst nicht, warum. Dann hörte ich auf der Platte meines Nachtkästchens, durch ein untergelegtes Läppchen gedämpft, eine herrliche funkelnagelneue goldene Uhr ticken. Mein Vater hatte also an meine alte Bitte gedacht! Wenn ich sage, daß ich mich an die letzte Zeit in meiner Heimatstadt erinnerte, so ist das darauf zurückzuführen, daß ich damals neben meinem Vater geschlafen habe, und daß es seine Uhr war, um die ich ihn im stillen beneidete und die ich täglich beim Einschlafen und beim Aufwachen hörte.

Nun war er schon in der Klinik, ich konnte ihm nicht danken, aber ich zeigte in meiner ersten Freude die Uhr meiner Mutter, die bei ihrem Anblick etwas verlegen wurde. Den Grund mochte sie mir nicht sagen.

Wir waren in Eile, Judith verlangte, für die Reise ihr schönstes himmelblaues Seidenkleidchen anziehen zu dürfen, meine Mutter gab ihr nach, aber bei der Frage der Handschuhe und des Haarbandes gab es doch Tränen, und Judith in ihrem Trotz setzte sich, immer weiter weinend, aber stumm, auf einen Koffer und rührte sich nicht fort, als der Portier und der Diener meines Vaters – es war nicht mehr der alte Lukas – kamen, um diesen Koffer wie die anderen auf einen Handkarren aufzuladen und zur Bahn zu schaffen.

Ich kümmerte mich meist sehr wenig um meine Schwester. Ich bewunderte sie ihrer wirklich bezaubernden Schönheit wegen, ich beneidete sie manchmal um die Liebe, die ihr mein Vater wie meine Mutter bis zur Verzärtelung entgegenbrachten, ja bis zur Vergötterung –, aber ich hatte mich immer noch nicht recht an sie gewöhnt, im Grunde war sie mir fremd, ihre scheuen Annäherungen an mich machten mich nervös. Als guter großer Bruder versuchte ich manchmal mit ihr zu spielen; aber ich, der ich tausend Einfälle hatte (dumme und weniger dumme) bei meinen Spielen mit meinen Altersgenossen, war in Judiths Nähe verlegen, mir fiel nichts ein, ich gähnte, und sie wartete vergebens, daß ich nach einer Spielpause noch einmal anfangen würde, während meine Gedanken schon ganz woanders waren. Ich liebte sie nicht. Nicht mit der, auch hier sage ich abgöttischen Liebe, die ich für meinen Vater hatte, und auch nicht mit der schützenden, bemutternden, kameradschaftlichen Liebe, die ich meiner Mutter entgegenbrachte.

Ich konnte nichts dafür, daß Judith gerade mich in ihr trotziges Herz geschlossen hatte, und so konnte ich es wagen, sie von ihrem Thron herunterzuheben und auf den Treppenflur hinauszutragen. Sie war so leicht! Sie fing an, verklärt zu lächeln, mit ihren feinen Händchen ihr Haar zu strählen, als schäme sie sich der zerrauften Frisur. So klein sie war, wußte sie doch schon von ihrer Schönheit und von ihrer, Judiths, Macht über andere Menschen, über fast alle, mich ausgeschlossen. So war sie nicht weiter enttäuscht, als ich sie auf dem ersten Treppenabsatz absetzte, sie nahm gehorsam meine Hand und ließ sich ›zu Fuß‹ hinunterführen. Unten wartete schon Vally und zog dem Kind die Reisehandschuhe an, graue, dicke Dinger statt der weißen Glacéhandschuhe, und Judith, die sich eben noch so wild gewehrt und ihrer Mutter sogar ins Gesicht geschlagen hatte, ließ sich jetzt alles ruhig gefallen und blickte von unten zu mir auf.

Ich achtete nicht weiter auf sie, ich war noch ganz entzückt von meiner neuen Uhr. Ich verglich meine Zeit mit der auf der nächsten Turmuhr und stellte meine Uhr richtig, da sie um einige Minuten vorausging. So ging es auf der ganzen Reise. Überall verglich ich die Zeit auf den Bahnhofsuhren mit der auf meiner Uhr und konnte nicht verstehen, daß die Bahnhofsuhren so unregelmäßig gingen. Meine Mutter wisperte verlegen lächelnd mit Vally, und beide sahen mich dann von der Seite an. Ich fragte noch einmal meine Mutter, sie wollte nichts sagen. Aber Vally konnte vor mir kein Geheimnis bewahren, und so erfuhr ich bei dem nächsten Aufenthalt auf einer größeren Station, wo wir längeren Aufenthalt hatten und wo die Bahnhofsuhren alle – es gab deren drei – ganz falsch gingen, wenn auch untereinander richtig –, was es mit dieser funkelnagelneuen Uhr für eine Bewandtnis hatte.

Sie war von meinen Großeltern mütterlicherseits, die zu gewissen Zeiten (unter anderm auch bei der Auszahlung der Mitgift) meinem Vater gegenüber eine falsche Sparsamkeit bewiesen hatten, als Verlobungsgeschenk ausersehen worden vor beinahe zwanzig Jahren. Mein Vater hatte durch den falschen Gang der Uhr Unannehmlichkeiten gehabt, die Uhr war zwei oder dreimal zum Uhrmacher gewandert, aber sie war unverbesserlich, und mein Vater hatte sie weggeschlossen – und jetzt erst wieder hervorgeholt, um mir meinen alten Wunsch, eigentlich den einzigen, außer meinem Wunsch auf den Lebensberuf, zu erfüllen.

Ich konnte es nicht glauben. Aber meine Mutter log diesmal nicht, wiewohl sie manchmal um des lieben Friedens willen vor einer winzigen Notlüge nicht zurückscheute, wie ich übrigens auch. Diesmal aber konnte ich nicht nur glauben. Ich mußte. Meine Mutter hieß mich den rückwärtigen Sprungdeckel öffnen; und hier konnte man mit sehr scharfen Augen, wie ich sie hatte, eingraviert die Daten der verschiedenen Reparaturen erkennen. Es waren mindestens drei.

Wie schon früher einmal hatte ich um meine Liebe zu meinem Vater zu kämpfen. Ich mußte ihm auch diesmal etwas verzeihen, aber wie immer wurde er mir dadurch noch teurer. Ich redete mir ein, daß er, durch große Auslagen in Anspruch genommen, mir dennoch ein kostbares Geschenk machen wollte; und der Goldwert der Uhr überstieg weit den Preis einer normalen, präzis gehenden Nickeluhr, wie sie alle meine Kameraden, selbst der arme Adjunktensohn Perikles, schon vor Jahren gehabt hatten. Das Gold war sehr gut. Ich wollte einfach den Zusammenhang nicht verstehen, ich wollte gar nicht daran denken. Ich wünschte nur eines, nämlich: ich hätte das plumpe Ding nie gesehen, am liebsten hätte ich es in den Forellenbach geworfen, aber dies wagte ich nicht, ich fürchtete, er würde mich zur Rechenschaft ziehen ... Dieser Sommeraufenthalt war trotz des im Anfang besonders schönen Wetters und der großen Zärtlichkeit, die mir von den drei weiblichen Wesen, meiner Mutter, meiner Schwester und der immer schöner und aufreizender werdenden Vally zuteil wurde, eine Qual.

Auch Vally war nicht glücklich. Zwar waren wir fast den ganzen Tag, wenige Stunden ausgenommen, zusammen, aber meine Mutter hatte, um Vally das Leben etwas leichter zu machen, ihre Schwester Veronika in Dienst für über den Sommer genommen (nur für die Tagesstunden), und Vally war eifersüchtig auf die jüngere Schwester (Veronika war in meinem Alter), obwohl Veronika den meisten unschönen, knochigen und etwas unfreundlichen Töchtern des Landes ähnelte. Mich selbst ließ Veronika natürlich vollständig kalt, aber Vally haßte ich, weil sie mich aufreizte. Und doch begann ich ihr zu unterliegen.

Ich hatte in meiner Ungeduld, von meinen regelmäßigen Aufgaben, die mich bis jetzt ausgefüllt hatten, von einem Tag auf den andern verlassen, nur noch sie im Sinn, und ich wußte es doch einzurichten, mich ihr noch zu entziehen. Ich wollte ihr nicht nahekommen. Ungeduld und unruhige Nächte – und plötzlich einen Augenblick lang ein berauschendes, aber mir eigentlich ganz fremdes, mich fast empörendes Gefühl –, das berechnete Fliehen vor ihr und das unberechnete Wiederfinden, und dazu jetzt schon Gewissensbisse vor dem Fall. Ich aber durfte, um meines Vaters willen, wie ich es fühlte, nicht fallen. Ich suchte den guten Ortsgeistlichen auf, der mich seit Jahren kannte und dem solche ›Anfechtungen des Fleisches‹ als etwas sehr Natürliches vorkamen, die man mit sicherem Erfolg bekämpfen konnte. Ich verriet nicht den Namen derjenigen, um die es sich handelte, und den alten Priester interessierte es nicht. Er gab mir das Gebot, die weibliche Person, zu der mich der Stachel meines Fleisches trieb, auf keinen Fall zu berühren. Im übrigen sollte ich viel Leibesübungen machen, bergsteigen, den Garten besorgen, schwimmen, angeln etc. Ich sollte regelmäßig die Frühmesse besuchen, ich sollte unkeusche Gedanken meiden und sollte vor allem regelmäßig zur Beichte kommen. Alle diese Gebote erfüllte ich. Ich fühlte, daß ich nicht unterliegen dürfe, daß meine Zukunft, mein Beruf, ja mein ganzes Leben von meiner Widerstandskraft abhingen, und darin irrte ich mich nicht. Ich nahm Vally ernster als der Geistliche, dem solche Sünden in dieser Gegend nichts absolut Unsittliches waren, denn sie waren ›Natur‹, so wie es meinem Vater natürlich erschien, wenn meine Mutter sich in der Hoffnung mit religiösen Gedanken beschäftigte. Besser war es, stark und rein zu bleiben, und nicht zu fallen. Aber der Fall war für ihn eine Lebenssünde, keine Todsünde. Mir aber erschien er, fast unbewußt, als eine Sünde gegen den heiligen Geist, und das gab mir die Kraft, ihm zu gehorchen und die Berührung zu vermeiden.

Aber außerhalb der ›Berührung‹? War da alles erlaubt? Ich war schwach genug, um mir darauf mit ja zu antworten, und so begann für uns, Vally und mich, eine Zeit (nur wenige Wochen!) der stürmischsten Sinneslust, während deren es nie zu einer Berührung kam. – Es kam das erstemal so, daß mir eines Abends – es war noch in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes in Puschberg – Vally einen kleinen Teller mit Walderdbeeren brachte. Sie hielt ihn mit der linken Hand, mit der rechten nahm sie vom Tisch eine Dose mit klarem (fein gemahlenem) Zucker und schüttete ruckweise etwas Zucker aus der Dose auf die Beeren. Sie hatte ihre erglühende, jetzt im Sommer etwas gebräunte Wange in die Nähe meiner Wange gebracht, und ich hielt sitzend still, von einem mich ganz durchdringenden Gefühl der Ungeduld, der Süße, der Schwere, der Hitze, des Rausches benommen. Dann faßte ich nach ihrer Hand, um dem Weiterschütten des Zuckers Einhalt zu tun. Und dabei, nicht während der Annäherung ihrer Wange an meine, durchschlug es mich wie ein starker elektrischer Strom. Von ihrer rechten Hand, die die Dose hielt und die ich noch nicht erfaßt hatte, strömte etwas Unbeschreibliches auf meine Hand weiter, wir sahen einander an, das weiße Zuckerpulver rieselte weiter, fein knisternd, meine Uhr tickte, mein Herz schlug. Ihre Lippen öffneten sich etwas, ihre schönen Zähne und ihre zartrosa Zunge schimmerten einen kleinen Augenblick zwischen ihnen. Wir sahen einander an, als hätten wir uns nicht schon seit vielen Jahren gekannt. Wir berührten einander nicht. Eine wirkliche Vereinigung unserer Hände fand nicht statt.

Jetzt sprang ich endlich mit aller Willensanspannung auf und ließ die Beeren auf dem Tisch zurück – sie waren ganz unter der hohen Schicht Zucker verschwunden, aber Judith, die Süßigkeiten liebte, erbarmte sich ihrer nachher.

Dieses scheinbar so unschuldige Spiel wiederholten wir fast in jedem freien Augenblick. In früheren Jahren war ich oft auf dem Rade von Vallys Bruder in das Puschtal gesaust, um im Bergsee zu baden. Jetzt lauerte ich daheim, bis meine Mutter und Judith das Haus verließen, um auf einer nahen Alm, wo es die beste Alpenmilch gab, ihr Vesperbrot einzunehmen. Wir hatten nur darauf zu achten, daß Veronika uns nicht beobachtete. Aber trotz allem fanden wir immer einen stillen Winkel, hinter einer Tür, unter einem Baum im Garten, ja selbst im Rücken des kleinen Bienenkorbes, aus dem summend noch ein paar Bienen ausschwärmten, während um diese Zeit die Mehrzahl schon heimkehrte. Wir, beide fast gleich groß, standen, nachdem wir von verschiedenen Seiten hergeschlichen waren, voreinander. Wir sprachen nicht. Wir gaben einander nicht die Hand.

Ich streichelte nicht ihr Haar, sie nicht das meine, ich berührte ihre Brust nicht. Wir näherten uns nur, nahe, immer näher, aber möglichst nicht bis zu einer wirklichen Berührung. Meine Lippen standen über den ihren, sie öffnete die ihren, ich ließ die meinen offen, wir atmeten den Atem des anderen ein, wir fühlten die Wärme aus dem Munde des andern aufsteigen, beide hatten wir die Gewohnheit, Kressenblätter oder Pfefferminzblätter zu kauen, und schon der Duft dieser Pflanzen konnte mich in dieser Zeit berauschen. Es sollte gar kein Ende nehmen, die alte rostige Turmuhr im Ort schlug eine Viertelstunde nach der anderen, wir waren immer noch beieinander, die Lippen einen halben Millimeter voneinander entfernt, eine Hand um ein winziges erhoben über der des anderen, Handfläche über Handfläche, wir näherten, die Augen schließend und nur noch aufmerksamer auf jedes verdächtige Geräusch lauschend, die geschlossenen Augenlider, es waren nur einzelne widerspenstige Haare und die Augenwimpern, die sich berührten; sehr zart, sehr sanft, sehr schonend zogen wir sie wieder zurück, sehr zart, sehr schonend, aber ohne Widerstreben näherten wir sie wieder. Bei aller Lust aber blieben wir uns im Innern doch der Sünde bewußt, denn diese Unnatur machte uns nicht glücklich, sie stillte den Hunger nie. Wenn ich meine Hand über Vallys schöner, runder, wie ein junger Apfel fester Brust wölbte und sie doch nicht berührte und nur in Gedanken liebkoste, warf sie mir einen bösen Blick zu. Sie kam mir entgegen, sie wollte sich mir entgegenwerfen, aber ich zog mich zurück, weiter und weiter, wie gebannt kam sie nach und wurde dieses Spieles nicht müde. Hätte ich sie doch nur lieben können!

Meine arme Mutter mußte sich damals sehr schonen. Wie bei ihrer letzten ›Hoffnung‹ wurde sie oft von Übelkeiten geplagt. Ich hatte ihr damals, so gut ich es nur konnte, beizustehen versucht. Ganz anders aber wirkte ihre doch nur zum Mitleid herausfordernde Schwäche auf meine kleine Schwester. Als meine Mutter einmal in Judiths Gegenwart von dem alten Würgen befallen wurde, zeigte das kleine Mädchen großen Abscheu, Schrecken und Widerwillen. Sie lief schreiend im Zimmer und dann in dem Umbau umher, der rings um die Zimmer in unserem Sommerhaus herumzog, sie stieß mit dem feinen blonden Köpfchen wild gegen die Wände und spürte, sonst so empfindlich, die Beulen und Schrammen heute nicht.

Ich hatte alle Mühe, sie zu beruhigen. Aber ich konnte es.

Wie sehr hätte ich gewünscht, mein Vater wäre endlich gekommen. ›Das Geldverdienen läßt ihn leider nicht los!‹ vertraute mir meine Mutter an. Erst als sie ihm schrieb, daß unsere kleine Judith Schwierigkeiten mache und sogar etwas abgemagert sei (eine kleine Notlüge, ich wußte es), entschloß er sich, uns sein Kommen anfangs der nächsten Woche zuzusagen.

Erleichtert atmeten alle auf. Meine Mutter aß für sich allein, im verdunkelten Zimmer, Veronika allein in der Küche auf ihren Wunsch, und wir, das heißt Vally, Judith und ich, aßen zusammen, bei dem warmen Wetter meist im Garten unter den Bäumen. Meine Mutter war es, die abmagerte und ich sah, ohne ihr doch das Herz schwer machen zu dürfen, tiefe Falten um ihren lieben, jetzt so blassen Mund und die großen Säcke unter den Augen, ich stützte sie, wenn sie sich erhob, denn das Gehen wurde ihr schon schwer. Vor meiner Schwester beherrschte sie sich. So nahmen wir alle Rücksicht aufeinander.

Ich erhielt einen sehr langen freundlichen Brief aus meiner Heimatstadt. Zu meiner Überraschung waren es der Oberst und sein Sohn, die sich meiner erinnert hatten, sie schrieben mir, sie hofften, daß ich diesen Brief nachgeschickt erhalten würde, und sie würden sich ›furchtbar‹ freuen, wenn ich diesmal auf das Gut in Galizien käme. Wann immer ich käme, sei ich willkommen. Es genügte, wenn ich nach meiner Heimatstadt reiste, von wo sie mich abholen würden, denn unser altes Österreich war so groß, Tirol und Galizien – waren wie zwei Erdteile. Auch Jagiellos Schwester ließ mich grüßen und schrieb mir mit ihrer sehr großen, etwas flüchtigen Handschrift ein paar freundliche Worte.

Ich wäre diesmal sehr gerne zu meinem Jugendbekannten (war denn die Jugend jetzt schon vorbei?) gereist. Aber ich schwankte noch. Vally zog mich an, ich konnte nicht mehr ohne sie sein, und zugleich fürchtete ich sie, und in meiner Verwirrung war ich – bei Tage – manchmal so ungeduldig mit ihr, daß sie mehr als einen Teller zerbrach, sehr zum Schrecken meiner Mutter, die nicht wußte, wie sie die ungewöhnlich hohen Ausgaben für Haushaltsgegenstände vor meinem sparsamen Vater verantworten sollte. Seine Sparsamkeit war übrigens auch das Haupthindernis bei seiner Ehrenbürgerschaft von Puschberg, die inzwischen nicht weitergekommen war. Denn es hatten sich zwar die beiden Parteien, die des Pfarrers mit ihrem Wunsch nach Wiederherstellung der baufälligen Kirche, und die des Lehrers mit dem Wunsche nach Stützung des höchst baufälligen Daches des Armenhauses, durch das es hindurchregnete und, noch ärger, im Winter durchschneite –, beide Parteien hatten sich längst geeinigt, aber die von ihnen geforderte Summe muß wohl meinem Vater übertrieben hoch erschienen sein, und ich fürchte, die Scheu, den Honoratioren des kleinen Ortes zu begegnen, war mit ein Grund, weshalb er nicht mit uns hatte kommen wollen. Dabei sagte mir meine Mutter, daß er für eine einzige gelungene Operation über dreißigtausend Kronen erhalten hatte – und die arme Gemeindeverwaltung von Puschberg wäre mit fünfhundert bis achthundert sehr zufrieden gewesen. ›Kannst du nicht auf ihn einwirken?‹ fragte meine Mutter, die ihrerseits vom Pfarrer eindringlich bearbeitet worden war. ›Ich weiß gar nicht, ob ich solange bleibe‹, sagte ich und erzählte von der Einladung. ›Du willst doch nicht fort, du läßt mich doch nicht allein?‹ fragte sie, noch blasser werdend. ›Allein! Papa kommt doch‹, antwortete ich und nahm ihr schlaffes, mit dicken blauen Adern durchzogenes, kaltes Händchen mit den vielen Ringen zwischen meine beiden großen Hände, ›ich glaube, es ist besser für mich, wenn ich ein paar Wochen fortkomme ...‹ ›So, glaubst du?‹ antwortete meine Mutter, sehr schnell (vielleicht zu schnell, zu leicht) beruhigt, ›ich erinnere mich, der geistliche Herr (der Pfarrer) hat mir auch davon gesprochen. Hast du denn Reisegeld?‹ ›Natürlich‹, sagte ich, als ob es selbstverständlich wäre. Ich hatte aber bloß soviel Geld zusammengespart im Laufe des letzten Jahres, um dritter Klasse Personenzug zu fahren, und auch dann reichte es nur für die Hinreise bis in meine Heimatstadt und nicht einmal für den Unterhalt während der langen Fahrt. ›Ich habe Geld wie Heu‹, sagte ich. Ich wollte eben unter allen Umständen fort. Vally erfuhr natürlich davon, und ohne etwas zu sagen, wie wir überhaupt in dieser Zeit fast nichts sprachen, was nicht meine Mutter und sogar mein eifersüchtig aufhorchendes Schwesterchen hätten hören dürfen, ohne etwas zu sagen, gab Vally mir ihren Schmerz zu verstehen, und ebenso ihre Freude, als ich ihr in den letzten Tagen noch Gelegenheit gab, mich zu treffen.

Meine Mutter hatte wegen ihrer Beschwerden ihre Spaziergänge zu der Alm eingestellt, sie rührte sich kaum aus dem Hause fort. Tagsüber konnte Vally das Haus nicht verlassen.

Die Besorgungen machte Veronika. Die meisten Waren brachte man uns ins Haus, Butter, Milch und besonders schöne, reife Erdbeeren und Himbeeren, aus denen Vally Marmelade einkochte.

Wir, Vally und ich, konnten uns also nur nachts treffen. Wir verständigten uns durch Zeichen, durch Blicke, durch ein geflüstertes Wort. Abends mußten wir sehr lange warten. Meine Mutter, in ihrem Zustande von Schlaflosigkeit und bösen Träumen geplagt, ging nie vor Mitternacht zu Bett. Ihr Schlaf war dann unruhig, sie erwachte beim leisesten Geräusch. Aber Vally und ich wurden so unwiderstehlich zueinander gezogen, daß wir alle Hindernisse überwanden. Und dann schlichen wir, mit bloßen Füßen, um nicht durch das Geräusch der Schuhe jemand im stillen Hause zu wecken, die Treppen herunter und standen voller Herzklopfen auf dem Kiesweg, hinter den Bäumen, oder im Rücken des nachts schweigenden Bienenhauses und sahen einander an, küßten uns, ohne die Lippen zu berühren, streiften einer des andern Gesicht, und am Tage vor der Ankunft meines Vaters gingen wir, ohne es besprochen zu haben, auf den Zehenspitzen, als ob man uns im hohen Grase hören könnte, zu dem Wiesenplatz, der an die Hecke anstieß. Der Mond schien nicht, die Nebel stiegen aus dem Tal, was schlechtes Wetter bedeuten sollte, die Vögel hielten sich ruhig in den Bäumen bis auf ein verschlafenes Zirpen, nur die Grillen feilten im lauten Chor unter den Steinen, und eine Katze schlich sich jenseits der Hecke über die milchweiß schimmernde, nach Staub und Minze duftende Landstraße der schlafenden Ortschaft zu. Wir legten uns hin, ich mehr zur Hecke, sie mehr zum Hause hin. Ich auf der linken Seite, die offenen Augen in dem Nachtdunkel auf sie gerichtet, sie ganz in meiner Nähe, die Augen auf mich gerichtet, wir kamen einander immer näher, die Fußspitzen mit den Nägeln berührten sich und zogen sich sofort wieder zurück, die Knie, die Hüftknochen, ihre Brust und meine Brust, die Fingerspitzen, jetzt lag ihr Haupt mit den schönen großen dunkeln Augen unmittelbar vor meinem, wir wandten jeder den Kopf zurück, damit die Gesichter nicht zusammenstießen, nur einen kurzen Augenblick lang lagen ihre Lippen fast an meinen, sie hob die Hand, wie um den Kuß abzuwischen, und ich spürte deutlich an ihren Händen den starken Geruch der zerquetschten Erdbeeren, die sie an dem Nachmittag mit ihrer Schwester eingekocht hatte. Ich wollte sie nicht küssen. Ich durfte es nicht. Ich legte mich auf den Rücken. Sie tat, was ich tat. Ich schloß die Augen. Ich hörte sie atmen, seufzen, und mein Herz schlug. Es begann zu regnen, sehr langsam, wie es in dieser Gegend meist beginnt, Tropfen für Tropfen, warm und schwer. Mir war, als suche sich eine unsichtbare Wolke in der großen weichen Wölbung der Nacht die Stelle aus, wohin der Tropfen fallen sollte. Ich öffnete den Kragen meines Hemdes, meine Brust lag bloß. Ich hörte, wie Vallys Sachen in der Nachtstille und im Klopfen des Regens raschelten. Sie tat, was ich tat, sie fühlte, was ich fühlte. Die Tropfen kamen in meine Mundwinkel, in meine Ohrmuschel, auf meinen Hals, die Hände, die Füße, auf meinen ganzen Körper. Ein unbeschreibliches Gefühl des Glücks, auf der Erde zu sein, erfüllte mich, hier auf dem sich knisternd aufrichtenden Grase unter dem duftenden Regen zu liegen, zu atmen und – Vally so friedlich neben mir zu wissen. Aber sie atmete nicht mehr friedlich. Plötzlich stand sie auf, sie folgte mir bei meinen wollüstigen und doch kalten Liebkosungen nicht, sie raffte sich auf und wollte fort, dann, schon auf dem Kiesweg, besann sie sich, sie machte einige große Schritte, sank neben mir auf die Knie, nahm meinen Kopf in ihre Hände, riß sich dann los, stürzte noch einmal zurück, sie suchte meinen Mund, fand aber nur meinen Hals, aber sie wußte nicht, was sie küßte, sie überschwemmte mein Gesicht mit Küssen und mit Tränen.

Der Regen wurde immer stärker, er drang durch meine dünnen Kleider, und auch ihre Sachen klebten ihr feucht am Körper. Sie hatte sich auf die Knie niedergelassen, hatte mich zu küssen aufgehört und sah mich ernst an, als wollte sie etwas wissen. Wir hörten die Turmuhr schlagen, der Regen floß ihr jetzt über ihre heller schimmernden Haare auf die blühenden Wangen, auf ihren Hals, auf ihre Brust, die sich jetzt unter dem dünnen Stoff starr aufrichtete, als wäre sie nackt. Sie sah, daß ich ihre Brust mit meinen Blicken verschlang, sie beugte sich, immer noch auf den Knien, stärker zurück, so daß die Brüste noch ein wenig stärker hervortraten, sie sah mich ernst an. Sie küßte mich nicht mehr, sie trieb mit ihrer Brust und ihrem Körper nicht mehr das lasterhafte Spiel der fordernden Unschuld, sie nahm meine Hände, drückte sie beide gegen die Erde, als wolle sie mich da festhalten, und ebenso hielt sie meinen Blick fest. Wartete sie darauf, daß ich etwas sage? Ich konnte es nicht.

Ich dachte plötzlich an die Worte meines Vaters: ›Du liebst zuviel.‹ ›Lache nicht!‹ flüsterte Vally drohend. Als sie aber sah, daß ich den Kopf schüttelte, denn Spott war mir sehr fern, begann auch sie etwas trübe zu lächeln. Sie dachte wohl an meine Abreise. Sie erfaßte vielleicht, warum ich nicht anders konnte. ›Gehen Sie nur, bitte, gehen Sie‹ rief sie unvorsichtig und stand auf, und ohne mich den Weg zu dem Hause einschlagend, das im Regen wie aus gegossenem Erze glänzte, sagte sie etwas leiser: ›Meine Sünde wäre größer gewesen als die deine!‹ Ich kam ihr nach. Lautlos stiegen wir die Treppe hinauf. Vor meiner Tür standen meine genagelten Bergschuhe. Sie nahm sie von der Schwelle auf. Ich wohnte jetzt unten, neben der Mutter.

Sie stand vor mir, ich vor ihr. Von unten drang das etwas schnarchende Schlafgeräusch, wie ich es von meiner Mutter kannte. Sonst rührte sich nichts. Sie sah mich an. Ich wollte mich ihr noch einmal nähern, ich hätte sie am liebsten verschlungen, zerbrochen, zerrissen, ich weiß nicht, was es war, das in mir wühlte, jetzt begann ich zu zittern. Aber sie war es, die sich beherrschte. ›Nein, nein‹, sagte sie, einen Schuh mit den Nägeln klirrend an den andern schlagend, ohne es zu wissen. ›Vally, du bist zu alt für ihn.‹ Ich sagte ihr gute Nacht. Sie antwortete mir nicht, sondern stieg, leise vor sich hinmurmelnd, ›Veronika ja, du nicht! Viel zu alt! Viel zu alt!‹, die knarrende Treppe zu ihrem Stübchen hinauf.

Ich fiel in dem meinen todmüde vor Müdigkeit ins Bett. Aber ich schlief nicht. Draußen strömte jetzt der Regen stark nieder, aber einige Grillen feilten nimmermüde auch jetzt weiter, es plätscherte im alten Wasserfasse und in den Dachrinnen. Auch den Bergbach hörte man jetzt stärker rauschen, und im Dorfe unten setzte ein Hahn unsicher zum ersten Kikerikiruf an ... Endlich schlief ich ein, das nasse Hemd noch am Leibe. Am nächsten Tag kam mein Vater. Ich erwartete ihn um neun Uhr an der Bahn. Er wollte vor allem wissen, wie es Judith ginge. Nach meiner Mutter erkundigte er sich später. Daß ich nach dieser Nacht etwas angegriffen aussah, bemerkte er glücklicherweise zuletzt. Er war etwas erstaunt, als ich ihm meinen Reiseplan erzählte. Aber er gab mir seine Zustimmung. ›Aber wie steht es mit dem Reisegeld?‹ ›Keine Sorge‹, antwortete ich ihm, ›ich habe gespart.‹ ›In diesen Zeiten! Wunderkind!‹ sagte er ironisch und tätschelte mir die Wangen. Dann gab er mir ein Fünfkronenstück. Ich sah ihn erstaunt an. ›Du mußt der Dienerschaft beim Obersten zum Abschied ein Trinkgeld geben, verstehst du mich?‹ Ich verstand. Ein guter Einfall war mir gekommen. ›Nur noch eine Kleinigkeit!‹ sagte ich. ›Brauchst du Geld für den Raseur?‹ ›Zehn Kronen‹, sagte ich mutig. ›Zehn? Zehn?‹ ›Deine Uhr muß repariert werden.‹ ›Sososo‹, sagte er und lenkte ein. ›Ist es nicht ein bißchen viel? Aber, natürlich! Natürlich! Ich erinnere mich, sie hat immer ihre Mucken gehabt. Nun, nimm hin und ziehe in Frieden.‹

Ich liebte ihn trotz allem. Ich gab Vally am nächsten Tag zum Abschied trocken die Hand, während sie die ihre mürrisch hinter der Schürze versteckte. Ich bat meine Mutter, sie solle für mich bei dem Vater sprechen und ihm sagen, daß es ihr Wunsch sei, daß ich ebenso Arzt werden solle wie mein Vater. Von meinem Schwesterchen verabschiedete ich mich nicht. Es war zu jung. Es lebte noch in der ›Jugendzeit‹. Ich nicht mehr.

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