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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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10

Da sich der Lehrplan des Gymnasiums in A. nicht genau mit dem in meiner Heimatstadt deckte, hatte ich viel Mühe, mich in der Schule zu halten. Ich hatte kaum Zeit, mich um mein Schwesterchen zu kümmern. Aus meinem Zimmer war ich nun einmal – ich kann nicht einmal sagen vertrieben, ich gehörte nicht mehr hin, und wußte oft nicht, wohin ich mit meinen schwierigen Schulaufgaben mich begeben sollte. Mein lieber Perikles nahm mich freundlich auf. Zwar kümmerte er sich nicht um die Aufgaben. Er, bei seiner ungeheuren Begabung, konnte sie meist in der Schule selbst, vor dem Beginn der Lektionen, oder die Mathematikaufgabe unter dem grünen Pult während der Geschichtsstunde, lösen. Er wußte eben alles und behielt eine Seite nach einmaligem Lesen ohne Schwierigkeit – aber er räumte mir seinen Platz zu Hause an dem wackeligen Tische ein, und wenn es spät abends wurde, machte er nur einen kleinen Teil des Tisches frei für das frugale Abendbrot seines Vaters und für das eigene, das jeden Tag aus einigen kleinen Brötchen, die man Schusterleibchen nannte, und einem Liter billigen Weins bestand. Unsere Freundschaft wurde immer herzlicher, und der dritte im Bunde war der polnische Junge, der wenig sprach, aber uns beiden von Herzen zugetan war und an vielen Sonntagen große Spaziergänge zu Fuß mit uns machte, obwohl er mit seiner schönen, zarten Schwester in der Regimentskutsche hätte fahren können. Am meisten sprach Perikles, aber weder ich noch Jagiello konnten alles verstehen. Es kam vielleicht auch Perikles nicht darauf an, daß wir ihn verstanden und unser Leben änderten, wie er selbst es geändert hatte und noch weit mehr zu ändern vorhatte. Er wollte das Wort wahr machen: ›Mein Reich ist nicht von dieser Welt.‹ Aber sein Reich kraft des Willens und des Genies der Auslese sollte die irdische Welt heroisch unterjochen. Hier konnten wir ihm gar nicht folgen.

Ich konnte leider mit ihm nicht über meinen Vater sprechen, den ich jetzt noch mehr als früher liebte, wenn dies noch möglich war, der mir aber oft Angst einflößte, und zwar gerade durch seine Freundlichkeit. Manchmal schien es mir, als habe er etwas Besonderes mit mir vor. Wollte er mich später zu seinem Assistenten in der Augenklinik machen? Mich hätten die Irren mehr interessiert.

Ich versuchte natürlich die Gelegenheit zu benützen, wenn ich mich vor ihm schon in dem Bette an seiner Seite befand, und er sich gerade auskleidete, im Dunkeln natürlich. Er legte seine Uhr auf sein Nachtkästchen, und wenn ich auf eine Antwort wartete, wenn ich ihn zum soundsovielten Male um seinen ›Rat‹ in einer Schulsache gefragt hatte, hörte ich das wispernde Ticken der Uhr und den Schlag meines Herzens und dann das Tappen seiner nackten Füße zum Bett ... Aber er sprach doch! Oft sprach er sogar länger, als ich wach zu bleiben vermochte, denn mein Leben damals, mit dem vielen Umherlaufen und nirgends recht Ruhe finden und seinen Platz haben, strengte mich sehr an. Und es schien mir, daß er gerade diese Zeit meiner dummen Schlaftrunkenheit benützte, um mir verhältnismäßig wichtige Mitteilungen zu machen, denn als ich ihm in einer bestimmten Angelegenheit einmal zarte Andeutungen zu machen wagte, daß er mir eine wichtige Sache nicht oder zu spät mitgeteilt hatte, sagte er: ›Natürlich! Mich trifft die Schuld. Denn ich gehe ja den ganzen Tag müßig umher, meinen großen Sohn nehme ich nicht ernst. Ich kümmere mich nicht um ihn, er ist mir Luft, nachts amüsiere ich mich, ich habe nichts zu tun. Ich denke nur an mich! Freunderl! Freunderl!‹ Ich wurde rot und schwieg. Das war jetzt seine Art, mich ironisch über meine Unverschämtheit aufzuklären.

Es handelte sich um folgendes. Das Sommersemester war Mitte Juli abgelaufen, wir sollten in kurzer Zeit nach Puschberg fahren. Und dann im Herbst wieder zurück nach meiner Heimatstadt? Nein. Ich sollte wieder die Schule wechseln. Ich sollte meinen lieben Freunden nicht einmal Adieu sagen. Und ich freute mich nicht über den Wechsel, den dritten innerhalb eines Jahres? Mein Vater hatte mir doch Zeit gegeben, mich darauf vorzubereiten?

Er hatte mir, wenigstens sagte er es, berichtet, unter dem Spiegel des strengsten Geheimnisses, denn auch meine Mutter wußte noch nichts, daß er im nächsten Herbst eine Berufung nach einer großen Stadt erwartete, und daß ich jedenfalls schon vom nächsten Semester angefangen in einem der Gymnasien dort – es gab dort einige solche Anstalten – studieren sollte. ›Nun, freust du dich nicht?‹ fragte er mich und zog mit einem leisen surrenden Geräusch seine Uhr auf. Eigentlich nicht sehr. Meine Freunde waren jetzt nicht mehr in der Stadt, Perikles war bei einer alten Tante in Mähren, Jagiello wie jedes Jahr auf dem großen Gut. ›Du wohnst im Anfang in einem Zimmer, das wir dir dort mieten werden, im Herbst kommen wir nach, spätestens zu Neujahr. Du sollst dann in unserer Wohnung ein schönes großes Arbeitszimmer haben und dich in aller Ruhe zur Reifeprüfung vorbereiten.‹ ›Sag, Papa‹, fragte ich und faßte seine wunderbare, weiche weiße Hand, die gerade nach der Uhr langte, ›ich soll doch dann weiterstudieren?‹ ›Natürlich‹, sagte er und machte sich etwas ungeduldig von mir los und legte die Uhr wieder auf ein Lederläppchen zurück, damit sie auf der kalten Marmorplatte des Nachttisches nicht Schaden leide. ›Habe ich in meiner Dummheit vergessen, es dir zu sagen? Du sollst die Reifeprüfung bestehen, und ich hoffe, du wirst mir keine Schande machen. Und jetzt gute Nacht.‹ ›Papa‹, fragte ich nach einer Weile, entgegen dem ungeschriebenen Gesetz, nach diesem ›Gutenacht‹ nicht noch einmal anzufangen, ›schläfst du, Papa?‹ ›Ich schlief‹, murmelte er, etwas unfreundlich, ›aber du hast mich wieder aufgeweckt. Was will mein Herr Sohn?‹

›Was ich will?‹ sagte ich und setzte mich auf. ›Ich will Arzt werden wie du.‹ ›Wer kann dich daran hindern, Herr Sohn?‹ antwortete er.

›Erlaube es mir!‹ sagte ich, ›hilf mir dabei! Ich werde dir keine Schande machen! Hilfst du mir?‹ ›Ja?‹ ›Das versprichst du mir also?‹ ›Ja, das verspreche ich dir. Und jetzt darf dein Erzeuger schlafen?‹ fragte er ironisch. ›Ja, Papa, nur noch einen Augenblick!‹ denn ich merkte jetzt, daß es ernst wurde, ›kann ich darauf bauen, daß du mir diesen Wunsch erfüllst?‹ ›Ach Gott! Welchen Wunsch?‹ fragte er gelangweilt. ›Daß du einen Arzt aus mir machst.‹ ›Ach du lieber Himmel‹, sagte er, ›entweder du bist es oder du bist es nicht. Habe ich meinen Vater beim Einschlafen gestört, als ich in deinem Alter war, und habe ihm das Messer an die Kehle gesetzt?‹ ›Nein‹, sagte ich, ›ich will ja nur, daß du mir dabei hilfst. Ich glaube, daß ich in diesem Beruf glücklich werden könnte.‹ ›Du vielleicht‹, sagte er, nun mit unverkennbarem Widerstand, ›aber deine Patienten, deine armen Kranken?‹ Ich ging nicht weiter darauf ein. ›Ich will dir beweisen, daß ich mehr kann, als du vielleicht glaubst, bitte Papa, laß mich ausreden ...‹ ›Wenn du reden willst, so schweig!‹ ›Ich verspreche dir, daß ich in einem von den sechs kommenden Semestern ›Vorzugsschüler‹ werde. Du versprichst mir, daß du mich Medizin studieren läßt.‹ ›Schließen wir Frieden‹, sagte er, ›sechs Semester sind drei Jahre. Machst du dein Einjährigenjahr vor deiner Berufswahl, sind es vier. Vier Jahre. Jetzt ist es zwanzig Minuten nach elf. Ich habe morgen sechs größere Operationen vor, und den täglichen Kleinmist. Warte also bitte drei und dreiviertel Jahre. Dann sprechen wir weiter.‹ ›Ich kann nicht in Ruhe arbeiten‹, sagte ich, ›wenn du mir nicht deine Zustimmung gibst.‹ ›Bitte, keine Drohungen‹, sagte er, ›ich werde tun, was zu deinem Wohl ist.‹ ›Vielleicht wäre es zu meinem Wohl gewesen, wenn du mich noch das Sommersemester in A. gelassen hättest‹, sagte ich. ›So‹, sagte er gedehnt, ›so? Dann müßte ich mich ja bei dir entschuldigen.‹ ›Davon spreche ich nicht.‹ ›Nun, so sehe ich dich gern. Dann will ich auch nicht von deinem Sündenregister sprechen.‹ ›Kannst du mich nicht verstehen?‹ fragte ich und faßte nochmals nach seiner Hand, die auf dem Deckbett lag. Der Ringfinger mit dem Ehering schimmerte deutlich. Aber er entzog sie mir schnell. Er seufzte etwas übertrieben und sagte nichts. ›Bitte, verstehe mich doch! Ich liebe doch nur dich.‹ ›Du liebst zu viel‹, sagte er hart.

Ich liebte ihn wirklich zu sehr. ›Also verzeih mir!‹ ›Um das gleiche könnte ich dich bitten. Vor allem wollen wir schlafen, wir haben es uns verdient. Mutter ist etwas blaß, Judith bekommt die ersten Zähne, auch ich bin abgespannt, die Ferien werden uns gut tun. Nachher werden wir sehen ...‹

Nach drei Jahren bestand ich meine Abiturientenprüfung mit dem Prädikat ›mit Vorzug‹. An und für sich war dies kein besonderer Vorteil für die Zukunft, höchstens konnte es einem Studenten dann etwas nützen, wenn er sich auf der Hochschule um Stipendien bewarb. Dann hatten ehemalige ›Vorzugsschüler‹ in Österreich mehr Aussichten. Aber das kam nur für mittellose Studenten in Betracht, und davon war ich weit entfernt, denn mein Vater hatte in seinem neuen Arbeitsort eine zwar nicht sehr ausgedehnte, aber außerordentlich gut tragende Praxis. Er hatte das vierstöckige Haus, in dem wir anfangs zur Miete wohnten, gekauft und außerdem eine Anzahl von Mietskasernen, von denen wir Kinder nicht einmal wußten, in welchen Straßen sie lagen. Wir sage ich, obgleich mein Schwesterchen sich um solche Sachen nicht kümmerte. Sie war auffallend schön, die Menschen drehten sich auf der Straße nach uns um, wenn wir ausgingen, meine Mutter rechts, Judith in der Mitte und ich links. Meine Mutter konnte sich mir nicht mehr so wie früher widmen. Ich sah es ein und machte ihr nie einen Vorwurf. Sie erwartete wieder ein Kind, wie sie mir ganz ruhig mitteilte. Sie sprach in der letzten Zeit zu mir, nicht wie eine Mutter zu ihrem erwachsenen Sohn, sondern wie eine ältere, verheiratete Schwester zu dem jüngeren Bruder. Wenn sie glücklich war, war ich es mit ihr, und sie dankte mir durch viele kleine Liebesbeweise für meine Zurückhaltung.

Als ich mein Reifezeugnis erhalten hatte, rief ich meinen Vater in seiner Klinik an. Das Telephon war damals eine neue Einrichtung und wurde nicht ohne wichtigen Grund benützt. Man war oft so aufgeregt, daß man die Stimmen nicht sofort verstand. So schien auch mein Vater meine Stimme nicht zu erkennen und hielt mich für einen befreundeten Arzt, Professor für innere Krankheiten, dessen Anruf er erwartete. Er wollte wissen, wie hoch der Eiweißgehalt sei? Als ich erstaunt zurückfragte, ließ er mich nicht ausreden, sondern wiederholte seine Frage und erwähnte seinen ›schönen‹ Befund im Augenhintergrunde. ›Aber nein, Papa, ich bin es‹, sagte ich und lachte in meiner törichten Freude. ›So, du? Was gibt es denn?‹ Aber er ließ mich nicht erzählen. ›Da bin ich ja schon‹, hörte ich ihn sagen, wohl zu einem seiner Assistenten, und dann schloß er ab: ›Ich komme heute wenn möglich etwas früher nach Hause, dann wird berichtet!‹ Ich wollte in drei Worten von meinem Zeugnis sprechen, aber er war bereits vom Apparat fortgegangen, und ich wagte nicht, ihn wieder heranrufen zu lassen, ich durfte ihn in seiner Arbeit in der Klinik nicht länger stören.

Abends kam er trotz seinem Versprechen spät heim. Ich erwartete ihn auf der Straße in meiner Ungeduld und hielt ihm mein Zeugnis hin. ›Also bestanden?‹ fragte er zerstreut, als wäre es eine Sache ohne Wichtigkeit. Ich hatte in den letzten Jahren mit dem Aufgebot meiner ganzen Kräfte gearbeitet, denn es war keine Kleinigkeit, in einer fremden Anstalt als mittelmäßiger Schüler einzurücken und die Leistungen von Jahr zu Jahr bis zum ›Vorzug‹ zu verbessern. Ich biß die Lippen zusammen und sagte nichts von dem Prädikat ›mit Vorzug‹. ›Nun gut, zeig her‹, sagte er, auf der Treppe. Ich gab es ihm und sah ihn von der Seite an. Er hatte sich in den Jahren nicht sehr verändert, sein Blick war vielleicht etwas schärfer geworden, seine Lippen etwas dünner, sein Haupthaar etwas schütterer, und er trug es jetzt nicht mehr in der Mitte, sondern an der Seite gescheitelt. ›Es ist doch ein ganz gutes Zeugnis?‹ sagte er dann, als wolle er mir Vorwürfe machen, daß ich ihn unnötig beunruhigt habe, ›ich finde es ganz gut.‹ Inzwischen waren wir oben angekommen, wir hörten Judith mit meiner Mutter herumtollen, aber sobald der Schlüssel meines Vaters im Schloß war, verstummten sie, denn sie wußten, daß mein Vater der Ruhe bedurfte. Wie in jedem Sommer, wollten wir unmittelbar nach den Prüfungen verreisen, und die Koffer standen bereits fast vollständig gepackt im Vorzimmer. Vally war mit uns aus meiner Heimatstadt mitgekommen, sie wollte sich nicht von uns trennen. Ich hätte es vielleicht ganz gern gehabt, wenn sie fortgegangen wäre von uns. Sie machte mich unruhig, ihre Schönheit und Jugendkraft waren zu aufreizend, ich konnte mich manchmal nicht erwehren, sie im Vorbeigehen wie zufällig zu berühren, ihre nackte, kleine, kalte, etwas harte Hand anzufassen, wobei sie erblaßte, trotz ihren herrlichen Farben und ihren durchbluteten Lippen ... Oft kitzelte sie mich mit ihren weichen, leicht gekräuselten Haaren, und wenn sie glaubte, daß man sie nicht sah, wurden ihre Augen feucht, ihre vollen Lippen wölbten sich noch mehr, sie atmete ein paarmal stürmisch auf – und sah sich dann in der nächsten Zeit vor, mir so wenig wie möglich zu begegnen. Darin waren wir uns also einig. Ich liebte sie nicht.

Nach dem Essen fragte mich mein Vater, sich seiner Jugend erinnernd, ob ich nicht zum Abiturientenkommers gehen müsse. ›Gewiß‹, sagte ich, ›aber er findet erst morgen statt. Aber heute möchte ich ein Wort mit dir reden.‹ ›Natürlich, mein Sohn‹, antwortete er, ›aber morgen früh fahrt ihr doch? Ist alles gepackt? Judith, freust du dich?‹ Er wußte, es war vergebens, sie zu fragen, sie war sehr wortkarg außer mit mir und der Mutter, und ihr etwas finsteres Wesen paßte schlecht zu ihrer ungewöhnlichen Schönheit. Vally machte sich im Speisezimmer zu schaffen, ich fühlte, wie sie mich mit den Blicken verschlang und wie sie, beim Servieren, mit ihrer runden, festen Brust an meine Schulter anstieß.

Mein Vater sah es, und das mir wohlbekannte zweideutige Lächeln spielte um seine Lippen. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, schaukelte hin und her und beobachtete das Mädchen, das sich unter heftigem Erröten zurückzog. Dann stand mein Vater auf, küßte meine Schwester auf den Mund, den sie ihm, die Zahnreihen zusammenbeißend, widerwillig und mit etwas scharfem Blick hinhielt (denn auf dieser Liebkosung bestand er – mit aller Strenge, wenn es sein mußte), meine Mutter küßte er zuerst auf die Stirn und auf die Augen, um welche sich wiederum die häßlichen gelben Flecken zeigten wie vor Judith, dann schlang er burschikos seinen Arm um meinen Hals, so daß ich seine blitzende, hart geplättete Manschette mit ihrem einfachen Perlmutterknopf vor Augen hatte. ›Schön, Freunderl, du willst mich sprechen. Ich bin dein gehorsamer Diener. Befiehl! Ich werde gehorchen.‹ ›Bitte, nicht so‹, sagte ich, schon im Korridor, und wollte mich von seinem Arm losmachen, denn er tat mir, offen gesagt, nicht wohl, ›ich habe nur gewünscht ... ich habe ...‹ ›Heraus mit der Sprache‹, sagte er, mich jetzt noch fester an sich pressend, ›bitte, komm in mein Arbeitszimmer. Du bist jetzt erwachsen, ich habe nichts dagegen, wenn du es von nun an auch als dein Revier ansiehst. Bitte, mache es dir bequem.‹ Er bot mir den Stuhl an, auf dem sonst die Patienten Platz nahmen, und setzte sich mir gegenüber an den Schreibtisch. Seine Instrumente, die Spiegel, die Brillenkästen, Lupen, die Tinkturen und auch die Lesetafeln hatte er jetzt in einem kleinen Nebenraum, der als eigentlicher Behandlungsraum diente. Seine Bibliothek hatte sich während der letzten Jahre stark vergrößert. Ich sah ganze Reihen von Büchern, die ich noch nicht kannte. ›Du kannst immer darin stöbern, wenn es dir Freude macht. Aber ich glaube, es kann dich im Grunde nicht interessieren.‹ ›Aber doch! Im höchsten Grade‹, sagte ich und sprang auf. ›Bitte sitzen bleiben‹, ermahnte er mich, ›also, bitte, im höchsten Grade interessiert es dich? Aber du verstehst davon keinen blauen Dunst! Es sind spanische Dörfer, böhmische Schlösser, Königreiche im Mond. Ich habe den Eindruck, mein lieber Junge, daß du dir über meinen Beruf sehr unzutreffende Vorstellungen machst, es ist ...‹ ›Mag es sein wie immer, ich bin entschlossen‹, sagte ich und stand trotz allem auf und ging in dem stillen, mit dicken persischen Teppichen belegten Zimmer umher. ›Nun, wie es der Herr Sohn wünscht‹, sagte er. ›Du bist entschlossen? Bitte, dann handle! Weshalb fragst du mich dann?‹ ›Ich habe dein Versprechen, wir haben es vor drei Jahren vereinbart.‹ ›Nun gut, ich überlege es mir. Jetzt hast du Erholung nötig. Ich ja auch. Aber ich reise auch diesmal später nach. Ich habe eine wissenschaftliche Arbeit vor. Während dieser Ferienmonate komme ich am leichtesten dazu.‹ ›Kann ich dir nicht helfen? Ich bleibe gern hier.‹ ›Sehr verbunden, sehr entzückt, mein geliebter Sohn. Aber wie solltest du das? Du kannst mir nicht behilflich sein.‹ ›Aber später?‹ sagte ich, ›es kommt vielleicht einmal eine Zeit, sehr spät, meine ich, in zwanzig bis dreißig Jahren, wo du meine Hilfe brauchen kannst, denkst du nicht?‹ ›Und was willst du reiner Tor während dieser vielen Jahre beginnen?‹ ›Nun gut‹, sagte ich. ›Ich will dir offen sagen, daß mich die Okulistik‹ (ich gebrauchte mit Stolz dieses Fremdwort anstelle der ›Augenheilkunde‹), ›daß diese Okulistik mich erst in zweiter Linie interessiert.‹ ›So, und was interessiert dich dann?‹ ›Geisteskrankheiten.‹ ›Alles Theorie!‹ sagte er. ›Das traurigste Kapitel eines traurigen Romans. Unnütz! Viel Weisheit, aber keine Hilfe. So ist es. Du verkennst das Leben in merkwürdiger Weise. Ich brauche deine Hilfe gewiß ...‹ ›Also‹, unterbrach ich ihn. ›Kein also. Ich brauche jemanden, der meine Angelegenheiten in Ordnung hält. Du weißt, wir haben einige, augenblicklich gut vermietete Grundstücke. Mietshäuser. Aber die Mieter saugen mich aus. Der Verwalter raubt mich aus, sage ich dir. Ich habe jetzt angefangen, einige Wertpapiere anzuschaffen. Die Banken leben aber von uns Dummen. Ich habe Familie, ich muß versichert sein. Ich will, daß nach meinem Tode ...‹ ›Aber Vater!‹ ›Daß nach meinem Tode meine Frau und meine Kinder vor materiellen Sorgen geschützt seien. Du bist um so und soviel Jahre älter als unsere kleine süße Judith. Wenn ich also, vorzeitig, wirst du sagen, die Augen schließe, und sieh, ich merke, daß ich nicht jünger werde bei einer so aufreibenden und verantwortlichen Tätigkeit, von der du, leider! nur die Prachtfassade siehst, verstehst du mich? – ich sage und wiederhole, gesetzt den Fall, ich sterbe eines Tages, so brauchen deine Mutter, deine Schwester und vielleicht noch andere Geschwister einen natürlichen Vormund. Das sollst du sein. Nicht im Hauptberuf. Über den müssen wir uns schlüssig werden. Ich rate dir gerne. Ich verlange jetzt keine entscheidende Antwort. Ich überlasse es dir, dir darüber klarzuwerden. Vielleicht sieht das jetzt im Augenblick beinahe wie ein Opfer aus, nicht wahr?! Aber, Junge‹ – er faßte mich beim Kragen meines leichten Sommerjacketts –, ›es ist eine Wohltat, es ist der beste Rat, den ich als Vater, als älterer Mensch, der im Leben steht, dir als jungem Mann, als meinen einzigen Sohn – bis jetzt meine ich, einzig, denn es könnte ja noch ein Junge kommen ...‹ er versprach sich, stotterte, wie ich ihn vor Jahr und Tag hatte stottern hören ... Ich lächelte vor Ergebenheit, im Herzen aber war ich so niedergeschmettert, daß er glaubte, mich trösten zu sollen. Je weicher er (scheinbar) wurde, desto eher konnte er aber meinen Widerstand überwinden. ›Erhole dich erst einmal. Du hast gut gearbeitet, wacker, wacker!‹ Er wiederholte mit Wohlgefallen das etwas alberne Wort, wie vorhin ich das Wort Okulistik, ›erhole dich mit Mama und der schönen Vally, alles in Ehren versteht sich, aber ich kenne dich doch?! Ich kann doch auf meinen Einzigen‹ – jetzt war ich doch der Einzige – ›bauen! Sag nicht ja, sag nicht nein, wir sprechen uns nach wenigen Wochen wieder. Mit der Inskription an der Universität haben wir nämlich Zeit bis Anfang Oktober. Ich muß inzwischen nach London zum Kongreß. Vielleicht bekomme ich die Kosten ersetzt, dann nehme ich dich mit. Alles wird in Frieden geordnet. Genieße doch, was du hast! Arzt sein ist kein Genuß. Es ist der undankbarste Beruf, den es gibt. Mit Kranken und Unheilbaren sein Leben zu vertrödeln, trotz allem Schweiß und aller Mühe niemals mehr als nur einen Fingerbreit aufzubauen und zum Schluß doch in der Anatomie alles enden sehen – unser Werk hat eben keinen Bestand.‹ ›Aber es muß doch Ärzte geben! Was sollte denn sonst aus uns werden?‹ fragte ich voll Angst. ›Ob es lohnt, frage ich mich oft. Wenn es zu klagen und zu jammern gilt, dann übertreiben die Menschen, diese ordinäre Horde. Sind sie aber geheilt, dann soll es nichts gewesen sein. Ein Kaufmann hat, was er verdient. Er hat es sich erworben, es ist sein. Niemand bestreitet es ihm. Aber hat unsereins etwas geleistet, dann sind nicht wir es gewesen, es ist die Heilkraft der Natur gewesen. Ist aber etwas mißlungen, so war es deine Schuld.‹ ›Nein, das glaube ich nicht‹, unterbrach ich ihn leidenschaftlich, ›niemals!‹ ›So, das glaubst du nicht? Ich aber weiß es. Es ist vielleicht ein edler Beruf, den Leidenden zu helfen, wirst du großer Junge mit deinem Vorzugszeugnis sagen‹ – ich nickte lebhaft –, ›aber es ist und bleibt ein erbärmlicher Broterwerb.‹ ›Aber, Vater, nein, nein, wie kannst du das sagen?‹ ›Ich soll es also nicht sagen, ich soll meinem liebsten Sohn am Abend seiner Entscheidung für das ganze Leben nichts sagen dürfen ...‹ Ich schwieg. ›Fast möchte ich dir ein paar Seiten aus meinem Honorarbuch vorlesen, aber das darf ich nicht, du weißt, wir sind an unser Berufsgeheimnis gebunden!‹ Wir? Hatte er doch mit mir als künftigem Berufsgenossen gerechnet? Er hielt das Buch geschlossen, steckte nur den falzförmigen Brieföffner aufs Geratewohl hinein und sagte, ohne die Seiten zu öffnen: ›Hier, eine Katarakte, bei einem armen Schlucker, fünfhundert Kronen, nach Hängen und Würgen. Gelungen. Hier, die gleiche Operation, bei einem millionenschweren Kohlenbaron, fünfzehntausend Kronen. Mißlungen. Und da soll man nicht verzweifeln?! ›Und du bist doch Arzt geworden?!‹ ›Was soll die historische Betrachtungsweise? Ich wurde es, weil meine Eltern Illusionen noch hatten. Ich habe sie nicht. Die Zeiten haben sich geändert. Früher war der Arzt und besonders der Geburtshelfer und Augenarzt wie ein Priester, dem man die Hände geküßt hat für seinen Dienst. Ob geglückt oder nicht. Niemand forderte Rechenschaft. Wieso auch? Er half wie durch übernatürliche Kräfte, durch Handauflegen, denn er wußte im Grunde nichts. Heute haben wir das‹, er wies auf das Mikroskop, das in einem hellgelben Holzkasten eingeschlossen auf einem Tischchen beim Fenster stand, ›heute haben wir die objektive Wissenschaft, die sichtbare – unseren Gott: die Tatsachen, unser Gesetz: die Notwendigkeit. Aber ich? Ich bin nur ein Techniker wie ein Lokomotivkonstrukteur oder Lokomotivführer. Ich benütze die von anderen gefundene und vervollkommnete Technik, weiter nichts.‹ ›Glaubst du denn nicht an Gott?‹ fragte ich. ›An Gott?‹ antwortete er überrascht. ›Hier jedenfalls nicht. Ich würde damit meinen Kranken nichts nützen.‹ ›Glaubst du oder glaubst du nicht?‹ ›Ich weiß es nicht. Ich glaube, wie jeder anständige Mensch glaubt. Im übrigen denke ich, es genügt, wenn man ein guter Patriot ist. Ich glaube an meinen alten Kaiser und an mein liebes Vaterland. Und infolgedessen, wenn ich so sagen darf, glaube ich auch an Gott, und du mußt nicht zu viel auf deine Mutter hören, die in ihrem jetzigen Zustande natürlich von religiösen Skrupeln geplagt wird. Es ist physiologischer Natur. Geplagt ist deshalb nicht das richtige Wort. Ihr tut es ja gut. Sie unterhält sich mit dem hl. Geist, wie ich mich mit dir unterhalte. Ich unterhalte mich eigentlich gern mit dir. Und wirklich, wahrhaftig, von Zeit zu Zeit ist das ganz schön. Du wirst mir fehlen. Ich komme vielleicht doch auf ein paar Wochen nach.‹ Er hatte vergessen, daß er uns dies schon früher fest versprochen hatte. ›Ich finde es eigentlich prachtvoll, daß wir uns so großartig verstehen. Du nicht auch? Oben im Puschbachtal ist ein kleiner Forellenbach zu haben. Für ein Butterbrot. Man kann herrliche Forellen mit der Fliege fangen. Nun, freust du dich nicht?‹ ›Ich weiß es nicht.‹ ›Nun siehst du‹, sagte er, und das alte, häßliche Lächeln war wieder auf seinen Zügen, ich sah es genau, als wir an der Tür waren, bevor er das elektrische Licht auslöschte, ›du weißt nicht, ob dir Forellenfischen Freude macht, und ich soll wissen und verantworten, ob du für diesen schauderhaften Beruf geboren bist. Aber wir werden beide sehen. Gib auf deine kleine Mutter acht. Laßt Judith nicht allein ins Dorf. Sollte Vally zu sehr überlastet sein, oh hihihi, ich meine es ganz ernsthaft, es gibt ja massenhaft Arbeit für drei Personen in dem Haus und in dem Garten, dann soll die zweite Bürgermeisterstochter kommen, wie heißt sie doch nur, Veronika, ja, Veronika ... Veronika‹ – und während er diesen Namen wiederholte, schob er mich bei den Schultern in mein Zimmer, wo das aufgetane Bett mit dem kleinen Capricepölsterchen im Dunkel matt schimmerte wie in alten Zeiten ...

Er kehrte noch einmal in sein Zimmer zurück, und ich hörte ihn die Kurbel des Telephons drehen, es klingelte, und er begann zu sprechen, offenbar mit seiner Klinik oder mit Patienten, so wie er gewöhnlich sprach: kurz, prägnant – mit langen Pausen. Ich schlief ein.

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