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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/weiss/armevers/armevers.xml
typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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9

In der glücklicherweise nur kurzen Zwischenzeit zwischen diesem Brief und meiner Heimkehr nach Hause war das am schwersten zu ertragende, daß ich nicht schreiben durfte. Aber ich war jung.

Nach ungefähr vierzehn Tagen packte ich mit Hilfe meiner Kameraden, die mich ungern weggehen sahen – auch der Bettnässer und die zwei Goliathe hatten mir alles verziehen –, mein Eigentum in den Pappendeckelkasten und in den alten Studentenkoffer meines Vaters. Dieses Ungetüm war so abgeschabt und an den Ecken durchlöchert, daß man es innen mit wasserdichtem Papier ausschlagen mußte. Ein besonders gutmütiger Junge, den ich später wiedersehen sollte, machte mir sogar den Vorschlag, mir seinen nagelneuen Koffer zu leihen. Ich schwankte. Es hätte mich stolz gemacht, mit einem solchen Prachtstück zu Hause einzurücken, aber schließlich sah ich, daß der Junge mit angstvoll aufgerissenem Auge meinem Schwanken zusah. Es war ein großmütiges Angebot – das man aber nie annehmen durfte. Dieser Verzicht, so schwer er war, erwies sich bald als etwas sehr Richtiges. Endlich war alles untergebracht und die leeren Räume mit alten Zeitungen ausgestopft, denn ich hatte sehr wenig Sachen, und das große, umfangreiche Irrenbuch wollte ich in die Hand nehmen und auf der Reise lesen. Die Präfektin machte mir eine Unmenge Brote zurecht, ohne daß der sparsame Leiter des Hauses es wußte. Ich erhielt meine Fahrkarte dritter Klasse und ging eines Morgens ab. Die Jungen winkten mir von den Fenstern des Hauses zu. Der Hausknecht trug den Studentenkoffer, ich hatte in der einen Hand das Irrenbuch, in der andern den Pappkarton, deshalb konnte ich nicht winken, sondern mich nur einmal, vor der Wegkreuzung zur Bahnhofstraße umwenden und sie und das mir trotz allem sehr lieb gewordene Knabenheim zum Abschied ansehen. Ich fuhr den ganzen Tag hindurch und kam spätabends in meiner Heimatstadt an.

Ich war nicht gerade leichten Herzens abgereist und kam auch nicht voll Freude zu Hause an. Offen gesagt hatte ich etwas Angst vor meinem Vater, in diesem Maße zum erstenmal im Leben. Aber andererseits sollte ich doch meine sehr geliebte Mutter nach der überstandenen Gefahr und mein kleines Schwesterchen sehen, und wenn mir das Knabenheim auch vertraut geworden war, so war es doch nicht meine Heimat.

Auf dem Bahnsteig erwartete mich Vally, schön wie der Tag, in ihrem besten Putz, eine dunkle Pelzstola um den weißen Hals wie eine Dame, und voll Zärtlichkeit für mich. Sie nahm das ganze Gepäck und trug es ohne die geringste Mühe heim, dabei plauderte sie, lachte und sah mich mit ihren großen strahlenden Augen an, als könne sie sich nicht satt sehen an mir dummen Jungen. Trotzdem mir dies bewußt war, tat es mir doch sehr wohl. Sie erzählte mir vor allem von meiner Mutter, die sich nach einem schweren Wochenbett jetzt ganz erholt hatte, und die ihr Kind zu ihrer großen Freude und mit berechtigtem Stolz zu stillen vermochte, und die jetzt auch das Kinderzimmer bewohnte.

Mir fiel das einen Augenblick lang schwer auf das Herz. In meiner Einfalt hatte ich mir eingebildet, zu Hause alles so wiederzufinden, wie ich es vor einigen Monaten im Hochsommer verlassen hatte, mein Zimmer, den Tisch am Fenster, die alten, etwas gebleichten Tapeten an den Wänden, in deren Ranken ich mir mit Bleistift (als alter Schreiberling) viele kleine Aufzeichnungen gemacht hatte. Wie ich jetzt erfuhr, war es vollständig neu austapeziert worden, das Bett meiner Mutter stand jetzt dort, wo meines gestanden hatte, unter dem schwarzen Holzkreuz mit dem silbernen Heiland. ›Und wo werde ich schlafen?‹ fragte ich. ›Sie können ja bei mir schlafen‹, sagte das schöne blühende Geschöpf lächelnd und strahlte mich mit den Kirschenaugen an. Ich verstand sie nicht. Als ob mir an einem solchen Abend zum Scherzen gewesen wäre. Ich schwieg, und sie sah mich von der Seite an und schwieg auch. Die Koffer in ihren Händen schwankten nicht. Einmal versuchte sie, sie alle in eine Hand zu nehmen, denn sie bildeten eine Art Barriere zwischen uns, aber sie waren doch zu schwer, und so kamen wir in gebührender Entfernung daheim an.

Meine Mutter empfing mich mit vieler Liebe. Sie war noch blaß, aber eher verjüngt, und sogar selbst fast zum Kinde geworden. So führte sie mich, eben wie ein Kind schelmisch lächelnd, in mein früheres Zimmer und zeigte mir meine kleine Schwester im Dunkeln. Sie wollte kein Licht machen, aber im Widerschein der sehr hellen Tapete konnte ich das Kinderbett mit seinen Wänden aus geflochtenen Schnüren, die ich ja von meiner eigenen Kindheit her genau kannte, neben ihrem Bette sehen. Ich trat auf den Zehenspitzen näher und steckte meine Hand durch die Maschen des Gitters. Ich hörte die Judith leise und regelmäßig atmen. Es roch etwas säuerlich. Auf meinem früheren Arbeitstisch sah ich eine Kinderwaage schimmern und daneben einen kleinen Stapel Kinderwäsche, der nach Lavendel und Mandelseife roch. Ich trat zu dem Bett meiner Mutter. Ich dachte an mein gesäumtes Capricepölsterchen. Vally, die dabeistand, erriet meine Gedanken. ›Es ist schon drüben, junger Herr‹, sagte sie, auf die Tür zum Korridor hinzeigend, auf den das Schlafzimmer meiner Eltern hinausging. ›Aber jetzt komm und iß‹, sagte meine Mutter und zog mich sanft hinter sich in das Speisezimmer, wo für uns zwei gedeckt war. ›Du schläfst vorläufig mit Papa in dem großen Schlafzimmer. Es ist nur für die erste Zeit. Papa wollte zuerst an die Bahn kommen, er hat mit Niklas (dem Kutscher) gesprochen, ob er deinen Zug noch erreichen könnte, und Niklas hat ja gesagt. Er mußte nachher noch zu einer Operation, oder eigentlich vorher, du verstehst. Sicher tut es ihm sehr leid, aber er muß doch. Glaubst du nicht auch?‹ Ich nickte. Ich hatte großen Hunger. Vally und die alte Köchin, die sich nicht zeigen wollte, obwohl sie mir immer sehr zugetan war, hatten sich den Kopf zerbrochen, mir meine Lieblingsspeisen zuzubereiten. Mein Herz war schwer, aber auch die vielen Brote der Präfektin hatten meinen Hunger während der langen Reise nicht gestillt, und ich aß jetzt mit Gier. Zum Genuß kam ich nicht vor lauter Sorge. Wenn mir vor wenigen Monaten jemand gesagt hätte, ich würde bei jedem Geräusch auf der Treppe zusammenzucken! ›Was hast du denn?‹ fragte meine Mutter. ›Bist du so müde? Naja, eine solche Reise.‹ ›Nein, die Reise hat mich nicht angestrengt, es ist etwas anderes.‹ ›Du bist doch nicht böse, daß wir dich in das Schlafzimmer übersiedelt haben?‹ ›Aber, Mama!‹ Und schon hing ich an ihrem Hals, ich fühlte ihre starke, warme Brust durch den dünnen Taft ihrer Bluse an meiner Brust, und die Stangen ihres Korsetts knackten leise unter ihren tiefen guten Atemzügen.

Ich weinte nicht. Ich fragte, meine Stimme beherrschend, so gut ich konnte: ›Ist er mir noch sehr böse?‹ ›Böse‹, rief meine Mutter und richtete sich heftig auf, so daß das Gestänge wieder knackte, ›böse, dir? Wir? Doch nicht Papa! Wie kommst du darauf?‹ Als ich schwieg, setzte sie, wie für sich, fort: ›Aber doch nicht böse! Wie kommt er darauf?‹ ›Dann ist ja alles gut‹, sagte ich und setzte mich wieder auf meinen Stuhl. Vally hatte den Teller gewechselt. ›Nein, im Gegenteil. Wir freuen uns, daß du wieder bei uns bist. Du bist ihm nur dort, im Knabenheim, etwas zu teuer geworden!‹ Jetzt lachte sie. Sie begriff offenbar nicht, daß etwas Ungewöhnliches zwischen meinem Vater und mir vorgefallen war. Ich ging nach dem Essen noch einmal in mein altes Kinderzimmer. Wir hörten das Kind sich regen und leise vor sich hinweinen. Ich wäre unruhig geworden, aber meine Mutter lachte gurrend vor sich hin. ›Es will nur sein Abendessen, und das bring ich ihm ja mit‹, sagte sie. ›Jetzt warte noch ein Weilchen, Judith‹, sagte sie zu meinem Schwesterchen, ›ich komme gleich zu dir.‹ Sie kniete neben mir auf dem alten Vorlegeteppich vor ihrem Bette nieder. Jetzt brannte auf dem Nachtkästchen ein auf einer Ölfläche in einem grünen Lämpchen schwimmender Docht. Wir sahen die durchbohrten Füße des Heilands über dem schwarzen, matten Holze schimmern und beteten still, dann machte sie flüchtig ein Kreuz über mich, schob mich zur Tür hinaus, kam aber dann noch nach und flüsterte mir nach einem schnellen Kuß zu: ›Sei nachts nur sehr ruhig, Papa hat einen leichten Schlaf. Du schnarchst doch nicht? Nein, nicht böse sein, dafür kann man ja nicht. Das würde er dir auch verzeihen, es ist natürlich. Aber etwas anderes, unter uns, das hat er nicht gern, wenn man nachts aufsteht. Mache also alles gleich ab. Ich habe es mir auch angewöhnt und bin ihm jetzt sehr dankbar dafür. So wecke ich denn auch mein Kind nicht.‹ Ich verstand. Ich hatte übrigens nie die Gewohnheit, nachts aufzustehen meiner Bedürfnisse wegen. ›Nicht böse sein‹, sagte meine Mutter, als sie merkte, daß ich mich verdüsterte, ›es war doch gut gemeint, ich will unbedingt, daß alles wieder friedlich ist unter uns allen. So, noch einen Kuß! Schlafe gut, träume süß.‹ So ging ich denn und trat auf den Fußspitzen in das Schlafzimmer meiner Eltern ein und sah mein so viel kleineres Bett neben dem meines Vaters aufgestellt, auch mein altes Nachtkästchen stand daneben. Was mich aber verdüstert hatte, war der Ausdruck meiner Mutter gewesen, ›so wecke ich denn mein Kind nicht‹, wobei sie nur an ihre Judith gedacht hatte.

Ich machte Nachttoilette etc. und legte mich zu Bett. Meine alten Kissen und Matratzen waren doch herrlich. – Ich weiß nicht, ob ich kurz darauf oder später aufgewacht bin. Mein Vater stand neben mir und sah mich mit seinem ungewissen Lächeln an, von dem man nicht wußte, ob es Gutes oder Böses bedeutete. Dann beugte er sich herunter zu mir und küßte mich auf die Wange, strich aber sein nicht ganz glatt rasiertes Gesicht mit den scharfen Stoppeln an meiner Wange hin und her. Es tat weh, aber es war ein schöner Schmerz, da er von ihm kam und ich deutlich merkte, wie er dabei lachte. ›Na, das ist ja schön, daß du wieder hier bist‹, sagte er. ›Schlaf jetzt, morgen sprechen wir in Ruhe. Du hast doch meinen guten Koffer mitgebracht?‹ ›Natürlich‹, sagte ich, glücklich, seine Stimme zu hören. Als er sich aufrichtete, sah ich die gerade gezogene Linie, mit der sein schönes, dunkelblondes Haar in der Mitte geteilt war. ›Und wie gefällt dir Judith?‹ fragte er. ›Bist du nicht stolz auf ein so schönes Schwesterchen?‹ Daß meine Schwester wirklich schön war, sah ich erst am nächsten Morgen. In dieser Nacht schlief ich voll Frieden und Glück ein. Ich verzieh meinem Vater seinen Brief, der mir so viel Kummer gemacht hatte. Ich hatte vergessen, daß er mich dazu gezwungen hatte, mein Gelübde in der Gnadenkapelle zu brechen, ich hatte sogar vergessen, daß er seinen bittern Brief nicht mit seiner Unterschrift gezeichnet hatte.

Meine Schwester war sehr zart, hatte ein winziges, aber vollkommen ausgeformtes Gesichtchen, das Näschen wie bei allen Kindern noch etwas weich, aber die Lippen korallenrot und eingesäumt von den schönsten Linien, wie bei einem erwachsenen Mädchen, das Haar, erst ziemlich hoch über der gewölbten Stirn beginnend, etwas spärlich, aber seidenweich und fast silberig, so blond war es. Die Hände waren wunderbare Gebilde, und das einzige, was mir nicht ganz gefiel, war ein ernster verschlossener Gesichtsausdruck, der aber vielleicht darauf zurückzuführen war, daß meine Schwester die Lider über den großen, tiefblauen Augen selten schloß und das, was sie erblickte, sehr fest und still zu halten schien und es doch nicht sah. Vallys blühende Schönheit wirkte neben diesem Wunderwerk plump, aber ich erkannte die Züge meiner Mutter in denen meiner Schwester wieder, meiner Mutter, wie sie als Kind und als junges Mädchen gewesen war, zu einer Zeit, die weit vor der meinen lag. Das Kind war sehr ruhig, es schrie und weinte sehr wenig, fast nur dann, wenn es nicht gesund war oder wenn es Hunger oder andere Wünsche hatte, es störte mich nie bei meiner Arbeit, an die ich mich gleich am nächsten Tag machen mußte, denn am Ende dieser Woche – Mittwoch war ich aus A. abgereist, und jetzt lag alles schon meilenweit hinter mir, Präfekt und Frau, Goliathe, Gelübde etc. –, am Ende der Woche mußte ich mich in der Schule anmelden. Sonntag sah ich meinen lieben Perikles, der mich aus lauter Freude über das Wiedersehen durchprügelte (und dabei war ich zehnmal so stark und fast doppelt so groß wie er!), am Montag ging ich den alten Schulweg wieder. Es fror noch, und ich trat, wie in den früheren Jahren immer, auf die dünnen Eisschichten, die lustig krachend unter meinen Schuhen zersplitterten. Mein Vater hatte mir keine Vorwürfe gemacht. Er hatte aber auch nicht weitergesprochen, als ich, kühn geworden, ihm etwas von meinen Zukunftsplänen angedeutet hatte. Er war sehr beschäftigt, hielt jetzt mehr auf sein Äußeres, und seine Krawatten waren nicht mehr gewendet wie die alten aus früherer Zeit.

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