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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8

Am nächsten Morgen hatte ich genug damit zu tun, rechtzeitig in die Schule zu kommen, die etwa eine viertel Stunde vom Knabenheim entfernt lag. Goliath II. verließ das Bett nicht. Er hatte den Kopf dick eingebunden. Auf meine Frage – ich mußte doch fragen, auf die Gefahr hin, zu spät in die Schule zu kommen – sah er mich zuerst verständnislos an. Dann rief ich ihm zu: ›Sitzt er?‹ ›Er sitzt!‹ murmelte er unter seinem Tuche hervor, und eine Art Lächeln kam über seine Züge. Ich schärfte ihm noch in aller Eile ein, die Scherben der Fensterscheibe fortzuschaffen und im Notfall die ganze Sache auf einen Zufall zurückzuführen, aber er muß dies unterlassen haben, und daher kam allerhand Unheil.

Aber an diesem Tage kam vor allem Heil. Ich könnte meine Freude nicht beschreiben, als mir um die Mittagszeit in halbzerrissenem Umschlagpapier das Weihnachtsgeschenk meiner lieben Mutter – und vor allem ihr wunderbarer Brief gebracht wurde. Sie hatte selbst das Geschenk für mich zurechtgemacht und es noch, wie der Poststempel zeigte, rechtzeitig zur Absendung gebracht. Aber, schlecht eingepackt wie es war, war es nicht zur rechten Zeit befördert worden. Sie sandte eine schöne neue Kopfbürste mit schneeweißen, starken Borsten, sehr dicht – und der Griff war etwas Herrliches, Zitronenholz, wie sie schrieb, honiggelb und duftend wie ein Zitronenzweig in voller Blüte. (Ich kannte noch keinen.) Und wie sie mir schrieb! Sie war sehr leidend, und noch am gleichen Tag wollte sie ›mit unserer getreuen Vally, die Dich so sehr liebt‹, sich in das Parksanatorium begeben. In dem Ton des Briefes war etwas, das ich nicht verstand. Daß sie mich ›auf alle Fälle‹ um Entschuldigung bat, daß sie mich nicht mit Absicht von zu Hause hätte vertreiben wollen, daß ich dies später sicher verstehen würde, wenn ich selbst Frau und Kind haben würde. Von Erlösung schrieb sie aber nichts. Nur, daß sie ein wenig Angst habe, um ihr Kind und um sich, daß sie aber felsenfest auf die Mutter Gottes und auf unseren lieben Papa (meinen Vater) vertraue, und daß sie törichterweise oft das Gefühl habe, sie würde nicht lebend zurückkommen, daß sie sich aber – wieder ein kleines Pflaster auf eine große Wunde – erinnere, daß sie ganz genau das gleiche Gefühl gehabt hatte, bevor ich zur Welt gekommen sei. So wünschte sie mir die schönsten und frühesten Festtage, und sie wollte nur hoffen, daß dieses Liebespäcklein mich rechtzeitig erreiche, damit ich nicht in meiner Festesfreude gestört sei. In einer Nachschrift entschuldigte sie sich sogar ihrer vielleicht schwer leserlichen Schrift – als ob die Schrift meiner Mutter je unleserlich sein könnte, und sie unterschrieb sich nicht wie gewöhnlich mit Mama, sondern mit ihrem Vornamen, und setzte, das war das schönste, noch ›Deine‹ davor.

Ich war so glücklich, daß ich sofort zu dem Präfekten ging und ihn den Brief lesen ließ. Er fand aber nichts besonderes daran, las ihn nicht einmal zu Ende und warf mir nicht gerade freundliche Blicke zu. ›Wozu haben wir denn dann telegraphiert?‹ fragte er mit trockener Stimme. Aber auch seine sonst so freundliche Frau mochte mir nicht ins Auge sehen. Sie wandte sich zu ihrem Mann, stieß ihn an, um ihn zu bewegen, ein Ende zu machen, und sagte wegwerfend: ›Kinder übertreiben immer! Vergiß aber die andere Sache nicht, Otto!‹ Jetzt wurde der Präfekt lebhafter: ›Du bist ja ein schöner Heuchler‹, sagte er, ›was habt ihr denn gestern nachts noch getrieben?‹ Ich wollte es erklären, soweit ich nicht durch das allgemeine Studentengeheimnis unter Kameraden gebunden war. ›Was? So? Später! Später!‹ sagte er böse, ›jetzt habe ich keine Zeit! Schnaps trinken, Zähne ausschlagen, Fensterscheiben zerbrechen etc. etc.! Und sowas kommt und holt mich in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett und verlangt Geld. Hast du denn nicht geschwindelt? Hast du überhaupt telegraphiert? Warum ist denn die Rückantwort nicht gekommen? Das lügt wie der Zigeuner unter dem Wagen! Sag die Wahrheit, Bengel!‹ ›Laß ihn‹, begütigte die Frau, ›es muß doch erst alles aufgeklärt werden.‹ ›Aufgeklärt? Nein! Der Schaden hat gutgemacht zu werden‹, schloß er ab. ›Wir werden ja sehen. So etwas kann nicht ohne Strafe bleiben. Die Hausordnung verlangt disziplinarische Strafe. Mach, daß du jetzt fortkommst, worauf wartest du?‹ Ich ließ mich aber nicht fortdrängen. ›Ich habe nicht geschwindelt‹, sagte ich und sah ihm fest in die grauen kleinen Augen. ›Das tue ich nicht. Man hat das Telegramm in ein Buch eingetragen ...‹ ›Mag ja sein‹, sagte er, etwas weniger mürrisch, ›aber jetzt laß mich. Du entgehst deiner Strafe nicht.‹ Ich ließ ihn nicht aus den Augen. ›Dagegen sage ich nichts‹, antwortete ich, ›bitte schreiben Sie aber meinen Eltern nichts.‹ ›So, das wagst du zu verlangen, vorlauter Bengel? Mit welchem Recht?‹ ›Nicht mit Recht‹, sagte ich leise und schon unter Tränen, ›nur weil ... hier ...‹ ich zeigte auf die Stelle meines Briefes, wo meine Mutter von ihren Befürchtungen schrieb, von ihren Wünschen, ihren Bitten. ›Na ja, geh nur!‹ sagte er. ›Heut weint er, und gestern hat er dem Riesenkerl einen Eckzahn herausgeboxt, der jähzornige Wicht.‹ Die Verbindung von jähzornig mit Wicht machte mich unter Tränen lächeln, und auch das Präfektenehepaar lachte mit.

›Bitte schreiben Sie meinem Vater nichts!‹ wiederholte ich. ›Na, wir werden sehen‹, sagte er. ›Wir werden sehen, wie du dich hältst. Auch mit einem kleinen Jungen sollst du teuflische Sachen angestellt haben, wer hätte das gedacht von dir? Solch ein Schauspieler, solch ein Komödiant!‹ ›Kinder sind alle Komödianten‹, sagte die Präfektin, die immer eine Weisheit bereit hielt. ›Tun Sie mir an, was Sie wollen, nur schreiben Sie meinem Vater nichts und meiner Mutter auch nicht.‹ ›Nun gut, das kann ich ja versprechen‹, sagte er, um mich loszuwerden, ›aber deiner Strafe entgehst du nicht.‹

Ich ging frohen Herzens fort, denn ich vertraute als dummes Kind dem Wort des Präfekten. Wir aßen alle voller Lustigkeit zu Mittag, es war freilich wieder Schmalhans Küchenmeister, und die dicken Tage waren vorbei. Nach dem Nachmittagsunterricht machte ich in aller Eile meine Aufgaben und schrieb, atemlos vor Aufregung, aber leichten Herzens, mich wieder einmal ganz dem Zauber der Schreiberei hingebend, drei lange Briefe – den ersten an meine liebe Mutter, in dem ich ihr alles Gute und Segensreiche oder vielmehr Gesegnete wünschte und worin ich ihr von meinem Gelübde Mitteilung machte. Den zweiten, etwas kürzeren Brief richtete ich an Perikles, dem ich vor allem für seine Geschenke dankte und dem ich schrieb, ich würde ihn nicht, wie wir geglaubt hatten, schon im Sommersemester wiedersehen, sondern erst viel später. Auch ihm setzte ich den Grund genau auseinander, wußte aber, daß er auf Religion, Mutter Gottes, Gelübde, Exvotos und ähnliches nichts gab. Den dritten Brief richtete ich an den Oberstleutnant. Dieses Schreiben war sehr kurz, denn es läutete zum Abendessen, und die Briefe wurden vorher von unserem Subpräfekten abgesammelt.

Meinem Vater schrieb ich nicht. Und doch hatte ich während des Schreibens sehr an ihn gedacht; mehr als an die andern. Ich kann es nicht erklären, warum ich ihm nicht schrieb. Nicht, daß ich ihm etwa deswegen gezürnt hätte, daß er die Rückantwort des Telegrammes nicht benützt hatte, daß er mir keine Nachricht gegeben, kein Geschenk zugesandt hatte – ein solcher Gedanke wäre einem Kind wie mir, das unter den Augen eines solchen Mannes herangewachsen ist, nie in den Sinn gekommen.

Daß man mich dann ziemlich streng bestrafte, fand ich nicht unrecht. Der Zahn, den ich so kunstreich eingesetzt hatte, saß zwar fest wie zuvor. Der Zahnarzt soll sogar mein Werk bewundert haben. Aber die Worte, die ich an Goliath gerichtet hatte, ›Sitzt er?‹, sollten jetzt oft an mich gerichtet werden, und die Kameraden ersparten mir nicht die Antwort: ›Ja, er sitzt!‹ Ich saß. Die Strafe, sechs Stunden ›Karzer‹, schreckte mich nicht. Ich benützte die Zeit, an meine Jugend – was ein halbwüchsiger Junge seine Jugend nennt! – zurückzudenken, an meinen Vater, an die Pilgerim, an den grauhaarigen Jungen, an das Gastmahl, das ich von den kostbaren Dukaten meinen damaligen Schulfreunden gegeben hatte, an das halb verbrannte Irrenbuch, das ich jetzt heimlich eingeschmuggelt hatte und das mir die Stunden der Strafe versüßte. Denn sonst konnte ich, von den neugierigen Jungen gehindert, nie ungestört darin lesen. So verging die Zeit sehr schnell, und ich hatte nachher wieder ein reines Gewissen. Ich hatte die törichte Ausdrucksweise Vallys von der Erlösung vergessen, ich wußte jetzt, daß mein Gelübde angenommen war und daß alles gut ausgehen müsse. Ich baute eben auf Gott.

Tatsächlich kam wenige Tage nachher, in der zweiten Hälfte Januar endlich ein Telegramm. War es die längst von mir bezahlte Rückantwort? Gleichviel. Schließlich war es meines lieben Vaters Geld. Ich riß es auf, ein kleines Stoßgebet an die Jungfrau Maria richtend, und wurde dann von einem unbeschreiblichen Glücksgefühl durchströmt. Ich hätte alle Welt küssen mögen, selbst die beiden Goliathe und noch viel lieber die weisheitsvolle Präfektin.

Der Inhalt war sehr kurz: Schwesterchen angekommen. Mutter und Judith wohlauf. Glücklich. Vater.

Ich kann mich entsinnen, daß ich in der darauffolgenden Nacht vor Freude nicht schlief. Und in meiner Einfalt dachte ich, daß jetzt lauter solche Tage folgen würden.

Zu dieser Zeit kam ein sehr freundlicher Brief des Obersten – der Vater meines ehemaligen Schülers war inzwischen avanciert –, dann ein langer Brief voll Philosophie von meinem alten Perikles, in welchem er mir zum Schluß riet, ich solle fest bleiben in meinem heroischen (!) Entschluß, ich müsse eben die ›Qualen der Einsamkeit auf mich nehmen und fern von den banalen Familienzärtlichkeiten der kleinbürgerlichen Herdentiere mir mein Schicksal mit eiserner Gewalt schmieden‹! Mir lag solches fern, und ich empfand es als großes Opfer, wenn ich die Meinen nicht wiedersehen sollte vor dem Sommer.

Natürlich hatte ich mein Gelübde auch dem Geistlichen mitgeteilt, der uns die Beichte abhörte. Er war nicht so sehr von der Richtigkeit meines Weges durchdrungen. Er riet aber weder zu noch ab, warnte mich aber sehr ernst, solche Dinge zu wiederholen. ›Du kannst die Wege Gottes nicht willkürlich durchkreuzen‹, sagte er. ›Du mußt lernen, dich zu fügen. Die Demut macht zu allererst den Christen. Geduld, Demut, Sichfügen, verstanden? Bist du denn sicher, daß du wirklich ein Opfer damit gebracht hast, daß du hierbleiben willst, anstatt nach Hause zurückzukehren?‹ Ich bejahte natürlich sofort diese Frage. ›Nun gut! Aber du darfst das nie wieder tun‹, sagte der alte Geistliche zum Schluß. Ich erinnerte ihn an die anderen Votos. ›Du darfst deinem Heilande danken für eine dir erwiesene Wohltat, aber du darfst dich nicht gegen ihn aufstellen und etwas erzwingen. Du hast also gesündigt, und ich setze dir als Buße an ...‹ Es folgte nun die Zahl der zu betenden Litaneien und anderen Gebete, die natürlich keine richtige Buße waren, da ich ohnehin gern betete. Ich muß aber sagen, daß diesmal die Absolution nicht die gewohnte Wirkung auf mich hatte, denn ich kehrte etwas schweren Herzens in unser Heim zurück und fand – fast möchte ich sagen, zu meinem Schrecken – einen langen Brief meines Vaters vor. Mein Vorgefühl hatte mich nicht betrogen. Seit der Stunde, da ich mit Vally vor dem Ofen in meinem alten Kinderzimmer gekniet hatte, hatte ich nie von meinem Vater eine so harte Strafe erhalten.

Der Präfekt hatte mich belogen. Er hatte meinen Eltern die Sache mit der Fensterscheibe mitgeteilt, und zwar wegen der Kosten, wie ich nachher erfuhr, die aber mein Vater nie bezahlt hat – und jetzt kam dieser Brief, der alles umstieß, was ich mir in den Monaten im Knabenheim aufgebaut hatte. Mein Vater warf vor allem meinen Entschluß um, hier in A. zu bleiben, da er allein darüber zu bestimmen und die ›extravaganten Kosten‹ zu tragen habe. Aber nicht die Kosten seien es, die ihn dazu zwängen, mich schleunigst zurückzuberufen, sondern der Umstand, daß ich ihm mit meiner unvorstellbaren Roheit und Gemeinheit Schande gemacht habe, daß ich im Karzer gesessen habe – und das schlimmste war, daß er mir bigotte Heuchelei vorwarf; das Wort bigott mußte ich mir nachher erklären lassen, aber meine Kameraden kannten es nicht, nur der Geistliche. Er schrieb, daß ich nicht versuchen solle, ihm mit Telegrammen, die ich nicht bezahle, etwas vorzumachen. Er habe das alles nicht von mir erwartet, obwohl er darauf hätte gefaßt sein können. ›Ich habe Dir nicht verziehen‹, schrieb er, streng aber gerecht, wie ich damals glaubte, ›ich habe nicht Deine verbrecherischen Streiche, Deine Geldvergeudung, noch auch Deine Fälschungen verziehen, aber ich hatte sie vergessen. Du hast mich an alles wieder erinnert, ich habe die schwersten Sorgen um Deine Zukunft, ich muß Dich unter meinen Augen haben. Schreibe mir nicht, rege auch Deine arme Mutter nicht auf, die der Schonung bedarf und die sich sehr über deine Bübereien kränkt. Keine Fälschungen mehr, bitte keine Saufereien!‹

Und kein Gruß, keine Unterschrift!!

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