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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6

Wenn dabei etwas mein Herz erleichterte, war es das Gelübde. Vielleicht schwebte meine geliebte arme Mutter gerade heute zwischen Tod und Leben – nachher sollte ich erfahren, daß es wirklich so war –, und meine Exvoto-Worte ›Schütze meine Mutter‹ brachten die günstige Wendung. Ich konnte nichts essen. Man zwang mich denn auch nicht dazu, und einigen großen, älteren Kameraden schien es wohlzutun, mich bemitleiden zu können und sich in ihrem immer unbefriedigten Hunger an meine Portion bei dem feinen und reichlichen Feiertagsabendessen zu halten. Was sollte es mir?

Noch kurz vor dem Schlafengehen lief ich in Hausschuhen zu der Kanzlei hinauf. Aber die Tür war natürlich jetzt versperrt, es war offensichtlich, daß nichts für mich gekommen war. Sehr gebrochen kehrte ich langsam in unser Dormitorium zurück. Aber als ich dort angekommen war, traf ich nicht die übliche Stille an, unterbrochen von dem Wispern der von ihren Betten aus heimlich sich unterhaltenden Zöglinge, sondern es erwartete mich ungeduldig ein kleiner Kreis von Jungen, fünf oder sechs, darunter auch der Knabe, der seine Mutter verloren hatte, und ein anderer, der auch von der Natur benachteiligt war, denn er näßte zwar nicht, trug aber dicke Brillen und hatte das schüchterne Wesen augenkranker Jungen. Wenn man ihm sagte, er sei kurzsichtig, empörte er sich, er wollte weitsichtig sein und zeigte zum Beweise seine Brillengläser vor. Ich, als der Sohn eines Augenarztes – ich hatte meinen Vater zu einem Professor gemacht, der die wunderbarsten Kuren für ganze Haufen von Gold vollführte –, sollte entscheiden.

Natürlich gab ich dem Kleinen recht. Er verstand ja viel mehr davon als ich, da er alles an seinem eigenen Leibe und Leide hatte ausprobieren müssen.

Außerdem waren noch zwei große, baumstarke Jungen dabei, Vettern, die jede Klasse mehrfach wiederholt hatten, so daß sie das für uns ›ehrfürchtige‹ (statt ehrwürdige) Alter von siebzehn oder gar achtzehn Jahren erreicht hatten.

Hatte ich nicht versprochen, die Kameraden zum Dank für geleistete Lebensmittelgeschenke in vergangenen Zeiten mit meinen Schätzen zu bewirten? Ich konnte nicht nein sagen. Die Torte Vallys wurde in Scheiben geschnitten, der Korkstöpsel des polnischen Fruchtschnapses mit einem berühmten Taschenmesser aus der Flasche gezogen, wobei die zwei großen Jungen, Besitzer dieses Wunderwerks, sich nützlich machten, während die zwei kleinen sich bemühten, von dem gewaltigen Schinken dicke Scheiben mit ihren winzigen Taschenmessern herunterzusäbeln. Alles im Halbdunkel, denn wir konnten kein Licht anzünden. Aber draußen schien der Mond über dem dicken Schnee, und wir gewöhnten uns sehr bald daran. Wir durften nicht laut sprechen. Manche wollten schlafen, und dann mußte man sich vor dem Unterpräfekten schützen – einer mußte Wache halten. Zuerst bot ich mich dazu an. Nach einer kurzen Zeit holte man mich aber vom Korridor hinein, ich setzte mich in meinem Bett zurecht, die andern im Kreise um mich herum, der große Junge hielt mir die Schnapsflasche an die Lippen. Zuerst schauerte mir vor dem brennend süßen Getränk. Aber bald wurde ich fröhlich. Ich konnte nicht genug bekommen. Ich aß von der Torte, ich nahm die dicksten Scheiben Schinken und berauschte mich zum erstenmal in meinem Leben.

Auch die anderen begannen zu sprechen, zu summen, zu singen, im Zimmer umherzutanzen, den Rest des Dormitoriums zum Schmaus einzuladen.

Ich nicht. Ich aß für mich voll Gier, ich trank für mich und meinen Kummer und wurde still und stiller. Schließlich mußte man mir die Flasche aus den Händen nehmen, da ich sie nicht mehr hatte loslassen wollen. Im Grunde war ich vollständig klar. Ich wußte, daß meine Mutter vor der ›Erlösung‹ stand, ich wußte, daß mir mein Vater auf mein Telegramm nicht hatte antworten können – aber das schien einen anderen Menschen zu treffen, nicht mich. Ich bemitleidete ihn aus ganzem Herzen und weinte mich, immer wieder nach der Flasche greifend, allmählich in Schlaf.

Am nächsten Tage ließ mich der Präfekt kommen. Er fragte mich noch einmal aus, ließ sich alles wiederholen, ich stotterte, ich sprach zu leise, er zog mich zu sich hin, plötzlich veränderte er den Gesichtsausdruck, er wurde merklich kühler, hustete in die vorgehaltene Hand, schickte mich heraus, ließ den Subpräfekten holen und gab ihm den Auftrag, unter meinem Bette nachzusehen. Offenbar hatte er den Schnapsgeruch aus meinem Munde gemerkt, den keine Mundwasserspülung hatte ganz entfernen können. Wir hatten aber alles gut versteckt.

Meine Kameraden empfingen mich mit großem Hallo, sie fanden es tapfer von mir, daß ich soviel getrunken hatte und daß mir mein Seelenschmerz nichts anhaben konnte. Ich war aber mürrisch und hielt mich von ihnen fern. Die Langeweile in den Feiertagen war groß, und wir wußten an diesem Nachmittage nicht mehr, wie wir uns die Zeit vertreiben sollten. Viele bewarben sich um das Irrenbuch, auch um den französischen Löwenjäger, vergebens.

Der kleine Bettnässer trieb sich viel in meiner Nähe umher, vielleicht sah er in mir einen Leidensgefährten. Ich kam ihm nicht sehr freundlich entgegen. Ich redete mir ein, nicht mehr auf das Rücktelegramm zu warten, auf alles verzichtet zu haben, aber es quälte mich doch zu sehr.

Ich sah auf dem Nachtkästchen meines Kameraden das Bild einer schönen, etwas vollen, einstmals so blühenden Frau, von der ihr schwächlicher nervöser Junge nichts geerbt hatte. Sein Bett war offen, es entstieg ihm der häßliche sauere Harngeruch, obwohl es nur das Leintuch war, das er nässen konnte, denn unter diesem war ein Gummituch ausgebreitet, das aber ebenfalls nicht erquicklich roch.

Die großen Jungen, die zwei Vettern Goliath, standen dabei und hänselten den Kleinen, der dabei stillhielt und sich sogar geschmeichelt fühlte durch die Aufmerksamkeit der Großen. Ich sah sie mir alle an, den Jungen mit seinem grünlichen, im Ausdruck zwischen Angst und Ausgelassenheit wechselnden Gesicht, das Bildnis seiner schönen Mutter, das er wie ein Heiligtum verehrte und mit einem Tannenzweig vom gestrigen Spaziergang im Bürgerwald geschmückt hatte, die Kameraden, die nicht zu Freunden geworden waren.

Die Goliathe machten Anspielungen auf meinen Vater, aber ihr Hohn traf mich nicht, ich wußte ja, daß sie mich um ihn beneideten und um seine Wunderkuren. ›Aber dir hat er nichts beigebracht‹, sagte grob der ältere Goliath, ›du kannst nicht einmal Schnaps vertragen und bist dumm wie ein Kalb.‹ Ich hätte weiter nicht darauf geachtet, hätte ich nicht gesehen, wie der Waisenjunge (weshalb kam mir jetzt das Wort Waise auf die Zunge?) bewundernd zu den großen Lümmels aufblickte. Mir kam ein verzweifelter Gedanke, ich weiß nicht wie. ›Was gebt ihr mir, ihr drei da – die zwei Goliathe und der Junge –, wenn ich dem da das Bettnässen abgewöhne?‹ ›Du und abgewöhnen? Gewöhne dir doch erst selber das sich be... ab‹, gab mir der dumme plumpe Mensch zurück. Ich hatte nie daran gelitten und konnte darüber hinweggehen. ›Was bekomme ich, wenn ich ihn kuriere?‹ Nun hatte der ältere der zwei Goliathe vorgestern eine silberne Taschenuhr erhalten, auf die er sehr stolz war. ›Glaubst du nicht‹, wandte ich mich an ihn, ›daß ich es kann?‹ ›Du‹, sagte er langsam und gähnte, wobei er seine besonders schönen, milchweißen, vollzähligen Zähne entblößte und sich die Lippen und den Schnurrbartschatten strich, ›du ...!‹ Und nichts weiter. ›Wetten wir um die Uhr?‹ sagte ich kühn. ›Und was hast du dagegen zu setzen?‹ ›Ich?‹ Vielleicht die Löwenjäger oder gar das Buch über die Irren. Aber daran dachte ich nicht. Die Sache wäre dabei geblieben, wenn nicht der andere Goliath meine Partei ergriffen hätte. ›Ich setze für ihn‹, sagte er, ›ich biete an: meinen Dreiunddreißiger.‹ ›Was? Den Dreiunddreißiger?‹ Alle staunten. Es war das berühmte Taschenmesser mit zwar nicht dreiunddreißig, aber sicherlich mehr als zwanzig Klingen –, das dem Jungen trotz seiner Dummheit ein Übergewicht gab. Unter diesen Klingen befand sich auch ein Korkenzieher, mit dem er gestern nacht meine Schnapsflasche entkorkt hatte. Alle bewunderten ihn wegen dieses Besitzes. ›Uhr gegen Dreiunddreißiger!‹ wiederholten sie hingerissen, und der Kreis vergrößerte sich immer mehr. ›Gut!‹ sagte ich, ›es bleibt dabei.‹

Nun war mir der Gedanke gekommen, von dem ich nicht wußte, ob er durchführbar war, den ich aber auf jeden Fall ausprobieren mußte. Mir war genau so zumute wie damals, als ich plötzlich gemerkt hatte zu meiner Verzweiflung, daß ich die kostbaren Dukaten angebrochen hatte und sie nicht mehr ersetzen konnte. Auch jetzt war ich im Innern so verzweifelt, daß mir alles gleichgültig war. Übrigens war es keinem eingefallen, daß ich in keinem Fall etwas von meiner Wunderkur haben würde, denn die Wette mit der Uhr und dem Dreiunddreißiger galt ja nur zwischen den zwei Goliaths.

Abends trat ich mit den wichtigsten Geschäftsführern dieser Angelegenheit zu dem Bette, wo der Junge schon mit aufgerissenen Augen und zusammengekrampften Händen lag. Ich sagte ihm, er müsse mich mit Herr Doktor ansprechen, und wir spielten nach Kinderart die Komödie von Arzt und Patienten. Teils trug er mir sein Leiden vor, von verständnisvollen Äußerungen der Nachbarn unterstützt, die ihm bei heiklen Stellen nachhalfen, teils spielten die zwei Goliathe die Rolle der schmerzerfüllten Eltern und versprachen für den Fall der Heilung Messer und Uhr. ›Schön, schön‹, sagte ich wegwerfend. ›Wir werden alles versuchen, natürlich!‹ Der eine zeigte das riesige Messer, das im Schein der Nachtlampe funkelte, der andere hielt die Uhr an mein Ohr, um mir zu beweisen, daß sie gehe. Beide beschworen mich, ihr armes Kind von seinem häßlichen Leiden zu befreien. ›Als ob man allen helfen könnte!‹ wiederholte ich den alten Spruch meines Vaters. Dann tat ich, als ob ich überlegte, faßte nach den Händen des Jungen, der blaß wurde, denn er sah an meinem Blick, es wurde ernst. ›Nun gut, meine Herren!‹ – als ob zwei Männer die Eltern darstellen könnten! – sagte ich, ›binden Sie dem Kranken erst einmal die Hände.‹ ›Nein!‹ rief der Junge ängstlich, ›ich will nicht!‹ ›Du bist krank! Du wirst nicht gefragt!‹ antworteten alle aus einem Munde. Die Hände wurden mit einer Serviette zusammengeschnürt, wobei ich darauf achtete, daß ihm zwar nichts geschah, daß er sich aber nicht ohne fremde Hilfe befreien konnte. Dann sagte ich mit ruhigem Tone, den ich von meinem Vater kannte, alles Notwendige anordnend, ›bitte legen Sie ihn jetzt vorsichtig neben das Bett auf den Boden!‹ Was geschah. Dann nahm ich das Bild seiner Mutter und hielt es ihm stumm vor die Augen. Er zappelte sich ab, um sich das heilige Bild zu verschaffen, es gelang ihm nicht. ›Und jetzt sieh einmal her!‹ Ich nahm das Bild und legte es unter das Leintuch, ziemlich in der Mitte des Bettes, eben zwischen das Leintuch und den Gummiunterzug. Er hob den Kopf vom Boden, riß die Augen auf, es rannen ihm Tränen über Tränen aus den Augen. ›So, und jetzt legt mir den Kranken vorsichtig wieder zurück. Mehr nach rechts! Mehr in die Mitte! Jetzt dürfte es gut sein. Hast du es bequem? Gut!‹ Der Junge lag jetzt so, daß er sich mit dem Unterkörper gerade über dem Bilde befand.

Er begriff noch nicht, was es sollte. Aber die anderen hatten es lachend blitzschnell erfaßt. ›Licht aus!‹ sagte ich. Ich lachte nicht mit. ›Alles geht schlafen! Morgen um sieben Uhr versammeln wir uns an dem Bett des Kranken wieder.‹

Alles war nur Hohn über mich selbst. Ich legte mich in düsteren Gedanken nieder. Wir warfen uns beide auf unseren Lagerstätten umher. Ich wurde leise, aber lange angefleht, ihm die Hände zu lösen. Ich dachte daran, von Widerspruch zerrissen, bezwang mich aber. Endlich schlief ich ein. Ich wurde von dem Siegesgeheul der Kameraden geweckt. Zum erstenmal, seitdem der arme Kerl hier war, hatte er sein Bett nicht benetzt. Er haßte mich, aber mit Unrecht, denn ich hatte ihn geheilt. Weder die Uhr noch das Messer wechselten den Besitzer. Ich zählte die Stunden. Bald begann die Schule wieder. Von meinen Eltern war immer noch nichts gekommen.

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