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Der arme Verschwender

: Der arme Verschwender - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiss
titleDer arme Verschwender
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1980
isbn3499145677
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erst als mein Vater abgereist war, schien es meiner Mutter zu Bewußtsein zu kommen, daß wir uns nach zehn bis elf Tagen auf lange Zeit trennen mußten. Sie hat niemals eine größere Zärtlichkeit mir gegenüber gezeigt, aber sie beherrschte sich, um mir ihre Trauer nicht zu zeigen, um mich nicht weich zu machen. Immerhin mußte ich ihr wiederholen, ihr und auch der armen Vally, die dabeistand und sich mehr als einmal verschluckte, um nicht zu heulen, daß es mein eigener Wunsch und Wille war, selbständig zu werden, ein neues Stück Erde kennenzulernen – A. sollte in sehr schöner Waldgegend liegen und hatte Sommers eine Menge Feriengäste –, daß ich mich auf die neuen Kameraden freue. Ich behauptete sogar – alles vom Hörensagen ebenso wie meine Legende von der Schönheit von A., die ich frei erfunden hatte –, daß die Ansprüche in solchen Gymnasien viel niedriger seien als in unserer Stadt, daß ich mühelos der beste Schüler sein würde. Jetzt trat die Erinnerung an meinen lieben Perikles sehr schmerzlich vor die Augen – aber meine Stimme hörte auf zu zittern, als ich sagte, daß ich Zeit finden würde, fremde Sprachen zu lernen und mich sogar auf meinen künftigen Beruf vorzubereiten. Ich hatte das halbverbrannte Buch über Geisteskrankheiten mit hierhergeschleppt, es war den Luchsaugen meines Vaters entgangen, und es sollte mich in das Knabenheim begleiten, ich wollte darauf schlafen, wenn ich schon das gesäumte Capricepölsterchen von meiner Mutter daheimlassen mußte. Endlich gelang es mir, auf das müde, mit gelben Flecken bedeckte Gesichtchen meiner Mutter wieder etwas Fröhlichkeit zu zaubern, und wir hielten, obwohl es kühl geworden war, lange Mahlzeiten unter den Bäumen unseres Gartens zu dritt. Der Ortskrämer hatte sich sowohl die richtigen Bonbons als auch die gewünschten Gurken zu verschaffen gewußt, und so schmausten wir drei wie eine unter sich einige Familie ... Meine Gedanken gingen um. Aber – ich hatte zum Glück Schweigen gelernt. Ich hatte den Auftrag meines Vaters, die Fahrkarten betreffend, genau meiner Mutter ausgerichtet, ebenso seinen Wunsch, daß meine Toilettengegenstände in eine Schachtel gepackt werden sollten. Es war sehr gegen meinen Willen, daß Vally bei dem Bürgermeister, ihrem Vater, eine Anleihe von hundert Kronen auf ihre eigene Rechnung aufnahm, aber ich sagte kein Wort, als die zwei Frauen beschlossen, daß ich eine Fahrkarte zweiter Klasse – und einen Rucksack für meine Sachen erhalten sollte. Den Rucksack bekam ich, und er sollte mir in A. sogleich nach meiner Ankunft etwas Spott einbringen, denn noch nie war ein Zögling mit einem Rucksack auf dem Buckel eingerückt! Mit der Karte zweiter Klasse war es nichts, da meine Mutter für ihre Vally eine solche Karte zweiter Klasse kaufen wollte und es für uns alle eben nicht reichte. Und ich konnte es nur zu gut verstehen, daß sie diese treue Seele während der langen Reise bei sich haben wollte. Ich war fest entschlossen, mutterseelenallein meine nicht minder lange und dabei sehr komplizierte Reise zu machen, nur wollte ich derjenige sein, der als erster abreiste. ›Das verspreche ich dir‹, sagte meine Mutter, zum erstenmale seit langer Zeit mir ein kleines Pflaster auf eine große Wunde gebend, ›wir kommen alle zur Bahn, Vally bäckt dir eine Extra-Torte, und wenn du erst dort bist, schreibe ich jeden Tag.‹ Nichts von alledem ging in Erfüllung. Diesmal bekam ich also kein Pflaster, so sehr ich es mir gewünscht hätte in meiner großen Verlassenheit. Es hätte mich sicher getröstet in meinem Gedanken, daß mich mein Vater fortgeschickt hatte, wenn wenigstens meine Mutter zu mir hätte halten können.

Es war aber unmöglich. Es kam ein Brief von meinem lieben Vater, oder vielmehr eine, mit seiner feinen Schrift bis an den äußersten Rand vollgeschriebene Karte, die meiner Mutter nahelegte, schon am neunten September zu reisen, einem Freitag, so daß sie am Samstag daheim sein konnte. Und an diesen beiden Wochentagen, Samstag und Sonntag, konnte er sich ihr ja am meisten widmen. Ich hätte nun etwas früher oder gleichzeitig abreisen können. Dies aber verbot mein Vater ausdrücklich, damit ich ›die schöne Ferienzeit bis zur Neige in Puschberg genießen sollte‹ und wegen der unnötigen Kosten. Der Aufenthalt in A. war nicht sehr billig, in dem Ferienort konnte ich aber so gut wie kostenlos noch die Zeit vom neunten bis zum vierzehnten leben und in unserer Villa hausen, die Mahlzeiten aber bei Vallys Vater einnehmen. Und so geschah es. Auch das zweite Versprechen meiner Mutter, die besondere Torte, ging nicht in Erfüllung. Für diese Torte war eine sehr feine Sorte von Oblaten erforderlich, die es nur in dem nächsten Marktflecken gab. Vally wäre mit tausend Freuden hingepilgert. Aber meine Mutter durfte nicht allein gelassen sein, und ich war jetzt ein schlechter Ersatz für Vally. Und was das tägliche Schreiben betraf, so wartete ich nach der ersten, leider fast unleserlichen Karte meiner armen Mutter in A. zehn Tage jeden Tag mit furchtbarem Herzklopfen – früher hatte ich nie recht wahrgenommen, daß ich ein Herz hatte – die Postverteilung ab, die öffentlich erfolgte. Ich kann meiner Mutter nur dankbar dafür sein. Da ich auf nichts lauerte als auf einen Brief von ihr, auf zehn Briefe, die mir zukamen, so konnte das Heimweh, das alle anderen neuen Zöglinge furchtbar plagte – es war wie jedes Jahr zu dieser Zeit ein besonderer Heulwinkel für die armen Jungen hergerichtet –, mir fast nichts antun, und ich gelangte dadurch trotz meinem komischen Reisegepäck zu einer geachteten Stellung unter den meist gleichaltrigen Knaben meiner Klasse.

Nachher hatte ich mich eingewöhnt. Ich war stark im Wachsen, mein Hunger war nie gestillt. Die anderen Jungen, die regelmäßig Eßwaren geschickt bekamen, gaben mir ab, und ich versprach, dergleichen zu tun, wenn ich ein ordentliches Eßwarenpaket erhielte. Aber was ich von daheim bekam, war stets nur die gereinigte Wäsche, der immer ein sorgfältig geschriebener Brief von Vally beilag, die mich nie mit meinem Vornamen, sondern nur mit ›Euer Hochwohlgeboren‹ anredete. Ich mußte lachen, wenn ich las, ›Euer Hochwohlgeboren wünsche ich gute Gesundheit und Glück in der Schule, und teile ich Euer Wohlgeboren mit, daß die Gatjehosen an den Knien zerrissen waren, was ich der gnädigen Frau (meiner Mutter) verheimlicht habe. Müssen der l. junge Herr in der Schule auf Erbsen knien? Hoffentlich nein! Mit Hochachtung Vally.‹

Ich erwartete zu Weihnachten von daheim ein Geschenk, und zwar hatte ich angedeutet, daß mir eine Uhr Freude machen würde – aber an dem Vorabend wurden zwar unter der Unzahl von Paketen auch drei für mich verteilt, aber das größte war von dem ehemaligen Schüler und enthielt außer den Grüßen meines Kameraden, seines Vaters und der Unterschrift seiner Schwester, die ich noch nicht kannte, da sie im Pensionat in Krakau erzogen wurde, einen ganzen geräucherten Schinken, eine Flasche süßen Fruchtschnaps und ein Buch über Löwenjagden von dem französischen Großwildjäger Carandier. Die zwei kleineren Pakete stammten von Vally und meinem Freund Perikles.

Vally sandte außer einem Brief, der aber ziemlich viel Fettflecken abbekommen hatte, nur die bewußte Torte, die sie mir in Puschberg versprochen hatte.

Ich hob mir den Brief auf, um ihn nach der Feier zu lesen, und öffnete das kleine Paketchen meines Freundes, das eine Schachtel mit feingeschnittenem Rauchtabak, fünfundzwanzig Zigarettenhülsen und einen Stopfer enthielt. Sein langer Brief war sonderbar, er erzählte von seinen schwierigen Studien über die Fragmente des Heraklit und bemühte sich, mir klarzumachen, daß jede Philosophie einen Zwang zur größten Bescheidenheit, jede Religion aber eine Verlockung zum gefährlichsten Größenwahn darstelle.

Das Wort ›Größenwahn‹ war mir aus meinem Buch über Geisteskrankheiten wohl bekannt. Ich las viel in diesem Buch und hatte mich an die Ausdrücke gewöhnt. Verstehen konnte ich sie natürlich noch nicht. Für die anderen Jungen aus unserem Dormitorium, dem gemeinsamen Schlafsaal, war dieses Buch mit seinem verbrannten Einband und den verkohlten Anfangs- und Schlußseiten etwas höchst Begehrenswertes.

Sie versuchten in meiner Abwesenheit Einblick in das Buch zu gewinnen, aber nachdem ich sie einmal erwischt und gehörig bestraft hatte, blieb das Buch versperrt in dem alten Handkoffer, den mir mein Vater gesandt hatte, wie er es versprochen hatte in Puschberg.

Ich folgte der langweiligen Feier unter dem hohen Christbaum nur sehr zerstreut. Ich dachte an meine Mutter und meinen Vater und konnte nicht verstehen, daß ich die Uhr nicht bekommen sollte, daß sie mir nicht eine Zeile geschrieben hatten. Ich hätte geweint, wenn ich allein gewesen wäre. Nun beherrschte ich mich. Ich beherrschte mich ja auch sonst in der letzten Zeit mit aller Kraft, und die Versuchungen, denen ich, zuerst in den letzten Tagen des Aufenthaltes in dem von allen verlassenen Puschberg und dann in meiner Verzweiflung in den ersten Tagen hier in A., nachgegeben hatte, vermochten nichts mehr über mich.

Da ich wußte, daß fast alle Kameraden diesen Versuchungen unterlagen, war ich stolz auf mich und fühlte mich stark genug, den Hindernissen in meinem künftigen Leben unter Anspannung aller Willenskräfte froh und selbstsicher Herr zu werden. Nach der Feier beschenkten wir uns gegenseitig. Ich zeigte meinen Kameraden die große Schnapsflasche mit polnischem Fruchtschnaps, die wir bei einer Nachtfeier gemeinsam austrinken wollten, und es entspann sich ein lebhafter Tauschhandel voller Scheingefechte und gutmütiger Raufereien, bis wir, viel später als sonst, in unsere Dormitorien im Gänsemarsch einmarschierten.

Beim Auskleiden merkte ich den Brief Vallys in meiner Tasche. Ich zog ihn heraus, versuchte ihn zu lesen, wurde aber dabei unterbrochen, da das Licht vom Zimmerältesten ausgelöscht wurde. Ich stand auf und lief bloßfüßig in die Toilette, um beim Licht einer Kerze das schwer leserliche Schriftstück zu entziffern. Diesmal war nicht von den Rissen in meinen Unterbeinkleidern die Rede, die ich mir beim wilden Spielen geholt hatte nebst ordentlichen Schrammen an den Beinen, sondern von etwas viel Fürchterlicherem. Die Einleitung des Briefes mit den vielen Hochwohlgeboren klang ganz vernünftig, aber gegen Ende kam ein Satz, den ich zuerst nicht fassen konnte und immer wieder abwog und mir deutete, das fettige, durchscheinende Papier gegen das Licht haltend, bis kein Zweifel möglich war.

Der Stubenälteste, genannt Goliath II., pochte an die Tür des Klosetts und wollte mich holen, er war es gewesen, der mit noch zwei anderen früher in meinen Sachen gestöbert und mein Buch über die Irren angefaßt hatte. Jetzt rief ich ihm drohend zu, er solle mich in Ruhe lassen, ›wenn du nicht willst, daß ...‹ Er verstand und zog ab. Und ich setzte mich wieder auf meinem Sitz zurecht, in kalter stiller Nacht, mein langes Nachthemd um meine Knie wickelnd und den unseligen Brief immer wieder lesend und jedes Wort auf seine Bedeutung prüfend. Die wichtige Stelle lautete: ›Ich teile Euer l. Wohlgeboren mit, daß die gnädige Frau in ihrem Zustand sehr leidet und daß wir alle hoffen, daß sie bald erlöst sein möge.‹

Erlöst! Meine Mutter! Unheilbar, und kein anderes Mittel als die Erlösung im Tod?! Und was wurde aus dem Kind?

Daher ihr Schweigen, ihre immer spärlicher werdenden Briefe, daher das Fehlen ihrer Weihnachtswünsche, das Ausbleiben des Weihnachtsgeschenks, der Uhr! Und ich hatte mich vor einer Stunde noch gegen meine armen Eltern aufgebäumt! Ich war stolz gewesen auf meine Unabhängigkeit, hatte mir zugetraut, alle Hindernisse des künftigen Lebens unter Aufgebot der Willenskraft zu überwinden. Nun in meiner stillen Zelle – es schneite draußen, und die Schneeflocken knisterten, sich an das kleine schmale Fenster anlegend, und die Kälte nahm noch zu – fühlte ich meine Schwäche, Not, meine ganze Armseligkeit.

Ich nahm endlich die Kerze, die ich in den Mauervorsprung des Fensterchens gesteckt hatte, wieder herab und schlich über die Korridore in den Schlafsaal zurück. Ich hätte gern gestöhnt, geheult, aber ich beherrschte mich, schlüpfte leise unter die eiskalten, sehr dünnen Decken. Ich wollte kein dickes Überbett – aus bekannten Gründen. Und ich versuchte, für meine geliebte Mutter zu beten. Ich betete und betete, meine Zähne klapperten vor Frost, meine Hände drückte ich gegeneinander, wenn sie mir vor lauter Müdigkeit und Verzweiflung auseinanderfallen wollten, aber es kam mir kein Trost. Erlösung! Erlösung! Eine noch so junge Frau! Meine Mutter, die mir nichts auf Erden ersetzen konnte, die mich mit allen Fasern ihres armen gequälten und gemarterten Herzens liebte, die mir immer kleine Pflaster auf meine große Wunde gelegt hatte. Vielleicht war sie jetzt tot. Ich konnte es nicht begreifen. Ein kleiner Kamerad aus unserem Dormitorium, der mitten im Schuljahr hier hergebracht worden war von seinem leichenblassen, schwarz gekleideten Vater, hatte seine Mutter verloren. Ich kannte seine Mutter, eine schöne junge Frau, da ihre Photographie auf dem Nachtkästchen des Sohnes stand. Der Knabe hatte sich nicht trösten lassen. Und zu allem anderen Jammer hatte er es sich vom ersten Tage hier in A. angewöhnt, seine Laken nachts zu nässen, und zu seinem Leid kam noch der Tadel des Präfekten und der Spott seiner glücklicheren Kameraden. Mir hatte er immer leid getan, aber ich hätte nie geglaubt, daß ich noch unglücklicher werden könnte als er.

War uns nicht zu helfen?

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