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Gutenberg > Gerhart Hauptmann >

Der arme Heinrich

Gerhart Hauptmann: Der arme Heinrich - Kapitel 7
Quellenangabe
typedrama
authorGerhart Hauptmann
titleDer arme Heinrich
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
isbn3549051427
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Fünfter Akt

Ein Saal im Schloß zu Aue. Durch eine Tür im Hintergrund blickt man in eine anstoßende Kapelle mit Altar usw. Auesche Fahnen, Kreuzpaniere und sonstige Reliquien sind darin aufgehängt. Rechts von der Kapelle, in gleicher Flucht, eine romanische Loggia. Auf der linken Seite des Saales ein reich behangener Thronsessel mit Stufen unter einem Baldachin. Es ist ein strahlender Spätfrühlingsmorgen.

Hartmann von der Aue in reicher Kleidung, Pater Benedikt und Ottacker, der wie früher gewappnet ist.

Benedikt mit Hartmann in engem Gespräch, während Ottacker respektvoll abseits steht
Es heißt, daß er zu Aachen im Turnier,
von einem Ritter durch den Helm gestochen,
fiel . . .

Ottacker     Und ins Gras biß!

Hartmann                                 Wär' es wirklich, wie
Ihr sagt – und fast die gleiche Kunde, Pater,
drang schon zu mir von Grave Konrads Fall –,
so sind, ein frommer Dienstmann darf es sagen,
die Wege Gottes doppelt wunderlich:
denn jetzt – Ihr wißt, daß ich mit knapper Not
dies feste Schloß dem alten Herrn erhalten! –,
jetzt eben hat der Wind mir zugeweht
dies Brieflein seiner festen Manneshand.

Benedikt Aus Welschland?

Ottacker                               Nein, ich kenn' ihn, der es brachte:
es ist ein Köhler aus dem Zastlertal.

Hartmann Nun? Und du hast ihn ausgefragt?

Ottacker                                                           Potz! Ja!
Ich hab' ihn ins Gebet genommen, freilich,
doch dieser eigensinnige Racker ist
so stumm und maulfaul wie sein Köhlerbaum.

Benedikt Meint Ihr, er sei im Zastlertal bereits?

Ottacker Streckt mich, wo unser Herr nicht dort ist!

Hartmann                                                                 Ja.
Wo sonst? Wer hätte sonst den Brief geschrieben?
der – lest! – zwar vieles Dunkle noch enthält,
doch ziemlich sicher läßt so viel erraten,
daß er vielleicht schon heut wird bei uns sein.

Benedikt Hier seht – mein Brief, lateinisch abgefaßt,
stammt aus Venedig . . .

Ottacker                                 Bei Sankt Annen! Mir,
so scheint es, hat er keinen Brief geschrieben.

Hartmann Und was enthält er?

Benedikt                                   Wenig klare Worte:
zwar hätt' ich fast ihn damals arg erzürnt,
allein, er wolle christlich mir vergeben . . .

Ottacker Gott geb' uns allen Absolution!

Benedikt . . . nur soll' ich jetzt gehorsam mich erzeigen
und früh am Morgen zu Johannis Tag
in Aue ihm die Schloßkapelle richten.

Hartmann mit ahnungsvoller Heiterkeit
So seid Ihr also hier und könnt es tun. –
Nehmt diesen Schlüssel denn – dem Himmel Dank
und meinen dreizehnhundert Rittern und Knechten,
daß ich ihn halten konnte hier am Ring! –
dank ihm erhielt ich wiederum die Knechte . . .
Nehmt ihn und steigt hinab ins Schatzgewölb'
glaubt mir, dem Grafen Konrad wässerte
der Mund gewaltig, das zu tun! – und holt
das schwere goldene Meßgeschirr herauf
aus Kaiser Karols Zeit.

Benedikt nimmt den Schlüssel
                                      Wie Ihr befehlt. –
Was denkt Ihr wohl: meint Ihr, er sei genesen?

Hartmann achselzuckend
Ja, Pater Benedikt, das weiß ich nicht.

Benedikt Ist das Gerücht auch bis zu Euch gedrungen,
wonach die Wunderkur des Arzts gelang?

Hartmann Ja, dies Gerücht und andere. Zwanzigmal
hieß es: er sei gestorben zu Florenz,
zu Padua, zu Ravenna . . . liege tot
zu Monte Cassino, sei ertrunken, sei
erstochen, stürzte in den Ätna sich! –
Und andere hundert Male hieß es dann:
ein Engel habe ihn gesund geküßt,
das Bad zu Pozzuoli ihn gereinigt,
der Meister zu Salerne ihn geheilt.

Benedikt seufzend
Was soll man glauben, und was soll man tun?

Hartmann Denkt Ihr wie ich: von fester Treue sein!

Benedikt Und Ottegebe? –

Hartmann                           Pater Benedikt –!
Ist unser Herr gesund, so will ich sagen,
der Himmel habe diese Heilige ihm
erweckt, auf daß er lebe, und ihr Tod
mag Gottes Fügung sein.

Benedikt                                 Wohl! Immerhin,
es bleibt ein bittres Amt, ihn zu empfangen:
denn was ich sah, Herr Ritter, mittlerzeit
und durchgemacht, seitdem das Kind entwichen –
wir haben sie gesucht: Gottfried, Brigitte
und ich, von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt,
in Hospitälern, in den Lasterkellern
des Elends –, nein, Herr, das vergißt sich nicht.
Und außerdem . . . wär' ich von Mitschuld frei! –
Jedoch es nistet hier in meiner Brust
ein grimmer Vorwurf, der nicht schweigen will.

Hartmann Ihr habt die Magd gekannt von Jugend an?

Benedikt Wie meine Tochter, wie mein eigenes Kind!
Und hätt' ich ganz als eigen sie erachtet,
hätt' ich ihr können ganz ein Vater sein.
So war ich nur ein Mietling und kein Hirte.

Hartmann Soll ich Euch sagen, was mich will bedünken?
Frau Venus hat's der Dorfmaid angetan!

Benedikt Irdische Minne war's: Herr, Ihr habt recht.
Die hoffnungslose Minne ist's gewesen,
die alles hoffen, alles dulden muß.
Den gleichen Irrweg bin ich einst getreten –
und doch, vom Schein des Himmlischen betört,
könnt' ich ihn, blind, auch diesmal nicht erkennen.

Hartmann Ich denke nicht so, Pater Benedikt.
Mir ist das Kind auch heute noch die Heilige!
Was himmlisch schien, ist himmlisch, und die Liebe
bleibt – himmlisch, irdisch – immer eine nur.

Benedikt Weltliche Weisheit! Nun: hätt' ich davon
in harten Prüfungsstunden mehr besessen!

Hartmann Es trieb sie für Herrn Heinrich in den Tod.
Warum? der Sache hab' ich nachgehangen.
Im Tod hat ihre Liebe triumphiert:
er war ihr lieberzwingendes Bekenntnis!

Benedikt Hätte das Kind sein Leben so gelassen,
so wär's ein Liebeswunder, staunenswert!
Wahrlich, man möchte drum getröstet sein.
Doch glaub' ich's nicht mehr – nein: die Perle ist
gefallen und erloschen in der Pfütze.
Gott mag's dem Herrn . . . mir soll er nie verzeihn!

Hartmann zu Ottacker, der Miene macht, hinauszugehen
Wo willst du hin, Ottacker?
    Ottacker macht eine abwehrende Bewegung, steht widerwillig.
                                            Nun? Was ist?
    Zu Benedikt
Kennt Ihr wohl diesen wackren Reitersmann?

Benedikt Nein.

Hartmann         Nicht? Er steckt voll putziger Geschichten,
die er nicht nur bei Knecht und Magd im Stall,
sondern auch oftmals in der Kindlein Stuben
zum besten gibt.

Ottacker                     Daß mich der Donner! . . . Herr,
was Ihr damit wollt meinen, weiß ich nicht!

Hartmann Er flucht, daß sich der Himmel möchte bücken,
schwört, daß die Kröten hüpfen – oder nicht? –,
er habe nie dem armen Pachterskinde
die Mär von dem Salerner Arzt erzählt.

Benedikt Seid Ihr der Mann?

Ottacker                                 Wer soll ich sein? Wie? Was?
Fahre der Teufel . . .! Herr, ich will nicht fluchen . . .
Laßt mich getrost auf meine Schanze gehn.

Ottacker ab.

Hartmann Jawohl! Der ist es.

Benedikt                               Der den Herrn verließ?

Hartmann Und in den Kindskopf böse Raupen setzte!
Sein Schädel ist ein Nest voll Schlangeneier,
wovon die fliegende Hitze seines Leibes
fast stündlich eins auskriechen macht. Er schleppt
Euch Holz, voll Andacht, zu den Scheiterhaufen
Aussätziger und Juden, ist gespickt
mit Amuletten, glaubt an Leichenvögel,
Diebsfinger, trägt ein Fläschlein Menschenbluts
allzeit im Sack und schwört auf alle Dinge,
die ängstlich, fremd und unbegreiflich sind.

Benedikt Die Welt ist voll Dämonen. Immerhin! –
Doch Untreu' schändet.

Hartmann                             Seht: und dieser Mann,
der feigerweise einst den Herrn verließ,
warf sich noch jüngst, von dieser Burg herab,
den Feinden dieses gleichen Herrn entgegen:
ein schäumender Keiler voller Todesmut.

Ottacker kommt ungestüm wieder hereingestürzt
Der Teufel fahr' in meinen Mund, Herr! Aber
nun gebt mir Urlaub.

Hartmann                       Wohin willst du?

Ottacker                                                   Fort!
Unten im Hofe steht ein alter Mann
und, Gott verzeih' mir's, eine alte Vettel . . .
zum Teufel, lieber doch ins Mohrenland!

Hartmann vom Fenster in den Hof blickend
Gottfried! Brigitte! – Pater, meiner Treu,
die beiden Alten sind's vom Wehrawalde!

Ottacker ab.

Benedikt Versteht Ihr das?

Hartmann                           Nicht ganz. Allein, mir ist,
als hab' es uns nichts Übles zu bedeuten.
Denkt Eures Altars! Alle Zeichen sprechen,
und dieses neue hier zuallermeist,
daß unser alter Herr in alter Weise
und planvoll wiederum das Steuer führt.
Ein guter Heiliger begann den Tag,
ihm denk' ich mich, nächst Gott, zu überlassen.

Ein Mönch, die Kapuze vor dem Gesicht mit der Linken zuhaltend, in der Rechten den Pilgerstab, erscheint und geht hastig quer durch den Raum.

Hartmann erschrickt und stellt den Mönch
Wo willst du hin? Wie kamst du durch die Wachen?
    Der Mönch deutet durch Zeichen an, daß er mit ihm allein sein wolle.
Geht! Nachricht bringt er, scheint's, für mich allein.

Benedikt ab.

Hartmann das Schwert ziehend
Jetzt rede!

Der fremde Mönch   Hartmann!

Hartmann                                     Heinrich!!! Gnädiger Gott!

Heinrich und Hartmann liegen einander stumm in den Armen.

Heinrich – Gott sprach zu mir: »Geh, zeige dich den Priestern.«

Hartmann Genesen? Und . . .?

Heinrich                                     Das Kind? schick in den Wald
und heiß dir das Gemahl selbst Antwort geben.

Hartmann Nun – beim lebendigen Gott! – so lebt das Kind?

Heinrich Meinst du, ich stünde hier, wär' sie gestorben?

Hartmann fest
Nein, Herr.

Heinrich ebenso
                  Nein, Hartmann.
    Erneuen die Umarmung. Sich lösend
                                            Wohl! vorerst genug! –
Wie mittlerweile alles sich gefügt
bis hierher, wo ich mit gesunden Füßen
nun wieder trete diesen alten Stein
und braven Felsen meiner Stammburg . . . still! –
Von allem, was ich weiß, erfuhr, erlebte,
ergründete, erlitt: von allem still
bis auf gelegene Zeit. – Oh, guter Hartmann . . .!
Geduld! –

Hartmann         Wißt Ihr, daß Euer Vetter Konrad
zu Aachen, schwer verwundet beim Turnier,
darniederliegt?

Heinrich                   Er fiel vom Pferd, ich weiß,
von niemand als dem eignen Gaul geworfen,
und starb unrühmlich! Ja, die Englein schwingen
den Würfelbecher! Still davon, mein Freund,
und zu des Tages dringenden Geschäften.
Wo ist der tapfere Pater Benedikt?

Hartmann Den Altarschmuck zu holen im Gewölbe.

Heinrich So sag ihm, daß er sich damit beeil',
und plündert mir die Myrten, guter Freund,
im Kreuzgang, ja! – denn ich will Hochzeit halten
heut, ohne Zögern, und der Torwart soll
ein schlichtes Kränzlein binden, groß genug
für eines jungen Pachterkindes Haupt.

Hartmann Was sagt Ihr?

Heinrich                         Nichts, Freund, als just eben das!
Und ferne sei mir, was ich fest beschlossen,
vor Menschen zu verteidigen. Es ist
so, wie es ist! Und damit sei's genug.

Als mich der erste Strahl der Gnade streifte
und eine Heilige zu mir niederstieg,
ward ich gereinigt: das Gemeine stob
aus der verdumpften und verruchten Brust,
der mörderische Dunst der kalten Seele
entwich, der Haß, der Rachedurst, die Wut,
die Angst – die Raserei, mich aufzuzwingen
den Menschen, sei's auch durch gemeinen Mord,
erstarb. – Doch ich blieb hilflos! Angeklammert
hing ich betäubt an meiner Mittlerin
und folgte blindlings allen ihren Schritten.
In ihre Aureole eingedrängt . . .
in ihrem Dunstkreis konnt' ich wieder atmen,
und Schlaf, der mich gemieden hatte, schloß,
wenn sie die Hand mir auf die Stirne legte,
mein Herz vor den Dämonen wieder zu!
    Pater Benedikt erscheint.
Dich such' ich! Dich vor allem, Pater, komm!
Hilf mir! Ich bin gesund! Ich bin genesen!
Am Ziel – und doch auch, Pater, weit vom Ziel.
Sprich nichts! Sag nichts! Hör weiter meine Beichte! –
Da traf der andere Strahl der Gnade mich.

Was soll ich sagen? – An dem neuen Strahl,
der aus des Kindes schweren Wimpern zuckte . . .
sie lebt! schau nicht so wachsbleich, alter Mann! –
gebar aufs neue meine Liebe sich
in die erstorbene, finster drohende Welt.
Und in der Flut des lichten Elements
entzündeten die Hügel sich zur Freude,
die Meere zur Wonne und die Himmelsweiten
zum Glücke wiederum – und mir im Blut
begann ein seliges Drängen und ein Gären
erstandener Kräfte: die erregten sich
zu einem starken Willen, einer Macht
in mir! fast fühlbar gen mein Siechtum streitend.
So rang's in mir! Noch ward ich nicht gesund,
doch fühlt' ich eins: daß ich es mußte werden –
oder mit ihr den gleichen Tod bestehn.
Ihr Herrn, sie zog mich bis Salerne fort,
gegen mein Reden, gegen meine Bitten.
Ich wollte ihr Gelübde brechen, und
es überwand mich. – Zwar: das Paradies
des Südens hemmte oftmals ihren Schritt.
Im blumigen Smaragd des Apennins
stand sie wohl starr und von der Pracht betroffen . . .
oder am Strand, still . . . bleich vor Schmerz und Glück –
doch dann . . . In solchen Augenblicken schien sie mir
groß! schien zum Seraph mir emporgewachsen! . . .
doch, sagt' ich, dann verschloß sie sich der Welt,
und wie vom Hunger nach dem Tod ergriffen,
zwiefach, zog sie mich dann gen Süden fort.

Wir stunden vor dem Arzt – trotz allem, ja,
wie ich euch sagte: unten in Salerne.
Er sprach zu ihr. Er fragte, was sie wolle? –
Sterben für mich. Er staunte, zeigte ihr
die Messer, das Gerät, die Folterbank,
riet zehnmal ab . . . doch alle seine Worte
beirrten sie nicht einen Augenblick:
da schloß er sich mit ihr in seine Kammer. –
Ich aber . . . nun, ich weiß nicht, was geschah . . .
ich hörte ein Brausen, Glanz umzuckte mich
und schnitt mit Brand und Marter in mein Herze.
Ich sah nichts! Einer Türe Splitter flogen,
Blut troff von meinen beiden Fäusten, und
ich schritt – mir schien es – mitten durch die Wand! –
Und nun, ihr Männer, lag sie vor mir, lag
wie Eva nackt . . . lag fest ans Holz gebunden!
Da traf der dritte Strahl der Gnade mich:
das Wunder war vollbracht, ich war genesen!
Hartmann, gleichwie ein Körper ohne Herz,
ein Golem, eines Zauberers Gebilde –
doch keines Gottes – tönern oder auch
aus Stein . . . oder aus Erz – bist du, solange nicht
der reine, grade, ungebrochene Strom
der Gottheit eine Bahn sich hat gebrochen
in die geheimnisvolle Kapsel, die
das echte Schöpfungswunder uns verschließt:
dann erst durchdringt dich Leben. Schrankenlos
dehnt sich das Himmlische aus deiner Brust,
mit Glanz durchschlagend deines Kerkers Wände,
erlösend und auflösend –: dich! die Welt! –
in das urewige Liebeselement. –
Geh, leite sie herauf.
    Hartmann ab.
                                  Pater, sie ist
hier. Doch du wirst das Mägdlein nicht mehr finden,
wie du's gekannt hast. Noch in jener Stunde,
da ich sie losband von des Meisters Tisch
und mir das zitternde Geschenk des Himmels
davontrug, brach sie in sich selbst zusammen.
Erst lag sie da, in Fiebern, wochenlang,
und als sie sich erhob vom Krankenbette,
war sie verwandelt. Ob die Füße kaum
sie auch ertrugen, doch bestieg sie nicht
den Zelter, den ich ihr zur Reise dang.
Mit Gliedern, schwer wie Blei, an meiner Seite
mühselig laufend, schien sie mich zu fliehn,
und schaudernd nur erträgt sie meine Nähe.

Benedikt Wo ist sie? Bringt mich zu ihr. Herr, vergebt:
mir ist die Zunge schwer in dieser Stunde
der Dankbarkeit. Sie kommt! Laßt uns allein.

Heinrich zieht sich in die Kapelle zurück.

Ottegebe wird von Hartmann hereingeführt. Sie erscheint bleich und übermüdet, ist barfuß und wie eine Pilgerin gekleidet und geht am Stabe.

Ottegebe mit unsäglichem Staunen um sich blickend
Wo bin ich, Herr?

Hartmann                   Im Schloß zu Aue.

Ottegebe                                                   Wo?

Hartmann Im Schloß zu Aue!

Ottegebe                                 Wo? – in welchem Lande?

Hartmann Im Schwarzwald, Herrin, und auf heimischem Grund!

Benedikt Sieh mich doch an: willst du mich nicht mehr kennen?

Ottegebe hartnäckig grübelnd
Verzieh ein wenig! –?
    Mit angstvollem Jubel sich an seine Brust werfend
                                  Pater Benedikt!
Sag niemand . . . niemand, Vater, wer ich bin.
Hilf mir! Sei treu! Sei gut! – Sei mir barmherzig,
daß bodenlose Scham mich nicht verbrennt.

Benedikt Nun . . . nun . . . gemach! Ich will dich wohl verbergen,
wenn anders du nicht wohl geborgen bist . . .

Ottegebe Ja . . . hier bei dir . . . in deiner stillen Klause . . .

Benedikt Wie?

Ottegebe         Hier bei dir, geborgen, tief im Wald . . .!

Benedikt Komm doch zu Sinnen, wegemüdes Kind!
Du irrst: die Vögel spielen in den Gründen,
und davon schallt Gezimmer nur und Saal
im Schloß. Wir sind hier nicht in meinem Walde.

Ottegebe Ich kann mich nicht besinnen, wo wir sind! –?
Komm tiefer . . . tiefer, Vater, in die Berge!
Hör mich . . . nein! später. Komm. Nein, noch nicht hier. –
Ich log! Ich bin verdammt! Ich bin verworfen!

Benedikt Nein, Jungfrau, gegen dich zeugt deine Tat.
Du warst bereit, dein Leben hinzugeben
zur Sühne für des armen Heinrichs Not.
Gott aber tat dir wie dem Isaak:
er nahm das Opfer liebreich vom Altare!

Ottegebe Ich starb – starb auf dem Altar! ward verzehrt
von einem harten, wilden, fremden Feuer,
davon ich loderte im tiefsten Mark.
Ich wollte schreien: Hölle, laß mich los! –
Der Laut gerann auf meinen gierigen Lippen.
»Stoß zu, eh ich verderbe, schlechter Arzt!«
ächzt' ich. – Umsonst! Die durstigen Glieder sogen
des Feindes Gift schon lechzend in sich ein.
Und eh die Englein Hosianna sangen,
starb mein Verlangen – an des Satans Brust!

Benedikt sie während des Nachfolgenden stützend und gegen den Thronsessel geleitend
Was soll man zu dem allen sagen? Sieh:
du kennst mich, weißt, daß auf der weiten Erde
mir nichts so nah am Herzen ruht als du.
Beherzige denn des alten Beichtigers Worte!
Der Arzt, der Meister, mag ein Teufel sein:
doch grade darum ward der Herr erreget
zur Rettung just im letzten Augenblick.
Und so lagst du nicht in des Teufels Arm,
sondern an dessen Brust, um dessen Seele
du rangest – und der nun um deine rang.

Ottegebe in tiefer Erschöpfung auf den Thronsessel sinkend
Ich log! ich rang um seine Seele nicht,
und darum stellte Gott mich an den Pranger.
    Sie schlägt die Hände vors Gesicht.

Heinrich leise aus der Kapelle, kniet vor ihr nieder
Blick um dich! zittere nicht! Du bist die Taube
im Käfig nicht – ich bin die Schlange nicht,
daß du vor meinem Blicke brauchtest beben.
Doch bist du mein: des Mannes, der ich bin:
der dein ist. Kein Versucher bin ich, nein!
bin ein Versuchter – bin, wie du, versucht.
Und ob du freier schon von Schlacken bist,
so hat auch mich das Feuer so geadelt,
daß ich, als Ring geläuterten Metalls,
den Demant reinen Wassers weiß zu fassen,
der deine unbefleckte Seele ist.

Und also, klein Gemahl, sag mir ein Wort,
ganz leise nur, auf meine leise Frage;
dann magst du von den überschweren Mühn
des langen Morgens, der sich uns nun endet
in einen klaren Tag, dich ausruhn. Wolltest du
mir nicht mein Leben wiederschenken und
deins dafür geben? Gib mir deines denn:
es ist, es war von Ewigkeiten mein!
Du meine todgetreue Dienerin:
laß mein Gebot dich heute wiederum,
zum allerletztenmal, gehorsam finden –
es lautet: sei fortan mir Herrin! – sei
mein Weib!

Ottegebe hat die Augen weit und verzückt aufgetan und hernach, wie von einer ungeheuren Lichterscheinung betäubt, langsam geschlossen.

Benedikt Sie ist im Sturm des Lichts entschlafen,
und doch hat sie die Glorie noch gesehn.

Heinrich aufspringend, mit Entschlossenheit
Irdische Hochzeit oder ewiger Tod!!!
    Ottacker ist in die Tür getreten. Er erkennt Heinrich, tut einige Schritte auf ihn zu und bricht vor ihm zusammen.
Ottacker! Du getreuer Ungetreuer,
steh auf! uns allen soll vergeben sein.
Du rangst! Dein Ringen hab' ich wohl erkannt.
Die Ringenden sind die Lebendigen, und
die in der Irre rastlos streben, sind
auf gutem Weg. Und nun zum Zeichen, Freund,
daß ich der Deine bin wie ehemals,
sollst du, indes ich mich in Purpur kleide,
Gralswächter mir an meinem Throne sein.

Er und Hartmann ab.

Benedikt Ruh! ruh!

Ottacker zur Seite des Thrones aufgepflanzt
                        Und schliefe sie hier tausend Jahr,
Mönchlein, und wich' ich je von dieser Stelle:
sei's auch, es überwände mich der Tod,
so stoßt mich in die ewige Verdammnis!

Der Pater ist in die Kapelle gegangen, wo man ihn am Altar hantieren sieht. – Nun füllt sich der Saal nach und nach mit Rittern, geharnischten und ungeharnischten.

Erster Ritter Wie?

Zweiter Ritter       Dort!

Erster Ritter                   Wo, Ritter?

Zweiter Ritter                                   Auf dem Throne dort.

Ottacker Leise, ihr Herren!

Erster Ritter                       Was ist's mit diesem Bilde?

Dritter Ritter Ihr Herren, es ist dieselbe, meiner Treu,
die ich vom Pallasfenster aus noch eben
sah, unten am Mauerbörnlein vor dem Tor,
sich neigen und aus hohlen Händen trinken.

Erster Ritter Ist es Frau Aventiure?

Ottacker                                           Herr, seid still!
Heilig ist einer Heiligen Schlummer, und
sie ist zudem noch unsre Herrin.

Vierter Ritter                                       Wie?

Allgemeines herzliches Lachen der Ritter.

Fünfter Ritter Was sagt der Querkopf und Gespensterseher?
's ist ein landfahrend Mägdlein, weiter nichts.

Ottacker Daß Euch die Maden! Daß die Augen Euch
verglasen, Herr . . . Sie lebt! Gottlob, sie lebt!

Erster Ritter Ei, freilich lebt sie. Sie bewegt die Lippen.

Ottegebe Solch einen Sturm von Liedern hört' ich nie . . .

Zweiter Ritter Sie träumt.

Ottegebe                           Ach, Vater, kannst du das nicht hören?

Erster Ritter Was spricht sie?

Ottegebe                                 Mutter, Mutter! siehst du nicht . . .?

Erster Ritter Was will sie?

Ottegebe                           Eine Krone senkt sich nieder . . .
ach, viele, viele Hände tragen sie!

Dritter Ritter Mägdlein, wer bist du?

Ottegebe im Schlaf                             Eure Herrin nun!

Erster Ritter Mein liebes Kind, wer du auch sein magst immer:
vor deinem Liebreiz beug' ich gern mein Knie.
Doch unser armer Graf von Aue ist
fern in die Welt versprengt und unbeweibt.

Staunen und steigende Erregung unter den Rittern.

Benedikt aus der Kapelle wieder eintretend, geheimnisvoll
Still! Friede, ihr Herren! Hört: dies Wunder ist
von einer solchen Hand hierhergeleitet,
der Menschenwille nicht kann widerstehn;
und dieses Thrones Baldachin hat nie
ein Weib von reinerem Adel überschattet.
Beugt euch! Sie ist die Herrin, muß es sein.
Und der verschollne Fürst, Heinrich von Aue,
ist kein Verschollner mehr, weilt unter uns
und wird, gesund und bis ins Mark genesen,
bald dieses Saales stolzer Pfeiler sein.

Die Ritter brechen in ein ungeheures Jubelgeschrei aus: Heil! Heil! Her! Her! Denn Heinrich, mit Purpurmantel und Schwert angetan, unter Vorantritt von drei Pagen, von denen der erste auf einem Kissen zwei Kronen trägt, ist an der Seite Hartmanns eingetreten.

Heinrich Habt Dank! Ich grüß' euch aus erneuter Seele
mit alter Liebe! – Unter diesem Kleide
aus Purpur berg' ich Narben. Narben sind
kostbarer als der Purpur! Ja, ich griff
die Wahrheit tausendfach, und was ich packte,
schnitt Runen mir ins Fleisch. Was unten gärt
an Ängsten, giftigen Krämpfen, blutigem Schaum:
ich kenn's. – Ich sah!! – Ich wälzte selber mich
verzweifelt in den Bolgen der Verdammten,
bis daß die Liebe, die uns alle sucht,
mich fand.
    Zu Ottegebe gewandt
                  Sankt Ottegebe, Taube sonder Gallen! –
Tretet zurück! – Wach auf, Gemahl! – Gebt mir
die Krone, Knaben!
    Er nimmt eine Krone und hält sie über Ottegebes Haupt
                                Diese Jungfrau war
mein Mittler – wahrhaft! Ohne Mittler kann
Gott nicht erlösen. Sei euch dies genug!
    Er krönt sie.
Und somit frag' ich euch – im Schlummer krönt
Gott seine Auserwählten! –, wollt ihr sie
als eure Herrin ehren, mehr als mich,
und unter ihrem milden Szepter stehn? –
und wollt ihr uns die Hochzeitsglocken läuten?

Hartmann Herr! Herr! Was sagt Ihr? Nicht die Glocken nur,
wir wollen an die erzenen Schilde schlagen,
und dieses alten Schlosses Fenster sollen,
wie Munde, Freude über die Täler schrein!

Erneutes mächtiges Jubelgeschrei der Ritter.

Heinrich flüchtig verfinstert
Still, kein Tumult! Nicht diese grelle Lust,
die nur betäubt, nicht weckt . . . die mehr ein Fest
entweiht, ja, seine Seele niederschlägt. Feigheit
horcht nach dem wilden Schall der schmetternden
Trompeten. Doch wir sind nicht feig: wir sind
Männer und Wissende allezeit. – Es ist
ein stolzes Ding, die Lust verstehn und Herr
der Freude sein! Des Abgrunds Tiefen ruhn
unter des Schiffes Kiel, auf dem wir gleiten,
und ist ein Taucher dort hinabgetaucht
und heil zurückgekehrt zur Oberfläche,
so ist sein Lachen, wenn er wieder lacht,
Lasten von Golde wert.

Ottegebe erwacht                 Was ist mit mir?

Benedikt Füge dich! Beuge dich!

Heinrich                                       Nein! statt dich zu beugen,
richte dich stolz auf! Hebe dich empor.

Ottegebe erhebt sich in zitternder Seligkeit
Wie du befiehlst, Herr!

Heinrich zu Benedikt           Tue nun dein Werk!

Pater Benedikt wechselt die Ringe. Dabei beginnen Glocken leise zu tönen.

Ottegebe Ach, du hast viel gelitten, armer Heinrich.

Heinrich Du mehr als ich! Doch davon still, Gemahl.
Es steht im heiligen Koran geschrieben:
daß nach dem Schweren auch das Leichte kommt!

Ottegebe Geschehe, was du willst.

Benedikt                                         Es ist geschehen!

Heinrich zieht Ottegebe an sich, und sie finden sich in einem langen Kuß.

Ottegebe Heinrich! – Nun sterb' ich doch den süßen Tod! –

Heinrich sich die zweite Krone aufsetzend
Und so ergreif ich wiederum Besitz
von meinem Grund. Gestorben! Auferstanden!
Die zween Schläge schlägt der Glockenschwengel
der Ewigkeit. Los bin ich von dem Bann!
Laßt meine Falken, meine Adler wieder steigen!

 


 

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