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Gutenberg > Gerhart Hauptmann >

Der arme Heinrich

Gerhart Hauptmann: Der arme Heinrich - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
authorGerhart Hauptmann
titleDer arme Heinrich
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
isbn3549051427
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dritter Akt

Felsige Wildnis, mächtige Nadelbäume und herbstlich gefärbte Laubbäume. Im Hintergrund, über einen Wiesenplan hin erreichbar, eine Höhle. Der Eingang ist durch ein roh gezimmertes Gestänge umrahmt. Unter dem Gestänge trockenes Laub, Kochgerätschaften, eine Axt, eine Armbrust usw. Herbstabend.

Heinrich, verwahrlost und verwildert, mit ungeschorenem Haupthaar und Bart, gräbt auf der Wiese mit Hacke und Spaten eine tiefe Grube. Seine linke Hand ist verbunden. Ottacker, gewappnet, wie er vom Pferd gestiegen ist, erscheint auf einem Felsvorsprung, sich sorgfältig in großem Abstand von Heinrich haltend.

Ottacker ruft herüber
He! du da! heda! holla! holla, du!

Heinrich horcht auf, knirscht in sich
He! du da! holla! he! – Laß mich in Frieden!

Ottacker Du! heda! Zeidelbär! was treibst du dort?

Heinrich wie vorher
Zur ewigen Seligkeit mir einen Stollen.

Ottacker Suchst du nach Wasser? Gräbst du einen Schatz?

Heinrich für sich
Ja – einen reicheren hab' ich nie gegraben.
    Laut
Komm her und sieh, wenn du Courage hast.

Ottacker nach unschlüssigem Zögern
Bist du nicht einer von den Gottesleuten?
He! du da! Eichelnfresser, ripple dich!

Heinrich springt nach der Armbrust, schlägt auf Ottacker an
Ich will mich rippeln, und du sollst dran denken!

Ottacker hält den gepanzerten Arm vor das Gesicht
Schorfkröte!

Heinrich             Lahmer Schneider!

Ottacker                                             Graue Laus!
Giftspinne du, verfluchte, willst du stechen?
Schieß, wenn du quitt mit deinem Leben bist!

Heinrich Mit Leben und Tod, Kerl, und so will ich schießen.

Ottacker Halt! noch ein Wort! halt noch, du haariger Wicht:
bist du erst tot, mag dich der Teufel fragen.
Haust wohl der arme Heinrich hier im Forst?

Heinrich Was für ein Wild?

Ottacker                             Ein Wild mit räudigem Felle!
sonst aber war's dem Aar und Leu verwandt.

Heinrich Wer bist du?

Ottacker                   Wer, tut nichts zur Sache, Freund!
Ein Reitersmann, in Sturm und Krieg bestanden.

Heinrich Und doch die feigste Memm' am Sonnenlicht.

Ottacker Was?

Heinrich           Das!

Ottacker                     Was sagst du? Bet ein Vaterunser.
    Er tut, als wollte er auf Heinrich losstürmen.

Heinrich Zwei Vaterunser! Warum kommst du nicht?

Ottacker Schlecht stünd' mir's an, dich armen Hund zu metzgen.
Lauf! – Sag mir nur, ob hier nicht irgendwo,
feldsiech, der einstige Graf von Aue nistet,
der jüngst aus seinem Meierhof entsprang.

Heinrich Entsprungener Graf? aus einem Meierhof?
Wie das? Hat die Tarantel dich gestochen?

Ottacker lacht wild und übertrieben heraus, wobei merkbar wird, daß er leicht angetrunken ist
Toll bin ich! Läg' ich sonst auf seiner Spur?

Heinrich Komm näher.

Ottacker                       Besser nicht!

Heinrich                                             Komm, habe Frieden:
ehrlich gesprochen, ohne Hinterlist.
Ein räudiger Graf – das mußt du mir berichten!

Ottacker setzt sich auf einen Felsstein
Gut. Friede, Eintracht. Hundert Schritt vom Leib!
Also gib acht: es liegt ein Meierhof
wohl sieben Stunden Wegs von hier im Moose,
fronpflichtig meinem miselsüchtigen Herrn,
dem ich, weiß Gott, in Ehren Treue halte.
Ja, glotze nicht! Ich fuhr mit ihm zum Streit
ins Mohrenland. Ich schlug an seiner Seite
Feuer aus manches Heiden Helm und stach
vom Pferde manchen Turban. Manchen Stahl
prellt' ich beiseite, daß er Luft zerschnitt
statt meines Herrleins Hals. So ist's! Zuletzt
befiel ihn dann die widerliche Seuche.
Warum? Er höhnte mir mein Amulett,
hielt nichts von Mitteln, lachte aller Sprüche!
Doch davon still. Ich blieb ihm treu, verkroch
mich mit ihm eben in den Bauernhof,
bis er entlief, floh, in die Berge rannte.

Heinrich Du suchst ihn, und was willst du nun von ihm?

Ottacker Jesus Maria Joseph! Dummkopf! Nichts.
Bewahr' mich Gott vor allen seinen Giften!
Er mag getrost behalten, was er hat.
Ich bring' ihm Botschaft.
    Er wirft ihm Geld zu
                                        Hier, gemünztes Gold!
Du sollst, wo du ihn triffst, ihm was berichten.
Gesindel hält zusammen, findet sich.

Heinrich Behalt den Bettel. Du getraust dich nicht.
Und zitterst, Waschweib, den du suchst, zu finden.
Ich soll nun für drei Batzen Boten gehn.

Ottacker nachdem er einen tiefen Zug aus einer Lederflasche getan
Was? fürchten? ich, Ottacker? Sieh doch an!
Vorgestern war's, als uns Herr Hartmann sagte –
ein Ritter ohne Furcht und Tadel, itzt
zu Aue der Statthalter unseres Herrn . . .
er sagte: »Wer von euch ist Manns genug,
den Bärn in seiner Höhle aufzusuchen?«
Da trat ich aus dem Ring und lachte: »Ich . . .
ich, ich! bin Manns genug und will es tun.«

Heinrich leise und mit finsterer Ironie
Getreuer Knappe, komm an meine Brust.

Ottacker da Heinrich einige Schritte auf ihn zu getan hat, springt auf und weicht zurück
Hölle und Teufel, wer bist du?

Heinrich                                         Fürchte dich nicht!
Ich bin es, bin dein räudiger Herr von Aue.

Ottacker starrt ihn an, erkennt ihn, kniet und ringt seine Hände, zugleich flehend und abweisend
Herr, Gnade! Geht mit mir nicht ins Gericht!
Ich war Euch treu seither zu allen Stunden,
nur nicht in jener, als ich von Euch ritt.
Wir halten Euer festes Schloß zu Aue!
Ich lag vor Eurem Zelt, Herr, manche Nacht
dereinst, Ihr wißt's, die Hand ans Schwert gefroren,
damit Ihr sicher schlieft, und wich doch nicht.
Vergebt dem reuigen Sünder seine Sünde!
Ihr seid im Bann, doch Ritter Hartmann sagt:
kein Priester kann die Hand der Gnade binden.
Krank seid Ihr, und da meint der Ritter dies:
wenn Gott es will, so werdet Ihr gesund.
Verschollen seid Ihr. – Euch erklärt für tot
die Welt und Euer Blutsverwandter, Konrad;
doch haben wir, zwölfhundert, uns gelobt,
uns und der allerseligsten Gottesmutter,
die Schanze Euch zu halten, weil Ihr lebt.

Heinrich mit gemachter Herzlichkeit
Vergeben und vergessen! Herrlich! Brav!
Nichts mehr davon! Vergeben und vergessen.
Treu warst du, und treu bist du. Komm! genug!
Du Wackrer! Ja, ich kenne deinen Mut!
Ich sah dich, wolfsgleich, deinen Feind zerfetzen;
du zittertest nicht! Komm hier an meinen Herd,
ich will mit Stahl und Stein das Reisig zünden
und diesmal dir, statt Herr, ein Diener sein.

Ottacker nach heftigem, ans Lächerliche streifendem Kampf
Teufel, ich kann nicht.

Heinrich als ob er nichts bemerke
                                    Was?

Ottacker                                       Herr, ich muß fort.

Heinrich wie vorher
Warum?

Ottacker       Der Ritter Hartmann . . .

Heinrich                                               Ist mein Diener!
und wenn ich dir befehle: bleibe hier . . .

Ottacker wieder nach heftigem Kampf
Bei Gott, ich kann nicht! Nehmt die Armbrust dort
und jagt mir einen Bolzen durch die Schläfe.

Heinrich Was, Bolzen? Schurke! Windelwäscher! Schuft!
Ein Hader, Riemen, Pferdekotzen ist
zu gut als eine Waffe gegen dich!
    Er streckt seine beiden Hände in die Luft.
Da: eins, zwei! packe dich! – drei, vier! hinweg!

Ottacker schon weichend
Herr, fangt Euch . . . sucht Euch . . . heilt Euch, wie die andern:
taucht Eure Händ' in eines Kindes Blut.
Vollbringt's mit Mannheit . . .

Heinrich                                       Fünf und sechs! Genug!
Held! Großmaul! nun gib acht, wie du kannst laufen!

Er rennt mit aufgehobenen Händen gegen Ottacker an, der in sinnloser Angst davonläuft. Heinrich, allein, bricht in ein wildes Gelächter aus; sein Lachen will einen mehr schmerzlichen, fast schluchzenden Charakter annehmen, da rafft er sich zusammen, schweigt und sagt dann

So. – Stille. – Gut. – Mein Reich. – Ich bin bewehrt
mit einem wackren Panzer. – Meine Welt
geht wieder auf um mich: – um mich allein. –
Ich bin nicht einsam. Nein! Die Einsamkeit
erschlägt mein Herz nicht! Kein Ersticken – nein! –
begraben im harten Eiskristall des Raums!
Ich bin nicht einsam. – Schweigen: rein. Kein Laut!
Kein Scherbenrasseln! Keine klappernde Schelle! –
Weltmeer: – frei! – Alle Höhn und Tiefen rein,
weit, stumm im Glanz! – Was fehlt mir? Nun ans Werk!
    Fährt fort, sein Grab zu graben.
Aus Moder wardst du, mußt zu Moder werden.
Oh, Schlaf des Lebens! tiefrer Schlaf des Tods:
Bettler und König! – Tiefster Schweiger: Tod!
in deinem braunen Kleid wimmelnder Schollen,
was weißt du? – Werden wir ins Leben nicht
blindlings mit furchtbarem Henkersgriff gestoßen,
nachdem uns Wollustraserei gezeugt
erbarmungslos?! Und lockt ins Netz der Lust
zu ahnungsloser Buhlschaft Nacht für Nacht
der Sünde Girren nicht unzählige Toren? –
Ist Leben Kerkerhaft? Sind wir in Fron?
Und bist du, Tod, der drohende Kerkermeister
und Schließer, der den Ausgang nur verstellt? –
Lallen! – Stumm sind wir alle: stumm geboren,
stumm auf dem Kriegspfad. Stumm vor Mensch und . . . oder
die Steine reden: –? Ja, die Steine schrein!! –
Brüder! – Ich bin nicht! – nichts in meinem Leid
allein! – Ein Schmerzenswallen und – ein Glück.

Pater Benedikt erscheint am Rande der Lichtung.

Benedikt unschlüssig herüberrufend
Gott grüß' Euch! Gott zum Gruße, armer Heinrich!

Heinrich horcht auf, für sich
Plappernde Schelle! Scherben! Menschenlaut!

Benedikt kommt langsam über die Lichtung und legt Heinrich, der ruhig weiter gräbt, von rückwärts die Hand auf die Schulter
Gut Freund!

Heinrich             Wer da?

Benedikt                           Was schaffst du hier?

Heinrich                                                               Mein Grab.
Was willst du hier?

Benedikt                       Das Gute tun. Hier ist
Wein, Mehl und Obst und frisches Weizenbrot.

Heinrich Geh! Hebe dich! Sonst, Mönchlein, nagl' ich dich
wie einen Uhu über meine Hütte.
Ins Kloster pack dich! Fahr ins Mauseloch,
wie eine braune Natter!

Benedikt                               Gnädiger Herr . . .

Heinrich Recht so! Ich sage dir, mach dich zu Luft,
daß ich dich nicht mehr sehe . . . oder du
mach mich zu Luft und sieh mich nicht. Ich bin
nicht dies, nicht das, nicht Herr, nicht Knecht für dich,
gesund nicht und nicht krank. Ich bin nicht nackt
und nicht zerlumpt für dich, beschoren nicht
noch unbeschoren, du Beschorener, dir;
verstehst du mich: bin nichts! Verstehst du? nichts!

Benedikt Was ein Verirrter auch mag von sich meinen,
er bleibt doch Gottes Kind.

Heinrich plötzlich aufspringend, legt den Spaten weg
                                          Was sagst du, ei!
Potz Küren, Mönchlein! Komm und setze dich,
sofern du Unrat liebst und Schorf und Schwären . . .
Wer itzt mich lachen macht, der ist mein Mann.
Sei mir willkommen! Gottes Kind? ei, wie?
wer sagt dir das? erklär es mir genau!
Ich bin ein Kind, und dies ist meine Wiege . . .
Ich will das setzen auf mein Pergament.

Benedikt Ihr seid, ich weiß es, werter, armer Mann,
in schwerer Trübsal, bittren Heimsuchungen . . .

Heinrich Nennst du mich arm? Wie, Mönchlein, wer ist arm?
Tritt hierher, an den Hagerosenbusch,
hier in die Nesseln, in die Schafgarb', hier –
und nun sperr auf dein Auge! Was du siehst,
so weit du siehst, du Bettler! das ist mein:
vom Hotzenwald bis zum Raumünzachtal,
vom Kaiserstuhle bis zum Schwäbischen Meere,
der Berge Forsten und der Täler Saaten!
Und sind sie leer und abgeerntet itzt,
so strotzt die Frucht, gehäuft, in meinen Scheuern.
Mein ist das Wild, das Gras, der Fisch im Bach,
am Baum die Nadel und das Blatt. Im Blatt
die Ripp' und Faser. Die Herbstfäden wob
an deine Kutte meine Dienerin Spinne.
Der Mücke Stachel, die mich sticht, ist mein,
erborgt aus meinen Kammern.

Benedikt                                         Wohl! Allein . . .

Heinrich Da liegt's! Dies ist der Punkt! Ich war es müd,
den Herrn zu machen: steif und abgetrennt
in seidene Wämser und in enge Schuh',
als Sklave meiner Diener, Schranzen, Freunde,
und nie den Topf zu sehn, aus dem ich aß.
Ich war es müd, auf einem Berg zu stehen
und mich zu neigen, wenn ich sprechen wollte,
und, blind, den nicht zu sehn, mit dem ich sprach.
Nach oben drängt der arme, hörige Knecht,
zur Freiheit, in die Welt: doch wenn ein Herr
der Freiheit will, der Welt teilhaftig werden,
so muß er tauchen tief in ihren Grund –
sieh, so wie ich.
    Er springt in das Grab.

Benedikt                   Erhebt Euch, Herr! Wo nicht,
so laßt mich mit Euch knien und laßt uns beide
zu dem die Herzen heben, der da war
und ist und ewig sein wird.

Heinrich springt aus dem Grabe
                                          Er erhebt!
Nicht du! nicht ich! Nach Laune tut er's, nicht
um Winselns willen, nicht nach deinem Kopf!
Tät' er's um anderes, rührten Hände ihn,
die, ringend, ihm gespaltene Nägel zeigen –
zerfressene Angesichter, lippenlos,
die ihn aus leeren Augenhöhlen suchen –
lallende Zungen, die vergeblich sich
bemühn, das Wort zu formen, das ihn nennt –:
Mönchlein, so wär' ein Eden diese Erde,
wir wären Götter, oder Gott der Herr
wäre nicht einmal nur aus Leid gestorben –
nein! – zehnmal! – hundertmal! – und läge tot
in dem vergessenen Sarge dieser Welt.
Verstehst du das?

Benedikt                       Gott lebt, Herr! Glaubet mir.
Und wo Ihr nur ihn wolltet wahrhaft suchen . . .

Heinrich Du kommst, um mir zu sagen, daß er lebt? –
Gut. Habe Dank und geh: – denn was du sagst,
sieh, hier im Stillen hab' ich es ergründet,
allein für mich. Ich weiß, weiß, daß er lebt!
Und wahrlich, er war bei mir, eh ein Mönch
kam und ihn hier vertrieb. Ja, ja, so ist's!
obgleich du deinen Kopf ungläubig schüttelst:
Gott war und ist bei mir. Doch dieser Gott
zerstört das Auge, das ihn sieht, zerreißt
das Herz, das ihn will lieben, und zerknickt
die Kindesarme, die sich nach ihm strecken,
und was der hört, wo er vorüberschritt,
manchmal, wer Ohren hat – ist Hohngelächter!
    Mit wildem Lachen
Gott lacht! Gott lacht!
    Verändert, gesammelt, barsch
                                  Was suchst du hier?

Benedikt                                                           Herr, dich!
Dein mildes Herz von ehmals! deinen Rat . . .
ein wenig Duldung . . .

Heinrich                             Nun, so mach es kurz:
denn bald ist's Zeit, daß ich mein Käuzlein äse
und Frau Kreuzspinne, die so fleißig spinnt.
Fang an denn.

Benedikt                 Ein Gesandter bin ich, Herr,
durch nichts beglaubigt als durch meine Kutte
und Pachter Gottfried . . .

Heinrich springt auf und schleudert einen Stein gegen das Gebüsch
                                          Pack dich fort! Was hast
du an des armen Heinrichs Hof zu suchen?
He! Jäger! Torwart! ho! die Hunde los!
Ich will dich lehren horchen!

Pachter Gottfried, ertappt, tritt aus den Büschen, hinter denen er sich versteckt hielt.

Gottfried                                         Bester Herr . . .
Ich bin's, der Pachter Gottfried.

Benedikt                                           Wahrlich, ja!
er ist's. Und nicht der Fürwitz treibt uns her,
sondern die Sorge und die bittre Not.

Heinrich hat ihn lange und starr angesehen, danach ruhig
Steh auf! Was gibt's mit ihm? Steh auf. Komm' – Wer
ist dir gestorben? Welcher scheele Stern
hat endlich dein bescheidenes Nest durchsengt
mit seinem giftigen Licht?

Gottfried stockend, fast weinend   Herr, meine Tochter . . .

Heinrich Der Rauch beizt mir die Augen – ist sie tot?

Gottfried Nein.

Benedikt         Gottfried, laßt! Ich will den Dolmetsch machen
und alles kurz berichten. War ich doch
des Kindes Beichtiger auch in dieser Zeit!
Wohl lebt sie. Ja, sie lebt. Sie lebt, allein,
seit Ihr den stillen Meierhof verlassen,
ein seltsamliches Leben – sonderbar
verwandelt – nicht wie sonst. Ein Leben ist's
wie außerhalb der Welt, in der wir atmen;
ein unbegreiflich Dasein, das von nichts
sich nährt, es sei denn von der inneren Flamme,
die ihren Körper aushöhlt.

Gottfried                                   Gnädiger Herr,
sie ißt nicht, weigert jede Speise, liegt
und starrt mit glasigem Blick den Himmel an,
nur immer auf dem einen fest verharrend . . .

Benedikt Gottfried zurückdrängend
Geduld! Ja, Herr, so ist's. Indes wir hier,
gedrängt durch ihren Starrsinn, vor Euch treten,
liegt sie auf ihrem Lager, das sie selbst
bis auf das Stroh von jedem Pfühl entblößt,
steif, wie das Holz der Bettstatt, regungslos
und ohne Speis und Trank, seit fünfzig Stunden.

Heinrich nimmt Platz und beginnt Mohrrüben zu schaben
Sprecht deutlich! Ist sie krank, so holt den Arzt.
Wär' ich ein Arzt, ich heilte mich wohl selber.
Was, Bruder Kahlkopf, kommt ihr denn zu mir?
Nehmt Zitwersamen, Wurmkraut; Kinderleiden,
so groß sie scheinen, sind in Wahrheit oft
sehr lächerlichen Ursprungs. Ist sie mehr
als nur ein Kind? Eilt, legt ihr das zur Seite,
was aus den kranken Jungfern Weiber macht,
die in Gesundheit strotzen.

Benedikt                                     Liebster Herr,
ich kenne sie, ich habe sie gepflegt . . .

Gottfried Ich aber, Pater, kenne sie noch besser . . .

Benedikt Sie kommt zu mir mit allem, was sie drückt.

Gottfried Und ist bei mir tagaus, tagein gewesen,
seit sie den ersten Atemzug getan.

Benedikt So sprecht denn Ihr!

Gottfried                                   Wahrlich, der Herr hat recht.
Die Jahre sind's. Sie machen ihr zu schaffen,
und alles wäre längst ins Gleis gebracht.
Und wäret Ihr nicht, Pater, und Brigitte . . .

Benedikt Gottfried, gedenket, was Ihr jüngst getan,
und wie ist der Versuch Euch ausgeschlagen?

Gottfried Gott sei's geklagt! das weiß ich wohl. Allein,
wär' mir das Kind als Bauernmagd gewöhnt,
sie wäre nicht zur Erde hingeschlagen,
als ich den Freiersmann ihr zugeführt. –
Herr, warum gingt Ihr von uns? – An dem Morgen,
wo sie wie sonst an Euer Bette trat,
den Krug voll frischer Milch, und Euch nicht fand,
begann das Übel ganzer Macht zu wüten.
Und wenn Ihr heut mit uns nicht wiederkehrt,
verschmachtet sie und stirbt.

Benedikt                                       Ihr könnt im Wald
des Winters nicht gewarten. Seht, selbst ich,
gewohnt an Unbill, besser doch verwahrt
in Klaus' und Gotteshaus, ich muß zuweilen
den warmen Herd von guten Menschen suchen,
sturmfeste Mauern und ein sichres Dach.

Heinrich Du Narr! Glatzköpfiger Kuppler! Und auch du,
Graukopf und Dummkopf! Geht! Was sucht ihr hier?
Wein von den Dornen? Feigen von den Disteln?
Wer bin ich? Was? Wo ist mein Überfluß,
daß Bettler kommen, ihn mit mir zu teilen?
Du suchst mich, Narr? Ich lache! Schlichst du nicht,
gedrückt von mörderischer Pein, umher,
als du mich haustest unter deinem Dache?
Und lebtest du in bangen Ängsten nicht
vor deinem Ingesinde? Wie? Verriet
dein Blick und deines Weibes Blick mir nicht
das Grausen und die Wünsche eurer Herzen?
Flehte es nicht, so sehr ihr's auch verbargt,
aus euch: geh, daß wir wieder atmen?

Gottfried Bei Gott, da irrt Ihr, Herr!

Heinrich                                           Kein Irrtum, nein!
Wohlfeiler Worte Lug, Geplärr genug,
die feige Schmach damit zu überlisten,
warf euer Mitleid mir in meinen Trog.
Gut schien die Kost mir eine kurze Weile,
doch ferner nicht. Da floh ich, stahl ich mich.
Ich nahm den Rest, ich raffte mir zusammen,
was mir von mir geblieben war, und lief
vor mir davon. Es lief ein Fürst! und der
ihm folgte in der fürchterlichen Hatz,
war der zertretne Knecht, der annoch lebt.
Er schrie nach mir! Er winselte! Er bot
mir junge Kindesleiber an zum Kauf . . .
ich rede klar. Begreift ihr, was ich sage?
Geht! packt euch! – denn ich rede klar! Ihr kommt . . .
kommt . . . kommt . . . wie sag' ich? wessen Helfershelfer? –
Was steht ihr? Hört – sie war bei mir, war hier
am dritten Tag. Sie fand mich, denn sie ist
spürsam wie eine Hündin. Ja, sie kam.
Ich sah sie, und, ihr Männer, bei dem Gott,
der mich nicht kennt und meiner Qual nicht achtet:
das war des Teufels schlimmstes Bubenstück. –
Die List mißlang ihm. – Denn ich lachte, pfiff,
als wäre sie ein Baum am Waldrand dorten;
trieb alles so, als sei ich nicht belauscht,
jedwede Notdurft ihr vor Augen, tobte
und hielt sie mit Steinwürfen mir vom Leib.

Benedikt Sie will Euch retten, Herr! das ist die Ursach',
um derentwillen sie Euch hier besuchte.
Und ein Gerücht drang zu ihr – Euer Knecht
Ottacker war's, der es zuerst ihr brachte! –,
daß Eure Sucht durch eine blutige Kur
zu heilen sei. – Ein Meister zu Salerne
vermißt sich, Euer Übel auszurotten,
wenn sich ein Mägdlein, eine Jungfrau sich
freiwillig, gläubig ihm ans Messer gibt.

Heinrich Wollt ihr das glauben?

Gottfried                                     Nein, Herr, nicht – ich nicht!
Doch starr und nicht um Haaresbreite weichend,
hält unser Kind an diesem Irrwahn fest.
Helft uns! helft uns, dem Satan sie entreißen.

Benedikt Ihr seid zu rasch! Wer will entscheiden, was
durch Gottes Macht, was durch des Teufels Listen
geschieht? – In ihrer Brust ist heiliger Streit.
Es drängt in ihr aus unserem engen Leben
zum Opfertod: durchs Tor ins ewige Licht
geheimnisvoll! Wer weiß, zu wessen Heil?

Gottfried Zu keines Menschen . . . zu niemandes Heil!
und auch ihr selber, Pater, zum Verderben.

Benedikt Nein: Gott verläßt die, so ihn suchen, nicht!
Und die erlösungsdurstige Sünderin,
und läge sie auch in des Teufels Krallen,
erreicht im Abgrund noch sein Vaterblick.
Vertrauet! Laßt Euch Kleinmut nicht bewältigen!
Gewiß ist, daß sie trotzt – gleichsam mit Gott
ringt, ihm die Märtrerkrone abzuzwingen.
Sonst aber –: gratia praeveniens!
Wer kann ihr, was Gesichte ihr bestät'gen,
rundweg ableugnen? Der Leviticus
sagt: Blut ist die Versühnung für das Leben.
Das gleiche ist's, was ihr im Innern spricht.

Heinrich Hm! so! und dies ist deine Meinung, so!?
Sie träumt. Sie hat Gesichte. Und sie meint,
Gott liebe Blutdunst. Lasse sich durch Blut
abmarkten von dem Zins der Wucherschuld,
die in uns schwärt. Ihr seid im Irrtum, geht! –
Sie ist im Irrtum, hört ihr?! – Außerdem:
aus Zeiten, wo ich noch in Büchern irrte
und meiner Seele stumme Weisheit nicht
besaß, wie jetzt, weiß ich, daß jene Kur
nichts ist als Narretei. Geht, sagt ihr das.
Ich weiß es! Seht, ich bin ganz ruhig, und
im Abgrundhauch des Unsinns ward ich kühl
und kalt – seltsam genug! – mit einem Schlag,
und was ich itzund rede, ist gesund
und kalt, als hätt' es dort im Bach gelegen
und stammte nicht aus dieser heißen Brust –:
ich bin ganz sündlos. Sagt ihr, daß ich frei
von Sünde, makellos und lauter bin
und daß die Pestilenz in meinem Blut
das Kleid der Seele mir noch nicht befleckte
bis diesen Augenblick. Sagt ihr, man kann
ein reines Linnen nicht mit Blute waschen,
und wer es dennoch tun will, sagt ihr, dient
der alten Schlange: Irrtum! und nicht Gott.

Benedikt wehrt ab, schüttelt verneinend den Kopf
Herr, ihr das sagen heißt zu dem sie stacheln,
wonach sie ringt mit leidbegieriger Lust,
denn ihr, wie mir, wird nach der Wahrheit scheinen,
daß Ihr mit solchen Worten Eure Schuld
nur mehrt, weil doch Zerknirschung nur den Weg
und Demut Euch kann zur Versühnung leiten.

Heinrich Mißtrauet eurer Demut! denn ihr seid
noch viel zu hochgemut! Die Hoffart reitet
auf deinem Nacken wie ein freches Weib,
wenn du dich beugst und dich im Staube windest
vor Gott. Was bist du, daß er dein gedenkt!?
und deiner lächerlichen Schuld, mein Freund!?
und deiner lächerlichen Reue!? Meinest du,
du habest etwas ohne ihn vollbracht!?
Sieh hier, auf diesem Felsen steh' ich oft
und lästere, und das Echo lästert wieder
mit Fluch und Hohn: wir beide überschreien
der Vögel Stimmen und der Blätter Rauschen,
das Tosen des Wassers oft – und doch und doch:
wie tief noch sind wir unter das gestellt,
was Sünde heißen könnte wider Gott!

Gottfried Herr, redet selber . . . Redet Ihr mit ihr!
Ein Laut von Euch kann sie wie Brot erquicken,
wie Wasser den Verdurstenden erquickt.
Ich weiß nicht, wer Euch solchen Zaubers Kräfte
verlieh, wer dieses Herz so an Euch band . . .
Genug: sie küßt die Stapfen Eurer Füße
im Feldweg, den Ihr etwa einsam gingt.
In Eurer Kammer schläft sie, Euer Name
allein löst ihrer starren Glieder Krampf.
Und wenn Ihr des verfluchten Meisters Kur
verflucht, wie ich, so kommt: schenkt ihr das Leben!
Erklärt ihr, daß der Arzt ein Lügner ist,
daß keine Wissenschaft in aller Welt
und . . .

Heinrich heftig fortfahrend
              . . . keine Macht der Welt mich rein kann waschen!
und daß der sarazenische Arzt, ein Wicht,
ein Heide, nur nach meinem Golde langt,
sonst nichts . . . daß alles Lug ist! . . . Daß ich krank,
doch noch kein feiger Dummkopf sei geworden,
der jedem Dummkopf in die Schlinge rennt
und eines Kindes blutigen Irrwahn sich
zunutze macht. Ja! ja! ich weiß! ich weiß!
dies und noch mehr. Ich habe dies gesagt
und noch viel mehr. Ja! starrt mich an, so ist's:
denn sie war bei mir, hier, zum anderen Mal.
Ja! und ich sah sie. Und ich wußte nicht,
wie ich die Hölle sollte von mir halten –
so tat ich wild, warf Steine, spie nach ihr
und reckte meine krustigen Hände aus,
drohend – mit Grausen, insgeheim entsetzt,
daß ich nicht lange möchte an mich halten
und sie berühren, sie ergreifen, sie
besudeln: ihre Schultern! ihren Hals,
daran das Pülslein schlug . . . Geht, sag' ich, geht!
Es ist vorbei! ist aus! – Seht, als sie rief . . .
mit einer Stimme, die mich winseln machte:
»Ich will dich retten, armer Heinrich!« – da
schrie ich: »Aussätzig bin ich! bleib mir fern!«,
fiel aber, stolperte und lag gestreckt –
wie lange, weiß ich nicht. – Und als ich dann
erwachte, war sie da, ganz nah, so! Hier
hat sie gesessen, hier gestanden, dort –
und mir erzählt: – es sei ein Arzt . . . ein Arzt.
Es sei . . . Herr Jesus! . . . und das Opfer sei
im Himmel wohlgefällig . . . dies und das! . . .
und ihres Bleibens sei nicht in der Welt.
Sie wolle sterben, und ich möge nicht . . .
ich möge nicht den Himmel ihr verschließen
und mit ihr flugs auf gen Salerne ziehn. –
Und als sie ihre Seele ausgeschüttet
und den verruchten Unsinn jener Kur,
einfältigen Sinnes, lang und breit erklärt –:
da wußt' ich nichts zu tun. Ich sprang empor –
dort: über die Wurzeln, übern Bach – und lief
und floh, bis mir der Atem stockte und
ich meilenfern von ihr zusammensank. –
Und das war gut! Bedenkt, ihr Herren, und
erwägt, was ich getan, da ich davonlief!
Bin ich nicht von dem ärgsten Fluch versehrt,
gefeit vor jedem schwächeren? Ausgestoßen
von eurer Welt, auch von der Satzung frei,
die alles in ihr, selbst den Fürsten, bindet:
mehr als ein Fürst!? – Bedenkt: sie kam zu mir,
ganz einsam . . . und in meinem Innern schlägt
ein ausgestoßenes Herz: – verfluchter Engel,
der ritterlich der Blöße Gottes schont!
Was wollt ihr mehr? Gut! Packt euch! Denn ich bin
zu Ende. Meine Litanei ist aus.
Mich hungert, und ich muß den Leichnam füttern,
den meine feige Seele schleppen muß:
Gott weiß, wozu?! Gott weiß, wohin?! Genug!

Benedikt erschüttert und nach langem Stillschweigen
Lebt wohl, Herr! Sucht ein Obdach! –
    Leise und mitleidig
                                                            Herr, es wird
ein harter Winter! – Sucht ein Obdach! –
    Zu Gottfried
                                                                  Kommt,
kommt, Gottfried.

Gottfried                     Sucht ein Obdach!

Beide ab.

Heinrich allein                                             Sie sind fort. –

Verwirrung! – Aufgeregte Ringe! – Nichts. –
Ein Kind! – Welt, Helden: alles dorrt zusammen,
und auf der Schädelwüste steht ein Kind. –
Es winkt! – Wo winkst du hin . . . auf deiner Halde
von beinernem Gerölle? – Nichts! – Ich will
aufrecht dem Streiche stehn! – Mein Spaten. – Traum! –
Dort lag einst etwas!! – Auch gen Mittag, dort . . .
Ich weiß nicht! – Welt? Was? – winkst du mir? – Gott? Was?
    Er fängt an zu graben.
Ich weiß nicht. – Sucht ein Obdach! Sucht ein Obdach!

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