Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gerhart Hauptmann >

Der arme Heinrich

Gerhart Hauptmann: Der arme Heinrich - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
authorGerhart Hauptmann
titleDer arme Heinrich
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
isbn3549051427
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151227
modified20171009
projectidf3b4e4a1
Schließen

Navigation:

Zweiter Akt

Der Küchenraum im Hause des Meiers Gottfried. Großer, eingerußter Herd mit Rauchfang in der Mitte. Blanke Küchengerätschaften aus Metall und Ton an den Wänden, auch mehrere Rüstungsstücke und Schwerter. Ein Herrgottswinkel mit Kruzifix usw. – Langer roher Leutetisch mit Bänken. Rechts unweit des Herdes ein alter Lederstuhl, davor ein Hirschfell. Über dem Herd und an der Linkswand Hirschgeweihe, ein Auerochsengehörn, auch Armbrüste. – Winterszeit.

Brigitte, die Ärmel aufgestreift, füllt dem Pater Benedikt das dargebotene Säckchen mit Brot, Käse usw. Der Pater Benedikt ist noch nicht fünfzig Jahre alt; sein energisches, verwittertes Gesicht ist ehrwürdig, von schlohweißem Haar umrahmt; er trägt eine arg zerschlissene Kutte.

Benedikt Ich weiß nicht! Fragt mich nicht. Sein Vater war
ein echter Templer. Als mein Vater starb,
reich und geehrt, obgleich ein Bauer nur,
mahnt' er zuletzt noch mich: sei treu dem Herrn.
Nicht nur dem Herrn im Himmel, wollt' er sagen,
sondern dem lieben irdischen, der ihm
die Habe mehren half durch manches Jahr,
Wein mit ihm trank und hinter seinem Sarge
hernach barhäuptig als ein Pilgrim schritt.

Brigitte Sagt mir nur eins: ob er im Bann ist.

Benedikt                                                       Nein,
nichts, nichts will ich Euch sagen, denn auch Ihr
habt Ursach' . . . Grund und Ursach' habt auch Ihr
zur Dankbarkeit. Ihr wißt nichts! Seht, wir leben
nicht in der Welt hier oben. – Niemand fragt
nach uns: so laßt uns taub in Treuen sein.

Brigitte Wann soll ich Euch das Kind wohl wieder schicken?

Benedikt In Gottes Namen! und sooft Ihr wollt.
Kommt sie, wird meine dumpfe Klause helle,
mein enges Waldkapellchen weit und groß,
der Heiland atmet, und Maria lacht,
und ich, von meiner Sünden Überlast
sonst fast erdrückt, kann mich vom Boden heben
und Gott, entsühnt, ins gütige Antlitz sehn.

Brigitte kopfschüttelnd
Ach, Pater, wahrlich: gerne hör' ich das!
Allein, ich weiß nicht . . . kann mir nicht erklären,
was Ihr da sagt. Verwandelt ist das Kind:
ein seltsam fremder Geist hält sie gefangen
auch hier, daheim bei uns, in letzter Zeit –
doch nicht der fromme Geist, von dem Ihr redet.

Benedikt Dies mag wohl sein. Hat erst des Rufers Stimme
aus unsrem Sündenschlaf uns aufgeweckt,
bleibt auch der Fürst der Finsternis nicht müßig,
glaubt mir: und so bedrängt er auch das Kind.
Doch sie ist wach, nicht mehr vom Schlaf befangen!
Darum gebt ihr den Lauf zum Heiligtume,
den Weg zu Schutz und Gnade, hört Ihr, frei,
und kreuzt ihn nicht. Es ist mit einemmal,
als zögen dieses ungebärdige Kind
zahllose unsichtbare Engelshände
zum Altar: und wenn sie dann so verzückt
ruht, im Geheimnis ihrer tiefsten Seele
eins mit dem Höchsten, wie ich fühle, dann
erkenn' ich, daß sich hier ein Wunder wirkt
von jenen, die ins wahre Leben leiten.

Brigitte Walt's Gott! Walt's Gott! Amen. So soll es sein.
Wär' sie nur auch bei uns hier mehr die Heilige!
Hier ist sie unhold oft und arg verstört
im Geist, daß ich mit Bangen manchmal denke,
ob Gott mich strafen will in diesem Kind? –
Ach, Pater! Reue kann ich nimmer finden . . .
kann, weil ich sie so liebe, nichts bereuen:
Verstockung ist Sünde. Mag mich Gott bestrafen:
mich, mich mag er bestrafen! Nicht das Kind.

Benedikt ein wenig aus der Fassung
Wohl! Wir sind Sünder! Sündhaft sind wir und
verderbt von Mutterleib. Allein, Gott führt –
wenn er nur will – zu seiner Ehre alles
herrlich hinaus, und sei es noch so sehr
in Schwachheit gezeuget und in Sünden empfangen:
und dieses Kindes reiner Sinn und Mund
soll vor dem Throne des barmherzigen Gottes
uns kein Ankläger, nur ein Mittler sein.

Beide ab. Ottegebe tritt ein, blaß und still. Tannenreiser, die sie mitgebracht, legt sie auf den Tisch; einige kleinere Zweige trennt sie davon ab, begibt sich ans Kruzifix, küßt die Füße des Holzbildes und schmückt es mit Nadelgrün. Nun tritt Brigitte wieder ein, gewahrt und betrachtet Ottegebe, horcht, als draußen vorübergehend ein Lärm entsteht, und sagt:

Brigitte Was kreischen unsere Mägde auf der Tenne?

Ottegebe nachdenklich, leise, mit innerer Bewegung
Ein armer Siecher bettelt auf dem Hof.

Brigitte Wer bettelt? – Rede deutlich! Hörst du nicht!?

Ottegebe Ja, Mutter. – Einer von den Gottesleuten.

Man hört den knöchernen Ton einer Klapper.

Brigitte Ist das nicht seine Klapper, was man hört?
Jagt ihn! Daß nicht Herr Heinrich ihm begegne.

Ottegebe Warum denn, Mutter?

Brigitte                                       Was? Was meinst du?

Ottegebe                                                                       Nichts.
Weshalb soll unser Herr ihm nicht begegnen?

Brigitte Deshalb und darum. Schweig und frage nicht.

Ottegebe Herr Heinrich, Mutter, schreibt in seiner Kammer.
    Stille.
Der Pater meint: wo nicht die Menschen sich
auflehnten gegen Gott, nicht seine Gnade
und Liebe von sich stießen – wenn sie nicht
durch Ungehorsam und durch Lästerung
des Allerbarmers Güte bitterlich
verhöhnten, wäre auch dies Übel nicht
über die Welt verhängt.

Brigitte schafft wacker mit Schüsseln und Töpfen, richtet dabei prüfende Blicke verstohlen auf Ottegebe
                                      Die Zeiten sind
schlimm. Treu und Glauben sind verschwunden. Ja,
da hat er recht.

Ottegebe                 Die ganze Christenheit,
sagt er, sei von des Teufels Gift zerfressen,
Mutter: das wolle Gott im Bilde uns
weisen. Und jedes Miselsüchtigen Leib,
Mutter, sagt er, ist solch ein Spiegelbild.

Brigitte Mag sein.

Ottegebe               Und manchmal weint der Pater, geißelt
den Rücken sich und spricht: ihm sei zumute,
als habe Gott von der verstockten Welt
sich zornig und auf immer abgewandt.

Brigitte bekreuzt sich
Gelobt sei Jesus Christus unser Heiland.

Stille.

Ottegebe unruhiger
Der Pater sagt: der Jüngste Tag sei nahe –
die Stunde des Gerichts sei vor der Tür.
Ist dir nicht bange, Mutter?

Brigitte                                       Furcht und Bangen
ist hier auf Erden unser aller Teil.

Ottegebe Die Brunnen des Abgrunds speien Glut und Rauch,
erstickende Dünste, Krieg und Pestilenz,
sagt Pater Benedikt. – Würgengel schreiten
durch aller Menschen Städte. Es entgeht
kein Sünder, sagt er, ihrem Racheschwert.

Brigitte Kommt die Vergeltung, kommt sie früh genug:
was hilft's, sich heute schon deshalb beängstigen! –

Stille.

Ottegebe Der Schwarze Tod verschont auch Fürsten nicht.

Brigitte Nein.

Ottegebe       Keines Schlosses Turm und Mauer schützt
vor Aussatz.

Brigitte               Nein.

Ottegebe                     Es war einmal ein Graf,
Mutter! – Der tanzte mit des Kaisers Tochter
im Saal. – Sie war schon heimlich seine Braut! –
Da rief des Kaisers Leibarzt ihn ganz leise
bei Namen und hieß den Jüngling mit ihm gehn:
selbander stiegen sie in ein Gezimmer. –
Dort sprach der Arzt . . . sprach: Zeig mir deine Hand!
Und als der Herr und Fürst die Hand ihm zeigte,
wies ihm der Meister ein vertieftes Mal
in seiner weißen Haut und sagte – das:
Herr, deine schwerste Stunde ist gekommen,
sei standhaft! Du bist unrein.

Brigitte                                         Was für Märchen
erzählst du? Träumst du?

Ottegebe                                 – Nein! – Schalmeien und Flöten
hört' er da nicht mehr . . .

Brigitte heftig                           Kind, Kind, fasele nicht!
    Ein langes Küchenmesser schiebt Brigitte unversehens vom Tisch, auf dem sie hantiert. Ottegebe erschrickt so sehr, daß sie zusammenfährt, unterdrückt aufschreit und zittert.
Was ist? Was hast du?

Ottegebe                             Nichts . . . nichts, Mutter.

Brigitte                                                                         Gib!
Heb auf das Messer.
    Ottegebe beugt sich, tut, frostgeschüttelt und zähneklappernd, wie ihr geheißen worden ist, und legt, tief aufseufzend, das Messer wieder auf den Tisch.
                                  Bist du unpaß, Kind?

Ottegebe schüttelt wie abwesend den Kopf
Mutter, glaubst du . . .? Hat Isaak gewußt,
damals, als ihn sein Vater schlachten wollte,
was Abraham mit ihm im Sinne trug?

Brigitte Nein. Doch was soll dies alles? Warum wühlt
dein Geist in solchen gräßlichen Geschichten?
Danke dem Schöpfer, daß er heute nicht,
wie ehmals, blutige Opfer von uns fordert.

Ottegebe Jesus!? – Gab Gott nicht selber seinen Sohn,
zur Sühne, an das Kreuz für unsere Sünden
und ließ ihn seinen Weg nach Golgatha
sehenden Auges tun? – Mutter: wem Gott
die Kraft gibt, bis ans Ende auszudulden
die bitteren Schmerzen für des Nächsten Heil,
der, sagt der Pater, ist vor Tausenden
erwählet und beglückt. Und Kraft des Bluts,
unschuldig und freiwillig hingegeben,
ist wie ein lauterer Brunn des ewigen Heils
und schon auf Erden hier so wunderkräftig,
daß selbst aussätzige Haut, damit besprengt,
rein wird und fleckenlos.

Brigitte                                   Kann sein, mag sein!

Ottegebe Mutter, weißt du, was unsere Knechte sagen?

Brigitte Nein.

Ottegebe         Wenn es redlich ginge in der Welt,
so müßt' er längst mit Stang' und Klapper betteln . . .

Brigitte Wer?

Ottegebe         . . . wie im Hof der Sieche – und im Feld
der Ausgestoßenen seine Hütte baun.

Brigitte Der Aberwitz treibt wunderliche Blüten!
Kind, geh und sorge für das Vesperbrot. –
Der Herr ist krank, doch einzig im Gemüt.
Und läg' auf ihm' der grausenvolle Schnee
der Miselsucht, wer könnte dann ihn retten?
Kein Arzt, kein Priester und kein Opferblut.

Ottegebe fast weinend vor Erregung
Doch, Mutter! Und in Welschland, in Salerne,
lebt so ein Meister, der mit Blute heilt . . .

Brigitte Wer sagt das?

Ottegebe                     Ottacker! Das schwur er mir,
und Bruder Benedikt hat mir's bestätigt.

Brigitte Gut. Also mag es sein. Und nun genug
und weiter nichts . . . nein, gar nichts will ich hören!
und du wirst schweigsam an die Arbeit gehn.
Niemand ist krank, kein Opfer tut uns not.
Was auch der tolle, ausgelaufene Knecht,
leichtgläubiger Kindskopf, dir sonst aufgebunden:
bald wird der Herr gesund von hinnen ziehn.

Ottegebe plötzlich in verzweifeltes Weinen ausbrechend
Ach, Mutter! Mutter! Wenn er uns verläßt . . .

Brigitte Herr Heinrich? – Geb' es Gott! – Was weinst du da?
Meinst du, in unserer Bretterhütte sei . . .
in unserm Entenpfuhl und Küchengarten
für einen königlichen Mann gleich ihm
der rechte Tummelplatz?

Ottegebe schluchzend             Ich will . . . ich will,
ich will ins Kloster gehn! Denkst du, ich könnte,
wenn's etwa euch gefiele, einem Bauern
mich zu verloben . . .

Brigitte                             I, kommt Zeit, kommt Rat!
Was Gott will, wird geschehn, und solche Hoffart
schlägt er wohl auch noch mit den Jahren nieder.
Ich aber sage dir: wenn je dereinst
ein Bursch kommt, dich vom Vater zu begehren,
ein braver Sohn aus schlichtem Bauernblut,
so sollst du Gott dafür im Staube danken.

Der Meier Gottfried führt Hartmann von der Aue herein. Dieser ist ein schlichter Edelmann, einige Jahre älter als Heinrich, mit schon ergrautem Bart. Er trägt einen leichten Harnisch, Helm, Schwert, Sporen und einen langen Pelzmantel überm Arm.

Gottfried Herr Ritter, tretet ein! Wärmt Euch, Herr Ritter!
Hier brennt ein lustig Feuer, das sich lohnt,
und Wärme tut Euch not. Zu Brigitte
                                        Wo ist der Herr?
Mutter, dies ist Herr Hartmann von der Aue,
Herrn Heinrichs Dienstmann und getreuer Freund.
Ein wackrer Ritt hierher vom Schloß zu Aue
bei solcher Jahreszeit! Setzt Euch.

Hartmann                                               Habt Dank!
Die Luft geht scharf und kam aus Mitternacht
mir leider Gotts entgegen, doch meine Falbe
hat wacker sich gehalten durch die Berge,
und stunden wir auch manchmal im Gewölk
und fanden, dicht umhüllt von Schneees Wirbeln,
Wegzeichen nicht noch Spur, wir drangen durch
und schrittweis stetig vorwärts. – Auf dem Klepper
sinnierend hängen in der Winterstille
und langsam aufwärts dringen ins Gebirg'
durch Wettertannicht, hoch verschneit und dick
beschwert und überglast die Äste, wo
es je zuweilen spröde klirrt und klingelt
und sonst kein Laut sich rührt, ist meine Lust.
    Freundlich gegen Ottegebe
Und sind die kleinen Vöglein auch verstummt:
es zwitschert unterm Rosseshuf der Schnee
bei jedem Tritt, so daß ich lausch' und spitze
und horch' und mich versinn' und fast verliere,
wie Petrus Forschegrund, als ihm das Vöglein
des Paradieses sang und tausend Jahre
gleich einer flüchtigen Stunde ihm verrannen.

Brigitte Nehmt Platz, Herr Ritter!

Hartmann                                     Diese junge Magd
ist Eure Tochter?

Brigitte                       Unsere einzige, Herr.

Hartmann Und – hab' ich recht? – Herrn Heinrichs klein Gemahl.

Brigitte In alten Zeiten, wo sie noch viel mehr
ein Kind als heute war, Herr Ritter, und
der gnädige Herr ein Knabe, aufgelegt
zu Scherz und Kurzweil, hat er wohl zuweilen
sie lustigerweise so genannt.

Gottfried                                       Ei, Mutter,
er tut es immer noch. Und gestern erst,
hier am Kamin, als Ottegebe ihm
den Schemel unter seine Füße schob,
hört' ich ihn sprechen: »Dank dir, Ottegebe,
mein klein Gemahl.« Hab' ich nicht recht?

Ottegebe                                                           Ja, Vater.

Hartmann Gewißlich habt Ihr recht! Und du, mein Kind,
laß diesen Ehrennamen dir nicht rauben:
er kommt dir zu. Nicht übermütigerweise,
wie Ihr es, gute Frau, zu glauben scheint,
nennt unser Herr das Mägdlein sein Gemahl,
vielmehr höchst ernsthaft, hier, in diesen Briefen,
wo er voll hohen Lobes für sie ist
und ihre wackre Pflege treulich rühmt.

Ottegebe hält die Hand der Mutter und drückt sie in übergroßer Verlegenheit und Bestürzung so stark, daß Brigitte fast aufschreit.

Brigitte Kind!!! was denn!!? seh' doch einer an! – Sie drückt
die Hand mir lahm.

Ottegebe lacht, hebt den Arm vor die Augen und läuft davon, ab.

Gottfried                       Nun ja, das muß ich sagen,
sie hat ein schlichtes Lob sich wohl verdient.
Springende Launen waren sonst ihr Teil . . .

Brigitte Gieß Wasser in den Wein, ich bitt' dich, Gottfried!
Du weißt, wie jach es ihr zu Kopfe steigt.

Brigitte ab.

Hartmann Vor allen Dingen sagt: wie geht es ihm?

Gottfried betrachtet Hartmann, seufzt und sagt
Wie es ihm geht? Ja, Herr, da fragt Ihr viel!
und schwerer, als Ihr meint, ist Antwort geben.
Im Grunde weiß ich nicht: – er scheint mitunter
so frisch, wie irgendje in guten Tagen,
dann wieder kommt mir's vor, als sei er krank,
viel kränker, als wir meinen. – Manchmal denk' ich,
's ist ein geheimer Gram, der an ihm frißt,
wo Ihr vielleicht die Auskunft geben könntet.
Auf einmal wieder, wenn sein Blick mich etwa
mit kranker Glut von ungefähr getroffen,
so schnürt sich mir Kehle und Brust zusammen,
und eine Stimme hier inwendig will
mich glauben machen, daß Gott diesen Mann
mit seinen schlimmsten Strafen heimgesucht.

Hartmann Ihr wißt, daß unser Herr mich herberief?

Gottfried Nein, Herr!

Hartmann                   Nun, unser Herr berief mich her.
Und hat er sonst Euch nichts eröffnet, Gottfried?

Gottfried Nein! Nichts, Herr Hartmann. Seht, Ihr müßt bedenken:
einsiedlerischer als ein Mönch im Kloster
von strengster Observanz lebt unser Herr.
Zwei Worte, wenn sie ihm die Mahlzeit bringt,
zu Ottegebe sind das einzige oft,
was er des Tages spricht. Er liest in Büchern,
wacht viel des Nachts und schläft dafür am Tage.
Und treff' ich ihn auf seinen Streifereien
von ungefähr, am Feldrain oder sonst,
und zieh' den Hut, so dankt er nur von ferne
auf meinen Gruß und weicht geflissentlich
mir aus. So ging es während ganzer Wochen,
daß weder ich ihn sprach noch auch Brigitte,
nur einzig Ottegebe: und auch sie
scheucht oft ein barsches Wort von ihm zurück.

Hartmann Es scheint nun, im Vertrauen sag' ich's Euch . . .
ich wenigstens entnehm' es seinen Briefen:
die Tage sind gezählt, die unser Herr
noch unter Eurem Dach verweilen wird.

Gottfried Ich merkt' es wohl, daß was im Werke stund,
wir alle fühlten's. Und noch gestern abend
– hier auf dem Lehnstuhl saß der liebe Herr –
sprach er so seltsam plötzlich und so trüb,
nach langem Fremdsein wieder so vertraulich,
daß uns die Tränen nahe waren, just,
als wär's ein Abschied. Und so soll sich's wirklich
erfüllen, was wir dunkel vorgeahnt.
In welchem seiner Schlösser wird er wohnen?

Hartmann Wohin er sich will wenden, weiß ich nicht.
Doch daß er rückkehrt in die Welt zuvörderst,
sich seinem Lehne zeigt im Schloß zu Aue,
tut not – denn ein Verschollner ist er fast.
Man fragt, man munkelt, und sein Vetter Konrad
führt laute Reden, reckt den Kopf gewaltig,
klirrt mit den Sporen unterm Tor zu Aue
und tut, als stünde Heinrichs Name längst
im Kreuzgang, neben Grave Wilhelms Gruft.

Gottfried Herr, wir verlieren viel, wenn er nun geht –
und glaubt es mir, er geht. Seht, unser Dasein . . .
ein ewiges Einerlei im engsten Kreis;
getrennt von aller Welt, in dieses Waldtal
hineingezwängt, das durch Herrn Heinrichs Güte
uns niemand streitig macht, leben wir immer
den gleichen Tag, hören die gleichen Stimmen,
und wenn die Seele, eingesperrt im Grünen,
nach einem Menschen ruft, so schallt als Antwort
das Echo aus den Nadelwäldern wieder.
Seltsam und dennoch wahr ist, was ich sage:
der kranke Mann und oft so trübe Gast
erfüllt mir das Gemach mit Festesglanz,
solang er bei uns weilt. Und nun von fern
winkt gähnend das Gespenst des Alltags wieder
im spinnwebgrauen, schleppenden Gewand.
Mit allen Sorgen, Mühn und Kümmernissen
war's eine hohe Zeit für unser Tal,
die nun zu Ende geht.

Hartmann                           Wem sagt Ihr das?
Mir? Seinem Freunde, seinem Zeltgenossen?
der übers Meer ihm folgte und durch Jahre
von seiner Seite nicht gewichen ist?
Ihr habt ihn nie gesehn in seinem Glanz,
bestrahlt von Friedrichs kaiserlicher Gunst,
den süßen, stolzen Mann! Als sich die Frauen
in seines blauen Auges lachenden Blitz,
fast toll vor Liebe, drängten, Herzoginnen
um seine Pfänder – Handschuh, Borte, Tuch –
sich so erzürnten, daß drei Liebeshöfe
sie wiederum zu einen nicht vermochten. –
Er glich dem Stern ob Friedrichs Haupte, klar
und göttlich es umlichtend, und wir alle
genossen von dem Glanze seiner Gaben.
Fast drehte sich im kaiserlichen Lager
um Heinrich, Heinrichs Worte, Heinrichs Liede,
um Heinrichs Jäger, Arzt, Roß, Hund und Federspiel
mehr das Gespräch als um die Majestät
des Kaisers selbst, die nie zur Tafel ging,
Heinrich von Aue schritt ihr denn zur Seite.

Gottfried schon vorher unruhig
Ich hör' ihn kommen.

Heinrich ist schnell und überraschend eingetreten. Er ist vernachlässigt, verstört, blaß.

Hartmann der sich gesetzt hatte, springt erschrocken und von Heinrichs Aussehen betroffen auf die Füße
                                  Liebster, gnädiger Herr!

Heinrich macht eine unwillkürlich abweisende Geste und verzieht das Gesicht, wie wenn ihm das laute Wesen Hartmanns physischen Schmerz verursacht hätte; dann sagt er mit erzwungener Kälte leichthin
Bist du schon hier?

Hartmann                     Ja, Herr!

Heinrich                                       Das wußt' ich nicht.

Hartmann seine Erschütterung schlecht verhehlend
Mein gnädiger, lieber Herr, wie geht es Euch?

Heinrich kurz
Ich dank' dir! – Gottfried, wo ist Ottegebe?

Gottfried Ich will sie suchen gehn.

Heinrich                                         Ja, tue das.
    Gottfried ab.
    Heinrich nimmt auf dem Lehnstuhl Platz, wendet den Blick halb zurück, streift den mit seiner Bewegung ringenden Hartmann und sagt mit einer belegten, von langem Schweigen gleichsam verrosteten Stimme, erzwungen ruhig
Was stehst du, Freund? Nimm Platz! – Wie lebst du, Hartmann? –
Was hast du, Freund?

Hartmann                           Ach, liebster, gnädiger Herr . . .

Heinrich mit einer hohlen, tiefen, leisen und bebenden Stimme, die in gewaltsam beherrschter Erregung zuweilen aussetzt
Ja – liebster, gnädiger Herr? – was soll mir das?!
Meinst du, ich habe dazu dich berufen,
daß du die Hände ineinander ringest
und liebster, gnädiger Herr mich nennest? Wie? –
Komm, wenn du eine Stunde übrig hast
für mich, da! rück den Schemel dir ans Feuer,
daß wir wie Männer miteinander reden!
    Hartmann rückt den Schemel heran und läßt sich, bevor er niedersitzt, auf ein Knie herab, um Heinrichs Hand zu küssen. – Heinrich, die Hand heftig zurückziehend
Laß! Dies sind Narrenspossen. – Setze dich.
    Hartmann steht auf, wendet sich halb ab, sich verstohlen die Augen tupfend.
So bist du doch gekommen, guter Freund,
da mich doch andere schon seit Monden flohen.
Bist du nicht bange? Fürchtest du dich nicht?
    Übergleitet Hartmann mit einem schnellen Blick.
Was hast du wohl gedacht, als ich dir schrieb,
mein wackrer Hartmann? Wähntest du vielleicht,
du solltest neue Lied' von mir empfangen
und etwa meiner Sehnsucht Bote sein
zu einer reinen Frauen? – Nein, mein Freund!
Fürwahr, ich litt von Minne oftmals Not!
Nun aber nicht mehr. Diese Not ertrank
in einer andern, ja, was irgend mich
vordem bedrängt an Nöten, was an Schmerzen
mich feindlich heimgesucht, ertrank in ihr,
daß ich an das ertrunkene Weh muß denken
wie an verlorenen Reichtum. – Doch genug! –
Es geht mir leidlich wohl! – Was sagen nun
die guten Vettern draußen in der Welt?
die liebe Magschaft? daß ich schon seit Monden
im tiefen Schwarzwald meine Tage lebe,
versteckt gleichwie der Dachs in seinem Bau.
Was sagen sie? Was meinen sie dazu?
In welchem Lichte sehen sie's?

Hartmann                                         Herr Heinrich,
wenn's irgend sein kann, so erspart es mir,
erspart es Euch, Gerüchte mancherlei,
teils gut, teils bös geartet, aufzuzählen,
die sich erzeugen mußten, wie die Welt
nun einmal ist, seit Ihr so unvermutet
den Rücken ihr gekehrt.

Heinrich                               Sie sagen wohl:
weil ich im Bann sei, als des Kaisers Freund,
so wäre Gottes Fluch auf mich gefallen?

Hartmann Erlaßt es mir!

Heinrich                         Sprich du nur dreist heraus!
Die Lüge reicht zur Wahrheit nicht hinan
mit allen ihren giftgetränkten Pfeilen,
drum darf ich ihrer spotten, glaub es mir!
Doch du verstehst mich nicht!
    Ottegebe tritt ein.
                                                Wenn einer sagt:
Heinrich, der Herr, er trug sich wie ein Türk,
der seidene Turban saß auf seinem Haupt,
Araberblut war sein milchweißer Hengst,
und klingelnd unterm Zeichen des Propheten,
umhüpft von güldnen Monden, schritt das Tier:
ihm hat dafür der Gott der Christenheit
das Zeichen von Aleppo angeheftet:
sieh, wer so spräche – löge nicht genug.

Hartmann Was ist das Zeichen von Aleppo, Herr?

Heinrich Nichts! Nichts! Es steht in Büchern, lies es nach!
Genug davon. Zu Ottegebe
                        Tritt näher, Ottegebe.
Begib dich eilends, Kind, in mein Gemach.
Auf meinem Tische find'st du Pergamente,
von mir beschrieben und mit meinen Siegeln,
die bringe mir.

Ottegebe               Ja, Herr.
    Ottegebe ab.

Heinrich                               Sieh! dieses Kind
ist mir ein unerkauft freiwilliger Sklave,
und all mein niedres Ingesinde, alle
Verschnittenen, die ich hielt, mein ganzer Troß
von Dienern konnte mehr nicht tun für mich
als sie allein. – Und wenn ich hundert Wünsche,
ja, ihrer tausend hätte jeden Tag:
für ihren Eifer ist's ein Spiel, er würde
doch immer ungesättigt zu mir flehen
mit einem hündischen Bettlerblick der Treue. –
Nun also, was entbehre ich? Daß mein Bart
ein wenig wild ins Kraut schießt, wie man sagt,
daß ich nach Ambra nicht und Moschus dufte,
wie an des Kaisers Pfalz – nun, um so besser
ist mein Geruch vor Gott vielleicht geworden,
der, wie es scheint, Arabiens Wohlgerüche
nicht liebt. Und ahn' ich so dem Tiere mehr –
wohlan! so häuf ich mich vielleicht einmal,
und es entpuppt, wie's ja zuweilen schon
geschehen ist, sich aus dem Tier der Heil'ge.

Hartmann Mein Herr und Freund! mein lieber, gütiger Herr!
laßt Euch erbitten und erklärt Euch frei.
Ich bitt' Euch! wenn ein unbekannter Gram
heimlicherweise Euch am Herzen frißt,
macht doch ein Ende, gnädiger, bester Herr,
mit Heimlichkeiten, daß ich mich mit Euch
kann wappnen wider den geheimen Feind.
Was traf Euch so? Was ist Euch?

Heinrich mit ablehnender und beschwichtigender Geste, mühsam
                                                      Nichts, mein Freund.
Nichts traf mich. Sage mir: war nicht Gehasi
ein Diener des Elisa?

Hartmann                         Gnädiger Herr . . .

Heinrich Weißt du, aus was für Ursach' ich so frage?

Hartmann Nein, Herr, ich bin zu wenig schriftgelehrt.

Heinrich Nun – bis Mariä Lichtmeß wirst du's wissen.
    Stille.
Hab nur Geduld mit mir, du tapferer Mann!
Ein Beichtiger braucht Geduld. Laß dir's genügen,
zu wissen, daß ich eine Wallfahrt tue,
eilenden Schritts, dem Mekkapilger gleich,
und frage nicht, nach welchem Ziel.

Hartmann                                               Herr Heinrich,
Ihr sprecht nicht, wie der Freund zum Freunde soll.
Mir aber liegt es ob, in Euch zu dringen,
nicht abzulassen und in keinem Weg
und nimmermehr zu ruhn, bis daß ich weiß,
was Euch am besten Marke heimlich zehrt.
Was traf Euch so? was ist geschehn? was stieß
aus Eurer Bahn Euch also jäh? Ihr stundet
doch herrlich da im triumphierenden Licht
der Freude. Euer Fuß berührte kaum
das Erdreich, wo Ihr schrittet, und es hielt
ein Engel, schien es, über Euch den Schild
in Tjost und Schlacht, bei allem, was Ihr tatet.
Von einer Fahrt, zu Gottes Ehr' getan,
kommt Ihr, bedeckt mit Ehren selber, heim. –
Euch flog der Ruhm voraus. Statt nun zu ernten,
was Eure frohe Tatenkraft gesäet,
laßt Ihr den goldnen Halm im Felde faulen.
War nicht des Kaisers Hand Euch aufgetan
in Gnaden? dankbar überwallend nicht
sein Herz? Hat seine Müdigkeit Euch nicht
den schönsten Lohn erlesen allbereits:
ein staufisch Fürstenkind? Nun sagt mir doch:
warum, in Gottes Namen, flüchtet Ihr
in diese Ödenei vor Eurem Glück
und laßt dahinten, was nie wiederkehrt?

Heinrich wendet sich um und sieht ihn lange, groß und weh an; als er mit Sprechen beginnen will, ist ihm die Stimme verrostet, muß husten und aufs neue ansetzen
Das Leben ist zerbrechliches Geräte,
mein Freund, sagt der Koran, und sieh, das ist's. –
Und dies hab' ich erkannt! – Ich mag nicht wohnen
in eines ausgeblasenen Eies Schale. –
Und willst du Rühmens viel vom Menschen machen?
wohl gar ihn Ebenbild der Gottheit nennen? –
Ritz ihn mit eines Schneiders Scher': er blutet.
Stich eines Schusters Pfriem ihm haarestief
hier in den Puls, da oder da, auch dort,
auch hier, auch hier – und unaufhaltsam strömt,
nicht anders wie das Brünnlein aus dem Rohr,
dein Stolz, dein Glück, dein adliges Gemüt,
dein göttlich Wähnen, deine Lieb', dein Haß,
dein Reichtum, deiner Taten Lust und Lohn,
kurz alles, was, törichten Irrtums Knecht,
du dein genannt!
Sei Kaiser, Sultan, Papst! In Grabeslinnen
gewickelt bist du und ein nackter Leib,
heut oder morgen mußt du drin erkalten.

Hartmann So spricht der trübste Mut . . .

Heinrich                                                   Einst war er leicht!
Ach! Ich vergaß vor lauter Tanz das Gehn –
vor lauter Lobgesängen hatt' ich fast
verlernt zu sprechen, und mein Wandel war
mit aufgehobenen Händen, voll Vertrauen:
ein Glück und ein Gebet und ehrfurchtsvoll. –
Doch wie ich heimzog, heim, in eitlem Wähnen
der Gottesnähe, fast seraphisch klingend
vor innerem Jubel ob der frommen Tat
im Rücken . . . heim mit dem geweihten Schwert:
da lagen ferne schon auf meiner Spur
die schmutzigen Hunde meines Schicksals, winselnd
und hackend in die Luft vor Gier nach Blut.
Wo ist der Jäger, der mir das getan,
daß ich ihn könnte stellen?!
    Er ist aufgestanden und geht umher. Ottegebe bringt die Pergamente, wartet stumm. Heinrich nimmt Ottegebe die Pergamentrollen aus der Hand.
                                              Höre zu!

Hartmann Herr, Herr, ich bin kein Pfaff noch Pfaffenknecht,
Ihr wißt es. Doch in meine Seele schlagen
die Worte fremd und furchtbar, die Ihr sagt.
Was immer Euch betroffen hat . . . was auch
der ewige Richter über Euch verhängte:
beugt Euch in Demut! Beugt Euch unters Kreuz!

Heinrich Ich bin des Kaisers Lehnsmann, und ich nahm
dereinst vom Kardinal von Ostia
mit ihm zugleich das Kreuz. Es blieb mir treu.
Einst war's ein Kreuz auf meinen Rock genäht,
nun wuchs es tief mir ein in Mark und Blut,
und nur der Tod dereinst – was willst du mehr? –
wird mich von meinem Kreuze scheiden. Freund!
Laß alle Litanein, sie sind an mir
verloren dieser Zeit. Zu Ottegebe
                                Geh, klein Gemahl!
Ich danke dir, doch hebe dich hinweg.
Willst du mir weiße Händ' aus Wolle stricken,
beeile dich! sie kommen leicht zu spät.
Geh! Was ich jetzt dem Ritter muß eröffnen,
ist nur für seine Ohren, nicht für dich.
    Ottegebe ab.
Wohlan! das Pergament von meinem Tisch
enthält, was etwa Heinrich von der Aue
noch wünschen mag in eurer Welt . . . schweig still,
Freund! unterbrich mich nicht und sei bedacht,
daß du auf alles achtest, was ich sage.
Du sollst mein Bote sein, sollst diese Schrift
in Bernhards, meines Oheims, Hände legen.
Es ist mein letzter Wille – still, mein Freund!
Voreilig ist der Mensch, sagt der Koran. –
Was mich getroffen hat . . . was ich erfuhr . . .
kurz, forschet nicht danach! Denkt, ich ward weise
und sehend, aber forscht nicht, was ich sah
und wie ich sehend wurde. – Grüble nicht!
Denn so ins Wüste trägt dein frommer Geist
dich nicht, daß du's ergründen solltest, Hartmann.
Laß ab! – und wer mich liebt, der forsche nicht.
Was euch zu wissen frommt, das steht verzeichnet.
Laßt mir, was mein ist, und so sei's genug.
Ich aber will nun wandern wiederum –
freiwillig, Freund, den mir bestimmten Weg
und ohne Zaudern, strack! Denn daß ich sollte,
wie andere Krüppel tun, die Straße säumen,
als armer Lazarus im Schlamme wühlen,
mit meiner Schande, meinen Schwären prunken,
nach Hunden krächzen, die sie lecken sollen,
ist in dem Buch des Schicksals nicht verzeichnet. –
Und stünd' es so, bei Gott! ich löscht' es aus! –
Leb wohl! Und ist ein Jahr ins Land gegangen,
so ist mein Leiden just so lange tot,
und über meines Jammers Grube sind,
ach, wieviel milde Balsamregenschauer
bereits herabgerauscht. – Ade! Ade!
    Nach kurzer, unheimlicher Pause, außer sich, losbrechend
Jetzt aber raffe dir dein reines Kleid
zusammen, Freund, und flieh! flieh! sag' ich, flieh!
Schüttle den Staub von deinen Schuhen, flieh!
Und wenn dich jemand am Gewand will halten,
so lasse dein Gewand in seiner Hand
und fliehe! fliehe!

Hartmann bestürzt       Herr, was redet Ihr . . .

Heinrich Ich sage, flieh! sieh dich nicht um und flieh!
Rühr mich nicht an und flieh! Rühr mich nicht an!
Denn ich bin so beglückt vom Himmel worden,
daß ich Verderben spein muß um mich her!
Ich bin ein solcher Held, daß Helden laufen
vor meiner unbewehrten Hand: Berührung
von ihr bringt Schlimmeres als den Tod. Die Magd,
flüchtig von meines Auges Strahl getroffen,
sie stirbt vor Ekel, wenn sie mein gewahrt . . .

Ottegebe ist eingetreten; blutlos, wie ein Wachsbild, verfolgt sie mit zitternden Lippen und starren Augen den Tobenden.

Hartmann Kommt zur Besinnung, Herr, Ihr rast, Ihr tobt!

Heinrich So pack ein Scheit, dein umgekehrtes Schwert,
was dir zur Hand ist, nimm und schlag mich nieder!
erlöset mich und euch von mir zugleich.
Was tut ihr doch, wenn ein tollwüt'ger Bracke
am hellen Tage dringt in euren Hof?!
Was zaudert ihr? macht's kurz! faßt euch ein Herz!
    Gottfried und Brigitte sind hereingestürzt.
Ihr alle, alle, kommt herbei und seht:
Heinrich von Aue, der dreimal des Tags
den Leib sich wusch, der jedes Stäubchen blies
von seinem Ärmel, dieser Fürst und Herr
und Mann und Geck ist nun mit Hiobs Schwären
beglückt von der Fußsohle bis zum Scheitel!
Er ward, lebendigen Leibs, ein Brocken Aas,
geschleudert auf den Aschenkehrichthaufen,
wo er sich eine Scherbe lesen darf,
um seinen Grind zu schaben.

In Ottegebes Gesicht ist von innen her nach und nach eine seltsame, freudige, fast selige Verzückung aufgestiegen. Als Heinrich zusammenbricht, entringt sich ihrer Seele ein Aufjauchzen seliger Befreiung, sie stürzt zu Heinrichs Füßen und überdeckt seine Hände mit rasenden Küssen.

Ottegebe                                       Liebster Herr!
Herr! lieber Herr! denkt an das Gotteslamm!
Ich weiß . . . ich will . . . ich kann die Sünden tragen.
Ich hab's gelobt! Du mußt versühnet sein.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.