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Christoph Martin Wieland: Der Anti-Ovid - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Fünfundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1856
firstpub1752
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleDer Anti-Ovid
pages28
created20130904
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Gesang.

                    Tief in dem Heiligthum von unsrer Seele liegt
Der Liebe Quell, der Zug zum Guten und zum Schönen;
Und in der Harmonie, die unsre Triebe wiegt,
Die Seligkeit, wornach sich unsre Herzen sehnen.

Die Liebe, die zu dir, o Panthea, mich zieht,
Ist eben dieser Trieb zum Schönen,
Der für die Edelsten von Gräciens Heldensöhnen,
Für dich, Leonidas, für dich, mein Brutus glüht.
Mein Busen lernt durch sie von fremdem Schmerz sich dehnen,
Sie hat der Dido nie des Mitleids Zoll versagt,Der Dido trauriges Schicksal hat Virgil in der Aeneis, Clementinens Richardson im Grandison, Abbadonna's Klopstock im Messias geschildert.
Sie mischt die ihrigen in Clementinens Thränen,
Und bebt, wenn Abbadonna klagt.
Der gleiche Trieb läßt mich Entzücken fühlen,
Wenn mir Virgils und Miltons Harfen spielen.
Er wallt in mir, Natur, zu deinen Werken hin,
Und nähret sich von deinen sanften Freuden;
Er lernt dir ab, die Wahrheit einzukleiden,
Verschönt den Witz und schärft den Sinn.

Nur der, dem ungeschmeckt nichts Reizendes entfliehet,
Fühlt recht der Liebe Süßigkeit;
Der ist's, für den die Anmuth blühet,
Die die Natur auf ihre Werke streut.
Die Häßlichkeit wird ihn so widrig rühren, 231
Als ihn das Schöne reizt; er mißt in seiner Wahl
Des Guten und des Bösen Zahl,
Und läßt die Weisheit nie ihr Richteramt verlieren.

Die, die er liebt, wird keine Lais seyn.
Der äußre Reiz allein, die List verbuhlter Blicke
Nimmt sein verwahrtes Herz nicht ein;
Und fühlt er auch in sich die Triebe sich entzwei'n,
So siegt er doch und bebt vor der Gefahr zurücke.
Nur wo die Unschuld sich in stille Anmuth hüllt,
Da widersteht er nicht, er ehret was er liebet,
Und sein Verstand erlaubt, daß sich sein Herz ergiebet.

Wenn auf der freien Stirn sich sanfte Hoheit bild't,
Wenn, ungelehrt in buhlerischen Tücken,
Die Augen unbewußt entzücken,
Und jeder Blick das Herz verwund't;
Wenn Großmuth, Menschenhuld den schönen Busen reget,
Und wenn ihr anmuthvoller Mund
Der Augen Geist nicht widerleget,
Ihr Lächeln ohne Hinterlist,
Und ungeschminkt ihr Witz, wie ihre Wangen, ist;
Verdient sie, daß ein Mann gern ihre Fesseln träget.

O Tugend, Göttin, ohne die
Wir keine Wollust lauter schmecken,
Du gibst den Trieben Maß, du stimmst und adelst sie,
Und lehrst auch da noch Lust entdecken,
Wo Thrax, deß Schlafsucht nur der Klang des Goldes stört,
Ganz fühllos bleibt, und weder sieht noch hört.

Auch macht uns der Geschmack geschickter recht zu lieben.
Wer unentzückt von dir, Horaz, geblieben,
Wer nicht die Grazien in deinen Briefen fühlt,
Bei Popen gähnt, bei einer Magdalenen 232
Von Raphael nach ihrem Busen schielt,
Den bannet weit von euch, ihr Schönen;
Er wird bei euerm Kuß bald wie bei Popen gähnen.

Geschmack und Witz erweitern unsre Brust,
Und machen zärtlicher zur Lust:
Sie schenken uns die feinen Freuden,
Die unbekannt dem Pöbel sind;
Sie wissen uns die Wollust zu verkleiden,
Die Mops geschmacklos zwar empfind't,
Doch bald zu einerlei, zuletzt verdrießlich find't.
Sie lehren uns die Kunst sich zu vergnügen,
Die schlaue Kunst den Ekel zu betrügen,
Sie geben jeder Lust der Neuheit Schein,
Und lehren im Genuß wollüstig-sparsam seyn.

Doch Freuden, die auch Thoren schmecken,
Sind nicht der edlern Liebe Ziel;
Nein! ihr vergötterndes Gefühl
Soll mächtig dich zu jeder Tugend wecken;
Soll dir weit über Erd' und Zeit
Des Daseyns großes Ziel entdecken!
Erhöht, verstärkt durch sie, soll deine Zärtlichkeit
Auf alle Wesen sich erstrecken.
Der Unempfindliche, der unsrer Thränen lacht,
Den unser Glück nicht froher macht,
Hat nie geliebt; bei Phrynen, bei Neären
Erfuhr er, wenn ihr wollt, das Glück der schönen Nacht;
Doch er genösse selbst im Arme von Cytheren
Das nicht, was den Genuß zum Wunsch der Götter macht.

Die Liebe stimmt das Herz, das sie gefangen,
Und jeden seiner Trieb' in reine Harmonie,
Sie lächelt sanft auf unsern Wangen, 233
Und was wir thun, glänzt doppelt schön durch sie.
Man strebt des Herzens werth zu werden,
Das unsre Zärtlichkeit gewann,
Und schöpfet Lust selbst aus Beschwerden,
Wenn des Geliebten Glück durch sie gewinnen kann.

Die Tugend nimmt mit ihrem eignen Schein
So mächtig nicht als durch die Anmuth ein,
Die ihr die Liebe leiht. Die streut auf jede Pflicht
Gefälligkeit und Reiz; das strenge Angesicht
Der Weisheit selbst, in Ernst und Tiefsinn eingehüllt,
Macht ihr erheiternd Lächeln mild.

Ihr, die ihr lieben wollt, laßt euer Herz nur wählen.
Ein unaussprechlich Was, ein unsichtbarer Zwang
Verräth beim ersten Blick den unbewußten Hang
Einander zugedachter Seelen.
Schon dort in jenem Raum, wo wir, vor diesem Leben,
In einem himmlischen Gewand,
Gleich jungen Liebesgöttern, schweben;
Schon dort verknüpft der reinen Liebe Hand
Die schwach empfindenden und gleichgestimmten Seelen.
Oft schlummern sie umarmt in jungen Rosen ein,
Oft weinen sie beim Lied äther'scher Philomelen,
Voll zärtlichen Gefühls, wozu die Worte fehlen,
Und sehnen sich, geliebt zu seyn.
Hier ist's, wo unter süßen Küssen,
In ihre weiche Brust die sanften Triebe fließen,
Wovon sie oft erstaunt und seufzend überwallt,
Eh' sie in dieser Welt sich finden.
In Träumen sehn wir oft die himmlische Gestalt
Der Freundin vor uns stehn, wie sie in stillen Gründen,
Gelockt vom West, die Einsamkeit 234
Am Frühlingsabend sucht; sie irrt, sie scheint zerstreut,
Sie bleibt zuletzt, tief in Gedanken, stehen;
Ihr schmachtend Auge sucht den unbekannten Freund,
Den ihr gefühlvoll Herz ihr zu versprechen scheint;
Ein süßer Schauer bebt, da wir die Göttin sehen,
Durch unsre Seele hin, und Amor flüstert zu:
Du bist's, sie suchet dich: sie ist's, sie suchest du!Anspielung auf Klopstocks Elegie: die künftige Geliebte, welche nach Wielands nie geändertem Urtheil vielleicht das Lieblichste und Zarteste war, was unsre Sprache aufzuweisen habe.

Doch wenn des Schicksals Wolken weichen,
Wenn wir sie wirklich sehn, die oft ein Nachtgesicht
Mit Mienen, die den ihren gleichen,
Uns zugeführt, dann wird's in unsrer Seele Licht.
Dann sehen wir, wohin der mächt'ge Zug gezielt,
Den wir so oft verwundrungsvoll gefühlt.
Ein seelenvoller Blick, ein halb ersticktes Ach
Und still' dem Aug' entschlichne Thränen,
Entdecken uns das Herz der Schönen,
Das oft bei unsern Schmerzen brach.

Unwissend in der Kunst die Unschuld zu betrügen,
Sinnt Thirsis nicht, die Freundin zu besiegen;
Kaum wagt die Zärtlichkeit den Wunsch geliebt zu seyn.
Ihm scheint ihr Aug' auch dann zu dräu'n,
Wenn es ihr Herz verräth, und mit verwirrten Blicken
Ihm unschuldsvoll verspricht, gewiß ihn zu beglücken.
Doch mit dem zärtlichen Verlangen
Nimmt auch die Hoffnung zu, und glüht auf seinen Wangen.
Was für ein Himmel blüht um ihn,
Wenn er in ihrem Arm sich denket?
Dann mag ihn jede Freude fliehn,
Dann klagt er nicht, wie hart ihn auch das Schicksal kränket;
Er würde ohne Reu' aus einem Eden ziehn,
Wär' ihm die Wonne nicht, sie drinn zu sehn, geschenket. 235

Wie freudig schauert er, wenn sich ihr Blick vergißt,
Und seine Blicke sucht und findet;
Und was sein Herz für sie empfindet,
In ihnen mit Entzückung lies't!

Die Liebe wächs't, so klein sie anfangs ist,
Sehr schnell von Seufzern und von Thränen.
Kaum schleicht sie sich ins sanfte Herz der Schönen,
So füllt sie ganz es aus; so blüht ein Zephyr auf,
Wenn er sich jugendlich um Phyllis Busen schmiegt,
Sein Fittig dehnt sich schon, befiedert sich und fliegt
Um Hals und Locken her, vergeblich winken Rosen
Und Lilien ihm zu, ihm blühen bess're Rosen
Und Lilien auf Phyllis Mund und Brust;
Und keiner Rose Kuß entlocket ihn der Lust,
Den Schäferinnen liebzukosen.

Oft singt er dem vergnügten Ohr
Der gerne Lernenden das Glück der Liebe vor,
Und still bewußt erröthen beide;
Entzückt beschreibt er ihr die unbekannte Freude,
Bis Seufzer, die beredter sprechen
Als zehn Erklärungen, den Lehrer unterbrechen.

Das Herz, das Auge selbst entdeckte sich jetzt schon,
Nur wagt der Mund noch nicht, dem Herzen nachzusprechen;
Man scheut einander jetzt, die Schöne flieht davon,
Doch nur gesucht zu seyn; man weiß nichts mehr zu sagen,
Die Rede stockt, man schweigt und sieht sich ängstlich an,
Die Blicke fliehen sich, die bangen Herzen schlagen,
Man hofft und zittert doch, man sieht sein Glück noch nicht,
So deutlich es aus jeder Miene spricht,
Bis Thränen, die das Aug' nicht länger halten kann,
Einander mehr als tausend Zungen sagen. 236

Doch welch ein Mund besingt die Lust,
Die jetzt die Glücklichen entzücket,
Da jedes sich geliebt erblicket?
Jetzt da vom Ueberschwang allmächtiger Empfindung
Bewältigt, ihre Brust zum erstenmal sich drückt,
Zum erstenmal sich Arm in Arm verstrickt,
Und Amors Gunst das Siegel der Verbindung,
Den ersten Kuß, auf ihre Lippen drückt?
Nein, dich zu singen, erster Kuß,
Dich, höchste Wollust dieses Lebens,
Bestrebet sich, wiewohl noch glühend vom Genuß,
Der treue Schäfer selbst vergebens.Mirtill im pastor fido.
Die ihr dieß zu verstehn begehrt,
Was euch sonst Unsinn scheinen müßte,
Liebt wie Mirtill! – Ovid, der so gelehrt
Von Küssen sang, und wie ein Meister küßte,
Erfuhr die Wollust nie, und war sie auch nicht werth,
Die reine Liebe nur, und Einmal nur, erfährt.

Die Liebenden, die in den ersten Küssen
Ganz unersättlich sind, und noch davon nichts wissen,
Wie leer zuletzt ein Herz sich find't,
An dem die Zeit ihr leidigs Recht gewinnt,
Vergessen leicht, daß auch im zartesten Genuß
Die Mäßigung uns selbst gebieten müsse.
Wär' unser Daseyn doch ein einz'ger ew'ger Kuß!
So denkt man, ohne Furcht, daß je der Ueberdruß
Dem Nektar engelreiner Küsse
Die Süßigkeit zu rauben fähig sey.
Allein, macht der Geschmack die Freuden
Nicht immer durch Verändrung neu;
Ist nicht der Witz bemüht, sie täglich umzukleiden, 237
So altern sie gar bald. Ein ewig Einerlei
Vergällt uns jede Lust, und macht aus Küssen Pflichten,
Die wir gleichgültig erst, dann mit Verdruß entrichten.

Die Liebe gleicht der Melodie;
Der Triebe Seele, wie der Töne,
Ist die Veränderung, wenn sie mit Harmonie
Das Mannichfaltige, so streitend es oft scheinet,
Gesellig macht, und ohne Zwang vereinet.
Auch wahre Liebe wird hierin (die Wahrheit euch
Zu sagen) von Ovid ein wenig lernen müssen.
Sie bleibt sich selbst nicht immer gleich,
Und würzt den Kuß mit schlauen Hindernissen.
Ein kluges Liebchen lügt zuweilen Sprödigkeit
Und flieht, wenn wir sie küssen wollen,
Wie rohe Mädchen fliehn, die erst noch reifen sollen;
Bald kommt sie anmuthsvoll und beut
Den Mund uns hin, bald liebt sie uns zuvorzukommen,
Und lacht, wenn sie den Kuß uns weggenommen.

Wie glücklich seyd ihr, die ihr liebt,
So fern ihr euer Glücke kennet!
Ihr habt, wornach umsonst die Menge rennet,
Und was kein Wurf des Zufalls gibt.
Euch fließen die genoss'nen Stunden,
Jedwede schön und satt an Lust;
Von euch wird an der Freundin Brust
Des Lebens Freude ganz, der Schmerz kaum halb empfunden.

Doch soll der Liebe Glück, wie ihr, unsterblich seyn,
Soll sie mit euch in Welten übergehen,
Wo wir mit andern Augen sehen,
Wo uns der Erde Größen klein,
Und tausend Wünsche kindisch scheinen, 238
Um die wir hier so oft, wenn sie uns fehlen, weinen;
So läutert stets die Lust, die ihr genießt,
Und macht sie geistiger. O wie entzückend ist
Die Wollust, die kein Sklav' der Sinne kennet,
Wenn uns, harmonischer erhabner Triebe voll,
In jedem Blick der Seelen Gleichlaut rühret!
Indem der Tugend Weg uns holde Weisheit führet!
Die lieben, die man lieben soll!
So wie sie sich mit Zärtlichkeit umfangen,
Umarmen sich in einer bessern Welt
Zwei Himmlischliebende. Sie fühlen ihr Verlangen
Stets überirdischer, stets mehr,
Vom Körper abgetrennt, auch ihre Sinnlichkeit
Wird durch die feinste Lust und tausend Gegenstände,
Bei denen Strephon nichts empfände,Strephon, vielleicht mit dem Gedanken an Flatterhaftigkeit des Geistes, woran die Etymologie zu denken erlaubt.
Zugleich mit ihrem Geist erfreut.
Wie mit Ambrosia, nährt sich von ihren Küssen
Die Tugend und die Zärtlichkeit.
Was dieses Band, das Lieb' und Weisheit reiht,
In edeln Seelen wirkt, wie sollt' es Strephon wissen;
Er lacht der Sympathie, die schöne Seelen bind't.
So küssen Faunen auch, wie er Nerinen küsset:
Was Wunder, daß er schwärmend find't,
Daß Damon, wenn er einerlei genießet,
Ganz anders als wie er empfind't.

Wie soll ich Crebillons leichtfert'gem Witz verzeihn,Hierüber erklärte Wieland im J. 1770: »Das Unrecht, welches der Dichter diesem in seiner Art vortrefflichen Schriftsteller hier gethan hat, verdiente eine öffentliche Genugthuung, wenn nur im geringsten zu besorgen wäre, daß ihm dieser jugendliche Ausfall schaden könnte.«
Der uns, was Ninon ausgeübet,
Die Kunst die Liebe zu entweihn,
In einem Lehrbegriff aus ihrer Feder giebet!
Ihm ist die Liebe nicht das himmlische Gefühl
Erhabner gleichgestimmter Seelen; 239
Sie ist ein bloßes Puppenspiel,
Ein Zeitvertreib, wenn bess're fehlen.
Der schwärmt, nach ihm, der dich, du Gott in unsrer Brust,
Der Tugend reinste Quelle nennet;
Der raset, der in dir, statt bloßer Sinnenlust,
Der Weisen höchstes Glück erkennet.

Doch sprich uns immer Hohn, dogmatischer Properz,
Laß uns die Schwärmerei, und liebe du zum Scherz;
Was du gelehrt, das mag dein Marquis üben;
Nicht einzuschlafen mag er lieben!
Doch er, und wer sein Schüler ist,
Empfinde nie was wir empfinden,
Wenn uns ein himmlisch Mädchen küßt;
Und finde nichts als schlaue Hinterlist,
Da, wo er Liebe hofft zu finden;
Und wenn einst, Herz an Herz zu binden,
Ihm zum Bedürfniß wird, so sey
Sein Herz ein Puppenspiel der ältesten Kokette!
Stets seufz' er unerhört, und fluche seiner Kette,
Und mache doch sich nimmer von ihr frei!
Stets bleib' er, wie durch Zauberei,
Voll Ingrimm auf sich selbst der Quälerin getreu,
Und scheint sie seiner Noth sich endlich zu erbarmen,
So überrasch' er sie – in seines Feindes Armen!

Zwar der begehrt von uns zu viel,
Der bei lebend'gem Leib uns zu Intelligenzen
Erheben will. Das feinere Gefühl
Des Schönen schwebt in beider Welten Gränzen.
Die Reize, deren süße Macht
Der Weise selbst erfährt, der schlanken Glieder Pracht,
Die Augen, die so rührend glänzen, 240
Der Rosenmund, der so bezaubernd lacht,
Sind darum nicht so schön, daß wir sie stoisch fliehen!
Wer schuf die Trieb' uns an, die uns so mächtig ziehen?
Hat die Natur, die nichts vergebens macht,
Uns durch des Weibes Reiz nur Schlingen legen wollen?
Und ist's, damit wir stracks die Augen schließen sollen,
Daß diesem Zauber alles weicht,
Und das geliebte Weib uns eine Göttin däucht?

Doch wie viel schöner als die Rosen frischer Wangen
Und Lilien, die auf der Haut nur prangen,
Ist eine Seele, die der Glanz der Unschuld schmückt?
Ein aufgeklärter Geist, von Irrthum unbefangen,
Ein Witz, so ungeschminkt als ihre Rosenwangen,
Der nie verwundet, stets entzückt;
Und eine Tugend, die gleich weit
Von Schwäche wie von Sprödigkeit,
Die Frucht des Herzens ist, das sie aus Neigung übt,
Und allem was sie thut, den schönsten Anstand gibt!

O! keine Schönheit, die, der Erd' entsprossen,
Sich wieder in sie senket, gleicht
Der Seele, die von geist'gem Licht umflossen,
Voll himmlischer Begier der Unterwelt entfleucht,
Und wie auf mächt'gen Engelsflügeln,
Auf göttlichen Gedanken sich erhebt!
Was ist dem Herzen gleich, worin der Himmel lebt?
Was einem Geist, in dem sich höhre Geister spiegeln?

Zu diesem Ziel auf deinem Rosenpfad
›Durch diese Welt uns sanft emporzuheben,
›Und uns von jenem wahren Leben,
›Das uns erwartet, wenn des Erdlaufs schweres Rad
›Einst umgeschwungen ist, ein Vorgefühl zu geben, 241
›Worin das Herz befriedigt ruht;
›Den herben Erdgeschmack des Lebens, wo wir büßen,
›Vielleicht für alte Schuld, dem Guten zu versüßen,
›Zu heitern unsern Weg, zu stärken unsern Muth,
›Zu läutern unsern Sinn in deiner heil'gen Gluth,
›Und, wenn wir kindlich nur von dir uns führen ließen,
›Dein ew'ges Wonnereich uns allen aufzuschließen,
›O Liebe, dieß, dieß ist dein höchster Ruhm;
›Dazu, o Göttliche, entstiegst du jenen Sphären,
›Worin in deinem Licht die Geister sich verklären,
›Und wähltest unsre Brust zu deinem Heiligthum.
›Wir wallen hier, aus unserm Ursprungsstande
›Herabgestürzt, in einem fremden Lande,
›Und selbst der Sinnensklav', von schnöder Lust getäuscht,
›Er suchte dich; – du bist's, die seine Sehnsucht heischt.
›Wozu, Betrogner, dich ermatten,
›Mit dieser wilden Jagd nach einem falschen Ziel,
›Das immer weicht? So schnappt der Hund im Nil
›Mit leerem Mund nach einem Wasserschatten.Anspielung auf die bekannte Aesopische Fabel, worin der neidische Hund mit einem Stück Fleisch in der Schnauze im Wasser sein Ebenbild erblickt, und nach dessen Fleische schnappend sein eignes verliert.
›Das Zaubermahl, womit die Wollust speis't,
›Läßt ewig leer dein Herz, und tödtet deinen Geist.

›Wohl uns! die mit entwölkten Sinnen
›Des Lebens Lauf an deiner Hand beginnen,
›Urania! – O bleib' auch mir, bis zum Beschluß,
›Was du mir immer warst, mein guter Genius!‹

 


 

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