Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gabriele Reuter >

Der Amerikaner

Gabriele Reuter: Der Amerikaner - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/reuterga/amerikan/amerikan.xml
typefiction
authorGabriele Reuter
titleDer Amerikaner
publisherS. Fischer Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070829
projectid5ceef894
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel

Am Abend des bedeutungsvollen Tages teilte August den Eltern mit, daß Mimi eingewilligt habe, seine Frau zu werden.

Mimi war lieb und glückstrahlend; nur wenn Fritz anwesend war, konnte sie eine gewisse Befangenheit nicht überwinden. August zeigte sich von freundlicher Herablassung gegen den besiegten Bruder – er war von dieser Zeit an voller Rücksicht auf dessen Wünsche. Es kam ihm sehr gelegen, der Familie seiner Braut nicht als der Stellung suchende junge Mann, sondern als der technische Leiter und Mitgründer einer großen Unternehmung aufzutreten.

Unter dem energischen Einfluß seiner beiden Söhne gab denn auch der alte Herr schließlich seine Zustimmung zum Verkauf der Grundstücke an Debberitz. Sie betrugen etwa drei Viertel des Rittergutes. Er selbst wollte nichts mit der Geschichte zu tun haben. Die Jungen konnten die Sache für ihn abschließen. Als alle Formalitäten des Verkaufs erledigt waren, überredete Fritz mit Hildens Hilfe seine Eltern, zur Besichtigung einer großen landwirtschaftlichen Ausstellung nach München und dann zu einer weiteren Erholungstur nach der Schweiz zu gehen. Die häufige Anwesenheit des Berliner Spekulanten im Schloß zu endlosen Verhandlungen mit Fritz und August, die dann meistens in opulenten Frühstücksmahlzeiten endeten, wäre von den alten Herrschaften doch schwer ertragen worden.

So begann denn ein gewaltiges Schaffen in Rauschenrode, ein Wühlen, Graben und Bauen, das den stillen Waldfrieden jählings zerstörte und an seine Stelle vorläufig nur ein Chaos von Staub, Bauschutt, aufgerissenen Erdflanken und das Gestampfe, Geklopfe und Gedröhne eifrigster Arbeit setzte.

Dabei war Fritz in seinem Element. Er zog durch seine stürmische Energie auch den trägeren Bruder mit sich fort. Erst einmal auf den richtigen Weg gebracht, zeigte sich August, wenn auch langsam in Entschluß und Ausführung, als umsichtiger und kluger Techniker.

Trotz der verschiedenen Temperamente der drei Männer rückten die Bauten gut und schnell vorwärts.

Im Herbst sollte die Tätigkeit des Elektrizitätswerkes beginnen. Die Konzession für die elektrische Bahn hatte man erhalten, denn Herzog und Ministerium des kleinen Bergstaats interessierten sich aufs lebendigste für die Neugestaltung der Dinge in ihrem Ländchen. Das Richtfest des Kurhauses sollte schon im Herbst gefeiert werden.

Mit unglaublicher Schnelligkeit erhob sich der weitläufige Bau aus dem Innern der Erde empor zum Himmelsblau, und die Dorfleute kamen am Sonntag in hellen Scharen aus der ganzen Gegend herbeigeströmt, um das Wunderwerk zu schauen, das mit seinen Türmen und Altanen, seinen Sandsteinpilastern und Karyatiden an den gewölbten Toren das altersgraue Schlößchen Rauschenrode, ja sogar den fürstlichen Besitz Nassenstein an Pracht und Größe weit hinter sich ließ. Das Kurhaus war der Lieblingsbau von Debberitz. In ihm trachtete er alle seine Träume von weltlicher Herrlichkeit zu verwirklichen, und nur er wußte, welch ein gutes Teil seiner so leicht erworbenen Millionen dieser Bau verschlang, bei dem er unter den Augen der Kosegarten den Ehrgeiz entwickelte, zum erstenmal während seiner erfolgreichen Bautätigkeit solide zu Werke zu gehen. Aber er stellte auch sein Licht nicht unter den Scheffel: Jede Woche fand sich in irgendeiner hauptstädtischen Zeitung eine Notiz über den Fortschritt des Baus, über ein scherzhaftes Abenteuer, das der große Berliner Baumeister, der die Entwürfe geliefert, bei seiner Anwesenheit mit einem Harzer Holzweiblein erlebt hatte, über den Wettbewerb unter den bedeutendsten jungen kunstgewerblichen Meistern um die Ausgestaltung der Innenräume, über die Summen, mit denen schon die eingesandten Entwürfe gekrönt wurden. Debberitz kannte seine Mitbürger von Berlin W. Aus zahllosen Familien der reichen Industriellen, der Kaufleute und Bankiers erklangen die Anfragen an ihn, wann man den Feenpalast in Rauschenrode beziehen könne. Man drängte sich um die Vorausbestellung von Wohnungen für die erste Saison, und Debberitz konnte Fritz und August eines Tages freudestrahlend berichten, daß alle Zimmer des großen Baus für Juli und August des nächsten Jahres bereits in festen Händen seien.

Fritz drängte zu einer baldigen Heirat seines Bruders, und August sah die Notwendigkeit der angedeuteten Gründe vollständig ein. Die Verfügung über Mimi Rahlens nicht unbeträchtliches Vermögen gab ihm Debberitz gegenüber eine unabhängigere und würdigere Stellung.

Anfang September wurde Hochzeit auf Niedernrode gehalten, nur die nächsten Nachbarn und die notwendigsten Onkel, Tanten, Kusinen und Vettern waren geladen, im ganzen etwa achtzig Personen. Dann zog Mimi als junge Herrin auf Rauschenrode ein, auf eine Hochzeitsreise verzichtete man.

Für Herrn Theodor Debberitz bedeuteten diese Monate nur eine Reihe großer und kleiner Triumphe.

Zwar, der alte Herr machte auch nach seiner Rückkehr aus der Schweiz noch immer einen weiten Bogen um seine gewichtige Person. Aber Frau Marie begriff, daß sie es Debberitz zu danken hatte, wenn ihr Fritz im Lande blieb. Das stimmte sie milder gegen manchen Taktfehler und gegen die Erinnerung an seine mit ärgerlicher Kleptomanie behaftete Frau Mama. Augusts junge Gattin besaß viel zuviel von dem Instinkt des richtigen Weibes, das die Interessen ihres Gatten von dem Moment an, in dem ihr Ja vor dem Traualtar gesprochen wurde, heftiger vertritt als er selbst. Und diese Interessen waren nun eng mit Theodor Debberitz verknüpft. Alles, was auf dem Schloß an Weiblichkeit versammelt war, beeiferte sich, seine kleinen und großen Lieblingsangewohnheiten kennenzulernen, seinen Eitelkeiten in liebenswürdigster Weise zu dienen. Eine aber gab es vor allen, die seinen Wert nach seinem vollen Maß zu schätzen wußte, das war Tante Trinette. Im ernsten Gespräch wandelte sie mit Herrn Debberitz so manches Mal durch den Taxusgang und um die Parkwiesen, im Morgentau sowohl als auch beim Mondenschein, und ließ sich von ihm in die so gefährlichen wie spannenden Geheimnisse der Börsenspekulation einweihen. Sie, die bisher ihre Ersparnisse am liebsten nach Urgroßmutters Weise in einem Strumpf unter dem Strohsack aufgehoben hätte, vertraute jetzt auf den Rat dieses neuen Führers ihr Geld den merkwürdigsten Industrieunternehmungen an. Sie heimste sehr schnell einige nicht unbedeutende Gewinne ein und war davon wie berauscht. Debberitz fand als Dank abends auf dem Tische vor seinem Bett ein Fläschchen mit Kräutersirup, von den aristokratischen Händen des Fräuleins von Kosegarten destilliert und mit einer von eigener Hand geschriebenen Gebrauchsanweisung versehen. Er versicherte ihr bei jeder Gelegenheit, daß dieser Sirup die ungeahntesten Wirkungen auf seinen Organismus ausübe, und damit hatte er den letzten Rest von Tante Trinettens Herzen gewonnen. In seinem eigenen Herzen aber spielte sich zu der gleichen Zeit ein seltsamer Kampf ab. Er war zweimal von der Prinzessin Karoline in Audienz empfangen worden. Ihre munteren Braunaugen, die von den vornehmsten Parfümen umhauchten Üppigkeiten ihrer Gestalt, die wogenden Seiden und Spitzen ihrer Toiletten übten eine heftige Wirkung auf seine Sinne aus. Es geschah ihm wahrhaftig, daß er nicht nur von Zahlen und Gütererwerbungen träumte, sondern sich selbst und die Prinzessin Karoline in verführerischen und zärtlichen Situationen erblickte.

Nach solchen Träumen voll entzückender Phantasiegebilde beschloß er allen Ernstes bei sich, um die Gunst der Prinzessin Karoline zu werben. Den seit Jahren in Langenrode umgehenden Gerüchten zufolge war sie nicht allzu schwer zu erwerben. Er, Thete Debberitz, der Liebhaber einer Schwester des regierenden Herzogs von Langenrode-Hirschburg-Nassenstein und seines eigenen Landesvaters! Schließlich war es sogar schon häufig vorgekommen, daß eine Fürstin einem Bürgerlichen die Hand zum Ehebund gereicht hatte ... War Theodor Debberitz an diesem Schlußakkord seiner Phantasien angelangt, so befiel ihn jedesmal ein eigenes Zagen, eine dunkle Angst des Plebejers vor der allzu nahen Berührung und Vermischung mit jenen glorienumstrahlten Göttern höherer Sphären, als die ihm die Regierenden von jeher erschienen waren. Ehrenvoll mußte es ja freilich sein, der Gemahl einer Prinzessin heißen zu dürfen ... Aber, du lieber Gott! man lebte nicht von der Ehre allein, man wollte auch seine Behaglichkeit haben. Und so eine Prinzessin ... Donnerschock! – deren Wünsche und Bedürfnisse waren ihm denn doch zu fremd, als daß sie nicht peinvolle Ängste an seinem Geist erregt hätten. Nein, das Behagen – was man so das richtige Herzensglück nennt – worunter Herr Debberitz das Pflegen, Hüten und Umschmeicheln seiner werten Person verstand, das wäre von anderer Seite eher gesichert. Fräulein Hilde hielt sich in mädchenhafter Scheu und zuweilen sogar in trotziger Abwehr vor ihm zurück, er fand es begreiflich genug: sie wollte nicht, daß man ihr nachsage, sie laufe dem reichen Manne nach. Aber wenn bei reiche Mann sich zu ihr hinabneigte und das blutarme, adlige Fräulein zu seiner Gemahlin erheben würde – dagegen würde sie sich doch nicht wehren – nicht wahr? – Dagegen würde sich doch keine wehren! Übrigens blutarm? ... Dem Anschein nach wohl, indessen, ein überlegsamer Mann, wie er war, sah denn doch weiter. Besaß sie nicht eine Tante mit einem, wie er jetzt wußte, sehr beträchtlichen Vermögen, das nur zum kleinsten Teil auf Rauschenrode stand? Wer konnte Fräulein Trinette von Kosegarten hindern, mit Umgehung ihrer nähern Verwandten ihr Geld jener geliebten Nichte zu vermachen, wenn diese und ihr Gatte das alternde Fräulein mit Liebe und Aufmerksamkeit umgeben und ihr an ihrem häuslichen Herd eine Heimat bieten würden? Bei diesen Plänen überkam ihn doch nicht peinliche Angst. Sie konnten doch mit Mitteln, wie er sie bereits lange geübt hatte, gefördert werden. Und erteilte Herr Debberitz Tante Trinette bei ihren Spekulationsgelüsten sehr vorsichtigen und überlegsamen Rat, so geschah das nicht zum mindesten in dem Ausblick auf eine Zukunft, da ihm und seinen Kindern diese Gewinne einmal zugute kommen würden.

Hilde fühlte sich von einem stillen Einfluß umgeben, der sich bemühte, zugunsten von Debberitz zu wirken. Daß auch die Tante Marie sich vorzustellen vermochte, sie passe als Gattin zu Theodor Debberitz, kränkte sie unsäglich. War es nicht der Beweis, wie wenig Frau Marie, der sie in all ihren intimsten Sorgen und Nöten zur Seite gestanden hatte, es der Mühe wert gefunden, nun auch für ihr Wesen eine Art Verständnis zu gewinnen. Hilde empfand es daher mit einem Glück, dessen Heftigkeit sie zuweilen erschreckte, wenn Fritz bei den Unterhaltungen mit ihr, die er entschieden zu suchen schien, ihr mehr von den Erlebnissen und Erfahrungen der verflossenen elf Jahre mitteilte als seinen Eltern. Aber gleich sagte sie sich hart: Wie er Zipperjahn die goldene Uhr schenkte, so gibt er mir ein Stückchen von seiner Weltkenntnis ... gleichsam als Reisegeschenk ...

Einst saßen sie auf einem Hügel, von dem man das in den stillen Wiesen ruhende, von den Waldbergen umschlossene Dorf zu überschauen vermochte. Der westliche Himmelsrand war von schwarzem Wolkengetürm beladen, in fahlen Lichtern zuckte es aus dem Dunkel. Ein Heuwagen rasselte in die Dorfstraße, wo die Leute vor den Türen standen und nach dem Wetter schauten; die Hündchen kläfften, und die Kinder spielten.

»Wie man sich nach so etwas oft gesehnt hat,« sagte Fritz. »So eng und klein, wie das alles hier sein mag – es hat doch einen idyllischen Zauber wie alte Kindermärchen und Großmuttergeschichten.«

»Das Erbe von Jahrhunderten läßt sich auch in dir nicht so schnell verleugnen,« antwortete Hilde nachdenklich.

»Das merk ich heut wie nie zuvor,« gab Fritz zu. »Alte Instinkte und Geschmacksrichtungen wachen in mir auf, ich begreife Papa vollkommen, mit seinem Ärger und Haß gegen unsere Neuerungen. Siehst du, solchen Zwiespalt der Empfindungen, den kennt man in Amerika nicht. Dort zerstört man keine feine, alte Romantik. Die Welt ist für uns Junge da als unsere Beute und unser Eigentum, darum ist der Amerikaner durchschnittlich auch viel einfacher und unkomplizierter in seinem Denken und Empfinden und deshalb auch viel froher. – Ich glaube, Hilde, ich darf nicht zu lange hierbleiben, sonst komme ich aus meinem Gleis und werde ein sorgenvoller Kopfhänger, wie ihr es hier alle mehr oder minder waret, als ich wie eine Bombe zwischen euch platzte.« Hilde fuhr sein Wort wie ein wehtuender Stich durchs Herz. Während sie unter den ersten lauen Regentropfen heimgingen, fühlte sie, daß sie die Erinnerung dieser Stunde sorglich hegen werde in der nahenden Einsamkeit.

 

Und dann kam eine andere Abendstunde, die das feine goldene Freundschaftsgespinst, das sich zwischen beiden zu weben begonnen, gewaltsam zerriß. Es war in Niedernrode, und Mimi und August sollten am nächsten Morgen Hochzeit feiern. Die Nacht war erhellt von den schwebenden Leuchtkugeln aufsteigender Raketen, von dem Niederregnen tausendfarbiger Funkelsterne, von dem künstlichen Rot und Grün bengalischer Flammen, und die stillhauchende Sommerluft wurde bewegt von dem Geknatter, dem Gezisch und Geprassel wirbelnder Feuerräder, die zu Ehren des Brautpaares auf dem Platz vor dem Niedernroder Schloß abgebrannt wurden. Alle Parkwege waren durchschwärmt von hellen Gestalten, von rauschenden Seidenschleppen, von klirrenden Sporen, blitzenden Epauletten und funkelnden Uniformen, denn manches Pärchen unter der Jugend zog es vor, statt im Gedränge der Gäste und der Dorfleute das Feuerwerk zu schauen oder es mit den ältern Damen und Herren von den Fenstern aus zu genießen, das bunte Geleuchte durch den Schleier der grünen Parkbäume und Büsche in der Ferne aufglühen zu sehen. Schwebende Reihen vom Nachtwind hin und her geschaukelter japanischer Laternen hingen über den Wegen und schwangen sich in farbigen Bogen von Baum zu Baum, von Busch zu Busch. Eine Musikkapelle, die in dem weit geöffneten Gartensaal spielte, streute ihre schmeichlerischen Weisen wie abgerissene Ketten silberner Klangperlen durch die bewegte Mitternacht.

Da war es gewesen, daß Fritz, von Wein und Tanz erhitzt und in einer übermütigen, lustigen Stimmung, von seiner Mutter ausgesandt wurde, um Hilde zu suchen, der Frau von Kosegarten irgend etwas Dringliches mitzuteilen wünschte. Er war auf seinem Streifzug an manchem flüsternden und kichernden Pärchen vorübergekommen, und sein Blut wallte heiß in einer jähen Sehnsucht, das Mädchen zu finden, dessen er noch vor einer Stunde nur in brüderlichem Gleichmut gedacht hatte. Er traf sie endlich auf einer fernen Bank, eine schmale, weiße Erscheinung, die wie ein Nebelstreif aus dem Dunkel leuchtete.

»Hilde?« fragte er leise, sich zu vergewissern, denn sie hielt den Kopf tief gesenkt. Als sie ihn hob, sah er, daß ihr Gesicht von Tränen überflutet war.

»Hilde,« flüsterte er heiß und heftig, »du darfst nicht weinen! Du nicht!« Und er hob sie, mit dem Arm sie umschlingend, von der Bank, küßte ihr die Tränen von den Augen und küßte mit heißem Kuß auch ihren Mund. Er fühlte sie hingegeben sich in seinen Arm schmiegen, fühlte den warmen Mädchenkörper schauern und beben, während sie willenlos ihren Mund seinen Lippen bot und sich von seinem Kuß nicht zu trennen vermochte. Es war eine Sekunde wortlosen Genießens für beide. Dann rissen sie sich voneinander, blickten sich erschrocken an, und Fritz lachte ein wenig verlegen.

»Mama rief nach dir, da versprach ich, dich zu suchen,« sagte er verwirrt, nahm ihre Hand und versuchte sie leise zu streicheln. Sie aber entzog sie ihm hart und schnell.

»Ich komme,« stieß sie mit einem feindseligen Klang hervor und stürmte fliehenden Fußes den dunklen Gang entlang.

Er eilte ihr nach. »Hilde,« bat er an ihrer Seite, »sei mir nicht böse! Es war nur eine wilde Polterabendstimmung.«

»Ich – böse? – Warum sollte ich böse sein?« schluchzte sie heftig auf. »Kann ich mich wundern, wenn ihr denkt, ich sei zu jeder wilden Polterabendstimmung gut genug?« Sie stampfte mit dem Fuß und schüttelte die geballten Hände in der Luft hin und her, während ein Weinen wie ein langer Wehlaut aus ihrer Kehle drang.

»Um Gottes willen, Mädchen!« sagte Fritz leise und zornig, »gebärde dich doch nicht so! Ich habe dir doch in frühern Zeiten manchen Kuß gegeben. Warum hast du dich nicht gewehrt, wenn es dir nicht recht war?«

Sie flüchtete in den Schatten eines Baumes und drückte den Kopf gegen seine kühle Rinde.

»Ich bin ja unsinnig, ich weiß es ja,« stieß sie leidenschaftlich hervor. »Ich bin einmal ein unglückliches Geschöpf. Nimm mich nur, wenn du mich nehmen willst, ich wehre mich ja nicht. – Siehst du, da bin ich!« Sie wendete sich mit einem hastigen Ruck zu ihm, streckte ihm die Hände entgegen und zeigte ihm ihr blasses, tränenbetropftes und in Verzweiflung verzerrtes Gesicht.

»Da bin ich,« flüsterte sie heiser, heiß und feindlich, »die Beute für einen jeden, der mich will. Hörst du denn nicht?«

Mit zusammengebissenen Zähnen, von denen die roten Lippen sich zurückgeschoben hatten, starrte sie ihn atemlos an.

Fritz, plötzlich wieder ernst und ernüchtert, griff nach ihrem Handgelenk, schüttelte es derb, ohne jede Zärtlichkeit. »Bitte, komm zu dir, Hilde, aber schnell, hörst du? Ich habe kein Wort verstanden von dem, was du redest! Das laß dir gesagt sein. Für morgen!«

Sie stand, den Kopf tief gesenkt, wie ein gebändigtes armes Tier unter seiner scharfen Berührung.

»Fritz,« klagte sie leise, »kannst du dir nicht denken, wie es in mir aussieht?«

»Nein,« sagte er hart. »Wie soll ich mich in eure hysterischen Schmerzen versetzen können? Ich habe dich für ein verständiges Mädchen gehalten, und wenn ich dich nicht gern hätte, würde ich dich wohl auch nicht geküßt haben. Im übrigen sollst du in Zukunft nicht mehr über mich zu klagen haben.« Er verbeugte sich kurz und wies ihr mit einer Handbewegung den Vortritt, indem er zugleich andeutete, daß er sie durch seine Begleitung nicht belästigen werde.

»Mama erwartet dich oben im gelben Salon.«

Während Hilde, sich die Augen trocknend, unter den bunten, im Nachtwind schaukelnden japanischen Laternen dahineilte, war es ihr, als ob diese letzte Bemerkung ihres Vetters wie ein Befehl geklungen habe.

... Auch ihm bin ich weiter nichts als die arme Verwandte, die zu jedem Dienst bereit sein muß und sich noch freuen darf, eine gelegentliche Zärtlichkeit des jungen Herrn in Empfang zu nehmen, dachte sie in verzweifelter Verbitterung, und der nahe Abschied von Rauschenrode und von all den Menschen, die sie bisher geliebt hatte, dünkte ihr nun eine Erlösung aus unerträglicher Qual.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.