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Der Amerikaner

Gabriele Reuter: Der Amerikaner - Kapitel 6
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typefiction
authorGabriele Reuter
titleDer Amerikaner
publisherS. Fischer Verlag
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Sechstes Kapitel

»Also den ersten ernsthaften Käufer hat Papa die Treppe hinuntergeworfen?« Fritz blickte nachdenklich auf das glimmende Ende seiner Zigarre, während er mit der Mutter am Teich auf und nieder wandelte. »Das ist freilich eine merkwürdige Art, Geschäfte abzuschließen. Ich wollte, er spräche einmal offen mit mir über seine Angelegenheiten. Es ist dumm, daß auch mit August keine Verständigung möglich scheint. Er zeigt sich mir feindselig, es ist kaum an ihn heranzukommen, und ich weiß doch wahrhaftig nicht, was ich ihm getan haben kann.«

»Ach, Fritz,« sagte seine Mutter und machte ein schelmisches Gesicht, »das könnte ich dir schon verraten.«

»Nun?« fragte Fritz interessiert. »Ich wäre dir dankbar für einen Wink.«

»Eifersucht!« sagte Frau Marie, »simple männliche Eifersucht.«

»Ah,« machte Fritz überrascht, »Hilde?«

»Aber geh doch,« rief seine Mutter, »wo hast du denn deine Augen? Hilde kommt doch nicht in Betracht.«

»Ach so, hm ...,« sagte Fritz, »ich finde sie übrigens sehr hübsch! Reizvoller als in der ersten Jugend! Etwas Verschlossenes, Überlegenes ist in ihrem Gesicht, das unwillkürlich zur Enträtselung lockt ...« »Ja, sie ist ein liebes, gutes Mädchen,« antwortete Frau von Kosegarten verständnislos, »und uns wirklich treu ergeben. Ich wüßte gar nicht, was ich ohne Hilde anfangen sollte. Aber sie ist doch ganz von uns abhängig und so blutarm.«

Fritz lächelte ein wenig. »Nun bin ich auf der richtigen Fährte ... Nein, wenn August mir zutraut, daß ich als Mitgiftjäger hier auftreten will, dann irrt er sich. Auf diesem Gebiet sind meine Anschauungen doch zu sehr amerikanisch beeinflußt worden. Mimi war ja auch gestern bei unserm Besuch in Niedernrode so hoheitsvoll, wenn ich in ihre Nähe kam, daß ihn ihr Wesen allein schon völlig beruhigt haben könnte.«

»Ja, Fritz, ich verstand es auch nicht,« sagte Frau von Kosegarten und schüttelte den Kopf. »Wenn du die Freude von Mimi über deine Ankunft miterlebt hättest ...« »Ach, Mutti,« bemerkte Fritz leichthin, pflückte eine Maiblume und roch daran, »die Mädchen sind wunderliche Geschöpfe, man kennt sich niemals bei ihnen aus. Also, wenn's weiter nichts ist, da will ich schon mit August ins klare kommen. Wir müssen Hand in Hand arbeiten, wenn wir etwas erreichen wollen. Nämlich, Mutti – um hier mit dir zu sitzen, Kuchen zu essen und mich verziehen zu lassen, so famos wie es ist, dazu bin ich denn doch nicht nach Deutschland gekommen.«

»Na, wozu denn, mein Junge?« fragte Marie erstaunt und neugierig.

Fritz lachte vergnügt und blinzelte listig. »Das ist vorläufig mein Geheimnis und darf einem kleinen neugierigen Mutterchen nicht verraten werden. Was meinst du,« fuhr er scherzhaft ablenkend fort, »wenn ich mir einen Vollbart stehen ließe? Ob Papa dann mehr Vertrauen zu der Würde meiner Persönlichkeit bekäme?«

»Fritzchen, die Geschichte von dem Hasardspiel in Neuyork hättest du nicht erzählen sollen!«

»Die hat Papa wohl mißtrauisch gemacht? Na – habe ich mehr als fünf Dollar in der Tasche, weiß ich mir was Besseres als zu pokern. Das Spiel mit dem Leben hat auch seine Reize!«

»Es bleibt doch dabei, daß wir meinen Geburtstag im Rauschengrund feiern?« fragte Fritz seine Mutter, die aber machte ein sorgenvolles Gesicht. Der Weg zum Pavillon im Walde sei steil und beschwerlich für ihre alten Beine. Und Papa scheine ihr verdrießlich – er habe auch greulichen Ärger gehabt. Der fürchterliche Kerl, den er hinausgeworfen habe, sei, um sich zu rächen, mit Papas Hauptgläubiger in Verbindung getreten, und heute habe er ihm mitgeteilt, daß der Gläubiger die bedeutende erste Hypothek auf Rauschenrode an ihn verkauft habe. Fritz, der sehr aufmerksam zugehört hatte, meinte, dies sei nun wohl eine sehr weibliche Auffassung der Sache, denn aus Rache pflegten Kapitalisten selten Hypotheken aufzukaufen. Wie denn der Mann heiße?

»Gott, es ist doch der Sohn von dem Rechnungsführer Debberitz, den Papa entließ und der uns jahrelang schamlos bestohlen hatte.«

»Thete – Thete Debberitz! Mein alter Kamerad?« rief Fritz, ziemlich ungerührt von seiner Mutter Empörung. »Das interessiert mich ja kolossal! Also der Kerl hat Glück gehabt, wie mir scheint, mehr als ich. Nun, nach dem muß ich mich gleich einmal näher erkundigen!«

Fritz begleitete seine Mutter ins Haus zurück und ging dann, gemächlich einen amerikanischen Gassenhauer pfeifend, ins Dorf hinunter, wo die Kinder ihm in hellen Haufen nachliefen und die Alten vor die Tür traten, um ihn vorüberwandeln zu sehen.

 

Auf die Maibowle und das festliche Abendessen im Waldpavillon wollte Fritz nicht verzichten. Er fing beim Mittagstisch wieder davon an. »Meinen Geburtstag einmal zu feiern wie als Kind, darauf habe ich mich während der ganzen Überfahrt gefreut. Da waren drei alte Kerls, geriebene Hunde, smarte Geschäftsleute, sag ich euch – hatten was vor sich gebracht –, kamen nun auf ihre alten Tage noch einmal nach Deutschland hinüber. Sie redeten ein ganz verfluchtes Yankeedeutsch. Aber wie die ausgepichten Halunken auf ihre Leibgerichte aus der Kinderzeit zu reden kamen, wurden sie ganz gerührt. Es war köstlich anzuhören, wenn sie auf Deck beieinander saßen und Whisky und Soda tranken und alte, vergessene Geschichten von Zuhause hervorholten, und sich stritten, ob Eisbein mit Sauerkraut oder Spätzle mit Semmelbröseln den höchsten Genuß auf dieser Erde bildeten. Und wie die Hamburger Küste in Sicht kam, da tanzten sie einen Cakewalk vor Freude. Wir haben alle über sie gelacht, und dabei war's uns doch auch verteufelt kurios ums Herz.«

Er dachte einen Augenblick nach, während seine Mutter sich die Augen wischte und Hilde ihn freundlich beobachtete.

»Wie bringen wir Mutti die Höhe hinauf? Das ist jetzt die Frage! – Hilde, steht der alte Fahrstuhl von der Urgroßmutter nicht noch auf dem Boden?«

»Gewiß ist der noch da,« antwortete Hilde, »aber gänzlich unbenutzbar.«

»Da bringen wir ihn herunter und machen ihn eben wieder benutzbar, und dann fahre ich Mutti im Triumph den Heuberg hinauf. Was denkst du, ich habe doch einmal ein ganzes halbes Jahr Getreidesäcke geschleppt, da werde ich wohl ein altes Frauchen einen kleinen Harzberg hinaufschieben können. Also morgen um fünf Uhr Rendezvous im Pavillon. August, du reitest nach Niedernrode hinüber, um uns Mimi zu holen. Papa vergißt seine Sorgen und freut sich seines heimgekehrten Sohnes. Wer weiß, ob mich nicht übermorgen schon ein Telegramm wieder nach Neuyork ruft, dann werdet ihr sitzen und wehklagen, daß ihr meine werte Gegenwart nicht besser genossen habt. Zipperjahn, edler Knabe, bei dessen Taufe ich mir den ersten Rausch getrunken habe, was ist jetzt die Uhr?«

Zipperjahn zog mit strahlendem Gesicht seine goldene Uhr. Herr Fritz hatte – Zipperjahn konnte es immer noch nicht fassen – die eigene Uhr mit Kette von der eigenen Weste gelöst und ihm übergeben, als er am Tage der Ankunft ihn an das alte Versprechen zu mahnen wagte. Seitdem fragte jeder im Haus von der gnädigen Frau bis zum Abwaschmädchen Zipperjahn, wo man ihm auch begegnen mochte, wieviel Uhr es sei. Es fand sich, daß es noch nicht eins geschlagen hatte. Man aß für gewöhnlich nach ländlicher Sitte schon um zwölf Uhr zu Mittag.

Fritz begab sich mit seiner Kusine auf den Boden, um nach dem alten Stuhl zu fahnden.

Es war ein ganzes Labyrinth von Gängen, Kammern und weiten Räumen, das sie durchwandern mußten, vollgestopft mit den abgebrauchten Erinnerungen mehrerer Generationen.

»Wie's hier heimatlich riecht,« sagte Fritz, die Luft leicht durch die Nase ziehend, »so diese Mischung von Staub, Mottenpulver, altem Holzwerk und all den verschiedenen Lavendel-, Reseda- und Rosendüften, mit denen die Großmütter und Urgroßmütter hier ihre Brautkleider und die nicht mehr gebrauchte Kinderwäsche einzupacken pflegten. Weißt du, diesen wunderlichen Geruch alter Familienhäuser, den kannst du in ganz Amerika vergebens suchen. Als Junge berauschte er mich geradezu. Tausendmal war's uns verboten, hier oben zu spielen, und immer taten wir's wieder.«

»Es war so geheimnisvoll erregend,« sagte Hilde, »zwischen den alten Möbeln und Bildern und Kisten und Kasten sich zu verstecken und sich vorzustellen, daß man vielleicht nicht gefunden würde und die andern davonlaufen und zuschließen möchten und man hier einmal die ganze Nacht verbringen müßte.« »Nun, dann würde man sich eben auf das alte Sofa hier gelegt haben und würde friedlich eingeschlafen sein!«

»Nein, nein, Fritz,« sagte Hilde mit einer seltsam erregten Stimme, »man würde nicht friedlich eingeschlafen sein! Man würde ängstlich rufend zwischen all dem Gerümpel umhergeirrt sein. Man würde bebend und zitternd auf das Geknisper und Geknasper der Mäuse gehorcht haben und auf das Huschen der Fledermäuse. O, ich würde irrsinnig geworden sein vor Entsetzen! Ich muß es mir immer in allen Einzelheiten ausmalen, wie das gewesen wäre.«

»Jetzt noch?« fragte Fritz lächelnd. »Für solchen phantastischen Kindskopf hätte ich dich gar nicht gehalten, Hilde.«

»Jetzt noch!« wiederholte sie leise, und in ihren braunen Augen spiegelte sich etwas von dem Schrecken des Kindes. »Zuweilen, wenn es mir unten zu tageshell ist, steige ich hinauf in diese Dämmerung verlassener Erinnerungen und denke, wie wohl das innere Leben all dieser Menschen, die hier wertlose Reste ihrer Existenz zurückgelassen haben, beschaffen gewesen sein mag – ob es ihrem äußern Dasein glich oder einen trostlosen und beängstigenden Gegensatz dazu bildete.«

»Das sind kuriose Gedanken und ganz ungesund für ein junges Mädchen,« sagte Fritz, »aber das ist es ja: Ihr seid hier alle von zu viel Vergangenheit umgeben.«

Hilde atmete tief, ihr Vetter sah mit einiger Verwunderung, daß ihr ausdrucksvoller Mund sich leidend verzog.

»Wie können wir mit unserer Vergangenheit fertig werden?« fragte sie mit einem Ernst, der schwer in das leichte Geplauder fiel. »Freilich gäbe es ein Mittel, und das hat mir oft verlockend geschienen ...«

Fritz blickte das Mädchen aufmerksam an.

»Du bist nicht sehr glücklich, Hilde! Öde genug mag es ja manchmal sein, hier bei den alten Leuten zu sitzen und ihre Klagen anzuhören; aber nun eröffnen sich ja andere Aussichten für dich, und als Hofdame wirst du sicher mehr vom Leben sehen und dich besser unterhalten.«

Hilde zog die Brauen zusammen. »Deine Ironie kannst du dir ersparen,« sagte sie feindlich.

»Ich meinte das keineswegs ironisch,« verteidigte sich Fritz, »ich suchte mich nur auf deinen Standpunkt zu stellen!«

»Und welches ist mein Standpunkt?«

»Mein Gott, der eines deutschen jungen Mädchens und einer vernünftigen Familientochter, womit ich nur sagen will, daß du meinen Eltern wirklich die Tochter ersetzt hast ...«

»Man will mich dafür auch versorgen – als Hofdame,« murmelte sie undeutlich.

Er sah, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten.

»Ja, wenn dir der Plan keine Freude macht, warum gehst du denn darauf ein?«

»Was bleibt mir anderes übrig,« sagte sie gleichgültig. »Wenn Nauschenrode verkauft ist, werden deine Eltern in eine kleine Stadtwohnung ziehen; dort kann deine Mutter die Wirtschaft selbst versorgen, und ich bin gänzlich überflüssig.«

»Warum gehst du nicht lieber nach Amerika? Dort findet ein so tüchtiger Mensch, wie du es doch bist, sicher sein Brot.«

Hilde schüttelte den Kopf. »Das hätte ich vor zehn Jahren tun sollen, damals war ich drauf und dran, an dich zu schreiben und dich zu bitten, mir zu helfen.«

»Warum hast du es nicht getan?«

»Ich hatte keinen Mut. Und dann habe ich die entsetzliche Zeit hier durchgemacht und mich abgefunden, so gut es ging.«

»Welche entsetzliche Zeit?«

Hilde wurde sehr rot. Sie hatte geglaubt, ihr Vetter sei durch seine Mutter genau unterrichtet worden über ihre Demütigung. Nun stieg ein bitterer Ärger in ihr auf, daß sie überhaupt mit dem Wort an jene Erlebnisse gerührt hatte. Was gingen sie ihn denn an? »Laß die Vergangenheit schlafen!« sagte sie heftig.

»Waren meine Eltern doch nicht so gut und lieb zu dir wie zu einem eigenen Kinde?« fragte er.

»Ach – viel zu gut – in Liebe und Verzeihen bin ich eingewickelt, bis ich fast an der Dankbarkeit erstickte. Pfui ... nein, das hätte ich nicht sagen sollen.«

»Warum nicht – ich kann mir das so gut vorstellen,« meinte Fritz. »Vielleicht hättest du wirklich nicht im Hause bleiben sollen. Nun verstehe ich den Hofdamenplan auch besser ...«

»Ach,« rief Hilde mutlos, »heute bin ich viel zu müde und viel zu mürbe, um überhaupt noch etwas zu wollen. Ich lasse mich eben schieben, wohin das Schicksal mich schiebt. Ich bin nicht einmal hier oben in einem von den finstern Winkeln und Verliesen für immer verschwunden, wie ich's doch oft geträumt habe.«

»So arg war dir manchmal zumute?«

Sie nickte und schluckte ein wenig an Tränen, die sie nicht fließen lassen wollte.

»Ach, dummes Zeug,« rief sie dann in einem völlig andern Tone, »glaub nicht daran ... da drüben steht der Fahrstuhl, den wir suchen!«

Sie war Fritz dankbar, daß er nicht weiter auf das angeschlagene Thema einging, sondern einfach das alte Fahrgestell hervorzog und sich eingehend mit seiner Mechanik beschäftigte. Niemals hatte sie einem Menschen so viel von sich verraten, ein unwiderstehliches Verlangen, das fast einer Begierde glich, der nicht zu widerstehen war, hatte sie getrieben; nun schämte sie sich über sich selbst. Fritz hatte einiges Handwerkszeug mit heraufgebracht, schraubte die Räder ab und arbeitete mit der Gewandtheit eines Vielerfahrenen daran, sie wieder in Ordnung zu bringen. Er nahm Hildens Hilfe dabei unbefangen in Anspruch. Allmählich begann er bei seiner Arbeit einen drolligen Niggersong anzustimmen, und ihr wurde bei seiner selbstverständlichen und gelassenen Heiterkeit auch wieder wohler ums Herz.

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