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Der Amerikaner

Gabriele Reuter: Der Amerikaner - Kapitel 5
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typefiction
authorGabriele Reuter
titleDer Amerikaner
publisherS. Fischer Verlag
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Fünftes Kapitel

Trotz der behaglichen, weit eher bürgerlichen als feudalen Weise, in der das tägliche Dasein auf Rauschenrode sich abspielte, verstand man es, würdig zu repräsentieren, wenn die Gelegenheit sich bot. Die weißlackierten Flügeltüren waren geöffnet zwischen dem hellen Gartensaal und dem Eßsaal, dessen gewölbter Plafond auf blauem Grunde goldene Sterne zeigte, weil er einmal in frühern Jahrhunderten als Hauskapelle gedient hatte. Das lichte Blau stimmte gut zu dem strengen Weiß der Wände, der Eckschränke, der weißen Serviertische und der hochlehnigen weißen Stühle, die steif und symmetrisch die lange weiße Tafel mit ihrem reichen Blumenschmuck umgaben. Durch die Bogenfenster spielten die Sonnenstrahlen in lebensvollen Lichtern und Farben über Silber und Kristall, das Grün der Kastanien gab warme Töne hinzu, und stolz erhob der getriebene Silberhirsch, das alte Prunkstück der Familie, das Geweih. Schottenmaier mit dem hochgeschlossenen schwarzen Rock stand ernst wie ein Geheimrat zum Empfang der Herrschaften bereit. Zipperjahn blickte rosenrot mit seinem breiten Strohkopf aus der erbsfarbenen Livree. Zu feierlichen Gelegenheiten wurde als Dritter auch der Reitknecht Blaffke zum Servieren befohlen.

Mitten in den Vorbereitungen traf ein Befehl von Mamsell Wärmchen ein, die Herrschaften mit einem Gang durch den Park etwas zu beschäftigen, denn die jungen Gänse müßten noch ein halbes Stündchen prutzeln.

Als Herr von Kosegarten die Prinzessin am Arm die Treppe hinuntergeleitet hatte, machte er sie infolge dieser ihm zugeflüsterten Weisung in dem scherzhaft ehrerbietigen Tone, den er ihr gegenüber anzuschlagen pflegte, auf die neuangelegten Frühjahrsbeete aufmerksam, die sie durchaus besichtigen müsse, wenn sie seine Frau nicht tödlich kränken wolle. Und so begab man sich denn mit dem Gefolge, das nur aus einem Kammerherrn und einer Hofdame bestand, in den Park hinab zu einem Rundgang durch die Kastanienallee bis zum Taxusweg und wieder zurück.

Prinzessin Karoline, eine muntere, sehr starke Dame in einer jugendlich farbigen Toilette, ließ ihre langstielige Schildpattlorgnette kaum von den Augen und bewunderte, was man ihr zeigte, in einer fröhlichen, beinahe kindlich lebendigen Weise. Sie fand alles »nett, sehr nett« und plauderte und lachte mit ihrem alten Freunde Kosegarten ebenso vergnüglich über die Not der Landwirtschaft, über die Ansprüche der Sozialdemokratie wie über ihren beginnenden Rheumatismus und ihren neuen Frühjahrshut, den sie soeben von Paquin aus Paris erhalten hatte und den er als alter Kavalier geziemend bewunderte.

Abwechselnd mit der Schildpattlorgnette benutzte Prinzeß Karoline einen großen Fächer, auf dem ein spanischer Stierkampf abgebildet war, denn sie litt an Blutwallungen und war aus diesem Grunde stark gepudert. Der Fächer war das Geschenk einer spanischen Infantin, die Prinzessin Karoline in der glänzendsten Zeit ihres Lebens während eines Winteraufenthaltes am Wiener Hofe kennengelernt hatte. Die Erinnerungen vom Wiener Hofe bestritten noch jetzt, nach fast fünfundzwanzig Jahren, den Hauptinhalt ihrer Gespräche und bildeten wahrscheinlich noch mehr den Inhalt ihrer Gedanken. Sie war ein leichtlebiges, warmherziges Menschenkind und konnte diese Eigenschaften in der öden Eintönigkeit ihres prinzlichen Altjungferntums, das sich in unveränderlichem Kreislauf zwischen den drei Residenzen Langenrode, Hirschburg und Nassenstein bewegte, noch immer nicht ganz überwinden. Ja, es war ein offenes Geheimnis, daß Prinzessin Karoline durch ihre unzeitgemäßen Natürlichkeiten bisweilen zu einer Familienkalamität des herzoglichen Hauses wurde.

Um ihre vor fünfundzwanzig Jahren noch weniger gebändigte Lebenslust und Verschwendungssucht in Schranken zu halten, hatte man ihr damals zu jener Brautfahrt an den Wiener Hof als Begleiterin und fürsorgende Ratgeberin die ernste, sittenstrenge, zur Sparsamkeit veranlagte Trinette von Kosegarten beigegeben. Trinette entzog ihrer Schutzbefohlenen sofort den aufregenden chinesischen Tee und tränkte sie mit dem lindernden Gebräu der heimischen Erdbeerpflanze. Wieviel sie damit in der Milderung des allzu ungestümen fürstlichen Blutes geleistet hatte, blieb ungewiß. Prinzessin Karoline amüsierte sich prachtvoll in Wien. Der Ruf ihrer märchenhaften Toiletten drang durch alle Landsitze von Langenrode-Hirschburg-Nassenstein und wurde in den Harztälern von den frommen Edelfrauen mißbilligend besprochen. Aber aus der Heirat mit dem österreichischen Erzherzog wurde leider nichts. Es ging ein Gerücht, sein an Jahren bedeutend jüngerer Adjutant sei in irgendeiner Weise hindernd dazwischengetreten. Wien war weit von Langenrode, und so ließ sich denn dieses Gerücht natürlich nicht kontrollieren. Am Ende schickte man Prinzessin Karoline, mit kostbaren Geschenken reich bedacht, an das heimatliche Höfchen zurück. Sie feierte dort mit den glanzvollen Toiletten, dem Wiener Geplausch, das sie sich angeeignet hatte, und mit den kleinen Künsten einer muntern Koketterie noch einen längern Nachsommer. Sie war damals, sagen wir es gerade heraus, der Schrecken aller Mütter heranwachsender Söhne und mancher eifersüchtigen Ehefrau. Ja, es kam eine Zeit, in der Trinette es mit ihrem christlichen Sinne nicht mehr vereinigen konnte, einem so unbefangenen Weltkind zu dienen, und sich nach manchem innerlichen Kampfe definitiv in das Stift Altheiligenberge zurückzog.

Den eigentlichen, letzten Grund ihrer Trennung von der Prinzessin erfuhr niemand außer ihrem Bruder. Prinzessin Karoline hatte sie in einer schwachen Stunde dazu gebracht, ihr bare sechstausend Mark zu leihen, und nachdem die letzte Hoffnung geschwunden war, diese Summe durch den Herzog wiederzuerhalten, zog Trinette es vor, einer zweiten solchen Schröpfung ein für allemal zu entgehen.

Nach erfolgtem Rundgang durch den Park wurde Hilde im Gartensaal der Prinzessin vorgestellt. Die Hoheit erinnerte sich ihrer sehr wohl. Und Hilde hatte sich gar nicht verändert. Siebenundzwanzig Jahre war sie? Das richtige Alter für eine Hofdame. Das verjüngte Ebenbild ihrer Freundin Trinette.

Dieser Vergleich war freilich nicht besonders entzückend für Hildens Eitelkeit, obwohl die Sage in der Familie ging, Trinette wäre in ihrer Jugend einmal hübsch gewesen. Aber Hilde nahm solche Dinge humoristisch; sie wußte auch, daß man die Worte der hohen Herrschaften nicht eben auf die Goldwage legen dürfe.

Die verlängerte und mit Ei abgequirlte Hühnerbouillon reichte für alle Teilnehmer des ländlichen Frühstücks. Die jungen Gänse waren goldbraun und knusperig und machten Mamsell Wärmchens Kunst alle Ehre. Auch frische Gurken und junge Kartoffeln gab es aus den Treibkästen. Prinzessin Karoline begeisterte sich an der Nachricht, daß Hilde es war, die nicht nur das Menü zusammengestellt, sondern auch die Gänse gezüchtet und die Oberleitung über die Treibkästen besorgt habe. Es war die Rede davon, daß man der Prinzessin ein kleines Schlößchen mit einem schönen Garten und Gewächshäusern, das die fürstliche Familie in einer der zierlichen Harzstädte besaß, zum ständigen Aufenthalt einräumen wolle. Prinzessin Karoline betrachtete dies ungefähr wie eine Verbannung nach Sibirien. Plötzlich aber begann sie die Sache »nett, sehr nett« zu finden und berauschte sich wie ein kleines Mädchen, das ein neues Fräulein bekommt, an den gärtnerischen und landwirtschaftlichen Taten, die sie dort mit ihrer Hofdame zusammen ausführen wollte. Ja, Hühner, Gänse und Fasanen wollte sie ziehen. Sie schlug auch Kiebitze vor wegen der guten Kiebitzeier, wurde aber unter diskretem Gelächter der Tafelrunde belehrt, daß diese Vögel nur in der Freiheit der Moore und Heiden Norddeutschlands zu gedeihen vermöchten. Prinzessin Karoline ließ sich solche kleinen Zurechtweisungen gutmütig gefallen. Sie pflegte zu sagen, daß sie kein Gewicht darauf lege, für eine von den modernen gelehrten Frauen gehalten zu werden, die in der Naturwissenschaft wie in der Geographie Bescheid wissen müßten. Sie brachte so viel Frische und Lustigkeit in die Unterhaltung, daß sie darüber nicht bemerkte, wie zerstreut ihre Gastgeber daran teilnahmen. Sie fragte nach Augusts Verbleib und hörte, daß er sich in dringenden Geschäften habe entfernen müssen. Sie fragte auch nach Nachrichten von dem fernen Amerikaner, worauf plötzlich ein unbehagliches, ja erschreckendes Schweigen am Tisch entstand.

Prinzessin Karoline blickte durch ihre Schildpattlorgnette rings um sich her und fragte: »Ich habe doch wohl nicht eine Dummheit gesagt?« Und dann beugte sie sich zu Trinette vor, die ihr gegenübersaß, und flüsterte hörbar: »Der junge Mann ist doch nicht etwa krank oder gar gestorben?« »Nein, Gott sei Dank, nein,« antwortete ihr Kosegarten mit einem etwas tiefern Atemzug, »aber Freude macht er uns auch nicht. Man muß die Dinge nehmen, wie sie kommen, ja, das Leben ist einmal putzwunderlich. Es wird wohl Zeit, daß man sich zu seinen Vätern in die Gruft legt!«

Die Prinzessin stieß einen kleinen Entsetzensschrei aus. »Um Gottes willen, cher ami!« rief sie, und die Schildpattlorgnette fiel klirrend in ihren Schoß, »reden Sie doch nicht solche abscheulichen Dinge! Sterben – krank sein – alt werden ... gar nicht nett, gar nicht nett! Denke nicht gern daran! ... Jugend hat keine Tugend. Der Herr Sohn wird ein wenig leichtsinnig gewesen sein – eh bien – die Leichtsinnigsten sind die Liebenswertesten. Erinnere mich seiner als Page: scharmanter Junge!«

»Wir dürfen wohl unsern Maßstab nicht an jene Existenzen dort drüben legen,« mischte sich der blonde Kammerherr, der die Prinzessin begleitet hatte, ins Gespräch, »es verrücken sich ja jetzt auch bei uns die Anschauungen über die Gebiete, die dem Edelmann zur Verwendung seiner Kraft zustehen, um ein bedeutendes.«

»Ja, ja,« gab Kosegarten zu und faßte seinen grauen Bart mit der knochigen Hand, als müßte er dort irgendwie eine Stütze suchen, »das meint August auch. Ich weiß nicht, was man dazu sagen soll. Mögen die Jungen ihr Heil versuchen ... Mit der Landwirtschaft ist nichts mehr anzufangen – das haben wir Alten ja schon. Schockschwerenot – zum Deibel nicht noch einmal – genugsam erfahren!«

»Hoheit äußerten sich neulich interessiert,« begann der Kammerherr vorsichtig, »zu erfahren, welche Art von industriellem Unternehmen Ihr Sohn August nun auf Rauschenrode eröffnen wird?«

»Ach ja, kolossal interessant,« rief die Prinzessin, »Industrie ist Trumpf, meint mein Bruder, der Herzog!« Kosegarten ließ seine blauen, bekümmerten Augen auf ihr weilen. »Zu einem industriellen Unternehmen gehört bekanntlich Geld,« bemerkte er, »und wo August das hernehmen will, ist mir schleierhaft. Aber das ist ja seine Sache, ich mische mich da nicht ein!«

»Geld ...« seufzte die Prinzessin, »das ist ein so schreckliches Wort Vraiment. lieber Kosegarten, ich hasse dieses Wort! Es stört und hindert mich immerfort zu tun, was ich möchte.«

Kosegarten lachte und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ein verfluchtes Wort! Wissen Hoheit, daß es heutzutage geradezu unanständig, pöbelhaft ist, Geld zu haben!«

Und nun lachten sie beide, und die Prinzessin rief: »Superbe! Unanständig ist es, Geld zu haben! Das sage ich auch! – Mein lieber Kosegarten, wir verstehen uns noch ebensogut wie vor zwanzig Jahren, als wir Walzer miteinander tanzten!«

»Man ist alt, steif und faul geworden,« sagte Kosegarten resigniert. »Aber Hoheit haben sich gehalten ... diese Augen –«

»Na ja, die Augen ...« fiel die Prinzessin ein, »aber was tue ich mit den Augen allein! Eine arme, alte, fette, sitzengebliebene Prinzessin! Gar nicht nett, lieber Kosegarten, gar nicht nett! Reden wir von etwas anderm, reden wir von der Jugend! Womit hat denn Ihr Sohn in Amerika eigentlich sein Glück gemacht?«

Die Frage kam so überraschend, daß sie Kosegarten förmlich verblüffte und er im Augenblick keine Antwort wußte. Er zog die Brauen hoch, blickte die Prinzessin verwirrt an und brummte unsicher: »Glück gemacht? Na, das ist nu solche Sache!«

Trinette aber vergaß in diesem Augenblick ihre höfische Gewandtheit nicht. Sie beugte sich vor und sagte etwas obenhin, wie man von selbstverständlichen Dingen spricht: »Mein Neffe hat leider große Verluste in seinem Geschäft erleiden müssen, politische Konstellationen, die dort drüben ja immer in den Handel mit hineinspielen. Aber, Gott sei Dank, er ist momentan ganz wieder auf der Höhe ... Wir haben die Aussicht, ihn in kurzer Zeit hier zu einem flüchtigen Besuch bei seinen Eltern zu erwarten.«

»Nein, was Sie sagen!« rief die Prinzessin begeistert und schlug die kleinen, weißen Händchen wie ein Kind zusammen. »Meine liebe Frau von Kosegarten, warum haben Sie mir das nicht längst erzählt? – Das ist ja eine große Freude für Sie!«

Frau von Kosegarten bekam nasse Augen. Ein wehmütiges Lächeln, das nicht gerade nach Freude aussah, glitt über ihr gutes Gesicht.

»Ich verstehe,« sagte die Prinzessin weich und herzlich. »Erinnerungen ... Müssen überwunden werden! Vergessen sich vor der Gegenwart! Was führt ihn denn nach der Heimat?«

Beide Eltern wagten nicht zu antworten und sahen erwartungsvoll auf Tante Trinette mit ihrer Weltgewandtheit. Sie erhob den Kopf, reckte den Hals lang und dünn aus dem vergilbten Pointkragen, und indem sie mit einem umfassenden Blick alle Anwesenden gleichsam unter ihre eigene Anschauung der Dinge beugte, sagte sie langsam: »Mein Neffe hat neue Geschäftsverbindungen in Deutschland angeknüpft. Er hat Kohlenlieferungen für den »Norddeutschen Lloyd« übernommen. Hoheit entsinnen sich ... der »Norddeutsche Lloyd« – sehr protegiert von Majestät!«

»Kohlenlieferungen ...« wiederholte die Prinzessin, durch das feierliche Wesen Trinettens beinahe eingeschüchtert, »wie interessant, wie zeitgemäß! Das ist ja nett, sehr nett!« Sie überhörte den tiefen Seufzer, der Frau Marie entfuhr, und plauderte vergnüglich weiter: »Meine liebe Frau von Kosegarten, wenn Ihr Sohn hier ist, wundern Sie sich nicht, wenn ich Sie plötzlich überfalle und um eine Tasse Tee bitte. Es muß ja höchst spannend sein, ihn erzählen zu hören! Als ich in Wien war, schilderte mir ein Afrikareisender, wie er unter den Tatzen eines Löwen gelegen habe. Vielleicht war es nicht wahr, aber immerhin, der Mann verstand Konversation zu machen.«

Man erhob sich und beschloß, den Kaffee um des so hellen warmen Tages willen auf der Rampe vor dem Gartensaal einzunehmen.

Prinzessin Karoline hatte kein Bedürfnis, länger zu sitzen. Sie bewegte sich, ihre kleine Mokkatasse in der Hand, unaufhörlich zwischen der Rampe und dem Gartensaal hin und her, bewunderte die Sammlung seltener Porzellane in den Eckschränken und sprach freundliche Worte zu Hilde.

»Ich glaube, wir haben manches Ähnliche miteinander,« sagte sie und blickte ihr lächelnd in die Augen, »ich hoffe, wir werden uns gut verstehen. Ich liebe die Steifheit durchaus nicht, mein liebes Kind. Geben Sie sich ganz natürlich – menschlich – schenken Sie mir Ihr Vertrauen!«

Hilde verneigte sich errötend. Was sollte sie von dieser kleinen Anrede halten? Sie hatte Tante Trinette energisch gesagt, sie werde nur unter der Bedingung die Hofdamenstellung annehmen, daß man der Prinzessin jenes Vorkommnis in Langenrode nicht verschweige. War dies die Antwort darauf?

Die Prinzessin nahm ihre Freundin Trinette unter den Arm. »Meine Beste, ich habe noch nichts von dir gehabt, laß uns ein wenig gemütlich plaudern!«

Auf diesen Wink zog sich das Kosegartensche Ehepaar mit den Begleitern der Prinzessin und Hilde aus Hörweite der Jugendfreundinnen zurück. Kosegarten bemühte sich, das ältliche Hoffräulein und den blonden Kammerherrn durch lange, von manchem Kernwort gewürzte Jagdgeschichten zu unterhalten. Marie wollte von Hilde hören, warum Mimi nicht geblieben sei und was dieser eilige Aufbruch zu bedeuten habe. Hilde war spärlich und zurückhaltend in ihren Mitteilungen über die zwischen ihr und Mimi stattgefundenen Gespräche. Beunruhigt blickte sie zuweilen zu den Damen hinüber, die mit gedämpften Stimmen ein augenscheinlich nicht gleichgültiges Thema verhandelten. Sie fühlte, daß sie selbst dieses Thema bildete.

Die Prinzessin äußerte sich liebenswürdig über das junge Mädchen.

»Aber da ist ein Punkt, meine Liebe, den ich nicht gern berühre, und den ich trotzdem erwähnen muß ...« Trinette senkte die Lider über ihre blassen und doch scharfen Augen.

»Hoheit?« fragte sie abwartend.

»Ja, nun, ich sprach neulich gegen einige Herren die Absicht aus, mir deine Nichte zu attachieren. Die Herren lächelten, Trinette. Es ist nicht gut, wenn Herren bei dem Namen eines jungen Mädchens zu lächeln beginnen ...«

»Ich bin ganz der Meinung von Hoheit,« pflichtete ihr Trinette bei, »aber haben Hoheit noch nie die Klatschsucht an Fürstenhöfen – ich will ja nicht sagen kennengelernt – aber doch beobachtet? Bis zu Hoheits reiner Höhe würde ja dieser trübe Schlamm nie zu dringen wagen ...«

Die Prinzessin kniff mit einer gassenjungenartigen Bewegung ihr linkes Auge zu und sagte leichthin: »Der trübe Schlamm wagt manches, was man ihm nicht zugetraut hätte ... übrigens habe ich mich erkundigt ... man kann deiner Nichte nichts Tatsächliches nachsagen.«

Trinette hob die Lider wieder und beugte sich so zärtlich, wie ihre steife Gestalt es zuließ, zur Hoheit hinüber. »Wäre ich nicht von der Herzensreinheit meiner Nichte überzeugt,« sagte sie eindringlich, »wie würde ich sie für den verantwortlichen Posten einer Hofdame bei meiner geliebten Hoheit vorgeschlagen haben? Der Neid in Langenrode über die Güte, die die hohen Herrschaften unserer Familie stets erwiesen haben, die Eifersucht gewisser Damen ... dadurch ist das ganze Gerede verursacht. Ich will zugeben, daß Hilde unvorsichtig war; sie hat sich von einem Manne den Hof machen lassen, der wie Graf Kessenbrock in dem Ruf eines Lebemannes stand. Ich bin der Ansicht, das hätte nicht sein sollen.«

Die Prinzessin schüttelte den Kopf und lachte. »Noch immer so streng, meine Gute?«

»Ich bin nicht streng in diesem Falle,« verteidigte sich Trinette, »ich entschuldige Hilde mit ihrer Jugend, mit ihrer Unbeschütztheit; ich war damals unglücklicherweise in Altheiligenberge. Meine Schwägerin, halb besinnungslos durch den Schmerz des Abschieds von ihrem Sohn, kümmerte sich wenig oder gar nicht um das junge Mädchen. Es war Hildens Unschuld, die sie unvorsichtig sein ließ.«

In das rote, überpuderte Gesicht der Prinzessin schlich sich ein weicher, gerührter Ausdruck.

»Das war hübsch ausgedrückt, Trinette,« sagte sie leise mit einer wunderlichen Bewegtheit in der Stimme. Gleich darauf aber meinte sie kühler und ein wenig ironisch: »Es versteht sich von selbst, daß die Liebeleien der jungen Mädchen von Stand immer unschuldig sind. Warum sollte deine Nichte allein eine Ausnahme gemacht haben?«

»Ich kenne meine Nichte,« versicherte Trinette, »so gut, wie ich meine teure Hoheit zu kennen mich unterfange.«

Da brach die Hoheit in ein unmotiviertes, helles Gelächter aus.

»Du kennst mich, Trmette? Sehr gut! Sehr gut! Du kennst mich wirklich durch und durch? ... Nun, lassen wir das! – Es ist nur eine Fatalität zu bedenken: deine Nichte war damals im Haus des Oberforstmeisters von Leuchtenberg zu Besuch. Soviel ich weiß, schickte Frau von Leuchtenberg die junge Kosegarten mit Protest nach Hause zurück, weil die Kammerjungfer oder der Bursche, oder – que sais je – weil irgend jemand von den Leuten das Fräulein einmal im Stall bei den Pferden des Grafen getroffen haben soll. Mon Dieu, bei den Pferden...«

Die Prinzessin kicherte. Auch Trinette lachte ärgerlich.

»Graf Kessenbrock hatte ja damals seinen Rennstall längst aufgegeben. Dies alles stimmt nicht im mindesten. Es war die Zeit, wo der Graf bereits unter Kuratel gestellt wurde,« beteuerte sie lebhaft.

Die Prinzessin legte ihre beiden Hände zusammen, senkte den Kopf auf die Brust und blickte ihre alte Hofdame von unten herauf lustig spöttisch an. Sie sah beinahe klug aus in diesem Augenblick, die Prinzessin Karoline.

» Tres bien, halten wir das fest! Der Rennstall des Grafen Kessenbrock war bereits aufgelöst. – Aber die Tatsache bleibt bestehen: Frau von Leuchtenberg hat das junge Mädchen ihren Verwandten zurückgeschickt, und Frau von Leuchtenberg ist seit kurzem Oberhofmeisterin bei meiner jungen Schwägerin. Das ist sehr, sehr schade!«

»Hoheit sind doch wohl in der Lage, sich Ihre Hofdame nach eigenem Willen aussuchen zu dürfen,« bemerkte Trinette scharf und überredend.

»Ach,« klagte die Prinzessin, »ich wäre wohl in der Lage, aber man redet mir doch sehr viel dringender zu, die Gräfin Audorf zu engagieren ...«

»Eine entsetzliche, verfettete Person die Audorf... Unmöglich!« rief Trinette empört. »Hoheit brauchen Jugend, Frische, Munterkeit in Ihrer Umgebung!«

»Man gönnt es mir nicht, Trinette, man gönnt es mir nicht! O, meine Trinette, jene Wiener Tage! – Ich muß mich gegen die Dame mit meinem Bruder, dem Herzog, verbünden! Er mag die Fetten auch nicht. Und dann wünscht er den Kosegartens auf diese Weise gefällig zu sein.«

»Und in anderer Weise ...?« warf Trinette lauernd ein.

»Ist leider wenig Neigung vorhanden, meine Beste!«

»O,« rief Trinette, und ihr lederfarbenes Gesicht brachte es fertig, vor Erregung zu erröten, »das dürfen Hoheit mir nicht sagen! Soll dieses Gut, das sechshundert Jahre in der Familie war, unter den Hammer kommen? Soll eine alte Familie, die ihrem Fürstenhause so treu ergeben ist, außer Landes gehen?«

Die Prinzessin wehte sich mit dem Fächer, auf dem ein spanisches Stiergefecht abgebildet war, Kühlung zu.

»Der Eßsaal in Nassenstein ist neu hergerichtet, Weiß mit Gold. Nett, sehr nett! Tiefe Ebbe in der herzoglichen Kasse. Und meine Schwägerin hat neuerdings die Anschauung, es hindere den Verkehr mit adligen Familien des Landes, wenn sie ihnen Geld borge; sie könne dann nicht mehr mit ihnen an dem gleichen Tisch essen. Ich muß gestehen, diese moderne Sensibilität ist mir fremd. Ich könnte ruhig weiter mit meiner Schwägerin am selben Tisch essen, wenn sie mir aus meinen pekuniären Verlegenheiten geholfen hätte. Das sind übertriebene Anschauungen – gar nicht nett, gar nicht nett!«

Die Prinzessin erhob sich aus dem niedrigen Lehnstuhl, um sich wieder ihren Gastgebern zuzuwenden. Trotz ihrer natürlichen Güte verstand sie es, in fürstlicher Weise ein Gespräch, das ihr unbequem wurde, zur rechten Zeit abzuschneiden.

In diesem Augenblick geschah etwas ganz Unerwartetes.

Durch das geöffnete schmiedeeiserne Tor brauste fauchend und stampfend ein rotlackiertes Automobil, lenkte in elegantem Bogen um den Kiesplatz und hielt vor der Rampe.

»Mon Dieu, lieber Kosegarten,« rief die Prinzessin freudig erregt, was bekommen Sie für mondänen Besuch!«

»Das kann nur ein Käufer für Rauschenrode sein!« entfuhr es Frau Marie, die sich bisher fast unhöflich still verhalten hatte.

Eine gewisse Spannung ergriff die ganze Gesellschaft.

Kosegarten näherte sich der Freitreppe, die durch wenige Stufen die Verbindung zwischen ihm und diesem rätselhaften Besuch darstellte. In dem Automobil erhob sich ein Herr, den eine Schutzbrille, Lederkappe und Gummimantel gänzlich verhüllten. Seine und des Chauffeurs Kleider und überhaupt die ganze Maschine waren von so dicken Staublagen bedeckt, daß man sah, die Fahrt mußte weit gewesen sein. Der Herr öffnete mit schnellem Griffe die Tür, sprang im Augenblick, als das Automobil hielt, mit geschicktem Satz hinaus, eilte die wenigen Stufen hinan, legte Kosegarten beide Hände auf die Schultern und sagte mit einer Stimme, die allen plötzlich erschütternd bekannt war: »Papa, ich darf doch wiederkommen?«

Obwohl Kosegarten darauf vorbereitet war, seinen Sohn am heutigen Tage noch wiederzusehen, überwältigte ihn doch dessen plötzliches Erscheinen in dieser unvorhergesehenen Weise so sehr, daß er nur verwirrt stammelte: »Junge, Junge, was soll man denn dazu sagen?«

Marie stieß einen Ton zwischen Lachen und Schluchzen aus, wollte vorstürzen, taumelte mit ausgestreckten Händen vor Freude schwindelnd hin und her und wurde von Fritzens kräftigen Armen aufgefangen. Er hielt sie lange fest umschlungen, und sie hörte mit geschlossenen Augen in halber Ohnmacht an ihrem Ohr die leisen, zärtlichen Worte, nach denen sie sich so viele Jahre gesehnt hatte.

Prinzessin Karoline aber saß in ihrem Lehnstuhl, die langstielige Lorgnette vor den Augen wie in einem Theater, und rief begeistert: »Familienglück, nein, wie interessant! Nein, wie ist das nett – sehr nett!« Es fehlte nicht viel, sie hätte in die Hände geklatscht und applaudiert.

Schottenmaier kam mit einer Eile, zu der er sich sonst selten aufschwang, aus dem Speisesaal herbeigestürzt. Fritz rief ihm entgegen: »Hallo, alter Kunde, kennst du mich noch?! Nimm mir einmal das Ungetüm von Mantel ab!«

Auf diese Weise löste sich glücklich die beklommene Ergriffenheit des Augenblicks.

Fritz, der nun, seiner bergenden Hüllen entledigt, vor den Eltern stand, war eine Erscheinung, die so wenig Tragisches oder Sentimentales an sich trug, daß sie mit einem Schlage die Stimmung, mit der die Familie seinem Kommen entgegengesehen hatte, völlig umwandelte. Dieser schlanke, sehnige Mann mit den etwas tiefliegenden Augen und dem schmalen, gebräunten, energischen Gesicht, dem der kurz über den Lippen verschnittene Bart und ein gewisser Zug, der im Augenblick schwer zu erklären gewesen wäre, etwas entschieden Amerikanisches verliehen, machte keineswegs den Eindruck eines heruntergekommenen oder bedauernswürdigen Individuums. Der hellgraue Anzug brachte die Vorzüge seiner gut gewachsenen, magern Figur zu voller Geltung. In der aparten Krawatte, den bunten Strümpfen und den eleganten, exotisch geformten Halbschuhen brachte er sogar ein wenig von dem muntern Geckentum, das er einst mit hinübergenommen hatte, unverdorben über den Ozean zurück. Seiner Mutter Auge hing mit liebevollster Bewunderung an ihm, und während sie immer wieder seinen Arm, seine Schulter streichelte, sanken von ihrem Herzen unendliche Lasten von Sorge und Gram wie linde tauender Schnee in sich selbst zusammen.

Dem alten Herrn wandelte sich die Bewegung zu einer Art komischen Zornes über die Aufregung und Verzweiflung dieses ganzen Tages.

»Nun sag mal, Kerl,« schrie er den Sohn mit seiner wütendsten Stimme an, »was für eine Hundekomödie spielst du uns eigentlich vor? Mutter weint sich die Augen rot, sieht dich verlumpt und verhungert im Straßengraben liegen, dabei flitzest du in dem Aufzuge eines kleinen Millionärs durchs Land! Schockschwerenot, das ist doch toll! Das braucht man sich doch von seinen Kindern nicht gefallen zu lassen!« Dabei brach er in ein lautes, befriedigtes Lachen aus und mußte sein Taschentuch hervorziehen, um sich die Augen zu trocknen.

Inzwischen hatten sich die Begleiter der Prinzessin mit diskretem Geflüster ihrer Herrin genaht: es sei doch wohl an der Zeit, sich zurückzuziehen und die Familie ihrer Wiedersehensfreude allein zu überlassen.

Die Hoheit aber rebellierte laut und energisch: »Jetzt soll ich fortfahren, wo es hier so reizend ist? Fällt mir nicht ein! So etwas hab ich ja noch nie erlebt! Das ist ja viel amüsanter als Ballett und Oper. Nein, liebe Frau von Kosegarten, nicht wahr. Sie schicken mich nicht fort? Ich will Sie auch gar nicht stören ... Oder störe ich Sie?« wendete sie sich zu dem jungen Manne.

»Mich? –« rief Fritz, »– o, mich stört so leicht niemand, wenn ich mich nicht stören lassen will. Betrachten Sie nur ruhig dieses fremdländische Gewächs noch ein wenig, wenn es Ihnen Freude macht.«

Die Prinzessin lachte plötzlich laut auf. Sie hatte gehört, daß Fritz den Vater fragte: »Wer ist denn die fidele alte Dame?«

Fräulein Trinette erhob sich entsetzt, eilte auf ihn zu und hauchte mahnend: »Um Gottes willen – es ist ja die Prinzessin Karoline!«

»By Jove, Tante Trinette und ihre Hoheit!« rief der Amerikaner fröhlich, »Kinder, habt ihr die ganze Zeit hier beieinander gesessen? – Tante, du hast dich konserviert! Wie in Spiritus gesetzt! Na, nicht böse sein, ich habe die Salonmanieren ein bißchen vergessen. Hoheit müssen schon entschuldigen!«

»Ach – entschuldigen!« rief Prinzessin Karoline mit jugendlich strahlenden Augen und reichte ihm beide Hände, »ich bin ja begeistert, einfach begeistert! Und Sie waren auf den Goldfeldern, auf den Goldfeldern! Wenn man nur daran denkt!«–

»Kupfer, Hoheit, es war nur Kupfer –«

»Stören Sie mir doch meine Illusionen nicht! Sie müssen mir alles genau erzählen, alles, hören Sie? Auch was man Damen sonst nicht erzählt, Sie müssen ganz vergessen, daß ich leider eine Prinzessin bin!«

»Aber gewiß, gern,« rief Fritz munter. »Ich bin zu den unglaublichsten Jagdgeschichten bereit und verspreche, daß ich aufschneiden will wie ein alter Seebär. Nur ... jetzt muß ich erst einmal meine Kusine Hilde und die ganze Bande begrüßen, die da hinter der Tür steht und sich nicht hereintraut. Also vorwärts!«

Es drang ein ganzer Strom von neugierig aufgeregten Leuten vom Flur in den Gartensaal. Von Mamsell Wärmchen an bis zu Zipperjahn und dem Hütejungen auf dem Hofe kamen sie angelaufen, den Sohn des Hauses zu begrüßen. Fritz schüttelte nach allen Seiten die Hände, klopfte die Schultern, kannte fast einen jeden wieder und erinnerte sich zum Entzücken der Leute an zahllose kleine Erlebnisse aus der Kinderzeit, die ihn mit diesem und dem besonders verbanden.

Prinzessin Karoline verschlang ihn fast mit den Augen. »Prachtvoller Kerl!« murmelte sie selbstvergessen. »Diese Schenkel!«

»Ein kleiner Fuß ist uns Familieneigentümlichkeit!« fiel ihr Trinette eilig ins Wort.

Die Hofdame du Jour zog wie in plötzlichem Schmerz die Schultern in die Höhe und flüsterte indigniert zu dem Kammerherrn. Es war wirklich hohe Zeit, daß man die Prinzessin entfernte. Sie wurde einmal wieder peinlich. Daß sie es doch niemals lernte, sich zu beherrschen!

Nein, Fritz dankte für Mittagessen, er hatte sich in Magdeburg versorgt, aber eine Tasse Kaffee nahm er gern, und Mamas historischer Napfkuchen, by Jove, der schmeckte noch genau wie vor elf Jahren. Er blickte umher und schüttelte den Kopf. »Alles noch an seinem alten Fleck, wie verzaubert ... Ja ... Heimat! Kurios, kurios ...«

Er öffnete die Tür zum Eßsaal, er trat an den Schrank mit dem alten Porzellan und betrachtete die Familienporträts über dem großen Sofa. Und dann kehrte er wieder, die Hände in den Hosentaschen, mit einem Schlüsselbund und losem Gelde klappernd, setzte sich in den Kreis und begann zu erzählen, daß er von dem alten Chausseewärter Mähle, den er nach dem Wege gefragt und der ihn wahrhaftig an der Stimme erkannt hätte, erfahren habe, August sei nach dem Bahnhof, ihn zu empfangen. Da habe er den Alten hinterher geschickt, und nun müsse August ja wohl auch bald hier sein.

»Und wo hast du das Auto gestohlen?« fragte Hilde, den Vetter neugierig und erfreut betrachtend.

Er sah sie nun eigentlich zum erstenmal an. »Hallo, altes Mädel, immer noch streitsüchtig? – Das mit dem Auto ist eine eigene Geschichte ...«

»Erzählen, erzählen!« rief die Prinzessin.

»Schade, Hoheit, es kommt nicht ein kleinwinziger Mord darin vor,« meinte Fritz gemütlich und lehnte sich ein wenig gegen seine Mutter, damit es ihr leichter wurde, seine Hand an ihre Wange zu drücken.

»Na, laß nur, Mutti,« tröstete er, »du siehst ja, verhungert bin ich noch nicht!«

»Leicht ist es nicht,« begann Kosegarten, »sich von deiner Lage einen klaren, richtigen Begriff zu machen.«

»Zugegeben,« rief Fritz, »habe selber keinen! Eine Weile stand es schlimm genug ... Man muß die Dinge nicht tragisch nehmen.«

»Aber dann kam das Glück doch wieder,« rief Prinzessin Karoline, die begierig zuhörte, »als Sie die Kohlenlieferungen für den »Norddeutschen Lloyd« erhielten!«

»Kohlenlieferungen?« fragte Fritz befremdet, während Hilde zu kichern begann und sich das Tuch vors Gesicht hielt, um ihre unzeitige Fröhlichkeit zu unterdrücken. »Von Kohlenlieferungen weiß ich nichts, das muß wohl ein Mißverständnis sein.«

»Nein, nein, Ihre Tante hat es mir noch eben erzählt; seien Sie doch nicht so diskret, der »Norddeutsche Lloyd« ist doch etwas ganz Großartiges, Sie sehen, ich weiß schon Bescheid.«

Seine Mutter beugte sich zu Fritzens Ohr und flüsterte ihm einige Worte zu. Er brach in ein unbezwingliches, lautes, knabenhaftes Gelächter aus, er konnte sich gar nicht fassen vor Heiterkeit. »Tante Trinette, daran erkenne ich dich wieder! Diese Umschreibung ist ja unbezahlbar. Ich wollte, deine Phantasien hätten die Kraft, sich in Wirklichkeit umzusetzen, das wäre eine feine Sache. Aber sehen Sie, Hoheit, die Geschichte verhielt sich ganz anders. Und nun sollen Sie die Wirklichkeit hören. Es kann Ihnen gar nicht schaden, wenn Sie mal etwas davon erfahren, wie es in Wahrheit in der Welt zugeht.«

»Ich weiß nicht, ob das gerade nötig ist,« begann Kosegarten unbehaglich.

Doch Fritz ließ sich nicht stören. Er fragte, ob er rauchen dürfe, zündete sich eine Zigarre an und sagte: »Ihr habt gewiß alle nicht begriffen, warum ich mit einemmal durchaus nach Hause kommen wollte. Kann mir das gut vorstellen! Begreif' es übrigens selbst nicht. Wie das denn so geht. Kriegte plötzlich Heimweh, richtiges, sentimentales, deutsches Heimweh. Habe das oft beobachtet ... hat man Erfolg, fragt man nichts nach solchen Gefühlen, hat man Pech, da kriechen sie an einen heran, aber eklig. Ihr mögt das nun glauben oder nicht. Aber so ist es, und es hat mancher schon durchgemacht. Plötzlich kriegt man so Ideen, man könnte sie einmal nicht mehr alle wiederfinden ... Na, item, ich kam mit fünf Dollar in der Tasche in Neuyork an, und wie ich dir schrieb, Muttchen, ging ich zu so nem Kerl und ließ mich für das nächste abgehende Schiff als Heizer werben. Seit der Zeit, wo ich in Panama bei dem verfluchten Kanal gearbeitet habe, kann ich ja eine ganze Portion Hitze vertragen. Also dachte ich: Zehn Tage, das wird schon auszuhalten sein!«

»Als Heizer!...« wiederholte die Prinzessin halblaut mit angehaltenem Atem.

Der Kammerherr fand, der junge Mann habe doch etwas Unterscheidungsvermögen eingebüßt für das, was man sagt, und für das, was man anstandshalber verschweigt. Die Geschichte konnte peinlich werden. Er räusperte sich ein paarmal, wurde aber von Fritz nicht bemerkt, der unbefangen fortfuhr: »Am andern Morgen sollte ich mich einschiffen, abends trete ich in eine Bar, um einen drink zu nehmen. Na, first rate war er nicht, das könnt ihr euch wohl denken. Ein paar Leute pokerten. Ich dachte: Ob du mit den fünf Dollar aufs Schiff kommst oder ohne sie, ist schließlich gleich! Tat mit – gewann – gewann wie ein Narr ... Kurz, es reichte zu einem Billett erster Klasse und zu diesem Anzug! Ist aber auch mein einziger!«

»O, solch ein Leben! Berauschend, einfach berauschend!« rief die Prinzessin.

Herr und Frau von Kosegarten waren weniger begeistert.

Marie flüsterte zaghaft: »Aber, Fritzchen, Hasardspiel, das war doch nicht recht.«

Fritz ergriff seine Mutter beim Kopf und küßte sie. »Du gutes, goldenes Mamachen! Gefalle ich dir nicht besser so als mit schwarzen Pfoten?!«

Kosegarten stieß unbestimmte Töne aus, er knurrte wie ein verdrießlicher Jagdhund und machte einen gewaltigen Rauch mit seiner Zigarre.

»Und das Auto?« fragte Hilde, um über die fatale Stimmung hinwegzuhelfen. »Du bist uns das Auto noch schuldig, Fritz.«

»Ach so, die Maschine ... Na – da traf ich einen fellow auf Deck, der die Dinger drüben importiert. Man ging im Mondschein spazieren, dabei hab ich mit ihm abgemacht, daß ich die Agentur für die Vereinigten Staaten übernehme. Ganz gute Sache. Na – nu fahr' ich Probe mit der Marke, das ist alles – ganz unromantisch. Kusinchen.«

»Und der Mann hat dir das teure Ding gleich so anvertraut?« fragte Kosegarten bedenklich.

»Aber, Papa,« sagte Fritz lächelnd, »wenn er mir doch die ganze Agentur und den Verkauf anvertraut?«

»Ja, das verstehe ich eben nicht,« murrte der Alte. »Ich hätte es nicht getan!« Er stand auf und ging in wundernden Gedanken auf der Rampe hin und her. »Ich verstehe das alles nicht, Fritz. Nur eins scheint mir ganz sicher: ein Leichtfuß warst du, ein Leichtfuß bist du, ein Leichtfuß wirst du immer bleiben!«

Fritz schob die Zigarre in den linken Mundwinkel und blickte seinen Vater vergnüglich von der Seite an. »Das hoffe ich, Papa, das hoffe ich von Herzen!«

 

August und Mimi verlebten schwere Wartestunden auf dem kleinen Bahnhof. Jeder Beamte kannte sie dort, jeder beobachtete sie, denn man zerbrach sich schon seit einiger Zeit in der Gegend die Köpfe darüber, ob der junge Kosegarten das Fräulein von Nahlen auf Niedernrode heiraten werde, und was der Grund sein mochte, warum es nicht schon längst geschehen sei.

Der Zwölfuhrzug war vorübergefahren, ohne Fritz zu bringen. Dann kam der alte Mühle mit der Botschaft von dem Erwarteten.

Dies veränderte nun gleich alle Phantasiebilder, die Mimis Hirn geboren hatte, und sie sowohl als August kamen sich, während sie heimritten, lächerlich überflüssig vor. August stellte bei sich selbst mit einer wunderlichen Befriedigung fest, daß Mimi nach der rosenroten Erregung, die sie bisher durchglüht und verschönt hatte, blaß, abgespannt und beinahe kläglich verblüht aussah, wie es diesem zartblonden Mädchen leicht zu gehen pflegte. –

Die Prinzessin war endlich doch bewogen worden, ihren Besuch zu beenden, der Wagen stand vor der Tür, und man war im Aufbruch und Abschiednehmen begriffen, als August und Mimi in den Gartensaal traten. Fritz wollte soeben der Hoheit den Staubmantel umlegen, er drehte der Tür den Rücken. Mimi hörte seine helle, fröhliche Stimme, und es wurde ihr schwarz vor Augen, als sollte sie ohnmächtig werden.

»Da ist Ihr Bruder, Herr von Kosegarten,« rief die Prinzessin.

Fritz wendete sich hastig um, sprang mit einem Satz auf August zu und wollte ihm beide Hände schütteln, hielt aber inne vor der kühlen und zurückhaltenden Gebärde des andern. Die Brüder blickten sich scharf ins Auge, dann hob August schwerfällig die Hand und streckte sie dem Heimgekehrten entgegen.

Fritz schüttelte sie, gutmütig lachend.

»Hallo, alter Kunde, beruhige dein Gemüt,« sagte er gelassen, »ich habe mir einen kurzen Besuch im Sinn.«

»O nein, nein, Herr von Kosegarten, Sie müssen sehr lange bleiben!« Mimi rief es, dunkel errötend und nicht begreifend, warum sie den Jugendgespielen und Frühgeliebten plötzlich mit »Sie« und »Herr von Kosegarten« anredete.

Fritz verbeugte sich leicht. »Verzeihen Sie, meine Gnädige,« sagte er konventionell, »es tauchen so viel neue und alte Gesichter um einen hier auf, daß man schließlich doch verwirrt wird. Lassen Sie mich einen Augenblick nachdenken!«

Die Tränen schossen ihr ins Auge. »Das ist ja auch so natürlich,« stammelte sie bedrückt, und nun erkannte er sie plötzlich und rief herzlich: »Nein, Mimi, aber wo hast du dein rundes Kindergesicht gelassen?! – Du hast dich sehr verändert.«

»Du auch, Fritz,« sagte sie leise, und seine Versicherung, daß sie darum doch schnell wieder gute Freunde werden wollten, glitt über sie hin wie ein kalter, fremder Hauch.

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