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Der Amerikaner

Gabriele Reuter: Der Amerikaner - Kapitel 3
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typefiction
authorGabriele Reuter
titleDer Amerikaner
publisherS. Fischer Verlag
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Drittes Kapitel

Schottenmaier brachte die Posttasche. Während dle gnädige Frau in ihrem Körbchen nach dem Schlüssel suchte und Hilde ihn schnell fand, ein kleiner Vorgang, der sich jeden Morgen wiederholte, wartete der Diener, um die Korrespondenz der Leute in Empfang zu nehmen.

»Gnädige Frau,« sagte er langsam mit gelindem Vorwurf, »der Herr werden uns das doch nicht antun, den Mann hierher zu setzen!«

»Ach, Schottenmaier,« seufzte Frau von Kosegarten, »wenn der liebe Gott so will, da kann der Herr auch nicht gegen an.«

Aber Schottenmaier schüttelte mißbilligend das ergraute Haupt und begann die Sünden der Väter des Herrn Theodor Debberitz aufzuzählen. Wo dessen Reichtum herkam, das wußte man, das konnte sich jedes Kind im Dorf an den fünf Fingern nachrechnen. Wenn man nur an dle Butter und an all die Eier dachte und die Bratenreste, die in der Wachstuchtasche der Frau Debberitzen selig verschwunden waren, wenn sie des Sonntags und bei Jagddiners in der Küche half. Und dann die mysteriöse Geschichte mit den zweitausend Zentnern Kartoffeln, die als erfroren vom alten Debberitz gebucht waren, während doch kein Mensch die erfrorenen Kartoffeln je zu sehen gekriegt hatte.

Hildens klugen Mund umflog ein leises Spottlächeln, während der würdige Schottenmaier sich ereiferte. Der Kampf der Familien Schottenmaier und Debberitz um die besten Plätze an der herrschaftlichen Krippe hatte seinerzeit viel Stoff zu humoristischen Geschichten am Herrschaftstisch geliefert. Sich bestehlen lassen und darüber zu lachen, gehörte von alters her zu den Traditionen der Familie Kosegarten. Man hätte es für plebejisch gefunden, sich mehr als höchstens alle Schaltjahr einmal dagegen aufzulehnen.

»Sie lassen ja Ihren Sohn jetzt studieren, Schottenmaier,« sagte Fräulein Hilde freundlich, und der Alte erwiderte stolz: »Ja, gnädiges Fräulein, in Halle. Theologie. Der Herr haben ihm das Stipendium verschafft.«

»So – nun, da haben Sie es ja auch zu etwas gebracht!« sagte Hilde etwas schärfer, und Schottenmaier begriff, wo sie hinauswollte. Aber er ließ sich's nicht verdrießen und entgegnete würdig: »Der Herr im Himmel hat unsere treue Arbeit gesegnet. Meine selige Frau hat immer verstanden, das wenige zusammenzuhalten. An die Kinder wendet man's ja dann gern.«

Frau Marie hielt einen Brief in ihrer Hand. »Von der Prinzessin Karoline an Tante Trinette!« sagte sie ein wenig atemlos, »das betrifft dich – Hilde! – Bring ihn doch der Tante, sie ist wohl noch im Park.«

Hilde ging durch den alten Taxusgang nach dem Obstgarten, wo sie die Tante zu finden hoffte. Es graute ihr davor, nach Langenrode zu kommen, in diese geradlinige, verschlafene Residenz, wo so viel Unsauberes, Verwirrtes, Böses an Intrigen und Leidenschaften unter der Oberfläche vor sich ging. Jeder Stein, jeder Baum würden sie begrüßen mit stummen Erinnerungen an die kurze, qualvolle Seligkeit und die lange, bange Schmach ihres Mädchenlebens. Jene Schmach, die allmählich fast vergessen war im Gleichmaß der Tage und in der behaglichen Güte des einfachen, menschlichen Daseins auf Rauschenrode. Jetzt wußte sie, daß hinter aller friedvollen Stille immer ein heimliches Warten gelauert hatte: wann wird das Vergangene wieder aufwachen, um sie aufs neue vor den Richterstuhl der Unbarmherzigkeit zu fordern? Wie sollte sie das helle Licht des Tags und den scharfen Wind des Lebens ertragen mit ihrer zerwühlten Seele?

An den Erdbeerbeeten wandelte die hohe, hagere Gestalt Fräulein Trinettes entlang, sich zuweilen niederbeugend und von den jungen zarten Blättchen der von weißen Blüten überdeckten Büsche in ein Handkörbchen sammelnd. Fräulein von Kosegarten genoß stets nur Tee von den getrockneten Blättern der Erdbeerstaude. Sie fand ihn bei weitem bekömmlicher für das leicht erregte Blut, und dann sah sie auch nicht ein, weshalb man die unchristliche mongolische Rasse in ihrem Teehandel unterstützen sollte!

Sie trug einen glockenförmigen Gartenhut, der unter dem Kinn mit schwarzen, oft gewaschenen Bändern gebunden war. Ihr gleichfalls schwarzes Kleid hätte einem impressionistischen Maler reiches Studienmaterial in Farbennuancen geliefert, denn der abgetragene Stoff spiegelte fuchsrot, grünlich und violett vor Alter. An dem welken Spitzenkragen, aus dem der Hals lang und sehnig hervorragte, war das ursprüngliche Muster durch die ausgedehntesten Stopfereien ergänzt, und auch die hackenlosen schwarzen Zeugschuhe wiesen die Kunst der früheren Hofdame im Reparieren und Erhalten alter Kleidungsstücke reichlich auf.

Trotz ihres schäbigen Anzugs verleugnete Fräulein von Kosegarten durch die Würde ihrer Haltung und die feine Anmut ihrer Handbewegungen in keiner noch so zweifelhaften Situation, in die ihr Hang zur Sparsamkeit sie brachte, die Dame von Stand.

»Hilde, Kind, welche Nachricht!« rief sie, nachdem sie das Briefchen der Prinzessin überflogen hatte, »die Hoheit, die liebe Hoheit meldet sich zum Lunch an! Denke, sie will dich kennenlernen! Will sich unverbindlich mit dir unterhalten! Nun, was sagst du dazu? Hat man der alten Tante dankbar zu sein?«

Hilde neigte sich und küßte die lang und gelb aus schwarzen Filethandschuhen sich hervorstreckenden Finger des alten Fräuleins. »Wann kommt die Prinzessin?«

»Ja, sehen wir! Mon dieu! – heute, heute mittag um zwölf! Noch immer so jugendlich impulsiv in ihren Entschlüssen! Nun, da müssen wir eilen, Marie die Nachricht zu bringen.«

»Tante,« sagte Hilde gequält, »halte es nicht für Undankbarkeit, nur sieh, ich eigne mich wirklich nicht zur Hofdame. Du hast neulich bemerkt, die Herzogin wünsche mehr die Gräfin Audorf für ihre Schwägerin. Und Frau von Leuchtenberg – du weißt ja, daß sie mir auch nicht wohlgesinnt ist.«

»Leider weiß ich dies, aber Prinzessin Karoline ist nicht von der Leuchtenberg abhängig.«

»Tante, Frau von Leuchtenberg ist, wie man sagt, zur Oberhofmeisterin der Herzogin in Aussicht genommen. Tritt sie diesen Posten an, so bin ich gewiß, sofort eine erbitterte Feindin vorzufinden.«

»Du legst dir zu viel Wichtigkeit bei, wenn du meinst, daß eine Frau wie die Baronin Leuchtenberg überhaupt noch an jene kindische Geschichte denkt. Ich habe es immer getadelt, daß Marie in ihrer Bequemlichkeit nach jenem Eklat niemals wieder einen Winter mit dir in Langenrode zugebracht hat.«

»O Tante, das wäre ihr nicht angenehm gewesen.«

»Ja, Marie ist immer dafür, sich das Leben angenehm zu machen. Aber man ist nicht auf der Welt, um das Angenehme zu tun, sondern das Richtige. Richtiger wäre es gewesen, den bösen Zungen Trotz zu bieten. Du hättest auch eher Gelegenheit gehabt, dich zu verheiraten.«

»Dazu hatte ich keinen Wunsch, Tante.«

»Sehr töricht! Ein Mädchen kann einen Flecken, der an ihrem Ruf haftet, einzig vertilgen, indem sie sich gut verheiratet. – Jetzt ist es wohl zu spät. Ich hoffe nun wenigstens, daß du dich in die Pläne, die ich mit dir habe, mit klugem Sinne fügst. Ich bin dann auch nicht abgeneigt, dir eine kleine Summe zu einigen Toiletten auszusetzen. In Berlin bekommt man bei Ausverkäufen recht billige Stoffe, die du geschickt verwenden wirst.«

Hilde ging schweigend neben der Tante, während diese plaudernd dem Schlosse zuschritt.

Als sie in den Gartensaal kamen, fanden sie Frau von Kosegarten in Tränen und August, das Gesicht gerötet, mit großen Schritten auf und ab gehend.

»Es ist ein Wahnsinn, eine blanke Verrücktheit!« schrie er zornig, »was denkt sich der Kerl eigentlich? Was will er hier?«

»Welcher Kerl?« fragte Trinette. »Ich bitte, hört doch einen Augenblick auf mich. Mein altes Herz bebt vor Freude! Die Prinzessin Karoline will heute mittag bei uns lunchen.«

Marie blickte mit ihrem verweinten Gesicht die Schwägerin verstört an. August brach in ein lautes Gelächter aus. »Immer besser! Immer besser! Dann kann ja Fritz die Prinzessin zu Tisch führen. Ist der Hoheit gewiß noch nicht passiert, von einem Vagabunden zu Tisch geführt zu werden!«

»August,« schluchzte seine Mutter, wie ein Kind herausweinend, »sage nicht so häßliche Worte! Ich bitte dich, sage nicht ›Vagabund‹!«

»Jetzt ist keine Zeit zu unverständlichen Witzen, August,« rief die Tante erregt. »Wir müssen an die Vorbereitungen zum Empfang der lieben Hoheit denken!«

»Der Hoheit muß abtelegraphiert werden,« erklärte August kurz.

»August,« rief Trinette erschrocken, »besinne dich! Einer Hoheit telegraphiert man nicht ab!«

»Es müssen sich Gründe finden lassen! Ein Fall von Scharlach, Keuchhusten, was weiß ich, im Schloß!«

»Wenn sie zu Mittag hier sein will, so ist sie längst von Nassenstein aufgebrochen,« warf Hilde hin.

»Dann muß man ihr einen reitenden Boten entgegenschicken! Die Kombination ist undenkbar! ...«

»Ich meine, ihr könntet uns endlich aufklären, was hier vorgefallen ist,« sagte Trinette würdig, aber scharf.

Marie blickte auf und lächelte plötzlich durch ihre Tränen mit einem hellen, frohen Lächeln, während August spöttisch berichtete: »Es hat sich noch ein Gast angemeldet. Ja – Fritz wird in diesen Tagen, möglicherweise schon heute – von Hamburg hier eintreffen.«

»Fritz? Mein Gott, Tantchen – Tantchen ...« Hilde umfaßte Frau von Kosegarten. »Du weinst? Ach Tantchen, freue dich doch!«

Marie von Kosegarten weinte nur um so heftiger. »Hilde, es ist ja so traurig, so unbegreiflich schrecklich!«

August fuhr in einem künstlich ruhigen und ironischen Ton fort zu berichten: »Der teure Bruder schreibt: da wir nicht in der Lage wären, ihm das Reisegeld zu schicken, und da er überzeugt sei, er könne uns hier von Nutzen sein, so werde er sich auf einem Dampfer als Heizer vermieten und auf diese Weise herüberkommen.«

»Als Heizer?« fragte die alte Hofdame ungläubig, »wie ich Fritz beurteile, steckt dahinter irgendeine Abenteuerlichkeit.«

»Ich fürchte nicht,« meinte August höhnisch. »Was wissen wir denn im Grunde von seiner Existenz? Nichts als seine eigenen Angaben. Nun – wäre er der erste, der drüben gescheitert ist und als verhungerter Bettler heimkriecht unter das väterliche Dach?«

»Als Heizer!« wiederholte Tante Trinette, und ihr behaartes Kinn begann zu zittern, »als Heizer ... und wir erwarten die Prinzessin Karoline!«

Frau von Kosegarten hatte Hilde den Brief ihres Sohnes gereicht. Sie las ihn und sagte in ehrlicher Entrüstung: »Das hätte ich Fritz nie zugetraut!«

Frau von Kosegarten legte ihren Kopf auf Hildens Schulter, und das junge Mädchen streichelte ihr teilnehmend die nasse Wange.

»Hilde, Hilde,« weinte die Mutter, »wie war ich stolz auf diesen Jungen! Sündhaft stolz! Als er getauft wurde, stand alles in Flaggen und Girlanden auf Rauschenrode, und sie schossen mit dem alten Böller vom Turm, und die Leute vom Dorf brachten einen Fackelzug! Und nun – Kohlenschipper!«

»Pfui!« sagte Tante Trinette laut und langsam. »Ist Amerika nicht groß genug, um eines Menschen Schande zu verbergen? Aber Fritz hatte niemals den rechten Familiensinn!«

»Nun, Tante Trinette, von Familiensinn solltest du lieber nicht reden,« bemerkte August unmutig. »Hättest du mehr davon, brauchte Papa jetzt nicht mit einem elenden Wucherer und Spekulanten um Rauschenrode zu feilschen!«

»Wieso?«

»Da kommen sie,« flüsterte Marie atemlos vor Spannung, und ein plötzliches Schweigen entstand in der Gruppe, während draußen die Stimme des alten Herrn von Kosegarten und des Unternehmers in heftigem Disput laut wurden. Man hörte Herrn Debberitz in einem rohen, vor Zorn heisern Ton schreien: »Nach der Beleidigung, Herr von Kosegarten, – da ist es aus zwischen uns – da behalt ich meine blauen Lappen, da behalt ich sie eben! Nich mehr rühr an, sage ich – die runtergekommene Klitsche, das verfluchte, baufällige Rattennest!«

»Schottenmaier!« donnerte der Gutsherr dagegen, »für den Herrn bin ich nicht mehr zu sprechen – auf keinen Fall! – hören Sie?«

Gleich darauf stand Kosegarten, blaurot vor Zorn, unter seinen Familienangehörigen und schrie: »Dem hab ich's aber gut gegeben, dem Schindluder! Der kommt nicht noch mal wieder – so ein Mistvieh! So ein Schweinigel!«

»Ja, da ist es also nichts mit dem Verkauf geworden?« fragte Marie.

»Wird schon noch ne Weile gehen, wie es bis jetzt gegangen ist!« rief Kosegarten. »Ja, ja – so'n alter Besitz! Man ist doch mit ihm verwachsen. Man hat's doch lieb, das olle Nest! Na, noch sind wir Herren im Land, Marie. Geben's sobald noch nicht her, was?«

Er wandte sich mit seinem guten, kindlichen Lachen der Frau zu, und sie lachte auch und rief fröhlich: »Gestern abend hab ich doch den lieben Gott so recht innig gebeten, er möchte uns einen Käufer schicken, und heute – heute will ich ihm so recht innig danken, daß du den Käufer wieder davongejagt hast!«

In der Mamsellenstube neben der großen Herrschaftsküche gab es ein neugieriges Stimmengeflüster. An dem Fenster, an dem Mamsell Wärmchen Wachsblumen, rotblühende Kakteen und ein Myrtenbäumchen zog, das, trotzdem es schon manches Kränzlein lieferte, doch seinen Lebenszweck, Mamsellchens eigenes Haupt zu schmücken, bis jetzt verfehlt hatte, scharte man sich dicht um Herrn Schottenmaier. Er pflegte hier auf dem von einer weißen, gehäkelten Decke verhüllten Nähtisch seiner alten Freundin das Frühstück zu verzehren. Heute genoß er ein Täßchen Hühnerbrühe mit Ei – Mamsellchen hatte ein Restchen Frikassee vorgezogen, und während sie ein Beinchen kunstgerecht ablutschte, blickten ihre runden, braunen Augen noch runder als gewöhnlich und ganz bekümmert auf Schottenmaier.

»Nee, sagen Sie nur, Schottenmaier – Kohlenschipper – sagen Sie? Das haben Sie wohl falsch verstanden mit Ihrem linken tauben Ohr – nee, da muß ich doch gleich mal selbst nachfragen. So ein Kummer für die Herrschaft, ach Jott, ich sage ja!«

»Denn is er richtig so'n armes, verlaustes Wurm?« fragte Zipperjahn das Hausmädchen, das vor Wichtigkeit und Gruseln die Luft seufzend durch die weißen Zähne zog. Sie dachte an den Kuß, den ihr Herr Fritz einmal auf die frischen fünfzehnjährigen Lippen gedrückt hatte und der so gut nach feinen Zigaretten schmeckte.

Zipperjahn aber sagte schmerzlich: »Un he hatte doch bei mich Jevatter gestanden,« als müßte diese Tatsache den jungen Herrn eigentlich vor allen Gefahren behütet haben. Enttäuscht fügte er hinzu: »Un he wollte mich ne joldene Uhr mitbringen, sagte he, als he fortmachte!«

Herr von Kosegarten saß in dem großen Lehnstuhl, in dem er abends gern einzunicken pflegte, hielt den Brief seines Sohnes in der Hand und sah geistesabwesend bald auf seine Frau, bald auf Hilde, als erwarte er von diesen beiden Getreuen irgendeine Hilfe für den unbegreiflichen Fall. Diesen Augenblick wählte Mamsell Wärmchen, um zu fragen, ob wegen des Mittagessens noch Aufträge entgegenzunehmen seien.

»Ach, Wärmchen,« stöhnte Frau von Kosegarten, »die Prinzessin Karoline hat sich angesagt! Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, Wärmchen!«

»Das will ich wohl jlauben, jnädige Frau,« sagte Wärmchen in feierlichem Ton, »das ist zu viel auf einmal für einen Menschen. Ich wollte schon vorschlagen, die Kalbskeule, die lassen wir doch für morgen – Schottenmaier sagt ja – nee, jnädige Frau, is es denn, weiß Jott, wahr? Hat sich denn der Herr Fritz wahrhaftigen Jott angemeldet? ›Schottenmaier,‹ sag ich, ›Sie mit Ihrem linken tauben Ohr, Sie hören manchmal falsch, da muß ich doch mal selbst nachfragen.‹«

»Hören Sie, Wärmchen,« erklärte Hilde, »vorläufig soll die Sache noch Geheimnis bleiben! Also nicht im Dorf rumklatschen. Verstehen Sie?«

»Ja, ja – jnädiges Fräulein – aber hätten Sie es doch nur jleich gesagt! So ne Nachricht – die interessiert doch 'n jeden, damit sind die Mächens nu sicher schon los!«

Hilde seufzte. Mamsell Wärmchen aber überlegte geschäftig. »Die Hühnerbouillon – wenn sie verlängert und mit Ei abgezogen wird, reicht sie noch, ich schenke die Tassen nicht so voll.«

»Ja, und dann die Kalbskeule,« sagte Frau Marie, das nasse Taschentuch zusammenballend und abwechselnd in beide rotgeweinte Augenhöhlen drückend.

Wärmchen nahm ihre weiße Schürze auf, drückte sie gleichfalls gegen die Augen und brachte einen sonderbaren Laut durch die Nase hervor. Liebevoll sagte sie: »Die jungen Gänse gingen auch schon. Oder einen kleinen Schinken in Burgunder für die Prinzessin. Gnädige Frau, die Kalbskeule – die lassen wir für den Herrn Fritz, die gab's doch schon in der Bibel, als der verlorene Sohn nach Hause kam.«

»Wärmchen!« warnte Hilde erschrocken.

»Ach Jott, ich altes Schaf, das hätt ich wohl nicht sagen sollen? Na, nehmen Sie's mir nur nicht übel, gnädige Frau! Ach nee, die Zunge könnt ich mir ausreißen!«

Denn Frau von Kosegarten war aufs neue in Tränen ausgebrochen. Kosegarten aber erhob sich schwerfällig aus dem Lehnstuhl und stöhnte: »Der verlorene Sohn – na ja – ich wehre mich nicht mehr ... mag nur alles kommen, wie's will – ich wehre mich nicht mehr.«

Hilde bat sich der Tante Schlüsselkorb aus – sie würde schon alles besorgen – die Tante solle sich nur nicht beunruhigen.

Kosegarten blieb vor seiner Frau stehen. »Du mußt dich zusammennehmen, Marie. Wir dürfen uns nicht gehen lassen. Die Prinzessin darf nicht durch eine Absage brüskiert werden – sie ist, offen gestanden, mein letzter Rettungsanker!«

»Die Prinzessin?«

»Ja – die Prinzessin! Ich muß vernünftig mit ihr reden. Na – ja also... es bleibt mir nichts anderes übrig – ich muß den Herzog anpumpen.«

Marie schwieg erschrocken – so böse stand es also mit ihnen...

Und nun erschien Schottenmaier mit einem Telegramm.

»Komme zwischen zwölf und zwei Uhr – freue mich unsinnig,« drahtete Fritz von Hamburg.

August dachte einen Augenblick nach, dann sagte er in dem ruhigen, würdigen Ton, der ihn selten verließ: »Ich habe es mir überlegt, Papa – es wird das beste sein, ich reite zu beiden Zügen nach der Bahn, empfange ihn – und – spediere ihn gleich auf frischer Tat nach Hamburg zurück!«

»Ich soll ihn nicht sehen! –? Nein, nein – das – August – Friedrich – das dürft ihr mir nicht antun – das nicht!«

Die stille, demütige Frau Marie schrie es fast. Hochrot im Gesicht stürzte sie auf ihren Mann zu, packte seinen Arm, fiel ungelenk und schwerfällig neben ihm auf die Knie und jammerte sinnlos vor Schrecken: »Mein Friedrich, denk doch an unsere Silberhochzeit – mein Friedrich, ich bin dir immer eine treue Frau gewesen ... ›Freue mich unsinnig,‹ schreibt der Junge –! Nein – nein, nein...« lallte sie, das nasse Gesicht an seinen Arm drückend, den sie zwischen ihren Händen heftig preßte, als könnte sie ihren Mann dadurch milderen Sinnes machen.

Kosegarten stammelte erschrocken: »Mariechen, Gott – Mariechen!« und bemühte sich, sie aufzuheben. Auch August war hinzugesprungen und sagte strafend: »Aber, Mama!« Ihm waren Familienszenen höchst peinlich.

Marie wurde in die Sofaecke gesetzt. Kosegarten strich ihr die Wange und fragte leise: »Hast'n denn so lieb, Mariechen?«

Sie saß und starrte vor sich hin, blickte innerlich in die Vergangenheit und flüsterte: »Die Sehnsucht – all die Jahre!«

Kosegarten wandte sich zu August: »Na, denn bring ihn nur her – heute abend in der Dämmerung, wenn die Prinzeß fort ist. Und richtet ihm nur ein Bad – er wird's nötig haben!«

Schweren, schlürfenden Schrittes ging er hinaus.

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