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Der Amerikaner

Gabriele Reuter: Der Amerikaner - Kapitel 2
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typefiction
authorGabriele Reuter
titleDer Amerikaner
publisherS. Fischer Verlag
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Zweites Kapitel

Durch die offenen Glastüren fluteten Ströme von Morgensonnengold und frischer, herber Gebirgsluft. Die bunten Frühlingsblumen in den Korbtischen vor den Fenstern, an denen leichte, weiße Mullgardinen niederhingen, waren ganz durchleuchtet von all dem Licht und schimmerten in einer kostbaren Pracht der Farben. Die vergoldeten Tassen auf dem Frühstückstisch glitzerten und gleißten mit ihrem altmodischen Bilderprunk. Die Schale mit Honig erschien gefüllt von einem unerhört herrlichen Goldtopas. Die Kristalle des Kronleuchters funkelten in tiefem Blau, in zarten Rosenröten, in Grün und strahlendem Gelb. Sogar an den defekten Perlenstickereien der Kissen in den Lehnstühlen am Kamin ging der Triumphzug des Lichtes nicht vorüber, ohne Tausende von kleinen schimmernden Prismen aus ihrer schon längst verblaßten Pracht zu wecken. Wenn Hilde Kosegartens Kopf sich zu den Frühlingsblumen beugte, indem ihre Hand das Gießkännchen über die Töpfe führte, dann leuchtete auch ihr Haar in reichen Tönen von Braun und Gold. Bewegte die Tante in der Sofaecke ihre Stricknadeln, so sprang jedesmal ein flinker Blitz von einem der stählernen Stäbchen zum andern.

»Bitte, Hilde, zieh die Gardine zu, es ist unmöglich zu lesen in diesem Sonnenschein,« sagte August und hielt schützend ein Journal mit technischen Abbildungen vor die Augen. Gehorsam zog Hilde die Markise nieder. Ein stiller, ruhiger Schatten senkte sich plötzlich über die Seite des großen Saals, auf der der Frühstückstisch stand, mit seiner kleinen Teemaschine, mit geschnittenen und bereits butterbestrichenen Brotscheiben des säumigen Hausherrn wartend. Die Anwesenden hatten ihre Mahlzeit längst beendet.

»Weißt du, Hilde,« begann Frau von Kosegarten, nachdem sie an ihrer groben Wollstrickerei die Maschen gezählt hatte, »ich habe Onkel gebeten, die Buche stehen zu lassen, die einzelne am Wasserfall.« – Frau von Kosegarten wendete sich mit ihren Herzensergießungen stets an ihre Nichte. Männer pflegen selten die Geduld zu haben, Dinge, die sie bewegen, in weitläufigen Gesprächen so lange um und um zu wenden, bis alter Kummer ein neues und interessantes Gesicht bekommt. Hilde verstand es so gut, alles wichtig zu nehmen, was die Tante wichtig nahm, und sie niemals mit eignen Angelegenheiten zu unterbrechen. »Der alte Baum ist mir solch liebe Erinnerung.«

Hilde lächelte ein wenig, aber sie schwieg.

»Fritz muß Mimi doch sehr liebgehabt haben,« sagte Frau von Kosegarten wehmütig. »So rührend, daß er sie in seinem letzten Brief wieder grüßen läßt.«

»Den Gruß finde ich geradezu unverschämt,« brauste August auf und warf das Journal, in dem er gelesen hatte, heftig auf den Tisch. »Ich verstehe auch nicht, Mama, wie du Mimi den Gruß bestellen konntest. Fritz ist wahrhaftig keine Persönlichkeit mehr, von der es angenehm wäre, Grüße zu empfangen.«

»August, wie kannst du so hart von deinem Bruder reden!« begann Frau von Kosegarten bekümmert. »Du tust ja, als sei es ehrlos, kein Glück in der Welt gehabt zu haben.«

»Er scheint mir im Gegenteil viel zu viel vom Glücksritter zu besitzen, der edle Bruder Fritz,« sagte August, und sein ruhiges, blondbärtiges Gesicht bekam einen verdrossenen Ausdruck.

»Das ist wohl von hier aus schwer zu beurteilen,« bemerkte Hilde. Ihre Augen blickten nachdenksam ins Weite. »Solch ein fremdes Leben – wo man hart sein muß und listig, kühn und leichtsinnig zu gleicher Zeit, um den Vorteil des Augenblicks zu ergreifen und zu wahren ...«

»Nun, das ›wahren‹ scheint er wenig verstanden zu haben, sonst wäre er wohl nicht wieder so tief drin im Elend. Ich muß gestehen – mich ekelt diese ganze Geschichte – ja, Mama, mich ekelt sie. Ich bin froh, daß ich wenigstens zu rechter Zeit energisch war und dich und Papa verhindert habe, den Abenteurer zurückkommen zu lassen! Ihr ... wahrhaftig in eurer törichten Gutmütigkeit wäret ihr dazu imstande gewesen ...«

»Ach, August,« klagte die Mutter, »wenn einer aber doch solche Sehnsucht hat!«

»So soll er sie bezwingen. Jeder von uns hat sich zu bezwingen und liebe Wünsche der Pflicht zu opfern. Es war Ehrensache, für Fritzens Schulden aufzukommen. Selbstverständlich... Aber jetzt, wo sich's auch um meine Existenz handelt – wo ich den Leuten Vertrauen einflößen muß – da kann ich keinen verunglückten Abenteurer neben mir brauchen. Das darf mir niemand zumuten – am wenigsten meine Eltern!«

Frau von Kosegarten senkte den Kopf über ihre Arbeit, »Wir haben es dir ja auch nicht zugemutet,« sagte sie ergeben.

Mehr als irgend jemand in der Familie außer Hilde auch nur ahnte, lebte sie in der Erinnerung und in sehnsüchtiger Liebe zu ihrem Ältesten, der vor so vielen Jahren, ein blutjunger, leichtherziger Gesell, vor seinen Gläubigern über den Ozean geflüchtet war. Nicht Augusts geordnetes Dasein, das ihrer eingreifenden Fürsorge kaum bedurfte, sondern die spärlichen Briefe, die flüchtige Kunde brachten von einer unsicheren, überseeischen Existenz, bildeten den Hauptinhalt ihrer Phantasien und Träume. Wenig genug mochte die Frau, die niemals aus der friedlichen Enge der Harzberge herausgekommen war, die fürchterlichen und wilden Gefahren jener Untiefen, Klippen und Wirbelstürme, zwischen denen der Sohn umherschiffte, in diesen Träumen ermessen. Dennoch trug sie den unzerstörbaren Mutterglauben in sich, daß ihr Junge wie die guten Helden von Ritterbüchern und Indianergeschichten am Ende allen Schrecklichkeiten glücklich entrissen und als der gleiche liebe, unschuldige, lachende Knabe, wie sie sein Bild im Herzen hegte, dereinst zu ihr zurückkehren würde.

Vielleicht ist das blinde Vertrauen auf einen sehr stark im einzelnen Schicksal waltenden Vater im Himmel, der besonders für ferne Söhne eine Menge von umsichtigen Schutzengeln bereithält, von allen Menschen den Müttern am nötigsten. Selten mit der Lebenserfahrung ausgerüstet, die sie befähigen würde, sich einen deutlichen Begriff von der Existenz eines jungen Mannes schaffen zu können, fühlen sie diesen ins Unbegreifliche hinausstrebenden Jüngling doch so oft noch als ein Stück ihres eigenen Leibes und Herzens. Wie sollten sie die Qual, das Geliebteste im Dunkeln, Rätselvollen sich verlieren zu sehen, ohne es auch nur mit wertvollen Ratschlägen begleiten zu können, ertragen? Aber wenn sie ihm ein für allemal einen weisen Führer, als der das göttliche Wesen dem an abstrakten Begriffen schwer haftenden Frauengeist sich leicht verkörpert, übergeben, dann haben sie zugleich sich jemand geschaffen, mit dem sie sich fortwährend innerlich wie mit einem Freund unterhalten können. Auch scheint es ihnen, daß sich dieser Mittler, obwohl erfahrener und klüger als sie selbst, doch ihren freundlichen Vorstellungen und mütterlichen Wünschen nicht immer unzugänglich erweist.

So war Marie von Kosegartens Verhältnis zu ihrem Gott. Er war ein Mann; darum tat er oft unbegreifliche Dinge, die Männer nun einmal zu tun pflegen. Darein hatte man sich zu fügen. Wie gegen Augusts Bestimmungen wagte Frau von Kosegarten aber auch gegen die des lieben Gottes ganz heimlich in ihren Gedanken ein wenig zu rebellieren. Das hatte erstens den Reiz der Sünde, und zweitens konnte man auch nicht wissen, ob der Herr sich doch nicht endlich zugunsten ihrer Wünsche beeinflussen ließe, wenn er sah, daß man unzufrieden mit ihm war.

Und nun hatte der Herrgott ihr etwas angetan, darüber konnte und konnte sie nicht einig werden mit ihm. Daß er die Menschen prüft, hart prüft, das gehörte ja wohl einmal zu seinem Regiment. Wie sollte man auch auf anderm Weg die nötige Läuterung empfangen? – So hatte sie sich auch allmählich hineingefunden, daß Fritz des Königs Rock, der ihm so gut stand, ablegen mußte, daß er niemals mehr zu Weihnachten oder zu Ostern auf Urlaub kommen konnte, daß das Haus still geworden war – denn weder August noch Hilde lachten wie er –, und daß er dort drüben mit seinen hübschen wohlgepflegten Händen, von denen sie sich so gern hatte streicheln und liebkosen lassen, arbeiten mußte wie ein Knecht, ihr verwöhnter schlanker Herzensjunge! Nun, er nahm ja wenigstens das schreckliche Leben mit seinem gewohnten Humor. Manchmal konnte man über seine Schilderungen von Land und Leuten geradezu Tränen lachen.

Weil er so drollig schrieb, befestigte sich die Anschauung bei ihr, es müsse ihm doch nicht allzu schlecht gehen. Er verdiente auf eine rätselhafte Weise sogar sehr viel Geld. Eigentlich klang es ja wie ein Spaß und war kaum zu glauben. Er hatte nämlich eine merkwürdige Art von Lederstrippchen mit verschiedenen verstellbaren Haken erfunden, an dem die Gold- und Kupfergräber im Westen ihre Werkzeuge am Gürtel tragen konnten. Seitdem er dieses Strippchen erfunden, hatte rr das Graben aufgegeben. Seine Briefe wurden nun wie eine von köstlichen Freudenschätzen schimmernde Mine: er war auf dem Weg, ein reicher Mann zu werden – er kaufte Häuser – er baute Straßen – er richtete Fabriken ein – er fuhr im Auto durch seine Besitzungen ...

Endlich wollte er auch seine Absicht ausführen und einmal hinüberflitzen, die Eltern zu besuchen, um dem Vater seine Schulden abzutragen und mit August wegen seiner Zukunft zu sprechen. Hinter allen Geldsorgen, die sie in ihrem Rauschenrode plagten, stand diese am Horizont ihres Lebens glänzende Hoffnung.

Da wurde der liebe Gott grausam ... Ja, Frau von Kosegarten konnte es nicht anders bezeichnen: Er wurde grausam. Fritz schrieb nach einer beängstigend langen Pause aufs neue: sein lange gehegter Plan solle nun zur Tat werden. er wolle heimkehren ins alte Vaterhaus. Aber sie sollten sich keine Illusionen machen, er sei kein reicher Mann mehr. Was er so jäh gewonnen, sei alles wieder verloren. Sein Sozius habe ihn fürchterlich betrogen. Er wolle nicht klagen, er trage selbst einen Teil Schuld an dem Zusammenbruch, und die Wahrheit zu sagen, stehe er nackt und bloß wie am Tag seiner Ankunft in Neuyork dem Schicksal gegenüber. Und nun sei es wunderlich, seine Nerven müßten wohl durch die geschäftlichen Mißgeschicke etwas angegriffen sein, kurz, er fühle sich sonderbar weichmütig ums Herz und habe ein blödsinniges Verlangen, sie alle wiederzusehen. Da er ja doch im Augenblick nichts in Amerika versäume, bitte er den Vater, ihm das Reisegeld zu einem Besuch in Deutschland zu schicken, vielleicht könne er ihm auch mit der geschäftlichen Erfahrung, die er inzwischen gewonnen habe, beratend zur Seite stehen.

Dieser letzte Satz weckte nur ein lautes, unfrohes Gelächter bei August und bei ihrem Mann. Sie empfanden es wie eine Beleidigung, die Fritz ihnen angetan hatte, indem er das Gewonnene wieder verlor.

Aber Frau von Kosegartens Verstand kam, trotzdem sie den Brief ihres Sohnes mit reichlichen Tränen netzte, kaum dazu, das über ihn hereingebrochene Unglück recht zu fassen. War es nicht der Grund, der Fritz bewog, endlich ernstlich an die Heimkehr zu denken? In der betäubenden Freude, ihn bald sehen zu dürfen, versank alles andere wie nebensächliche Kleinigleiten. –

Doch es folgten peinvolle Verhandlungen zwischen August und dem alten Herrn. Beide Männer entschieden, daß Fritzens Besuch unter diesen Umständen in keiner Weise erwünscht sei. Frau von Kosegarten hielt noch eine kleine, letzte Hoffnung im Hinterhalt. Tante Trinette hatte für die nächste Zeit ihren Frühlingsbesuch angesagt. Und Tante Trinette hatte ja so sündhaft viel Geld, sie konnte ihr schon den Jungen kommen lassen. Aber Trinette von Kosegarten war immer für alle Einrichtungen begeistert, die ihr gestatteten, ihr Portemonnaie in der Tasche zu behalten. Sie machte ihrer Schwägerin begreiflich, daß es ein törichter Übermut des Herzens wäre, wenn sie es unter den jetzigen bedrückten Verhältnissen der Familie gestatten wollte, Fritz mit Reisegeld zu versehen. So bedrängte man Frau Marie von allen Seiten mit Vernunftgründen, bis sie selbst an Fritz den Brief schreiben mußte, der ihm die Rückkehr im Namen seines Vaters untersagte.

Tag und Nacht stellte sie sich nun jenen Augenblick vor, in dem er das Schreiben empfangen und das Kuwert öffnen würde, und wie die Ablehnung seiner Bitte auf ihn wirken mußte. Die Mutter faßte einen heimlichen Groll gegen ihren Mann, gegen August, gegen Trinette, aber vor allem gegen ihren Herrgott, der es hatte zulassen können, daß sie mit eigener Hand diesen abscheulichen Brief schreiben mußte. Ihr Sohn würde sie nun hassen, und niemals wieder würde sie von ihm hören!

Das Gekläff der Hunde kündigte den Herrn an. Frau von Kosegarten legte ihr Strickzeug in den geräumigen Strohkorb und zündete mit ihren schönen, großen, weißen Händen das Flämmchen unter der Teemaschine an. Hilde kam näher, nahm dem Onkel Stock und Mütze ab, und während er seiner Frau die Hand küßte und August den Teckeln die Schinkenränder von seinem Teller zuwarf, rückte sie dem alten Herrn den Stuhl vom Tisch, schenkte ihm Tee ein mit viel Zucker und noch mehr Rum, wie er es liebte, wenn er frühmorgens aus dem Wald kam. Herr von Kosegarten hatte es gern, daß die Frauen seines Hauses um ihn beschäftigt waren. Je mehr, je besser. Er bedauerte oft, nicht ein halbes Dutzend Töchter zu besitzen, er hätte sie alle in Atem zu halten gewußt. Es war ihm behaglich, wenn es laut und wichtig um ihn zuging. »Ärger gehabt, Alterchen?« fragte Frau von Kosegarten besorgt. »Die liederlichen Bengels, die Volontäre?«

Er ließ sich schwer in den großen geschnitzten Lehnstuhl fallen.

»Mariechen, das Leben ist putzwunderlich. Ich versteh's nicht mehr – ich mache nicht mehr mit.« Die Fäuste auf den Knien saß er da, mochte nicht essen, grübelte und sah sie mit seinen blauen Augen verwirrt und hilflos an.

»Du hast doch etwas Besonderes erlebt?« fragte Mariechen ängstlich, aber Hilde nötigte ihn zum Essen, und er folgte ihr auch schweigend, langte plötzlich tüchtig zu, aß und trank gierig und ohne Behagen.

Plötzlich begann er zu singen, mit einer tiefen, dröhnenden Stimme und einer Melodie, die keinen Anspruch auf musikalische Anklänge machte:

»Freut euch des Lebens, weil noch das Lampchen glüht, Fresset den Schinken, so lange das Schwein noch blüht.«

Und lachte dann laut über seinen eigenen Witz. Mariechen lachte mit, aber ihre Augen forschten unruhig.

»Kinder, man ist runtergekommen – ich sag's ja immer –, auf den Hund sind wir gekommen ...« Er lehnte sich in den Stuhl zurück. »Was ich erlebt habe – nee, nee, Kinder, da ist schon das Ende von weg. Das – das ist rein, um aus der Haut zu fahren ... Wißt ihr, wer sich mir eben als Käufer für Rauschenrode angeboten hat?«

»Ein Käufer!?« rief Marie erregt. »Aber nein, Friedrich, das wär doch herrlich...«

»Herrlich? Na, ich danke. Thete Debberitz, das unverschämte Aas!«

»Ja, der macht jetzt hier die Gegend unsicher,« bemerkte August, nicht so erschüttert durch die Mitteilung, wie sein Vater erwartet hatte.

Bei Marie wirkte die Neuigkeit stärker. Es dauerte eine Weile, bis sie sich fassen konnte. Thete Debberitz, der Sohn ihres vor manchem Jahr nicht eben in Gnaden entlassenen Rechnungsführers, trat hier auf und wollte Rauschenrode an sich bringen? Auch sie empfand dies einfach als eine Unverschämtheit.

Wo er sein Geld erworben hatte?

In Berlin mit Terrain- und Häuserspekulationen, wußte Hilde zu berichten. Millionen sollte er besitzen, so erzählten sich die Dorfleute, die den prachtvollen Mann wie ein leibhaftiges Wunder anstarrten, seit er in Schäfers Gasthof abgestiegen war. Die Unterhaltung wurde plötzlich sehr belebt am gutsherrlichen Teetisch, seit das Thema Debberitz angeschlagen worden war.

Während der alte Herr sich ereiferte, nahm August eine ernste, nachdenkliche Miene an.

»Na – und ich sag euch,« rief Kosegarten, »in welchem Ton sich der Kerl nach Fritz erkundigte ... Dabei – ich seh den Bengel noch hier herumstrolchen mit nem zerrissenen Hosenboden. Habe Fritzen so und so oft verhauen, weil er immer mit ihm zusammensteckte.«

»Fritz wußte nie die richtige Grenze zu ziehen zwischen sich und den Dorf- und Verwaltersjungen,« bemerkte August. »Diese früheren Beziehungen sind ja sehr fatal. Immerhin – der Mann hat Geld – übrigens wirkt er vielleicht nur als Unterhändler. Jedenfalls sollte man doch den Vorschlag dieses Debberitz hören. Ohne Kapital ist für mich nichts anzufangen, und ein Kosegarten kann nicht ewig in einer abhängigen Stellung bleiben. Wenn der Mann zahlungsfähig ist, so wüßte ich keinen Grund ...« Ein knurrender Ton des alten Herrn ließ ihn schweigen.

Kosegarten blickte zu seinem Sohn über den Tisch hinüber. Nachdenken, Pläne machen, Entschlüsse fassen – das alles waren greuliche Geschichten, die er haßte. Warum ließ man einen alten Mann nicht in Frieden leben, wie seine Väter gelebt hatten: essen, trinken, auf die Jagd gehen, über die Äcker reiten, mit Förster und Verwalter eintönige und nach den Jahreszeiten sich regelnde Beratungen pflegen und ab und zu auf die Regierung schimpfen? Warum mußte all dies Neue, dem man doch nicht gewachsen war, über einen armen Kerl von Edelmann hereinbrechen?

Umständlich zündete er sich eine Zigarre an. August ließ ihm Zeit.

»Hast ja recht, Junge,« brummte der alte Herr, nachdem er eine Weile geraucht hatte. »Hast ja tausendmal recht. Bist ja mein einziger Trost in diesem Schindluderleben. Aber siehst du, seiner Väter Erbe an so ein Mistvieh verschleudern ... ich bring's einmal nicht über mich. Es geht mir wider die Natur ...«

Er trank schnell und gierig seinen Tee, verschluckte sich, mußte husten und husten, wurde blaurot im Gesicht, und die Tränen strömten ihm aus den Augen.

Mariechen klopfte ihm den Rücken. »Alterchen, Alterchen, dreimal an 'n weißen Schimmel denken, das hilft, das hilft sicher!«

Hilde hielt ihm ein Glas Wasser entgegen. Er nahm einige Schlucke, stand auf, ging zur Tür, trocknete sich die Augen, blickte schweigend hinaus über den schönen Platz und auf die breitästigen Kastanien, die eben im Begriff standen, ihre weißen Blütenfackeln zu öffnen.

Marie redete leise auf den Sohn ein, warum er den Vater so in Erregung bringen müsse.

August zuckte die Achseln. »Die Sache soll doch einmal besprochen werden. Papa muß sich entschließen.«

»Und Mimi Rahlen?« fragte die Mutter leise. »Das wäre doch ein Ausweg.«

»Mama, ich finde es unehrenhaft, ein Mädchen um ihres Geldes willen zu heiraten.«

»Aber gewiß, gewiß!« Marie war ganz erschrocken über den Gedanken, der ihr entschlüpft war. »Ich meinte doch nur, wenn du sie liebtest ... selbstverständlich ... Sie sieht an manchen Tagen noch sehr gut aus ...«

»Bitte, Mama, hierüber kein Wort mehr – es wäre mir äußerst peinlich.«

Kosegarten kam zurück und ging mit gewaltigen Schritten im Saal auf und nieder. »Ich werde noch einmal ernstlich mit Trinette reden. Schließlich – ich könnte ihr das Kapital hypothekarisch sicherstellen ... Sie hat doch Familiensinn ...«

»Alterchen,« rief Marie heftig, »ich verstehe dich nicht – in diesem einen Punkt verstehe ich dich nicht! Trinette – mein Gott – hat sie uns denn je – zu irgendeiner Zeit geholfen? Ja – sie kommt im Frühjahr zu uns – läßt es sich schmecken, geht im Park spazieren, sammelt ihr ekliges Kräuterzeug, mit dem sie alle Welt beglückt – borgt sich meinen Hut, wenn sie nach Langenrode zur Prinzessin Karoline fährt – um den ihren zu schonen – und mischt sich überall in Dinge, die sie nichts angehen. Gestern treffe ich sie sogar in der Küche, wie sie zur Wärmchen, die die Salzkartoffeln abgießt, belehrend sagt: ›Mamsellchen, was machen Sie denn immer mit der Kartoffelbouillon, das gäbe doch noch gute Suppen für Kranke und Arme!‹ Die Leute brüllten vor Lachen, als sie hinaus war. Friedrich – es ist ja deine Schwester – aber ich frage dich, ob ich mir dieses Dreinreden noch länger gefallen lassen muß?« »Habe doch Geduld, Mariechen,« sagte der alte Herr bekümmert, »sieh mal, ich denke, ich kann ihr schließlich doch noch das Geld herauslocken, und dann könnten wir Rauschenrode behalten. Du hängst auch daran, Mariechen. Es würde dir doch auch schwer, wenn wir fort müßten ...«

Marie Kosegarten seufzte. Sie kannte Trinette – sie kannte sie durch und durch. Sie hoffte nichts mehr. Aber die Männer ließen sich immer durch Redensarten fangen. Trinette hatte so eine Manier, mit ihrem Einfluß bei Hofe großzutun, damit imponierte sie ihrem Bruder. Ging sie nicht umher und sprach unaufhörlich davon, daß sie für Hilde eine Hofdamenstelle in Aussicht habe, trotzdem sie ihr schon dreimal ärgerlich erklärt hatte, sie könne Hilde in der Wirtschaft nicht entbehren? Hatte Trinette nicht spitzig darauf erwidert, es wäre für zunehmende Korpulenz höchst zweckmäßig, sich mehr in Küche und Keller zu bewegen, statt im Sofaeckchen zu sitzen und die Dorfkinder mit wollenen Strümpfen und Röcken zu verwöhnen? Aber Kosegarten war einmal ein unverbesserlicher Optimist, was seine Schwester betraf! Das wußte Frau von Kosegarten ja auch längst, und an diesen Punkt war nicht zu rühren. Stand er nicht, weiß Gott, jetzt, wo nur von Trinette die Rede war, auf und rief Zipperjahn, um die Hunde in den Stall zu bringen, weil Trinette den Hundegeruch in den Stuben nicht leiden mochte? Wie oft hatte Frau von Kosegarten früher darum gebeten, die Hunde draußen zu lassen, die so viel Schmutz auf die Dielen und den Teppich brachten und sich sogar auf die gestickten Kissen legten – aber das war ganz vergeblich gewesen, und Frau von Kosegarten war längst an ihr Geblaff und ihren Geruch und alle ihre Untaten gewöhnt worden.

Der strohköpfige Dorfjunge, der eigentlich Zyprian hieß, nach dem Kalendertag, an dem er zur Welt gekommen war, der aber seit seiner Taufe auch schon den zierlichen Kosenamen Zipperjahn empfangen hatte, zeigte sein freundliches Gesicht, das wie ein Vollmond über der lederfarbenen Livree leuchtete, in der Tür und wurde bedeutet, die Hunde in den Stall zu führen. Während er in etwas ungeschickter Weise bemüht war, die drei Teckel in seine Gewalt zu bekommen, fragte die gnädige Frau nach der Posttasche, und das war zu viel für Zipperjahn. Er ließ die Dackel wieder los, worauf sie mit lautem Gebell durch den Saal jagten, legte die Hände an die Hosennaht, stellte sich in Positur und antwortete feierlich: »Herr Schottenmaier hat die Posttasche an sich genommen.«

Er wurde zu seiner äußersten Befriedigung beauftragt, von Herrn Schottenmaier die Posttasche zu verlangen – aber dieser seinem Ehrgeiz so schmeichelhafte Auftrag wurde durch das Erscheinen des Herrn Schottenmaier leider vereitelt. Der alte Diener, weißhaarig, mit geistlicher Würde in der Haltung seines Kopfes über der weißen Halsbinde, öffnete die Tür zum Flur und meldete ernsthaft: »Herr Theodor Debberitz wünscht den gnädigen Herrn zu sprechen!«

Kosegarten richtete einen kindlich bekümmerten Blick auf seinen Sohn. »Du meinst also, ich soll den Kerl empfangen?«

»Aber gewiß, Papa, hören, was er sagt – natürlich! Mein Gott – nichts gegen die Ehre – aber zahlungsfähig soll er ja sein!«

»Na also – dann führen Sie ihn ins Büro,« sagte Kosegarten, ergeben in alle Unglücksfälle, die das Schicksal über ihn hereinwälzte.

Hilde fühlte in diesem Augenblick ein großes Mitleid mit dem alten Herrn. Sie trat auf ihn zu, strich ihm liebkosend über die Schulter. »Onkelchen, der Mann will gewiß nur protzen – hat gewiß gar keine ernsten Absichten ...«

»Meinst du, Mädel?« rief Kosegarten erleichtert. »Du wirst recht haben. Na, dem Kerl will ich aber heimleuchten – der soll sich nicht noch mal unterstehen, mich zum Narren zu haben!« Die Streitlust fachte auch den Lebensmut wieder an.

Zipperjahn hatte sich inzwischen mit den Hunden herumgebalgt. Plötzlich fuhren die Tiere sämtlich laut bellend auf einen Mann los, der – niemand hatte gesehen, wie er dort hingekommen war – auf der Rampe vor der geöffneten Glastür stand. Nicht nur Kosegarten, auch die andern Anwesenden wußten sofort, daß dies der prachtvolle Theodor Debberitz war. Sein Gesicht schimmerte mild von einem leichten Fettglanz, als sei es mit Freudenöl gesalbt, indem er, ungeniert eintretend, es der Gruppe am Frühstückstisch entgegenwandte. Die Sonnenstrahlen ergriffen sofort die sich auf dem gerundeten Leib seiner weißen Weste leicht wiegenden Gehänge seiner goldenen Uhrkette als geeigneten Gegenstand, um auf ihnen ein anmutig glitzerndes kleines Feuerwerk zu entzünden. Die Krücke seines Spazierstockes blitzte ebenfalls in einem herausfordernden Silberglanz.

Er lüftete den Hut mit weltmännischer Sicherheit. »Morgen, gnädige Frau! Morgen, gnädiges Fräulein,« ertönte sein jovialer Gruß in die erwartungsvolle Stille, die sein Erscheinen hervorgerufen hatte.

Frau von Kosegarten neigte kühl ihr Haupt – o, sie konnte auch die große Dame sein, wenn sie wollte. Der alte Herr, der dunkelrot vor Aufregung geworden war, bemerkte mit beleidigender Trockenheit: »Schottenmaier sollte Sie ins Büro führen. Geschäfte pflege ich nicht in Gegenwart der Damen zu erledigen.«

»Ah, bitte sehr um Verzeihung, wenn ich hier unberufen eindringe. Der Diener kam nicht wieder, da wollte ich doch in meinem zukünftigen Besitztum mal 'n bißchen Umschau halten!«

»Nun, das ist etwas vorzeitig Beschlag auf den Besitzertitel gelegt,« rief August heftig. Der Vater hatte recht: dieser Mann war unerträglich dreist.

Debberitz lächelte zu Augusts Bemerkung und antwortete ruhig: »Da haben Sie recht, Herr von Kosegarten, abgemacht ist die Geschichte noch lange nicht. Ne Katze im Sack kauft Thete Debberitz nicht – nee, nee! Die Rampe draußen muß neu fundiert werden, Herr von Kosegarten – fällt Ihnen sonst eines Tags zusammen!«

»Das ist meine Sache,« brummte der alte Herr. »Nun kommen Sie, Debberitz.« Der prachtvolle Herr Debberitz schien noch nicht gewillt zu sein, diesem Wunsche Folge zu leisten.

Er blieb stehen, breitbeinig, stemmte die Arme in die Seiten, so daß seine gewaltige Gestalt förmlich eine dunkle Masse in dem hellen Raum bildete, und sah durch die Glastüren in den Park hinaus.

»Ein feiner Blick,« reflektierte er seelenruhig, »entschieden hochherrschaftlich! Für den Gartensaal habe ich immer was übriggehabt. Thete, habe ich mir immer gesagt, hier zu frühstücken, so mit 'n Blick ins Jrüne, ne feine Sache! Na ja, wenn einer Glück haben will, da hat er's! Das ist mein Wahlspruch, Herr von Kosegarten. Ja, gnädige Frau, so ändern sich die Zeiten. Es ist schon lange her, daß wir uns nicht gesehen haben. Wissen Sie noch, wie ich und Fritz Ihnen mal die halbe Melone gemaust haben?«

»Das muß wohl ein Irrtum sein,« bemerkte Mariechen von Kosegarten ablehnend, aber Herr Debberitz beteuerte ihr, daß er ein sehr gutes Gedächtnis für solche Dinge habe.

»Rackers waren wir beide, unverschämte Rackers,« erklärte er fröhlich und schien, nähertretend, nicht übel Lust zu haben, den leeren Stuhl neben Frau von Kosegarten einzunehmen, um sich weiter in allerlei Jugenderinnerungen zu vertiefen. Sie wartete mit einer Art von erstarrtem Staunen auf dieses Ereignis, und vielleicht hielt auch ihr Gatte eine freundschaftliche Niederlassung des selbstzufriedenen Eindringlings nicht für unmöglich, denn in einem Ton, wie er etwa mit einem widerspenstigen Ackerknecht reden mochte, rief er ihm zu: »Debberitz, ich warte!«

Debberitz warf einen schnellen, scharfen Blick seiner zwischen Fettfalten verborgenen, lustig glitzernden Äuglein über den alten Herrn und strich den dicken, wie zwei Eberhörner in die Höhe gedrehten Schnauzbart. ›Verfluchte Junkerfrechheit!‹ dachte er in diesem Augenblick und nahm sich vor, daß Herr von Kosegarten den Ton zu bereuen haben werde. Die milde und gewissermaßen liebevolle Stimmung, in die er durch die Erinnerung an die gestohlene Melone gebracht worden war, verflog spurlos. Er setzte in Gedanken den Kaufpreis für Rauschenrode sofort um einige Mille herunter. »Also gehen wir, Herr von Kosegarten, gehen wir an die Geschäfte!« rief er nach diesem Entschluß forsch und kordial. Mit einer für seine Korpulenz erstaunlichen Elastizität folgte er dem voranschreitenden alten Herrn.

»Da soll man nun noch sagen: Unrecht Gut gedeihet nicht!« bemerkte Hilde, den beiden so verschiedenen Gestalten nachschauend.

»Mit dem wird Papa allein nicht fertig,« sagte August sorgenvoll. »Wäre er nur nicht so eigensinnig in dem Punkt und ließe mich an den Verhandlungen teilnehmen!«

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