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Der Amerikaner

Gabriele Reuter: Der Amerikaner - Kapitel 10
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typefiction
authorGabriele Reuter
titleDer Amerikaner
publisherS. Fischer Verlag
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Zehntes Kapitel

Schottenmaier unterwies Zyprian, wie er sich bei der Bedienung der hohen Gäste zu verhalten habe. »Du machst so gewissermaßen dein Examen,« belehrte er. »Wenn ich gehe, hast du einen schönen, sichern Posten für Lebenszeit, bei dem man auch etwas erübrigen kann. Das siehst du doch an mir.«

Zipperjahn nickte und zeigte ein breites Grinsen auf seinem freundlichen, roten Gesicht. »Sie werden 'n mächtiger Mann, Herr Schottenmaier, wenn Sie erst das Kurhaus haben,« sagte er ehrfurchtsvoll. »Ja, wenn man so denkt, was Herr Debberitz hier jetzt bedeutet. Das ist doch noch gar nicht so lange her, als den der Herr von Kosegarten ein Mistvieh schimpfte.« »Zipperjahn,« sagte Schottenmaier, »daran hast du dich nicht mehr zu erinnern. Es ist manches Mal jut, man hat nicht zu viel im Gedächtnis, hörst du wohl?!«

Die Tür wurde hastig geöffnet, Fräulein Trinette rauschte atemlos herein. Die Schmelzbehänge ihrer ehrwürdigen Samtmantille wogten und knisterten um sie her, der beste Spitzenhut ihrer Schwägerin thronte würdig über ihren glatten Scheiteln. Ein Parfüm von Naphthalin und ungelüfteten Stuben umwehte die vornehme Erscheinung.

»Aber, gnädiges Fräulein,« rief Schottenmaier erschrocken, als er sie erblickte, »die Wagen mit den andern Herrschaften sind schon längst fort!«

»Ja, ich habe mich verspätet,« gab sie zu, »ich werde die Rede des lieben Herrn Oberpfarrers verfehlen. Aber Herr Debberitz klagte heute morgen über Schmerzen im Rücken, ich habe ihm schnell noch etwas Ameisenspiritus abgegossen. Auch trug ich eine Tasse Erdbeertee in seine Stube und stellte sie in die Ofenröhre, damit sie warm bleibt. Die Gesundheit dieses prächtigen Mannes ist für uns alle von der größten Wichtigkeit. Die Wagen sind also fort? Nun, da werde ich wohl gehen müssen. Schlimm, schlimm, es ist kalt und windig. Wissen Sie nicht, Zyprian, ob die gnädige Frau ihren Muff genommen hat?«

»Nein,« sagte Zyprian, »der hängt draußen in der Garderobe.«

»Nun, da bring ihn mir, mein Knabe,« sagte Fräulein Trinette mit gütigem Lächeln. Und als sie ihn entgegengenommen hatte, entfernte sie sich mit huldvollem Kopfnicken. Der Sturm ergriff ihre Samtmantille und blähte sie wie ein großes, schwarzes Segel, so daß sie, einer majestätischen Trauerfregatte gleich, über den Kiesplatz dahinflog. Schottenmaier aber hob bedeutungsvoll den Finger. »Zipperjahn,« sagte er mit schlauem Lächeln, »die Aktien steigen. Man merkt's am Ameisenspiritus!« Wieder öffnete sich die Tür, diesmal behutsam, und Mamsell Wärmchen steckte den Kopf herein. »Schottenmaier, hören Sie die Glocken? Die Kirchenglocken läuten!«

Schottenmaier öffnete das Fenster, der Wind trug einzelne verwehte Glockentöne herüber.

»Dann hat die Feier schon begonnen,« sagte er.

Wärmchen faltete die Hände und lauschte andächtig. »Schottenmaier,« sagte sie so gerührt, daß ihr die Tränen über die Backen liefen, »hören Sie doch nur! Ach Jott, wie erhebend! Schottenmaier, wenn man so denkt, das ist nun das Richtfest für unser Glück.«

Schottenmaier stand würdig neben ihr und bemerkte philosophisch: »Der eine geht, der andere kommt, das ist der Lauf der Welt. Wenn die alte Herrschaft hier oben auszieht, dann ziehen wir unten ein.«

»Wenn der liebe Gott so will, Schottenmaier,« ergänzte Wärmchen, die in solchen feierlichen Augenblicken unbewußt den Ton von Frau Marie von Kosegarten anzunehmen pflegte.

Man war noch in eifrigem Schwatzen über alle Veränderungen, die im Schlosse vor sich gegangen waren, als man einen Wagen rollen hörte. Zipperjahn stürzte hinaus, um Blaffke zu rufen, erschien aber gleich wieder und berichtete, es sei nur die junge Frau und Herr Fritz, und er solle Fräulein Hilde rufen. Diese eilte verwundert ins Wohnzimmer und fand Mimi blaß, mit geschlossenen Augen im Lehnstuhl liegen, während der Schwager ihr ein Tuch, dem ein scharfer Duft nach Eau de Cologne entströmte, auf die Stirn hielt.

»Es ist ihr unwohl geworden bei dem langen Stehen in der Kälte unter den vielen Menschen,« sagte Fritz erklärend.

»Du hättest nicht mitgehen sollen,« schalt Hilde, »du weißt doch, daß der Arzt dir gesagt hat, du müßtest dich sehr schonen.«

»Ach,« klagte Mimi, »August wäre doch zu unglücklich gewesen, wenn ich nicht hätte an der Feier teilnehmen können. Es ist mir so schrecklich peinlich, daß Fritz mich beinahe tragen mußte.« Sie blickte mit ängstlich verstörten Augen von einem zum andern. »Glaubt ihr, August hat es bemerkt, daß Fritz mich fortgeführt hat? Bitte, Fritz, tu mir den Gefallen und kehre gleich wieder um.«

Die Besorgnis vor der üblen Laune ihres Gatten prägte sich so deutlich auf dem blassen Gesicht ab, daß Fritz ärgerlich antwortete: »Beruhige dich, Mimichen. Wenn August verdrießlich wird, so schicke ihn nur zu mir, dann werde ich ihm einmal den Standpunkt klarmachen.«

»Um Gottes willen!« rief die junge Frau erschrocken. »Ich habe schon genug von seiner Eifersucht zu leiden. Er findet deinen Ton gegen mich zu frei. Ach,« seufzte sie, in die Verzagtheit verfallend, in die die beginnende Mutterschaft die Frau häufig versetzt, »daß doch alles Glück so schwer erkauft werden muß!« Hilde nötigte sie freundlich, sich niederzulegen, versprach sie rechtzeitig zu wecken und kehrte dann schnell ins Wohnzimmer zurück.

Sie fand Fritz, der Mantel und Hut abgelegt hatte, vor dem Ofen stehen, um sich die Hände zu wärmen. Seine schlanke Gestalt erschien in dem Gesellschaftsanzug mit der weißen Krawatte noch schlanker und magerer als sonst.

»Du noch hier?« fragte sie verwundert.

»Warum nicht?« sagte Fritz. »Man braucht mich dort nicht.«

Hilde legte beide Hände an die Schläfen, als fühlte sie einen Schmerz.

»Man braucht dich dort nicht, wo du die Seele des Ganzen bist? ...« wiederholte sie.

»Aber, Hilde,« sagte Fritz, und der freundliche Ton seiner Stimme widersprach dem Ernst, der in seinen Augen und über seiner Stirn lag, »du bist ein kluges Mädchen und weißt nicht, daß die, die am meisten geschuftet haben, bei Grundsteinlegungen und Einweihungen die allerüberflüssigsten Personen sind? – Da kommen andere dran – nach dem alten Gesetz der Arbeitsteilung ... Nein – ernsthaft gesprochen – ich erkenne täglich mehr, daß ich im Wege bin in diesem »Hause meiner Väter«. Na – irgendwo in der Welt wird sich schon ein Plätzchen finden, wo ich mich wieder mehr daheim fühlen werde ...« Er lächelte humoristisch zu dem Mädchen hinüber. »Nur nicht schwerfällig werden ... Wenn eine Hoffnung sich nicht erfüllt, steht gleich eine andere vor der Türe.«

»Deine Mutter würde es schwer verwinden, wenn du wieder gingest,« meinte Hilde.

Fritz zog die Brauen hoch. »Es war ihr eine große Freude, daß ich kam, es war ihr vielleicht notwendig, aber längere Gefühlsaufregungen sind gar nicht zuträglich für alte Leute. Wenn ich wieder fort bin, wird die Erinnerung an mich sich weit besser ihrem täglichen Leben einfügen, als es meine Gegenwart tut. Was ich hier wollte, hab ich ja schließlich erreicht, habe meinen alten Herrn von der Sorge um das Gut befreit – na, und wenn man fühlt, daß man seine Arbeit getan hat, so soll man sich schnell davonmachen.«

Im Hofe tönte das Rollen von Wagen.

Hilde lief ans Fenster. »Sie kommen! Die Eltern steigen eben aus! Da werden die herzoglichen Herrschaften auch gleich hier sein!« Sie reckte sich seufzend auf. »Du wirst dir deine Fluchtabsichten noch überlegen,« sagte sie zu ihrem Vetter, indem sie sich beide hinunterbegaben.

Er lächelte und antwortete nicht.

Der Gartensaal sah heute, ehe er für die Wintermonate geschlossen wurde, zum letztenmal noch eine große, glänzende Versammlung zwischen seinen blumigen Tapeten. Die Herzogin, eine schmale, schlanke Frau mit müden Augen und einem kleinen, feinen Mündchen, die stets bestrebt war, den Altersunterschied zwischen sich und ihrem Gemahl durch ernste Würde der Haltung zu verringern, saß mit der alten und der jungen Frau von Kosegarten und Prinzessin Karoline am Kamin. Riesige prasselnde Buchenscheite strömten eine wohlige Wärme auf die arg durchfrorenen Damen aus, und heißer Tee, dampfender Punsch wurden mehr begehrt als der eisgekühlte Sekt.

Prinzessin Karoline hatte Fritz an ihre Seite gewinkt. Er lehnte sich an den Pfosten des Kamins und plauderte mit ihr in jener neckisch galanten Weise, die Prinzessin Karoline stets so anmutig an ihre glorreichen Wiener Tage erinnerte.

»Sie müssen uns oft aufsuchen, wenn Ihre Kusine erst bei mir ist,« flüsterte sie, sich nahe zu Fritz hinüberbeugend, so daß das fürstliche Parfüm gleich einer schweren Duftwelle zu ihm aufstieg. »Ich plane kleine Teeabende, vielleicht ein Spielchen, o, ganz harmlos, ein Whist oder dergleichen. Sie müssen noch ein paar junge Leute mitbringen, ich sehe gern Jugend um mich. Nett, sehr nett, was? Wir wollen recht lustig sein.«

Fritz verbeugte sich zustimmend. »Ich weiß nicht,« sagte er etwas zögernd, »ob Hoheit den Charakter meiner Kusine ganz richtig beurteilen.«

Die Prinzessin kicherte. » Mon cher ami. Sie wollen doch nicht etwa auch unter die ernsten Warner gehen? Ihre Kusine wird nicht prüde und nicht albern sein, superbe, das gefällt mir gerade. Dort sehe ich sie eintreten, bitte, rufen Sie sie zu mir.«

In der Mitte des Saals sprach der Herzog mit August und Debberitz. Er zeigte sich interessiert für alle Einzelheiten ihrer Pläne. »Sie haben Erstaunliches geleistet, meine Herren,« rief er mit seiner seinen, hohen Stimme, »ganz außerordentlich, ganz außerordentlich!«

»Hoheit,« begann Debberitz und legte die Hand auf sein tadelloses, weißes Vorhemd, »fürs Vaterland, fürs angestammte Fürstenhaus ...«

Der Herzog lächelte ihm gnädig zu. »Gewiß, gewiß! Die Ideale sind treibende Kräfte! Wann wird die elektrische Bahn dem Betrieb übergeben werden können?«

»Ich denke in ein bis zwei Jahren,« bemerkte August.

Die Herzogin wandte sich ein wenig zur Seite in ihrem Lehnstuhl, um den Herren zuzuhören. »O, das ist gut, das ist sehr gut,« sagte sie erfreut, »beschleunigen Sie den Bahnbau so viel als möglich. Der Weg von Langenrode nach unserem Lustschloß Nassenstein ist so beschwerlich für die armen Pferde.«

»Der Wunsch einer hohen Frau wird uns zu fiebernder Eile antreiben,« sagte Debberitz, erstaunt, daß ihm diese pathetische Phrase so gut gelungen war. Die Herzogin neigte mit freundlichem Dank das kleine Köpfchen, auf dem ein noch kleinerer Hut aus Goldgespinst und Zobel sich in das farblose dünne Haar schmiegte. »Wir werden einen Salonwagen haben?« fragte sie liebenswürdig.

Debberitz verbeugte sich. »Selbstverständlich, Hoheit. Ahorntäfelung mit blauen Samtpolstern!«

»Ahornholz mit blauen Samtpolstern,« wiederholte die Herzogin müde. »Scharmant, ganz scharmant!«

Ein Kammerherr war inzwischen auf den Herzog zugetreten und hielt ihm zwei Lederetuis entgegen. Der Herzog ergriff das eine, drückte auf den Knopf und entnahm ihm einen Orden. Das diskrete Stimmengeschwirr, das bisher den Saal erfüllt hatte, verstummte plötzlich. Die stattlichen Gestalten des Oberpfarrers und des Bürgermeisters, der weißlockige Staatsminister und mehrere andere Herren des Gefolges gruppierten sich unauffällig und doch mit der sicheren Gewöhnung, solchen Szenen das nötige Dekorum zu verleihen, im Halbkreis um den hohen Herrn. Auch die neue Haushofmeisterin, die Baronin Leuchtenberg, die die Herzogin heute begleitet und die bisher mit Herrn von Kosegarten im Gespräch gestanden hatte, näherte sich, um mit dem Herrn des Hauses Zeuge des kommenden Ereignisses zu werden. Der Herzog wandte sich zu August und Debberitz. »Meine Herren!« begann er mit seiner schüchternen Stimme, »als einen Beweis, wie sehr ich die Verdienste tüchtiger Männer um das Herzogtum zu schätzen weiß, verleihe ich Ihnen, Herr Direktor von Kosegarten, und Ihnen, Herr Theodor Debberitz, meinen Hausorden zum Weißen Hirsch.«

Er überreichte August den Orden, entnahm dem zweiten Kästchen, das der Kammerherr ihm geöffnet entgegenhielt, ein anderes Exemplar und legte es in die Hand von Debberitz. Die beiden Männer empfingen die Auszeichnungen mit tiefen, stummen Verbeugungen.

Da rief Prinzessin Karoline laut und enttäuscht zu Fritz hinüber: »Ja, bekommen Sie denn keinen Orden? Das finde ich gar nicht nett.«

Fritz lachte. »Hoheit,« sagte er munter, »ich fühle mich in diesem Augenblick durchaus als freier Amerikaner!«

Der Herzog zog, peinlich berührt, die Schultern leise fröstelnd in die Höhe. »Sie bleibt doch eine ewige Gene,« flüsterte er ärgerlich der Herzogin zu. Die gewandten Hofleute der Umgebung begannen, um den fatalen Zwischenfall vergessen zu machen, ein lebhaftes Geplauder. Der Herzog aber wandte sich huldvoll im Gespräch zu Fritz: »Ich höre, Sie wollen sich wieder im alten Vaterlande seßhaft machen.«

»Das ist ein Irrtum,« sagte Fritz kurz und kühl. »Wenn ich ehrlich sein will, der Boden brennt mir schon wieder unter den Füßen.«

»So, so,« bemerkte der Herzog etwas verstimmt. »Abenteuerlust? Läßt sich nicht überwinden?«

»Wer der Heimat so lange entfernt blieb,« warf die Herzogin begütigend ein, »findet sich wohl schwer wieder in ihr zurecht.«

»Man hat zu scharfe Augen bekommen für ihre Verbesserungsbedürftigkeiten,« sagte Fritz. »Weil unsere Liebe nicht mehr blind ist, wird sie uns überhaupt nicht mehr geglaubt. Und so entdeckt man bei der Rückkehr in die Heimat oft erst, daß man wirklich heimatlos geworden ist.«

»Ein trauriger Zustand,« flüsterte die Herzogin bedauernd. »Wie man's nimmt,« sagte Fritz gleichmütig, »wir haben unsern Stolz, und ich denke, wir haben auch unsere Mission, wir Heimatlosen. Was wäre Deutschland ohne seine verlorenen Kinder?«

»Es liegt etwas Wahres in diesem Ausspruch,« meinte der Herzog nachdenklich, aber ...« und er hob ablehnend die Hand, »eine bedenkliche Wahrheit.«

»Wahrheiten sind immer bedenklich, Hoheit,« sagte Fritz mit gleichmütigem Lachen.

»Gestatten, Hoheit,« mischte sich Debberitz ins Gespräch, »er ist uns zu wild mit seinen Projekten, das ist die Geschichte. Wenn wir alle seine Yankeeabenteuer nicht hier ausführen wollen, dann wird er bissig, und predigen wir dem Herrn Vernunft, da will er uns die Chose vor die Füße werfen.«

Der Herzog blickte zerstreut im Kreise umher. Er blieb nicht gerne lange bei einem Thema. Die derbe Gereiztheit, die ihm aus dem Ton dieses gewaltigen Mannes entgegentönte, erregte ihm beinahe Furcht.

»Nun, da halten Sie nur als Gegengewicht zu den fremden aufreizenden Einflüssen fest an einer soliden deutschen Gesinnungsart,« sagte er, das Gespräch abschließend, zu Debberitz.

Er näherte sich darauf der Herrin des Hauses, der älteren Frau von Kosegarten, mit der zu plaudern seine offiziellen Pflichten ihm bisher noch nicht gestattet hatten. Aufs neue zwang er seine müden, blassen Lippen zu einem freundlichen Lächeln, als er sich neben sie auf einen Lehnsessel niederließ, und begann: »Die Familie Kosegarten ist unserm Hause stets in Treue attachiert gewesen; wie ich höre, soll dieses Band in Zukunft wieder fester geknüpft werden. Ihre liebe Nichte soll als Hofdame meiner Schwester in unsern engern Kreis aufgenommen werden?«

»Ich bin glücklich,« sagte Frau Marie, »daß Hoheit so gnädig waren, Hilde in Ihren Dienst zu wünschen. Wir werden voraussichtlich das Schloß den Kindern überlassen, vielleicht auf Reisen gehen, da ist es so schön, zu wissen, daß für Hilde gesorgt ist. Ich habe sie lieb wie meine Tochter.«

»Wir sind sehr zufrieden mit der Wahl unserer lieben Schwägerin,« bemerkte die hohe Frau, »ich bin stets dafür, die Damen des Hofes aus den adligen Familien des Landes zu wählen, deren Gesinnung man kennt, deren ganzer Ton schon eine Art Garantie für den Charakter des jungen Mädchens bietet. Sie haben Ihre Nichte in der abgeschiedenen Einsamkeit der Berge und Wälder erzogen ... hm ... ja ...«

»Sie hat wirklich arbeiten gelernt,« fiel Frau Marie ein.

» Superb«,« meinte die Fürstin freundlich, »da wird sie sich die einfache Unschuld des Herzens bewahrt haben, die man leider in neuerer Zeit so häufig an den jungen Damen vermißt.« Sie lehnte sich behaglich in ihrem Sessel zurück, der gute Tee hatte sie erwärmt, ihre Umgebung wußte, daß sie nun auf ihr Lieblingsthema, die falsche Erziehung der modernen Frau, zu reden kommen würde. Sie sprach von böser Lektüre, von unangebrachten Freiheiten, von der Bedenklichkeit der Sportpassion bei den Töchtern des Adels ...

» Ma chère,« murmelte der Herzog, räusperte sich ein wenig und verstummte wieder. Er sah gern junge Mädchen sowohl beim Tennis als auch zu Pferde.

»Auch ich selbst habe ja früher geritten,« sagte die hohe Frau – »in angemessener Begleitung – warum nicht? Aber etwas anderes ist die burschikose Kameradschaftlichkeit in sportlichen Angelegenheiten, die heute zwischen den jungen Leuten beliebt wird und die zu den bösesten Situationen führen kann. Zum Exempel eine Geschichte, die mir die Baronin Leuchtenberg vorhin auf der Fahrt erzählte und die mich wahrhaftig erregt hat. Baronin – Sie sagten doch selbst, der Ruf des jungen Mädchens, die damals im Rennstall des Grafen – mon Dieu, der Name tut ja nichts zur Sache – kurz ihr Ruf war ruiniert. Und ich finde, die Welt verurteilte hier mit Recht. Eine junge Dame, die sich so weit vergißt, die Pferde ihres Courmachers ...«

Die Herzogin hielt plötzlich inne – es war eine atembeklemmende Stille um sie her entstanden.

Da erhob sich Prinzessin Karoline halb von ihrem Sessel. Ihr volles Gesicht war noch mehr gerötet als sonst. »Pardon, liebe Schwägerin, dieser Rennstall des Grafen Kessenbrock ... Ja – ich behaupte,« rief sie laut und kriegerisch, »dieser Rennstall hat damals, als die Leuchtenberg in ihrer Eifersucht sich so unverantwortlich benahm, überhaupt nicht mehr existiert. Das Ganze ist ein Märchen – eine Perfidie,« schloß sie, indem sie sich wieder niederließ und mit hastigem Fächerschlagen ihre Empörung zu betäuben suchte.

» Mon Dieu, Caroline, je ne comprends pas un mot de votre altération,« flüsterte die Herzogin fragend – sie verfiel bei Familiendifferenzen immer in die französische Sprache.

In diesem Augenblick durchbrach ein heftiges Geräusch die bange Stille des Raumes. Hilde hatte einen Stuhl beiseite gestoßen und stand vor der Herzogin. Ihr Gesicht war ganz weiß, während ihre Augen sich weit offen und mutig auf die Herzogin richteten.

»Nein, Hoheit, es ist kein Märchen,« sagte sie mit einer Stimme, die nur wenig zitterte, »Frau von Leuchtenberg hat mich nicht falsch beschuldigt! Ich war bei Graf Kessenbrock – ja – und – ja! Wir haben uns liebgehabt, und ich war nicht nur im Stall bei seinem Pferd, auf dem er am nächsten Tage um Sieg oder Niederlage kämpfen wollte, und weil er mit sagte, es würde ihm Glück bringen ... Ich war auch bei ihm auf seinem Zimmer ... Ich will dies gesagt haben – ich will nichts, nichts mehr zu verbergen und zu verleugnen haben ln meinem Leben ... Ich weiß, es wäre nur lächerlich, in diesem Augenblick zu behaupten, daß ich trotzdem das Recht habe, meinen Kopf ebenso hoch zu tragen wie jede der Frauen und Mädchen hier – es würde doch niemand mir glauben. Jedes Beteuern wäre nutzlos ...« Sie hielt inne, eine schnelle Röte kam über ihre Wangen, ihre Sprache wurde schärfer, heftiger. »Darum bin ich froh, daß es so gekommen ist, daß ich nun ein Ende damit mache, mich vor euren Urteilen und eurem Verurteilen zu fürchten – daß ich nun weiß: Ich bin mit euch allen fertig – fertig – fertig! Gott sei Dank!«

Ihre Stimme brach in der tiefen Bewegung ihrer Seele, ihr Antlitz hob sich und blickte über die Menschen fort mit einem Ausdruck stolzer Freude. Und dann senkte sie die Augen und ging langsam und aufgerichtet zwischen den verblüfften Gästen hindurch aus dem Saal.

Man wich ihr aus, als brächte ihre Berührung Unheil. Es war, als hätte soeben jeder einzelne etwas gesehen und gehört, was er unmöglich mit einem andern teilen könnte, was man sich kaum selbst eingestehen dürfte. Es wagte niemand auch nur einen Blick mit seinem Nachbarn zu tauschen.

»Ein Anfall von Geistesstörung,« sagte Fräulein Trinette von Kosegarten ernst und gab damit eine Art von erlösender Parole aus.

»Ein interessanter Fall hysterischer Selbstbeschuldigung,« ließ sich der Kreisarzt vernehmen.

»Aber sie deutete doch an, daß gar nichts wirklich Bedenkliches ... Ich neige entschieden zu der Ansicht ...« so erklärte eine andere Stimme, worauf einige Herren zu kichern begannen.

»Mein Gott,« flüsterte jemand, »wie das nun auch gewesen sein mag – das ist jetzt ganz gleichgültig – aber sie sagte »euch« den Herrschaften – sie sagte »euch« – haben Sie es wohl gehört, Exzellenz?«

Frau Marie versuchte, um Verzeihung flehend, die Hand der Herzogin zu küssen, aber die hohe Frau hielt abwehrend Arme und Hände fest an sich gepreßt und dachte unbestimmt an die russische Revolution.

Der Herzog wandte den Blick zu August und fragte: »Sind die Wagen bereit?«

»Zu dienen,« erwiderte der jüngere Kosegarten zusammengefaßt, in militärischer Haltung.

Eilig und verstört folgte der Aufbruch.

Die Herzogin hatte die Fassung jetzt soweit wiedergewonnen, um Frau von Kosegarten die Hand zu reichen und zu lispeln: »Meine Gute, Arme – ich ahnte ja nicht – o welch ein Zusammenbruch!«

Frau von Kosegarten senkte demütig das Haupt unter der fürstlichen Ungnade, die sie unabwendbar über ihre Familie heraufziehen sah.

Einige der offiziellen Persönlichkeiten ließen tröstende Worte von Sanatorien und Nervenheilanstalten fallen; die Prinzessin Karoline aber schüttelte vorwurfsvoll den Kopf und rief empört ihrer alten Freundin Trinette zu: »Ich hatte doch so bestimmt verlangt, dieser Stall dürfe nicht existieren. Und nun existiert sogar ein Zimmer ... Und ich muß die alte fette Audorf nehmen ... Welche Torheit, mon Dieu ... mon Dieu

Hier zeigte sich Theodor Debberitz als ein Mann von Entschlossenheit und Größe. Er beugte sich über die Hand der gekränkten Fürstin und drückte einen ehrerbietigen Kuß auf das parfümierte Leder des weißen Handschuhs. »Ich fühle ganz mit Hoheit,« bemerkte er würdig mit dem sattesten Ton seiner Stimme. »Aber wenn mir die jnädigste Hoheit verzeihen – möchte ich sagen: Donnerwetter! Schneid hat sie ... Ein Weib von Temperament! Ich bewundere Leidenschaft und Temperament bei der Frau!«

»O,« meinte die Prinzessin gedehnt, während sie auf das Vorfahren des zweiten Wagens wartete, »man kann auch Temperament besitzen, ohne solche Theatercoups zu machen!«

»Würde und Leidenschaft verstehen nur Fürstinnen zu vereinen,« flüsterte Debberitz, entriß in dem erregten Wirrwarr des Aufbruchs dem Diener den Pelz der Prinzessin und legte ihn sanft um ihre Schultern.

»Wie können Sie so etwas ahnen,« erwiderte Prinzessin Karoline, sich für einen kurzen Augenblick der Berührung dieser großen ungefügen Proletarierhände überlassend. »O, Sie haben viel Kraft,« seufzte sie befriedigt. »Und wir – wir Armen dürsten nach Leben ... Lassen Sie sich mir melden, wenn Sie nach Langenrode kommen! Sie müssen mir berichten, wie die Dinge sich hier entwickelt haben, hören Sie?«

Debberitz verbeugte sich tief und fühlte sein Herz heftig schlagen. Diese Prinzessin hatte ein Lächeln ...

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