Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edmund Hoefer >

Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/hoefer/menkendo/menkendo.xml
typefiction
authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110519
projectidd61450dc
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel

Zerbrochene Achsen

Das Fuhrwerk, das an diesem Tage in der ersten Nachmittagsstunde die Flußbrücke bei der uns schon bekannten kleinen Stadt übersetzte und dann nicht die neue gerade Landstraße weiterfuhr, sondern seltsamerweise den alten verkrümmten Landweg wählte, war vom bösesten Mißgeschick begleitet. Anfangs hemmte ein Strich tiefsten Sandes, worin die Räder mahlten und die Hufe der Pferde zurückglitten. Als der Wagen endlich aus der Ebene auf das hügelige, rasch steigende Gelände gelangte, das zum »Menkendorfer Winkel« allmählich hinaufführt, war für die armen Gäule verzweifelt wenig gebessert. Denn der Grund, steinig und uneben, war an steileren und hohlwegigen Strecken von schweren Regengüssen bös ausgewaschen. So vergingen mehr als zwei Stunden, ehe man das Hochland erreichte, wo man rascher vorwärts zu kommen hoffte. Allein hier hatte der Wald den ohnehin verwahrlosten Weg streckenweise fast unkenntlich gemacht und so wurde die Fahrt nur noch verdrießlicher. Der Kutscher wußte zudem gar nicht Bescheid. Er verließ sich auf den Herrn, der diese Gegend von alters her »wie seine Tasche« zu kennen behauptete und solche Kenntnis auch eine Zeitlang wirklich zu bewähren schien. Als man jedoch wieder eine mehrfach gezackte Weggabel hinter sich hatte, zeigte es sich bald, daß man den falschen Weg gewählt hatte: er wurde immer verwachsener und ließ auch kein Umkehren zu. Endlich wurde links, zwischen den Stämmen und Büschen durch, eine hellere Stelle sichtbar, und der Herr erklärte aufatmend, jetzt kenne er sich wieder aus. Das sei der »Rehkamp«, und jenseits laufe ein guter Weg weiter. Der Kutscher murmelte etwas in den Bart und lenkte, um die Entfernung zu verkürzen, aus dem abscheulichen Wege ungeduldig auf den anscheinend festeren und ebeneren hinüber. Allein – war schon diese Bewegung für den Wagen zu stark gewesen oder gab ihm erst eine unter der Pflanzendecke fast verborgene, starke Baumwurzel den Rest – im nächsten Augenblick belehrte ein scharfer metallischer Klang und ein jähes Umbrechen des Hinterteils die Insassen auf das unsanfteste, daß die Fahrt hier vorderhand ein Ende hatte.

Der Herr, der durch den jähen Zusammenbruch von seinem Sitz, glücklicherweise aber auf den weichen Moosgrund geschleudert worden war, raffte sich mit einem Fluch auf und hinkte zur Unglücksstelle hin, wo der Kutscher sich bereits unter grimmigen Äußerungen in der Untersuchung des Schadens erging. Die zierliche eiserne Achse war durchgebrochen und an eine auch nur notdürftige Wiederherstellung ohne fremde Hilfe nicht zu denken.

»Da ist also nichts zu machen,« sprach der Herr nun verdrießlich zum Kutscher, »du bleibst hier bei den Pferden und ich gehe auf den Hof und hole Hilfe – gerade durch mag ich in zwanzig Minuten dort sein. Aber du mußt dich schon auf eine Stunde oder mehr gefaßt halten, denn unterwegs treffe ich schwerlich jemand. Also lasse dir die Zeit nicht lang werden und passe auf, daß nicht auch die Pferde noch Schaden nehmen.« Dann klopfte er die noch haftende Erde von seinem Anzug und schritt quer durch den Wald weiter, so rasch es ihm der üppig wuchernde Efeu, die zahlreichen Beerenbüsche und die reiche Fülle des jungen Aufschlages nur erlaubten. Nach einigen Minuten stieß er auf einen Fußsteig. Er nickte zufrieden vor sich hin, denn er wußte sich nunmehr wirklich auf dem richtigen Wege. Ringsum zeigte sich der Wald freilich noch dicht und undurchsichtig genug; und eine Stelle, wie der Pfad sie jetzt streifte, wo unter dem tiefschattenden Laubdach einer ungewöhnlich starken Eiche der Boden auf dreißig, vierzig Schritt hin fast von allem Pflanzenwuchs entblößt war, bildete eine schier auffällige Ausnahme. Der Eilende achtete indessen darauf nicht, wurde daher aber auch um so mehr, ja bis zum Erschrecken, überrascht, als er plötzlich hinter der Eiche einen Mann hervortreten sah.

Er stand wie angewurzelt und starrte, als traue er seinen Augen nicht. »Matthies, Mensch!« rief er endlich aus und trat über die offene Stelle näher heran, »bist du toll geworden?«

Der Angeredete – es war ein gereifter, fester und schlanker Mann mit dunklem Haar und Bart, – Haltung und Tracht erinnerten entschieden an einen Seemann –, schaute den Frager mißtrauisch an und versetzte barsch: »Na, so weit sind wir noch nicht. Ich bin als Frager wohl zuerst daran. Also – wo kommt der Herr her, oder – war er schon länger hier?«

»Nun, Matthies,« tat der Herr gutmütig, »du bist in schlechter Laune, merk' ich, und muß denn schon ein Übriges tun,« und kam indem abermals ein paar Schritte näher, »ich bin bei einem alten Freunde gewesen und –«

»Nehme der Herr da den Fuß fort, dort ist ungerächtes Blut, und wer darauf tritt, dem bringt's Unglück.«

»Was schwatzest du? Da ist nirgends Blut.«

»Da war's, sage ich. Hier fanden sie dazumal den Warneck. Sein Kopf lag auf dieser Wurzel, und der Täter ist niemals, glaub' ich, entdeckt worden.«

»Nun, nun, das ist lange her. Aber – hast du vielleicht den Täter gekannt? Ich hatte zuweilen so meine Gedanken ...«

»Das sind unkluge Reden, und wir haben Wichtigeres zu tun. Also der Herr kommt eben erst an –?«

»Ja. Mein Freund wollte heut' oder morgen in die Stadt und mit Willmanns vernünftig sprechen, und ich gehe jetzt geradezu zu dem Alten und bekenne das andere und hole mir Vergebung der Sünden und Geld. So haben wir's abgemacht. Mein Wagen liegt mit zerbrochener Achse beim Rehkamp. – So, Matthies, das wäre ich! Und nun du – auf Ehre, ich bin nicht wenig neugierig! – Hast du dich besonnen und etwas im Werk? Es wäre nicht mehr nötig – aber zwei Gäule ziehen besser –«

»Herr, Ihr Freund trifft den Willmanns nicht mehr –«

»Wie?«

»Ich wußte, daß er hier herauf wolle. So macht' ich mich auf –«

»Matthies – du bist ein Juwel! Aber –«

»Sachte! – Willmanns – Sie haben den Namen zuerst genannt, Herr! – hat immer was auf mein Einreden gegeben. So wollt ich's versuchen – Ihnen zuliebe freilich nicht. Aber – ich kam zu spät.«

»Mensch!! Ist er schon hier gewesen?«

»Ja, hier gewesen und – nicht wieder fortgegangen. Sie haben ihn gestern abend hinter dem Pfarrstall gefunden, ein Loch im Kopfe und ausgeraubt –«

Es zuckte ein unbeschreibliches Gemisch von Mienen über das Gesicht des anderen und zwar so flüchtig, daß es selbst einer scharfen Beobachtung nicht möglich gewesen wäre, einen gewissen Eindruck davon zu erhalten; dazu fragte er mit unbewegter Stimme: »Und der Täter?«

»Verschwunden, glaub' ich. Ich hörte es nur durch Zufall.«

»Freund! Mache daß du fortkommst, das ist für dich –«

»Danke – danke, Herr! Gehen will ich freilich wieder, aber aus Angst nicht. Ich könnt' meine Unschuld schon beweisen. Doch – daß der Herr neulich in der Stadt war –«

»Pah! wer sollte davon erfahren haben?«

»Hm! Peter Jansen hat von jeher Katzenaugen gehabt. Und dann – ich will ehrlich sein! – es wäre schon auch möglich, daß dennoch einer in der Kammer nebenan gewesen –«

»Nun, was am Ende? – Wer bei den ›St. Jakobsbrüdern‹ einkehrt, hat Grund zur Vorsicht für sich selbst –«

»Herr, ich finde, Sie sind verdammt gleichgültig. Hören Sie doch, mein Vetter war, soweit ich's verstehe, stets ein ordentlicher und vorsichtiger Mensch. Was er bei sich führte, ist daheim richtig aufgeschrieben. Und was ihm genommen wurde, je nun – ist's auch in sichere Hände gekommen?«

»Ei, Matthies, das ist ja eine ganz allerliebste Fragestellung! Da bekomme ich ja beinahe Lust, irgendwo zu erzählen: ›Ich sah einen Mann namens Matthäus –‹ ... Das gibt, schätz' ich, einen ausgezeichneten Anfang und Anhaltspunkt!«

»Herr!!«

»Ja, siehst du, mein Junge, das ärgert dich, das andere mich. Drum ist's schon besser, wir bleiben Freunde. Lasse von dir hören, und wenn ich dir helfen kann, so weißt du, du darfst auf mich rechnen!«

Der Mann machte indessen keine Bewegung, die dargebotene Hand anzunehmen, sondern kehrte sich wortlos von dem Herrn ab, worauf dieser achselzuckend mit einem unbekümmerten: »Na, denn nicht!« seinen Weg fortsetzte. Hätte er sich freilich nach dem Zurückbleibenden einmal umgesehen, so wäre er wohl kaum so leichten Herzens von hinnen gegangen.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.