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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 6
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Fünftes Kapitel

Das Verbrechen

Es war ein glühend heißer Julitag, heiß selbst jetzt noch, wo die Sonne bereits sehr schräge Strahlen über Menkendorf warf. Die Luft flimmerte, zitterte vor Hitze und war voll vom Duft der überreich blühenden Linden und Rosen, die nach der früheren unbeständigen Witterung nun fast alle auf einmal zur vollen Blüte gelangt waren. Es war schier betäubend, und nur das fliegende, schwirrende und summende Getier fühlte sich dabei wohl. Aus der blendenden Höhe klang der Sang einer Lerche leise herab; die Bienen summten zu Tausenden um die Lindenblüten; über und zwischen den Blumen spielten Scharen von Schmetterlingen, und aus den angrenzenden Gefilden drang das Schrillen der Heuschrecken und Grillen endlos und eintönig herüber. Die zahmen Tiere hingegen rührten sich nicht. Die Tauben ruhten auf der Schattenseite des Daches. Der Hofhund lag langgestreckt im Schatten seiner Hütte. Von Menschen ließ sich, wohin und so weit man auch um sich schaute, schon seit Stunden kein einziger erblicken.

Jetzt aber wurden die Flügel einer festen Vortür auf der schattigen Hinterseite des Pfarrhauses aufgestoßen, und es trat ein alter Mann heraus. Er stand und sah sich um, »Das heiß ich doch ein Wetter!« nickte er vergnügt. »Das Herz geht einem auf bei dieser Pracht und diesem Segen!«

»Komm' wieder herein, Moritz,« mahnte aus dem Hause heraus eine kleine gleichfalls schon sehr bejahrte Frau. »Es ist ja noch zum Ersticken, und die Sonne verbrennt dir gewiß den Kopf.«

»Ei, Mutter, bist du noch so heißblütig?« rief der Greis lächelnd zurück. »Mir ist es just recht. Also kommt mir bald nach. Es ist drunten jedenfalls besser als in den engen Zimmern.« Und damit spazierte er schon in den nächsten Steig hinein und weiter zwischen den mit Buchsbaum eingefaßten Beeten entlang. Hier hatte er für die Blumen einen freundlichen Blick, dort schaute er die Gemüsebeete voll schmunzelnder Zufriedenheit an oder zu den früchteschweren Obstbäumen hinauf. So näherte sich der Pfarrer – wer zweifelt daran, daß wir einen solchen, und zwar den Magister Moritz Silberg vor uns haben? – einer Laube, die von dicht verranktem Jelängerjelieber übersponnen, hart an der Gartengrenze sich erhob. Dort angelangt, machte er es sich bequem. Er holte ein Buch und seine Brille aus der Tasche, dann den Tabaksbeutel und das Feuerzeug und legte das alles auf den Tisch. Aber zum Lesen kam er nicht. Der hier nahe vorüberlaufende Zaun war nicht bloß der Einfriedigung wegen da, sondern gewährte auch einen an dieser Stelle sehr notwendigen Schutz. Der Boden fiel außerhalb noch eine kleine Strecke weit langsam, alsbald aber rasch und rascher, ja bis zur wirklichen Jäheit, in den fast schluchtenartigen Grund hinab, wo sich die Gebäude einer Wassermühle erhoben und die Räder sich rauschend vor einem raschen Bache drehten. Indem Pastor Silberg dieses malerische Bild in sich aufnahm, kam rechts, vom Walde, ein Mann hervor und auf dem Fußsteige, der außerhalb des Gartenzaunes heranführte, näher – eine große und starke, ungebeugte Gestalt im grünen, jägermäßigen Rock, Filzhut und hohen Stiefeln. Seine Augen flogen mit scharfem Blick zum Grund hinab und über die Höhe zur Laube hin.

»Alles in Ordnung, Detlef, komm nur!« rief der Pfarrer dem Herankommenden zu und streckte ihm die Hand entgegen. Der lies; sich hart auf die Bank nieder. »Donnerwetter!« stieß er darauf kurz hervor und langte nach dem Feuerzeug des Freundes, um vor allem seine kurze Pfeife wieder in Brand zu setzen. »So ein bißchen angenehme Wärme wirft dich um!« lachte Silberg. »Angenehme Wärme?! Der Henker hole sie!« knurrte der Geneckte – Detlef von Gunsleben – und fuhr mit dem Tuch über die Stirn und das kurzgeschnittene, noch dichte, aber eisgraue Haar, »streiche da seit einer Stunde zwischen dem Korn herum –«

»Was mir nicht im Traum einfallen könnte,« unterbrach ihn der alte Pfarrer munter, »aber du hast eben kein Sitzfleisch, mein Bester!« fügte er unzufrieden hinzu. »Nein, Gott sei Dank! Der Mensch ist nicht zum Sitzen da!« bekräftigte dies der ›Junker‹, der sich behaglicher zu fühlen begann, »und nun, mein Alter, wie ging's hier bei euch? Agnes kannte mir nur Gutes sagen.« Er blickte dabei forschend den Freund an. »Weiß es auch nicht anders,« versetzte dieser offen, »alles wie es muß und soll und in guter Ordnung. Und nun, wie ist's mit dir? Du bist doch in Drakenhof eingekehrt?« Die Antwort kam schleppend: »Gewiß!« Gunslebens Stimme wurde etwas dumpfer. »Es ist alles in gutem Schick, heißt das, bei uns. Hast du schon gehört, daß ich die Blanka mitgebracht habe?« – Der Pfarrer erhob erstaunt den Kopf. »Blanka? Also das ist die Dame gewesen, die Peter bei dir auf dem Wagen gesehen hat und um die wir uns den Kopf zerbrachen! – Aber sie sollte ja bis zum Manöver in der Stadt bleiben?« meinte er nach einigem Besinnen befremdet. »Na, sie haben sie am vergangenen Donnerstag nach Drakenhof geschickt, und heut morgen hab ich sie aufgeladen,« erläuterte der ›Junker‹ in einem anscheinend nicht ganz zufriedenen Tone, wie sich denn auch auf der Stirn ein paar leichte Falten zeigten. Der Pfarrer schien dies nicht zu bemerken. »Ei, da werden ja meine Alte und Marie große Freude haben!« sprach er lebhaft. »Ich weiß nicht, wo sie bleiben,« fuhr er fort und stand auf, um aus der Laube zu spähen. »Lasse sie nur,« wehrte dem der Gutsherr, in dessen Antlitz der Unmut jetzt immer deutlicher hervortrat. »Es ist mir ganz recht, wenn wir noch ein wenig allein bleiben, denn ich habe mit dir zu reden, alter Beichtiger.«

»Hab's schon aus deinem ›Donnerwetter‹ und seither gemerkt, daß bei euch doch nicht alles im Schick, also, mein Alter, was ist los?«

»Teufeleien, Moritz!«

»Teufeleien? Zu Drakenhof? Bei Blanka? Spaß!«

»Ach was! Bei wem denn sonst, als bei den Unglücksmenschen, den – es ist doch geradezu zum Teufelholen!« Grimmig brach Detlef von Gunsleben ab und legte die Faust hart auf den Tisch. »Stelle dir bloß einmal vor! – Du weißt, daß ich dem verwünschten Burschen, dem Eugen, einen Zuschuß gebe, wie mein Moritz seinerzeit ihn bei weitem nicht so hoch und vordem, zu meiner eigenen Zeit, kein Offizier in der Armee einen gleichen gehabt hat. Du weißt, daß ich vor zwei Jahren, bei der Versetzung des Burschen, ihn mit ernstlichen Opfern ausgelöst und ihm obendrein im Winter die Reise ermöglicht habe –« »Sehr überflüssigerweise, sagt' ich dir!« fiel Silberg kaltblütig ein.

»Nun, ich rechnete, wie du weißt,« sprach der ›Junker‹ erregt weiter, »daß es recht sein dürfte, wenn er einmal ein halbes Jahr lang aus den nichtsnutzigen Kreisen herauskäme und auf der Reise sparen lernte. Nun aber schreibt vor einigen Tagen sein Kommandant an meinen Moritz, daß ihm ein nicht unbedeutender, obendrein schäbiger Schuldposten angezeigt sei, er unter der Hand aber von noch anderen, und zwar viel größeren, erfahren habe. Er zögere nur bis zur Rückkehr des Burschen, die ja in vier, fünf Wochen erfolgen müsse. Rettung halte er für unmöglich. Nun hat Moritz mit Wolfgang verhandelt, ob sie beide, um mir nicht den Ärger zu machen, das Ding noch einmal für sich in die Hand nehmen wollten. Wolfgang aber hat sich vernünftigerweise gegen die Geheimhaltung vor mir erklärt und kam denn gestern auch mit der ganzen Pastete heraus.«

Silbergs Blick ruhte verdüstert auf dem alten Lebenskameraden. »Ja, es ist ein unglückseliger Schlag von Menschen!« sagte er endlich. »Und wie hart es klingen mag, auch ich kann dir eigentlich nicht zur Nachsicht raten. Sie scheint hier wirklich umsonst.«

»So denk' ich auch,« fuhr der Erzähler gefaßter fort, »aber wenn er ›springt‹, werden wir ihn darum los? Ja – du sagst: ein unglückseliger – ich sage ein nichtsnutziger Schlag von Menschen, diese Altheims! Meine alte Agnes und ich müssen immer von neuem die Gnade unseres Herrgotts preisen, daß er damals unser armes Kind zu sich nahm. So braucht sie doch, was sie damals an dem Manne zu erfahren hatte, nicht von neuem an den Kindern zu erleben!«

»An den Kindern?« wiederholte Silberg, ersichtlich bestürzt. »Es kann doch nicht –«

»Höre nur zu, jetzt kommt Nummer zwei!« fiel der ›Junker‹ voll Bitterkeit ein und berichtete weiter, »die Viktoria hat gleichfalls nie recht zu uns gepaßt. Ich habe dir wohl kaum gesagt – wir sprachen ja nur selten von ihr! – daß sie schon im Mai zu einer Schulfreundin, der Gattin eines Herrn von Letzingen in der Pfalz, ging, um mit der Familie eine Schweizerreise zu machen, womöglich Eugen abzufangen und mit ihm dann im Herbst zurückzukehren. Nun scheint es dort einen oder ein paar Rechtsstreite zu geben, und der Rechtsanwalt des Letzingen kommt schier täglich ins Haus, ein noch junger, natürlich bildschöner, geistvoller und, der Henker weiß, was sonst noch für ein Wundermann, aber leider schon Gatte und Vater. Trotzdem spinnt sich aber zwischen ihm und der Viktoria alsogleich etwas an – sehen und lieben war eins, heißen das ja wohl unsere Herren Romanschuster? Der Wundermensch will sich scheiden lassen, und Viktoria schreibt an Hildegard, daß sie lieber sterben, als von ihm lassen wolle, na, und so weiter.«

»Nun, ich denke, daß da denn doch wohl noch etwas zu tun sein wird,« meinte Pastor Silberg nach einem langen Schweigen. »Von Beständigkeit und Entschlossenheit ist mir an der jungen Dame eigentlich nie etwas sichtbar geworden.«

»Dann hat sie dergleichen jetzt gefunden!« entgegnete der ›Junker‹ bissig. »Frau von Letzingen beschwört Hildegard, einzuschreiten und Viktoria zurückzurufen, bevor es zum Äußersten komme –, es klingt geradezu toll! – Hildegards strenger Mahnbrief ist natürlich ganz ohne Wirkung geblieben. Das verrückte Geschöpf erklärt rundweg, daß sie sich lieber von uns verstoßen lassen, als nachgeben wolle. Von Letzingens hat sie sich schon losgesagt und ist zu einer fremden Familie in der Nachbarschaft übergesiedelt. Nun aber hat das entartete Ding sogar –« der Sprecher schöpfte tief Luft, erzählte aber darnach nicht weiter, denn er hatte ganz nahe Schritte vernommen.

Und wirklich, auf dem Fußwege draußen schritt eben ein mittelgroßer, fester Mann, eine schirmlose Soldatenmütze auf dem blonden Haar und eine dunkle Jacke über die Achsel gehängt, in lässigem Gang an der Laube vorüber. Er grüßte nicht und sah auch gar nicht auf.

»Was ist denn das für ein Landstreicher?« murrte der ›Junker‹, die Stirne runzelnd. »Hätte gute Lust, ihm ein wenig Lebensart zu lehren! Gesehen muß er uns haben!«

»Na, na, Alter, nur kalt Blut!« mahnte Silberg. »Es wird ein Fremder sein, ich kenne ihn wenigstens nicht. Der weiß von dir und mir schwerlich etwas und fragt noch weniger nach uns. Also laß ihn laufen und erzähle weiter.« »Aber wo will er denn hier anders hin als in die Mühle?« bohrte es in dem Gutsherrn weiter, »eine Bootsstelle ist hier, gottlob, nur für uns, und nach Drömnitz wäre der Umweg doch geradezu unsinnig. Landstreicher leid' ich aber nicht in der Gegend. Werde auch den Musjö Müller daran erinnern, daß seine Mühle keine Herberge und Schenke ist! – Und nun zu der widerlichen Geschichte zurück! – Das entartete Geschöpf hat sogar an Blanka geschrieben von ihrem Liebesglück! Meine Alte ist in einer Aufregung, wie ich sie nie gesehen. An ein so junges, braves, ehrenhaftes Kind, das noch nichts von dem Schmutz der Welt –« Wiederum brach Detlef von Gunsleben ab und lauschte ...

»Großpapa! – Großpapa!« klang aus der Ferne der Ruf einer jungen Mädchenstimme und jetzteben zum dritten Male und mit dem Ausdruck einer solchen Angst oder Verzweiflung, daß die beiden alten Herren von ihren Sitzen auffuhren und, ohne ein Wort zu wechseln, aus der Laube und in den Steig eilten, der gegen das Haus zurückführte; denn daher kam der Ruf. Da sahen sie auch schon die Rufende heranfliegen und vernahmen wieder das angstvolle »Großpapa – Großpapa!«

»Mariechen, – um Gottes willen, hier sind wir ja! Was ist denn geschehen?« rief der Pfarrer dem Mädchen entgegen. Und nun war es heran und stammelte: »O Großpapa – o Onkel Gunsleben! – Hinter dem Stall liegt ein Toter, ganz blutig – Christine hat ihn eben gefunden –«

»Ein Toter? Voll Blut? Hinter dem Stall?« Die beiden alten Freunde schauten das Mädchen, dann einander selbst bestürzt an.

»Fasse dich, Kind!« sprach der Pfarrer, sich sofort aufraffend. »Hier gilt es nicht, den Kopf zu verlieren, sondern zusammenzunehmen! Eile uns voraus, du hast junge Beine! Und schicke sogleich wen auf den Hof hinüber, es muß ein Reiter in die Stadt.«

»Und,« fügte der ›Junker‹ hinzu, Herr Langhans soll augenblicklich herüber kommen! Hörst du?« Und als Marie davon war, stieß er Silberg überlegen in die Seite: »Nun, Moritz, wie ist's mit unserm Landstreicher, he?«

»Detlef, du gehst wieder einmal durch!« versetzte der Freund mit einem Anfluge von launiger Verdrießlichkeit. »Was hat der mit unserem Toten zu tun? Sollte man ihn da, dreißig Schritt von meinem Haus und am hellen Tage, totgeschlagen haben? Na, na! – Der kann da schon seit gestern oder vorgestern liegen. Denn wer kommt hinter den Stall? Und was Christine dort eben zu tun gehabt hat, ist mir durchaus unklar. Nun denn, wir werden ja sehen.«

»Und doch,« beharrte Herr von Gunsleben finster, »denke einmal zurück an den armen Warneck! Der wurde auch so gefunden; und wären wir nicht durch den Schrecken gelähmt worden, sondern gleich hinterher gewesen – glaubst du, daß der Täter damals nicht entdeckt worden wäre? Diesmal aber soll es an uns nicht fehlen!«

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