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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 5
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typefiction
authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Viertes Kapitel

Beim Junker

Das Land, in dem unsere alte Stadt liegt und durch das wir die Leser jetzt weiterführen, ist ein richtiger norddeutscher Küstenstrich. Ein Kornfeld schließt an das andere, von saftigen Wiesen unterbrochen: hie und da findet sich wohl auch eine Heidestrecke oder ein Brachschlag, meistens aber ist das Land, ob auch keine eigentliche Marsch, dennoch sehr fruchtbar und von seinen Bewohnern auf das sorgfältigste angebaut. Wer sich gegen den südöstlichen Winkel des Ländchens zu verliert, gelangt allmählich in eine Gegend, die auf das überraschendste den bisher von ihm durchwanderten Strecken gegensätzlich ist. Der Boden beginnt zu steigen, Hügel erhebt sich neben Hügel, alle Aus- und Vorschau wird gestört, es geht fast steil bergan und bergab, so daß man sich ganz verwundert fragt, ob man denn wirklich so hoch im Norden und obendrein so nahe an der See sein könne. So kommt man zu einer Art von Hochland hinauf, das vielleicht die Ausdehnung von etwas mehr als zwei Stunden haben mag. Durchmißt man dieses bis zum entgegengesetzten Rande, so ergibt sich ein neuer, überraschender Anblick. Denn es fällt hier der Boden plötzlich aus der Höhe von ein paar hundert Fuß mit fast schroffen Wänden zum Meeresstrande hinab. An der nördlichen Ecke dieses Hochlandes liegt seit uralter Zeit ein Fischerdorf – zurzeit im besten Anlauf, ein modischer Badeort zu werden – Drömnitz benamst. Die gesamte übrige Fläche dieser Hochebene aber ist das Eigentum eines einzigen Besitzers, des Herrn Detlef von Gunsleben, und wird unter seiner Aufsicht von dem Hauptgute Menkendorf und zwei oder drei sogenannten Vorwerken aus bewirtschaftet.

Menkendorf, ein großer Flecken, der etwa Dreiviertelstunden von Drömnitz bei unserer Annäherung unvermutet hinter einer langen Bodenwelle hervortritt, zieht sich mit seinen Häusern eine ziemliche Strecke weit an einer gut erhaltenen Straße entlang. Alles zeigt auf den ersten Blick, daß das Dorf erst in der neueren Zeit nach einem bestimmten Plane neu aufgebaut worden ist: ein Wille gebot, und ein Wille wurde befolgt. Zehn Minuten Weges östlich davon steht der große Wirtschaftshof, der durch zahlreiche und mächtige Stallungen, Scheunen und anderweitige Gebäude gebildet wird und im Hintergrunde das Herrschaftshaus erscheinen läßt. Es ist ein fester, zweistöckiger, trotzig einfacher Bau, etwa aus dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts. Wiederum zehn Minuten Weges weiter, aber gegen Norden zu, stößt man auf die Stelle, wo das Dorf ursprünglich gestanden haben mag. Der Grund seiner Verlegung ist ersichtlich genug, denn der Raum zwischen der erwähnten, auch hier noch fortstreichenden Bodenwelle und einem tief einschneidenden, nordöstlich zum Seestrande hinabführenden, schluchtartigen kleinen Tal, ist beschränkt und gewährte dem vergrößerten Orte keinen Platz mehr. Nur die Kirche mit dem Friedhof blieb hier. Sie ist uralt und macht einen kastellartigen Eindruck, so daß man wohl annehmen darf, ihre dicke Umfassungsmauer hätte eine kleine Christengemeinde wohl mehr als einmal gegen Überfälle heidnischer Stämme geschützt. Gleich seitwärts, neben dem Gottesacker, erhebt sich der Pfarrhof, ein altes Haus mit niedrigen Wänden und hohem schwarzem Strohdach, auf dem das mächtige Storchnest nicht fehlt. Auch die Nebengebäude sind alt, und die prachtvollen Bäume vor und hinter dem Hause, die über dem First ihre Kronen beinahe zusammenschieben, bezeugen nicht weniger, als daß jener Wille, der den Umbau des Dorfes hervorrief, hier machtlos blieb oder vielleicht auch stets ehrfurchtsvoll zurückwich.

Detlef von Gunsleben, landaus und -ein ›der Junker‹ genannt, galt im ganzen Lande von jeher für das Muster eines alten Edelmannes und eines tüchtigen Menschen. Jetzt, schon ein Siebziger, stand es um seinen Ruf noch besser: man ehrte ihn nicht nur, man liebte ihn auch. Am besten zeugte für ihn wohl die niemals gestörte Freundschaft, in der er seit seiner frühesten Jugend dem Pfarrer von Menkendorf, dem Magister Moritz Silberg, verbunden geblieben war, einem Manne vom alten Schlag, zäh und klar und unbestechlich. Die beiden Freunde waren in einer fast wunderbaren Weise zusammengeführt und zusammengehalten worden. Zu Anfang des Jahrhunderts, als die napoleonischen Kriegsstürme auch unser Ländchen durchlebten, war Moritz Silberg von seinem Vater, ebenfalls einem Landpfarrer, in die sichere Stadt aufs Gymnasium geschickt und bei einem befreundeten Lehrer in Pflege gegeben worden. Ein halbes Jahr später fand sich hier auch, gleichfalls als Pflegling des Lehrers, der nur um ein Jahr jüngere Detlef Gunsleben ein und teilte mit dem bald gewonnenen Freunde das kleine Zimmer. So gelangten beide zum Jahre 1813. Beide meldeten sich als Freiwillige, und beide wurden wegen ungenügenden Alters zurückgewiesen. Besseren Erfolg hatte die zweite Meldung im Jahre 1815. Sie wurden angenommen und eingestellt, marschierten auch ab, kamen jedoch nicht mehr zum Kampf; die Schlacht von Belle-Alliance hatte dem Krieg ein Ende gemacht. Und nun erfolgte die einzige Trennung der Freunde während ihres ganzen Lebens: Detlef blieb Soldat, Moritz aber nahm seine Entlassung und vollendete seine Studien. Zwei tiefschmerzliche und fast gleichzeitige Todesfälle: Detlefs Vater und der alte Heimatspfarrer – führten sie wieder zusammen. Der junge Theologe bewarb sich um die freigewordene Stelle, der junge Offizier um seinen Abschied. Beides gelang. Und jetzt begann zu Menkendorf zwischen den beiden jungen Familien – natürlich hatten die Freunde alsogleich nach gewonnener fester Stellung geheiratet! – ein Verkehr, wie er nicht glücklicher, fröhlicher und herzlicher gedacht werden konnte. Denn wie die beiden Männer, so gehörten auch die jungen Frauen von Jugend auf, man hätte sagen mögen: gleichsam durch das Geschick zusammen. In jenem Lehrerhause, wo Detlef von Gunsleben und Moritz sich zum ersten Male begegnet waren, wohnte damals in sehr bescheidenen, ja dürftigen Verhältnissen – diese Zeit warf manche Familie aus der glücklichsten in die unglücklichste Lage! – die verwitwete Gräfin Reichshofen mit ihrem einzigen Kinde, Agnes geheißen. Der Lehrer – Lauer hieß er – hatte nun gleichfalls eine Tochter, – auch sie rief man Agnes, auch sie war im selben Jahre wie das junge Komteßlein geboren. Die beiden Mädchen waren natürlich Busenfreundinnen und staken, sobald sie frei waren, den ganzen Tag beieinander und teilten, gleichwie die beiden Jünglinge, Freud und Leid. Der Same, den das Schicksal hier ausgestreut hatte, ging auf und gedieh und reifte. Und keine Entwicklungsstufe dieses Wachstums brachte eine Störung; ja der ursprüngliche Einklang blieb nicht nur, er ward noch reicher und schöner. Denn die Kinder und selbst die Enkel der beiden Familien fühlten sich einander verbunden. Man darf so wohl sagen, daß es zu Menkendorf viel Glück gegeben hatte, wenn auch das Unglück nicht ganz ausgeblieben war. Und seltsamerweise war es, als wolle sich auch hier gewissermaßen wieder die Zusammengehörigkeit dieser Menschen offenbaren.

Von den beiden Söhnen des ›Junkers‹ hatte der älteste, Wolfgang, längst ein Gut des Vaters, den ›Drakenhof‹, übernommen, wo er mit den Seinen in den angenehmsten und gedeihlichsten Verhältnissen lebte, während der zweite, Moritz, Soldat war und eine gute Dienstbahn gemacht hatte – wir lernten ihn in der Stadt schon kennen. Mit den beiden Töchtern war es nicht so gut gegangen: sie waren, die ältere nach einer unglücklichen, die andere nach einer desto glücklicheren Ehe, beide noch jung, gestorben. Die Hinterlassenen der ersteren machten den Schwieger- und Großeltern mehr Sorge und Verdruß als Freude. Der zweiten starb der Gatte in kurzer Zeit nach, und die völlig verwaisten, noch ganz kleinen Kinder wurden zu Menkendorf erzogen. Ganz zu der gleichen Zeit wuchs auch im Pfarrhaus ein elternloser Enkel heran. Denn während die zwei Söhne des Pfarrers ganz nach Wunsch vorwärts kamen – den ältesten sahen wir als Pfarrer in der Stadt –, starb die einzige Tochter gleichfalls nach ziemlich kurzer Ehe, und auch hier folgte der Gatte ihr schon im nächsten Jahre. Der einzige Sohn – es war unser Alfred – war auf den Schutz und die Sorge der Großeltern angewiesen.

So waren diese Menschen zu der Zeit gelangt, wo wir ihre Bekanntschaft machen sollen. Die zwei Freunde waren alt geworden. Allein, ob die Haare auch gebleicht worden waren, die Augen schauten doch noch klar, der Körper hielt sich noch rüstig aufrecht und die Herzen schlugen unverändert treu und warm. Und das war auch nötig für das, was das Schicksal noch als letzte Prüfung für sie aufgespart hatte. –

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