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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 48
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Siebenundvierzigstes Kapitel

Über alles hinweg

Der ›Junker‹ hatte, als seine Anwesenheit bei den Verhandlungen nicht mehr nötig war, also schon am dritten Tage morgens, die Stadt wieder verlassen und war nach Menkendorf zurückgekehrt. Der Anblick seines Enkels Eugen hatte auf ihn anscheinend einen um vieles geringeren Eindruck gemacht als derjenige seines früheren Statthalters, mit dem er so viele Jahre im genauesten Verkehr gestanden, dem er so fest vertraut und der dies Vertrauen fast ebenso lange auf das hinterlistigste zu täuschen verstanden hatte. Was diesen Eindruck so tief machte, war allerdings zuletzt weniger Ekel als Verdruß; Verdruß darüber, daß sich jetzt die völlige Unglaubwürdigkeit dieses Menschen kundgetan hatte. Durfte man ihm nunmehr wohl noch irgend etwas glauben? Durfte man vor allem sein Zeugnis für die Mordtat an den Präsidenten von Warneck noch ernstnehmen? Diese Frage richtete in dem alten Herrn eine drückende Verstimmung an; nicht, daß er etwa seine Überzeugung von der Täterschaft des Grafen Albert erschüttert gefühlt, nicht, daß in ihm Alfreds schrecklicher Verdacht wieder einige Bedeutung gewonnen hätte, keineswegs, davon war keine Spur. Im Gegenteil, daß nur jener und nie und nimmer Alfreds Vater als Mörder in Betracht kommen konnte, das stand für ihn seit dem Mirowschen Geschwätz fester denn je: denn der alte Graf hatte sich ja sozusagen selber schon verraten; zum ersten dadurch, daß er überhaupt so mit einemmal von der alten Mordgeschichte redete und reden ließ – und beiläufig, was bewog ihn wohl zu der Maske des verlorenen Sohns? – zum zweiten, durch das dreiste Herausrücken seiner »Mitwissenschaft« um den Verdacht gegen den toten Rat Wehrenberg – wiederum beiläufig, woher wohl seine Wissenschaft um etwas, wovon nie, außer im Kopf Alfreds, die laute Rede gewesen war? »Allein, dies und noch einiges andere dazu ist schließlich nicht das, was Drews Zeugnis vormals gewesen war und trotz allem, was er auch verbrochen, noch sein könnte, wenn er nur nicht vor Gericht so nichtsnutzig gelogen hätte,« sagte der Alte daheim voll Erbitterung zu seinem Freunde, »erfährt Alfred hiervon und er muß es ja erfahren – was wird die Folge sein? Armer Junge!«

Die Nachricht von Eugens raschem Ende hingegen berührte ihn, als er sie Tags darauf in der Zeitung las, so viel man merken konnte, gar nicht. Er überblickte den weiteren Inhalt des Blattes in seiner gewöhnlichen, gleichmütigen Weise und legte es dann ebenso ruhig zusammen. Erst da er Frau Agnes darnach langen sah, sagte er so hin: »Erschrick nicht, meine Alte, die Sache ist's nicht wert. Eugen hat sich davongemacht. Hätte er's früher getan, wär' es für ihn und alle besser gewesen.« Es wurde auch späterhin kein Wort wieder darüber laut.

Man bekam alsbald auch einen bessern Stoff nicht nur für die Gespräche, sondern auch für die Gedanken und Empfindungen. Denn der ›Drakenhöfer‹ kehrte jetzt von seiner Fahrt über den Rhein zurück und kam, nach kurzem Verweilen in der Stadt bei der Schwägerin Hildegard, ungesäumt zu den Eltern hinaus.

Er hatte viel zu erzählen. Er hatte von allem, was und wie er es gefunden, die besten Eindrücke empfangen. Viktorias Gatte war ihm als ein durchaus schätzenswerter Mann erschienen, der ersichtlich allerwärts in voller Achtung stand. Und von Viktoria galt genau dasselbe, was die jungen dort einquartiert gewesenen Verwandten schon in den ersten Augusttagen nach Hause geschrieben hatten: sie war ganz und gar zu ihrem Vorteil verändert, besonnen, klar, tätig, herzlich und immer heiter, so daß sich ihre Gäste, die gesunden und die kranken, nirgends hätten liebevoller aufgenommen und sorglicher verpflegt finden können. Das böse Fieber des Oberstleutnants war noch nicht überwunden, fing indessen an, das Unheimliche zu verlieren, und der Kranke begann, was seit Wochen nicht mehr der Fall gewesen, eine gewisse freudige Teilnahme an dem zu äußern, was um ihn her vorging. »Aber was mich erschreckt hat,« schloß der Erzähler, »das ist seine Verstimmung, ja, man könnte fast sagen: Erbitterung gegen Hildegard. Er wollte gar nichts von ihrer Gegenwart hören, und ich habe daher die Absicht der Schwägerin, einstweilen noch nicht zu reisen, auch nur billigen können. Was hier wirkt, mag ich mir gar nicht vorstellen, es wird kaum ein gutes Ende nehmen.«

»Hm, es scheint also, daß der Junge noch weniger Spaß versteht als der Alte!« versetzte der ›Junker‹ ernst. »Aber erzähle nur weiter, denn mich, und ich glaube auch deine Mutter täuschest du nicht, – du hast uns wohl noch mehr und vielleicht erst die Hauptsache zu sagen? Was ist's im besonderen mit Alfred?«

»Nun Vater, es ist da nichts anderes, als was ich euch schon gesagt habe, es müßte denn sein, daß man der Veranlassung seines merkwürdigen seelischen Zustandes nachforschte. Dann freilich möchte sich noch allerhand anführen lassen.«

»Also, da haben wir's ja, warum ist da erst auf eine Anfrage gewartet worden?«

»Je nun, lieber Vater, es mag da wohl eine tiefere Anteilnahme vonnöten sein und mir ist, als hätte eine solche der Junge, wenigstens bisher, hier bei uns noch nicht gefunden?«

»Oho! Aber schön, nehmen wir's an! Und du scheinst sie ja denn doch wohl zu haben?«

Es regte sich in dem strengen Gesicht des ›Drakenhöfers‹ ein fast wehmütiges Lächeln. »Ja, es ist wahr,« entgegnete er bewegt, »Alfred hat mir stets und neusterdings mehr als je am Herzen gelegen, denn, meine Eltern, es ist das einzige Kind derjenigen, die ich mehr als irgendeinen andern Menschen geliebt habe und doch niemals mein eigen nennen durfte. Ihr seid nicht daran schuld, meine lieben Eltern,« redete er noch bewegter fort, als er das finstere Erstaunen in der Miene des Vaters sah und in den Augen der Mutter aufsteigende Tränen zittern. »Ihr habt wohl nie davon erfahren, denn es ist still zwischen uns hergegangen, – wir haben uns lieb gehabt ohne viel Worte, und als es sich trennen hieß, uns schweigend gefügt. Was Onkel Silberg und seine liebe Alte uns damals vorstellten, von Standesunterschied, Unebenbürtigkeit und dergleichen mehr –, verlangte unsere Ergebung, gleichviel ob ihr vielleicht auch anders entschieden haben möchtet: hier waren und blieben jene die Alleinberechtigten. Und in dem Bewußtsein, recht getan zu haben, überwanden wir uns und fanden Frieden. Glück? – Nun ja, ich würde völlig glücklich gewesen sein, hätt' ich auch Marien nur dies nachzusagen vermocht. Allein, ihr wißt ja, wie's war. Heribert Wehrenberg war ein braver, ehrenhafter Mann, aber es fehlte ihm eben doch die Wärme, die sie hätte erhalten sollen. So welkte sie hin. Und als wir an ihrem Grabe standen, und ich den armen Jungen so bitterlich weinen sah, da war es mir, als blickte sie noch einmal zu mir hinüber und spräche zu mir: ›Was ich nicht finden durfte, laß es den da finden! Sorge für sein Glück!‹ – Seht, meine Eltern, so steht's mit mir und dem braven Jungen. Früher brauchte ich kaum um ihn besorgt zu sein, er war ein glücklicher Mensch, und was ich in seiner Zukunft ahnte, verhieß mir gleichfalls das Beste. Erst als ich ihn an deinem vorjährigen Geburtstag wiedersah, Vater, erschrak ich über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen zu sein schien, und fing an, mich ernstlich mit ihm zu beschäftigen und zu erkunden, was es denn eigentlich gegeben habe oder noch gebe. Was ich vernahm, leuchtete mir nicht ein, und was ich erfuhr, zeigte mir, daß man nicht bloß übertrieb, sondern auch wirklich haßte und verleumdete, – ich begriff nicht, aus welchem Grunde. Ich fand nur eine Verirrung der Sinne und nicht des Herzens. Eine Verirrung, woran er selber am schwersten trug, denn, wie redlich er büßte, er glaubte sich durch sie entwürdigt und von allem reinen und wahren Glück geschieden. So sah es und so sieht es in ihm aus. Und damit das Unheil voll werde, scheint er nicht nur entdeckt zu haben, daß – ich sage euch wohl kaum etwas neues!! – daß Blanka seine Liebe erwidert und dennoch weiter von ihm geschieden ist als je zuvor, durch seine eigene und nicht weniger durch seines Vaters angebliche Schuld. Denn ich hab' es leider gut genug gemerkt, daß alles, was du ihm dagegen gesagt hast, Vater, vielleicht für einen Augenblick Eindruck gemacht haben mag, aber schon längst wieder dem alten traurigen Verdacht nachgegeben hat, – ihm gilt sein Vater für Warnecks Mörder.«

Frau Agnes, die schon den letzten Worten ihres Sohnes mit einer ersichtlich peinvollen Spannung gefolgt war, schrak auf das heftigste zusammen. »Barmherziger Gott!« stammelte sie. »Heribert Wehrenberg –?«

Der ›Junker‹ warf zu seinem Sohne einen vorwurfsvollen Blick hinüber, gab es indessen zu, daß Wolfgang ihm mit den Worten zuvorkam: »Aber, Mutter, wie konnt' ich's ahnen, daß der Vater dir noch nichts von dieser traurigen Phantasie gesagt hat! Beruhige dich, es ist nichts als eine solche. Der Vater kennt den wirklichen Täter nur allzu gut.«

»Ja, und um ein gut Teil besser, als durch das Zeugnis des alten Schuftes Drews, der's mir übrigens neulich sogar beschworen hat. Also sei ruhig, meine liebe Alte. Fassen wir lieber das übrige in's Auge. Wie denkst du und vor allem, wie denkt die Kleine selber über dies alles?«

Frau Agnes blieb, die Augen niedergeschlagen, noch eine Weile still, – sie rang offenbar noch mit dem Schrecklichen, was sie eben vernommen. Aber endlich überwand sie's und sagte: »Ihr wißt's, daß mir dieser Gedanke sehr fern gelegen hat, und wenn er dennoch einmal sich regte, kaum jemals ein recht ernster war. Als er dies im Frühling dennoch wurde, schien mir die Sache Alfreds wegen völlig unmöglich zu sein. Wenn Blanka aber Alfred freispricht und an ihn glaubt, so dürfen wir, glaub' ich, vollends nach dem, was wir jetzt vom ihm wissen, nicht dawider sprechen.«

Der ›Drakenhöfer‹ blickte beinah träumerisch zu der Mutter hinüber und seinen Lippen entglitt etwas ganz Leises – vielleicht ein halb gläubiges, halb ungläubiges Dankgebet!

»Das ist alles Unsinn!« fuhr aber der ›Junker‹ ungeduldig auf. »Ein solches Herum- und endlich Auseinandergezerre aus – was ist's am Ende weiter? – ängstlicher Empfindelei oder wegen dummer Grübeleien, das leid' ich nicht. Ich will das Ding rasch und sauber im reinen haben. Der Teufel karrte uns sonst womöglich noch einmal Unheil dazwischen! Ich werde mit ihr reden und Offenheit und Klarheit verlangen, um zu wissen, woran wir sind. Deine Scheu versteh' ich nicht, meine Alte. Entscheidung hin, Entscheidung her, – Vertrauen bleibt sie uns schuldig. Wir haben ihr nie einen Grund gegeben, es zu bereuen. Und hinterdrein werde ich dann, wenn wir hier fertig sind, auch einmal Silbergs ein Licht anzünden.«

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