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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 46
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
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Fünfundvierzigstes Kapitel

Ausklänge

Es war der Wunsch der kranken Frau Stephani zur Sprache gekommen; Frau Agnes hatte so starke Bedenken für und wider, daß sie nicht allein entscheiden zu dürfen glaubte. Die Angelegenheit fand jedoch ein unerwartet schnelles Ende, indem der ›Junker‹ sagte: »Nein, Mutter, hier muß ich unserer Frau Schwiegertochter recht geben, Blanka darf dorthin nicht gehen –«

Hildegard nickte befriedigt.

»– sie muß fahren dorthin. – Ist Ihnen nicht wohl Frau Tochter? – Doch! Also weiter: sie muß fahren, weil man das Gehen als Heimlichkeit oder Eigenmächtigkeit deuten könnte. Grade, sehen soll man's, und ich gebe ihr dazu just die kleinen, neuen Schweden. Was weiter? So will ich's und damit holla!«

Die angesagte Stunde kam und Blanka jagte mit ihren eifrigen Pferdchen durch Menkendorf und am Pfarrhause vorüber dem »Liebenbusch« zu. Es war ein wunderschöner Tag voll köstlicher Klarheit und ganz eigener, belebender Frische. Der Liebenbusch hatte an seinem Rande schon gefärbtes Laub, und einzelne Sträuche, die besonders empfindlich oder vor den anderen von dem kalten Luftstrom getroffen worden waren, erschienen jetzt, von der klarsten Sonne umglänzt, wie vom reinsten Golde. Aber der Mensch fühlte sich wohl und leicht draußen, die Brust weitete sich aus und die Augen sahen mehr das zeitliche Bild als seine ewige Bedeutung. Auch Blanka vermochte sich dem Zauber nicht ganz zu entziehen, und der Druck, der seit gestern schwerer als je auf ihr gelastet, fing trotz der ihr bevorstehenden, sicherlich tief ernsten Stunde leise – leise an zu schwinden. Sie fühlte ihr Herz voller Milde und Wärme und voll eines Vertrauens, daß dort und hier und überall noch alles wieder gut und froh werden könne. So kam sie denn am Liebenbusch an, so sprang sie von ihrem Wägelchen herab, so auch schritt sie dem kleinen, mit lauschigen Bänken umkreisten Platze zu, der erfüllt war von lieben Erinnerungen. Sie war seit Jahren nicht mehr hier gewesen, zum letztenmal im Herbst 1866, wo Alfred sich bei den Großeltern von den Beschwerden des Feldzugs eine Zeitlang ausruhte; er der froherzigste Bursch und sie das heiterste junge Mädchen, beide ohne Trauer und Sorge, ein Herz und eine Seele.

Es war noch einsam auf dem Platz, aber als Blanka sich nur eben umgeschaut hatte, drangen auch schon von der Drömnitzer Richtung fröhliche Kinderstimmen her, und da sie auf dem Steige, der dort hinausführte, spähend weiterschritt, sah sie alsbald die Kranke und die sie begleitende Jungfer mit den beiden Kindern. Da eilte sie hin und beugte sich zu den Kleinen nieder und streichelte und küßte sie und sagte dann ergriffen zu der wehmütig lächelnden Mutter: »Wie unendlich leid tut es mir, daß Sie sich diese Anstrengung auferlegten! Ich wäre ja so gern vollends nach Drömnitz zu Ihnen gekommen!«

Klara Stephani schüttelte den Kopf und versetzte erst nach einer Pause – man merkte es wohl, daß ihr die Luft fehlte! – abgebrochen: »Nicht doch – nicht doch – schon zu viel Güte!« – Und nach ein paar tiefen, zitternden Atemzügen redete sie, an Blankas Arm langsam fortschreitend, mit mehr Freiheit weiter: »Der Weg hat mich heut ungewöhnlich angegriffen, ich mußte unterwegs mit den Kindern zu viel sprechen, und das vertrage ich, wie es scheint, nicht mehr.« Hierauf mußte sie abermals innehalten, und auch Blanka schwieg. So gingen beide, während die Jungfer mit den Kindern zurückblieb, zur nächsten Bank. Dort blieb die Kranke noch eine ganze Weile still.

»Wo ich von Ihnen hörte, mein Fräulein,« sprach sie endlich mit mildem Lächeln, »wußte man Ihre Güte und Freundlichkeit zu rühmen, und jetzt haben Sie mir selbst schon Gelegenheit zu dem gleichen Urteil gegeben. Erlauben Sie mir, daß ich ohne weiteres Zögern zur Sache komme und ganz offen bin. Ich habe nicht viel über mich zu reden, mein Fräulein. Ich habe wenig Glück im Leben gehabt, wie lustig es auch zuweilen darin zuging; und wie viele glänzende, geistvolle Menschen sich auch um mich sammelten und mit mir lustig und töricht waren, – einen rechten Mann, einen liebenswerten Menschen, einen redlichen, sicheren und offenen, warmherzigen Freund hab' ich kaum jemals zwischen allen kennengelernt, geschweige denn mir nahe gefunden. Und das war recht schlimm. Denn ich bedurfte eines solchen, und ich sehnte mich unsagbar nach ihm. Ich fand mich in der Welt bettelarm, ich fühlte mich wie ein Rohr im Winde und sah nirgends einen Halt und nirgends eine Stütze. Und so in Verzweiflung dachte ich: nun gut, so sei ein Rohr im Winde, so lebe und taumele hin ohne Halt und Stütze! Es muß eben auch so gehen! – Und es ging auch. Aber – die Torheit ist nicht von Bestand, sie endet in tiefem Ekel an all' der furchtbaren Armseligkeit eines solchen Treibens; und wenn der wilde Rausch endet, so findet man sich nicht auf demselben Fleck wie zuvor – nein! Man fühlt sich noch ärmer, und alles umher ist eine noch segenslosere Wüste. So war ich und so hatte ich mein Leben zu leben, als mein Gatte hierher versetzt wurde und ich Alfred Wehrenberg kennen lernte. Ich habe ihn Ihnen nicht zu schildern. Ich brauche nur zu sagen: das war der, den ich schon so lange vergeblich gesucht, von dem ich, sei es auch mit noch so unklarer Sehnsucht, Trost, Hilfe und Rettung für mich erhofft hatte. Und er gewährte mir alles in seiner ehrenhaften und gütigen Weise. Er hatte Teilnahme und Verständnis für mich; er redete zu mir, wie kein anderer jemals vorher; er hatte nicht Tadel und Vorwürfe oder schwachherzige Nachgiebigkeit für mich, sondern Geduld, Nachsicht, Trost und Stärkung. Und mein Vertrauen war schrankenlos und – meine Liebe hatte keine Grenzen. Aber, mein Fräulein, mißverstehen Sie mich nicht! Was ich von meinen Empfindungen sagte, steht für sich allein, darf nicht auch für ihn gelten, wenn ich nicht einige flüchtige Augenblicke auf die Wagschale legen soll; denn er gehörte in dem edelsten und treuesten Teil seines Wesens, obgleich er es bis dahin selber vielleicht nicht gewußt, längst nicht mehr sich selbst. Ich habe es lange nicht glauben wollen, und schob seine Zerstreutheit und den immer schwereren Druck, den ich auf ihm lasten sah, auf alles andere eher als hierauf. Aber ich mußte wohl endlich glauben. Und als ich dahin gelangte, sprach ich ihn völlig von mir frei. – Erlassen Sie mir das Übrige, mein Fräulein. Er hat sich gegen meine Entscheidung gesträubt, aber nur, um mich immer fester und klarer bei ihr beharren zu lassen. Denn ich sah ihn bis in die Grundfesten seines Wesens durch den traurigen Widerstreit zwischen seinem besseren Selbst und einem – so muß ich's statt seiner heißen! – falschen Ehr- und Pflichtgefühl erschüttert, bis zum Sichselbstverlieren. Ich sah ihn von den Seinen verkannt, verleumdet und angefeindet. Das kann ich nicht dulden; nimmer dulden, daß die obendrein unfreiwillige Verirrung eines Augenblicks in solcher unheilvollen, grausamen Weise über das ganze Glück eines Menschen entscheidet. Dazu hab' ich ihn allzu sehr geliebt. Dazu bin ich ihm heut und so lange ich lebe, allzu dankbar und schätze ihn allzu hoch. Ich dränge mich nicht in Ihr Vertrauen, mein Fräulein, ich weiß wohl, daß ich ein solches, gerade von Ihnen, kaum verdiene. Aber das eine glauben Sie mir – lassen Sie mich ein gutes Werk tun zum Schluß meines Lebens! Lassen Sie mich Frieden und Glück zwischen ihm und den Seinen sehen! – Glauben Sie mir, was auch bei, in ihrem Haß oder Zorn Verblendeten wider ihn sprechen möchte, – er ist nie Ihrer und der Seinen Liebe unwürdig gewesen. Denn seit er sich klar geworden, hat sein Herz nur noch von einer Liebe und von einer Treue gewußt.«

Blanka erhob die von schweren Tränen wie geblendeten Augen zu der Kranken. »Ich habe ihm nie gezürnt – ich habe ihn nie verkannt – ich habe ihn immer – immer lieb behalten!« flüsterte sie kaum verständlich.

»So erhalten und zeigen Sie es ihm auch, daß er sich daran wieder stärkt und aufrichtet!« sagte Klara voll Innigkeit und drückte fest die ihr dargebotene Mädchenhand.

Die Trennung geschah in sonniger Klarheit, draußen auf der Straße vor den Pferdchen, denen die beiden Kleinen immer noch einmal Ade sagen wollten.

»Glaub' es nur, Großmama,« sprach Blanka nach ihrer Rückkehr bewegt, »mehr Mitleid, mehr Teilnahme, mehr Vertrauen verdient niemand von uns, als diese Frau, und mag sie auch gefehlt haben, was es sei – ihr Herz hat es sicher nicht verschuldet, sondern traurige Verhältnisse und die Härte der Menschen. Man muß Erbarmen haben. Lange braucht sie's ohnedies nicht mehr!«

Diese Befürchtung Blankas fand nur allzu bald ihre volle Bestätigung. Am nächsten Morgen, als man im Gartensaale beim Frühstück saß, brachte Matthies die Nachricht, daß Frau Stephani von ihrer Jungfer tot im Bette gefunden worden sei, der Arzt habe von einem Herzschlage gesprochen. »Ich bin auch schon auf dem Pfarrhofe gewesen,« fügte der Berichtende hinzu »und habe die Anzeige gemacht. Und schließlich fragte er noch, ob Renate nicht hinüber dürfe? Die Jungfer wisse sich nicht zu helfen mit den Kinderchen –«.

»Das versteht sich von selbst,« entschied Frau von Gunsleben sogleich, »rufen Sie Renate her, Matthies, daß ich das Nötige mit ihr bereden kann, und bestellen Sie auch den Wagen. Und ich denke,« wandte sie sich gegen die tief ergriffene Blanka, – »du fährst ebenfalls hinüber – nimm Marie mit! – und holt uns die armen kleinen Kinder.«

Das junge Mädchen sprang augenblicklich auf, küßte die Sprechende zärtlich, »danke, danke, Großmama!« und eilte aus dem Zimmer.

Frau Hildegard, die das Bisherige mit kalter Gleichgültigkeit vernommen hatte, zuckte die Achseln und wandte sich gleichfalls der Tür zu. Doch da klopfte es, und es kam der alte Diener Karl mit einer Depesche herein; sie war von Viktoria. Das bewog die augenscheinlich wieder einmal auf das höchste Empörte zu bleiben. So erfuhr sie unmittelbar etwas, was sie sehr betraf. Die Depesche besagte nämlich, daß es Viktoria gelungen war, Onkel Moritz und Alfred zu sich zu nehmen; beide befänden sich in keineswegs ungefährlichem Zustande. Der Oberstleutnant habe anscheinend ein starkes nervöses Fieber, und Alfreds Wunde sei heimtückisch. »Kommt Tante Hildegard?« lautete der Schluß.

»Also, wie ist's, Frau Tochter?« fragte der ›Junker‹ aufsehend. »Wann wollen Sie abreisen?«

Sie war, nachdem sie sich bei den ersten Sätzen fast fassungslos gesetzt hatte, alsbald aufgebracht aufgestanden und zum Fenster getreten. Nun wandte sie sich um und versetzte voll Kälte: »Ich weiß wirklich nicht, lieber Vater – Moritz ist ja in guten Händen, und das Haus dort dürfte doch allzu voll werden –!«

Seine Brauen zogen sich zusammen, doch sagte er nichts, sondern stand auf und verließ das Gemach. Nach kurzer Zeit kam er indessen wieder herein und trat in die Gartentür, schaute gleichsam prüfend in den schönen, aber kühlen Morgen hinaus und sagte dann, zu Hildegard zurückblickend, die bereits den Schal wieder um die Schultern gezogen hatte, mit einer gewissen unverfänglichen Trockenheit: »Sie wollen, scheint's, Ihren gewöhnlichen Gang machen, Frau Tochter? Na, da begleite ich Sie ein wenig.«

Sie schaute, sichtbar überrascht, auf. »Sehr freundlich von Ihnen, lieber Vater!« gab sie zur Antwort und trat, den Schal fester um sich ziehend, an ihm vorüber, die Stufen hinab und in den Garten hinaus. Da gingen sie im Steige langsam weiter. Die Zurückbleibenden sahen dem Paare eine ganze Weile schweigend nach. Endlich meinte Luise, die ›Drakenhöferin‹, fast ängstlich: »Ach Gott, wenn der Vater nur nicht zu streng und Hildegard ein wenig vorsichtig wäre!«

»Das kommt, wie sie es herausgefordert hat,« bemerkte ihr Mann kalt, »ich habe des Vaters Geduld in diesen Tagen mehr als einmal bewundert. Sie muß einmal zur Besinnung kommen.«

Detlef von Gunsleben schritt inzwischen mit seiner, man durfte wohl sagen, unfreiwilligen Begleiterin, in dem gleich anfangs eingeschlagenen Steige weiter und schien nichts weniger als eine Unterhaltung im Sinne zu haben, wie die Seinen drinnen sie erwarteten und zum Teil befürchteten. Er sah sich im bequemen Hinschlendern nach den Beeten um, wo die letzten Herbstblumen in den kalten Nächten bereits Not gelitten hatten; er schaute zu einem Baume hinauf, dessen Laub schon gelb zu werden und zu fallen begann; er ärgerte sich über einen aufragenden dürren Zweig und meinte, den fortzuschaffen sollte der Gärtner trotz seiner übrigen Geschäfte doch wohl Zeit gefunden haben, und die Steige könnten auch sauberer sein. Kurz, es schien nur ein Inspektionsgang zu sein, – er mochte freilich schon seit mehreren Tagen nicht mehr in diese Gartenbezirke hineingekommen sein, da sie ja wohl auch eigentlich in den Arbeitsbereich seiner Frau gehörten und er hier draußen zu Menkendorf nur selten das machte, was man als einen einfachen Spaziergang hätte bezeichnen dürfen. Von der Einsilbigkeit seiner Begleiterin, die vordem, wo es einmal zu einem ähnlichen Gange gekommen war, meistens um vieles teilnehmender gewesen, schien er nichts zu merken oder keine Kenntnis zu nehmen. Erst als sie die offeneren Teile verlassen hatten und schon eine Weile zwischen den Gebüschen hingegangen waren, sagte er, doch nur in seinem gewöhnlichen Ton: »Meine Frau und ich und auch die Übrigen haben gemerkt, daß Sie sich diesmal zu Menkendorf sündhaft langweilen. Da ist es doch eigentlich verwunderlich, daß Sie die Gelegenheit zur Abreise nicht mit beiden Händen ergreifen, Frau Tochter?«

Sie mußte sich von diesen Worten auf das unangenehmste getroffen fühlen, denn in der kalten, hochmütigen Miene, die sie bisher gewahrt hatte, zuckte es auffällig scharf, und die Lippen zitterten sichtbar, obgleich sie sie fest zusammenpreßte. Nach zwei, drei Schritten erhob sie aber die Augen zu ihm und versetzte gesucht kühl: »Sie haben unsere Anwesenheit über die Dauer des Feldzugs einmal, allerdings nur gesprächsweise, für selbstverständlich erklärt, Vater.«

»Gewiß!« entgegnete er kaltblütig, »denn wir nahmen an, daß Sie während solcher Zeit lieber mit den Ihren zusammen als allein bleiben würden. Eine Verwundung oder Krankheit Ihres Mannes, sowie sein Lager in erreichbarer Ferne war dabei aber nicht in Rechnung genommen.«

»Sie wünschen also unsere Abreise, Vater?«

»Sie scheint mir das Richtigste zu sein,« gab er noch immer gleich trocken zur Antwort. »Sie schlagen dabei, wie wir groben Menschen das heißen, zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie langweilen sich nicht länger zum reinen Überfluß und erfüllen Ihre Pflicht gegen Ihren Gatten.«

»Es ist nicht unsere Schuld, daß man uns einen Ort aufdrängen will, wo wir uns nun einmal nicht an unserem Platze fühlen!«

Da blieb er stehen und wandte sich langsam gegen sie in seiner ganzen Breite. In seine Züge kam eine gewisse Bewegung, und sein Blick wurde belebter, – »der ›Junker‹ steigt,« hieß man das wohl unter den Leuten. Und nun verlor auch seine Stimme den gleichmütigen Klang: »Ja freilich, das ist eure Hauptkunst, eurer kleinen Tugend die Sünde eines andern als Hintergrund zu geben, daß man sie um Gottes willen auch nur sehen und bewundern soll –«

»Es tut mir leid, Herr Vater, daß unsere Anschauung –«

»Lassen Sie das ›unsere‹ fort, es trifft nicht zu. Ich weiß zwar, daß mein Moritz sich eine Zeitlang in allerhand Grimassen gefiel, – das hat ihm denn auch eine Belehrung vom Magister eingetragen – doch heute, da draußen im Felde, steht er wieder ganz bei mir; wär's nicht so, wär' er auch draußen nicht der, der er doch ist: ein Ganzer!«

»Erlauben Sie mir, mein Herr Vater, daß ich Sie daran erinnere, daß Sie über meinen Gatten sprechen –«

»Der zunächst mein Sohn ist. Wir Gunslebens verlangen von unseren Kindern unverbrüchlichen Gehorsam, unverbrüchliche Achtung vor unseren Entscheidungen bis zum Tode der Eltern. Und weil wir das verlangen, müssen wir doch wohl auch den Glauben haben, daß das vernünftig und gesund, Familie, also Volk und somit deutsches Land erhaltend ist. Andernfalls müßten wir allesamt bisher Narren gewesen sein! Und wenn Sie das behaupten wollen und können, dann mögen Sie sich – ob mit Recht bleibe auch da noch dahingestellt – aufspielen wie zuletzt!«

Hildegard war stehen geblieben und stand jetzt wie betäubt. Die sonst gewiß noch schöne Frau sah in diesem Augenblick erschreckend alt aus. »Sie erlauben mir nun wohl, mein Herr Vater,« sagte sie endlich mit einem tiefen Atemzug, »daß ich mich zurückziehe. Ein solches Gespräch habe ich bisher zu Menkendorf für mich nicht befürchten können, wenn ich auch seit einiger Zeit an Abweisungen gewöhnt worden bin –«

»Die nur durch Ihre ungerechtfertigte Einmischung hervorgerufen wurden,« unterbrach er sie hart. »Sie werden, hoffe ich, die Gewogenheit haben, mir noch ein wenig länger zuzuhören: wer wen vor die Klinge fordert, darf vor ihr auch nicht feige davonlaufen, – Sie wissen, daß unsere Enkelin Viktoria im vergangenen Sommer nicht um unsertwillen zurücktrat und heimkehrte, sondern weil sie es nicht zugeben wollte, daß der Mann um ihretwillen mit seiner gesamten Familie und, wie 's schien, auch mit seiner Zukunft brach. Wissen Sie, wie ich das unter solchen Umständen heiße? – Nobel oder gut deutsch: anständig, mein Kind, und der Vorwurf, den wir Viktoria zu machen haben, ist, daß sie nie zu uns so darüber sprach. Es wäre für sie und uns besser gewesen. Sie hat dann einen harten Winter gehabt. Da ist sie denn zuletzt, als sie den Mann in voller Freiheit und Ehrenhaftigkeit, und alle früheren Hindernisse verschwunden sah, und den einzigen Halt, den sie hier besaß, verlieren zu müssen glaubte, in der Verzweiflung davongegangen, – ein Fehltritt, den wir nicht entschuldigen, aber durch die Verhältnisse erklärt finden und zu verzeihen vermögen, wo er mit so viel gutem Willen und solcher Herzenstreue wieder gut gemacht wird. – Aber ich weiß nicht, wozu ich in dieser Weise weiterreden sollte, – Ihre Gründe zur Mißachtung, zum Zorn und Haß, oder auch einmal zur Begünstigung, sind und bleiben eben – Ihre Gründe, die sich unserer Beurteilung entziehen, wenn sie nicht zufällig einmal auch für andere maßgebend werden wollen, – ich nenne beispielshalber nur die unglückliche Frau, die da heut morgen gestorben ist, oder auch Alfred Wehrenberg –«

»Verzeihen Sie die Unterbrechung, mein Herr Vater!« fiel Hildegard da mit sichtbarer Schadenfreude ein. »Sie sprechen diese Gründe schon durch die Zusammenstellung selber so deutlich aus, daß es wohl keiner weiteren Erörterung bedarf. Sie gestatten mir hoffentlich, mir selber mein Urteil zu bilden.«

»Gewiß, Frau Tochter,« entgegnete er wieder mit aller Kälte, »vorausgesetzt natürlich, daß dies Urteil, wie ich wiederhole, nicht beansprucht, auch für andere entscheidend zu sein. In solchem Falle verlangen die andern gleichfalls das Recht einer Prüfung der offenen und geheimen Gründe –«

»Von welchen mir nichts bekannt ist!« schob sie bissig ein.

Er sah sie durchdringend an. »Wirklich nicht, Frau Tochter?« fragte er scharf. »Nun, da sind einige von uns einsichtiger.«

Sie begegnete seinem Blick nicht ganz mit der zuletzt wiedergewonnenen Entschlossenheit, und in ihr blasses Gesicht stieg eine leichte Röte. Trotzdem sagte sie jedoch mit unvermindertem Trotz: »Sie würden mir eine Gefälligkeit erweisen, wenn –«

»Wenn ich Ihnen nun einen solchen geheimen und zwar den hauptsächlichsten Beweggrund Ihrer Feindschaft nennte?« unterbrach er sie mit schneidender Schärfe. »Möchten Sie das wirklich, Hildegard?« Und da sie die Augen niederschlug und die Röte in ihrem Gesicht eine immer dunklere wurde, so setzte er nach einer kurzen Pause gedämpft, aber beinah verächtlich hinzu: »Es waren nicht alle so blind, Frau Tochter, wie gottlob der Betreffende selber geblieben zu sein scheint. Und damit wollen wir die Sache als ein halb kindisches, halb gewissenloses Spiel auf sich beruhen lassen, auf daß sie durch das Aussprechen nicht am Ende noch nachträglich gefährlich und unverzeihlich werde. Und nun kann ich wohl über alles Weitere rascher fortgehen. Ich will Ihnen nämlich nur noch sagen: Sie und sogar auch Ihre Tochter haben sich in diesen Wochen gegen Ihre Schwiegermutter und die Kleine, gegen Silbergs und auch hin und wieder gegen mich eines Tones und einer Weise befleißigt, die sich nicht befremdender, nicht unhöflicher, nicht herzloser denken lassen!«

»Ich hoffe, Rosas Unwohlsein wird sich nicht verschlimmern und uns in einigen Tagen, vielleicht schon morgen, freigeben.«

»Wie Sie wollen, mein Kind,« entgegnete er trocken. »Aber wie gerufen, Rosa! – Sie halten mit Recht streng auf Takt und Anstand, Frau Tochter. Ich muß daher voraussetzen, daß Sie es nicht wußten, geschweige denn Ihre Zustimmung dazu gaben, wenn Ihre Tochter, unsere Enkelin, in den vergangenen Wochen, wie es fast scheint, nicht allzu selten und zu ungewöhnlichen Stunden hier im Park mit dem jüngeren Korzin zusammentraf und –«

»Das erkläre ich für eine nichtswürdige –«

»Was?« fiel er stolz ein, da sie, wie vor dem beabsichtigten Wort selber erschreckend, jäh abbrach. »Für eine Verleumdung, meinen Sie? Schon daß ich Ihnen die Tatsache mitteile, beweist Ihnen das Gegenteil. Ich könnte Ihnen die Leute nennen, die das Paar gesehen haben, aber wozu? Mein Glaube genügt. Ich spreche nur die Warnung aus, daß Sie aus der Sache nicht irgendeinen Skandal erwachsen lassen. Solche Vergnügungen gefallen mir hier zu Menkendorf nicht, und ich möchte nicht dahin kommen, selber mit dem taktlosen Dämchen ein ernstes Wort sprechen zu müssen. Was Sie von dem Baron August Korzin denken, geht mich nichts an. Jedenfalls gilt er als verlobt. – Damit genug, Frau Tochter. Guten Tag!«

Die Auseinandersetzung führte indessen zu nichts anderem, als daß sie nun erst recht nicht zu ihrem kranken Gatten fuhr und trotzig und verhärtet in die Stadt zurückkehrte, während der ›Drakenhöfer‹ mit seiner Gattin freudig zu der Reise aufbrach, die der Vater ihm anbefohlen hatte. »Eines verloren, anderes gewonnen,« meinte der ›Junker‹ zum Abschied, »grüßt mir vieltausendmal meine neue, alte Viktoria!«

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