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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 43
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Zweiundvierzigstes Kapitel

Die alte Kustodie

Sie trägt ihren Namen mit vollem Recht. Es ist ein düsterer und unregelmäßiger Bau, ein Stück verkommenes Mittelalter, und hat, gleichviel, was jeweils auch seine Bestimmung gewesen, niemals einer besondern Aufmerksamkeit der Baubehörden sich zu rühmen gehabt. Es ist ein eigen Ding um solche alten Häuser: sie stehen anscheinend noch ganz trotzig da und halten es, wenn man sie in Frieden läßt, auch meistens noch Gott weiß wie lange aus. Fängt man aber einmal mit Änderungen oder dergleichen an, so hat aller Trotz gewöhnlich ein Ende und sie poltern einem möglicherweise mit einem Male über dem Kopf zusammen. Wer hätte hier nun eine solche Gefährdung des schätzungswerten Lebens der zahlreichen freien und noch mehr unfreien Insassen verantworten mögen? Item, es blieb, wie es war. Und man fand auch, daß es genügte. Ganz große Halunken gediehen in diesem Ländchen nicht recht und für die anderen war das Gemäuer immer noch sicher genug. Gegenwärtig allerdings beherbergte es zwei schon etwas bedenklichere Muster: Peter Ahrens und Jan Lörnsen.

Von Lärm war in der Gegend der alten Kustodie für gewöhnlich wenig die Rede – es gab hier weder Schenken noch Herbergen – und zumal die Nächte vergingen in tiefer Stille. Am heutigen Abend ließ sich dies noch besser bemerken als sonst. Wenn der Posten vor dem großen Tor nicht auf seine eigenen Schritte horchte oder auf den Regen lauschte, der, vom Winde vorübergeweht, an die Scheiben oder Läden der Fenster schlug und aus den Dachrinnen hervorrauschte, so konnte er lange aufpassen, bis er wieder irgendeinen Laut vernahm oder gar eine Gestalt erblickte. Denn wer's nicht nötig hatte, trieb sich heut sicher nicht auf der Straße umher. Noch stiller war es in dem alten Kasten selbst und auf der an die Stadtmauer stoßenden fensterlosen Hinterseite der Kustodie verriet sich überhaupt kein Leben.

Trotz dieser lautlosen, für jede Ungehörigkeit verräterischen Stille begab es sich, daß, als die Gefängnisuhr eben halb elf geschlagen hatte, in dem nördlichen Flügel und im oberen Flur, allerdings mit dem denkbar geringsten Geräusch, eine Zellentür aufging und eine Gestalt mit unhörbaren Schritten durch den Gang glitt, der von den Lampen an seinen Enden kaum zu einer Art von Dämmerung erhellt wurde. Ja, auf zwei oder drei Stellen, wo er von einem Vorsprung gebrochen wurde, zeigte er sich ganz dunkel, und auf einem solchen Platz verschwand die Gestalt, um nach ein paar Minuten mit einer anderen, die ihr nicht weniger vorsichtig folgte, zurückzukehren. Nach einer Weile hätte ein Beobachter, der freilich kein Wächter hätte sein dürfen, im untern Stockwerk etwas Ähnliches gewahren können, auch hier glitten zwei Gestalten lautlos wie Schatten die Wände entlang, und wäre er obendrein Zeuge des Vorausgegangenen gewesen, so hätte er erkannt, daß es dieselben Gestalten waren. Erstaunlich, wenn er mit der Einrichtung und Ordnung des Hauses vertraut gewesen, hätte ihm freilich die Tatsache vorkommen müssen, daß die Zwei nirgendwo ein Hemmnis fanden, die Türen und Gitter öffneten sich sämtlich durch bloßes Drücken; kein Dietrich, kein Schlüssel, kein Brecheisen wurde verwandt. Und wenn es nun dem Beobachter möglich gewesen wäre, auch weiterhin die Schritte der beiden zu verfolgen, so hätte er sie also ungehindert bis zur Zelle des Pförtners unten im Erdgeschoß kommen sehen. Hier aber stellte sich ihnen ein und anscheinend unerwartetes Hindernis entgegen. Wohl war die Tür zur Zelle offen, wohl schnarchte der betrunkene Türhüter wie eine Lattensäge, aber der große Torschlüssel hing nicht an der gewohnten Stelle.

»Verdammt! Hat der alte Esel den Schlüssel verlegt oder –?«

»Möglich, möglich, Peter – so oder anders, 's ist ganz einerlei! Sind wir so weit, wird's auch weiter gehen –«

»Wüßte nicht wie, Jan?«

»Aber ich, Peter!«

»Du denkst an die Luke, wodurch du letztlich ausgebrochen –«

»Richtig, Peter! Komm! Komm!«

»Aber die ist doch frisch vergittert –«

»Eben deswegen –«

»Unsinn, Jan, die Zeit ist zu knapp! Du weißt, um elfe –« »Halt's Maul, hab' mir die Arbeit besser beguckt als du –«

Sie huschten davon, in den Flur des ersten Stockwerks zurück.

»Halloh, Jan, das ist ja –«

»– ganz wie ich vermutet! Kostet nur 'n Hupferchen – wer zuerst?«

»Du hast Angst?«

»Narr! Dacht's nur, falls daß unten nicht alles geheuer –«

»Recht, Jan! Du bist 'n Gespindel! Doch mir das Messer! So steh ich, wenn's not tut, gegen Stücker sechs! – Alles klar?«

»Ja!« Ein Schwung, ein steiler Schatten, ein Aufprall, Kollern. Jetzt – ein halb unterdrückter Fluch! Stampfen, Ringen und ein neuer, lauterer Fluch und schließlich das tiefe Stöhnen eines erliegenden Kämpfers. Bei dem ersten Laut schon war auch Jan aus dem Fenster geglitten, und infolge seines leichteren, federhaften Körperbaues fast stehend niedergekommen; doch nun, anstatt seinem Gefährten zu Hilfe zu eilen, ergriff er schlechtweg das Weite. Aber er kam nicht weit; nach fünf oder sechs Sprüngen fühlte er sich gepackt, niedergerissen, gefesselt.

Einige Minuten später stand die ganze Gesellschaft vor dem Inspektor der Kustodie. Er war ganz außer sich über den Vorfall und fuhr in heftigem Zorn auf die Wärter, den Posten, die Ausbrecher, ja selbst auf die Leute ein, deren rechtzeitiges Eingreifen die Flucht doch allein verhindert hatte. Wer sie seien, wie sie daher gekommen, was sie hier zu tun gehabt? Sie dürften nicht fort, bis sie vernommen worden und sich genügend ausgewiesen hätten, schnaubte er sie an und schien nicht übel Lust zu haben, sich auch ihrer zu versichern, wie er es mit den Ausbrechern schon getan hatte. Sie jedoch lachten ihn aus. Sie seien stadtkundige Leute mit Namen Soundso, und wo es Angaben zu machen gebe, stets wiederzufinden. Sie hatten jetzt aber keine zu machen, als daß Peter Jansen, der Wirt zu den »St. Jakobsbrüdern«, sie angewiesen habe, heut auf die alte Kustodie zu achten und –«

»Was hat der Mensch Anweisungen zu geben? Er mischt sich auch sonst unberufen ein, hör' ich. Man wird ihm das Handwerk legen müssen!« fuhr der Inspektor dazwischen. »Er soll der Polizei oder mir die Anzeige machen. Man wird dann sehen –«

»Na ja, – ja,« unterbrach ihn einer mit offenbarem Hohn, »man wird sehen! Aber frage der Herr ihn nur selber. Kommt, Jungen! Wir sind hier fertig!«

Der Inspektor barst fast vor Wut, schwieg aber und rührte keine Hand gegen die Dreisten, als sie lachend davonpolterten. Statt ihnen zu danken, war er grob gewesen und hatte damit selber jede Gelegenheit aus der Hand gegeben, den mißlichen Vorfall möglicherweise noch zu vertuschen. Daran war jetzt nicht mehr zu denken; die Leute schwiegen voraussichtlich nicht, und es hieß nur noch, durch schleunige Anzeige dem öffentlichen Gerede zuvorzukommen. Die Anzeige erfolgte also ohne Zögerung, und die Untersuchung begann bereits in der nächsten Stunde. Im Innern des Gefängnisses fand sich alles noch unverändert, wie die Ausbrecher es hinter sich gelassen hatten. Die Schlösser waren sämtlich unverletzt, und ebenso die Ketten, in denen die Halunken seit dem letzten Ausbruchsversuch gelegen hatten. Die ausgehobenen Eisenstäbe ergaben das Peinlichste: Sie mußten schon länger locker in der Mauer geruht haben. Daß hier fremde Hilfe im Spiel gewesen, war augenscheinlich. Aber wer hatte sie geleistet?

Unter den Wärtern stand einer, Niedler hieß er, nicht in gutem Ruf. Die Vernehmung der beiden Ausbrecher führte natürlich zu keinem Ergebnis. Nun folgte das Verhör mit den Insassen der Nachbarzellen; dafür kamen Zelle Nummer vier und sechs hinsichtlich Lörnsens, Nummer zwölf und vierzehn hinsichtlich Ahrensens in Betracht. Nummer vier wußte von gar nichts, Nummer sechs behauptete, etwas schwerhörig zu sein; Nummer zwölf aber sagte aus, daß Nummer vierzehn mit Nummer dreizehn, also Ahrens, in Klopfverkehr gewesen sei. Nummer vierzehn war ein alter Mann namens Martin Drews. Der gab jetzt ohne Zögern an, daß Ahrens mit Freunden zu Drömnitz in Verbindung stehe, und zwar durch Vermittlung des Wärters Niedler. Daran schloß sich das Bekenntnis des Wärters. Er hatte vor einigen Tagen einen Brief von einem Kapitän Markus bekommen, der ihn zum Abend in den Gasthof »Zum Kronprinzen« bestellte: er könne ihm Mitteilungen über seinen längst verschollenen Schwestersohn machen. – Der Brief kam Niedler durch den Inspektor zu, und zwar geöffnet. Dieser Umstand machte den Empfänger noch stutziger als der Inhalt des Schreibens: der Kapitän war ihm völlig unbekannt, einen Schwestersohn hatte er überhaupt nicht. Er biß nicht an und ging nur neugierhalber am Gasthof vorüber; da sah er aber durch ein Fenster des Speisesaals den Inspektor wie wartend an einem Tisch sitzen und machte sich davon. – Weiter war aus ihm nichts herauszubringen. Und hiermit schlossen die Entdeckungen und Ergebnisse der Nacht ab. Am Morgen kamen jedoch nicht weniger wichtige hinzu.

Der alte Wirt zu den »St. Jakobsbrüdern« ließ sich zu allen gewünschten Mitteilungen herbei. Daß man von Drömnitz aus an der Befreiung der Gefangenen gearbeitet, konnte er mehrfach belegen und sprach dazu gegen den Untersuchungsrichter zuerst den Namen der Frau von Wildenow aus, die vielleicht um Eugen Altheims willen für die Entfernung des Peter Ahrens gesorgt haben möchte. Sie habe jetzt seit Wochen zu Drömnitz geweilt und in großer Freundschaft mit einer fremden, recht merkwürdigen Familie gelebt. Vor einigen Tagen sei sie mit einem der fremden Herren abgereist. Weiteres: Im »Kronprinzen« war wirklich vor drei Tagen ein angeblicher Kapitän Markus abgestiegen und hatte am ersten Abend einen Gast erwartet, der indessen nicht gekommen war. – Das stimmte also zu Niedlers Aussage. Es war offenbar der gleiche, der mit Christen in den Hafen hinausgefahren war. Eine weitere augenblicklich angestellte Nachforschung ergab, daß jener Kapitän Markus und der Inspektor im »Kronprinzen« nebeneinander zur Nacht gegessen, sich miteinander unterhalten hatten und zugleich fortgegangen waren. Und an diese Nachricht schloß sich jetzt eine noch bedenklichere Mitteilung des Gasthofbesitzers: Der Kapitän war um elf Uhr, anscheinend beinah durchnäßt, von einem Ausgange zurückgekehrt, hatte sich ein Glas Grog geben lassen und befohlen, ihn am nächsten Morgen um vier Uhr zu wecken. Nach diesen Worten entfernte sich ein anderer Gast – es war der Major Grüning von Liepen. Ein paar Minuten darauf kam er von der nahen Hauptwache mit zwei Mann zurück und verhaftete den Kapitän, den er als Baron Korzin anredete. Dem Wirt war Schweigen über den Vorfall empfohlen worden, und er hatte das bis jetzt bewahrt, wo er es auf die gerichtliche Anfrage brechen zu müssen glaubte.

Als man sich auf alle diese verdächtigen Anzeichen hin wieder nach der alten Kustodie und ihrem Inspektor umsehen zu sollen meinte, war dieser verschwunden.

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