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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 41
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Vierzigstes Kapitel

Es wird licht

Silberg hatte nie im Leben ein Geheimnis vor seiner Gattin haben mögen und sich stets bei seinem Vertrauen gut befunden. Und so erfuhr er es auch jetzt. Sie gab seinem Entschlusse, nichts verlauten zu lassen, vollständig recht, ja sie bestärkte ihn selbst darin, daß er das Stillschweigen auch gegen den ›Junker‹ bewahre. »Wir wollen jedenfalls erst ein paar Nächte darüber schlafen!« Und sie beide bekamen alsbald Gelegenheit, ihr Schweigen zu segnen. Schon am dritten Tage darnach wurden sie nach dem Hofe hinüberbeschieden, ein Eilbote hatte eben einen dicken Feldpostbrief gebracht, den man »doch zusammen lesen und genießen« mußte. Die Anschrift war unheimlicherweise von einer fremden Hand geschrieben, aber Blanka hatte sie glücklicherweise sogleich als diejenige des Doktor Busch erkannt und alles atmete auf: die konnte nichts Böses schreiben! Das erste, was aus dem Umschlag fiel, war ein Blatt: »An Hildegard,« mit ein paar kaum leserlichen Bleistiftzeilen. »Liebste! Meine Wunde behindert mich, will sonst aber nichts heißen. Ich will morgen wieder zu reiten versuchen. Seid ohne Sorge, Busch ist bei uns, ein wahrer Engel!« Auch von den übrigen fanden sich nur Zettel mit Grüßen, beruhigenden Worten oder Klagen über das Ausbleiben aller Nachrichten aus der Heimat.

Doktor Busch hatte desto ausführlicher geschrieben:

Meine hochverehrten Freunde und Gönner! Seit unseren letzten Briefen haben wir unruhige Tage ver- und der Himmel weiß was alles erlebt. Als wir am Abend des Achtzehnten nach einem Gewaltmarsch auf das Schlachtfeld kamen, ging der Geschützlärm schon zu Ende und wir gelangten nicht mehr zur »Betätigung«, – was ich trotz aller Begeisterung nicht geradezu bedauern kann. Denn was ich bei unserem Marsch über einzelne Teile des Schlachtfeldes sah, machte mir bei dem Gedanken, daß es unsere brauen Jungen ebenso getroffen haben sollte, das Herz krank. Weil man uns schmeichelhafterweise noch für völlig frisch erklärte, – wir waren bloß 16 Stunden lang marschiert! – wurden wir sogleich weiter beordert, um das Vorland in Augenschein und Pflicht zu nehmen. Es spukt hier allenthalben. In den Städten und Städtchen gehts leidlich, – sie haben einen heillosen Schauder vor uns und machen nach Kräften gute Miene zum bösen Spiel. Aber in den Dörfern trifft man gar keinen Menschen oder ein halb feiges, halb tückisches, nichtsnutziges Gesindel, das nur auf unser Verschwinden wartet, um uns nachzuschleichen und aufzulauern. Am Samstag gegen Abend kamen wir (Herrn von Freibergs Schwadron und ein paar Züge von Wildenow, so daß wir also alle hübsch beieinander waren) in ein sauberes Landstädtchen – Orges heißt das kleine Ding! – und da Mannschaften und Pferde dreiviertel tot waren, verstand sich unser Oberstleutnant endlich dazu, die Nacht über hier zu ruhen. Der Name war mir nicht fremd. Rose Mereau hatte ihn ein paarmal genannt, – sie hatte hier, denk' ich, einen Oheim oder dergleichen. Doch dachte ich nicht weiter darüber nach. Auf den Straßen war es ziemlich lebhaft. Die Leute hatten vielleicht doch allmählich einsehen gelernt, daß sie keine Angst vor uns zu haben brauchten. Bei einem Spaziergang durch die Gassen schloß sich mir sogar ein kleines Mädchen an. Sie guckte mich neugierig an und fragte, ob ich denn auch solch ein grausamer Soldat sei, ich habe doch ein so gutes Gesicht und könne sicher keinem Menschen was zuleide tun. Ich antwortete lustig darauf, und sie sagte wieder etwas, sie schob ihre Hand in die meine und ging neben mir, immer plaudernd, so daß ich ganz stolz auf meine Eroberung wurde. Mit einem Male fühlte ich aber ein kleines Papier in meiner Hand, und gleich darauf machte das hübsche Kind sich los und sprang davon. Als ich im Quartier – früher wagte ich's nicht – das Papierchen ansah, stand darauf nichts als der Name einer Straße und eine Hausnummer, so daß ich ganz verblüfft darein sah. Aber die anderen meinten, das sei ja völlig genug, hingehen müsse ich; in Feindesland gelte jeder Vorteil und dergleichen mehr. Und somit ergab ich mich denn, sah mich draußen um und fand das Haus nach wenig Schritten in der gleichen Straße. An einem Erdgeschoßfenster stand Rose Mereau und guckte mich kalt und fremd an. Ich ließ mich indessen dadurch nicht abschrecken, sondern ging und kam wieder mit Alfred, trat ein und meldete mich kurzweg zu Gast für die Nacht an. Man, das heißt, der alte Herr und seine ebenso bejahrte Frau, nahmen mich höflich auf. Mademoiselle aber blieb kalt und stumm in Ferne, bis sie einmal nahe an mir vorüberging und mir zuflüsterte: »Wir kennen uns nicht. Ich sehe Sie heut nacht.« Ich muß mich indessen kurz fassen, denn ich habe noch viel zu erzählen. Als im Hause alles still geworden, kam sie wirklich und redete mit mir, überströmend von Dankbarkeit für alles, was man an ihr getan. Und um dies sozusagen durch die Tat zu beweisen, beschwor sie mich, nicht auf die freundlichen Mienen der Bewohner zu vertrauen, sondern lieber auf das Schlimmste gefaßt zu sein. Ein ansehnlicher Haufen Heckenschützen und Freischärler habe erst kurz vor unserer Ankunft die Stadt verlassen und sich in die benachbarten großen Wälder gezogen. Entweder gebe es schon heut nacht einen Überfall oder wir würden sie morgen auf unserem Weitermarsche finden. Sie habe einen Todesschreck bekommen, da sie beim Einzuge den Oberstleutnant und andere und endlich gar auch mich erkannt und sogleich sich zu einer Warnung entschlossen, – unter Beobachtung aller Vorsicht. Denn sie sei, wenn man ihren Verrat entdecke, des Lebens nicht sicher. Sie können denken, daß ich dankbar war. Die Nacht verging indessen ruhig, und wir brachen auf. Zehn Minuten vor der Stadt aber, wo die Gegend buschig und ekelhaft hügelig wird, bekamen wir schon Feuer, und der Angriff wurde so ungestüm und allseitig, daß wir nur dadurch einer tüchtigen Schlappe entgingen, daß glücklicherweise eine der erwarteten Seitenhuten gerade eintraf und den Kerlen in den Rücken kam. Da wurden wir ihrer Meister, zersprengten sie und jagten sie mit den schwersten Verlusten zurück. Leider ist es auch für uns nicht ohne solche abgegangen. Der erste Angriff kostete uns mehr als ein Dutzend Leute und Pferde, und als es danach auf dem freieren Gelände zum entscheidenden Anreiten kam, folgten noch empfindlichere. Die Bluthunde schienen unsere Offiziere sich ordentlich auszusuchen, – es blieb fast nicht einer unverwundet. Die Wunden sind indessen meistens nur leicht. Der brave Freiberg wurde von einem der ersten Schüsse durch den Kopf getroffen und starb auf dem Krankenwagen. Den Oberstleutnant traf beinah zugleich eine Kugel, aber glücklicher: ein Streifschuß am rechten Arm und der Brust. Er behielt die Befehlgewalt bis in die Stadt, wo dann endlich der ziemlich starke Blutverlust ihn zum Nachgeben zwang. Wenn er sich ein bißchen schonen will, kann er in einigen Tagen wieder dienstfähig sein. Willi und Robert haben fast die gleichen Treffer, der eine am linken, der andere am rechten Oberarm, beide reine Fleischwunden, ohne Knochenverletzungen, unbequem, aber im Grunde ein Quark. Dagegen ist es mit Alfred nicht ganz so unbedeutend: er hat einen äußerst schmerzhaften Schuß am rechten Bein, zwischen Wade und Kniekehle, und dazu das linke Bein durch den Sturz seines Pferdes stark gequetscht. Doch wird's hoffentlich auch mit ihm nicht viel mehr zu sagen haben als mit den übrigen. Bei dem nichtswürdigen Gelände war's für uns selbstverständlich, den weiteren Vormarsch vorderhand aufzugeben. Wir setzten uns daher bis zum Eintreffen von Fußtruppen die denn auch am Montagabend anlangten und die Säuberung der Umgegend vornahmen, in dem Städtchen fest, begruben unsere Toten und pflegten unsere Verwundeten so gut es gehen wollte. Von Mademoiselle Mereau habe ich nichts mehr zu sehen bekommen. Gestern abend, wie schon gesagt, langten wir hier in Ch. an und sitzen nun wie in Abrahams Schoß, – auf wie lange, daß ist allerdings eine andere Frage. Es scheint sich wieder eine große Schlacht vorzubereiten. Also, – doch halt zum Schluß noch rasch etwas und für Sie vielleicht sehr Wichtiges! – Der Ulan Wilhelm Balz aus Renken mit einem bösen Schuß im Schultergelenk, hat heut morgen, als ich ihm den neuen Verband angelegt, eine Unterredung mit mir verlangt und mir folgende Mitteilung gemacht: Da ich mit den Menkendorfern in gutem Einvernehmen zu stehen scheine, so solle ich sie und besonders den Herrn ›Junker‹ und den Müller – heißt er Clarmann? – warnen. Man habe zu Renken einen unbändigen Grimm auf sie von wegen der Störung der Schmuggelgeschäfte, und wo man ihnen einen Verdruß oder noch Schlimmeres bereiten könne, werde es daran nicht fehlen. Die Schlimmsten säßen ja freilich im Loch, sein Großvater – Ihr Statthalter, denk' ich! – Peter Ahrens und ein Däne, namens Jan Lörnsen. Aber für diese beiden sei kein Gefängnis fest genug. Und dann sei das Unheil da, – er wolle, da er doch einmal sterben müsse, hiermit auch nur als Mitwisser nichts mehr zu tun haben. Der Müller habe schon seit des Willmanns Tode sich vom Geschäft zurückgezogen und den übrigen die Freundschaft aufgekündigt, auch habe Clarmann einen dritten, den Gottlieb Kraus, verraten, – wo der stecke, wisse er nicht, aber der werd' es womöglich auch nicht an sich fehlen lassen. (Darüber könnt ich ihn nun allerdings beruhigen.) Auch über die Ermordung des Willmanns könne er Angaben machen: Jener vielgenannte Ahrens habe allerdings damit zu tun und wisse alles. Er habe von seiner, des Erzählers, Schwester einen Brief, wie vom Herrn Magister, an Willmanns schreiben lassen, den er, der Balz, selber zur Poststelle getragen habe. Nachricht über den Aufenthalt des Willmanns sei auch gekommen, und in der Nacht vor dem Morde habe ein Mensch von Grünau die Nachricht gebracht, daß Willmanns vermutlich mit einem Boot von Wiel kommen werde. Da sei er, mein Ulan, sogleich fort, und habe Ahrens, der bei seinem Großvater steckte, morgens die Nachricht gebracht. Ein vornehmer Herr habe im ganzen seine Hand dazwischen, womit aber Ahrens immer sehr geheimnisvoll getan habe. Hernach habe er sich freilich einmal bitter beklagt, daß der Herr ein geiziger Schuft sei und daß er's ihm heimzahlen werde, denn er habe ihn in der Hand. – Für den Notfall würden ich und mein Gehilfe die richtige Wiederholung der Aussage beschwören können. So, ich will schließen. Und nun leben Sie insgesamt Wohl und lassen uns bald gute Nachrichten haben. Immer in Dankbarkeit der Ihrige – Leopold Busch.

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