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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 40
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
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Neununddreißigstes Kapitel

Abfuhr

Dem glänzenden Anfang des Krieges folgte ein ebenso glanzvoller Fortgang. Zu der Wörther Schlacht gesellte sich die zuerst fast übersehene, schier beispiellos tollkühne Erstürmung der Spicherer Höhen. Der Vormarsch setzte sich ohne nennenswerte Unterbrechung fort und so brachte jeder Tag begeisternde Botschaft ins Hinterland und jeder Bericht machte das Bild des wankenden Feindes klarer. Allein die Berichte ließen auch immer mehr und mehr die Opfer erkennen, wodurch die Erfolge errungen worden waren und es überkam das gesamte Deutschland zeitweilig eine Art von Frösteln. Letztlich hob aber doch die Begeisterung immer wieder die Gemüter über alle Sorgen und Leiden, ja selbst über die Mißlichkeiten des Alltags hinaus. Wie allerwärts, so auch in Menkendorf.

Die Mühlengebäude lagen in Schutt und Asche, wohl nur ein kleines, aber immerhin deutliches Gleichnis für die riesige Spur des blutroten Sturmgewölkes, das fern von hier über nicht minder gesegnete Fluren fegte. Hatte mit dem Zusammensinken der Flammen schon anscheinend die Erbitterung und Aufgeregtheit der Leute sich zu legen begonnen, so tat wohl auch noch das Sinnbildliche der Unglücksstätte ein weiteres hinzu; aber das letzte daran bewirkte doch nur das väterliche Herz des ›Junker‹, das den Geschädigten weit über alle Verpflichtungen hinaus Hilfe verhieß. Dennoch war es klug gewesen, den Anstifter des Unheils erst nach Einbruch der Nacht davonzuschaffen, wie auch, ihn bis dahin unauffällig gefangen zu halten, Maßnahmen, denen Matthiesen überdies auf das beste vorgegriffen hatte, indem er nicht im Bootshafen, sondern in einem versumpften Ufereinschnitt an Land gegangen war.

Der Besuch der Barone war nicht ausgeblieben; er hatte indessen zu nichts Schlimmeren geführt, als daß er mit einer zuverlässigen Regelmäßigkeit sich immer wiederholte. Ob und inwieweit der Entschluß Hildegards, bis zum Herbst hinein mit ihrer Tochter in Menkendorf zu bleiben, davon berührt worden war, das mußte bei der gewandten Art dieser Frau freilich unentschieden bleiben, dagegen durfte es als einigermaßen sicher gelten, daß sie es war, die die kleinen Einrichtungen des ›Junker‹ gegen ein allzunahes Aneinanderkommen mit den neuen Bekannten, stets vereitelte oder unwirksam machte. Doch wer sie so sah, wie sie aufatmete, ja auflebte in dieser Gesellschaft, der mochte ihr jene harmlosen Listen nicht einmal verdenken; und neusterdings, wo es wieder den Anschein einer Feldpoststockung hatte, um so weniger, als Baron Charles wirklich der einzige war, der sie in der ihr gewohnten Art zu trösten wußte.

»Seien Sie ganz ruhig, meine gnädige Frau,« sagte er lächelnd zu der täglich Ungeduldigen, »es steht bei den Ihrigen sicher alles gut. Schlechte Nachrichten kommen schneller als die guten.« Und derlei Sprüche mehr.

Allein bald versagte auch seine Kunst; denn es kamen die Tage, wo das große Schweigen brach. Und da flogen böse Nachrichten durch Deutschland und neben ihnen her und ihnen nach schlichen noch bösere Gerüchte. Bei Metz war geschlagen worden, am Vierzehnten, am Sechzehnten, am Achtzehnten, hier bei Courcelles, dort bei Marslatour und Vionville, bei Gravelotte oder wie die Namen sonst lauteten. Und Siege waren es ja auch wohl gewesen, denn die große französische Armee war nicht durchgedrungen, sondern zurückgeworfen und eingekreist. Aber es klang durch die Depeschen ein gewisses Etwas hin, das Stolz und Freude nicht recht aufkommen ließ, – nicht die frische, frohe, kühne Offenheit der ersten Siegesrufe, sondern ein unheimliches, schier finsteres Zögern und Zurückhalten, als ob man Angst habe vor der vollen, nackten Wahrheit.

In diesen Tagen erfuhr man endlich auch die Haltung der feindlichen Flotte. Bei Helgoland stand sie zuhauf, doch auch in der Ostsee gewichtig, und an der dänischen Küste und selbst auf der Höhe von Kiel hatte man ihre Ausschwärmer erblickt. Es gab daher hier an unserer Küste keine Überraschung, als der Golm heute meldete, daß man in der ersten Frühe den Feind an der nördlichen Kimme aufgefunden und ihn jetzt schon voll im Gesicht habe: fünf schwere Schiffe und ein paar kleinere. Die Nachricht eilte weiter und alles bezog seine Posten. Zu Drömnitz versammelte sich die Gesellschaft auf der Grafenhöhe und richtete alle Gläser in die Ferne –. Umsonst; bis endlich Baron August mit seinem trefflichen Rohr erschien und den Feind sichtbar werden ließ. Doch war das Bild auch hier noch so undeutlich, daß die meisten mehr zu sehen wähnten, als wirklich sahen, und die Annäherung blieb so unmerklich, daß man sich voraussichtlich noch eine lange Zeit gedulden mußte, – eine Forderung, die sich wenig mit der allgemeinen Aufregung vertrug. So wurde der Vorschlag, nach dem Golm hinüber zu fahren, mit allgemeinem Beifall aufgenommen, und man bestürmte den Baron August, als »liebenswürdiger Festordner auch diese Sache in die Hand zu nehmen.« Er lehnte dies wider Erwarten ab. Die Lage der kleinen Insel sei doch allzu offen, und wenn, wie häufig, heut einmal wieder der Wind plötzlich umspränge, könne die Rückfahrt eine schwierige und die Bekanntschaft mit dem Feinde eine nähere werden, als den Neugierigen lieb sein würde. Dagegen wolle er einen anderen Vorschlag machen. Er habe mit seinem Vetter für den heutigen Morgen eine Bootspartie nach Menkendorf verabredet. »Wie wäre es damit?« – Man fand in diesem Vorschlag zwar keinen rechten Ersatz, ergab sich jedoch darein und folgte den beiden Herren zum Strande hinab. Aber da stieß man auf ein peinliches Hindernis. Als die beiden Herren ihr Boot flottmachen wollten, erschien der kommandierende Unteroffizier der Küstenwacht und untersagte die Abfahrt.

»Das finde ich, gelinde gesagt, geradezu – unerträglich!« näselte Baron Charles mit hörbarer Gereiztheit. »Aber was hilft's, es soll ja einmal Krieg sein! Also komm, August, nehmen wir den Weg unter die Füße, denn hinüber will ich.« Damit wandte er sich, mit einem höflichen Gruß an die Gesellschaft, ab und schritt, von seinem Vetter gefolgt, dem Menkendorfer Wege zu. – Die Gesellschaft aber kehrte in ziemlicher Verstimmung langsam auf den Grafenberg zurück, um ihre Beobachtung wieder aufzunehmen.

»Nun, Kamerad, was meinst du dazu?« sagte bald danach zu dem Unteroffizier ein derber, breitschulteriger Geselle im kurzen dunkelblauen Rock, ähnlicher Mütze und hohen Stiefeln, eine kurze, schwere Hiebwaffe an der Seite und ein Gewehr in der Hand. »Schüttelst du noch immer den Kopf, wie meine beiden alten Herren, oder merkst du Mäuse?«

»Ich weiß nicht, Matthies! Wunderlich genug ist das Ding schon, aber – glauben daran kann ich dennoch nicht. Es wäre doch allzu dumm, da vor unseren Augen –«

»Ach was, sieh's doch nur einmal recht, Kamerad. All' diese Torheiten sind ja nichts als Augenverblendung, um uns sicher zu machen. Paß auf heut abend, sag' ich dir, und so lange die Kerle da draußen in Sicht sind! Und ich will's drüben auch tun.« Drauf ging Matthiesen zu dem nahen Gerätschuppen, wo er sein Pferd angebunden hatte, bestieg's und ritt gleichfalls gen Menkendorf hinauf, aber nicht dem Wege, sondern den Uferhöhen entlang, um die See und den Feind hübsch im Auge zu behalten.

Zu Menkendorf war die Aufregung wegen der feindlichen Flotte viel geringer als drüben in Drömnitz. Im Hofhause trafen die zwei Barone nur den alten Diener Karl, der in der Ecke des Flurs seine Bestecke putzte, nun aber, nach der ersten Überraschung über den frühen Besuch schnell in die Liwrei fahrend, die beiden höflich bewillkommnete. – Er wolle sogleich jemand von den Herrschaften aufsuchen, sie seien alle auseinander: der Herr draußen, entweder drunten beim Mühlenbau oder in den Wald hinüber, die gnädige Frau und das Fräulein in der Wirtschaft – »wir fahren heut den letzten Weizen ein!« – Der Herr Magister, hm, der werde wohl noch beim Lindenplatz verweilen, wohin er nach dem Frühstück gegangen, und Frau Hildegard von Gunsleben und das gnädige Fräulein Rose seien vorhin im Garten gewesen –

»So gehen wir dahin,« unterbrach Baron Charles hier die diensteifrige Aufzählung, und dann schlenderten beide weiter in den Garten hinein und durch den Park, wo alles wie ausgestorben war. Erst auf dem Lindenplatz trafen sie die Damen, doch nicht nur die Oberstleutnantsgattin und deren Tochter, sondern auch die Gutsherrin selbst und Baronesse Blanka. Und auch Magister Silberg war da, der den Ankömmlingen schon von weitem zurief: Nur schnell, meine Herren, Sie kommen gerade recht, um eine Abfuhr zu sehen!«

Der Feind befand sich jetzt ungefähr dem kleinen Drömnitzer Hafen gegenüber. Fünf gewaltige Großpanzer in kurzen Zwischenräumen einander folgend, während zwei Kanonenboote gegen die Küste abhielten und bereits so nahestanden, daß man sie voll im Auge hatte und durch das Fernglas sogar die Mannschaft an ihrem Bord zu beobachten imstande war. Der Melder hatte mit dem Admiralschiff Zeichen gewechselt und nun fing der ganze Panzerzug an, ersichtlich mit großer Vorsicht, vorzurücken. Es war immerhin ein Anblick, der Zuschauer mit ernstlicher Sorge erfüllen konnte. Aber auf einmal donnerte vom Golm her ein schwerer Schuß über die See und traf augenscheinlich sein Ziel – das dem Lande am nächsten stehende Kanonenboot – auf das Schlimmste. Man bemerkte einen großen Wirrwarr dort an Bord und die Maschine arbeitete mit aller Kraft rückwärts. Wieder ging ein Zeichen in die Höhe, und auf die Antwort vom Flaggschiff gab die Flottille jeden erneuten Versuch einer weiteren Annäherung auf und entfernte sich zusehends rasch von der bösen Küste.

»Also hab' ich's nicht vorausgesagt? Eine richtige Abfuhr!« brach der alte Pfarrer jetzt das Schweigen der kleinen Zuschauergruppe, worauf eine ebenso unerwartete, als peinliche und für die Damen nicht zuletzt – denn sie erschraken – auch körperlich unbehagliche Entgegnung kam: »Nun, nun, ich meine, man sollte den Tag nicht vor dem Abend loben!« So sehr waren durch das Schauspiel draußen auf der See die Sinne gefesselt gewesen, daß man gar nicht der Schritte gewahr geworden war, die der soeben angekommene Sprecher einer billigen Spruchweisheit verursacht hatte. Es war Baron Mirow. Er belächelte nun verzeihend seine kleine Schäkerei, küßte der Gutsherrin und ihrer Schwiegertochter die Hand, während die übrigen mit der Darbietung von zwei Fingern sich zu begnügen hatten. Er trug heute eine womöglich noch würdevollere Steifheit zur Schau als sonst, und auf dem Rückwege zum Hof hielt er zwischen den Baronen Korzin gemessensten Schrittes die Spitze.

»Na, wenn Detlef den zufällig ankommen gesehen hat, da läßt er sich für's erste noch nicht blicken: die Pastete schmeckt ihm nicht, wie er das heißt!« meinte Silberg, der mit seiner Gattin und Frau Agnes den Schluß bildete, schmunzelnd. »Bin übrigens neugierig, was den wieder herführt – mitten in der Ernte.«

Als beim Eintritt ins Haus die Damen vorausgingen und die beiden Drömnitzer ihnen folgten, blieb Mirow, anscheinend rein zufällig, bei dem Magister zurück. »Ehrwürden,« sagte er mit kaum noch beherrschter Erregtheit, »ich muß Ihnen etwas anvertrauen. Wäre unser alter bärenhafter Freund hier, ich würd's ihm nicht verbergen. Aber den Damen gegenüber – mir bricht das Herz! – Mein Herr Sohn hat mir geschrieben – von den Hiesigen. Sie haben am Achtzehnten morgens eine Attacke gemacht – der Oberstleutnant ist einer der ersten Gefallenen gewesen – die Führung ist lahm geworden – das Regiment aufgerieben – die Hälfte gefallen, die Hälfte gefangen. Es haben sich kaum hundert Mann flüchten können, unter ihnen keiner von den Angehörigen unserer Freunde. Man ist allgemein außer sich. Seine Majestät haben Allerhöchstselbst geäußert, sie könnten diesen Verlust kaum so sehr beklagen, es sei das erste schlechte Beispiel.«

Der alte Pfarrer hatte diese Mitteilung voll gewaltsamer Fassung schweigend angehört, nur an seinen Wimpern schimmerte es feucht. Bei den letzten Worten jedoch erhob er die Augen zu einem festen Blick auf seinen Begleiter und sprach: »Wenn sich dies alles wirklich bestätigt, Baron, so ist es ein furchtbar harter Schlag für uns alle. Verzeihen Sie mir die Frage: berichtet Ihr Herr Sohn dies als Tatsache oder als Gerücht?«

»Halten Sie das, wie Sie wollen, Herr Magister,« sprach Baron Mirow bemerkbar ungnädig. »Ich dachte es mit dieser Ihrer Benachrichtigung gut zu machen – die Herren Geistlichen haben ja das Amt, das Schwere zu leichtern und Trost zu spenden. Ich habe nicht ausspannen lassen und fahre weiter. Ich will keine Schuld daran haben, wenn das Unglück die Armen hier unvorbereitet trifft!« –

»Na – Gott Lob und Dank!« sagte der ›Junker‹, der, als der Wagen des Barons davongefahren war, hinter der Scheune hervorkam, mit vergnügtem Händereiben, »das ist gnädiger vorübergegangen, als ich befürchtet habe!«

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