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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 39
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
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Achtunddreißigstes Kapitel

Auf frischer Tat

Die Entfernung zwischen dem Lindenplatz und der Mühle beträgt schwerlich mehr als eine Viertelstunde, aber das Gelände dahin ist ziemlich uneben, und ob auch nicht von wirklichem Wald bestanden, doch durch Busch und Strauch und dichte Ginstermassen so stark überwachsen, daß von einem freien Überblick keine Rede sein kann. Dazu endlich liegt die Mühle tief drunten auf der Sohle des schluchtartigen Tales, so daß nur in ganz besonders reinen und stillen Morgenstunden der Rauch ihres Schornsteines wahrnehmbar und so ihre Stelle bezeichnet wird.

In dem Augenblick, als Meister Clarmann seinen erschrockenen Ausruf: »Was ist los?« ausstieß, erhob sich aber dort jäh eine dicht aufquellende Rauchmasse von unheimlich dunkler Färbung und breitete sich sogleich schleierartig über die Höhe und auf die See hinaus.

»Feuer!« rief der ›Junker‹ bestürzt.

»Feuer!« schrie Matthies bebend vor Wut und sprang bereits davon.

Und der Müller brach in ein ingrimmiges Knirschen aus: »Na ja, sagte ich es nicht?, – Jan Lörnsen!« Und indem ebenfalls schon zu laufen anhebend, brüllte er Matthiesen nach: »Du, da zur Kante hinüber. Ich riegle den Weg zum Strande ab!«

Detlef von Gunsleben aber besann sich noch; es war ihm, als hätte er nicht allzufernes Weibergekreisch vernommen. Und in der Tat, er hatte sich nicht getäuscht; auch die andern hörten es nun und das riß den geteilten Lauf besser als der aufdonnernde Befehl: »Zusammenbleiben!« in eine gemeinsame Richtung. So stürzten jetzt alle drei, was die Beine nur vermochten, schnurgerade durch Busch und Strauch dahin und hinab einem Steiglein zu, der etwa in der halben Höhe des Lindenhügels das Gestrüpp durchschnitt, und sahen alsbald ein paar Weiber – es waren Holzsammlerinnen – mit aufgeregter Gebärdigkeit heranhetzen.

»Halt auf – halt auf – da ist er – der Mordbrenner!« schrie das vorderste Weib. Und im gleichen Augenblicke sprang ein Dutzend Schritte vor dem ›Junker‹ eine schmächtige Gestalt über den Pfad, glitt am Müller vorüber, fuhr mit einem Fluch vor dem herankeilenden Matthies zurück und warf sich in die dichteren Gebüschmassen hinein, die den Abhang fast bis zum Strande hinab bedeckten.

»Zu Boot, Matthies, zu Boot! Laß ihn nicht entwischen – ich schicke dir Hilfe!«

»Nicht vonnöten, Herr!« klang es beinah munter zurück, vermischt mit dem Rauschen zusammenschlagender Blattwerkwogen.

Die Gewalt des rotmähnigen Riesen, der sich über das Müllerhaus geworfen hatte, war so groß, daß die Büsche im Umkreis bereits zu glimmen anfingen. »Sehen Euer Gnaden, was soll da noch zu retten sein?« – »Aufrecht bleiben, Clarmann, es sind ja unten genug Leute bei der Hand!« Aber in diesem Zuspruch klang eine dumpfe Sorge mit: der Retterschaft gebrach es gewiß an Wasser, denn der Bach floß infolge der trockenen Woche äußerst spärlich, und der Seestrand war immerhin zu fern. Als der ›Junker‹ – er hatte trotz seiner siebzig Jahre den vorausgeeilten Müller überholt – allein unten ankam, flog ihm zu seiner nicht geringen Bestürzung Blanka entgegen. »Kind, bist du des Teufels? Wie kommst du hierher?« rief er aus und riß sie an sich.

»Laß mich, Großpapa, du bringst mich nicht fort! Hilf um Gottes willen dem armen Vieh – hilf den armen – armen Geschöpfen!«

»Brandprinzeß!« murmelte der Alte und eilte dem Stall zu. Und ihm gelangs, denn wo die Leute jemand wagemutig vor sich sehen, da folgen sie nach, selbst wo sie bis dahin zurückwichen, und ginge es auch in den drohenden Tod hinein. Es ging hart her; das Vieh ist unbändig in seiner Angst vor dem Feuer und setzt den Rettern tollen Widerstand entgegen. Doch wie entschlossen man auch eindrang und wie todverachtend man auch angriff, alles brachte man nicht mehr heraus. Und da der ›Junker‹ mit donnernder Stimme zum Rückzug rief, war's die äußerste Zeit, und als der letzte hervorstürzte, schlug das Dach prasselnd hinter ihm nieder.

Mittlerweile war Matthies dem Flüchtling wacker gefolgt und der Abstand hatte sich zusehends verringert. Doch nun, da er schon glaubte, nach dem Burschen langen zu können, widerfuhr ihm ein Mißgeschick; er brach in ein überdecktes Erdloch ein, stürzte und als er daraus kam, war der Fliehende bereits am Strande unten und in ein Boot gesprungen, das unglücklicherweise nicht einmal festgeschlossen, ja überhaupt fahrtgerecht zu sein schien, denn er stieß, indem er die Riemen aufraffte, ein wahres Teufelsgelächter aus. Wohl war Matthies im nächsten Augenblick gleichfalls unten, allein es war doch schon zu spät. Das Boot hatte schon Fahrwasser unterm Kiel.

»Nur Geduld, – Jan Lörnsen,« schrie Matthies, der jetzt den Mann voll vor sich hatte und erkannte. »Ich kriege dich!«

Wiederum gellte ein wildes Lachen hohnvoll dem anscheinend machtlosen Verfolger zu, der noch vergeblich an der Kette des zweiten, festgeschlossenen Bootes riß. Aber der Lacher hatte sich über Matthiesens Kraft getäuscht. Ein Fußtritt sprengte das Schloß aus dem zersplitternden Holz, und ein zweiter schnellte das Boot in Fahrt. Freilich der Vorsprung war bedeutend, und nun, wo die Fahrzeuge aus dem Schutz der Uferhöhe hinaus und in den Wind kamen, breitete der Flüchtling mit einem einzigen Zuge das nur angelegte große Segel aus und hatte mit einem zweiten Griff auch den Fock stehen, während Matthies auf diesen Vorteil bei seinem fest eingebundenen Tuch vorderhand verzichten und sich so abermals auf das widerwärtigste, gehemmt sehen mußte.

Gerade diesen Zeitpunkt aber hatte der launische Zufall sich zu einem nochmaligen Eingriff ausersehen, und zwar, um den bisher Benachteiligten, der bereits wie – nun ja, – wie ein Seemann eben fluchte, zu versöhnen. Doch um diese neue Wendung besser zu veranschaulichen, müssen wir erst noch vorausschicken, daß der Lindenbucht ein winziges Eiland vorgelagert ist, immerhin groß genug, um die Annäherung eines kleineren Segels von der See her unter Umständen bis zuletzt zu verbergen. Also verhielt es sich auch jetzt, wo wie mit einem Ruck das Nordlandboot der Barone Korzin erschien. Es hatte, wie erinnerlich, heute morgen schon sich hier herumgetrieben und war dann plötzlich seewärts gegangen. Daß es jetzt wiederkam, war allerdings erklärlich genug; man mußte ja auch draußen die ungeheure Rauchentwicklung bemerkt haben und war nun einfach neugierig, deren Ursache zu erkunden. Nicht weniger begreiflich war, daß man scharf auf das erste, eben aus der Bucht treten wollende Boot zuhielt, konnte man doch von seiner Bemannung am ehesten zu der gewünschten Wissenschaft gelangen. Hierin freilich hatte man sich verrechnet. Der Flüchtling, schon allein durch das Erscheinen des flinken Dingelchens in ärgerliche Unruhe versetzt, wurde durch die Anstalten, die es nun traf, noch mehr verwirrt. So machte er das Dümmste, was er tun konnte; statt seine Richtung dreist beizubehalten und sich so einen harmlosen Anschein zu geben, oder statt zu trachten, so schnell als möglich an und mit irgendeiner Lüge vorbeizukommen, versuchte er bald nach der einen, bald nach der anderen Seite auszubrechen. Hatte er damit selbst schon für sein Auffallen gesorgt, so wurde er durch das unausgesetzte Schreien von rückwärts: »Halt auf das Boot!« noch mehr verdächtig. Und wiewohl man hier draußen den Zuruf anfänglich auch nicht verstehen konnte, so erfaßte man doch alsbald seinen Sinn, zumal, da man wahrnahm, wie sehr der Rufer sich anstrengte, das voranliegende Segel zu erreichen. Während nun das Nordlandboot den Finten des plumpen Mühlbootes auf das leichteste, ja fast spielerisch zu begegnen begann und zugleich dessen Bewegungsfreiheit immer mehr und mehr beschränkte, kam Matthies, der sich gleich beim ersten Anzeichen einer Unterstützung voll unter Leinwand gesetzt hatte, so nahe heran, daß sein mächtiger Ruf: »Brandstifter!« deutlich vernehmbar wurde. Jetzt schickte sich der Verfolgte zu einem verzweifelten Unternehmen an, nämlich, das Nordlandboot, in dem er seinen nächsten und deshalb gefährlichsten Gegner sah, über den Haufen zu rennen. Allein er hatte die Geschicklichkeit der beiden Herren doch sehr beträchtlich unterschätzt, denn nicht nur, daß ihm sein Vorhaben nicht im entferntesten gelang, wurde er dabei auch völlig außer Kampf gebracht: man hatte mit einem Bootshaken seine Steuerung beschädigt. Was blieb ihm noch übrig? – Er warf sich plötzlich über Bord und verschwand in den aufspritzenden Wellen wie ein Stein.

»Feiger Hund, das soll dir wenig helfen! Das Salzwasser ist zu ehrlich für dich – es ersäuft dich nicht!« rief Matthies, der indes die beiden Fahrzeuge aufgeholt hatte, zornglühend aus und war mit einem Satz gleichfalls über Bord und ihm nach. –

Zehn Sekunden darauf tauchte er aus dem seichten Wasser, das auf dieser Stelle wenig mehr als Mannstiefe haben mochte, schon wieder auf und zog Lörnsen an den Haaren sich nach. Hatte die Flut den Burschen schon fast erstickt oder der Gegner ihn durch einen Schlag vollends betäubt, er leistete keinerlei Widerstand, sondern ließ sich geschlossenen Auges und fahl wie eine Leiche aus dem Wasser heben und schier wie ein Wickelkind in das Boot legen. Dann schwang der Sieger selber sich nach und fesselte seinen Gefangenen. Dabei stieß er den in schweigendem Staunen ihm zuschauenden Herren vom Nordlandboot einen äußerst kaltblütigen Blick zu. »Na, schönen Dank auch, Herrschaften, und adjes. Ich muß heim, möchte den Schuft noch lebendig ans Land bringen,– übrigens, es mag dort wohl nicht mehr recht geheuer sein, und wenn ich da raten soll, so bleibt einer, der fremd ist, für jetzt besser davon!«

Am Strande hatte sich während dieser rasch einander folgenden Begebenheiten wenig verändert. Der Brand wütete noch mit unverminderter Gewalt. Die Erbitterung gegen den mutmaßlichen Brandstifter, von dem die Leute durch den Müller erfuhren, war ungeheuer, und sie schworen ihm, falls man seiner habhaft würde, eine beispielmäßige Strafe zu. Ihr Grimm wurde noch mehr gesteigert, als sie vernahmen, daß der Mensch ein Däne sei, die Küste schon längst abgespitzelt habe, und wenn er entkäme, der feindlichen Flotte sicher die besten Dienste leisten werde. »Wär' es nur der einzige!« knirschte Clarmann zuletzt, »aber ich weiß noch von ganz anderen Schuften und will mir sie fangen oder verdammt sein! Totschlagen müßte man sie dann und auf dem nächsten Baum an der Küste hängen.«

Dem ›Junker‹ waren diese Reden und Drohungen äußerst unbehaglich. Was sollte daraus werden, wenn Clarmann wirklich die wilde Menge auf die Fremden hetzte, bevor gegen sie eine begründete Anklage erhoben werden konnte; wenn es zu Ausschreitungen kam, die die schlimmsten innenstaatlichen Folgen haben mußten? Die welfische Frage glich ja noch immer einer schwärenden Wunde. – Nun, dieser Sorge wurde der Gutsherr alsbald enthoben. Als er mit seinem alten Freunde im ernstlichen Gespräch darüber zu Rate ging – es war am Abend dieses Tages auf einem Spaziergange in der Richtung gen Drömnitz – kamen ihnen zwei Herren entgegen, in denen Gunsleben sogleich die auffälligen Angler von heute früh zu erkennen glaubte. Und sie waren es wirklich. Es gab sich, daß man in ein kleines Reden geriet, in dessen Verlaufe man einander bekannt und endlich auch zu einem Rückblick auf die Ereignisse des Tages geleitet wurde; Baron August drängte dabei merklich auf ein bestimmtes Ziel, und dieses war offenbar mit dem Namen Matthiesen irgendwie verknüpft, denn er kam immer wieder auf ihn zurück und schließlich sagte er: »Es scheint in der Tat ein Mensch voll Klugheit und Überlegung zu sein, er hat selbst meinen Vetter und mich gewarnt, uns jetzt hier viel zu zeigen. Man habe sicher mißtrauische Augen gegen alle Unbekannten.«

»Und ich glaube, mein Baron, daß ist ein sehr guter Rat!« bemerkte hierzu Detlef von Gunsleben in einem eigenartig trockenen Tonfall, worauf das Geplauder bald in Abschiedswendungen überging, die seitens der Barone mit verschiedenen Handküssen an die bekannten und unbekannten Damen des Hauses und nicht zuletzt auch mit den artigsten Versicherungen ihres baldigen Antrittsbesuches versehen wurden.

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